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27. September 2019

Minding the Gap

Everybody cries.

Zwar sind es nur wenige Jahre, die zwischen Kindheit bzw. Jugend und dem Erwachsenenalter liegen, dennoch erscheint jungen Menschen die kommende Rolle (und damit verbundene Verantwortung) oft weit entfernt. Es ist ein schleichender Prozess, dem in der Literatur der Bildungsroman gewidmet ist, im Film derweil das Subgenre des Coming of Age. Während Bing Lius Debütfilm Minding the Gap auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Skater-Dokumentation wirkt, zeigt sich relativ schnell, dass der Regisseur weniger über die Skater-Kultur zu sagen hat als über jenen schmalen Grat seiner Protagonisten zwischen jung und erwachsen. Zugleich liefert Bing Liu auch erschütternde und teils autobiografische Einblicke in häusliche Gewalt.

Über einen Zeitraum von zwölf Jahren gefilmt, begleitet Liu in Minding the Gap seine Freunde Zack Mulligan und Keire Johnson. Wir begegnen ihnen erstmals bei einem morgendlichen Skate-Ausflug, der auf Hausdächern beginnt und schließlich in die Stadt führt. Wenn Zack, Keire und Co. durch die (noch) leeren Straßen von Rockford, Illinois skaten, erscheinen sie wie Asphalt-Könige, denen das Leben nichts anhaben kann. Es wirkt wie eine unbeschwerte Momentaufnahme, die einen Status quo repräsentiert, der im Verlauf der Dokumentation allmählich seziert wird. Fast so, als würde die Jugendlichen am Ende der Straße ein anderes Leben erwarten – eines das sehr viel ernster und weitaus aufreibender ist als ihr bisher bekanntes.

Für Zack äußert sich dies in der Geburt seines Sohnes. War er zuvor nur für sich verantwortlich, obliegt ihm jetzt die Erziehung eines Neugeborenen. Neben seiner Tätigkeit als Dachdecker versucht er seinen Schulabschluss nachzuholen, Freundin Nina wiederum verdingt sich als Kellnerin. Die überraschende Elternrolle strapaziert auch die Beziehung der beiden jungen Menschen, die wiederholt ob ihrer jeweiligen Aufgaben aneinandergeraten. Was sich später auch in häuslicher Gewalt niederschlägt, begünstigt durch Zacks angedeuteten Alkoholismus. Ein Thema, das Liu wiederum aus seiner Familie aufgreift, wo ihn sein Stiefvater über Jahre hinweg gezüchtigt hat. Was in gewisser Weise Nina und Mrs. Liu auf eine gemeinsame Stufe stellt.

“I don’t want to be alone”, erklärt die Mutter dem Regisseur an einer Stelle, wieso sie damals nicht gegenüber ihren Mann einschritt. Ähnlich mag man sich Ninas Verhalten erklären, die Zack, sicher auch wegen ihres Sohnes, Chance um Chance gibt. “I really desperately crave love”, gesteht sie Liu später. Letztlich geht es den meisten Figuren des Films so. Für Keire, der jung seinen Vater verlor und mit den wechselnden Bekanntschaften seiner Mutter wenig anfangen kann, ist seine Clique “more of a family than my family”. Im Skatepark fanden Zack, Keire und Liu aneinander Halt, der ihnen zuhause abging. Aber dieses kurze Glück in der Halfpipe konnte nur von kurzer Dauer sein. Der Realität entkommen sie auf ihrem Board nicht.

“We have to fully grow up and it’s gonna suck”, scheint Keire den Prozess soweit hinauszögern zu wollen wie möglich. “When you’re a kid you just do. You just act”, sinniert Zack. “And then, somewhere along the line, everyone loses that.” Von den drei Freunden ist Zack vermutlich der komplexeste Charakter. Kein schlechter, ein durchaus warmherziger Mensch, aber einer, mit einer dunklen Seite. Man müsse die winzigsten kleinen Details kontrollieren, um sich normal in einer Welt zu fühlen, die nicht normal sei, fasst er sein Dilemma an einer Stelle zusammen. Seinen überbordenden Alkoholkonsum beschreibt er als Ausflucht (“I just wanna hide”) vor den Erwartungen der Gesellschaft, denen er bisher nicht gerecht werden kann.

Die Tatsache, dass er schon in jungen Jahren Vater geworden ist, trägt ihren Teil dazu bei. Wie kann jemand, der selbst dabei ist, den Kokon seiner Jugend abzustreifen, bereits die Verantwortung für die nächste Generation tragen? “I don’t feel like I’ve done anything I’ve ever wanted to do with my life”, fühlt sich Zack irgendwann in einer Sackgasse angelangt. Ausgebremst vom Leben. Eine Sackgasse, in die sich Keire nicht verirren will, der sich als Tellerwäscher verdingt. “I feel if I stay here I’m gonna get stuck here”, realisiert er. Und beginnt sich im Verlauf der Dokumentation von Zack und Co. zu entfremden, stattdessen mit einer anderen, jüngeren Crew abzuhängen. “They were on a better path”, erklärt er diesen Schritt.

Minding the Gap liefert dem Publikum faszinierende Einblicke in das Leben dieser fünf so unterschiedlichen und zugleich sehr ähnlichen Figuren (mit Abstrichen gehört auch Keires Mutter hier dazu). Der Film erzählt von den hohen Erwartungen an Eltern, perfekt zu sein, was diese nicht sind – weder Mrs. Liu noch Zack und Nina. Sie alle sind auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, tragen aber einschließlich Keire und Liu selbst gewisse emotionale Altlasten mit sich herum. “When I was younger everyone seemed like they had it all figured out”, beschreibt Keire diese Diskrepanz zwischen den Eindrücken junger Menschen von Erwachsenen und der Realität. “Nobody knows what the fuck they’re doing”, resümiert derweil Zack.

Die Offenheit in ihre Persönlichkeit (“I’ve given you free range”, sagt Zack zu Liu) beeindruckt und hebt Minding the Gap auf ein emotional höheres Level als wenn er sich „nur“ mit Skatern und ihrer Mentalität befasst hätte. Er ist dabei nicht unähnlich (aber merklich gelungener) zu Jonah Hills diesjährigem Nostalgie-Quark Mid90s, der sich eines ähnlichen Milieus bedient. Wir sehen sympathische Charaktere, mit denen wir uns identifizieren, weil sie Probleme teilen, die wir kennen. Wieso er alles filme, fragt Zack eingangs Liu, der dies damit erklärt, eine Montage erstellen zu wollen, die alle diese Momente zu einem langen Video zusammenfügt. Gemäß Keire “to make it seem like the best time ever”. Damals, als ihr Leben noch jung und unbekümmert war.

7.5/10

29. September 2017

Abacus: Small Enough to Jail

I wish the story could end the same way as ‘It’s a Wonderful Life’.

Der „kleine Mann“ ist eine wirkungsvolle Sozialfigur, die zur Identifikation einlädt. Die Zeche, so eine oft neuinterpretierte Redewendung, zahlt zum Beispiel immer der kleine Mann. Auch passend wäre der englische Ausspruch von “shit rolls downhill” – Verantwortung wird nach unten durchgereicht. So verwundert es nicht, dass im Zuge der weltweiten Finanzkrise von 2007 und 2008 auf dem Hypothekendarlehenmarkt weder Goldman Sachs noch Bear Stearns, JP Morgan oder Deutsche Bank und Co. wirkliche Konsequenzen für ihr Handeln fürchten mussten. “Too big to fail”, lautet die systemrelevante Begründung hierfür. Nicht so jedoch die kleine New Yorker Bank Abacus Federal Savings, die im Mai 2012 für ihre Verwicklungen vor Gericht landete.

“Small enough to jail”, kommentiert es der Journalist Matt Taibbi – und leiht Regisseur Steve James damit den Untertitel für dessen dokumentarische Aufarbeitung des Falls. Abacus: Small Enough to Jail widmet sich dabei nicht sonderlich intensiv der Finanzkrise als solcher und der Rolle von Abacus innerhalb dieser. Vielmehr beleuchtet James die Bank selbst und ihre Ursprünge. Thomas Sung gründete sie einst Mitte der 1980er Jahre im New Yorker Stadtteil Chinatown speziell für die Bewohner des Viertels, wo die Immigranten aus der fernöstlichen Republik ihr Geld anlegen konnten. Mit der Zeit wuchs die Bank um ein paar Filialen, später stießen auch Sungs zwei älteste Töchter Jill und Vera zu dem Finanzunternehmen dazu.

Im Vorfeld der Finanzkrise geschah nun bei Abacus, was auch bei anderen Banken geschah: Es wurden Hypotheken an Fanny Mae in Millionenhöhe verkauft. Der Unterschied war, dass Abacus von dem Betrug seitens ihres Mitarbeiters Ken Yu erfuhr und ihn den Behörden meldete. “To make sure this didn’t happen again”, wie Journalist David Lindorf sagt. Als Dank erwartete die Bank der Sungs eine Anklage der Staatsanwaltschaft New Yorks. Wo die anderen Banken als zu systemrelevant (“too big to fail”) angesehen wurden, als dass man sie strafrechtlich verfolgen konnte und sie daher mit Bußgeldern belegte, negierte der Staat dies Abacus. So entsteht der Eindruck, als solle an der kleinen Bank ein Exempel statuiert werden.

“This is an attack on a community”, findet dagegen der Chinatown-Aktivist Don Lee. “We’re easy prey.” Dabei wird jedoch nicht wirklich klar, inwieweit der ethnische Hintergrund von Abacus tatsächlich eine Rolle – und wenn ja, inwiefern – gespielt hat. Stattdessen erscheint es so, dass der kleinen Bank schlicht die Systemrelevanz fehlte, damit ihr die Fehler vergeben werden, die auch all die anderen gemacht haben. Was natürlich nicht fair ist, Steve James’ Doku über die prinzipiell sehr sympathisch gezeichnete Familie Sung jedoch einen gewissen David-gegen-Goliath-Faktor verleiht. Der Regisseur ist dabei wie gewohnt sehr nah dran an seinen Protagonisten und konstruiert seinen Blick auf die Finanzkrise via einer persönlichen Geschichte.

Als solche stehen die Sungs eher im Vordergrund wie das Schicksal ihrer Bank oder dessen Kunden. Zum Beispiel wenn wir mit Chantarelle die Jüngste kennenlernen, die ursprünglich in der Staatsanwaltschaft New Yorks tätig war, bis diese Anklage gegen ihre Schwester und Vater erhob. Vielleicht wäre es nie zu einer Anklage gekommen, wenn Abacus den Betrug seines Angestellten nicht selbst gemeldet hätte. Was das juristische Verfahren nur noch unfairer macht. Zugleich wird das sehr altruistische gezeichnete Bild der Sungs in Mitleidenschaft gezogen, durch ein Verhalten, mit dem diese augenscheinlich nichts zu tun haben. Aber natürlich als Bankleitung dennoch die Verantwortlichkeit tragen. Am Ende die als Sündenbock für die Krise.

Derart tief in die Materie wie ein Inside Job dringt Abacus: Small Enough to Jail nicht ein. Schafft aber aufgrund seines Fokus’ auf die Menschen hinter der Krise respektive in diesem Fall einer für die Krise verantwortlich gemachten Bank eine Sicht auf die Dinge, die anderen Dokumentationen zum Thema abgeht. Dass mit Abacus Federal Savings zugleich eine ganze Gemeinschaft – hier: Chinatown – mitbetroffen werden könnte, treibt die Ironie der Folgen der Finanzkrise letztlich in gewisser Weise auf die Spitze. Der kleine Mann zahlt somit irgendwie tatsächlich doch am Ende die Zeche. Wenn auch nicht immer, wie der Schluss von Abacus: Small Enough to Jail zeigt. Auch wenn es nicht ganz das Ende von It’s a Wonderful Life wurde.

6.5/10

Info: Abacus: Small Enough to Jail ist gratis bei PBS: Frontline streambar (OV).

19. Juli 2014

Life Itself

I’ll see you at the movies.

Für viele ist er der größte Filmkritiker aller Zeiten – diesen inoffiziellen Titel verdiente sich Roger Ebert aufgrund seiner speziellen Art, Filme zu rezipieren. Im vergangenen Jahr verlor der 70-Jährige seinen Kampf gegen Schilddrüsenkrebs und hinterließ ein großes Loch bei seiner Zeitung Chicago Sun-Times. Über 45 Jahre war er für sie als Filmkritiker tätig, gewann 1975 sogar den Pulitzer Preis für seine Arbeit. Bevor sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, plante Ebert mit Regisseur Steve James seine Autobiografie Life Itself als Dokumentation umzusetzen. In ihr werden seine journalistischen Anfänge reflektiert sowie seine Hass-Liebe zu Kollege Gene Siskel, mit dem er gemeinsam zum Filmkritiker-Gesicht der USA avancierte.

Bereits in der Schulzeit fand Ebert zum Journalismus, arbeitete als Sportreporter für die News-Gazette. “It was unspeakably romantic“, erinnert sich Ebert. Später wechselte er 1967 mit 25 Jahren an die Universität in Chicago und schrieb für die dortige Sun-Times. “And then, five months later, the film critic retired and they gave me the job“, erzählt er. Eher zufällig also kam er zu seiner größten Leidenschaft im Leben: den Filmen. “He really, really loved films“, berichtet auch Martin Scorsese, einer der Talking Heads und zugleich Produzenten von Life Itself. Ähnlich wie Werner Herzog und Errol Morris profitierte er besonders von Eberts Kritiken, ernannte dieser doch Scorseses Debüt Who’s That Knocking at My Door zum Instant Classic.

Landesweit bekannt wurde Roger Ebert aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Gene Siskel, die gemeinsam in einer Sendung neue Filmstarts besprachen. Eine interessante Konstellation, war Siskel doch der Filmkritiker von Eberts Konkurrenzblatt: der Chicago Tribune. “We were professional enemies“, erzählt Ebert. Und, dass die zwei Männer in den ersten fünf Jahren, die sie sich kannten, kaum miteinander sprachen. Dennoch stimmten beide später zu, gemeinsam vor die Kamera zu treten. Dabei konnten sie sich auch dort lange Zeit nicht riechen, wurden aber dann zu Amerikas go-to Filmkritikern, ihre “two thumbs up“ zum begehrten Qualitätssiegel. Bis Gene Siskel 1999 an einem Hirntumor starb, von dem ausschließlich seine Familie wusste.

Drei Jahre später würde bei Ebert selbst ebenfalls Krebs diagnostiziert werden, in dessen Verlauf er seinen Unterkiefer verlor. Als Folge blieb ihm ein herabhängender Hautlappen, der ihm irgendwie ein stetes Lächeln ins Gesicht zaubert. Seine Fernsehauftritte wurden danach seltener, nicht aber seine Arbeit als Kritiker. “When I am writing I am the same person I always was“, verrät er. Und Werner Herzog nennt ihn in seiner so typischen herzogschen Art “a soldier of cinema“. Ob Ebert in seinen späteren Jahren so viel weiser wirkte, weil seine Worte nun einem Sprachcomputer entstammten, sei dahingestellt. Und auch wenn Steve James’ Film nah dran am großen Filmkritiker ist, macht Life Itself ihn leider nicht wirklich greifbar.

Was genau sah er in Filmen und wie sah er sie? Was bedeutete ihm seine Beziehung zu Siskel und zu seiner großen Liebe, Ehefrau Chaz? Genauere Einblicke verschafft der Film nicht, reißt sie allenfalls an. So wird Eberts Faible für die Filme von Russ Meyer mit dessen großbrüstigen Darstellerinnen erklärt. Zu Beginn heißt es – nach einer klassischen Rekapitulation der Journalisten-Truppe, die nach Feierabend durch die Kneipe zog – plötzlich, dass Ebert im August 1979 mit dem Trinken aufhörte. “I couldn’t take it anymore.“. Wieso er Alkoholiker war und wie sich die Krankheit auf seine Arbeit oder Persönlichkeit auswirkte – man müsste es wohl wie so vieles in seiner Biografie nachlesen. Aber ob diese tatsächlich Antworten bietet?

Steve James scheint sie darin nicht gefunden zu haben. Dass Life Itself ein detaillierter Blick auf Eberts Leben und Schaffen fehlt – ein Großteil fokussiert sich ausschließlich auf Siskel & Ebert & the Movies –, könnte der gesundheitlichen Verschlechterung und dem folgenden Ableben seines Protagonisten geschuldet sein. Vollends gerecht wird die Dokumentation diesem aber nicht, auch wenn sie durchweg über ihre zweistündige Laufzeit unterhält. Dennoch ist sie zu oberflächlich, um lebendig zu werden, selbst dann, wo sie Konflikte wie zwischen Ebert und Siskel oder Richard Corliss vom Time Magazine behandelt. Im Film leiht Stephen Stanton Eberts Worten teilweise seine Stimme. Wirklich hörbar wird diese in Life Itself aber nicht.

7/10

21. November 2012

Head Games

You’re playing Russian roulette with their future.

Es dürfte wohl für die meisten Menschen kein Schock sein, zu erfahren, dass man sich bei körperkontaktbetonten Sportarten verletzen kann. Womöglich sogar unwiderruflich. Insofern ist der Einstieg zu Steve James’ Dokumentation Head Games für Europäer etwas überraschend. “It’s been known for a long time that banging your head over and over again can be a bad thing”, sagt Alan Schwarz, Reporter der New York Times, zu Beginn. Was nicht gerade eine Offenbarung ist. Angesichts der Reaktionen und Entwicklungen, die James in den folgenden anderthalb Stunden zeigt, scheint dies in den USA jedoch durchaus eine solche gewesen zu sein.

In seinem jüngsten Film thematisiert James den Zusammenhang zwischen gewissen Sportarten wie Football, Basketball, Eishockey oder Fußball und dem Auftreten von chronisch traumatischer Enzephalopathie (CTE) nach erlittenen Gehirnerschütterungen. Im Mittelpunkt des Films steht dabei Chris Nowinski, ehemaliger College-Football-Spieler und WWE-Wrestler, der nach einer Gehirnerschütterung den Profi-Sport aufgab, ein Buch über die Risiken im Football schrieb und seither als Ansprechpartner für CTE-Gefahren gilt. “I loved the violence”, sagt er rückblickend über seine Zeit beim Football, den in den USA einer aus acht Jungen praktiziert.

Es sei “the closest thing of being a war hero without actually going to war”, sagt Nowinski. Seine Sportanalogie deckt sich mit Beschreibungen einiger anderer interviewter Sportler. Dies trifft aber auch auf ihre Krankenakte zu. Jeder zweite Spieler hat schon Symptome einer Gehirnerschütterung gehabt, in Head Games treffen wir auf Fußballerinnen, die von mehreren Gehirnerschütterungen berichten, genauso wie einen Teenager, der bisher drei davon erlitten hat. Auswechseln lassen wollen sich die meisten von ihnen während einer Partie jedoch nicht. Für Profis der NFL gehören Schädel-Hirn-Tramata (SHT) nach eigener Aussage sogar zum Sport dazu.

“In most other sports the chance of injury in incidental”, sagt der Sportjournalist Bob Costas. “In football, the chance of injury and long term serious effects is fundamental.” Und CTE sei dabei die größte Gefahr, die nicht nur zu früher Demenz führen kann, sondern viele Betroffene auch in den Selbstmord treibt. Steve James begleitet einen Ex-Football-Profi zum Neurologen, wo dieser nicht einmal mehr die Monate zwischen Januar und Juni aufzählen konnte. Ingesamt gaben 1,9 Prozent der Ex-Profis zwischen 30 und 49 Jahren an, mit einer Demenzerkrankung diagnostiziert worden zu sein. In der normalen Bevölkerung sind nur 0,1 Prozent betroffen.

Somit stellt sich die Frage, ob diese Sportarten im Allgemeinen und Football im Speziellen für Kinder geeignet sind. “You’re playing Russian roulette with their future”, findet Nowinski. Auch andere Eltern äußern Bedenken, stellen diese jedoch hinter die Liebe ihrer Kinder zu der jeweiligen Sportart zurück. So berichtet auch Chayse Primeau, Sohn von Ex-NHL-Spieler Keith Primeau, davon, einmal mehrere Minuten bewusstlos gewesen zu sein. Seinem Vater war einst nach seiner vierten Gehirnerschütterung von seinem Klub nahegelegt worden, seine Karriere zu beenden. “I was relieved”, gesteht Primeau seine erste Reaktion.

Was genau passiert, wenn wir eine Gehirnerschütterung erleiden, zeigt Steve James anfangs ebenso ausführlich wie die Neurologin Ann McKee ihre Forschung. Grandios gerät dabei eine Szene, in der sie ein Gehirn wie ein Laib Brot zerschneidet, um die Folgen von CTE zu zeigen. Wie gesagt ist es wenig überraschend, dass Profi-Sportarten mit viel Körperkontakt gesundheitliche Risiken bergen. Insofern vermag Head Games einen nicht vom Hocker zu hauen. Aber es gelingt Steve James gut, die Hintergründe etwas eingehender zu beleuchten und auf etwas aufmerksam zu machen, was zumindest in den USA weniger bekannt war als es hätte sein sollen.

7.5/10

12. August 2012

Stevie

Wherever I go (…) it’s just nothing but trouble.

Das US-Mentoring-Programm “Big Brothers Big Sisters” (BBBS) wurde 1904 vom New Yorker Gerichtsschreiber Ernest Kent Coulter initiiert, um die Zahl jugendlicher Straftäter zu verringern. Ehrenamtliche Mentoren und Mentorinnen sollten eine einjährige Patenschaft für Kinder aus Problemfamilien übernehmen, diese fördern und ihnen als „großer Bruder“ oder „große Schwester“ zur Seite stehen. Auch der Chicagoer Regisseur Steve James wurde 1982 während seiner Studienzeit ein “Big Brother“ und betreute den 11-jährigen Stephen “Stevie” Fielding aus Pomona, Illinois. Als die wöchentlichen Besuche nach einem Jahr rum waren, wollte er mit ihm in Kontakt bleiben. “Of course, I haven’t been“, sagt James später.

Über zehn Jahre zogen ins Land und James hatte inzwischen Erfolg mit seiner Basketball-Dokumentation Hoop Dreams. Er entschloss sich 1995 zurück nach Pomona zu fahren, um mit der Kamera zu dokumentieren wie es Stevie ergangen war. Dieser lebte immer noch mit seiner Stief-Großmutter in einem Wohntrailer mitten in der Einöde und hat über die Jahre mehrere Vorstrafen wegen verschiedener Vergehen gesammelt. “Wherever I go“, erklärt er uns, “it’s just nothing but trouble“. Es trat somit also genau das Gegenteil dessen ein, was das Mentoring von BBBS eigentlich bewirken sollte. “It went beyond my worst fears from the past of what Stevie would grow up to be“, bemerkt James im Erzählkommentar.

Als Hauptursache wird die mütterliche Vernachlässigung des Jungen im Frühstadium ausgemacht. Im Alter von sechs Monaten verstieß ihn seine Mutter Bernice, weil er nicht der Sohn ihres Mannes war. Dennoch nahmen dessen Eltern Stevie auf und zogen ihn groß, “just 50 yards down the road where his mother lived“. Die wiederum soll den Jungen geschlagen haben, das berichtet neben der Großmutter auch seine Halbschwester Brenda, die ebenfalls in einem Wohntrailer einige Straßen weiter wohnt. Es wird klar, dass zwischen allen Beteiligten keine positiven Emotionen existieren. Umso bezeichnender ist dann der Kontrast, als James seine eigene Frau plus Kinder nach Pomona holt, um sie mit Stevie in eine Küche zu setzen.

Dort berichtet er dann, wie er versucht hat, die Bremsleitungen seiner Mutter zu kappen, während James’ Frau freundliche Verblüffung vorspielt und ihr Gatte schnell die Kinder aus dem Zimmer schafft. “He always seemed to be an accident waiting to happen“, hatte James zu Beginn der Dokumentation gesagt. Man umarmt sich auf der Veranda und verspricht, sich bald wieder zu sehen. Natürlich kam es nicht so. Erneut vergeht etwas Zeit, wenn auch nur zwei Jahre. Dann will James mal wieder nach Stevie sehen und erfährt 1997, dass er im Gefängnis sitzt, weil er seine 8-jährige Cousine sexuell misshandelt haben soll. Spätestens jetzt scheint James genug Potential für seine Doku zu sehen. Stevie geht in Produktion.

Es geht also zurück nach Pomona, mit Stevie sprechen, seiner Pflichtverteidigerin und der Familie. Endlich meldet sich auch Bernice zu Wort, im Doppelgespann mit ihrer Schwester Wendy, der Mutter des 8-jährigen Mädchens. James ist in seinem Metier, bohrt mit traurigen Augen seine Gegenüber an und beobachtet, wie sich die White trash-Lawine selbst ins Rollen bringt. Was es denn für ein Film sein solle, wird er gefragt. Eine Dokumentation über Stevie werde es sein, sagt James. “Who he is and what he had become.” Was lief schief in Stevies Leben, dass es ihn zu dem werden ließ, der er ist? Zum vorbestraften Pädophilen. Seine Vergangenheit zeichnet das Bild eines traumatisierten, verlorenen Jungen.

Von der Mutter verstoßen, den Vater nie gekannt. Der Großvater verstirbt früh, hinzu kommen körperliche Schläge von Bernice, wenn sie sich denn mal sehen. Irgendwann wird Stevie ins Heim übergeben, wo man ihn in verschiedene Familien platziert. Ein Ehepaar hat es ihm besonders angetan, doch auch sie verlassen ihn irgendwann. Später wird Stevie sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen ausgesetzt, ehe es zurück nach Pomona und der Mutter seines Stiefvaters geht. Steve James wird sein “Big Brother” und verschwindet nach einem Jahr wieder aus seinem Leben. Misshandlung und Vernachlässigung bestimmten Stevies Leben und seine Entwicklung scheint durch äußere Umstände vorgezeichnet.

“If they had all come together with that kid, he’d been a whole different kid”, sagt ausgerechnet seine Tante richtigerweise. Aber niemand hat sich um Stevie gekümmert, weder seine Mutter, noch später sein “Big Brother”. Oft sehen wir Stevie auf einen Buggy durch Pomona fahren, den Rücken seiner Lederjacke ziert die Aufschrift “All you got?”. Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker und so beobachtet auch James: “He feels he can take anything”. Als der Regisseur genug Material gesammelt zu haben scheint, verlässt er im Juli 1997 Pomona wieder, während Stevie noch wegen des sexuellen Übergriffs auf seine Cousine im Gefängnis sitzt. “Right now”, sagt James, “doing nothing seems like the safest thing to do”.

Die Lösung ist erneut Nichtstun, das dieses Mal jedoch nur wenige Wochen anhält. Einen Monat später bittet Stevie seinen ehemaligen großen Bruder darum, ihm $100 für seine Kaution zu leihen. James lehnt ab, stattdessen löst Stevies Halbschwester die Kaution. Er ist somit wieder auf freiem Fuß und James macht sich dementsprechend wieder auf gen Süden. Weiterdrehen, neues Material für Stevie sammeln. “Here I was, repaying him by putting his tortured life on display”, wird James später auf die Audiotonspur faseln. Nie hätte er gedacht, dass jener kleine Junge von einst zu seinem Filmobjekt werden würde und nun sei er für ihn nicht mehr als das. Wer braucht schon Feinde, der solche „großen Brüder“ hat?

Stevie ist über weite Strecken ein kruder Mix aus Dokumentation und Exploitation, „Dokuploitation“ wenn man so will. Bemerkenswert ist dabei, wie wenig James sich selbst als Teil des Problems sieht. Welche Wirkung sein ständiges Auftauchen und Fernbleiben in Stevies Leben hat. Auf das einjährige BBBS-Mentoring folgte eine zehnjährige Abwesenheit, auf den ersten Besuch das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen, das erst zwei Jahre später stattfand, als Stevie im Gefängnis saß. Obschon er versichert, auf Stevies Seite zu stehen, ist er ihm keine $100 Kaution wert, aber natürlich die Reise nach Pomona, als sein Filmobjekt vorläufig entlassen wird. Der Film Stevie steht folglich über dem Menschen Stevie.

Im Gegensatz zu Hoop Dreams oder später auch The Interrupters fehlt Steve James in Stevie das fehlende Fingerspitzengefühl gegenüber seinen Filmobjekten. Die Protagonisten werden emotional ausgeschlachtet zum Mehrwert seiner Dokumentation. In einer Szene gegen Ende des Films hakt James bezüglich eines Streits zwischen Bernice und Brenda nach, den Mutter und Tochter zuvor erfolgreich aus der Welt geschafft haben. Der Regisseur fragt solange, bis er seine gewünschte Antwort erhält, reißt damit jedoch auch die Wunden neu auf. “Told you, I didn’t want to get into it”, wirft ihm Bernice unter Tränen vor. James murmelt eine kleinlaute Entschuldigung und blickt mit seinen traurigen Äuglein in den Raum.

James ist die mit Abstand unsympathischste Figur in diesem Hinterland-Drama, was angesichts solcher Charaktere wie den Frauen schlagenden, nach Matrizid lüsternden und kleine Mädchen missbrauchenden Stevie oder den regionalen Anführer der arischen Bruderschaft durchaus ein Brett ist. Die durch die Bank durchweg interessanten und teils sogar faszinierenden Protagonisten in Stevie sind allesamt authentischer als der renommierte Regisseur aus Chicago. “I thought it would be a glorious experience”, resümierte James zu Beginn des Films hinsichtlich seiner Involvierung als “Big Brother” und war dann nach eigener Aussage froh, als er nach einem Jahr nicht mehr jede Woche nach Pomona fahren musste.

Abgesehen von Steve James’ fehlendem Schuldeingeständnis und seiner Ausnutzung von Stevie und seiner Familie gelingt es Stevie dennoch, die Entwicklung seiner Hauptfigur nachzuverfolgen. Dass Stevie zu dem wurde, der er ist, hat er seinem Umfeld zu verdanken, zu dem auch James selbst gehört. Immer wieder sehen wir dabei gelegentlich Einblicke in die Person und das Leben, das er hätte führen können, wenn alles anders gekommen wäre. Doch Stevie nahm es, wie es kam und scheint dabei zumindest bisweilen durchaus glücklich gewesen zu sein. Dennoch war ihm das Glück nie lange hold und es bewahrheitete sich seine Einschätzung zu Beginn des Films: Wo Stevie auch hingeht, “it’s just nothing but trouble”.

7.5/10

3. Juli 2012

Filmtagebuch: Juni 2012

CANNIBAL HOLOCAUST
(I 1980, Ruggero Deodato)
6/10

CORIOLANUS
(UK 2011, Ralph Fiennes)
6.5/10

ESCAPE FROM NEW YORK
(UK/USA 1981, John Carpenter)
7.5/10

THE GREATEST MOVIE EVER SOLD
(USA 2011, Morgan Spurlock)
7/10

THE GUARDIAN
(USA 2006, Andrew Davis)
6/10

HOOP DREAMS
(USA 1994, Steve James)
8.5/10

THE INTERRUPTERS
(USA 2011, Steve James)
9/10

ROBOCOP 2
(USA 1990, Irwin Kershner)
4/10

ROBOCOP 3
(USA 1993, Fred Dekker)
5/10

SHALLOW GRAVE
(UK 1994, Danny Boyle)
7/10

SONS OF ANARCHY - SEASON 4
(USA 2011, Paris Barclay u.a.)
7.5/10

SPIDER-MAN
(USA 2002, Sam Raimi)
6.5/10

STARSHIP TROOPERS 2: HERO OF THE FEDERATION
(USA 2004, Phil Tippett)
4.5/10

STARSHIP TROOPERS 3: MARAUDER
(USA/ZA/D 2008, Edward Neumeier)
5/10

DER TATORTREINIGER - 1. STAFFEL
(D 2011, Arne Feldhusen)
7.5/10

¡THREE AMIGOS!
(USA 1986, John Landis)
5.5/10

TRANSIT
(USA 2012, Antonio Negret)
3/10

VEEP - SEASON 1
(USA 2012, Armando Iannucci u.a.)
7.5/10

WHEN THE LEVEES BROKE: A REQUIEM IN FOUR ACTS
(USA 2006, Spike Lee)
8/10

WONDERS OF THE SOLAR SYSTEM
(UK 2010, Michael Lachmann/Paul Olding u.a.)
7.5/10

THE X FILES: I WANT TO BELIEVE [DIRECTOR’S CUT]
(USA/CDN 2008, Chris Carter)
7/10

YOUNG FRANKENSTEIN
(USA 1974, Mel Brooks)
6/10

ZOOLANDER
(USA/AUS/D 2001, Ben Stiller)
6.5/10

Mini-Werkschau: Paul Verhoeven


SOLDAAT VAN ORANJE [DER SOLDAT VON ORANIEN]
(NL/B 1977, Paul Verhoeven)
6/10

ROBOCOP [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1987, Paul Verhoeven)
9/10

TOTAL RECALL
(USA 1990, Paul Verhoeven)
7/10

BASIC INSTINCT
(USA/F 1992, Paul Verhoeven)
7/10

SHOWGIRLS
(USA/F 1995, Paul Verhoeven)
7/10

STARSHIP TROOPERS
(USA 1997, Paul Verhoeven)
8/10

HOLLOW MAN [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2000, Paul Verhoeven)
5.5/10

ZWARTBOEK [BLACK BOOK]
(NL 2006, Paul Verhoeven)
6.5/10

29. Juni 2012

The Interrupters

You gotta drown yourself with these people.

Im Englischen gibt es das Sprichwort “sticks and stones may break my bones, but words will never hurt me”. Aber zumindest in vielen US-amerikanischen Großstädten scheint dies nicht der Fall zu sein. “Words could get you killed“, weiß Ameena Matthews. Sie ist seit mehr als drei Jahren ein sogenannter “violence interrupter” für die Organisation CeaseFire in Chicago. Ziel ist es, als Mediator Konflikte unter Gangs zu entschärfen. “They’re not trying to dismantle gangs“, erläutert CeaseFire-Leiter Tio Hardiman. “What they’re trying to do is save a life.” Und von solchen Leben gibt es viele, insbesondere auch in Chicago, wo allein im Jahr 2007 täglich im Schnitt fünf Personen angeschossen worden sind.

Obschon die drittgrößte Stadt der USA, gehört Chicago nicht zu den US-Metropolen mit einer extrem hohen Mord- oder Kriminalitätsrate. Dennoch rückte The Windy City gerade 2009 in den nationalen Fokus, als der Schüler Derrion Albert am 24. September auf offener Straße zu Tode geprügelt wurde. Es war jenes Jahr, in dem der Dokumentarfilmer Steve James zum ersten Mal seit Hoop Dreams wieder für eine Produktion in Chicago war. In The Interrupters folgt er der Arbeit dreier Mediatoren, darunter Ameena Matthews, die auch zur Tröstung von Derrion Alberts Mutter eilt. Nicht die einzige Trauerzeremonie in James’ Film, der aber neben Gewalt und Tod auch Hoffnung und Vergebung in sich birgt.

Neben Ameena Matthews arbeiten seit einigen Jahren auch Cobe Williams und Eddie Bocanegra für CeaseFire in Chicago. Sie eint nicht nur ihre Arbeit als violence interrupters, sondern auch ihre Vergangenheit als Kriminelle. Das Bestreben, ehemalige in der Szene verankerte Mitglieder für ihre Arbeit zu gewinnen, ist die andere Seite der Medaille von CeaseFire. “From gangster to peacemaker“, umschrieb es der Journalist Alex Kotlowitz in einem Artikel über die Organisation für die New York Times. Jener Artikel wiederum gab für James den Ausgangspunkt, The Interrupters zu inszenieren. Die kriminelle Vergangenheit der Mediatoren ist das beste Beispiel für zweite Chancen und einen Ausweg.

Zugleich verschafft ihr Strafregister den Mediatoren auch den Respekt ihres Gegenübers. So ist Ameena die Tochter von Jeff Fort, “one of the biggest gang leaders in the history of Chicago“, der seit 1987 eine Haftstrafe von 155 Jahren verbüßt. Eddie wiederum ist seit zwei Jahren aus dem Gefängnis, nachdem er 14 Jahre wegen Mordes einsaß. Schwer vorstellbar, dass die Mediatoren Zugang zu Gangmitgliedern erhalten würden, wären sie nicht einer von ihnen. “Cobe has big time credibility with the gang members“, weiß Hardiman. Auch Cobe saß im Gefängnis, insgesamt 12 Jahre für Drogenhandel und versuchten Mord. Mit ausgelöst hat dies sein krimineller Vater. “He was my role model“, sagt Cobe.

Eine Mitschuld in der Erziehung lässt sich auch ausmachen, als Cobe sich mit Kenneth, einem anderen Gangmitglied, trifft. “My life would be totally different if my father was here“, resümiert er hinsichtlich des inhaftierten Erzeugers. Kenneth wurde wie viele sich selbst überlassen, sodass sein Bruder und er den Lebensstil des Vaters adoptierten. “I know I could get shot tomorrow“, sagt er wie selbstverständlich. “These children don’t expect to live past 30“, verrät uns auch der Besitzer eines Beerdigungsinstituts. Noch immer ist Mord die häufigste Todesursache unter jungen afroamerikanischen Männern und wenn man sich einige Vorfälle in The Interrupters ansieht, wundert man sich nicht darüber.

So gibt es zu Beginn der Dokumentation ein Handgemenge, weil ein Mann Ärger mit jemandem hatte, der ihm daraufhin die Zähne ausschlug. Nun tauchen seine Schwestern mit Küchenmessern bewaffnet auf, um die Familienehre zu verteidigen. “It’s a war zone“, sagt einer in die Kamera, von jemand anderes heißt es, die Polizei traue sich schon gar nicht mehr nach Englewood, einem der berüchtigsten Viertel in Chicago. Und während die Polizei bei einer Trauerbekundung eines getöteten Jugendlichen Präsenz zeigt, wird sie auch schon wieder weggerufen, weil anderswo ein weiterer Mord verübt wurde. Die Opfer sind oftmals Kinder, allein 37 von ihnen starben zwischen 2008 und 2009 in den Straßen von Chicago.

Um die Kinder dreht es sich auch bei den anderen beiden Mediatoren. Eddie, der während seiner Haft das Malen begonnen hat, unterrichtet einige Latino-Kids darin, ihre Gefühle in Bildern zum Ausdruck zu bringen. Einige von ihnen wurden bereits Zeuge eines Todesfalls, in einem Fall sogar dem des eigenen Bruders. Auf den Zuschauer wirkt Eddie nicht wie jemand, der einen anderen Jungen eiskalt hingerichtet hat. Nicht einmal dann, als er mit dem Kamerateam an den Tatort zurückkehrt und die Geschehnisse erneut Revue passieren lässt. Auch Cobe wirkt so, als könne er niemandem ein Wässerchen trüben. Sie alle sind die besten Beispiele dafür, dass jeder eine zweite Chance verdient hat und diese nutzen kann.

Während Cobe und Eddie nach vielen Jahren im Gefängnis eine Läuterung erfahren haben, fand Ameena in der Konvertierung zum islamischen Glauben Halt. Sie gibt sich weitaus emotionaler als ihre zwei Kollegen, debattiert dabei oft hitzig, aber nie von oben herab. The Interrupters charakterisiert sie als “the Golden Girl“, stets auf der Suche nach dem “soft spot“ ihres Gegenübers. Wenn Ameena spricht, hört man ihr zu. Und das gilt nicht nur für den Zuschauer. Nicht selten sieht man sie umringt von Gangbangern, die zwar emotionslos dreinblicken, aber jedes ihrer Worte aufsaugen wie ein Schwamm. “You gotta drown yourself with the people“, erklärt Tio Hardiman das Schema seiner violence interrupters.

Mit über 500 Jahren Haftzeit, so einer der Mediatoren, verfüge CeaseFire über genügend Erfahrung und Respekt, um den Menschen zu helfen. Der Gründer von CeaseFire ist dabei jedoch alles andere als ein Krimineller. Ins Leben gerufen wurde die Organisation 1995 von dem Epidemiologe Gary Slutkin, als er nach zehn Jahren in Afrika zu der Erkenntnis kam, auch Gewalt sei eine infektiöse Krankheit. Als solche ließe sie sich auch behandeln, indem man sie am Punkt ihres Ausbruchs zu heilen versucht. “Slutkin wants to shift how we think about violence from a moral issue (good and bad people) to a public health one (healthful and unhealthful behaviour)”, schrieb Kotlowitz in seinem Feature in der New York Times.

Dementsprechend ist auch die junge Caprysha kein schlechter Mensch, bloß einer, mit einem ungesunden Verhalten. Vormerklich für sich selbst, weshalb Ameena viel unternimmt, um das Mädchen vor sich selbst zu retten. Hierbei fungiert sie halb als Freundin, halb als Mutter, wenn sie scherzend mit der Jugendlichen spricht, sie aber auch ermahnt oder belehrt. Es ist bewundernswert, wie viel Zeit sie für ihre Arbeit opfert, wo sie doch auch eine eigene Familie – die Tochter wird im Laufe des Films 9 Jahre alt – zu versorgen hat. Zwischen dem Verteilen von Flyern in der South Side, Gesprächen mit Caprysha, Teilnahmen an Trauerbekundungen und Beerdigungen, bleibt da überhaupt noch Zeit für einen selbst?

Scheinbar zu jeder Zeit ist auch Cobe unterwegs, wenn er abends mit Flamo einen alten Bekannten aus dem Gefängnis aufsucht. Seine Mutter und Bruder wurden aufgrund eines anonymen Waffen-Tipps in seinem Haus von der Polizei verhaftet, weswegen Cobe mit einem Kollegen versucht, Flamo soweit zu beruhigen, dass dieser nicht loszieht und die Verursacher erschießt. Ein anderes Mal begleitet er den jugendlichen Lil’ Mikey dabei, wie er nach drei Jahren Haft jene Opfer aufsucht, die er einst beraubte, um sich bei ihnen zu entschuldigen. Das Ergebnis ist eine hochemotionale Szene, die sinnbildlich für die gesamte Dokumentation steht. Für Wiedergutmachung, so lehrt uns der Film, ist es nie zu spät.

Der Untertitel von The Interrupters lautet: “Every City Needs Its Heroes”. Und was plakativ klingt, könnte in diesem Fall wahrer nicht sein. Die Mediatoren von CeaseFire sind beherzt bei der Sache und das oft auf eigene Kosten. Gegen Ende besucht Hardiman einen von ihnen, der bei einer violence interruption angeschossen wurde, im Krankenhaus. “You cannot mediate conflicts without confrontation“, erklärt Hardiman, kann aber die Tränen nicht zurückhalten. Es ist dieser Wandel den Cobe, Ameena und Eddie durchgemacht haben, den man auch den Capryshas, Kenneths und Lil’ Mikeys wünscht. Und wenn uns Steve James’ Film eines zeigt, dann, dass Worte einen nicht nur töten, sondern auch retten können.

10/10

22. Juni 2012

Hoop Dreams

My mother, God bless her, she’s always said
in America you can make something of your life.

-- Gene Pingatore

Die wunderbare Welt des Profi-Sports bietet vielen Menschen die scheinbar einzige Ausflucht aus ärmlichen Verhältnissen. Egal ob Fußballer in Brasilien oder Basketballspieler in den USA, die Geschichten der „Ghetto-Kids“, die es zu Ruhm und Reichtum gebracht haben, nähren die Träume und Hoffnungen der nachfolgenden Generationen. So auch die der beiden 14-jährigen Chicagoer Jungen William Gates und Arthur Agee, die gerne denselben Weg beschreiten würden wie Isiah Thomas. Aufgewachsen auf der Chicagoer West Side, spielte er Basketball für die St. Joseph High School und landete später in der NBA. In Steve James’ Dokumentation Hoop Dreams von 1994 scheint sich seine Geschichte zu wiederholen.

Ursprünglich 1987 als 30-minütiges Feature für PBS geplant, folgten James und sein Team anschließend ganze fünf Jahre und 250 Stunden Filmmaterial lang den beiden afroamerikanischen Jungen William und Arthur, wie sie als 14-Jährige im Chicagoer West Garfield Park gescoutet und an die St. Joseph High School in Westchester gelockt wurden. Hier erwartete sie das Versprechen auf ein besseres Leben. Eine bessere Bildung und eine bessere Perspektive, um wie Isiah Thomas den Sprung in die Profi-Liga zu schaffen. Stolze drei Stunden waren sie jeden Tag unterwegs (dabei ist ihr Viertel nur 16 Kilometer von St. Joseph entfernt), um die primär von weißen Schülern besuchte High School zu erreichen.

Kein einfacher Wechsel für die Jungen, die ein bis zwei Jahre im Unterrichtsstoff zurück sind und sich in der neuen Umgebung erst zurecht finden müssen. “I just never been around a lot of white people“, beschreibt Arthur gegenüber James seine Gefühle. Aber weder er noch William wollen sich unterkriegen lassen, die Herausforderung annehmen. “You can see your child mature“, sieht Sheila Agee die ersten Früchte des Schulwechsels. Für die Kids aus der Chicagoer West Side gilt es somit, sich in die römisch-katholische Welt von St. Joseph anzupassen. “The kids that are willing to do it are going to take something away that will help them for the rest of their lives“, verspricht Basketball Coach Gene Pingatore.

Zugleich ergänzt er, diejenigen, die sich nicht anpassen wollen, “are not going to be very successful as far as here“. Es herrscht ein Geben und Nehmen. Die Schule gibt eine Bildung auf die sich aufbauen lässt, die afroamerikanischen Jugendlichen geben ihr sportliches Talent der Schule. In einer späteren Szene wird Regisseur Spike Lee es einigen Kids in einem Nike Camp nochmals eintrichtern, sollten sie es vergessen haben. Ihr seid hier, um dem weißen Mann Spiele zu gewinnen. Schafft ihr das, verdient die Schule mehr Geld. An den Teenagern selbst ist man wenig interessiert, wie Arthur nach einem Jahr erfahren muss. Als im neuen Schuljahr die Gebühr erhöht wird, können sie seine Eltern nicht mehr bezahlen.

“You have to draw a line“, verteidigt Pingatore die Entscheidung. William hat diese Probleme nicht, denn die Hälfte seiner Schulgebühren (den Rest übernahm für beide St. Joseph) wird von einer reichen weißen Familie bezahlt. Für viele erscheint William als der neue Isiah Thomas, was dieser sichtlich als Belastung ansieht. “I’m trying to build my own identity“, sagt er verschmitzt. Während es William ins Varsity Team schafft, spielt Arthur bei den Freshmen. Am Ende hat sich sein Talent für St. Joseph wohl einfach nicht genug rentiert. Die Folge: Ein erneuter Schulwechsel, der ihn ein halbes akademisches Jahr kostet. Selbst seine Zeugnisse gibt man erst dann heraus, als die Eltern die fällige Restgebühr beglichen haben.

Fortan entwickeln sich die beiden Freunde unterschiedlich. William wird der Star seines Schulteams, im Sommer vermittelt ihm seine weiße Sponsorenfamilie ein Praktikum oder er besucht das Nike Camp für talentierte Spieler. Arthur dagegen muss zurück auf die West Side und besucht die John Marshall High School mit Wachpersonal am Eingang. Sein Vater verlässt die Familie, seine Mutter lebt von Sozialhilfe und Arthur verbringt die Sommer mit Blödeleien und jobbt später bei Pizza Hut. Mit den Marshall Commandos hat er nur bedingt Erfolg, während es William mit den St. Joseph Chargers zumindest in die Playoffs schafft. Wo Arthurs Leben von Leichtigkeit beherrscht wird, steht bei William der Druck.

Für ihn gilt es, dem Schatten von Isiah Thomas und den daraus folgernden Erwartungen an ihn gerecht zu werden. Was folgt, kennt man aus nahezu jedem High School Film: Der Star-Spieler fällt aus. Nach einer Verletzung steigt William zu früh ins Training ein, reißt sich dabei fast das Kreuzband und muss drei Monate pausieren. Er wird nach Operation und Reha in einem wichtigen Spiel wieder eingesetzt, die Ungewissheit der körperlichen Fitness dabei wie ein Damoklesschwert über ihm schwebend. Hält das Knie und damit seine Chance auf eine NBA-Karriere? “When this happens“, weiß Pingatore, “they may never be the player they were“. Oder in vielen Fällen zutreffender: Der Spieler, zu dem sie hätten werden können.

Williams Geschichte in Hoop Dreams ist eine von Rückschlägen. Neben seiner Verletzung und etwaigen Rückfällen muss er auch um das Bestehen seines Studierfähigkeitstest (SAT) bangen, während seine Freundin eine Tochter zur Welt bringt. Für William geht es um viel, hat er mit seinem großen Bruder Curtis doch bereits ein Familienmitglied, das einst ein Basketball-Stipendium verlor und sich später als Wachmann verdingte. Und trotz aller Ereignisse glaubt auch Arthur noch an seinen Traum von der großen Karriere. “This is what I wanna do for the rest of my life“, erklärt er. Basketball erscheint als eine der wenigen Perspektiven im Viertel, das für die Jugendlichen meist nichts Konstruktives bereithält.

“You can see why half of ‘em become gangbangers”, sieht auch Arthurs Mutter das Problem. Und mehr und mehr kristallisiert sich in James’ Film heraus, dass dies die Geschichte ihres Sohnes ist. Die Tragik wohnt sicher William bei, die Hoffnung personifiziert sich aber in Arthur. Wie es ein Hollywood-Regisseur nicht besser (oder anders) inszenieren könnte, nimmt die Entwicklung der Geschehnisse im Abschlussjahr der beiden Jugendlichen ihren ganz eigenen Lauf. Es ist verständlich, wieso Steve James so fasziniert von diesem Milieu gewesen ist und dass aus einem 30-Minuten-TV-Feature eine Kino-Dokumentation von fast schon epischen drei Stunden Lauflänge wurde, die das 17-fache ihrer Kosten einspielte.

Verdientermaßen gilt Hoop Dreams weithin als einer der besten Sportfilme aller Zeiten. Die Geschichte weist alle Stärken auf, die dem Genre verhaftet sind, ohne dass jedoch die Klischees wie Klischees wirken. Wer ein Fan des Sports ist, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten, selbst wenn das Spiel an sich eher im Hintergrund steht. Hoop Dreams ist vielmehr eine Milieustudie, die sich wie so viele Filme mit dem klassischen Thema des American Dream beschäftigt. Für William und Arthur ist Basketball der einfachste Ausweg aus einem Leben, das im Normalfall wenig für sie bereithält. Um von ihrer jetzigen zu der von ihnen ersehnten Welt zu gelangen, müssen sie Halt in der Welt der Weißen machen.

Hier von „Basketball-Sklaven“ zu sprechen, wäre sicher zuviel des Guten, da es auch ein altbekanntes Schema im US-Profi-Sport ist. Spieler werden gedraftet und getauscht wie eine Ware und oft ohne rechten Einfluss der Betroffenen. Es ist, wie gesagt, ein Geben und ein Nehmen, bei dem zumindest in der Schullandschaft die Spieler vermutlich das höhere Risiko tragen. Als Milieustudie gerät Hoop Dreams dabei nicht weniger fesselnd wie als Sportfilm. Im Vordergrund stehen nie die beiden jungen Spieler, sondern ihre Persönlichkeiten. Keiner von beiden hat es zum nächsten Isiah Thomas oder in die NBA geschafft. Aber dennoch haben beide etwas mitgenommen, das ihnen für ihr späteres Leben weitergeholfen hat.

8.5/10