8. Mai 2012

Marley

Could you be loved and be loved?
(“Could You Be Loved?”, Uprising, 1980)

Je größer der Mann, desto umfangreicher seine Biografie. So beanspruchte Nelson Mandelas „Mein langer Weg zur Freiheit“ über 800 Seiten. Ganz so ausführlich würde eine Autobiografie von Bob Marley vermutlich nicht werden, nicht zuletzt, da die Reggae- und Rastafari-Legende bereits 1981 mit 36 Jahren an Krebs verstarb. Dennoch benötigte Oscarpreisträger Kevin Macdonald beinahe zweieinhalb Stunden, um auch nur oberflächlich das Leben und Schaffen Marleys anzureißen. Nachdem sowohl Martin Scorsese als auch Jonathan Demme abgewunken und eine Dokumentation über Robert Marley aufgegeben hatten, versuchte sich der Schotte Macdonald an einer Chronologie von dessen Leben. Das Ergebnis, Marley, reüssiert und scheitert dabei zugleich. Aber: Don’t worry about a thing.

Marleys Geschichte beginnt im Dörfchen Nine Mile des im Inneren von Jamaika gelegenen Saint Ann Parishs. Hier erinnert einer seiner dort noch ansässigen Cousins daran, dass Robert als Kind gehänselt wurde, da er aufgrund seines weißen Vaters Norval als „Mischling“ galt. In einer kleinen Hütte lebend half er der Mutter aus, freundete sich mit dem von der Küste zugezogenen Neville Livingston an, der später zu Bunny Wailer werden würde, und begann sich an Musik auszuprobieren. Später zog die Familie nach Kingston und lebte im Armenviertel Trench Town, während Marley als Jugendlicher die Schule schmiss und als 18-Jähriger mit Livingston, Peter Tosh und anderen eine Band gründete, die sich irgendwann The Wailers nannte. Es folgten erste Erfolge in der Heimat und später auch in Europa.

Der internationale Durchbruch mit „No Woman, No Cry“ (1975) führte zu Tourneen in Europa und den USA, die wiederum dazu, dass erst Livingston und dann Tosh die Gruppe wegen Meinungsverschiedenheiten verließen. Marley ließ sich davon nicht unterkriegen, engagierte sich Mitte der 1970er mit Benefiz-Konzerten für den Frieden in seiner gewaltgeladenen Heimat im Kampf zwischen Rechten und Linken genauso wie 1980 bei der Unabhängigkeit von Simbabwe. Nebenbei unterstützte er seine Landsleute von seinem jamaikanischen Anwesen in der 56 Hope Road, glaubte eine Hautkrebsdiagnose an seinem Zeh aus dem Jahr 1977 besiegt zu haben und zeugte von 1967 bis 1978 insgesamt neun Kinder mit sieben Frauen. Wie sagte es Marley selbst: Love the life you live and live the life you love.

Auf dem Weg durch dieses Leben greift Macdonald nur selten auf Videomaterial von Marley selbst zurück. Vielleicht war nicht genug vorhanden, aber die vielen Talking Heads machen dies meist wett. Von Familienmitgliedern wie Marleys Mutter, seiner Witwe Rita sowie den Kindern Cedella und Ziggy über Freunde und Weggefährten wie Neville Garrick, Allan Skill Cole oder Bunny Wailer bis hin zur deutschen Krankenschwester Waltraud Ullrich, die Marley während eines Aufenthalts in einer bayrischen Krebsklinik pflegte. Sie zeichnen je nach Sichtweise das Bild eines zugleich offenen und warmherzigen, aber auch strengen Menschen, der für seine Musik lebte und bis zuletzt glaubte, er könne den Krebs besiegen. Das Bild einer Legende, die wie Jeder Fehler besaß.

So zeichnen besonders die Kinder ein ambivalentes Bild ihres Vaters. Die Eltern ihrer Freunde verboten das gemeinsame Spielen, da Bob und Rita stets bekifft seien, Marley wiederum wies (vielleicht aufgrund der eigenen Erfahrungen) darauf hin, dass sie keine Freunde bräuchten, da sie Geschwister hätten. Auch die Abwesenheit und Promiskuität des Vaters dürfte ein Problem gewesen sein, wenn auch Rita und die Kinder nur teils darauf eingehen. Flexibel und stur zeigte sich Marley auch gegenüber Livingston und Tosh was die Vermarktung ihrer Band angeht, weshalb es etwas schade ist, dass Macdonald Bunny Wailer nach der abgehandelten Band-Trennung nicht mehr zu Wort kommen lässt. Ohnehin schrammt Marley oft nur mit Glück an der Hagiografie vorbei, so kritikarm gerät er.

Zugleich arbeitet Macdonald nahezu jedes Ereignis und Thema oberflächlich ab. Zum Beispiel die Bedeutung für Marley, dass er schwarz und weiß zugleich war, von der Familie seines Vaters verstoßen wurde, wie er über seinen Krebs wirklich dachte und wie er seinen Landsleuten insbesondere in den unruhigen Zeiten der 1970er gegenüberstand. Vieles kann man sich anhand der Informationen in Marley zusammenreimen, ausgiebig setzt sich der Film aber mit keinem Thema auseinander. Macdonald will nicht den Familienmenschen Marley dokumentieren, nicht seine Rolle für die Geburt des Reggae oder die Verbreitung der Rastafari-Bewegung, Marley will einen Überblick über das Leben der Musiklegende bieten, von der Geburt bis zum Tod. Allgemein statt speziell sein also.

Sichtlich schwerer fällt dem schottischen Regisseur die Nachzeichnung eines ganzen Lebens, wo er zuvor in seinen gerühmten One Day in September (1999) und Touching the Void (2003) lediglich die Ereignisse einiger Tage aufarbeiten musste. Fraglich, ob man einer Vita wie der von Bob Marley überhaupt in einem Film, selbst wenn dieser gut 150 Minuten dauert, vollends gerecht werden kann. Macdonald jedenfalls gelingt dies nur bedingt, dahingehend, dass Marley einen Überblick verschafft wie ein Lexikoneintrag. Wen es nach weiteren Details gelüstet, der muss zu einer literarischen Biografie greifen. Und als Überblick fällt die Dokumentation inhaltlich wie inszenatorisch durchaus gelungen aus. Was sie quasi zu einer Art filmbiografisches Buffet macht und von allem ein wenig bietet.

Geschickt wechseln sich Archivmaterial, Stills, Konzertausschnitte, Landschaftsaufnahmen von Jamaika und Talking Heads ab, gewürzt mit Auszügen aus der Discografie von Bob Marley und The Wailers. Die über zwei Stunden verstreichen dabei ohne wirklich Längen, was nicht zuletzt der überzeugenden Montage, aber auch der faszinierenden Person Marleys zu verdanken ist. Erfrischend zudem, dass Macdonald hier mal nicht auf Reenactment zurückgreifen muss. So ist Marley vielleicht nicht die beste Dokumentation, die man über die Ikone hätte drehen können, dennoch ist sie unterhaltsam und grundsätzlich informativ geworden. “Man is a universe within himself”, habe Bob Marley mal gesagt. Und nach Marley weiß man: Je größer der Mann, desto umfangreicher sein Universum.

7/10

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