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7. Januar 2024

Filmjahresrückblick 2023: Die Top Ten

Film as such is dead.
 
(Rámon, Los delincuentes) 

Und so sieht man sich wieder, hier bei Symparanekromenoi. Man sollte eigentlich meinen, wenn man diese Filmjahresrückblicke seit 16 Jahren macht, dass man ein wenig Routine lernt, aber auch im vergangenen Jahr war es mal wieder so, dass erst gegen Ende langsam etwas Tempo reinkam in das Bestreben, sich ausgiebiger dem Film-Portfolio des Jahreskalenders zu widmen. Immerhin wurde dem Blog zeitweise neues Leben eingehaucht, in Form von gleich zwei Filmbesprechungen, die ich zuvor einerseits wegen der inzwischen zu knappen Zeit für das Verfassen der Texte, andererseits wegen der kaum noch nennenswerten Resonanz eingeschläfert hatte. Was mit dem obligatorischen Filmjahresrückblick aber selbst nichts zu tun hat. 

Den will ich auch dieses Jahr wie gehabt dazu nutzen, persönlich auf 2023 zurückzuschauen, aber auch einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Auch für mich war dabei erstaunlich, dass ich mich letztlich neun Mal im Kino wiederfinden sollte – eine Verdreifachung des Vorjahreswertes, wenn auch keineswegs auf dem Niveau von vor der Pandemie (was jedoch nicht so sehr an Corona lag, als an einem Arbeitsplatzwechsel seither). Wo ich das Niveau nicht halten konnte, war bei der Zahl der gesichteten Filme, eben auch, weil ich erst zum Winterbeginn anfing, meine Aufmerksamkeit der Klasse von 2023 zu widmen. So standen am Ende letztlich 140 Filme aus dem vergangenen Jahr zu Buche, die ich sichtete – 15 weniger als in 2022 also.

Die Top Ten der erfolgreichsten Filme 2023 komplettieren vor allem Fortsetzungen.
Den neun Kinobesuchen zum Trotz lockte mich das Kino-Event schlechthin dabei nicht hinterm Ofen hervor: „Barbenheimer“ holte ich – separat – später zuhause nach. Superhelden-Müdigkeit machte sich in 2023 breit, sodass es letztlich Greta Gerwigs Barbie war, der mit einem weltweiten Einspiel von rund 1,4 Milliarden Dollar zum erfolgreichsten Film des Jahres avancierte. Damit konnte sich die Puppen-Verfilmung knapp vor The Super Mario Bros. durchsetzen, der mit einem Einspiel von etwa 1,3 Milliarden Dollar zum Klassenschlager mutierte. Nicht minder überraschend ging der dritte Platz an Christopher Nolans Biopic Oppenheimer, dem am Ende mit 950 Millionen Dollar nicht viel fehlte, um die Milliarden-Grenze zu reißen.

Mit Pixars Elemental außen vor, sind es erneut vor allem Sequels wie Spider-Man: Across the Spider-Verse, die für das Klingeln der Kassen sorgten. Oder auch nicht. Gegenüber 2022 spielten die übrigen sieben erfolgreichsten Filme nämlich in Summe 20 Prozent weniger ein. Guardians of the Galaxy Volume 3 konnte ein desaströses Jahr für Disney noch etwas herausreißen, dass sich die Live-Action-Adaption von The Little Mermaid, Elemental und Ant-Man and the Wasp: Quantumania unter den zehn Kassenmagneten wiederfinden, sollte wie bei Fast X oder Mission: Impossible – Dead Reckoning (der über ein Viertel weniger einbrachte als Fallout) nicht irritieren – sie alle blieben hinter den finanziellen Erwartungen zurück.

Viele Zuschauer suchten den Gang ins Kino aka das Empire of Light.
Die Erwartungen weitestgehend für Fans erfüllen konnte derweil das zweite von drei Abenteuern von Miles Morales in Spider-Man: Across the Spider-Verse, der gegenüber dem Oscarprämierten Vorgänger über 80 Prozent zulegte und bei den Nutzern der Internet Movie Database (IMDb) mit einer Wertung von 8.6/10 den populärsten Film 2023 markiert (Stand: 6. Januar 2024). Ihm folgen zwei weitere von Kinobesuchern geschätzte Beiträge des Jahres: Christopher Nolans episches Trinity-Biopic Oppenheimer, das auf eine Wertung von 8.4/10 kommt und damit der zweitbeliebteste Film des Jahres ist, sowie Tohos Godzilla Minus One auf dem dritten Rang und ebenfalls einer Bewertung von 8.4/10, aber bei weniger Stimmabgaben.

Wo Barbie hier nicht aufs Treppchen steigen konnte, schwang sich die Matel-Verfilmung aber dennoch auf, die weltweiten Kinokassen an sich zu reißen. In den USA und auch in Deutschland zog Barbie die Zuschauer an, derer fast sechs Millionen suchten dabei hierzulande das Kino auf. Auch auf der iberischen Halbinsel war Barbie in Spanien und Portugal der Jahressieger, genauso wie im Vereinigten Königreich und seinen vormaligen Kolonien Australien und Neuseeland, ebenso in Südafrika, Island, Tschechien, Bulgarien, Polen, der Schweiz sowie in Brasilien und in Argentinien. Dagegen reizte Oppenheimer – laut Box Office Mojo – am meisten die Besucher in Schweden, Belgien, Dänemark, Österreich, der Türkei und Saudi-Arabien.

Jahressieger: Fast sechs Millionen Deutsche strömten für Barbie in die Kinosäle.
Das „Barbenheimer“-Phänomen zeigte sich augenscheinlich in Norwegen, Kroatien, Slowenien, Rumänien, Griechenland, Finnland und Ungarn, wo Barbie knapp vor Oppenheimer stand respektive vice versa in den Niederlanden und Slowenien, wo es umgekehrt der Fall war. The Super Mario Bros. wiederum setzte sich in Japan, Frankreich, Israel und der Ukraine sowie in Mittel- und Südamerika (Mexiko, Bolivien, Peru, Ecuador, Uruguay, Chile, Kolumbien, Paraguay, Venezuela) durch, während scheinbar Fast X den ersten Platz in Thailand und Nigeria für sich beanspruchte. Nationales bevorzugten dafür Italien (C’è ancora domani), China (Gu zhu yi zhi), Russland (Cheburashka), Indien (Jawan) sowie Südkorea (Seoul-ui bom).

Zu den sonstigen Gewinnern gehört speziell Greta Gerwig, die mit Barbie den erfolgreichsten Film einer Frau aller Zeiten ablieferte und auch finanziell von den Milliarden-Einnahmen profitieren dürfte. Christopher Nolan holte mit Oppenheimer ebenso das Maximum heraus. Nicht beklagen werden sich vermutlich auch Daniel Kwan und Daniel Scheinert die gleich drei der sieben Oscars für Everything Everywhere All at Once im März abräumten. Dort staubte Brendan Fraser im Rahmen seines Karriere-Comebacks in The Whale ebenfalls einen Oscar ab. Universal wird sich freuen, dieses Jahr das finanziell einträglichste Studio zu sein und somit vor Disney zu stehen, was nicht zuletzt auch auf The Super Mario Bros. zurückzuführen ist.

Beste Darstellerleistungen: Hong Chau, Abby Ryder Fortson, Benoît Magimel.
Was die schauspielerischen Leistungen anbelangt, hat Brendan Fraser sicher eine für sein Talent beachtliche Darbietung in The Whale gebracht, mich selbst beeindruckte jedoch dort Hong Chau in ihrer Nebenrolle deutlich mehr. Auch in Kelly Reichardts Showing Up konnte sie überzeugen, schaute zudem in Wes Andersons Asteroid City vorbei. Stärker als Brendan Fraser blieb mir bei den Männern dafür Benoît Magimel in Erinnerung, der in Albert Serras Pacifiction Anflüge von Gérard Depardieu zeigt, auch in Revoir Paris überzeugte. Bei den Jungdarstellern vermochte Abby Ryder Fortson quasi im Alleingang Kelly Fremon Craigs Are You There God? It’s me, Margaret. zu tragen, womit sie sich gegen Ebla Mari in The Old Oak durchsetzte. 

Namhafte Regisseure lieferten im Vorjahr wieder Werke ab, darunter Steven Spielberg mit The Fabelmans, Miyazaki Hayao mit Kimitachi wa dô ikiru ka [The Boy and the Heron] oder Todd Haynes mit May December. Viele große Regisseure verdingen sich aber nunmehr verstärkt für Streaming-Anbieter, dieses Mal David Fincher (The Killer) für Netflix, das Martin Scorsese an AppleTV+ verlor, wo er Killers of the Flower Moon inszenierte so wie Ridley Scott, der für Apple Napoleon ins Gefecht schickte. Ein Trend, der wohl leider zunehmen dürfte. Wie dem auch sei, Zeit, einen Abschluss zu finden und auf meine persönliche Top Ten für das Jahr 2023 zu sprechen zu kommen (mit dem gesamten Ranking aller 140 Filme wie gehabt auf Letterboxd):


10. L’innocent (Louis Garrel, F 2022): Louis Garrel inszeniert L’innocent [The Innocent] als einen durchaus gewitzt geschriebenen Mix aus Krimi- und Beziehungskomödie, wobei ein Sohn aus Liebe zu seiner Mutter ihrem aktuellen Ehemann bei einem Überfall aushelfen muss. Dabei stiehlt ihm Noémie Merlant immer wieder die Show mit ihrer enthusiastischen Bereitschaft zur Verbrechensausübung in diesem kurzweiligen Heist-Abenteuer. Die Dynamik der drei Hauptfiguren miteinander weiß zu gefallen, auch wenn der Film hier letztlich unnötig in bekannte Muster verfällt.

9.
Monica (Andrea Pallaoro, USA/I 2022): Die Vergangenheit holt die Hauptfigur in Andrea Pallaoros Monica ein, wenn eine Transfrau zurück in ihr Elternhaus kehrt, um bei der Pflege ihrer sterbenskranken Mutter zu helfen. Das Ergebnis ist thematisch dicht, übertüncht auch die nur rudimentär gezeichneten Figuren. Monica gerät dabei überzeugend, weil man viel aus Situationen heraus- respektive hineinlesen kann – oder gar muss. Pallaoro traut dem Publikum dies zu und Patricia Clarkson veredelt dies dem Zuschauer dann mit der fraglos emotionalsten Performance des Jahres.

8.
Pacifiction (Albert Serra, F/ES/D/P 2022): In Pacifiction vermag Albert Serra den Eindruck zu erwecken, dass unheimlich viel passiert, während zugleich augenscheinlich nichts geschieht. Über zweieinhalb Stunden hinweg erzeugt der Regisseur eine Anspannung der lockersten Sorte, wenn eine scheinbar machtlose Figur versucht, auf einer in einem Meer aus Paranoia treibenden Insel (s)eine Daseinsberechtigung einzufordern. Das Ergebnis ist somit eindeutig uneindeutig, während Serra über dieses vermeintliche Paradies faszinierend die subtile Gefahr von totaler Vernichtung wabern lässt.

7. Suzume no Tojimari (Shinkai Makoto, J 2022): Im Gegensatz zu seinen Vorgängern gewichtet Shinkai Makoto in Suzume no Tojimari [Suzume] dieses Mal das Handlungselement deutlich stärker, was dem Film nicht unbedingt immer vollends zum Vorteil gereicht. Er ist eigentlich dann am stärksten, wenn er sich auf die Figuren und ihre Interaktionen fokussieren kann, statt sie buchstäblich Türen traumatischer Erlebnisse schließen zu lassen. Nichtsdestotrotz weiß Shinkai auch hier berührende und humorvolle Momente zu schaffen, wenn eine Waise lernt, auf eigenen Beinen zu stehen.

6. Beurokeo (Kore-eda Hirokazu, ROK 2022): Niemand ist mehr vom Konzept der Familie fasziniert als Kore-eda Hirokazu. Nach La vérité zieht es den Japaner hierfür erneut ins Ausland, diesmal ins Nachbarland Südkorea wo wie in Manbiki kazoku [Shoplifters] in Beurokeo [Broker] nicht miteinander verwandte Figuren zu einem Familienbündnis zusammenschließen lässt. Sie alle eint das Gefühl einer erlebten Abweisung seitens der Gesellschaft; Akzeptanz und Liebe erfahren sie nur von einander. Das Ergebnis ist zwar nicht auf dem Level seines japanischen Œuvres, aber dennoch einnehmend.

5. All These Sons (Joshua Altman/Bing Liu, USA 2021): Aus der Vergangenheit lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten – das ist die Motivation der Charaktere in Joshua Altmans und Bing Lius Dokumentation All These Sons über die Rehabilitation von Gang-Mitgliedern aus Chicago und ihren Versuch, dem Kreislauf von Gewalt und Schießereien zu entkommen. Der Film folgt der Tradition von Steve James’ Meisterwerk The Interrupters, legt den Fokus aber auf die Suche nach Vergebung und Erlösung, die nur möglich erscheinen, wenn sich die Betroffenen selbst auch offen dafür zeigen.

4. Beau Is Afraid (Ari Aster, USA/UK/FIN/CDN 2023): Herrlich absurd fällt in Beau Is Afraid das Unterfangen von Ari Aster aus, die ganze menschliche Existenz mit all ihren Extremen, Bedürfnissen und Sorgen in eine Laufzeit von drei Stunden zu packen. Was hält das Leben einem offen und wie findet man sich in ihm wieder – Fragen, die zu beantworten Joaquin Phoenix’ Figur eigentlich versucht, zu vermeiden. Unterteilt in quasi vier Segmente reüssiert die erste Hälfte des Films dabei mehr als die zweite Hälfte, aber besser als die ersten 40 Minuten kann Kino eigentlich kaum mehr werden.

3. Syk pike (Kristoffer Borgli, N/S/DK/F 2022): Man kann als Zuschauer aus Kristoffer Borglis Syk pike [Sick of Myself] mitnehmen, was man möchte. So vermag der Film einerseits eine beißende Satire auf den gegenwärtigen Gen-Z-Narzismus zu sein, andererseits aber auch ein demaskierendes Porträt einer toxischen Beziehung zweier Tweens, die sich in einem Wettstreit untereinander nach Aufmerksamkeit zu verlieren drohen. Wie nehmen wir unsere Umgebung wahr und wie werden wir wahrgenommen von unserer Umgebung? Syk pike ist wunderbar bitterböse und durchweg vergnüglich.

2. De Humani Corporis Fabrica (Lucien Castaing-Taylor/Verena Paravel, F/CH/USA 2022): Geradezu hypnotisch verfolgt man die Einblicke, die einem Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel in ihrer jüngsten Dokumentation in den menschlichen Körper bieten. De Humani Corporis Fabrica zeigt die Geburt und den Tod, während die Kamera in Harnleiter eindringt, an Gehirnen und Augen operiert wird, Tumore untersucht und Wirbelsäulen stabilisiert werden, derweil Krankenschwestern die dünne Personaldecke lamentieren und ein Chirurg beklagt, heute noch gar keine Erektion gehabt zu haben.

1. Fumer fait tousser (Quentin Dupieux, F/MC 2022): Quentin Dupieux gibt mit einer Teambildungsmaßnahme der besonderen Art  Fumer fait tousser [Smoking Causes Coughing] den Rahmen, wenn Verbrechensbekämpfer im Super-Sentai-Stil an ihrem Zusammenhalt arbeiten müssen, so denn sie die Welt retten wollen. Und sich dabei zunehmend in Vignetten verlieren, die repräsentativ für die verstärkte Abkopplung der Gesellschaft von sich selbst stehen. Dies alles ergibt eine grandios überzeichnete Blödelei, die wunderbar gespielt und urkomisch ist – wenn man mit dem Humor etwas anfängt.

6. Dezember 2015

Mistress America

Five feet to the left and unhappy.

Wenn etwas die Figuren von Noah Baumbachs Filmografie eint, dann ihr Status als Außenstehende am Rande der Gesellschaft. Beobachter des Lebens, Zuschauer des Alltags. Ob in Kicking and Screaming, Greenberg, Frances Ha oder While We’re Young – überall finden sich Charaktere, die ihren Platz in der Welt suchen. Und damit in gewisser Weise auch sich selbst. Figuren, die etwas verloren wirken. Überwältigt von den Möglichkeiten und den daraus resultierenden Erwartungen an sich selbst. Da macht Baumbachs jüngster Film, Mistress America, den er mit seiner Hauptdarstellerin und Freundin Greta Gerwig geschrieben hat, keine Ausnahme. Denn auch er wird bestimmt von solchen Themen wie Unsicherheit und Selbstfindung.

Frisch an die Universität nach New York gewechselt, misslingt der Literaturstudentin Tracy (Lola Kirke) der Anschluss. Ihre Mutter ermutigt sie, sich bei ihrer designierten Stiefschwester Brooke (Greta Gerwig) zu melden. Die lebensfrohe Fitnesstrainerin, die derzeit plant, ein innovatives Restaurant zu eröffnen, hat es Tracy sofort angetan. Als Brooke jedoch ihr Lebensstil in die Parade fährt und ihr die Finanzierung ihres Lebensprojekts abhanden kommt, muss sie sich auf einen Road Trip in die Vergangenheit begeben. Begleitet wird sie dabei von Tracy, die die Situation als Vorlage einer Kurzgeschichte nutzt, sowie von Tracys Kommilitonen Tony (Matthew Shear) und seiner eifersüchtigen Freundin Nicolette (Jasmine Cephas Jones).

Der Einstieg in Mistress America gerät dabei etwas holpriger als der zu Frances Ha. Ein Zugang zu Tracy fällt schwer, ihr Außenseiterstatus wird mehr durch Bilder als Szenen kommuniziert. So isst sie beispielsweise in der Unimensa zu Pizza noch Cheerios. Auch Gerwigs Brooke ist anfangs eine zwiespältige Figur. Enorm von sich selbst vereinnahmt muss der Zuschauer sich ihrem Charakter gegenüber erst erwärmen. Zugleich ist nachvollziehbar, wieso die verloren wirkende Tracy sogleich von Brookes Lebensstil beeindruckt ist. “I could only agree with her”, läutet sie den Film ein. “It was too much fun to agree with her.” Hat man sich jedoch erstmal in die Geschichte eingefunden, läuft diese rund wie ein Schweizer Uhrwerk.

Schnell zeigt sich, dass der Film weniger Tracy als Brookes Geschichte erzählt. Wie bereits Frances in Frances Ha will Brooke etwas Eigenes für sich auf die Beine stellen. “I’ve spent my whole life chasing after things and knocking at doors”, erklärt sie. “I’m tired of running towards people. I want to be the place that people come to.” Dumm nur, dass ihr Lebensgefährte ihr die finanzielle Unterstützung entzieht, nachdem er sieht, dass sie fremdgegangen ist. Nun bleibt Brooke nur ihre Nemesis Mamie-Claire (Heather Lind) um Hilfe zu bitten, nachdem diese ihr einst nicht nur eine Geschäftsidee, sondern auch Freund Dylan (Michael Chernus) ausgespannt hat. “She was the last cowboy”, schwärmt Tracy. “All romance and failure.”

Gerade im zweiten Akt läuft Mistress America zur Höchstform auf, wenn die verschiedenen Lebensentwürfe von Tracy, Tony und Nicolette mit denen von Brooke, Mamie-Claire und Dylan kontrastiert werden. Mit unbekümmertem Unverständnis begegnet die 30-jährige Brooke da den Eifersüchteleien von Nicolette. “There’s no cheating when you’re 18”, klärt sie die Jugendliche auf. “You should all be touching each other all the time.” Für die jungen Leute sind die Älteren zugleich abschreckendes Beispiel und potentielles Spiegelbild einer zehn Jahre entfernten Zukunft. Die hat sich selbst in besonders guter Erinnerung. “I saw Nirvana live”, erklärt Dylan an einer Stelle stolz. Und ergänzt später: “I was the people, people make television shows about.”

Baumbach skizziert eine Welt, in der jeder den Fokus zuerst auf sich selbst richtet. So pflegt Brooke ihre sozialen Netzwerke, um sich selbst anzupreisen und zu bewerben. Welche Ironie, dass ihr Freund gerade dadurch im Ausland mitbekommt, dass sie mit einem anderen rumgemacht hat. Und als ihr eine ehemalige Schulkameradin in einem Bistro vorhält, Brooke hätte sie früher gemobbt, tut diese das als Nichtigkeit ab. “Everyone’s an asshole in high school.” Auch Tracy hat weniger Altruismus als vielmehr Material für ihre Geschichte im Kopf. Schließlich will sie in einen elitären Kreis eines Literaturclubs ihrer Universität aufgenommen werden. In Mistress America gilt über weite Strecken das Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste.

“You can’t really know what it is to want things until you’re at least 30. And then with each passing year it gets bigger because the want is more and the possibility is less. Like how each passing year of your life seems faster because it’s a smaller portion of your total life. Like that. But in reverse.”

Am meisten zeigt sich diese Haltung bei Tracy, die ihre Umwelt mehr und mehr ihren Plänen unterwirft. “You used to be so nice”, hält ihr Tony in einer Szene vor. “I’m just the same in another direction now”, entgegnet die ihm. Womöglich färbte auf sie nur das Verhalten ihrer baldigen angeheirateten Schwester ab, und der Wunsch, von der Zuschauerin zur Teilnehmerin zu avancieren. Immerhin bemüht sich Tracy durchaus, den wahnwitzigen Projektwunsch von Brooke, ein Restaurant mit einem Friseursalon und einem Stadtteilzentrum zu kreuzen, am Leben zu erhalten. Nichts so sehr als Basis für ihre Geschichte als aus Zuneigung zu Brooke. Denn selbst wenn sie diese in gewisser Weise als Versagerin sieht, blickt sie aber auch zu ihr auf.

Etwas unrund gerät wiederum der Schluss, der sich zurück auf das Level der ersten 20 Minuten einpendelt. Gut möglich, dass sich diese Kritikpunkte bei Wiederholungssichtungen jedoch auflösen. Ungeachtet dessen vermag Mistress America aber trotz seines Screwball-Charakters mit seinem spritzigen Humor und zahlreichen genüsslichen Dialog- und Monologzeilen nicht ganz so gelungen den Zeitgeist einzufangen wie Frances Ha vor ihm. Dessen Charaktere wirkten zugleich etwas dreidimensionaler als hier der Fall, wo sie bisweilen prosaisch daher kommen. Als Schwesternfilm zu Frances Ha und While We’re Young funktioniert Mistress America aber durchaus vorzüglich, genauso wie als einer der besten Einträge des Filmjahres 2015.

7.5/10

1. August 2015

Filmtagebuch: Juli 2015

ALIVE [ÜBERLEBEN!]
(USA/CDN 1993, Frank Marshall)

7.5/10

AN HONEST LIAR
(USA/CDN/E/I 2014, Tyler Measom/Justin Weinstein)
5/10

ANT-MAN
(USA 2015, Peyton Reed)
6.5/10

BOUNCE
(USA 2000, Don Roos)
6/10

COMMUNITY – SEASON 4
(USA 2013, Tristram Shapeero u.a.)
7/10

COMMUNITY – SEASON 5
(USA 2014, Tristram Shapeero u.a.)
7.5/10

COMMUNITY – SEASON 6
(USA 2015, Rob Schrab u.a.)
7/10

DAWN OF THE DEAD
(USA/CDN/J/F 2004, Zack Synder)
4/10

FAULTS
(USA 2014, Riley Stearns)
3/10

FRANCES HA
(USA 2012, Noah Baumbach)
8.5/10

GREY’S ANATOMY – SEASON 1
(USA 2005, Peter Horton u.a.)
7/10

GREENBERG
(USA 2010, Noah Baumbach)
6.5/10

HIGH FIDELITY
(USA/UK 2000, Stephen Frears)
5.5/10

INDECENT PROPOSAL [EIN UNMORALISCHES ANGEBOT]
(USA 1993, Adrian Lyne)

5.5/10

THE INTERVIEW
(USA 2014, Evan Goldberg/Seth Rogen)
6/10

JUMPER
(USA/CDN 2008, Doug Liman)
5.5/10

KICKING AND SCREAMING
(USA 1995, Noah Baumbach)
6/10

KNIGHT OF CUPS
(USA 2015, Terrence Malick)
7/10

PINEAPPLE EXPRESS [ANANAS EXPRESS]
(USA 2008, David Gordon Green)

5.5/10

PROMETHEUS
(USA/UK 2012, Ridley Scott)
4/10

QUEEN OF THE DESERT
(USA/MA 2015, Werner Herzog)
6.5/10

SLOW WEST
(UK/NZ 2015, John Maclean)
3.5/10

SOURCE CODE
(USA/CDN 2011, Duncan Jones)
6/10

THE TERMINATOR
(USA/UK 1984, James Cameron)
8/10

TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY [DIRECTOR’S CUT]
(USA/F 1991, James Cameron)

6.5/10

TERMINATOR 3: RISE OF THE MACHINES
(USA/D/UK 2003, Jonathan Mostow)
1/10

TERMINATOR SALVATION [TERMINATOR: DIE ERLÖSUNG]
(USA/D/UK/I 2009, McG)

2.5/10

THIS IS THE END
(USA 2013, Evan Goldberg/Seth Rogen)
5/10

TOKYO TRIBE
(J 2014, Sono Sion)
6/10

WAYWARD PINES
(USA 2015, Zal Batmanglij/Tim Hunter u.a.)
7/10

WHILE WE’RE YOUNG [GEFÜHLT MITTE ZWANZIG]
(USA 2014, Noah Baumbach)

7/10

Hannibal Lecter-Series


MANHUNTER [BLUTMOND]
(USA 1986, Michael Mann)

6/10

THE SILENCE OF THE LAMBS [DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER]
(USA 1991, Jonathan Demme)

6.5/10

HANNIBAL
(USA/UK 2001, Ridley Scott)
3/10

RED DRAGON [ROTER DRACHE]
(USA/D 2002, Brett Ratner)

3.5/10

HANNIBAL RISING
(UK/F/I/CZ, Peter Webber)
5.5/10

HANNIBAL – SEASON 1
(USA 2013, David Slade/Guillermo Navarro u.a.)
6/10

HANNIBAL – SEASON 2
(USA 2014, Michael Rymer u.a.)
5.5/10

25. November 2013

Frances Ha

Free chair. Totally normal, really.

Als junger Mensch hat man es heutzutage nicht immer leicht. Bereits vor fast einem Jahrzehnt war von einer „Generation Ratlos“ die Rede, aktuell spricht man von einer Generation ohne Zukunft. Manche hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, auf der Suche nach einer festen Anstellung, in einigen Ländern wie Spanien ist es mit der Jugendarbeitslosigkeit sogar noch schlimmer. Die Folge ist eine Orientierungslosigkeit, ein Verlorensein. Dabei will jeder nur partizipieren an der joie de vivre – nur kann dies nicht jeder. Mit sich und ihren Lebensumständen hadert auch die 27-jährige Tänzerin Frances Halliday, gespielt von Greta Gerwig, in Noah Baumbachs Frances Ha, einem erquicklichen Beitrag zum Coming-of-Age-Genre.

Darin beginnt Frances zum Jahresende hin allmählich ihr bisheriges Leben zu entgleiten als sie zuerst aus Loyalität zur besten Freundin und Mitbewohnerin Sophie (Mickey Sumner) ihren Freund verliert, dann Sophie als Mitbewohnerin, schließlich ihren Job in einem Tanzensemble und aus Geldmangel daraufhin ihr aktuelles WG-Zimmer. Vieles hiervon ist sicherlich auch selbstverschuldet, immerhin ist Frances zwar relativ süß in ihrer unbekümmerten Art, aber eben auch chaotisch, tollpatschig und – im positiven Sinne – deppert. Für sie kommt ihre Freundschaft zu Sophie an erster Stelle und die Unzertrennlichkeit der beiden Frauen, für deren Fortbestand Frances ihre Beziehung opfert, bildet den Einstieg in den Film.

“We are like a lesbian couple that doesn’t have sex anymore”, scherzt Frances anfangs noch. Später, als Sophie in New York die Stadtteile von Brooklyn nach Tribeca tauscht, wird sie über das Verhältnis zur Freundin dann in der Tat so sprechen, als wären sie ein Paar gewesen. An der 27-Jährigen ist das Leben scheinbar vorbeigezogen und dennoch steht ihr zumindest laut den anderen Figuren eine, wenn auch ungewollte, Reife ins Gesicht geschrieben. Sie sähe älter aus als die in etwa gleichaltrige Sophie, hört Frances von einer losen Bekanntschaft. “Like…a lot older. But less, like, grown up”. Als sie später darüber mit ihrem Mitbewohner Benji (Michael Zegen) spricht, bestätigt auch dieser: “27 is old though”.

In der neuen WG mit Benji und dessen Kumpel Lev (Adam Driver) blüht Frances kurzzeitig auf – nicht zuletzt, da sie in Benji einen ähnlichen Rumtreiber findet. Dieser arbeitet aktuell an einem Drehbuchentwurf für einen dritten Gremlins-Film, sein Leben finanziert er sich wie einige andere Figuren in Frances Ha – darunter auch Sophie – mittels Darlehen von den Eltern. Frances wiederum hat akut Probleme, die $1,200 Miete für ihr WG-Zimmer zusammenzubekommen – speziell als ihr Engagement in der Weihnachtsaufführung ihres Tanzensembles platzt. Für dieses vermochte sie sich nicht recht zu empfehlen, jüngere Tänzerinnen wie Rachel (Grace Gummer) haben der 27-Jährigen seit langem den Rang abgelaufen.

Seinen Höhepunkt erreicht Frances Niedergang in einem Wochenend-Trip nach Paris, den sie quasi zwischen Tür und Angel beschloss und der – chaotisch wie sie ist – letztlich völlig in die Hose geht. Wenn Baumbach dieses Segment dann mit Every 1’s a Winner von Hot Chocolate unterlegt, ist das natürlich kongenial-ironisch. Dennoch wird die schusselige Figur nie zur Lachnummer degradiert, trotz allerlei amüsanter Wortphrasen, die sie von sich gibt. So plant sie, speziell in Paris endlich mal Proust zu lesen. Wo, wenn nicht da? Wann, wenn nicht jetzt? “Sometimes it’s good to do what you’re supposed to do when you’re supposed to do it”, sinniert Frances entsprechend und macht sich auf in Richtung Frankreich.

Die Figur durchlebt hierbei das Gefühl, vom Leben abgehängt worden zu sein. Ihre Suche nach einer abgesicherten Existenz und zugleich einem gewissen Lebensstandard sowie einer Verwirklichung ihrer Persönlichkeit gerät hierbei zum Spiegelbild einer ganzen Generation. Insofern werden insbesondere diejenigen an Frances Ha Gefallen finden, die sich mit dieser Situation identifizieren können. Es können eben nicht alle Sieger sein, manche müssen auch an der Seite stehen und ihnen applaudieren. Diese Selbsterkenntnis, die Noah Baumbach hier abgeschwächt in Form eines Pilgerschritts als „zwei Schritte vor, einen Schritt zurück“ implementiert, schließt letztlich den Reifeprozess von Gerwigs chaotischem Twen ab.

Diesbezüglich eint den Film zumindest thematisch viel mit Lena Dunhams HBO-Serie Girls, allerdings ohne dessen Sex and the City-Einschlag zu nehmen. Die Ähnlichkeiten zwischen Greta Gerwigs Figur und der von Lena Dunham sind jedoch relativ offensichtlich. Dank der Dialoge aus der Feder von Gerwig und Baumbach gewinnt Frances Ha zudem etwas von dem Charme der frühen Werke von Woody Allen, nicht zuletzt aufgrund der Entscheidung, in Schwarzweiß zu drehen. Dies wiederum, ähnlich wie so manche Szenenatmosphäre, weckt natürlich auch Erinnerungen an die Nouvelle Vague. Am ehesten erweckt der Film aber dennoch den Eindruck, Woody Allen hätte eben eine Doppelfolge von Girls inszenieren dürfen.

Mit Leichtigkeit getragen wird das Endergebnis dann von der wie immer exzellenten Gerwig, die Anfang des Jahres bereits in Damsels in Distress (hierzulande als Algebra in Love veröffentlicht) zu gefallen wusste. Nach Greenberg ist es ihre zweite Zusammenarbeit mit Noah Baumbach und weiß dieses thematisch ebenfalls nicht unähnliche Werk sogar noch zu übertreffen. Trotz seines Inhalts kann Frances Ha ob seiner Stimmigkeit und seines Laissez-faire womöglich als Feel Good Movie 2013 angesehen werden, dies könnte aber auch am Soundtrack rund um David Bowies Modern Love liegen. So oder so zählt Frances Ha zu den Filmen des Jahres und zeigt uns Orientierungslosen dabei, dass wir nicht alleine sein.

8/10