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1. Februar 2019

Hook

Kill the lawyer!

Erwachsen zu werden ist zumeist gleichbedeutend mit dem Ende der Jugend. So schrieb Paulus an die Korinther: Als er ein Mann wurde, „tat ich ab, was kindlich war“ (1. Kor, 13,11). Der Übergang des Kindes zum Erwachsenen deutet sich als harter an – das eine beginnt dann, wenn das andere aufhört. “When are you gonna stop acting like a child?”, herrscht da auch Anwalt Peter Banning (Robin Williams) seinen Sohn Jack (Charlie Korsmo) im ersten Akt von Steven Spielbergs Hook an. “Grow up!”, lautet die Botschaft des Vaters. Der Verlust der kindlichen Unbekümmertheit bildet den Kern von Spielbergs vermutlich meistunterschätzten Film, der heutzutage allgemein zu den schlechtesten Werken des Hollywood-Regisseurs gezählt wird.

So hält Hook bei Rotten Tomatoes mit 28% den niedrigsten Wert innerhalb Spielbergs Filmografie, bei Metacritic liegt das Fantasy-Abenteuer zumindest noch vor Always und 1941. Dabei war die Fortsetzung von J. M. Barries Peter Pan seiner Zeit ein veritabler Hit, landete in den weltweiten Kinocharts von 1991 mit einem Einspielergebnis von 300 Millionen Dollar auf dem vierten Rang. Über Weihnachten veröffentlicht, hielt sich Hook vier Wochen auf dem ersten Platz in den USA, seine dort erzielten 120 Millionen Dollar liegen marginal hinter den 137 Millionen, die Spielbergs Ready Player One in 2018 verbuchen konnte. Damals war Hook vielmehr einer der erfolgreicheren Filme des Regisseurs außerhalb der Indiana Jones-Reihe gewesen.

Zwei Jahre zuvor vermochte Always lediglich ein Drittel von Hooks Einspielergebnis zu erzielen, Empire of the Sun wiederum hatte es 1987 in seiner Debütwoche gerade so unter die Top Ten geschafft. Der kommerzielle Erfolg von Hook änderte jedoch wenig an der Haltung der Kritiker zum Film. Georg Seeßlen sieht ihn als gescheiterten Versuch einer Selbstlektüre Spielbergs und für Roger Ebert bestand das wesentliche Versagen von Hook in seiner Unfähigkeit, “to re-imagine the material”. Eberts Resümee, mit dem er nicht alleine dasteht: “Spielberg should simply have remade the original story.” Die Idee und Essenz von Hook ging bei den Kritikern weitestgehend verloren: die Rückbesinnung auf kindliche Werte als Erwachsener.

Voraussetzung für die Geschichte von Hook ist ein weitergedachtes Was-wäre-wenn-Szenario. Was wäre aus Peter Pan geworden, wenn er das Adoptionsangebot der Darlings zum Ende von Barries Buch angenommen hätte? Die Figur wäre erwachsen geworden – und hätte sich von ihren Idealen entfremdet. Als Wirtschaftsanwalt verdient Peter sein Brot mit Übernahmen, er segle herein und übernehme das Kommando, wie Jack den Beruf des Vaters gegenüber Granny Wendy (Maggie Smith) blumig beschreibt. “You’ve become a pirate”, realisiert diese. Die Assimilation von Peter in seine Feinde von früher ist dabei nur konsequent. “All grown-ups are pirates”, klärt Rufio (Dante Basco) seinen alten Weggefährten später auf.

Dass Peter Pan als der Junge, der nicht erwachsen wird, nun in Hook erwachsen geworden ist, soll weniger Frevel sein und drückt auch keine Unverständnis gegenüber der Vorlage aus, sondern reflektiert stattdessen die Hintergründe dieser Haltung. Peter hat vergessen, Peter Pan zu sein – womit hier weniger eine Figur, sondern ein Gefühl gemeint ist. Ein Spieltrieb (“Play!”), eine Unbekümmertheit, für die in seiner beruflichen Welt kaum Platz ist. Dass Peter Pan nicht ganz verblasst ist, zeigt sich zumindest in seinem Handy-zück-Duell mit einem Mitarbeiter, zugleich greift Spielberg mit dem Mobiltelefon auch auf die Omnipräsenz des Berufs selbst in der Freizeit zurück – und erscheint damit im Prinzip seiner damaligen Ära voraus.

Ein essentieller Bestandteil hierbei ist die Zeit. In der Arbeitswelt ist sie buchstäblich Geld, weil flüchtig. Sie ist es auch, die Captain Hook (Dustin Hoffman) später einen Zugang zu Jack gewährt, da er sie durch das Zerstören aller Uhren im wahrsten Sinne stehenbleiben lässt und damit dem Jungen schenkt. Zeit ist, was Peter in Nimmerland stets unbegrenzt hatte als Ort der ewigen Stasis. Weshalb er sie in der realen Welt nicht richtig zu würdigen weiß als es um die Beziehung zu seinen Kindern Jack und Maggie (Amber Scott) geht, wenn er die Zeit mit ihnen mit Berufsverpflichtungen zu vereinen versucht. “It’s so fast, Peter. It’s a few years and it’s over”, hebt Moira (Caroline Goodall) die Bedeutung der kurzen Kindheit hervor.

Doch Peter hat mit seiner Abkehr aus Nimmerland alles Kindliche abgetan. “Was I ever that young?”, fragt er erstaunt, als ihm Moira ein altes Bild von sich zeigt. Im Grunde hat Peter seither seinen Schatten verloren – und Nimmerland mit ihm ein Stück weit sich selbst. “There’s no adventure here”, lamentiert Hook gegenüber Smee (Bob Hoskins). Wie Peter den Spaß verloren hat, verlor Nimmerland mit Peter den Spaß. Wir erleben Hook hier depressiv und suizidal, buchstäblich lebensmüde. Peter Pan und Hook sind wie Yin und Yang: Einander polar entgegengesetzt, aber doch aufeinander bezogene Kräfte. Nimmerland ist eine Welt des Status quo, ein ewiger Kreislauf – dem Peter mit seinem Abschied dann ein jähes Ende setzte.

Wenn Hook seiner Besatzung quasi die Mutter aller Kriege gegen Pan und die verlorenen Jungen verspricht, ist dies nur als neues Kapitel in einer unendlichen Geschichte gedacht. Die Zeit steht still in Nimmerland, wo die verlorenen Jungen um Rufio, Thud Butt (Raushan Hammond), Pockets (Isaiah Robinson), Too Small (Thomas Tulak) und Co. nie älter werden. Sie existieren losgelöst aus Raum und Zeit, ihr Konflikt mit den Piraten – und vice versa – ist immerwährend. Zeit repräsentiert Vergänglich- oder Sterblichkeit, manifestiert durch das Ticken der Uhr im Bauch des Krokodils, das Hook seither mit dem Tod asoziiert. Peters Rückkehr nach Nimmerland ist eine Rückkehr zur kindlichen Unschuld und totalen Sorglosigkeit.

Die Figur muss dabei erst wieder zu sich selbst finden. Die für Peter Banning implementierte Höhen- und Flugangst spiegelt hier die Verdrängung der Kindlichkeit wider. Ohnehin ist das Fliegen in Barries Geschichte eigentlich weniger ein Fliegen, als ein Verlieren in einer schönen Erinnerung, die paradoxer Weise vielmehr sogar einen emotionalen Anker darstellt. Peters Unvermögen zu fliegen ist daher ein vermeintlicher Mangel an glücklichen Gedanken, für die im Stress seines Berufsalltags kein Platz mehr ist. Auch seinen Hunger vermag er später erst zu stillen, als er sich im Spiel mit den verlorenen Jungen verliert und seine Vorstellungskraft öffnet. Oder umgedeutet: Indem er beginnt, sich (wieder) wie ein Kind zu verhalten.

Zugleich folgt die Entfremdung Peters von der eigenen Kindheit und von seinen Kindern einem der zentralen Themen in Spielbergs Schaffen von dysfunktionalen Vater-Kind-Beziehungen. So fehlt auch Richard Dreyfus im Verlauf von Close Encounters of the Third Kind verstärkt die Bindung zu seiner Familie mit der schlussendlichen Trennung von dieser, die in E.T. the Extra-Terrestrial oder War of the Worlds sogar bereits zu Filmbeginn vollzogen ist. Das Verhältnis zwischen Henry Jones Senior und Junior in Indiana Jones and the Last Crusade ist ebenfalls zerrüttet und in Artificial Intelligence vermag Haley Joel Osments David zu keiner seiner zwei verschiedenen Vater-Figuren eine richtige Beziehung aufzubauen.

Entsprechend pointiert ist, dass es gerade Peters Wunsch der Vaterrolle war, die ihn letztlich dazu bewog, Nimmerland den Rücken zu kehren. Die Erwachsenwerdung der Figur durch den Film ist dabei kein Verrat an der Vorlage, sondern ein Verrat der Figur an sich selbst. Etwas, dessen sie sich gewahr werden muss. Kind sein heißt für Peter nichts weniger als Spaß zu haben – wer sich diesen im Alter behält, kann also Mann sein, ohne das Kindliche abzutun. Da Hook weniger eine Reise nach Nimmerland als zu sich selbst darstellt, erklärt sich auch, dass Spielberg die Insel weniger als dreidimensionale Welt inszeniert, sondern im Sinne der Dualität der Figur zwischen zwei Sets (Piraten, verlorene Jungs) hin- und herwechselt.

Die Studio-Sets sehen dabei wie das aus, was sie sind: ein künstlicher Raum. Nimmerland ist hier jedoch nur Repräsentant zweier Generationskonzepte, die im Konflikt miteinander stehen und zwischen deren Fronten sich Peter nunmehr findet. Da die Handlung innerhalb von 72 Stunden spielt, mag sich zusätzlich erklären, wieso für Ausflüge – beispielsweise zu Tiger Lily – keine Zeit ist. Eben weil in dieser eigentlich zeitlosen Welt durch die Vereinbarung von Hook mit Tinker Bell (Julia Roberts) plötzlich ein Ultimatum implementiert wird. Die eingegrenzte Sicht auf Nimmerland mag auch budgetäre Gründe gehabt haben, lagen die Filmkosten mit 70 Millionen Dollar doch bereits 45 Prozent höher als bei Indiana Jones and the Crusade.

Es wäre ein einfaches gewesen, wenn Spielberg das Buch von Barrie 1:1 adaptiert hätte, im Stile eines Chris Columbus mit Harry Potter and the Philsopher’s Stone. Aber eben auch wenig originell, abseits von der visuellen Umsetzung Nimmerlands. Weitaus spannender ist da der Ansatz einer Fortsetzung, die zum Kern der Vorlage zurückkehrt. Eben jenem Zwiespalt, das Kindliche ins Erwachsenenalter hinüberzuretten. Ein Gegenbeispiel zu Peter findet sich da in Granny Wendy, deren erste Hausregel entsprechend lautet: “no growing up”. Zwar alterte Wendy (Gwyneth Paltrow) seit ihrer ersten Begegnung mit Peter über die Jahr(zehnt)e, blieb sich – und ihrer in Nimmerland auferlegten Mutter-Rolle – dabei jedoch immerzu treu.

“Many of you here tonight were once lost children”, erinnert Peter anfangs noch bei einer Ehrung von Wendys sozialem Engagement einen Saal voller ehemaliger Waisen. Für all diese “lost boys” hatte Wendy ebenso wie für Tootles und sogar Peter eine Familie gefunden. Peter hingegen vergaß seine Ursprünge und Spielgefährten, ähnlich wie die Figur dies innerhalb von Barries Geschichte tut. Stets muss sie sich dort an Wendy erinnern, am Ende verblassen aber selbst Tinker Bell und Captain Hook in ihrem Gedächtnis. Die Erwachsenwerdung Peter Pans ist insofern die bestmögliche Art und Weise, um aufzuzeigen, was die Figur ursprünglich davor abschreckte. Das ist weniger Selbstlektüre Spielbergs als ein Verständnis der Buchvorlage.

Spielberg inszeniert dies alles – ungeachtet der scheinbaren Probleme am Set – mit vielen humorvollen Details. Zum Beispiel wenn die Bannings von den USA nach London mit der Fluglinie Pan Am reisen, Hook auf einen installierten roten Teppich pocht, ehe er seine Männer adressiert, oder Maggie sich über ihre schlechte Note echauffiert, als sie Hooks „Test“ nicht besteht. Der wiederum scheint, Manipulation hin oder her, durchaus selbst Gefallen an seiner neugewonnenen Vaterrolle gegenüber Jack zu empfinden. Vollends zum Leben erweckt wird die Welt von Nimmerland dann im Schlussakt, der quasi wieder zum Status quo zurückkehrt, wenn Peter Pan kräht und fliegt sowie sich verlorene Jungs und Piraten bekriegen.

Aus der Reihe tanzt nur die Finalität des Gezeigten. Der Zwist ist keiner von vielen, die Kommen und Gehen, sondern dieses Mal einer mit Konsequenzen. Rufios Tod fällt wie der von Hook etwas aus der Rolle und bringt unerwartet – und etwas unpassend – die Realität in diese Märchenwelt. Die bisherige (stagnierende) Geschichte in Nimmerland geht nicht weiter, Hook ist insofern ein Schlusskapitel für die Abenteuer von Peter, Hook und Rufio in Nimmerland. Selbst wenn Thud Butt der neue Anführer der verbliebenen verlorenen Jungs wird, bleibt offen, was für Abenteuer diese noch erwarten kann ohne Hook. Sowohl sie als auch Smee und die Piraten sind nun in gewisser Weise frei von ihrer blinden Loyalität gegenüber einem Alphatier.

Die sehr gute musikalische Untermalung von John Williams – die stellenweise an seinen Score zu Home Alone erinnert – trägt ihren Teil zur Erschaffung von Nimmerland bei. Dankbar sollte das Publikum auch sein, dass hier noch Dean Cundey für die Kameraarbeit zuständig war – nicht auszudenken, wie Hook aussehen würde, wäre bereits Janusz Kamiński für die Bilder verantwortlich gewesen. Das Ensemble ist solide bis gut, selbst wenn Robin Williams teils zu sehr den Kasper gibt und Julia Roberts etwas alt als Tinker Bell wirkt (zwiespältig bleibt die Kuss-Szene mit Peter). Bob Hoskins avanciert zum heimlichen Star, Dustin Hoffman gefällt als überdrüssiger Hook und die Lost Boys um Dante Basco gehen ebenfalls in Ordnung.

Obschon ein Fantasy- und Kinderfilm drängen sich einem manche Fragen auf. Wieso wird Peter älter, obwohl ihn Tink als Baby nach Nimmerland brachte, während Pockets und Too Small deutlich jünger sind als die anderen verlorenen Jungen? Und was plant Hook mit all den anderen Kindern neben Jack und Maggie, die wir am Ende auf seinem Schiff sehen? Nichtsdestotrotz ist der Film ein großer Spaß, mit dem der Zuschauer vielleicht als Kind aufgewachsen sein muss (oder sich seinen eigenen, inneren „Pan“ bewahrt hat), um an jenem Spaß teilhaben zu können. Steven Spielbergs Hook jedenfalls gehört – für mich – zu seinen besseren Filmen (“Bangarang!”). Mancher heutige „Pirat“ mag mir da nun vorwerfen “I’ve lost my marbles”.

9/10

6. April 2018

Classic Scene: The Goonies – “Okay, I’ll talk.”

Die Szenerie: Eingesperrt in dem Unterschlupf der Verbrecherfamilie Fratelli büxen die Goonies über einen Kaminkanal in den Untergrund aus, während ihr Mitglied Chunk (Jeff Cohen) über ein Kellerfenster flieht, um Hilfe zu holen. Unterwegs sammeln ihn nachts zufällig die Fratellis wieder ein und bringen ihn zurück in ihr Versteck. Dort plant Mama Fratelli (Anne Ramsay) den Jungen per Gewaltandrohung dazu zu bringen, Informationen über die Goonies preiszugeben. Als Hilfsmittel dient ein angeschalteter Mixer, indem sie zur Demonstration eine Tomate fallen lässt, die sofort zerstückelt wird.

INT. LIGHTHOUSE BASEMENT – KITCHEN – NIGHT

CLOSE UP – Hamilton Beach blender. A hand comes into frame and drops a tomato into the activated blender. The tomato gets crushed instantly, turned to mush from the bottom to the top. We HEAR Mama Fratelli’s VOICE OVER as the tomato is crushed:

MAMA FRATELLI: First, we’ll start with the pudgy little fingers. Then the plump little hands.

The camera zooms back to reveal Mama Fratelli controlling the blender while Chunk sits on the kitchen table, crying and shaking.

MAMA FRATELLI (cont.): Then the fleshy arms.

Mama Fratelli stops the blender and turns to Chunk.

MAMA FRATELLI: Now, tell me where your other little friends are.

Chunk gives up the information immediately without hesitation and points at the fireplace.

CHUNK (sobbing): In the fireplace.

MAMA FRATELLI: Don’t lie to me!

CHUNK: Honestly. We went over to Mikey’s dad’s place and we found a map that said that underneath this place is buried treasure.

JAKE FRATELLI: Now don’t give us none of your bullshit stories, huh?

Francis grabs Chunk by the throat.

FRANCIS FRATELLI: Hey kid, I want you to spill your guts. Tell us everything.

CHUNK (whispers): Everything?

FRANCIS FRATELLI: Everything.

CHUNK (sobbing): Everything... okay, I’ll talk.

CHUNK (cont.): In 3rd grade, I cheated on my history exam.

CHUNK (cont.): In 4th grade, I stole my uncle Max’s toupee and I glued it on my face when I played Moses in my Hebrew school play.

Francis looks incredulously at his mother. Jake is confounded too.

CHUNK (cont.): In 5th grade, I knocked my sister Edith down the stairs, and I blamed it on the dog.

9. Januar 2017

The Flintstones

In my cave I reign supreme!

Fünf der elf erfolgreichsten Filme des vergangenen Kinojahres waren Comicverfilmungen aus dem Hause Disney/Marvel, Warner Bros. und Fox. Ein sich verstärkender Trend, aber nicht unbedingt ein junger. Bereits Anfang des Jahrtausends gaben sich an den Kinokassen Spider-Man, X-Men, Blade und Batman die Klinke in die Hand. Genauso wie in den Neunzigern Videospieladaptionen wie Super Mario Bros. (1993) und Street Fighter (1994) oder ebenjene Comic-Filme in Form von Teenage Mutant Ninja Turtles (1990) und The Flintstones. Letzterer war eine 1994 von Steven Spielrock produzierte Realverfilmung des gleichnamigen Hanna-Barbera-Cartoons, der 1960 als erster seiner Art im Abendprogramm von ABC ausgestrahlt wurde.

Im Fokus steht der Steinbruchangestellte Fred Flintstone (John Goodman), ein Mitglied der Arbeiterklasse in der Steinzeit-Gemeinde von Bedrock. Fred führt ein simples Leben mit Gattin Wilma (Elizabeth Perkins) und ihrer Tochter Pebbles sowie seinem Nachbarn, Freund und Arbeitskollegen Barney Rubble (Rick Moranis). Weil Fred ihm und seiner Frau Betty (Rosie O’Donnell) Geld geliehen hat, damit diese einen Sohn adoptieren können, tauscht Barney bei einem Karrieretest in der Arbeit sein Ergebnis mit dem von Fred aus. Als Testsieger ist es Fred, der daraufhin vom Steinbruch-Vizepräsident Cliff Vandercave (Kyle MacLachlan) in den Vorstand befördert wird. Nichtsahnend, dass hinter all dem ein maliziöses Schema steckt.

The Flintstones, bei dem Brian Levant die Regie übernahm, ist eine Comicverfilmung wie man sie heutzutage nicht mehr zu sehen bekommen wird. Ein Film, der sich ähnlich wie Super Mario Bros., Street Fighter, Mortal Kombat und die anderen Vertreter der 1990er – hier könnte man auch die Batman-Filme von Joel Schumacher dazuzählen – primär verspielt und unernst gibt. Vorrangig ist da speziell die Mimikry des Originals, von den liebevoll gestalteten Kostümen bis zu den vielen Details im Production Design des Studiofilms. Einige wenigen CGI-Ausnahmen wie Dino und Baby Puss ausgenommen regieren hier die praktischen Effekte, was erfrischend altmodisch ist, auch wenn es natürlich oft etwas Cartoonhaftes hat.

Den Anspruch, authentisch zu sein, hat Levants Film natürlich keineswegs, und dennoch macht er es sich nicht immer leicht, wenn er seine inhärente Logik etwas ad absurdum führt. So gibt es viele nette visuelle prähistorische Ideen für moderne Technologien, vom Krabben-Rasenmäher über den Schweine-Müllschlucker hin zum Anzünden von Kerzen als Straßenlaternen oder wie Fred jeden Morgen geweckt wird. Gleichzeitig führt The Flintstones aber auch das Autoradio ein, zu dem Fred und Barney auf dem Heimweg mitsingen, genauso wie Fernsehapparate auftauchen und The B-52’s in einer der Szenen tatsächlich in ein aus Stein gehauenes Bühnenset ihre Pop-Lieder trällern. Nicht die einzigen misslungen Rückrufe auf die moderne Welt.

So verweist eine Flugbegleiterin eingangs beim Überflug über Bedrock auf den Grand Canyon, der in einigen tausend Jahren dort entstehen wird. Und im Schlussakt bricht der von Harvey Korman gesprochene Dictabird wie im zweiten Akt bereits MacLachlans Vandercave die vierte Wand für einen schwachen Verweis-Witz auf Disney. Diese Aspekte sind umso ärgerlicher, da sie nicht nötig gewesen wären und auch wenn die Fernsehapparate Bestandteil des Original-Cartoons sind, zerstören sie etwas das Bild dieses Steinzeit-Pendants unserer heutigen Welt. Auch das Drehbuch wirkt weitaus konstruierter als für das intendierte Handlungsgerüst erforderlich gewesen wäre. Und wirft infolgedessen wie die Fernsehapparate eher Fragen auf.

Zwar geht Barney derselben Arbeit nach wie Fred, fährt ein kleineres Auto und hat weder Kind noch Haustiere, dennoch muss er sich von den Flintstones Geld leihen, um die Adoption von Bamm-Bamm durchführen zu können. Was im Widerspruch zu einem weiteren Running Gag steht, in welchem es Fred ist, der sich stets von Barney Geld leiht. Die Verschuldung dient als Hintergrund für den Austausch des Karrieretests, widersprüchlich ist hierbei aber, wieso Vandercave gerade den intelligentesten Angestellten zum Sündenbock für seine Veruntreuung machen will. Dafür hätte sich Fred weitaus besser geeignet, wenn er für seine Dummheit ausgewählt würde. Nur ginge dann natürlich der Konflikt der Entlassung von Barney flöten.

Einfacher wäre gewesen, dass der Test für Vandercave dazu dient, in Fred den idealen Kandidaten als Sündenbock für die Veruntreuung zu finden. Einen Keil zwischen die Freundschaft mit Barney hätte dann die steigende Arroganz des nun neureichen Freds treiben können, wie sie der Film auch propagiert. Zugleich hätte dabei Vandercave dennoch Barney entlassen können, indem zugleich so die smartesten Mitarbeiter des Steinbruchs aus diesem befördert würden, damit der Plan der Massenentlassung durch den anstehenden Automatisierungsprozess – durchaus ein spannender Subplot – nicht aufgedeckt wird. In der Ausarbeitung des Plots zeigt sich aber zugleich, dass dieser für einen Familienfilm generell wohl etwas überfrachtet ist.

Der Aspekt der Automatisierung des Steinbruchs ist ein durchaus interessanter, auch wenn nicht ganz klar ist, wieso sich Vandercave so um ihn bemüht, wo sein eigener Verbleib in der Firma doch aufgrund der Unterschlagung ein befristeter sein dürfte. Amüsant gerät dafür der Vorgriff auf den Center-for-Ants-Gag aus Zoolander, wenn Fred in Frage stellt, ob die Modellhäuser der Präsentation groß genug für ihre Bewohner sein werden. Eine reduziertere Handlung wäre aber wohl empfehlenswerter gewesen, wobei jedoch keineswegs alles schlecht ist in The Flintstones. Die eingangs angesprochene Mimikry insbesondere macht die Adaption der Cartoon-Serie sehenswert und hält den (nostalgischen) Spaß an der Sichtung aufrecht.

Die visuelle Umsetzung mit den vielen praktischen Effekten, realen Sets und Kostümen wurde bereits angesprochen, aber auch die Darsteller verleihen ihren Figuren Leben. Roseanne-Veteran John Goodman, die einzige Wahl Spielbergs für die Hauptrolle, wird der Präsenz von Fred gerecht, auch Rick Moranis überzeugt als Barney. Elizabeth Perkins und Rosie O’Donnell sind zwar für die Handlung nicht zentral, gefallen aber gerade mit ihrem aus der Serie übernommenen Referenzlachen. Aufgrund ihres nuancierten Spiels und 90er-Sexappeals ein Highlight für sich ist Halle Berry als Sharon Stone, Freds laszive Sekretärin und Vandercave-Komplizin, wofür sich der Film trotz des müden (und nicht einzigen) “Stone”-Gags einen halben Bonuspunkt verdient.

Dank der Gewichtung auf praktische Effekte ist der über 20 Jahre alte The Flintstones relativ gut gealtert, auch wenn er heutzutage kaum mehr präsent im Bewusstsein scheint. Dabei war er gar nicht mal ein Flop, landete in den Kinocharts der USA im Jahr 1994 auf dem fünften Rang und weltweit auf Platz 6 mit einem Einspiel über 340 Millionen Dollar. Das macht Brian Levants Film sicher nicht zum Meisterwerk, nicht einmal zu einem sonderlichen guten Film, aber The Flintstones besitzt Charme und viel Liebe zu seinem Original mit einem gut aufgelegten Ensemble, das es aufgrund seiner buchstäblichen cartoonhaften Figuren nicht leicht hat. Und was das anbelangt, dürften sich die vielen heutigen Comicverfilmungen ruhig eine Scheibe abschneiden.

5.5/10

1. August 2013

Filmtagebuch: Juli

BLADE
(USA 1998, Stephen Norrington)
6.5/10

CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND [DIRECTOR’S CUT]
[UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART]
(USA 1977, Steven Spielberg)

1.5/10

COMIC-CON EPISODE IV: A FAN’S HOPE
(USA 2011, Morgan Spurlock)
6/10

CRITTERS
(USA 1986, Stephen Herek)
7/10

CRITTERS 2: THE MAIN COURSE
(USA 1988, Mick Garris)
5.5/10

CRITTERS 3
(USA 1991, Kristine Peterson)
4/10

CRITTERS 4
(USA 1992, Rupert Harvey)
4/10

E.T. THE EXTRA-TERRESTRIAL [E.T. - DER AUSSERIRDISCHE]
(USA 1982, Steven Spielberg)

7/10

FLIGHT
(USA 2012, Robert Zemeckis)
5/10

GOJIRA [GODZILLA]
(J 1954, Honda Ishirô)

8/10

GODZILLA, KING OF THE MONSTERS!
(USA/J 1956, Honda Ishirô/Terry O. Morse)
3.5/10

GREMLINS
(USA 1984, Joe Dante)
7.5/10

GREMLINS 2: THE NEW BATCH
(USA 1990, Joe Dante)
7.5/10

INSIDIOUS
(USA/CDN 2010, James Wan)
4/10

INTOUCHABLES [ZIEMLICH BESTE FREUNDE]
(F 2011, Olivier Nakache/Eric Toledano)

2.5/10

JAWS [DER WEISSE HAI]
(USA 1975, Steven Spielberg)

10/10

THE MAKING OF STEVEN SPIELBERG’S ‘JAWS’
(USA 1995, Laurent Bouzereau)
6.5/10

ONLY GOD FORGIVES
(USA/T/F/S 2013, Nicolas Winding Refn)
4/10

PAWN STARS - SEASON 3
(USA 2010, Jairus Cobb/Guy Fiorita)
7.5/10

POLTERGEIST
(USA 1982, Tobe Hooper)
7.5/10

SCRUBS - SEASON 1
(USA 2001/02, Adam Bernstein u.a.)
8/10

SCRUBS - SEASON 2
(USA 2002/03, Michael Spiller u.a.)
7.5/10

SCRUBS - SEASON 3
(USA 2003/04, Michael Spiller/Chris Koch u.a.)
8/10

SCRUBS - SEASON 4
(USA 2004/05, Ken Whittingham u.a.)
8/10

THE SHARK IS STILL WORKING
(USA 2007, Erik Hollander)
5.5/10

SHARKNADO
(USA 2013, Anthony C. Ferrante)
1.5/10

THE RUINS [RUINEN]
(USA/AUS 2008, Carter Smith)

6.5/10

TRANCE
(UK 2013, Danny Boyle)
6/10

Werkschau: Guillermo del Toro


CRONOS
(MEX 1993, Guillermo del Toro)
6.5/10

MIMIC [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1997, Guillermo del Toro)

6.5/10

EL ESPINAZO DEL DIABLO [DAS RÜCKRAT DES TEUFELS]
(S/MEX 2001, Guillermo del Toro)

7/10

BLADE II
(USA/D 2002, Guillermo del Toro)
5.5/10

HELLBOY [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2004, Guillermo del Toro)

7.5/10

EL LABERINTO DEL FAUNO [PANS LABYRINTH]
(E/MEX/USA 2006, Guillermo del Toro)

8.5/10

HELLBOY II: THE GOLDEN ARMY
(USA/D 2008, Guillermo del Toro)
7.5/10

PACIFIC RIM
(USA 2013, Guillermo del Toro)
5/10

19. Juli 2013

Jaws

Here lies the body of Mary Lee / Died at the age of 103
For 15 years she kept her virginity / Not a bad record for this vicinity.


Wenn er schon den Mythos vom Hai als Menschenkiller nicht mit seinem zweiten Kinofilm Jaws erschuf, so bestärkte ihn zumindest Regisseur Steven Spielberg vor 38 Jahren. Sein rund acht Meter langer weißer Hai hinterließ nicht nur an den Kinokassen und in der Popkultur bleibenden Eindruck, sondern auch im kollektiven Gedächtnis der Zuschauer. Dabei sind Haie wahrlich keine Menschenmörder, zumindest nicht im Vergleich zu anderen Spezies. Im vergangenen Jahr verliefen bei weltweit 70 Angriffen durch Haie sieben davon tödlich. Allein in den USA starben im selben Zeitraum 38 Personen durch Hunde, vornehmlich Pitbulls. Der Mensch hingegen tötet laut WildAid zufolge jährlich bis zu 100 Millionen Haie.

Die Marke von 100 Millionen überschritt auch Jaws hinsichtlich seines Einspielergebnisses in den USA – was zuvor noch keinem Film gelungen war (One Flew Over the Cuckoo’s Nest sollte es Ende desselben Jahres allerdings ebenfalls schaffen). Bis zur Veröffentlichung von George Lucas’ Star Wars zwei Jahre später war Jaws der erfolgreichste Film aller Zeiten – dabei war er von einer problematischen Produktion geplagt. Im Sommer zuvor hatte man statt wie geplant 55 Tage über fünf Monate an der Ostküste in Martha’s Vineyard verbracht, die Kosten für Jaws hatten sich von rund vier auf neun Millionen Dollar mehr als verdoppelt. Was ein Jahr später folgte, war dann die Geburtsstunde des Sommer-Blockbusters.

Mit geschuldet war dies auch der bis dato unnachahmlichen Bewerbung des Films durch Universal, die nicht nur auf dem Erfolg der gleichnamigen Romanvorlage von Peter Benchley fußte, sondern auch mannigfaltig im Fernsehen geschaltet wurde. Die Antizipation stieg beim Publikum immer mehr und als der Film dann 1975 in 409 Kinos landesweit anlief, stellte er einen weiteren Rekord auf. Jaws lief den ganzen Sommer lang vor ausverkauftem Haus, mit etwaigen Wiederaufführungen in den folgenden Jahren sollte die 9-Millionen-Dollar-Produktion ihren Produzenten rund 470 Millionen Dollar einspielen. Wohl insbesondere diesem Film haben Steven Spielberg und Komponist John Williams ihre Karrieren zu verdanken.

Gerade in Hinblick auf seine Filmografie der vergangenen 20 Jahre sieht man in Jaws recht anschaulich, zu welch mediokrem Regisseur Spielberg seither verkommen ist. “I was more courageous, or I was more stupid. I’m not sure which”, blickte Spielberg selbst in Laurent Bouzereaus The Making of Steven Spielberg’s ‘Jaws’ auf sein damals 26 Jahre altes Ich zurück. Zuvor hatte er für Universal The Sugarland Express abgedreht, die Ähnlichkeiten von Jaws zu seinem Debütfilm Duel weckten dann sein Interesse an dem Projekt. Auf offener See und mit einem mechanischen Hai wollte der junge Spielberg die Romanadaption umsetzen. Ein Erlebnis, das ihm in den kommenden Jahren viele Albträume bescheren würde.

“Had we read it twice”, sagte Produzent David Brown in Bouzereaus Film, “we never would have made Jaws. Als produktionstechnisch zu aufwendig wäre der Film eingeschätzt worden. Zur Legende wurde der obligatorische Funkspruch am Set, dass der mechanische Hai nicht funktionieren würde. Aus der Not – hier zeigt sich mit die Qualität des frühen Spielberg – wurde, wie sich zeigen sollte, eine Tugend gemacht. Die Anwesenheit des Haies deutete man schlicht an: entweder mittels der kongenialen Musik von John Williams und seinem unverwechselbaren Ostinato des Themes oder durch Objekte, die der Hai hinter sich herzog wie Piere, Menschen sowie Fässer. “That really saved us”, bestätigte auch Produzent Richard D. Zanuck.

Die Handlung des Films ist dabei recht simpel. Mitten in der Hochsaison und kurz vor dem Nationalfeiertag des 4. Juli ereignet sich in dem vom Sommertourismus lebenden Inselstädtchen Amity Island ein tödlicher Haiangriff auf eine junge Frau. Während der vom Festland stammende Polizeichef Brody (Roy Scheider) zur Sicherheit den Strand sperren will, möchte Bürgermeister Vaughan (Murray Hamilton) keine Massenpanik auslösen. Weitere Todesfälle rufen infolgedessen den Marinebiologen Hooper (Richard Dreyfuss) sowie den Haifischjäger Quint (Robert Shaw) auf den Plan, mit denen gemeinsam sich Brody daraufhin aufmacht, den riesigen weißen Hai auf offener See zu finden und zu töten.

Im Vordergrund – und daran sind die technischen Probleme am Set nicht unschuldig gewesen – stehen in Jaws die Charaktere, nicht der Hai und auch nicht unbedingt die von ihm ausgehende Bedrohung. Der nach Amity Island gezogene Brody sieht sich nicht nur mit einem Hai-Problem in einem ihm unbehaglichen Element konfrontiert, sondern in Person von Vaughan und den vom Tourismus abhängigen Einwohnern auch einem solchen auf dem Land. “Amity is a summer town. We need summer dollars”, erklärt Vaughan. Die Crux der Situation ist, dass sowohl Brody als auch der Zuschauer in gewisser Weise die Position von Vaughan und der Stadt bezüglich einer Schließung der Strände nachvollziehen kann.

Städte wie Amity Island leben vom Sommertourismus und fällt eine Saison aus, sind womöglich Existenzen gefährdet – und für Vaughan seine Wiederwahl. Zugleich ist auch dem Zuschauer so klar wie Brody, dass der Hai eine ebenso große Gefahr darstellt – für den Tourismus wie das Wohl der Badenden. Die ersten zwei Akte von Jaws auf Amity Island sind somit in gewisser Weise fast ein Film für sich, voll von lokalpolitischen Untertönen und Existenzangst in doppelter Hinsicht. Mit Brody als Identifikationsfigur kann sich das Publikum auf einer Wellenlänge „hinaus ins Meer“ wagen: Von seiner ersten impulsiven Entscheidung über seine folgende passive Akzeptanz bis hin zu seiner aktiven Kehrtwende.

Der Hai fungiert gerade in der ersten Filmhälfte fast als Chimäre, eine unsichtbare Gewalt, die sich bloß über ihre Opfer nachvollziehen lässt. Dass das Tier nicht zu sehen ist, steigert die (An-)Spannung nur umso mehr. Von der Untersichtaufnahme Chrissies zu Beginn über die Pierattacke auf Denherder und Charlie bis zum Ableben des Kintner-Jungen. Erst bei seinem Angriff im Ästuar erhält man als Zuschauer einen wirklichen Eindruck vom Umfang des Haies. Und trotz seines damaligen PG-Ratings schafft es der Film überraschend gekonnt einige minimale aber dennoch effektive Gore-Szenen abgetrennter Körperteile zu zeigen, sei es Chrissies Unterarm, Ben Gardners Kopf oder das Bein des Ästuar-Seglers.

Dienen die ersten beiden Akte der dramatischen Exposition und sind dahingehend von nicht zu leugnenden Horrorelementen durchzogen, läutet Spielberg das Schlussdrittel mit John Williams’ vergnüglichem, an einer Piratenthematik orientierten, Stück „Out to Sea“ als von einem Abenteuercharakter durchzogenes Finale ein. Die vier Hauptfiguren – Brody, Hooper, Quint und der Hai – sind nunmehr unter sich und auf sich allein gestellt. “This isn’t no boy scout picnic”, grummelt Quint. Auf hoher See nimmt Jaws dann mehr seiner Qualitäten von Moby Dick an, wenn der Hai nach und nach die Orca überprüft, während die drei Männer erst ein und dann immer mehr Luftfässer in seine Finne und Rücken jagen.

Die auf- und abtauchenden Fässer des sich immer wieder nähernden und entfernenden Haies tragen zur Dramatik weit mehr bei als es Spielbergs mechanischer Animatronic vermocht hätte. Auch hier nimmt sich der Regisseur die Zeit, die Hai-Szenen durch intensive Charaktermomente zu unterbrechen. Der abendliche Narbenvergleich zwischen Hooper und Quint ist inzwischen längst Teil der Popkultur und wurde sowohl in Lethal Weapon 3 als auch in Chasing Amy zitiert. Derweil ist Spielbergs persönliche Lieblingsszene jener Indianapolis-Monolog von Quint, der auf einer Idee von Skript Doktor Howard Sackler basierte, die von John Milius erst aus- und von Robert Shaw schließlich nochmals überarbeitet worden war.

In gewisser Weise reißt somit Shaw, dessen Figur bis auf eine Szene weitestgehend abwesend war, im dritten Akt gemeinsam mit der verstärkten Präsenz des Haies das Geschehen an sich. Das Moby Dick-Motiv nimmt immer mehr zu und kulminiert letztlich in Shaws Tod durch das Tier. Unterdessen war der zuvor agierende Brody immer mehr in den Hintergrund gerückt und wird erst zum Schluss wieder richtig aktiv als alles verloren scheint. Die Dramaturgie will es, dass der Antagonist des Films am Ende weder vom Haifischjäger noch vom Meeresbiologen gestoppt wird. Vielmehr ist es der auf Amity Island nach Frieden suchende Polizist aus New York, der das enorme Biest zur Strecke bringen muss.

Wenn man so will, ist Marcus Brody also der Antiheld der Geschichte. Der vor den grausamen Morden des Big Apple flieht, um im beschaulichen Inselstädtchen mit nicht minder verunstalteten Leichen konfrontiert zu werden. Roy Scheider gibt seinen Polizeichef dabei als vernünftigen Normalo und fürsorglichen Vater. Ein every man, wie er später in nahezu jedem Spielberg-Werk auftauchen wird. Auch Robert Shaw, Murray Hamilton und Richard Dreyfuss überzeugen in ihren jeweiligen Rollen, wobei man als Zuschauer dankbar sein muss, das sich Spielberg gegen die Darstellung der Affäre zwischen Hooper und Ellen Brody (Lorraine Gary) – wie in Peter Benchleys Roman geschildert – entschieden hat.

Interessanterweise scheinen es, vielleicht auch nur in den 1970er Jahren, jene Filme mit großen Problemen in der Produktion wie Jaws, The Godfather oder Apocalypse Now zu sein, die infolgedessen statt zum Flop zu Meisterwerken der Filmgeschichte avancierten. Wie sich zeigte, sollte zumindest Jaws von seinen Verzögerungen letztlich profitieren, was sich neben der angedeuteten Präsenz des Haies auch in so manchen improvisierten Szenen – darunter Scheiders Kultzitat “You’re gonna need a bigger boat” – niederschlug. Durch die oft im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallenen Einstellungen konnten Darsteller und Drehbuchautor Carl Gottlieb vor Ort kontinuierlich am Endprodukt feilen.

Der fertige Film und sein kulturelles Erbe wirken da natürlich wie Balsam, dennoch verschleierte Spielberg nie, dass neben einem lachenden auch ein weinendes Auge existiert. “A fun movie to watch”, nennt er Jaws da völlig korrekt, “but not a fun movie to make”. Der Zweck heiligt die Mittel, ließe sich wohl sagen. Jaws ist ein Film, der auch nach bald 40 Jahren nichts von seiner Klasse eingebüßt hat und fraglos zu Spielbergs wenigen wirklichen Meisterwerken zählt. Und genau genommen gewinnt der Film nur noch mehr an Qualität, wenn man sich anschaut, welche Filme der Regisseur heutzutage macht. Weshalb Steven Spielberg gut daran täte, mal wieder den mutigen 26-Jährigen von einst in sich herauszukitzeln.

10/10

1. August 2012

Filmtagebuch: Juli 2012

BAND OF BROTHERS
(USA 2001, David Frankel/Mikael Salomon u.a.)
6/10

HIGHWATER
(USA 2009, Dana Brown)
5/10

THE HUNTER
(AUS 2011, Daniel Nettheim)
5.5/10

INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM
(USA 1984, Steven Spielberg)
7.5/10

INDIANA JONES AND THE LAST CRUSADE
(USA 1989, Steven Spielberg)
8.5/10

JURASSIC PARK
(USA 1993, Steven Spielberg)
8.5/10

LAKE OF FIRE
(USA 2006, Tony Kaye)
7/10

MAGIC MIKE
(USA 2012, Steven Soderbergh)
6/10

OZ - SEASON 1
(USA 1997, Darnell Martin u.a.)
8/10

OZ - SEASON 2
(USA 1998, Jean de Segonzac u.a.)
7.5/10

OZ - SEASON 3
(USA 1999, Nick Gomez u.a.)
7.5/10

OZ - SEASON 4
(USA 2001, Adam Bernstein u.a.)
7.5/10

OZ - SEASON 5
(USA 2002, Alex Zakrzewski/Adam Bernstein u.a.)
7.5/10

OZ - SEASON 6
(USA 2003, Adam Bernstein u.a.)
7.5/10

RAIDERS OF THE LOST ARK
(USA 1981, Steven Spielberg)
8.5/10

RAMPART
(USA 2011, Oren Moverman)
6/10

SAFE HOUSE
(USA/ZA 2012, Daniel Espinosa)
4.5/10

SCHLÄFER
(D/A 2005, Benjamin Heisenberg)
5.5/10

SEDMIKRÁSKY [TAUSENDSCHÖNCHEN]
(CZ 1966, Vera Chytilová)
7.5/10

SOLDIERS OF FORTUNE
(USA 2012, Maxim Korostyshevsky)
6/10

YOUNG ADULT
(USA 2011, Jason Reitman)
6.5/10

20. März 2011

Wait a Second... - Saving Private Ryan

FUBAR.

Mit Saving Private Ryan legte Hollywood-Regisseur Steven Spielberg endlich seinen eigenen Combat-Film vor. „Combat stories“, das sind Geschichten, die Spielberg im April 1998 in einem Artikel (Of Guts and Glory) des Magazins Newsweek als „tunes of glory“ bezeichnete. “Maybe this is why I became such a war-movie fanatic”, so Spielberg. Und im Nachhinein kann man bestätigen, Saving Private Ryan bietet beides: Eingeweide (das Wortspiel mit Mumm außen vor gelassen) und Ruhm. Zuvorderst ist Saving Private Ryan jedoch ein grauenvolles Stück cineastischer Pathos-Mist, mit einer Geschichte, die selten wirklich Sinn macht und Szenen, die einen mit verständnislosem Blick zurücklassen.

Nach dem kitschigen Opening, in dem ein alter Mann über den Normandy American Cemetery watschelt, ehe er mit himmelsblau-wässrigen Augen an einem Kreuz zu Boden kniet, wirft Spielberg den Zuschauer in eine grausig-unsinnige D-Day-Szene, die seither vom Publikum wie Kritikern gottgleich verehrt wird. Es ist eine pseudo-authentische Sequenz, die mit gorigen Gewaltszenen kokettiert, um sich als „true-war-reality“ anbiedern. Nach dem Motto: Genau so sieht Krieg aus. Für all diejenigen, denen es nie vergönnt war, die „tunes of glory“ von WW2 live-in-action zu hören.

Während der Landung an Omaha Beach zeigt sich, dass die Nazis offenbar von einer Invasion ausgingen. Zumindest installierten sie MG-Stände, mit denen sie - ausgesprochen effektiv - die anstürmenden US-Soldaten wegpusten wie Fliegen mit einem Fön. Spielbergs Bilder erwecken den Eindruck, dass allenfalls zehn Prozent der Männer überleben. Wer nicht bereits auf dem Schiff abgeknallt wird, ertrinkt durch das Gewicht seiner Ausrüstung, wird von Flammenwerfern vertilgt oder sucht händeringend nach seinen abgeschossenen Extremitäten. Mühsam retten sich Tom Hanks und Mannen in Deckung, doch wie sie es schaffen sollen, den Tag zu überleben, geschweige denn die MG-Stationen der Nazis einzunehmen, bleibt zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel. Wie dem auch sei, die Männer schaffen es, sich über den Strand hinter eine Sandbank zu retten.

Nun stellt sich mir, als jemand, der nie Wehrdienst geleistet hat, die Frage: Warum ist da eigentlich eine Sandbank, hinter der sich jemand vor den MG-Salven der Nazis verstecken kann? Haben die Nazis die Sandbank aufgeschippt? Und wenn ja: wieso? Warum schippt jemand eine Sandbank, hinter der er mit seinen MG-Salven niemanden mehr erschießen kann und hinter denen auch keine eigenen Männer positioniert sind? Oder anders: Warum wurde die Sandbank, wenn man sie schon aufschippt, nicht mit Sprengsätzen versehen? Warum gibt es keine Luftunterstützung, die die Nazis, aber insbesondere die Alliierten gebrauchen könnten? Die offizielle Seite der US-Army gibt an, dass sie am D-Day immerhin 13.000 (!) Flugzeuge zur Luftunterstützung hatten - hätte bei 5.000 Landungsbooten nicht pro Schiff ein Flugzeug abgestellt werden können? Wie gesagt, ich wurde ausgemustert, aber bei Anblick dieser Szene erscheint mir, als hätten die Nazis Omaha Beach irgendwie... besser schützen können.

Die Inkompetenz der Nazis scheint jedoch Voraussetzung dafür zu sein, dass die Invasion bei Spielberg gelingt. Denn als ein Verwundeter von 3 Sanitätern, darunter auch Giovanni Ribisi, versorgt wird, schützen diese den Verwundeten zuerst vor einer MG-Salve, die mit einem bereits verstorbenen G.I. abgefangen wird, ehe der Verwundete selbst jedoch durch einen Kopfschuss getötet wird. Die drei vor ihm knienden Sanitäter bleiben unverletzt und das obschon sie vollkommen ungeschützt sind. Die Nazis treffen sie nicht, dabei ließ sie Spielberg zuvor mindestens zwei Mal genau in ihre unmittelbare Nähe schießen. Vermutlich waren es einfach ziellose Schüsse, wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Szene lediglich dazu dient, Ribisi als emotional-involvierten Sanitäter einzuführen.

Nachdem jedenfalls Tom Hanks und seine Männer die Sandbank erreichen, stürmen sie in schnellen Zügen den Hügel. Mit der Kreativität eines MacGyver bastelt Hanks aus einem Messer, einem Spiegel und dem Kaugummi von Adam Goldberg einen Handspiegel, um mit diesem die Position und Zahl der Nazis auf einer Erhöhung auszuspähen. Im Folgenden erklärt Hanks seinem Scharfschützen Barry Pepper, dass dieser die Nazis außer Gefecht setzen soll. Was dieser dann tut, weshalb die Szene durchaus auch der Überwältigung der Nazis dient, zuvorderst jedoch der Talentschau von Peppers später noch wichtigen Geschick am Gewehr.

Anschließend geht es ziemlich schnell. In wenigen Zügen nehmen Hanks’ Männer den Strand ein. Die Nazis werden erschossen, verbrannt und bestohlen - die Invasion ist geglückt. Zu welchem Preis, zeigen einige Halbtotalen, von denen eine auf einem toten Soldaten endet, dessen Name als „Ryan“ enthüllt wird. Es folgt ein Schnitt in die Heimat, in ein Großraumbüro voller Tippsen, die die Beileidsbekundungen an die Familien schreiben. Auf einer von ihnen ruht schließlich die Weitwinkelaufnahme (inklusive Anschnitt). Die gute Frau tippt einen Brief und hält plötzlich inne. Denn tief in ihren Erinnerungen weiß sie: Da war doch irgendwas.

Der Name der adressierten Person kommt ihr scheinbar bekannt vor und sie sucht in ihren Unterlagen nach einem weiteren Brief. Als sie ihn findet, begutachtet sie ihn und beide Briefe haben wohl etwas gemeinsam.

Die Tippse hat die Bestätigung und sie erinnert sich nochmals an etwas.

Deshalb steht sie auf und geht zu ihrer Kollegin, kramt in deren Unterlagen (ohne dass die Kollegin diese Handlung kommentiert, geschweige denn registriert) und stößt auf einen weiteren Brief. Es sind drei Briefe an Mrs. Ryan, die vom Tod dreier Söhne berichten. Was verwundert, ist die Choreographie dieser Szene. Zwar hab ich keine Daten, wie viele Briefe jede Tippse in Zeiten des Krieges täglich getippt hat, aber ich schätze, es waren viele (alleine am D-Day starben laut dem D-Day Museum 1.465 US-Soldaten). Dass unsere Tippse also einen Brief mit „Ryan“ mit einem anderen Brief mit „Ryan“ in Verbindung bringt, den sie zuvor geschrieben hat, nehme ich Spielberg noch ab. Warum aber den dritten Brief einer anderen Tippse geben? Woher weiß unsere Tippse, dass ihre Kollegin ebenfalls an eine „Mrs. Ryan“ geschrieben hat? Erzählen die sich das in der Mittagspause? Vielleicht hat unsere Tippse den Brief ja selbst geschrieben, an einem früheren Tag. Warum aber an einem anderen Schreibtisch? Die Tippsen sitzen wohl jeden Tag anders in diesem Großraumbüro...

Mit den drei Briefen geht die Tippse jedenfalls zu ihrem Chef. „Schauen Sie, Chef. Drei Briefe, alle an dieselbe Frau“. Was ist der Hintersinn dieser Aktion? Weiß unsere Tippse, dass es einen vierten Sohn gibt? Oder mutmaßt sie, dass es einfach noch mehr Söhne gibt? Macht sie sich Sorgen, dass Mrs. Ryan alle Briefe am selben Tag erhält? Wie dem auch sei, die Szene will nicht überzeugen. Vor allem, weil die Söhne zu unterschiedlichen Zeiten starben, der dritte Bruder eine ganze Woche vor den anderen Beiden. Wie lange hebt die US-Armee die Briefe auf? Werden die lediglich ein Mal die Woche raus gesendet? Erst wenn alle/genug Familienmitglieder tot sind? Fiel der eine Bruder vor einer Woche, doch der Brief konnte erst gestern geschrieben werden? Fragen über Fragen.

Es folgt eine nutzlose, aber emotional-gewichtige Szene aus dem Hause Spielberg. Die Vorstellung, dass Mrs. Ryan die Briefe bekommt, kann der Zuschauer nicht visualisieren. Deswegen macht Spielberg das. Und um der Szene mehr Gewicht zu verleihen, wohnt Mrs. Ryan am Arsch der Welt, mitten in der Pampa. Dass das so ist, hat einen einfachen Grund.

Dadurch, dass die gute Mrs. Ryan so weit ab vom Schuss lebt, kann Spielberg die Darstellerin einfangen, wie sie das sich ihrem Haus nähernde Auto bemerkt. Und weil sie am Arsch der Welt lebt, ist ein Auto, das zu ihr fährt, in Kriegszeiten mit 4 involvierten Söhnen kein gutes Zeichen.

Nachdem die arme Frau zusammenbricht, wechselt die Kamera wieder zurück zum Militär. Zuvor war der Chef der Tippse mit den Briefen zu Bryan Cranston gegangen - seinem Chef. Und der ging damit wiederum zu seinem Chef - General of the Army George Marshall. Als der von dem Tod dreier Söhne einer Mutter erfährt, stapft er zu seinem Schreibtisch. Dort greift er zielsicher nach einem Buch, in dem ein Brief von Abraham Lincoln steckt. Passend zum Thema ist es ein Beileidschreiben an die Mutter von 5 Söhnen, die im Bürgerkrieg gefallen waren. Wie zufällig hat Marshall diesen Brief griffbereit. Er liest ihn vor, um ihn dann vollends frei aus dem Gedächtnis zu rezitieren. Aber warum macht er das? Warum liest er überhaupt vor, wenn er Lincolns Worte sowieso auswendig kann? Warum holt er überhaupt den Brief, wenn er die Worte auswendig kann?

Und viel wichtiger, was ist der Sinn des Briefes? Lincoln hebt hervor, dass die Mutter Trost finden kann, dass ihre Söhne für die Erkämpfung der Freiheit starben (“the solemn pride that must be yours to have laid so costly a sacrifice upon the altar of freedom“). Was der Brief wiederum damit zu tun hat, dass Mrs. Ryans vierter Sohn von der Front gerettet wird, ist nicht klar, da Marshall dies niemandem im Raum erklärt. Die Tatsache, dass er den Brief auswendig kann, legt nahe, dass der Inhalt ihm wichtig ist. 3 tote Söhne sind genug, der 4. muss am Leben bleiben. Dies wirft wiederum die Frage auf, warum die Armee überhaupt 4 Söhne einer Familie einzog, die nur 4 Söhne hat? Ging man davon aus, dass in einem Weltkrieg keiner von ihnen stirbt? Oder allenfalls einer? Oder zwei? Gibt es einen Plan, dass bei 75 Prozent Ausfall einer Familie der Rest nach Hause darf? In diesem Moment wird die gesamte Prämisse des Filmes (Rettet Soldat Ryan!) eingeführt - ohne dass sie Sinn macht.

Wie dem auch sei, die Handlung wendet sich wieder dem Geschehen in der Normandie zu. Tom Hanks geht zu seinem Vorgesetzten, Dennis Farina, und erstattet diesem Bericht. 35 Tote habe seine Truppe zu verzeichnen, was erstaunlich wenig erscheint, angesichts der gorigen Anfangssequenz. Also zurückgespult und nachgeschaut. Denn nach meiner Rechnung sterben am D-Day mindestens 36 Soldaten aus Hanks’ Einheit. Und dabei wurden nur diejenigen berücksichtigt, von denen ich anhand der Bilder auch wirklich überzeugt bin, dass sie tot waren oder tödlich verletzt wurden. Wie die ersten Männer, die beim Verlassen des Schiffs sterben.

Nicht mitgezählt wurden dabei zum Beispiel der Soldat, dem ein Bein weggesprengt wird oder sein Kollege, der einen Arm vermisst.

Auch diese Soldaten, die in Flammen aus ihrem Boot den Strand stürmen, wurden gnädiger Weise als „verletzt, aber lebendig“ katalogisiert. Aber gut, die Bilder sind bisweilen sehr rasch geschnitten, die Handlung nicht minder temporeich. Vielleicht habe ich auch schlichtweg falsch gezählt.

Vielleicht ist ja einer von den beiden hier nicht tot.

Oder er hier.

Möglicherweise hat er überlebt.

Oder der Funker, dem das halbe Gesicht weggesprengt wird. Dabei ist es im Grunde auch nicht so wichtig, ob dieser Soldat, der nach einem Streifschuss an seinem Helm diesen abnimmt und per Kopfschuss getötet wird, nun der 35. oder 36. Tote ist. Er ist auf jeden Fall der letzte G.I. aus Hanks’ Truppe, der in der Anfangssequenz sein Leben lässt. Was bemerkenswert ist, da zu diesem Zeitpunkt lediglich etwas mehr als die Hälfte der Omaha-Beach-Sequenz abgelaufen war. Die Stürmung des Küstenhangs verläuft folglich ohne einen Verlust auf eigener Seite. Und was ebenfalls bemerkenswert ist: Die Szene mit dem Toten Nr. 35 bzw. 36 untermauert erneut, wie inkompetent die Nazis eigentlich sind. Nachdem der erste Schuss den Helm des Soldaten streift, folgt kurz darauf ein nahezu identischer Schuss, der ihn zwischen die Augen trifft.

Das suggeriert zumindest ein Schema, welches die Nazis jedoch zuvor vermissen ließen, als sie die 3 Sanitäter nicht treffen konnten.

Erstaunlich gering ist auch die Zahl der lediglich 35 Toten, wenn man eine der Halbtotalen betrachtet, ehe die Handlung zur Tippse driftet. Allein in einer (!) dieser Einstellungen lassen sich 20 Tote ausmachen (dazu kommen noch die beiden Toten bei den Sanitätern, die drei Toten im Wasser, die drei Toten durch die Explosion des Flammenwerfers, der vermeintliche Tote mit ausgequillten Eingeweiden, sowie die zwei Soldaten, die in Hanks’ Armen sterben - insgesamt also schon 31 Tote).

Aber die Szene zwischen Hanks und Farina ist auch in anderer Hinsicht interessant. Denn nachdem Hanks mit der eigentlichen Mission beauftragt wird, fragt er seinen Untergebenen, Tom Sizemore, namentlich nach einem Dolmetscher (Beasley). “Beasley’s dead“, erklärt Sizemore. Hanks fragt dann, erneut namentlich, nach einem anderen Dolmetscher (Talbot). Auch der ist verstorben. Angesichts der gerade gegenüber Farina berichteten Zahl der 35 Toten und der Tatsache, dass Hanks wie ein Captain erscheint, der mit seinem Männern vertraut umgeht (in einer späteren Szene reminiszieren Sizemore und Hanks einen Soldaten namens Vecchio), liegt die Vermutung zumindest nahe, dass er sich die Liste mit den 35 Toten angesehen hat - und scheinbar seine zwei Dolmetscher nicht darunter fand. Also waren die Dolmetscher zum Zeitpunkt der Erstellung der Liste noch am Leben, ihr Versterben impliziert, dass sie zu den rund 70 Verletzten gezählt haben dürften. Die Frage, warum Hanks einen Soldaten mit auf seine Mission nehmen will, der verletzt ist, wird wahrscheinlich dadurch entkräftet, dass er wohl wusste, dass die Beiden nicht tot waren, aber nicht mitgeteilt bekam, dass sie verletzt waren. Nehmen wir dies mal an, wobei unabhängig davon die Szene lediglich den Sinn hat, dem Publikum zu erklären, warum Jeremy Davies nun neu zur Einheit stößt.

Dieser ist wiederum am Leben geblieben, was auch dank seinem Geständnis, seine Waffe seit der Grundausbildung nicht mehr abgefeuert zu haben (“I’ve never been in combat“), wohl so zu verstehen ist, dass er erst nach Stürmung von Omaha Beach an Land gebracht wurde. Dann wäre jedoch die Frage, warum dies bei Hanks’ beiden Dolmetscher nicht der Fall war? Vielleicht, weil Davies ein ausgebildeter Dolmetscher ist und die Soldaten von Hanks eher zufällig dreisprachig waren. Oder die Dolmetscher in der US-Armee werden einfach unterschiedlich behandelt...

Die Spezialeinheit von Hanks trabt mit seinen acht Mitgliedern nun also Richtung Neuville los, auf der Suche nach dem Soldaten James Ryan, dessen genauen Aufenthaltsort die Armee allerdings nicht kennt, sondern lediglich mutmaßt (“They think he’s up there somewhere part of all those airborne misdrops”). Scheinbar ist Hanks am Omaha Beach also noch die Person, zu der man am besten Funkkontakt hat, um ihr den Rettungsauftrag zu geben (folgerichtig sind alle Einheiten Richtung Landesinneres kommunikativ von Washington und Omaha Beach abgeschnitten). Und weil Davies die neue Figur ist, kann er dem Zuschauer als Identifikationsfigur dienen, indem er den anderen Charakteren Fragen stellt. Zum Beispiel Vin Diesel, der erklärt, Davies solle Hanks nicht salutieren, weil er ihn damit gegenüber den Nazis als Captain entlarvt.

Wäre Jeremy Davies nun eine richtige, eine dreidimensionale Figur, würde sie Vin Diesel darauf hinweisen, dass Hanks’ Helm im Gegensatz zu allen anderen Mitgliedern der Truppe ein weißes Zeichen aufgemalt bekommen hat, welches ihn vermutlich als Captain für andere Soldaten im Getümmel kenntlich machen soll. Wie bereits erwähnt, ich wurde ausgemustert, aber wäre ich ein Soldat, der acht Soldaten ausmacht, von denen einer eine weiße Markierung am Helm hat, würde ich mir denken, dass dies irgendeinen Grund haben wird - vermutlich den, dass er der Captain ist.

Die Szene dient auch dazu, dass endlich mal einer - es ist Edward Burns - die Idiotie der aufgetragenen Mission anspricht. Warum werden acht Leben aufs Spiel gesetzt, um ein einziges zu retten? Dies könnte eine interessante Szene sein, haben wir hier doch eine aufgesprengte Sub-Einheit, wo man also Butter bei die Fische geben kann. Aber ähnlich wie später in Munich, als sich Israelis und Palästinenser begegnen, nutzt Spielberg diesen Moment nicht. “Where's the sense of riskin’ the lives of the eight of us to save one guy?”, fragt Burns also. “We all have orders, we have to follow”, antwortet Hanks brav und ergänzt: “That supersedes everything, including your mothers”. Das Folgen des Befehls, egal wie bescheuert dieser ist, überragt also auch die Gefühle der Mütter von Hanks’ Einheit (allerdings nicht die von Mrs. Ryan). Und mit dieser Äußerung ist das Thema für den weiteren Verlauf des Filmes gegessen.

Es geht also weiter. Die Truppe kommt an ein zerschossenes Dorf und trifft auf Paul Giamatti. Dessen versprengte Hälfte seiner Einheit auf der anderen Seite des Dorfes könne sagen, wo Ryan ist. Als die Einheit unterwegs auf eine französische Familie stößt und diese darum bittet, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen, verlässt Vin Diesel die Pfade der Mission und bezahlt diese Entscheidung letztlich mit seinem Leben.  

Ein deutscher Scharfschütze verwundet ihn tödlich und wird anschließend von Barry Pepper und seinem guten Auge (“put me and this here sniper rifle anywhere up to and including one mile from Adolf Hitler... with a clean line of sight... Pack your bags, fellas. War’s over“) weggeballert.

Diese Szene hat drei Bedeutungen. Zum einen wird erneut untermauert, wie talentiert Pepper ist und zum anderen zeigt sich erneut, wie emotional involviert Ribisi auftritt, ohne Rücksicht auf das eigene Wohl. Des Weiteren wird deutlich, was passiert, wenn man nicht der Mission folgt (“We’re not here to do the decent thing, we’re here to follow fucking orders!”).

Die Situation scheint bereinigt, Ted Danson führt Hanks zu Private Ryan, der in Form von Nathan Fillion antrabt und in Tränen ausbricht, als ihm gesagt wird, das seine Brüder tot seien. Natürlich hat Fillion nicht nur einen Bruder, sondern diese gleich in Mehrzahl - sonst funktioniert die Szene nicht. Spielberg nutzt das Missverständnis zur humoristischen Auflockerung (darum kommt die Szene aufgrund von Fillions Spiel nicht herum). Einem treudoofen Soldaten wird zur Erheiterung des Zuschauers erzählt, dass seine zwei kleinen Brüder tot sind. Ob Spielberg einen solch niveaulosen Gag gebraucht hat? Interessant ist jedoch, dass man offensichtlich James Francis Ryan und James Frederik Ryan leicht verwechseln kann. Wie viele „James F. Ryan“ gab es wohl im Zweiten Weltkrieg? Zumindest zwei.

Jedenfalls genug, dass Verwirrung an der Front aufkommt, nicht jedoch bei unserer Tippse in der Heimat, die 1 und 1 und 1 zusammenzählen konnte.

Erfolglos ruht sich die Truppe in einer Kirche aus, wo Hanks mit Sizemore in Erinnerungen an einen ehemaligen Soldaten namens Vecchio schwelgt, den Hanks ebenso wie Diesel für weitaus wertvoller hält als Ryan. “I wouldn’t trade ten Ryans for one Vecchio or one Caparzo“, sagt er und offenbart, dass er selbst die Mission für panne hält. Nach einer Stunde Laufzeit gesteht die vermeintliche Hauptfigur also, dass die Prämisse des Filmes sinnlos ist. “This Ryan better be worth it. He’d better go home and cure some disease or invent a longer-lasting light bulb or something“, heizt Hanks die zukünftigen Erwartungen an den zu rettenden Ryan an.

Dass Hanks sich übrigens nicht nur an Vecchio erinnert, sondern auch genau weiß, wie viele Soldaten unter seinem Kommando ihr Leben ließen (94, was wiederum bedeutet, dass er allein davon an Omaha Beach verloren hat), unterstützt meine Vermutung, dass er sich erkundigt hat, wer zu den 35 Gefallenen gehört hatte und seine beiden Dolmetscher ursprünglich nicht zu diesen gehört hatten. Egal, die Mission geht weiter.

Ähnlich wie zuvor Vin Diesel muss auch dem nächsten Toten erst ein Sympathiedenkmal errichtet werden. Bei einer abgestürzten Einheit (passenderweise mussten für einen General 22 Soldaten ihr Leben lassen, weil er seinen Jeep kugelsicher machte, das Flugzeug das Gewicht jedoch nicht tragen konnte) suchen Hanks und Co. nach Ryans Erkennungsmarke unter deren Verstorbenen. Bis Ribisi heranstürmt und sie dafür scheltet.

Dies führt bei Hanks zur Besinnung, unter den anwesenden Soldaten einfach mal wahllos wie nach einem verlorenen Kind nach Ryan zu rufen.

Natürlich reagiert sofort jemand, weil an der Front einfach jeder jeden kennt und es ja genug Soldaten namens „Ryan“ gibt. Und ironischer Weise ist es ein G.I., der nicht richtig hören kann, der auf Hanks’ Ruf antwortet.

Die Truppe kann nach neuen Angaben also weiterziehen. Und weil Spielberg jetzt einen Zwischenschnitt gebraucht hat und die ohnehin alle gleich aussehen, hat er der Einfachheit halber einen aus dem ersten Drittel eingefügt, in dem acht Soldaten, also auch der inzwischen verstorbene Vin Diesel, zu sehen sind. Aber gut, sowas kann passieren. Geschenkt.

Dann stößt die Einheit auf einen Stützpunkt, der von Nazis besetzt ist. Plötzlich will Hanks deren MG in Beschlag nehmen, damit ihm keine andere Einheit zum Opfer fällt. Seine Männer weisen ihn darauf hin, dass dies nicht zu ihrer Mission gehört (“I mean, this isn’t our mission, right, Sir?”).

Und was passiert, wenn man von der Mission abweicht, hat man zuvor durch das eigen deswegen geschriebene Szenario mit Diesel gesehen.

Aber Hanks setzt sich durch und stürmt die Anhöhe mit den anderen.

Bis auf Jeremy Davies, der zurückbleibt, während Ribisi, der Sanitäter, mit angreift. Erneut, ich wurde ausgemustert, aber warum stürmt der einzige Sanitäter einer Einheit eine Anhöhe mit MG, vor allem, wenn gleichzeitig der bis zu diesem Zeitpunkt (und auch anschließend noch) total überflüssige Dolmetscher zurückbleibt? Wäre es nicht schlauer, der Sanitäter bleibt zurück, falls einer der anderen verletzt wird? Oder nicht?

Stattdessen wird also Ribisi angeschossen und erliegt seinen Verletzungen. Er ist der zweite G.I. der Einheit, der sein Leben lassen musste, weil man von der eigentlichen Mission abwich. Er ist der Zweite, der sterben musste, um den Soldat James Ryan nach Hause zu bringen. Aber warum war es eigentlich notwendig, dass die gesamte Einheit die Anhöhe stürmt?

Hätte Barry Pepper nicht einfach die Deutschen abknallen können? Hat man ihn nicht als Super-Scharfschützen eingeführt, der an Omaha Beach die Stürmung der Nazi-Stützpunkte erst ermöglichte und der zuvor den deutschen Scharfschützen in Neuville erledigte? Warum konnte Pepper nun nicht einfach die Nazis der Anhöhe töten, anstatt dass alle diese stürmen?

Hanks wiederum hat nun miterlebt, was passiert, wenn man nicht der Mission folgt. Menschen sterben. Währenddessen planen die anderen, den überlebenden Nazi zu exekutieren, was jedoch Davies versucht, zu verhindern. Dass die US-Soldaten, die einfach nur Befehlen folgen, dies bei ihrem Gegner nicht als Ausrede gelten lassen wollen, beziehungsweise dies nicht in Saving Private Ryan thematisiert wird, ist legitim. Muss auch nicht sein. Spielberg plant ja keinen Diskurs über den Krieg (wie Terrence Malicks The Thin Red Line), sondern er lauscht den „tunes of glory“.

Dank Hanks’ Rückbesinnung wird der Nazi also freigelassen, was Ed Burns nicht so recht akzeptieren mag und weswegen Tom Sizemore droht, Burns hinzurichten. Die Situation droht zu eskalieren, ehe Hanks einschreitet. Er verrät, woher er kommt und was er macht und das beruhigt alle, weil alle das wissen wollten (das weiß der Zuschauer durch Jeremy Davies’ Integration in die Handlung). Burns, der eigentlich die Mission desertieren wollte, wird zum Bleiben bewegt, weil Hanks ihm sagt: “I just know, that every man I kill, the farther away from home I feel“. Eine bewegende Aussage. So menschlich. Und so sinnlos, so irgendwie. Weil Hanks mitteilt, dass ihm der Krieg egal ist, dass er einfach nur nach Hause will. Und das die Rettung von Ryan dafür sorgen kann. Dabei wurde das zuvor nirgends bestätigt, weder von Marshall, noch von Farina. Niemand hat gesagt, dass Hanks und Co. nach Hause dürfen, wenn sie Ryan finden. Was für mich als Ausgemusterten wenig Sinn macht, dass man einen Weltkrieg führt und nicht nur einem, sondern neun Soldaten ein Ticket nach Hause schenkt.

Dieses Geständnis von Hanks, dass er einfach nur nach Hause will, verwundert. Schließlich leidet er, so wird zumindest suggeriert, an Parkinson. Und dass die Armee einen Soldaten, der an Parkinson leidet, kämpfen lässt, erscheint mir als Ausgemusterten unwahrscheinlich.

Die Mission geht weiter, die Einheit stößt auf einen deutschen Panzer. Und Hanks, den die Tötung jedes Mannes weiter weg von Zuhause fühlen lässt, mäht keine vier Minuten nach dieser Äußerung Nazis weg, ohne ihnen die Chance auf Ergebung zu gewähren. Aber gut, dieser Mann hat einen Krieg zu kämpfen, da driften Wort und Tat gerne mal etwas auseinander.

Wie der Zufall so will, finden Hanks und Co. nun jedenfalls Ryan. Doch der will nicht nach Hause geschickt werden, sondern mit seiner Truppe eine Brücke in einem leeren und zerstörten Dorf beschützen. Anstatt der Mission zu folgen (und Hanks hat nun bereits mitbekommen, was die Konsequenz ist, wenn man nicht der Mission folgt), bleiben Hanks und Co. ebenfalls im Dorf. Und unterstützen die Verteidigung der Brücke, während gleichzeitig Ryans Leben beschützt werden soll. “Someday we might look back on this and decide that saving Private Ryan was the one decent thing we were able to pull out of this God-awful shitty mess“, überzeugt Sizemore seinen Captain. Was die Frage aufwirft, ob es nicht auch nobel gewesen wäre, hätte man Ryan seinem Schicksal überlassen und dafür wären Diesel und Ribisi am Leben geblieben? Scheinbar nicht. Bisher sind jedenfalls zwei Männer für Ryan gestorben und es ist unklar, wer noch alles sterben wird oder ob Ryan die Mission überhaupt überlebt.

Alle bereiten sich nun jedenfalls auf die Verteidigung der Brücke vor und Hanks behauptet erneut, dass die Überlebenden durch die Rettung von Ryan nach Hause dürfen (ob das so ist, bleibt weiterhin unklar). Und weil der Zuschauer eigentlich nichts von diesem James Ryan weiß, baut Spielberg noch einen Dialog zwischen Matt Damon und Tom Hanks ein, in welchem Damon mit seinem Pferdegebiss-Lächeln eine Geschichte über seine Brüder erzählt, die uns die Figur nahebringen soll, ohne das dies auch nur ansatzweise so gelingt wie beim Mädchen-rettenden Diesel oder dem moralisch integren Ribisi. Damons Ryan bleibt ein reiner Name.

Dann kommen die Nazis und das actionreiche Finale beginnt. Barry Pepper ist der Dritte, der für Ryan sein Leben lässt, als er in die Luft gejagt wird.

Ihm folgt Adam Goldberg, der von einem Nazi erstochen wird, weil Davies ihm nicht zu Hilfe eilt, was im Finale zu dessen einzigem Schuss im ganzen Film führt, wenn er jenen Deutschen am Ende des Gefechts exekutiert. Und selbst jetzt macht die Integration von Davies in den Film noch keinen Sinn. Würde man ihn digital entfernen, man würde es nicht merken.

Als Vorletzter stirbt Tom Sizemore. Hanks und Co. sind kurz davor, die Brücke zu sprengen, die scheinbar immens wichtig ist. Weswegen erfahren wir nicht und ohnehin ist sie nur insofern wichtig, als das die Nazis sie nicht benutzen dürfen. Bereit, sie in die Luft zu jagen, ist man allemal.

Nun muss Tom Hanks das Zeitliche segnen. In einer heroischen Aktion stürmt er die Brücke und ballert in seinem Stumpfsinn mit seiner Pistole auf einen deutschen Panzer. Und nur, damit uns Spielberg eine Sekunde lang im Glauben lassen kann, dass es Hanks zu verdanken ist, wenn die anschließende Luftunterstützung den Panzer letztlich in die Luft jagt.

Kommen wir zur Luftunterstützung, die aus heiterem Himmel erscheint und die eigenen Truppen rettet. Woher kamen die Flugzeuge? Hanks und Co. haben sie nicht gerufen, denn sie hatten ja nicht mal ein Funkgerät und mussten extra von Omaha Beach aufbrechen, weil niemand näher an Ryan war als sie. Die einzig sinnvolle Erklärung wäre, dass die Fliegerstaffel gesehen hat, wie die Nazis marschieren, daraus dann schloss, dass sie zu jener Brücke wollten und dort dann zufällig feststellten, dass sie gleichzeitig auch ihre eigenen Männer beschützen können. Oder so.

Wie dem auch sei. Nun ist es also geschafft. Ryan lebt und für sein Überleben und seine Rückkehr in die Heimat mussten lediglich seine drei Brüder sterben, sowie sechs von Hanks’ Männern (lediglich Davies und Burns überleben), einschließlich diesem selbst. Das zusätzlich vier Männer aus Ryans eigener Einheit getötet wurden, soll nicht auch noch Ryan zur Last gelegt werden. “Earn this“, raunt Hanks schließlich Ryan zu, dessen Leben in diesem Moment das von sechs anderen Männern aufwiegt. Welche psychologische Belastung daraus resultieren muss für jemand, der weiß, er lebt nur, weil neun Männer sterben mussten? Das wäre doch ein Stoff für ein richtig gutes Drama. Aber wir sind ja in einem Spielberg-Film.

Zum Schluss springt Spielberg zurück zum Normandy American Cemetery. Hier kniet nun der alte James Ryan, der (nach den Bildern zu urteilen) nicht mehr mit seinem Leben hingekriegt hat, als zu heiraten und (Enkel-)Kinder zu bekommen. Was Vin Diesel, Giovanni Ribisi, Barry Pepper, Adam Goldberg, Tom Sizemore und Tom Hanks sicher auch gelungen wäre. Am Ende ist Ryan ein Normalo. Ein G.I. Joe eben.

“Tell me I have led a good life“, stellt er seiner Frau - die scheinbar zum ersten Mal mit ihm in Colleville-sur-Mer ist und den Namen “John H. Miller“ noch nie gehört  hat - schluchzend eine Suggestivfrage. Diese bestätigt das natürlich, weil sie ohnehin - wie auch der Zuschauer - keine Ahnung hat, was das ganze Theater, das Spielberg hier präsentiert, eigentlich soll.

Was bleibt von Saving Private Ryan? Die Geschichte von acht Menschen, von denen Sechs starben, damit ein Anderer nach Hause konnte. Von wahren amerikanischen Helden also (Hitler hätte nie acht Nazis nach Stalingrad geschickt, damit sie Soldat Thomas Müller nach Hause bringen, da drei andere dicke, kleine Müllers bereits gefallen waren). Von Eingeweiden und Ruhm. Spielberg erschuf einen Film, der sich während seiner zweieinhalb Stunden Laufzeit kein einziges Mal ernsthaft damit auseinandersetzte, ob - und wenn ja, warum - es gerechtfertigt ist, das Leben von acht Menschen zu riskieren, um ein einziges zu retten.

Beziehungsweise steht nach Hanks’ eigener Rechnung aus der Kirchenszene ein geopfertes Leben eines seiner Soldaten für zehn bis zwanzig gerettete Leben. Dadurch, dass also sechs Männer aus Hanks’ Truppe sterben, konnten 60 bis 120 andere Personen nicht gerettet werden, damit der Soldat James Ryan heim zu seiner Mama darf.

Saving Private Ryan... FUBAR. Fucked Up Beyond All Repair.


Filmausschnitte von Saving Private Ryan © Paramount Home Ent.
(Hervorhebungen in den Bildern vom Verfasser vorgenommen)