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24. August 2015

Queen of the Desert [Königin der Wüste]

See the desert on a fine morning and die – if you can.
(Gertrude Bell, “Syria, The Desert and the Sown”, p. 64)

In der Regel scheint Werner Herzog eher dem Wahnsinn zugewandt. Egal ob er einen von der Leine losgelassenen Nicolas Cage in Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans agieren lässt, eine Dokumentation wie Grizzly Man über fanatische Bärenschützer erstellt oder sich mir Enfant terrible Klaus Kinski auseinandersetzte. Umso ungewöhnlicher ist es, dass Herzog nun mit Queen of the Desert der cineastischen Romantik verfällt. Und eine historische Biografie drehte, die klassischer kaum sein könnte. Als Thema wählte er dabei Gertrude Bell, eine Historikerin und Archäologin, die mit T. E. Lawrence mithalf, den Nahen Osten im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts politisch neu zu ordnen. Darunter fällt auch die Gründung des heutigen Irak.

Ende des 19. Jahrhunderts ist Gertrude Bell (Nicole Kidman) ihres Lebens auf dem Landgut ihres Vaters überdrüssig. Der sendet sie zum Schwager seiner Gattin nach Teheran, wo er als britischer Botschafter tätig ist. Hier lernt Bell den Botschaftssekretär Henry Cadogan (James Franco) kennen und lieben. Genauso wie ihre Passion für den nahen Osten. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird sie das Land und seine Leute näher erkunden, allen voran die Beduinenvölker. Dabei macht sie die Bekanntschaft eines jungen T. E. Lawrence (Robert Pattinson) und die des Konsuls des osmanischen Mersins, Charles Doughty-Wylie (Damian Lewis). Ihre Kenntnisse der Region machen Bell dabei zur respektierten politischen Beraterin des britischen Empires.

Ein mannigfaltiges Leben, welches natürlich in einem zweistündigen Kinofilm nicht vollends Platz zur Würdigung findet. So streift auch Herzog in Queen of the Desert lediglich Auszüge aus dem Leben Bells – und lässt vieles unerwähnt. Beispielsweise ihre Passion als Alpinistin und zahlreichen Bergbesteigungen, auch ihre vielen Reisen nach Deutschland oder Japan tauchen im Film nicht auf. Der will lieber von einer dreifachen Liebe Gertrude Bells erzählen, zu den Männern Henry Cadogan und Charles Doughty-Wylie sowie zur arabisch-persischen Region. Immer wieder zieht es Bell und ihre Begleiter rund um den treuen Fattouh (Jay Abdo) hinaus in die Wüste, zu verschiedenen Scheichs und Stammesführern sowie in die Oasenstadt Ha’il.

Viele Reisen, noch mehr Bekanntschaften und ein immer verstärkter mitschwingender politischer Kontext. Es dürfte für Herzog kein leichtes Unterfangen gewesen sein, das komplexe Leben von Gertrude Bell in seinem Drehbuch zu fassen zu kriegen. Und vollends gelingen vermag es ihm verständlicherweise nicht. Die Bedeutung von Land und Leute für Bell will bis zum Ende des Films nicht wirklich greifbar werden. Genauso wenig die Rolle, die Bell und T. E. Lawrence zu der damaligen Zeit gespielt haben. Queen of the Desert wirkt wie ein Durchblättern einer Enzyklopädie, die mit einigen romantischen Bekanntschaften angereichert ist, die natürlich ebenfalls nicht genauer ergründet werden. Herzog bewegt sich stets an der Oberfläche.

Das ist auf der einen Seite zwar bedauerlich, aber vermutlich zugleich unumgänglich, will man sich der Person Gertrude Bell nicht in einer Mini-Serie nähern. Die meiste Zeit funktioniert Herzogs zurückgenommene Regie dennoch erstaunlich gut, nicht zuletzt dank der gefälligen Bilder von Kameramann Peter Zeitlinger. Die Darsteller selbst spielen solide, auch wenn es gerade zu Beginn etwas befremdlich ist, Nicole Kidman eine 24-jährige Gertrude Bell spielen zu sehen. Damian Lewis schlägt sich achtbar, die zurückgenommenen James Franco und Robert Pattinson vermögen nur bedingt ihre historischen Persönlichkeiten vor ihre eigene verfrachten zu können. Immerhin gehen beide Charaktere nicht über Nebenrollen hinaus.

Am erstaunlichsten fällt der Ton des Films aus, der an klassische Filme des Genres erinnert, wie sie heutzutage nicht mehr gedreht werden. Sicher auch, weil sie finanziell wenig Ertrag versprechen, sodass Queen of the Desert womöglich bewusst Handlung aussparte, um das Budget nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Nichtsdestotrotz erzählt Herzog eine glaubwürdige Geschichte einer jungen Frau, für die ihre eingeschränkte Welt in England zu klein schien. Und die mithalf, andere Welten neu zu gestalten. Als Ausgangspunkt für eine tiefergehende Beschäftigung mit Gertrude Bell funktioniert der Film somit durchaus. Und dürfte wohl all jene ansprechen, die klassische Werke wie Lawrence of Arabia und Co. zu schätzen wissen.

6.5/10

19. Juli 2014

Life Itself

I’ll see you at the movies.

Für viele ist er der größte Filmkritiker aller Zeiten – diesen inoffiziellen Titel verdiente sich Roger Ebert aufgrund seiner speziellen Art, Filme zu rezipieren. Im vergangenen Jahr verlor der 70-Jährige seinen Kampf gegen Schilddrüsenkrebs und hinterließ ein großes Loch bei seiner Zeitung Chicago Sun-Times. Über 45 Jahre war er für sie als Filmkritiker tätig, gewann 1975 sogar den Pulitzer Preis für seine Arbeit. Bevor sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, plante Ebert mit Regisseur Steve James seine Autobiografie Life Itself als Dokumentation umzusetzen. In ihr werden seine journalistischen Anfänge reflektiert sowie seine Hass-Liebe zu Kollege Gene Siskel, mit dem er gemeinsam zum Filmkritiker-Gesicht der USA avancierte.

Bereits in der Schulzeit fand Ebert zum Journalismus, arbeitete als Sportreporter für die News-Gazette. “It was unspeakably romantic“, erinnert sich Ebert. Später wechselte er 1967 mit 25 Jahren an die Universität in Chicago und schrieb für die dortige Sun-Times. “And then, five months later, the film critic retired and they gave me the job“, erzählt er. Eher zufällig also kam er zu seiner größten Leidenschaft im Leben: den Filmen. “He really, really loved films“, berichtet auch Martin Scorsese, einer der Talking Heads und zugleich Produzenten von Life Itself. Ähnlich wie Werner Herzog und Errol Morris profitierte er besonders von Eberts Kritiken, ernannte dieser doch Scorseses Debüt Who’s That Knocking at My Door zum Instant Classic.

Landesweit bekannt wurde Roger Ebert aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Gene Siskel, die gemeinsam in einer Sendung neue Filmstarts besprachen. Eine interessante Konstellation, war Siskel doch der Filmkritiker von Eberts Konkurrenzblatt: der Chicago Tribune. “We were professional enemies“, erzählt Ebert. Und, dass die zwei Männer in den ersten fünf Jahren, die sie sich kannten, kaum miteinander sprachen. Dennoch stimmten beide später zu, gemeinsam vor die Kamera zu treten. Dabei konnten sie sich auch dort lange Zeit nicht riechen, wurden aber dann zu Amerikas go-to Filmkritikern, ihre “two thumbs up“ zum begehrten Qualitätssiegel. Bis Gene Siskel 1999 an einem Hirntumor starb, von dem ausschließlich seine Familie wusste.

Drei Jahre später würde bei Ebert selbst ebenfalls Krebs diagnostiziert werden, in dessen Verlauf er seinen Unterkiefer verlor. Als Folge blieb ihm ein herabhängender Hautlappen, der ihm irgendwie ein stetes Lächeln ins Gesicht zaubert. Seine Fernsehauftritte wurden danach seltener, nicht aber seine Arbeit als Kritiker. “When I am writing I am the same person I always was“, verrät er. Und Werner Herzog nennt ihn in seiner so typischen herzogschen Art “a soldier of cinema“. Ob Ebert in seinen späteren Jahren so viel weiser wirkte, weil seine Worte nun einem Sprachcomputer entstammten, sei dahingestellt. Und auch wenn Steve James’ Film nah dran am großen Filmkritiker ist, macht Life Itself ihn leider nicht wirklich greifbar.

Was genau sah er in Filmen und wie sah er sie? Was bedeutete ihm seine Beziehung zu Siskel und zu seiner großen Liebe, Ehefrau Chaz? Genauere Einblicke verschafft der Film nicht, reißt sie allenfalls an. So wird Eberts Faible für die Filme von Russ Meyer mit dessen großbrüstigen Darstellerinnen erklärt. Zu Beginn heißt es – nach einer klassischen Rekapitulation der Journalisten-Truppe, die nach Feierabend durch die Kneipe zog – plötzlich, dass Ebert im August 1979 mit dem Trinken aufhörte. “I couldn’t take it anymore.“. Wieso er Alkoholiker war und wie sich die Krankheit auf seine Arbeit oder Persönlichkeit auswirkte – man müsste es wohl wie so vieles in seiner Biografie nachlesen. Aber ob diese tatsächlich Antworten bietet?

Steve James scheint sie darin nicht gefunden zu haben. Dass Life Itself ein detaillierter Blick auf Eberts Leben und Schaffen fehlt – ein Großteil fokussiert sich ausschließlich auf Siskel & Ebert & the Movies –, könnte der gesundheitlichen Verschlechterung und dem folgenden Ableben seines Protagonisten geschuldet sein. Vollends gerecht wird die Dokumentation diesem aber nicht, auch wenn sie durchweg über ihre zweistündige Laufzeit unterhält. Dennoch ist sie zu oberflächlich, um lebendig zu werden, selbst dann, wo sie Konflikte wie zwischen Ebert und Siskel oder Richard Corliss vom Time Magazine behandelt. Im Film leiht Stephen Stanton Eberts Worten teilweise seine Stimme. Wirklich hörbar wird diese in Life Itself aber nicht.

7/10

17. Mai 2012

Into the Abyss

But you can be proud of this moment.

Das Zittern war groß, würde es auch dieses Jahr wieder reichen? Immerhin hatten es andere Nationen nicht versäumt, ordentlich aufzuholen, während die USA leicht gestrauchelt waren. Am Ende dann das Ergebnis: Der fünfte Platz in der weltweiten Rangliste konnte gesichert werden! Die USA blieben somit auch 2011 das Land, das in der Zahl seiner Exekutionen nur von vier anderen Nationen übertroffen wurde. Lediglich Saudi-Arabien, Irak, Iran und mit weitem Abstand China töteten im vergangenen Jahr mehr Menschen als die US-Bundesstaaten. Trauer herrscht dagegen bei Nordkorea, das gegenüber 2010 aus den Top 5 flog.

Angesichts der „Konkurrenz“ mag man durchaus den Kopf schütteln, wenn die USA als einziges G8-Land weiterhin die Todesstrafe verhängen (und ausüben) und damit in einem Zug mit der Achse des Terrors von Nordkorea bis Iran genannt werden dürfen. Besonders in Rick Perrys texanischem Bundesstaat nimmt man sich der Todesstrafe beherzt an, wurden dort doch seit 1976 vier Mal so viele Menschen hingerichtet wie im zweitplatzierten Virginia. Ohnehin tötete Texas in 36 Jahren (von 1976 bis 2012) rund 64 Prozent der Zahl an Menschen wie in den über 360 Jahren (von 1608 bis 1976) zuvor insgesamt. Im Schnitt sind es 13 pro Jahr.

Vor zwei Jahren exekutierte Texas sogar 17 Menschen (genauso viel wie offiziell Syrien) und einer von ihnen war der 28-jährige Michael Perry. Im Oktober 2001 soll er Sandra Stotler in ihrer Garage in Montgomery, Texas erschossen haben, um sich ihres roten Camaro zu bemächtigen. Später starben noch Stotlers jugendlicher Sohn Adam sowie sein Freund Jeremy Richardson durch die Hand von Perrys Komplizen Jason Burkett. Gut eine Woche nach der Tat wurden Perry und Burkett von der Polizei verhaftet und überführt. Während Burkett für die Morde an den Jugendlichen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, erhielt Perry wiederum die Todesstrafe.

Rund eine Woche vor ihrer Ausführung am 1. Juli 2010 unterhielt sich Perry mit Regisseur Werner Herzog für dessen Film Into the Abyss über die Tat. Sozusagen. “I don’t want to get into the details of what happened“, erklärt der Deutsche in seinem bajuwarischen Akzent durch die Trennscheibe hindurch dem immer noch jugendlich aussehenden Perry, der zu Beginn des Films mit seiner höflichen Art, seinem unschuldigen Lächeln und seiner Gewissheit, als Christ ins Paradies zu kommen, Begnadigung hin oder her (“I’m either going home or home), gar nicht wie ein kaltblütiger Mörder wirken will. Aber wer tut dies schon?

Obschon sowohl Perry als auch Burkett jeweils dem anderen das ihnen zur Last gelegte Verbrechen in die Schuhe schieben, hat Herzog im Gegensatz zu seinem Freund und Kollegen Errol Morris und dessen The Thin Blue Line kein Interesse, den alten Fall aufzurollen. Für Herzog geht es um etwas anderes, um den menschlichen Abgrund, der sich im Allgemeinen wie in den ausgewählten texanischen Orten im Speziellen auftut. Der Abgrund, der Perry und Burkett einst ausgespuckt hat und anschließend wieder verschlang. Into the Abyss wurde von vielen Kritikern als Film gegen die Todesstrafe gesehen, was er natürlich auch ist, aber noch viel mehr.

Herzog beschäftigt sich natürlich mit dem Mordfall. Er besucht die verurteilten Täter, die Familien der Hinterbliebenen, den Tatort und die Stelle, an der die Leiche von Sandra Stotler in einen See geworfen wurde. “This lady had a car that they wanted“, kürzt Lieutenant Damon Hall von der Montgomery Polizei die Tat auf einen Satz herunter. Herzog bemerkt die vermeintliche Idylle des Ortes und ihren Kontrast zu dem verübten Verbrechen. “A gated community“, pflichtet ihm Hall bei. “You would associate that with security.“ Doch der menschliche Abgrund kennt keine geschlossenen Wohnanlagen, keine Sicherheit – und auch keine Freunde.

“I introduced him to the people who killed him“, presst ein den Tränen naher Charles Richardson hervor, als er mit Herzog über den Tod seines kleinen Bruders Jeremy spricht. Wie sich herausstellt, Herzog befasst sich nur marginal damit, waren Burkett und die Opfer miteinander bekannt. Ohnehin fängt Into the Abyss eine kleine, in sich geschlossene Welt ein. In der jeder jedem schon mal begegnet ist, vermutlich auch im Gefängnis. Egal ob Perry und Burkett, dessen Bruder Chris oder Charles Richardson – sie alle saßen bereits einmal ein. Der Film skizziert eine Welt, in der die Menschen sich selbst überlassen sind. Ohne Vorbilder oder Ziele.

Dabei hat Herzog wie Morris auch ein Händchen für die skurrilen Momente, zum Beispiel wenn er Jared Talbert, einen Einwohner von Conroe, Texas, davon schwadronieren lässt, wie er angeblich einmal 30 Minuten bevor er zur Arbeit musste, tätlich angegriffen worden sei. Aus heiterem Himmel hätte ihm jemand einen ellenlangen Schraubenzieher seitlich unter die Achsel in den Brustkorb gerammt. Weil Talbert jedoch nur ein bisschen blutete, war er statt ins Krankenhaus zur Arbeit gegangen. “I had a lucky day“, sagt der ehemalige Analphabet und Knacki einem amüsierten Herzog und rotzt wie so oft während des Interviews hinter sich auf den Boden.

Vom Absurden bietet Into the Abyss wahrlich genug, allen voran hinsichtlich der Familie der Burketts. Erst 2041 hat Jason Burkett eine Chance auf Bewährung, dann wäre er fast 60 Jahre alt. Nichts Neues in seiner Familie, sein Vater sei ebenfalls seit 40 Jahren im Gefängnis. Und zwar in der Vollzugsanstalt direkt gegenüber, wie er Herzog berichtet. Einen Schnitt später haben wir ihn vor uns, Delbert Burkett, der die Mehrheit seines Lebens hinter Gittern saß, die schlimmste Strafe jedoch im Schicksal seines Sohnes ausmacht. “I’m as much at fault as he is“, gesteht er Herzog. “I was never there.” Eine Ausnahme gab es dann aber doch.

Bei der Gerichtsverhandlung seines Sohnes flehte er die Jury um dessen Leben an, nahm die Schuld für dessen Taten auf sich und würde auch bereitwillig die Haftstrafe des Jüngsten absitzen. Und tatsächlich erhielt Jason Burkett nicht die Todesstrafe, sondern lebenslänglich. “But you can be proud of that“, konsolidiert Herzog den Familienvater. Für den allerdings ist dies nur ein schwacher Trost, berichtet er doch traurig von einem Thanksgiving, das er mit seinen ebenfalls inhaftierten Söhnen Jason und Chris verbringen musste. “It was just total failure. That’s what it felt like“, gibt er seinen Gefühlen Worte. “I don’t think it gets much lower than that.”

Into the Abyss jagt den Zuschauer wahrlich hinab in den Abgrund. Was lief schief bei den Burketts, Perrys und Talberts in Texas? Der seit dem Alter von 13 Jahren drogensüchtige Delbert hatte ein Football-Stipendium, schmiss jedoch im Abschlussjahr die Schule. Was wäre wohl aus seinen Söhnen und ihm geworden, wäre einiges anders verlaufen? Vielleicht genauso wenig, stammt doch auch Perry aus einem soliden Elternhaus und verfiel dennoch den Drogen. “I chose that which I shouldn’t have“, blickt dieser auf die Umstände, die zum Mord an Stotler führten, zurück. Der Abgrund ihres Lebens führte sie alle in den Abgrund des Todes.

Die Leidtragenden sind bei Herzog jedoch nicht nur die Gefängnisinsassen. Wie die Interviews mit den Hinterbliebenen zeigen, sind auch die Familien der Opfer Gefangene. Und zwar ihrer Trauer. Die Tochter von Stotler hat kein Telefon mehr im Haus, um schlechte Nachrichten zu vermeiden, der Bruder von Jeremy Richardson sieht sich mitschuldig an dessen Tod. Sie wurden genauso in den Abgrund gezerrt, wie die Angestellten des Todestraktes, die per Gesetz Menschen ihres Lebens berauben. 120 waren es bei Fred Allen, einem ehemaligen Captain eines Todeshauses, ehe er vor 12 Jahren seinen Job kündigte und damit auch seine Rente verlor.

“Nobody has the right to take another life“, so Allens Erkenntnis. Und im Grunde denkt Vater Ricardo Lopez, ein ebenfalls im Todestrakt Angestellter, ähnlich. Er bricht zu Beginn in Tränen aus, als er über seine Arbeit und all die Menschen sprechen muss, die er in den Tod begleitet hat. “Life is precious“, resümiert der Priester. Wieso Gott die Todesstrafe erlauben würde, fragt ihn Herzog. “I don’t know the answer“, sagt Lopez, während die Kamera von Peter Zeitlinger über den Gefängnisfriedhof schwenkt. Vorbei an all den namenlosen Kreuzen, auf denen lediglich die Lebensspanne und Häftlingsnummer der darunter Liegenden vermerkt ist.

Das passt ganz gut zu Into the Abyss, der quasi im Vorbeigehen seine Kritik zur Todesstrafe loswird. Da spricht Herzog kurz gegenüber Perry an, dass dieser erst eine medizinische Untersuchung bestehen müsse, die ihn als fit genug zum Sterben deklariert, ehe er seine Todesspritze erhält. Und er konfrontiert Stotlers Tochter, die Perrys Tod als Genugtuung empfindet, mit der Frage, ob Jesus das auch so sehen würde? Vermutlich nicht, gesteht die gläubige Frau. Aber im Gottesstaat der USA ist auch Gott scheinbar nur ein kleines Rädchen im System. “There’s always a reason why God allows things to happen“, redet sich Vater Ricardo Lopez ein.

Sicher hätte Herzog oft kritischer nachhaken können, auch wenn seine freundlich-offene Art wohl mehr Redebereitschaft beim Gegenüber erzeugt hat. Etwas skeptisch ist er dann aber doch, als er die schwangere Melyssa Burkett, die Jason erst im Gefängnis heiratete, nach dem Vater ihres Sohnes befragt. Jason wäre das natürlich, Herzog mutmaßt Samenschmuggel. “You live on through your children“, sagt Melyssa. “And the love that you put into them projects to the world.“ Doch Jason wird für seinen Sohn genauso abwesend sein, wie Delbert für ihn. Hoffentlich müssen sie nicht auch eines Tages Thanksgiving hinter Gittern feiern.

7/10

14. Februar 2009

Kurz und Knackig: For Your Consideration?

The Visitor – Es gibt sie noch, die kleinen aber feinen, stets unscheinbaren, Dramen. Da zelebriert Thomas McCarthy in seinem zweiten Spielfilm einen gebrochenen College-Professor (Richard Jenkins), der durch ein unerwartetes Ereignis wieder lernt, das Leben zu schätzen. McCarthy nimmt sich all die Zeit, die er braucht, um die bizarre Freundschaft zwischen Vale, dem Professor, und Tarek (Haaz Sleiman), einem illegalen Einwanderer, zu erzählen. Als roter Faden dient hierbei die Musik (per se), die den Film ein-, wie ausleitet- und zugleich den Initiator für die Männerfreundschaft bildet. Äußerst gelungen vollzieht The Visitor dann die Kehrtwende zum Post-9/11-Drama. Als der Syrier Tarek ohne nachvollziehbare Gründe in der New Yorker U-Bahn verhaftet, interniert und letztlich abgeschoben wird. „You can’t treat people like that“, schreit Vale zu einem Zeitpunkt einen der Wärter und damit quasi das amerikanische System an. Ein System, dass schon lange nicht mehr richtig funktioniert. Somit fungiert McCarthys Film als Rückbesinnung, dass nicht alles (oder jeder) Fremde unbedingt schlecht sein muss und dass das Leben nicht verharrt, sondern stets weiter geht. Getragen wird das Ganze dann praktisch allein von Richard Jenkins, der eine formidable Leistung abliefert. Ein wenig mehr Tiefe in das Innenleben der Figuren hätte dem Drehbuch dann allerdings auch nicht geschadet. Dennoch ein guter Film: 7/10.
  Frozen River – Ein weiteres Indie-Werk entstammt der Feder von Courtney Hunt, die mit Frozen River ihr Drehbuch- und Regiedebüt gibt. Ihre Geschichte von einer White Trash Mutter, die aus Geldnöten gemeinsam mit einer Mohawk-Kriminellen illegale Einwanderer über einen gefrorenen Fluss schmuggelt. Hier prallen nicht nur zwei Kulturen aufeinander, sondern hier wird auf die Vielschichtigkeit der sozialen Zwiebel deutlich. Das Resultat ähnelt dann doch sehr McCarthys The Visitor, denn der Film wird fast ausschließlich von Hauptdarstellerin Melissa Leo getragen – die nebenbei bemerkt eine grandiose Leistung abliefert -, knabbert jedoch ebenfalls an seiner bisweilen fehlenden Tiefe. Die Umstände aller Figuren werden nicht immer deutlich, beziehungsweise hätten noch deutlicher gemacht werden können. Warum haut zum Beispiel der Ehemann ab und inwieweit ist die Familie jetzt von den Schulden geplagt? Misty Uphams Lila bleibt als Mohawk-Frau auch erschreckend unterrepräsentiert in ihrer Charakterausarbeitung. Hier wäre noch ein bisschen mehr drin gewesen. Für ein Debütprojekt ist der Film allerdings durchaus beachtlich. Weshalb Quentin Tarantino ihn als „Thriller“ klassifiziert, wird mir selbst zwar nicht klar, da ihm die meiste Zeit doch die Spannung abgeht und er diese auch nicht wirklich versucht zu erzeugen. Trotz allem ein recht nett photographierter Film mit mitreißender Handlung und einer exzellent aufspielenden Hauptdarstellerin: 7.5/10.
  Encounters at the End of the World – Ja mei, in der Antarktis leben schon echt interessante Menschen. Vom Flughafen holt einen ein Banker ab, in der Wissenschaftskolonie fährt ein Philosoph Bagger und im Restaurant wird die Eiscreme von einem Filmemacher zubereitet. Wie abgefahren! Findet Werner Herzog, wenn er aus dem Off mit seinem deutschen Akzent Sätze säuselt wie: „Antarctica is not the moon, although sometimes it feels like it”. Muss er ja wissen, der Werner, wie sich der Mond anfühlt. Warum er extra ans Ende der Welt für seine Begegnungen gefahren ist, bleibt unklar. An der Eckkneipe in Wanne-Eickel hätte man sicherlich auch tolle Geschichten hören können. Besonders enttäuscht ist man dann, wenn sich herausstellt, dass der Überlebenstrainer früher nicht schon Präsident von einem Schwellenland war, sondern tatsächlich als solcher ausgebildet wurde. Viele der menschlichen Begegnungen von Herzog sind dann ziemlich belanglos und uninteressant. Einfach Jedermann-Menschen, denen man auch in der Bahn begegnen kann, wenn man denn scharf drauf ist. Hin und wieder dürfen dann einige Experten zu Wort kommen, unter ihnen ein Gletscherspezialist. In diesen Momenten ist Encounters at the End of the World schließlich auch unterhaltsam. Wenn man den wissenschaftlichen Aspekt in den Vordergrund geschoben hätte, wäre dies dem Film zum Vorteil gereicht. Denn so rutscht er oftmals doch etwas ins Lächerliche ab, wenn ein Linguist (der übrigens als Botaniker arbeitet) ernsthaft behauptet in sechzig Jahren wären neunzig Prozent der Sprachen ausgestorben oder sich drei Forscher aufs Eis legen, um den Seehundgesängen zu lauschen. Die Szene wirkt, als hätte man die Blue Man Group ins Ewige Eis verfrachtet. Zu Beginn meint Herzog, er sei nicht in die Antarktis gekommen, um Pinguine zu filmen – vielmehr beschäftigen ihn Fragen wie „Warum reitet der Affe nicht auf einer Antilope in den Sonnenuntergang?“. In der Mitte des Filmes fängt der Deutsche dann aber doch Pinguine ein. Es ist die beste Szene des Filmes, denn als sich ein Clan von Pinguinen aufteilt, bleibt ein einzelner zurück und watschelt schließlich gen Gebirge. Dieses ist fünf Kilometer entfernt, der Pinguin wird mit Sicherheit sterben. Zwar fragt Herzog einen nebenstehenden Pinguinexperten, warum dieser so handelt (bzw. behauptet Herzog, dass er ihn gefragt hätte), doch eine Antwort erhält man nicht. Die einzigen wertvollen „Begegnungen“ sind daher die, welche Herzog mit der Natur macht. Neben dem Pinguin sind speziell die Unterwasseraufnahmen Gold wert (auch wenn die musikalische Untermalung einmal nahelegt, dass Herzog sich zu oft Ghost in the Shell angesehen hat). Davon hätte man ruhig mehr einfangen können. Und wenn am Ende eingeblendet wird, dass diese Dokumentation Filmkritiker Roger Ebert gewidmet sei, ergibt sich von selbst, wieso Ebert dem Ganzen dann die volle Punktzahl gegeben hat. Hätte er ihn lieber mal mir gewidmet: 5.5/10.
  Happy-Go-Lucky – En-ra-ha! Aber hallo. Letztes Jahr sorgte Mike Leighs Gute-Laune Film ja für ordenlich Zunder. Sally Hawkins gewann für ihre sympathische Darstellung der optimistischen Poppy sogar den Silbernen Bären auf der Berlinale. Und man muss zugeben, dass einen die erste halbe Stunde richtig aufheitert. Diese Poppy, mit ihrer freundlich-nervigen Art. So Menschen gibt es ja nicht oft, die fortweg strahlen, es wären sie Jokers Lachgas zum Opfer gefallen. Selbst der rassistische Fahrlehrer (herrlich: Eddie Marsan) kann da kein Wässerchen trüben. Dumm nur, dass das alles nach einer Stunde irgendwie beginnt auszuleiern und uninteressant zu werden. So nett und süß das auch ist, aber irgendwann geht’s einem dann leider am Arsch vorbei. Oder ist zuviel des Guten. Wie man es dreht oder wendet, das Resultat bleibt das Gleiche. Zudem ist die Botschaft auch etwas missglückt, denn obschon Poppy so herzensgut ist, reagiert ihre Umwelt doch sehr brüsk auf sie. Das ist man aus Hollywood irgendwie anders gewöhnt. Lache und die Welt lacht mit dir. So war das doch, dachte ich. Und eigentlich funktioniert das auch im echten Leben. Wenn man freundlich ist, wird man meist auch freundlich behandelt. Egal. Mein erster Film von Mike Leigh lässt mich jetzt zwar nicht begeistert in die Videothek stürmen, um den Rest seiner Filmographie zu studieren, aber ist im Grunde doch ganz nett. Durchaus. Ein Gute-Laune-Film, denn man am besten auch schaut, wenn man selbst welche hat. Sonst geht sie einem nur auf die Nerven, diese grinsende Trulla: 6.5/10.
 
Bolt – Hier muss ich Abbitte leisten … let’s put a pin there. Nach dem Trailer war ich damals nicht sonderlich angetan, aber wie es scheint muss man Disneys Animation Bolt in ihrem Kontext sehen. Die ersten zehn Minuten sind zum Totlachen, köstlich wie hier mit den Genreklischees gespielt wird. Dann denke ich mir: Hach, wenigstens das, bevor nachher das auf Homeward Bound-Getrimme alles kaputt macht. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Hier passt eigentlich fast alles, die Animation ist gelungen, die musikalische Untermalung sehr stimmig und John Travolta als Hund (look who’s talking, now) ein echter Gewinn - bitte nur noch Sprechrollen, Mr. Travolta. Die Story vom Filmhund, der in der realen Welt ohne seine Superkräfte (was er jedoch nicht weiß) versucht seine Besitzerin Penny zu retten, weiß zu unterhalten. Die vielen kleinen Referenzen zu X-Men, Finding Nemo, The Truman Show und Co. sind weniger Störfaktor als liebevolle Ergänzung zu einer ohnehin schon liebevollen Geschichte. Bedauerlich, dass der Film dennoch kaum eine Chance haben dürfte, bei den Academy Awards. Dafür scheint Wall•E ähnlich wie Heath Ledger schon viel zu sehr gebucht zu sein. Mit jener Arthouse-Mentalität des Pixar kann Byron Howards und Chris Williams’ Film zwar nicht mithalten – will er jedoch auch überhaupt nicht. Dafür ist der Unterhaltungsfaktor hier sehr viel höher als in Andrew Stantons redundantem (Wall•Eeeeee – Evaaaaa) Stück. Bisweilen jagt eine Pointe die nächste und auch die Sidekicks wie Rhino oder die Tauben (alle von ihnen) funktionieren prächtig. Für mich persönlich ist Bolt somit der amüsanteste der letztjährigen Animationsfilme, dem ich im Grunde auch den Sieg nächste Woche wünschen würde. Schon allein wegen solchen Dialogen: „What’s this red liquid coming from my paw?“ (Bolt) – „It’s called blood, hero!“ (Mittens) – „Do I need it?“ (Bolt). Einfach nur absolut ridonkulous: 8/10.
  The Duchess – Langsam wird’s echt mal Zeit, dass sich amnesty international einschaltet. So geht das doch nicht weiter, irgendwer muss Keira Knightley mal was zu essen geben. Wie hat es das EMPIRE Magazin in seiner Januar-Ausgabe so schön bezeichnet: Miss Knightley stand kurz davor, als Schrägstrich in Frost/Nixon besetzt zu werden. Hinzu kommt noch, dass sie unabhängig von ihrem Untergewicht (Knightley ist so dick wie einer der Arme von Herzogin Georgiana allein) gänzlich fehlbesetzt scheint und sah selten bubenhafter aus als in The Duchess. Dafür scheint sie einfach nicht geschaffen, in diesem Quasi-Remake von Sofia Coppolas Marie Antoinette – abzüglich der MTV-Elemente. Als Modeikone ihrer Zeit leidet sie unter der unerfüllten Ehe zu ihrem Gatten (einziger Lichtblick: Ralph Fiennes). Aus der unglücklichen Ehe entspinnt sich kurz darauf eine menage a trois, die sich schließlich zur Vierecksbeziehung wird (Haley Atwell und Dominic Cooper vervollständigen das Bild). Das ganze entspinnt sich um das klassische Streitthema der Primogenitur und der Affärenlandschaft im verruchten Mittelalter. Kennt man ja schon zur Genüge, weshalb einen Saul Dipps Film nicht wirklich zu fesseln weiß. Oder zu unterhalten. Ein Kostümfilm wie er im Buche steht, angereichert mit teilweise so dämlichen Szenen, dass man nicht umhin kann zu lachen und musikalischer Untermalung, die einen dazu anregt, sich zur Rettung Omas Stricknadeln in die Ohren zu rammen. Nee, nee, das war wohl nix, da schau ich doch lieber The Other Boleyn Girl, da ist wenigstens der Intrigenfaktor sehr viel höher und damit auch das Unterhaltungspotential. Und jetzt gebt doch der Keira bitte mal was zu Essen. Das ist ja nicht mit anzusehen: 2/10.

Entre les murs – Mit dem Cannes Festival ist es im Grunde wie mit jeder anderen Preisauszeichnungsveranstaltung auch: es gewinnt nicht immer der Film, der verdient hat zu gewinnen. Und manchmal tut er’s doch. Letztes Jahr ging die Palme d’Or an Laurent Cantets Entre les murs, die Verfilmung des gleichnamigen Romans des Literaten François Bégaudeau von 2006. Bégaudeau übernahm auch die Hauptrolle des liberalen Lehres Monsieur Marin, der jeden Tag in seine demoralisierte Klasse muss. Und auch die Schülerschaft in Frankreichs Beitrag für den Fremdsprachenoscar besteht aus Laiendarstellern, doch merkt man dem gesamten Ensemble seine Herkunft keineswegs an. Im Gegenteil, die darstellerischen Leistungen wirken sehr authentisch, wie ohnehin der gesamte Film von einer offensichtlichen Authentizität durchzogen ist. Dennoch ist Cantets Film irgendwie kein richtiger Film, sondern wirkt vielmehr wie eine wieder aufgefrischte Erinnerung an die eigene Schulzeit. Da gibt es Querulanten in der Klasse wie Esmeralda (Esmeralda Ouertani) oder Souleymane (Franck Keïta), bockige Arbeitsverweigerer wie Khoumba (Rachel Régulier) oder fleißige, allerdings sozial benachteiligte Schüler wie Wei (Wei Huang). Archetypen, wie sie jeder aus seiner eigenen Schulzeit kennt und während der Filmbetrachtung gleichermaßen im Kopf in Erinnerung ruft. Da die Thematik des Filmes so sehr aus dem Leben gegriffen ist, mutet dieser mitunter doch eher wie eine Art Dokumentarfilm an, denn ein ausgeklügeltes Drama. Innerhalb der Spanne eines Schuljahres versucht Bégaudeau die wenige vorhandene Bereitschaft der Jugendlichen sich am Unterricht zu beteiligen, aufzuzeigen. Da wissen Schüler nicht, was „Österreicherin“ heißt oder wie die erste Person Singular des Imperfekt Indikativ von „wachsen“ lautet. Erfreulicherweise ist Entre les murs frei von jeglichem amerikanischem anbiedernden Schulpathos a la Dangerous Minds oder Freedom Writers, wo die Lehrkraft überhöht dargestellt und als Retter der jungen Seelen verkauft wird. Exemplarisch hierfür die finale Szene des Filmes, wenn Marin die Klasse fragt, was sie dieses Jahr gelernt haben beziehungsweise was ihnen Spaß gemacht hat. Sein eigenes Fach, Französisch, wird nicht genannt. Eine Schülerin kommt nach dem Unterricht sogar auf ihn zu und gesteht betrübt, dass sie gar nichts gelernt hat. In diesem Sinne verfügt der Filme eigentlich über keine wirkliche Geschichte mit Anfang und Ende oder seine Hauptfigur über eine Katharsis. „Das ist mein viertes Jahr“, erläutert Marin zu Beginn bei der Vorstellung der neuen Lehrer. Er hat sich arrangiert mit der Schule und der Schülerschaft. Daher spiegelt der Film letztlich nur den Alltag wieder, der sich für Marin auch fortsetzen wird, wenn der Abspann für den Zuschauer schon läuft: 8/10.
 
Revanche – Tamara (Irina Potapenko) ist eine Prostituierte in Wien. Und sie ist hübsch. Sehr hübsch. Findet auch ihr Zuhälter, weswegen er Tamara in eine eigene kleine Wohnung stecken und zur Edel-Hure umfunktionieren will. Die Ukrainerin will darüber nachdenken, hat sich innerlich jedoch schon dagegen entschieden. Als einer ihrer Freier sie zusammenschlägt – nachdem er den Zuhälter für dieses Privileg bezahlt hat – schreitet Tamaras heimlicher Freund und Puff-Aushilfe Alex (Johannes Krisch) ein. Kurzerhand fliehen die beiden. Doch ihr schönes neues Leben auf Ibiza können sie erst wahr machen, wenn Alex’ Tamaras Schulden abbezahlt hat. Daher geht er auf eine Dorfbank, um Geld abzuheben. Allerdings nicht auf die gewöhnliche Art und Weise. Wie es der Zufall so will, macht der Streifenpolizist Robert (Andreas Lust) eine Routinekontrolle. Gerade bei Tamara, die im Fluchtwagen wartet. Als Alex kommt, muss schnell geflüchtet werden. Robert feuert einen Schuss auf die Reifen ab, trifft allerdings Tamara. Das Ereignis nimmt beide Männer mit. Als Alex, der bei seinem altersschwachen Großvater auf der Farm mithilft, erfährt, dass Robert die Straße weiter rauf lebt, beginnt er einen Plan zur Revanche zu schmieden. Götz Spielmann erzählt sein Drama über Liebe, Lust und Tod in stillen und größtenteils ruhigen Bildern. Selbst der Banküberfall geht praktisch friedlich von Statten und allein die Szene, in der Alex Tamara zu Hilfe kommt, weist eine eruptive Gewalt auf. Stattdessen alles schön gemach, nach alter österreichischer Tradition. Obschon sich die Handlung primär auf Alex konzentriert und mit Abstrichen noch auf Roberts Frau Susanne (Ursula Strauss), mit welcher Alex später eine Affäre eingeht, vernachlässigt Spielmann auch Roberts Innenleben nicht. In zwei, drei Einstellungen kehrt er dessen emotionalen Schmerz nach Außen, führt dem Publikum die Mitgenommenheit des Polizisten vor, der aufgrund seiner Labilität später sogar vom Dienst freigestellt wird. Damit klarkommen muss auch Susanne, die mit dem Kummer ihres Mannes nicht wirklich etwas anzufangen weiß. Dass sie sich schließlich Alex zuwendet hat einen Grund, der zum Ende hin auch erfüllt wird. Besonders stark ist die Szene, in der Susanne gegenüber der Frau eines Kollegen ihres Mannes, die schwanger ist, von ihrer eigenen Fehlgeburt erzählt. Wie Strauss kurz zusammenbricht, das Gesicht fallen lässt und sich doch sofort wieder fängt, das ist großartiges Schauspiel. Die Besetzung erweist sich als Geschenk, alle Figuren wurden punktgenau gecasted. In Verbindung mit der besonnen Regie, die sich oft voller Hingabe ihren Charakteren widmet, ist Revanche eine großartige Charakterstudie. Abseits von der etwas pathetischen Art eines Reservation Road gelingt es Spielmann die Geschichte auf ihre Essenz zu reduzieren. In dem Moment, als Alex erfährt dass Robert die Straße runter wohnt, rechnet der Zuschauer mit jener Eskalation, die im Genre den Sehgewohnheiten entspricht. Wie Spielmann mit dieser Situation umgeht und sie letztlich auflöst – sowohl im Großen wie im Kleinen – ist beeindruckend. Berücksichtigt man seine Konkurrenz, ist Revanche wahrscheinlich der stärkste Vertreter der diesjährigen Fremsprachenkategorie der Academy Awards. Dass er gewinnt – hinsichtlich der prätentiösen Heuchelei eines Waltz With Bashir und dem Vorjahresgewinn der Österreicher -, ist unwahrscheinlich. Aber auch losgelöst von dieser ohnehin nichtssagenden Preisverleihung, ist Spielmanns Film zu den gelungensten des Jahres zu zählen. Schon allein dank der Tatsache, dass ein österreichischer Film auf internationalem Niveau spielen kann. Ob es dem großen Bruder Deutschland gelingen wird, einen ähnlich starken Film dieses Jahr aufzubieten, ist zu bezweifeln: 8.5/10.
 
P.S.: W. – Oliver Stones Letzter spielt zwar keine Rolle für die Oscarverleihung dieses Jahr, aber den gibt’s einfach als Gratis-Geschenk oben drauf, weil ich sonst nicht wüsste wohin und mir das Ganze doch ein, zwei Zeilen wert ist. Amerikaner tougher Kritiker holt also zum Rundumschlag aus, jetzt, wo sich die Amtsperiode von George W. Bush dem Ende geneigt hat. Viele fragte sich: ist das jetzt Komödie, Satire, Drama oder einfach nur Scheiße? Ich selbst empfand den Film als Komödie. In den ersten Minuten. Da war er auch echt lustig, einfach weil er so authentisch war. Schließlich ist Bush so eine dämliche Person, dass man ihn nur lustig finden kann. Der Brüller – und die einzige Konstante in W. – ist aber sowieso Thandiwe Newton als Condoleezza Rice. Die Grimassen. Die Grimassen! Zum Totlachen, gerade weil Newtons Figur quasi für die Tonne ist, weil belanglos. Mein Favorit: Teufelchen Dick Cheney (Richard Dreyfuss) und Engelchen Colin Powell (toll: Jeffrey Wright) streiten darum, ob man grundlos den Irak angreifen soll. Condoleezza nickt brav und lächelt. Hätte nur noch gefehlt, dass Brolin sagt: „Honey, get us guys some beer, would ya?“. Aber back on track. Zumindest so halb. Nach einer Dreiviertelstunde wird W. dann etwas langweilig und ein Blick auf die Laufzeit (zwei Stunden!) zwingt mich zum Aufstöhnen. Irgendwie interessiert mich das Leben des Bush-Clans oder der Kampf zwischen Vater (James Cromwell) und Sohn nicht so richtig. Ohnehin liegt der Fokus des Films oft so, dass es wirkt, als wollte Stone Mitleid mit der Vollpflaume erzeugen. Not in my house. Seinen negativen Höhepunkt erhält dann das Engelchen und Teufelchen Szenario. Das erinnert mich grad an Fettes Brot: „Und während sich der Engel und der Teufel anschrein, entscheide ich mich für Ja, Nein, ich mein: Jein“. Das ist mir zu viel Beweihräucherung für Powell. Und der ganze Film ist mir zu wenig bissig, zu wenig demaskierend. Zu tolerant. Praktisch irgendwie Stones Antwort auf Helge Schneiders Mein Führer. Eine der böswilligsten Figuren der Zeitgeschichte als Loser dargestellt. Nee nee. Das Tragische ist, ich glaube mit Stone ist es allmählich echt vorbei. Pinkville geb ich ihm noch, aber danach mach ich langsam mal die Lichter aus: 4/10.

P.P.S.: Der Baader Meinhof Komplex – Dazu will ich keine großen Worte verlieren, alleine wegen der peinlichen Klausel zu den Pressevorführungen. Uli Edels und Bernd Eichingers Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung ist all das, was ich am deutschen Film verabscheue. Effekthascherei, überspielte Darsteller, punktlose Geschichten. Ein grauenhafter Film, wenn auch von technischer Seite bisweilen solide inszeniert. Allerdings letztlich nur ein zusammenhangloses Konglomerat aus historischen Photos, die Edel schick nachstellt mit seinem Who’s Who des deutschen Films. Da sind sich auch Jan Josef Liefers und Hannah Herzsprung (bei der hat mir echt das Herz geblutet, dass sie sich für so einen Rotz hergibt) sich nicht zu Schade Nebenrollen zu übernehmen. Schade, so muss man den grausigen Moritz Bleibtreu die meiste Zeit ertragen. Immerhin wird Alexandra Maria Lara relativ früh abgeknallt und was alle am Spiel der Gedeck fanden, erschließt sich mir auch nicht. Der größte Loser ist aber Bruno Ganz, dessen Figur dank Edels einseitiger Inszenierung (und teilweise Glorifizierung der Täter) im Grunde überflüssig da belanglos ist. Eine Schande, dass so was für den Oscar nominiert wird, selbst wenn da ohnehin dieses Jahr nicht grad berauschende Filme vertreten sind. Fehlt nur noch, dass er den Preis auch gewinnt. Dann lach ich mich ins Fäustchen: 3/10.

2. Mai 2006

Grizzly Man

It is not so much a look at wild nature, as it is an insight into ourselves.

In der Mythologie warnte Kassandra stets ihre Umgebung vor Unheil, fand jedoch kein Gehör. Vergeblich mahnte die Tochter des Priamos so ihren Vater und König vor dem Untergang von Troja. Eine nicht minder tragische Figur als Kassandra war auch der Bärenfreund Timothy Treadwell. 13 Jahre lang lebte Treadwell unter Grizzlybären eines Nationalparks in Alaska, ehe er und seine Freundin Amie Huguenard 2003 einem der Tiere zum Opfer fielen. „Wenn ich Schwäche zeige, werde ich vielleicht getötet“, sagt Treadwell in Grizzly Man, einer Dokumentation von Werner Herzog. „Sie werden mich ausschalten, mich enthaupten, mich in Kleinteile zerlegen. Ich bin tot. Aber bislang harre ich aus“, griff Treadwell unwissentlich seinem Schicksal voraus. Am Ende wurde er tatsächlich enthauptet, zerstückelt und teils verspeist.

Auch in einem Fernsehauftritt bei Talkshow-Host David Letterman wurde sein Tod durch die Bären angekündigt und letztlich wunderte sich niemand, dass als es dann so kam. Eher, dass Treadwell seinen wahnwitzigen Lebensstil wirklich ganze 13 Jahre überleben konnte. Fünf Jahre vor seinem Tod begann Treadwell seine Aktivitäten im Katmai-Nationalpark mit einer Kamera aufzuzeichnen. Diese platzierte er mit einem Stativ und kehrte den Bären im Hintergrund dabei meist seinen Rücken zu. Dabei ging es Treadwell weniger darum, das Bild vom bösen Bären zu verkehren, als potentielle Wilderer abzuwehren. Und natürlich darum, in der Nähe dieser von ihm so geliebten Säuger zu sein. „Ich würde für diese Tiere sterben“, proklamierte Treadwell an einer Stelle in Herzogs Dokumentation. Er würde Recht behalten.

Neben dem massigen Material, das Treadwell selbst gefilmt hat, kümmerte sich Herzog um Interviews mit Park-Rangern, einigen Bären-Experten sowie der Familie und Freunde des Verstorbenen. Das Resultat ist ein oftmals tiefgehender Einblick in die Psyche eines Mannes mit sozialen Schwächen. Treadwell, ein rehabilitierter Drogensüchtiger mit einem Hang zur bipolaren Störung, fand seinen inneren Frieden erst inmitten seiner Bären. Er gab ihnen allen Namen, kannte ihre hierarchischen Strukturen und erfreute sich selbst an ihren Exkrementen. Am liebsten inszenierte sich Treadwell jedoch selbst, was man nicht zuletzt an den vielen Einstellungen sieht, die er von sich in der Wildnis aufnahm. Mit einem Gespür für das Cineastische spielte er seinen Part so oft, bis er selbst mit seiner Darstellung zufrieden war.

Grizzly Man geht somit über diesen Bären-Mann-Status von Treadwells Persönlichkeit hinaus, und verkommt zu einem weitaus vielschichtigeren Porträt als der Titel des Films und seine Inhaltsangabe vermuten lassen. Dies ist die Timothy Treadwell Show. Zugleich hatte der exaltiert auftretende Amerikaner aber auch ein kinematografisches Gespür, welches auch Herzog aus dem Off lobend anerkennt. So gelangen Treadwell im Folgenden nicht wenige unbezahlbare Aufnahmen, beispielsweise von einer Bären-Balgerei oder einem Fuchs, der ein gewisses Maß an Vertrauen zu diesem Menschen gefunden zu haben schien. Und als dann Bilder später sogar zeigen, wie Treadwell direkten Körperkontakt zu den Bären aufnimmt, glaubt man fast selbst an eine besondere Union zwischen Mensch und Tier.

Vielleicht auch zur Abschreckung und zur Demaskierung dieser trügerischen Bilder steuert Herzog im Kommentar pessimistisch dagegen. In den Gesichtern der Bären entdecke er weder Verwandtschaft noch Verständnis oder Gnade. „Für mich gibt es nicht so etwas wie eine geheime Welt der Bären“, so Herzog. Er glaube nicht, dass Harmonie der dem Universum innewohnende Charakter sei, „sondern Chaos, Feindseligkeit und Mord“. Ungewohnt anti-sympathische Worte des Exzentrikers, dem es aber gelingt, Treadwells Video-Material mit Interviews der Außenstehenden zu einem starken Porträt zusammenzufügen. Das fällt dank gefälliger Naturaufnahmen und der bipolaren Persönlichkeit seines „Helden“ ungemein faszinierend wie unterhaltsam aus. Dass Timothy Treadwell durch einen Bären starb, ist tragisch, aber letztlich auch irgendwie konsequent für ihn – den Grizzly Man.

8.5/10