3. Februar 2010

Deep Impact

Graphics. I need graphics!

In Otto - Der Außerfriesische gibt es eine Szene, in der Otto Waalkes ein Firmengebäude betritt und darin eine Plakette mit der Aufschrift „Die Erde ist uns nur geliehen, aber von zurückgeben hat niemand etwas gesagt“ entdeckt. Eine ähnliche Umschreibung findet sich in dem Sprichwort „Nach uns die Sintflut“ und beide Ausdrücke veranschaulichen die Haltung der Menschheit gegenüber der Umwelt beziehungsweise der Erde. So schlecht die Menschheit ihre Erde auch behandelt, ist sie letztlich doch von dieser abhängig und in dieser Konsequenz auch um sie besorgt. Und was einem am Herzen liegt, das befürchtet man, entrissen zu bekommen. Im letzten Jahr beschworen Roland Emmerich und Alex Proyas mit ihren Filmen 2012 und Knowing solche Szenarien herauf. Proyas’ Werk war dabei eines der wenigen im Genre, die in ihrer Bedrohung schließlich konsequent blieben. Auch Rudolph Maté mit When Worlds Collide (1951) und James Cameron mit The Abyss (1989) rückten bereits die Erde an ihren Abgrund.

Vor zwölf Jahren geschah dies gleich in doppelter Form, entstanden doch - nicht untypisch für Hollywood - zeitgleich zwei Filme zur selben Thematik. Hierbei geben bereits die Paarungen von Regisseur und Produzent die jeweiligen Richtungen vor, wenn auf der einen Seite Steven Spielberg und Mimi Leder und ihnen gegenüber letztlich Jerry Bruckheimer und Michael Bay stehen. Deep Impact, der zuerst in Produktion ging und zwei Monate vor Armageddon in den Kinos starten würde, sollte dabei im Nachhinein den Sieg für sich beanspruchen dürfen. Auch wenn es für einen Effektfilm im Grunde ein Schlag ins Gesicht ist, wenn man für die technische Umsetzung im Gegensatz zu seinem Konkurrenten keine Oscarnominierung erhält. Und sieht man einmal von einer durchaus ansehnlichen Riesenwelle ab - wie man sie fast zehn Jahre zuvor in The Abyss und zehn Jahre später in 2012 auf technisch beinahe identischem Niveau entdecken kann -, kann sich Deep Impact nicht wirklich als gelungener Effektfilm auszeichnen.

Wo sich Michael Bay ausschließlich der rettenden Mission in einer Art Science-Fiction-Komödie annähert, teilt Mimi Leder ihre Handlung in drei verschiedene Stränge auf. Den größten Fokus legt sie dabei auf die Mitteilung der anbahnenden Tragödie an sich, in Form der medialen Berichterstattung durch die Journalistin Jenny Lerner (Téa Leoni). Grundsätzlich ist Deep Impact jedoch ein Film über Familien, finden sich diese doch in allen drei Episoden wieder. Wo Lerner sich neben ihrer journalistischen Verpflichtung auch der entfremdeten Beziehung zu ihrem Vater (Maximilian Schell) stellen muss, gilt es im zweitwichtigsten Handlungsstrang für die Jugendlichen Leo Beiderman (Elijah Wood) und Sarah (Leelee Sobieski), ihre Familien und ihre Liebe zueinander zu retten. Passend dazu nimmt die eigentliche Weltraummission rund um den erfahrenen Astronauten Spurgeon Tanner (Robert Duvall) den wenigsten Raum ein, doch versäumt es Leder nicht, auch den Astronauten Momente mit ihren Familien zu schenken.

Was Deep Impact nun auszeichnet, ist die Tatsache, dass Leder durchgehend sehr nah an ihren Figuren bleibt. Die nie nur typisiert werden, wie im Fall von Armageddon, sondern die Gefühle haben und Ängste verspüren. Da schluckt Leoni merklich, als sie die Beschränkungen der Lotterie vorliest, die 800.000 Glückliche in die rettenden Bunker verfrachtet, jeden Bundesbürger über fünfzig Jahren - und somit auch Lerners Eltern - allerdings von dieser Lotterie ausschließt. Speziell die Lerner-Episode ragt aus dem Film hervor, weist diese im Vergleich zu den anderen beiden Erzählsträngen mehr Facetten auf. Hier kommt es dem Geschehen auch zugute, dass es sich weitestgehend in Washington D.C. abspielt, wodurch es sich in seiner Komprimierung glaubwürdiger und stimmiger anfühlt als die verbliebenen Episoden, die narrativ relativ unkompliziert, dafür jedoch komplex ausgefallen sind.

Obwohl Leder den Film jedoch im wahrsten Sinne des Wortes sehr geerdet hält, gelingt es ihr dabei allerdings nicht, auch unter die Oberfläche vorzudringen. So fällt nicht eine Dialogzeile ob der Perversität der Regierungsaktion. Wie makaber ist es denn, mittels einer Lotterie die nicht mal 0,5 Prozent der damaligen US-Bevölkerung auswählen zu lassen, die gerettet werden? Oder - wie es auch in Emmerichs 2012 geschah - Platz, der Menschen zufallen könnte, mit Kunstwerken aus Museen vollzustopfen? Ähnlich verhält es sich mit den negativen Szenarien, wie Aufständen und Tumulten, denen sich Leder in einer Montage in zwei kurzen, jedoch unkommentierten, Einstellungen widmet und dies auch eher nebenbei geschieht. In seinem Versuch, sich ausschließlich auf jene drei Episoden zu fokussieren, blockt Deep Impact alles, was abseits dieser Episoden geschieht, bedauerlicherweise komplett aus. Aspekte, die man weit weniger zu verzeihen bereit ist, wie Unstimmigkeiten in den Beiderman- und Tanner-Handlungssträngen.

Die Handlung scheint ob der vielen Figuren und Dreifachteilung ein wenig überlastet, sodass einige Ausarbeitungen aus Zeitgründen unausgewogen und vernachlässigt erscheinen. Zudem wollen für einen Effektfilm ebenjene Effekte, speziell die Szenen auf dem Kometen, nicht sonderlich überzeugen. Dafür strahlt Deep Impact durch einige gefällige schauspielerischen Leistungen seines namhaften Ensembles, wobei auch hier primär die Lerner-Episode mit Leoni, Schell und Vanessa Redgrave hervorsticht. Im Nachhinein ist es amüsant, wie sich Deep Impact und seine Schwesterproduktion Armageddon ähneln. In beiden Filmen obsiegt am Ende die junge Liebe, gibt es Verabschiedungen mittels Satellitenverbindung und Bildschirmgetatsche sowie den Heldentod der Astronautenfigur. Unterm Strich betrachtet gibt sich Leders Film dabei einerseits zwar sehr viel seriöser, vermisst dabei allerdings den Unterhaltungswert, den Bays Weltraumspektakel mit sich bringt.

5/10

Kommentare:

  1. Ich mag die Art, wie du Filme besprichst, irgendwie nicht. Du bist derart Drehbuchfokussiert, nimmst einzelne Komponente auseinander, vergisst dabei aber des Öfteren, dass man Filme vor allem als Ganzes betrachten soll. Bei dir kommt es mit so vor, als ob du verschiedene Komponente auf eine sinnbildliche Waage legst und dann guckst, was überwiegt.

    Nix für Ungut.

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  2. Dann wäre es wohl mal an der Zeit, hier weniger vorbeizuschauen. Außer du bist derart masochistisch veranlagt ;)

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