Posts mit dem Label Martin Scorsese werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Martin Scorsese werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

6. Oktober 2017

Silence

The price for your glory is their suffering.

Das Leben ist Leiden – das galt früher noch mehr als heute. So entstand dann konsequenter Weise die Religion. „Man erträgt in der Liebe mehr als sonst, man duldet Alles“, schrieb Friedrich Nietzsche in „Der Antichrist“ nieder. „Es galt eine Religion zu erfinden, in der geliebt werden kann: damit ist man über das Schlimmste am Leben hinaus, – man sieht es gar nicht mehr.“ Ähnlich interpretiert werden könnte auch der Glaube der Kakure Kirishitan in der Edo-Zeit Japans, die nach Verbot ihres Katholizismus’ Mitte des 17. Jahrhunderts ihren Glauben im Geheimen ausleben mussten. Sie stehen im Zentrum der Geschichte von Martin Scorsese Passions-Projekt Silence, welches er nach einem Vierteljahrhundert verwirklichen konnte.

In der Adaption von Endō Shūsakus gleichnamigem Roman von 1966 geht es um die vermeintliche Apostasie des Jesuiten-Priesters Ferreira (Liam Neeson) in Japan. Als diese zu seinem Kollegen Valignano (Ciarán Hinds) in der portugiesischen Kolonie Macau in China durchdringt, machen sich Ferreiras ehemalige Jünger Rodrigues (Adam Garfield) und Garupe (Adam Driver) auf, um den Fall zu überprüfen. Begleitet vom verstoßenen Kichijiro (Kubozuka Yōsuke) treffen die zwei Jesuiten auf Mokichi (Tsukamoto Shinya) und sein Dorf von Kakure Kirishitan. Während sie für dessen Bewohner wieder klerikale Dienste verrichten, erfährt das Shogunat um seinen Großinspekteur Masashige (Ogata Issey) von den Praktiken und ermittelt gegen das Dorf.

Die Suche nach Ferreira gerät dabei bald in Vergessenheit, wenn für Rodrigues und Garupe das Leiden der Kakure Kirishitan greifbar wird. Sie stehen sinnbildlich für all jene Gläubigen des christlichen Glaubens, die in ihrer Liebe zu Gott über das Schlimmste am Leben hinauskommen wollen. Wie Dürstende in der Wüste lechzen sie nach dem Segen, der Kommunion, der Beichte, die nun wieder dank der jungen Jesuiten Einzug in ihr Dorf gefunden haben. “I worry they value these poor signs of faith more than faith itself”, realisiert Rodrigues. “But how could we deny them?” Ein Kreuz, ein Rosenkranz sind für die Gläubigen Liebe genug, während gerade Rodrigues nach einer höheren Identifikation mit seiner Religion strebt.

Im Verlauf von Silence wird Rodrigues, der bald zur alleinigen Hauptfigur avanciert, in eine fast schon messianische Rolle gedrängt. “Your faith gives me strength”, bedankt er sich da bei Mokichi und Co., während diese alsbald für ihren Glauben an ihn und das, was er repräsentiert, bestraft, gefoltert und getötet werden. Mit dem strauchelnden Kichijiro erhält Rodrigues seinen ganz eigenen abtrünnigen „Judas“ an die Seite gestellt, kann diesem trotz seiner wiederholten Verrate jedoch zugleich nicht die christliche Absolution seiner getätigten Sünden absprechen. Für das Shogunat sind die Kirishitan eher ein formales Ärgernis. Mit einer simplen Apostasie in Form von einem Betreten eines Götterbildnisses ist der Vorfall meist aus der Welt geschafft.

Ähnliches wird auch von Rodrigues erwartet, um dem Leid der Kakure Kirishitan ein Ende zu bereiten. Die Figur sieht sich also mit der Frage konfrontiert, ob sie das Leben ihrer Gemeinde oder ihre Seelen retten soll. Dabei bleibt fraglich, inwiefern die Apostasie in Form des Tretbildes (fumie) überhaupt eine solche ist. Schließlich lautete schon Gottes Gebot an Moses: „Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen“ (Ex 20,4). Inwieweit nun das Betreten eines von Gott verbotenen Gottesbildnisses eine Apostasie darstellt – zumal eine letztlich nur vorgegebene –, erörtert Silence nicht. “Why must their trial be so terrible?”, fragt Rodrigues dennoch und deutet somit an, dass der dargestellte Konflikt zuvorderst ein psychologischer ist.

Gott selbst wohnt dem Ganzen mit dem titelgebenden Schweigen bei. Das fumie des Shogunats wird als Prüfung verstanden, als Glaubensbeweis und Bekenntnis. Eine Abwendung von Gott zum eigenen Wohl, ähnlich der Verleugnung Petri von Jesus (Mt 26, 69-75), für die Kirishitan. Zugleich aber auch ein Test der Abwendung für Rodrigues, ähnlich wie ihn zuvor Ferreira wohl durchstehen musste. Und versagte. Scorsese erzählt mit Silence von Stärke und Schwäche des Glaubens und seine Bedeutung für die Religion. Wo manche Figuren ihre Standhaftigkeit zum Christentum mit dem Leben bezahlen, ordnet Kichijiro seine Gesundheit über seiner Religion ein. Was jedoch deshalb keineswegs heißt, dass diese für ihn ohne Bedeutung wäre.

Scorsese beleuchtete dies selbst im Gespräch mit der Jesuiten-Zeitschrift La Civiltà Cattolica als es um das Ausüben seines eigenen Katholizismus’ ging. “Practicing is not something that happens only in a consecrated building during certain rituals performed at a certain time of day”, erklärt Scorsese da. Vielmehr äußere es sich in den alltäglichen Handlungen. In gewisser Weise leben also Rodrigues und Kichijiro auf ihre eigene Art und Weise ihre Religion aus. Silence widmet sich dieser Frage dank seiner großen Laufzeit gebührend und aufrichtig, wenn auch mitunter redundant. Dabei jedoch aufgrund Rodrigo Prietos Kameraarbeit stets wundervoll anzusehen und von dem Ensemble um Garfield, Driver und Kubozuka eindringlich gespielt.

Der im September verstorbene Heiner Geißler war selbst in jungen Jahren Jesuit, der mit der Zeit angesichts des Leidens in der Welt hinsichtlich Gott zweifelte. Und ähnlich wie Nietzsche realisierte: „Millionen Menschen können das jetzige Leben nur in der Hoffnung auf ein besseres Leben ertragen.“ Für Geißler reichte die „Sehnsucht nach der Sehnsucht, glauben zu können“, um sich noch als Christ zu identifizieren. In gewisser Weise handelt auch Silence von dieser Sehnsucht nach der Sehnsucht des Glaubens. Mit seinem Passions-Projekt gelang Scorsese sein bester Film in diesem Jahrhundert. Insofern gibt Silence dem Zuschauer ebenfalls Glauben zurück. Wenn auch eher den Glauben daran, dass Scorsese doch noch gute Filme drehen kann.

7/10

13. März 2017

Taxi Driver

One of these days I’m gonna get organiz-ized!

Ich bin kein Fan von Martin Scorsese. Nicht von seinen vermeintlichen Klassikern und von den Filmen aus diesem Jahrhundert schon gar nicht. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass all seine Werke schlecht sind, nur fehlt mir wohl der rechte Zugang zu ihren Inhalten. So sind die Goodfellas und Co. vielleicht eher auf formaler Ebene die Meisterwerke, als die sie erachtet werden – zu diesen zählt wiederum auch der von Paul Schrader geschriebene Taxi Driver. “One of the best and most powerful of all films”, pries einst Filmkritik-Guru Roger Ebert und hob die Einsamkeit der Figur Travis Bickle, gespielt von Robert De Niro, als Hauptthema des Films hervor. “We have all felt as alone as Travis. Most of us are better at dealing with it”, so Ebert.

Wenn über Taxi Driver gesprochen wird, fällt in der Regel ein Hinweis zum Vietnam-Krieg. Travis hat in ihm gedient und die Narben, um dies zu untermauern. Dies ist abgesehen von einer späteren Szene, in der Travis das Gespräch mit einem Secret Service Agenten sucht aber auch schon der einzige Bezug zum Krieg in Asien. Die Handlung selbst bezieht sich nicht darauf, der zeitliche Kontext allenfalls bedingt. Travis beginnt am Anfang der Geschichte eine Tätigkeit als Taxifahrer. “I just wanna work long hours”, sagt der Veteran. Und erklärt sich bereit “anytime, anywhere” zu fahren. Als Folge deckt er die Stadtteile New Yorks ab, die seine Kollegen gerne meiden. Wo Drogendealer und Prostituierte ihrem nächtlichen Geschäft nachgehen.

“All the animals come out at night”, ätzt Travis und verweist auf die Junkies, Huren und Schwulen in den Straßen. “Some day a real rain will come and wash all this scum of these streets”, hofft er. Die Handlung spielt in einer Phase einer anstehenden Präsidentschaftswahl, New York City ist bepflastert mit Plakaten der Kandidaten Goodwin (mit dem Trumpschen Slogan “A return to greatness”) sowie Senator Palantine (Leonard Harris). Wer auch immer Präsident wird “should clean this city up”, wobei New York wohl pars pro toto für das Post-Vietnam-Amerika stehen soll. Travis’ Interesse an Palantine resultiert aus dem an seiner Wahlkampfhelferin Betsy (Cybill Shepherd), die er kurz darauf zu einem fatalen Pornokino-Date einlädt.

Als eines der Motive des Films wird der Aspekt gesehen, dass Travis es nicht schafft, eine Verbindung zu seiner Umwelt und Mitmenschen aufzubauen. Er ist ein Außenseiter, losgelöst von der übrigen Gesellschaft. Gegenüber Palantine erwähnt Travis, er folge nicht wirklich der Politik, gegenüber Betsy wiederum, er verfolge nicht wirklich Musik. “I believe that someone should become a person like other people”, äußert Travis in einer Szene seine Überzeugung. Vermag ihr jedoch selbst nicht zu folgen. Die Hintergründe bleiben unklar. Travis’ Misanthropie wird von ihm selbst befeuert und zudem nicht einmal wirklich von den Bildern unterfüttert. Inwieweit – und ob überhaupt – New York sein Gesicht gewandelt hat, ist nicht einzuschätzen.

Vielleicht war die Stadt auch schon vor Travis’ Militärdienst so wie sie ist. Drogenkonsum ist wie Prostitution keine Erfindung der 1970er Jahre, zumal die Ablehnung der Figur gegen New York etwas verwundert, da Travis zweifellos in Vietnam schlimmeren Abschaum gesehen haben muss. Von Mord und Vergewaltigung bis hin zur Prostitution in Saigon – wie in nahezu jedem Genrefilm zum Vietnam-Krieg zu sehen. New York muss da nach seiner Rückkehr fast schon geordnet wirken. Auch wenn man sicher argumentieren kann, dass die Erlebnisse in Asien dazu geführt haben, dass die Augen der Figur in der Heimat nun offener für das sind, was wohl schon immer oder zumindest schon länger gegenwärtig war und falsch gelaufen ist.

Die Entfernung dieses gesellschaftlichen Geschwürs schreibt sich die Hauptfigur im Verlaufe des Film nun selbst zu. “I got some bad ideas in my head”, gesteht Travis und macht sein Poster-Motto wahr, von dem er eine Stunde zuvor noch Betsy in einem Diner erzählt hat: One of these days I’m gonna get organiz-ized! Der Körper wird gestählt, ein Waffenarsenal besorgt und modifiziert. Es ist aber keineswegs Travis, der seine eigene Forderung (“clean this city up”) in die Tat umsetzt. Auch wenn die Figur später einen Ladenüberfall tödlich beendet. Travis Bickle verkommt nicht zum Rächer der Straße, belässt den Abschaum wo er ist und arbeitet eher auf ein vermeintliches Attentat an Palantine hin. Offen ist, aus welchem Grund.

Sei es eine Art Trotzreaktion auf Betsys Abweisung oder ein Äußern der Unzufriedenheit des Volksvertreters an die zuständige Politik – das Attentat misslingt jedenfalls und die Motivation der Figur verabschiedet sich so schnell wie sie zuvor auftauchte. Es gibt keine Fixierung auf Palantine als Charakter, der Zuschauer lernt den Senator und seine Politik nicht einmal kennen. So amüsant zwar Travis’ Versuche sind, sich mit dem Secret Service Agenten anzufreunden, der Handlungsstrang, eine Art Nachgeburt aus den Avancen gegenüber Betsy, wirkt etwas halbgar. Runder kommt da schon Travis’ anschließendes Bemühen daher, die Kinderprostituierte Iris (Jodie Foster) aus den Fängen ihres Zuhälters ‚Sport‘ (Harvey Keitel) zu retten.

Mit Iris erhält die Handlung einen gewissen Fokus, nicht zuletzt, da sich Travis ihr intensiver widmet, sodass eine Homogenität entsteht. Seine Versuche, dem Mädchen mit Worten zu helfen, wollen nicht fruchten, eine gewalttätige Intervention scheint angesichts der Psyche des Protagonisten unausweichlich. Das Finale ist kurz und schmerzvoll, von Scorsese desaturiert inszeniert, um trotz des dargestellten Gewaltexzesses ein R-Rating zu erhalten. Der visuelle Wechsel ist überraschend, funktioniert aber ganz gut als Repräsentant der explosiven Klimax. Passend, wenn auch nicht wirklich ausgearbeitet, ist da der Epilog, der Travis zum Helden verklärt – ungeachtet ob dies nun Realität ist oder doch nur Fiebertraum der Figur.

Womöglich würde Taxi Driver – zumindest für mich – besser funktionieren, wenn das Iris-Element den Film zu Lasten der Betsy-Palantine-Passagen stärker durchzogen hätte. Oder alternativ jene Passagen etwas tiefer thematisiert worden wären respektive der Niedergang der Stadt (darunter im Cameo des Regisseurs als stalkender Ehemann). Alles zusammen wirkt jedoch nicht vollends rund und gibt wenig Einblicke in die Figur und ihr Handeln – da helfen auch die halbherzigen Voice-Over-Tagebucheinträge wenig bis gar nichts. Dessen ungeachtet will für mich das alles mit Vietnam wenig zu tun haben, bestenfalls mit dem Isolationsfaktor innerhalb der Gesellschaft und den Folgen von missglückten sozialen Interaktionen.

Was diese Thematik angeht, funktioniert ein Film wie Scorseses Bringing Out the Dead sehr viel besser – sowohl in seinen Charakteren, Motivation und Mise en Scène. Laut der letzten Kritikerumfrage von Sight & Sound gibt es nur 30 Filme in der Geschichte des Kinos, die noch besser sein sollen als Taxi Driver – selbst wenn mir seine kulturelle und narrative Signifikanz nicht gewahr wird. Es ist ein solider Film, vielleicht etwas zu lang, aber mit interessanten Ansätzen, die Martin Scorsese nicht vollends zu einem überzeugenden Ganzen verbindet. Makellos ist dafür das Ensemble, die junge Jodie Foster insbesondere sowie Robert De Niro, als er noch engagiert bei der Sache war. Das kann man schätzen, auch wenn man kein Fan ist.

6/10

19. Juli 2014

Life Itself

I’ll see you at the movies.

Für viele ist er der größte Filmkritiker aller Zeiten – diesen inoffiziellen Titel verdiente sich Roger Ebert aufgrund seiner speziellen Art, Filme zu rezipieren. Im vergangenen Jahr verlor der 70-Jährige seinen Kampf gegen Schilddrüsenkrebs und hinterließ ein großes Loch bei seiner Zeitung Chicago Sun-Times. Über 45 Jahre war er für sie als Filmkritiker tätig, gewann 1975 sogar den Pulitzer Preis für seine Arbeit. Bevor sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, plante Ebert mit Regisseur Steve James seine Autobiografie Life Itself als Dokumentation umzusetzen. In ihr werden seine journalistischen Anfänge reflektiert sowie seine Hass-Liebe zu Kollege Gene Siskel, mit dem er gemeinsam zum Filmkritiker-Gesicht der USA avancierte.

Bereits in der Schulzeit fand Ebert zum Journalismus, arbeitete als Sportreporter für die News-Gazette. “It was unspeakably romantic“, erinnert sich Ebert. Später wechselte er 1967 mit 25 Jahren an die Universität in Chicago und schrieb für die dortige Sun-Times. “And then, five months later, the film critic retired and they gave me the job“, erzählt er. Eher zufällig also kam er zu seiner größten Leidenschaft im Leben: den Filmen. “He really, really loved films“, berichtet auch Martin Scorsese, einer der Talking Heads und zugleich Produzenten von Life Itself. Ähnlich wie Werner Herzog und Errol Morris profitierte er besonders von Eberts Kritiken, ernannte dieser doch Scorseses Debüt Who’s That Knocking at My Door zum Instant Classic.

Landesweit bekannt wurde Roger Ebert aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Gene Siskel, die gemeinsam in einer Sendung neue Filmstarts besprachen. Eine interessante Konstellation, war Siskel doch der Filmkritiker von Eberts Konkurrenzblatt: der Chicago Tribune. “We were professional enemies“, erzählt Ebert. Und, dass die zwei Männer in den ersten fünf Jahren, die sie sich kannten, kaum miteinander sprachen. Dennoch stimmten beide später zu, gemeinsam vor die Kamera zu treten. Dabei konnten sie sich auch dort lange Zeit nicht riechen, wurden aber dann zu Amerikas go-to Filmkritikern, ihre “two thumbs up“ zum begehrten Qualitätssiegel. Bis Gene Siskel 1999 an einem Hirntumor starb, von dem ausschließlich seine Familie wusste.

Drei Jahre später würde bei Ebert selbst ebenfalls Krebs diagnostiziert werden, in dessen Verlauf er seinen Unterkiefer verlor. Als Folge blieb ihm ein herabhängender Hautlappen, der ihm irgendwie ein stetes Lächeln ins Gesicht zaubert. Seine Fernsehauftritte wurden danach seltener, nicht aber seine Arbeit als Kritiker. “When I am writing I am the same person I always was“, verrät er. Und Werner Herzog nennt ihn in seiner so typischen herzogschen Art “a soldier of cinema“. Ob Ebert in seinen späteren Jahren so viel weiser wirkte, weil seine Worte nun einem Sprachcomputer entstammten, sei dahingestellt. Und auch wenn Steve James’ Film nah dran am großen Filmkritiker ist, macht Life Itself ihn leider nicht wirklich greifbar.

Was genau sah er in Filmen und wie sah er sie? Was bedeutete ihm seine Beziehung zu Siskel und zu seiner großen Liebe, Ehefrau Chaz? Genauere Einblicke verschafft der Film nicht, reißt sie allenfalls an. So wird Eberts Faible für die Filme von Russ Meyer mit dessen großbrüstigen Darstellerinnen erklärt. Zu Beginn heißt es – nach einer klassischen Rekapitulation der Journalisten-Truppe, die nach Feierabend durch die Kneipe zog – plötzlich, dass Ebert im August 1979 mit dem Trinken aufhörte. “I couldn’t take it anymore.“. Wieso er Alkoholiker war und wie sich die Krankheit auf seine Arbeit oder Persönlichkeit auswirkte – man müsste es wohl wie so vieles in seiner Biografie nachlesen. Aber ob diese tatsächlich Antworten bietet?

Steve James scheint sie darin nicht gefunden zu haben. Dass Life Itself ein detaillierter Blick auf Eberts Leben und Schaffen fehlt – ein Großteil fokussiert sich ausschließlich auf Siskel & Ebert & the Movies –, könnte der gesundheitlichen Verschlechterung und dem folgenden Ableben seines Protagonisten geschuldet sein. Vollends gerecht wird die Dokumentation diesem aber nicht, auch wenn sie durchweg über ihre zweistündige Laufzeit unterhält. Dennoch ist sie zu oberflächlich, um lebendig zu werden, selbst dann, wo sie Konflikte wie zwischen Ebert und Siskel oder Richard Corliss vom Time Magazine behandelt. Im Film leiht Stephen Stanton Eberts Worten teilweise seine Stimme. Wirklich hörbar wird diese in Life Itself aber nicht.

7/10

4. Dezember 2008

Entourage - Season Five

The Jew has arrived and he doesn’t like Germans.

Normalerweise läuft Doug Ellins Entourage stets im Sommer an. Daher hätte man meinen können, dass die fünfte Staffel der Serie nicht wirklich vom letztjährigen Autorenstreik beeinflusst worden ist. Einen Effekt hatte sie jedoch trotzdem auf das fünfte Jahr der Produktionsphase. Die aktuelle Staffel startete später und findet mit zwölf Episoden - wie bereits im letzten Jahr - ein frühes Ende. Zudem lässt sich sagen, dass sich die Serie eine angenehme Konstanz zugelegt hat. Man erinnere sich noch an die erste Staffel, in der es keinen roten Faden gab und primär das entspannte Leben eines aufstrebenden Schauspielstars gezeigt wurde. Jener Entwicklung wurde mit jeder folgenden Staffel zielstrebig entgegengewirkt. In den Staffeln Zwei und Drei drehte sich die Rahmenhandlung um das Blockbuster-Projekt Aquaman.

Ging es zuerst darum, dass Vincent Chase (Adrian Grenier) kein Interesse am Projekt hatte, fokussierte sich die darauf folgende Staffel um ebenjenes Endprodukt. Nachdem Vincent bereits Queens Boulevard mit Regisseur und enfant terrible Billy Walsh gedreht hatte, beschäftigte sich die vierte Staffel ausgiebig mit deren gemeinsamen Nachfolgewerk Medellin und insbesondere die Produktionsumstände. Jahr für Jahr gewann die Serie somit einen seriöseren Touch, wurde glaubwürdiger und dadurch auch akzeptierter - jedenfalls für meine eigene Person. Im letzten Jahr kam es dann zu einem Stillstand, indem Medellin bei seiner Premiere in Cannes floppte und die Karriere von Walsh und Vincent ungewiss zu sein scheint. Allerdings keimte auch Hoffnung auf.

Die fünfte Staffel schiebt jener Hoffnung nun einen Riegel vor. Zwar wurde im Staffelfinale angedeutet, dass Produzent Maury Chaykin (eine Anlehnung an Harvey Weinstein) Medellin noch umschneiden und dadurch retten könne, doch wurde dieses Bestreben wohl zu den Akten gelegt. Der Film lief nie in den Kinos an, was aus Billy Walsh wurde wird nicht weiter thematisiert (das Projekt Silo scheint damit gestorben zu sein) und in Fantasy Island biedert sich Vinnies Karriere als bloße Erinnerung an. Gemeinsam mit Turtle (Jerry Ferrara) vertreibt er sich die Zeit an einem träumerischen Strand in Mexiko. Hier regiert Haschisch und Sex. Währenddessen arbeitet Drama (Kevin Dillon) in L.A. an seiner erfolgreichen Fernsehserie und führt glücklich eine Fernbeziehung mit seinem französischen Groupie. Für Ari (Jeremy Piven) und E (Kevin Connolly) geht es nun darum, ein neues Filmprojekt für Vincent zu finden.

Ein zugeschicktes Drehbuch zweier Brüder und Schießstandbesitzer (Giovanni Ribisi & Lukas Haas) weckt E’s Interesse. Vincent kann davon überzeugt werden, zurück in die Zivilisation zu kehren und um seine Karriere zu kämpfen. Doch das gewünschte Smoke Jumpers-Projekt entgleitet der Truppe aus den Händen. Für die Hauptrolle wird Edward Norton besetzt und das Studio will aus persönlicher Abneigung Vincents Karriere nicht retten. Als Notlösung bietet sich nur der Kinderfilm Benji an, in welchem Vincent mit ebenjenem Hund in ein Abenteuer verwickelt würde. Aus finanziellen Gründen - steht er doch vor dem Bankrott - sagt Vincent schon fast zu, entschließt sich dann jedoch um Smoke Jumpers zu kämpfen. Einige Studioentwicklungen später und mit reichlich Vitamin B hat er eine Nebenrolle im Film sicher. Doch die Probleme fangen erst an.

Zwar hatte Vincent bereits in der zweiten Staffel erhebliche finanzielle Probleme, doch ist das Ausmaß seines Kontostandes nunmehr akut. So kommt es, dass sich selbst Turtle einen Job sucht, um seinen Kumpel nicht mehr zu belasten. Drama und E versorgen sich bereits seit der vergangenen Staffel selbst. Der Ton von Entourage nimmt somit ernstere Züge an und spitzt sich immer weiter zu. Die Regisseure haben kein Interesse mehr mit Vincent zu arbeiten, die Studiobosse sind schlecht auf ihn zu sprechen. Der Jungstar zerrt am Ruhm vergangener Tage, doch auch seine Aquaman-Historie will ihm nicht so wirklich weiterhelfen. Dass er sich selbst nicht aufgeben will, bestärkt er nochmals in der Folge Tree Trippers, in ironischerweise Eric Roberts eine Nebenrolle (als er selbst) spielt. Allerdings führt das Engagement in Smoke Jumpers nicht zur gewünschten Kehrtwendung.

Die Platzierung von Vincent durch das Studio sorgt für Animositäten mit dem deutschen Regisseur des Projektes, Verner (Stellan Skarsgård). Die Folgen dieser Staffel haben auch ihre Auswirkungen auf die Freundschaft zwischen Vincent und E, während Turtle endlich eine etwas eigene Entwicklung erfährt. Nicht nur dass er sich einen Job sucht, auch verliert er Teile seiner Slacker-haften Persönlichkeit. Zu verdanken ist dies seiner Affäre mit Jamie-Lynn Sigler (The Sopranos). Für die anderen Drei ist beziehungstechnisch dagegen Ebbe angesagt, obschon Vincent in Unlike a Virgin endlich mit Justine (Leighton Meester) zusammen kommt. Allerdings taucht sie in den folgenden Episoden nicht mehr auf, sodass ihre Platzierung etwas verstört.

Der rote Faden der fünften Staffel ist eindeutig Smoke Jumpers und damit die Zukunft von Vincents Karriere. Wie schlecht es um diese bestellt ist zeigen verschiedene Meetings mit anderen Regisseuren wie Frank Darabont oder Gus van Sant, die zwar von Vincents Talent überzeugt sind, ihn jedoch nicht in ihren Filmen haben wollen. Neben den beiden Regisseuren geben jedoch noch andere große Namen des Business der Show eine Steppvisite. Als sie selbst übernehmen Whoopie Goldberg, der oben erwähnte Eric Roberts, Peter Berg, Martin Scorsese und Jamie-Lynn Sigler Nebenrollen. Zudem treten Jason Isaacs, Stellan Skarsgård, Martin Landau und Giovanni Ribisi als fiktive Figuren auf. Ein Wiedersehen gibt es auch mit dem unglücklichen Charakter von Schulfreund Dom (Domenick Lombardozzi), der eine Läuterung erfahren darf. Der erneut seriöser werdende Ton steht der Serie wie gesagt gut zu Gesicht, auch wenn man sich durchaus noch etwas mehr Kritik am Business wünschen würde.

Die Tatsache, dass Schauspieler nach einem Flop wieder schwer neue Projekte finden, hätte man sicherlich eine Spur bissiger vorführen können. Andere weggelassene Aspekte wie die Entwicklung von Medellin oder Justine Chapman verwirren etwas oder hätten zumindest eine kurze Erklärung verdient. Nach einem soliden Start von vier Episoden fällt die Staffel in ein kleines Loch (Tree Trippers, ReDOMption, Gotta Look Up to Get Down), bevor sie wieder an Fahrt gewinnt und in der neunten Folge (Pie) ihren Höhepunkt findet. Auch die folgenden Episoden knüpfen hier sehr gut an, enden dann allerdings in einem nicht nur überraschend versöhnlichen Finale, sondern dieses „Versöhnung“ selbst ist auch mehr als überraschend. Ingesamt jedoch eine weiterhin unterhaltsame und ordentliche Serie, die im nächsten Jahr ihre Fortsetzung findet. Welche Wendungen Ellin hierfür parat ist, dürfte interessant werden.

8/10

11. Juli 2007

Goodfellas

How the fuck am I funny, what the fuck is so funny about me?

Neben The Godfather zählt Goodfellas zu den besten Mobster-Filmen aller Zeiten. 1990 hatte es Martin Scorsese mal wieder verpasst, den Oscar für die beste Regie zu gewinnen - der ging stattdessen an Kevin Costner (Dances With Wolves). Ebenso wie 2004, wo er mit The Aviator versagte - gegen Clint Eastwood (Million Dollar Baby), 2002 mit Gangs of New York gegen Roman Polanski (The Pianist) oder 1980 mit Raging Bull gegen Robert Redford (Ordinary People). Immer verlor Scorsese gegen Schauspieler. Für Taxi Driver (1976) und Casino (1995) wurde er nicht einmal nominiert. Eine schreiende Ungerechtigkeit, das gebe ich zu. Ihm dann den Oscar für The Departed (2006) zu geben, ist auch eine schreiende Ungerechtigkeit, hat Scorsese in dem Film doch nichts anderes getan, als ein echtes Meisterwerk Szene für Szene mit teilweise denselben Einstellungen nachzudrehen.

Goodfellas erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte des Gangsters Henry Hill (Ray Liotta), welcher zusammen mit Tommy DeVito (Joe Pesci) in der Mafia-Hierarchie unter Jimmy Conway (Robert De Niro) aufsteigt. Mit den Jahren wird Tommy allerdings immer unberechenbarer und Jimmy paranoider, was Henrys Familiendasein zu gefährden droht. Von einem wahren Aufstieg und Fall eines Mafiosi lässt sich hierbei nicht wirklich sprechen, inszeniert Scorsese den Fall von Hill doch innerhalb von nur einer Viertelstunde. Vielmehr geht es um die Entwicklung dieser drei goodfellas, die sich im Laufe der Jahrzehnte voneinander entfernen, sodass am Ende jeder seinen eigenen Kampf zu kämpfen hat. In dieser Hinsicht ähneln sich Goodfellas und Casino erstaunlich stark.

Die Kameraarbeit von Michael Ballhaus ist perfekt, daran gibt es nichts zu mäkeln, ebenfalls die Regie von Scorsese oder die Darstellerleistungen – auch wenn Liotta an mancher Stelle nicht mit de Niro und Pesci mithalten kann. Scorsese zeichnete mit Goodfellas ein Bild der Mafia, welches einem fast noch mehr im Gedächtnis bleibt als das von The Godfather. Den Eindruck den man von den Gangstern gewinnt, die einfach alles haben und wie Superstars behandelt werden, lässt einen in mancher Szene gar neidisch werden. Wenn man aber die Todesrate begutachtet, auch wieder nicht. Scorsese zeichnet eine eigene Welt, in der eigene Gesetze gelten (falls man überhaupt von Gesetzen sprechen kann). Begleitet wird durch diese drei Jahrzehnte dauernde Geschichte durch die Figur bzw. Ehe des Henry Hill.

Mobsterfilme sind das, worauf sich Scorsese versteht, so etwas kann er gut inszenieren. Meiner persönlichen Ansicht nach ging der Oscar 1990 damals dennoch zu Recht an Costner, dessen Film einfach runder im Vergleich zu Goodfellas ist. Dieser verliert sich besonders in der letzten halben Stunde viel zu oft auf Nebenkriegsschauplätzen und stellt eigentlich nur eine Aneinanderreihung verschiedener erwähnenswerter Mafia-Erlebnisse dar, sodass er fast hinter Casino zurücksteht. Dazu müsste ich letzteren aber nochmals sehen. Goodfellas ist also eine alltägliche Darstellung des Mafia-Lebens und hat Pate gestanden für die erfolgreiche HBO-Serie The Sopranos. Für ein wahres Meisterwerk fehlt ihm jedoch die in sich geschlossene Handlung und ein Schluss-Viertel, dass mit dem Anfang mithalten kann.

7.5/10