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3. September 2016

Eye in the Sky

Where are we legally?

Für Spock war es logisch, dass “the needs of the many outweigh the needs of the few”. Ein utilitaristischer Ansatz – und moralisches Dilemma zugleich. Beispielsweise dargestellt in dem Gedankenexperiment des Trolley-Problems. Wiegen fünf Leben mehr als eines? Und umgedacht: Ist es vertretbar, ein Leben zu opfern, wenn sich dadurch mehrere Leben retten lassen? “Do good at a bearable cost to save lives”, ist auch ein Mantra von US-Präsident Obama in seiner Auslandspolitik. Die beinhaltet die Kriegsführung per Drohnen – was jedoch nicht immer ohne Kollateralschäden auskommt. So starben laut der Journalisteninitiative Bureau of Investigative Journalism bei US-Luftangriffen in Pakistan seit 2004 mindestens über 160 Kinder.

Der mögliche Tod eines Kindes steht auch im Zentrum von Gavin Hoods jüngstem Film Eye in the Sky. Darin lokalisiert das britische Militär um Colonel Katharine Powell (Helen Mirren) drei der fünf meistgesuchten Terroristen Ostafrikas in einem Haus eines Stadtteils von Kenias Hauptstadt Nairobi. Zusätzlich bereiten sich darin ein britischer sowie ein US-amerikanischer Staatsbürger auf ein Selbstmordattentat vor. Ursprünglich als Gefangennahme geplant, strebt Powell nun gegenüber ihrem Vorgesetzten Lt. General Frank Benson (Alan Rickman) einen Luftschlag an. Kernproblem ist dabei die Risikoprüfung für die Zivilbevölkerung in der direkten Nachbarschaft, darunter das neun Jahre alte Mädchen Alia (Aisha Takow).

Verschiedene Bereiche für dieselbe Frage müssen schnellstens berücksichtig werden. Ist ein Luftschlag und daraus resultierender Kollateralschaden juristisch vertretbar? Genauso wie politisch? Für Powell und Benson ist der Angriff unabdingbar. Nicht nur, weil der Colonel seit Jahren hinter einer der Zielpersonen her ist, auch aufgrund der unerwarteten Gefahr eines Selbstmordanschlags. “We need to expand our rules of engagement right now to protect the civilian population”, sieht Powell die Lage gegenüber ihrem Rechtsbeistand. Die politischen Vertreter, die mit Benson die Mission von London aus beobachten, sehen dagegen die Gefahr für die Zivilisten vor Ort durch einen möglichen Luftschlag. Und die möglichen Folgen daraus.

“We have to know that we’re legally in the clear”, betont auch Benson im Gespräch mit Powell. Die zivilen Opfer vor Ort personifiziert das Drehbuch von Guy Hibbert dabei in der Neunjährigen. Ihre Anwesenheit ist es, die den US-Lieutenant und Piloten der Reaper-Drohne Steve Watts (Aaron Paul) sowie dessen junge Kollegin Carrie Gershon (Phoebe Fox) auf ihrem Stützpunkt in Nevada kurz vor dem Angriff innehalten lässt. Und die auch die so genannte “kill chain” in London in Bewegung setzt, in der eine Kette von Entscheidungsträgern die Verantwortung ihren Vorgesetzten überlassen. “There is no law covering a situation quite like this”, macht der britische Generalstaatsanwalt George Matheson (Richard McCabe) deutlich.

Juristisch sei man vielleicht abgesichert, “but politically we’re walking into a minefield”, mahnt die politische Beraterin Angela Northman (Monica Dolan) in die Runde. Und trifft so bei Brian Woodale (Jeremy Northam), der das Auswärtige Amt als Entscheidungsträger vertritt, einen Nerv. Zwar habe der Premierminister einen Luftschlag bereits abgesegnet, informiert Matheson, doch Woodale will dennoch das Okay des britischen Außenministers (Iain Glen) einholen, der sich in Singapur aufhält. Der verweist wiederum auf seinen US-Kollegen, aktuell auf Besuch in China, da einer der designierten Selbstmordattentäter immerhin US-Staatsbürger ist. Unterdessen läuft die Mission Gefahr, aufzufliegen oder aus britischer Kontrolle zu geraten.

Hood präsentiert mit Eye in the Sky ein packendes und zeitgeschichtlich signifikantes Drama, das mit geringen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Der Zuschauer versteht Powells Frust im Aufschub der Entscheidung für den Luftangriff. “There is a lot more at stake than you see here in this image”, macht sie gegenüber dem zweifelnden Watts klar. Weder er noch Gershon haben jedoch bisher den „Tod auf Knopfdruck“ – wie es Spiegel Online nennt – über ihre Drohne erteilt. Schon gar nicht auf Kinder. Northman wiederum sieht die Gefahr auf das Leben des Mädchens als gegebener an denn eine veranschlagte theoretische Opferzahl von 80 Personen, sollten die Selbstmordattentäter erfolgreich sein. Und erwähnt den Propaganda-Effekt.

Kämen bis zu 80 Menschen durch einen Anschlag zu Tode, wäre dies Wasser auf die Mühlen im Kampf gegen den Terror. Wird beim Verhindern des Anschlags ein Mädchen als Kollateralschaden getötet, spielt dies wiederum den Radikalen in die Karten. Für Powell und Benson ist klar, dass ein möglicher Tod des Mädchens in Kauf zu nehmen ist, um das Leben von rund 80 Personen zu retten. Und zugleich drei Top-Terroristen auszuschalten. Anders sehen es Watts, Gershon und die politischen Vertreter. Ein moralisches Dilemma, das innerhalb der Handlung weitaus weniger Thema ist als das juristische oder politische. Auch wenn der Südafrikaner Gavin Hood es im weiteren Verlauf bis an seine Grenzen auszutesten versucht.

Zu Zwecken der Überwachung mit einem Insektothopter hält sich undercover mit Jama Farah (Barkhad Abdi) ein Vertreter der kenianischen Streitkräfte vor Ort auf. Und soll nun das Mädchen aus der Gefahrenzone bringen – riskiert dabei jedoch, seine Deckung auffliegen zu lassen. Die Frage, ob das Wohl des neunjährigen Mädchens das Riskieren von Farahs Leben rechtfertigt, bleibt dabei außen vor. Wie auch die übrigen zivilen Kollateralopfer durch den potentiellen Luftangriff für die Debatte irrelevant sind. Für die Figuren ist nur das eine Mädchen relevant, als Sinnbild für all jene unnötigen Opfer, die zum Vermeiden einer größeren Zahl von Opfern in Gefahr gebracht werden. Alltag im von Drohnen geführten Krieg.

So berichtet die Enthüllungsplattform The Intercept von einer US-Militäroffensive in Afghanistan aus dem Jahr 2012/2013. Über 200 Menschen kamen dabei zu Tode, lediglich drei Dutzend davon waren jedoch vom US-Militär als Zielperson auserkoren. Während einer fünf Monate währenden Phase seien gar 90 Prozent der Opfer keine militärischen Ziele gewesen. Manchmal müsse man ein Leben nehmen, um mehr Leben zu retten – diese Haltung vertrete laut einem Interview im The Atlantic auch Präsident Barack Obama. Womit man wieder beim Trolley-Problem angelangt ist. Während Watts merklich Probleme hat, das Leben eines Kindes zu gefährden, sehen Northman und Woodale eher das Risiko eines politischen Nachspiels.

Ein Konflikt, den der Film zu Beginn in abgeschwächt-humoristischer Form über Benson präsentiert, als der für sein Enkelkind eine Puppe kaufen soll. Dabei jedoch die Version mit dem falschen Feature wählt. “Apparently, there’s an important difference”, merkt der General lakonisch an. Er sieht die Puppe als Puppe – und nicht ihre variierende Funktion. Ähnlich uneinsichtig geben sich die Militär-Figuren in Eye in the Sky. Sollen sie dieses Mädchen nicht gefährden, dafür jedoch das Leben mehrerer anderer Mädchen riskieren? Das moralische Dilemma des Trolley-Problems ist keines, mit dem sich Soldaten beschäftigen. Benson und Powell agieren utilitaristisch. Das Wohl der Menge steht für die beiden Militärs über dem des Einzelnen.

Northman und das Publikum sehen derweil buchstäblich nur die Neunjährige – nicht zuletzt da Watts und Gershon die Kamera ihrer Drohne auf das Mädchen fixieren. Die übrigen Passanten und Zivilisten interessieren nicht, laufen auch in die von Watts nachgefragte Risikoprüfung der Kollateralopfer nicht mit ein. Ist es vertretbar, ein Mädchen im schlimmsten Fall zu töten und im besten Fall für immer schwerbehindert zurückzulassen, wenn dadurch eine unbekannte Zahl an zivilen Opfern verhindert wird? Regisseur Hood und Autor Hibbert beantworten diese Frage nicht leichtfertig, sondern lassen das Szenario größtenteils in Echtzeit ausspielen. Und geben den moral-philosophischen Ball somit in gewisser Weise an ihre Zuschauer weiter.

Die Anspannung innerhalb der Geschichte ist bisweilen zum Greifen nah und wird angesichts des formalen Umfelds, in dem sich die Figuren bewegen, stets ruhig und zumeist mittels Mimik dargestellt. Seien es skeptische Blicke von Aaron Paul und Monica Dolan, frustrierte Gesten von Helen Mirren oder mit Bestimmung betonte Satzformulierungen von Alan Rickman. Das Ensemble macht aus vergleichsweise wenig viel und jeder der Schauspieler – mit Ausnahme vielleicht des fehlbesetzt wirkenden Iain Glen – verleiht seiner Figur Leben und Dynamik. Und nicht zuletzt im Wissen, dass dies die letzte Performance von Alan Rickman war, setzt der verstorbene Brite mit seiner unvergleichlichen nasal-nüchternen Art dem Film fraglos die Krone auf.

Eine Antwort auf die Frage, welche Entscheidung richtig ist, vermag Eye in the Sky nicht zu geben. Wie auch? Zu einer Entscheidung kommt es aber natürlich dennoch. Dem Film gelingt es dabei nicht immer, frei von Klischees zu sein. Wie auch die Dramatisierung der Situation stellenweise sehr konstruiert wirkt. Packend und spannend, auch dank der bedacht-eingesetzten Musik von Paul Hepker und Mark Kilian, fällt Hoods Arbeit dennoch aus. Übertreffen die Nöte der Masse die des Einzelnen? Die Antwort darauf, dass musste auch Spock erfahren, ist wohl weniger im rationalen Utilitarismus zu finden als doch, wie in Star Trek IV: The Voyage Home von der populären vulkanischen Figur bemerkt, in der menschlichen Natur.

7.5/10

21. Dezember 2010

The X Files - Season Nine

Your lack of imagination saved our lives.

Es ist die vorletzte Folge einer Serie, die seit 1993 im amerikanischen Fernsehen lief und dabei dieses zwar nicht revolutioniert aber durchaus beeinflusst hat. „I’ve been working this unit for nine years now“, erzählt Special Agent Dana Scully (Gillian Anderson), „I’ve investigated nearly 200 cases“. Serienschöpfer Chris Carter und seine Produzenten rund um Vince Gilligan präsentieren in Sunshine Days diesen schönen Moment eines seriellen Kurzrückblicks, der sehr viel harmonischer und gelungener ausfällt, als das anschließende Serienfinale The Truth. Neun Jahre und 202 Folgen war es her, seit Dana Scully an die Seite von Special Agent Fox „Spooky“ Mulder (David Duchovny) versetzt wurde. Neun Jahre mit Höhen (die Staffeln 1, 2 und 6) und in Form der achten und neunten Staffeln auch Tiefen. In der siebten Staffel überschritt The X Files ihren Zenit und erfand sich nicht neu - zumindest nicht früh genug. Zu spät merkte man, dass man nichts mehr zu erzählen hatte oder sich etwas Neues einfallen ließ.

Das neunte Jahr ist eine Mulder-freie Zone. Abgesehen von fragmentarischen Bildern ist Duchovny weitestgehend abwesend, übernahm er zwar in William die Regie, blieb jedoch als Darsteller bis zum Serienfinale fern. Nothing Important Happened Today führt sein selbst auferlegtes Exil ein, da die Supersoldaten um Knowle Rohrer (Adam Baldwin) hinter ihm her seien. Und dabei bleibt es auch für die restlichen 18 Episoden, zumindest insofern sie nicht mythologischer Natur sind. Scully hingegen fokussiert sich auf die Erziehung ihres Sohnes William und ihrer neuen Aufgabe als medizinische Ausbilderin in Quantico. So sind es zuvorderst Special Agent John Doggett (Robert Patrick) und seine Partnerin Special Agent Monica Reyes (Annabeth Gish), inzwischen offiziell mit den X-Akten betraut, die sich mit Rohrer und Co. herumschlagen dürfen. Untergraben werden ihre Bemühungen innerhalb des Bureau von Deputy Director Alvin Kersh (James Pickens Jr.) und Assistant Director Brad Follmer (Cary Elwes), dem Ex-Freund von Monica Reyes.

Der Wechsel von der sechsjährigen Alien-Invasion und dem dazugehörigen Syndikat zu den Supersoldaten ist unsauberer und wenig nachvollziehbar. Denn dass das Syndikat nicht nur aus der Handvoll Männer besteht, die am Ende von One Son eliminiert wurden, sah man im Kinofilm. So gab sich bereits die siebte Staffel in allerlei Mulder-Wirren ziemlich planlos, ehe im Vorjahr die Supersoldaten peu a peu eingeführt wurden. Dass diese trotz allen Charmes von Adam Baldwin nur leidlich als Antagonisten funktionieren, zeigt sich in der Doppelepisode zum Auftakt. Auch in den weiteren Folgen, Trust No 1 sowie dem traditionellen Mittelstück Provenance/Providence und William, zeigt sich wie in den Jahren zuvor die Schwäche der mythologischen Handlungsstränge. Denn auch William kann wie die Supersoldaten keine Faszination ausüben, da seine Bedeutung selbst in William nie genügend erörtert wird (wieso muss Mulder zum Beispiel fliehen, während William in D.C. bleiben kann?).

Den Fehler, den Carter mit The X Files begangen hat, war die frühe Auflösung der Syndikatshandlung beziehungsweise die Fortführung der Geschichte nach jener Auflösung. Die Serie hätte einen Trennungsstrich gebraucht, ein neues Gesicht - nicht nur im Ensemble. Denn die Monster-of-the-Week-Episoden können immer noch überzeugen, wenn auch mal mehr und mal weniger. Es sind Folgen wie Lord of the Flies, die ob ihrer pop-kulturellen Anspielung (Teenager verfallen dem Jackass-Hype) und ihrer Besetzung (in diesem Fall: Aaron Paul, Jane Lynch, Samaire Armstrong und Erick Avari) gefallen. Dass sie nicht immer genauso funktionieren wie ihre früheren Pendants, liegt zum einen an ihrer unsauberen Ausarbeitung, aber natürlich auch an der Paarung Doggett-Reyes, die weniger Charme besitzen als ihre Vorgänger. Dies trifft hauptsächlich auf Annabeth Gish zu, deren Figur selbst in einer Folge wie Audrey Pauley wenig bis gar keine Sympathien erzeugt, was einem ihr Schicksal hier wie auch in Scary Monsters relativ egal macht.

Hinzu kommt noch, dass nun, da Mulder zum einen weg und zum anderen inzwischen als Partner Scullys etabliert ist, die Charaktere von Patrick und Gish in dieselbe Schablone gepresst werden. So thematisieren Folgen wie Audrey Pauley, Release und Sunshine Days die romantischen Gefühle zwischen den Beiden, derer sich speziell Doggett verwehrt. In Anbetracht der Tatsache, wie viel Zeit sich für die Mulder-Scully-Beziehung genommen wurde, kein sonderlich kluger Schritt, die neunte Staffel wie die Vorherigen aufzuziehen nur mit anderen Hauptfiguren. Dass Anderson diese in Geschichten wie Dæmonicus oder Improbable auch weiterhin an die Hand nehmen muss, zeugt umso mehr davon, dass es The X Files versäumt hat, sich in eine neue, Mulder- und Scully-freie Richtung zu entwickeln. So wirkt auch der Abschluss des Doggett’schen Traumas um dessen ermordeten Sohn in Release nicht minder gezwungen wie es bei Mulder und seiner Schwester in Closure der Fall gewesen ist.

Aber obschon aufgrund der diese Staffel auftretenden DTV-Qualität (besonders an den Effekten scheint man, wie in Scary Monsters zu sehen ist, gespart zu haben), des unglaublich hässlichen neuen Intros und der Vielzahl an unterdurchschnittlichen Folgen, versagt die neunte Staffel nicht vollständig. Mit Lord of the Flies oder Audrey Pauley gibt es Lichtblicke, zu denen auch Episoden wie John Doe, Sunshine Days oder Scary Monsters zählen. Speziell die Letztgenannte gefällt durch ihre kluge Einbindung von Doggetts Charakter sowie der Rückkehr von Special Agent Leyla Harrison (Jolie Jenkins), der lebenden X-Akten-Fibel. Gerade die Figur von Harrison ist ein gutes Beispiel für das verschenkte Potential, welches eine Neuerfindung der Serie hätte mit sich bringen können. Dennoch ist die Rückkehr von Jenkins wie auch ein letzter (erneuter) Auftritt von Terry O’Quinn nicht minder schön, wie ohnehin zumindest versucht wurde, in jeglicher Hinsicht mit einem reinen Gewissen abzutreten.

So kriegen die Lone Gunmen eine Einzelverabschiedung in Jump the Shark und eine letztmalige Integration neben X (Steven Williams), Marita Covarrubias (Lauren Holden), Gibson Praise (Jeff Gulka), C.G.B. Spender (William B. Davis) und Alex Krycek (Nicholas Lea) im Serienfinale The Truth. Dass sich dieses lediglich wie eine Best-Of-Clipshow anfühlt, fällt da kaum ins Gewicht. Die Stärken der neunten Staffel liegen ohnehin in der weiterführenden Tradition, ein Gespür für zukünftige „Losties“ zu haben (neben O’Quinn sind auch Alan Dale, Zuleikha Robinson und Michael Emerson von der Partie), sowie mit bekannten Gesichtern als Gaststars aufzuwarten. Cary Elwes ist dabei mit sechs Folgen fast schon Ensemblemitglied, während neben Lucy Lawless und James Remar besonders David Faustino (Sunshine Days) und Burt Reynolds Freude bereiten. Gerade Reynolds, dessen Auftritt als Gott in Improbable ein Vergnügen ist, umso passender, da es sich hierbei auch um die beste Episode der neunten Staffel handelt.

Sie braucht sich vor ihrer Konkurrenz der früheren Jahrgänge nicht zu scheuen und bildet zusammen mit 4-D den Höhepunkt dieser letzten Staffel. Mit The Truth hieß es schließlich Abschied nehmen von Figuren und Schauspielern, die einen neun Jahre lang - und auch darüber hinaus - begleitet haben. Die man hat hadern und zweifeln, ihre Skepsis aufgeben, Hoffnung gewinnen und ineinander verlieben sehen. Es gab nicht auf alle Fragen eine Antwort, auch nicht im die neun Jahre rekapitulierenden Serienfinale. Was aus Armin Müller-Stahl und den genetischen Bienen in Tunesien wurde, wie Mulder je über das schwarze Öl und seine neurologische Alien-Krankheit hinweg kam, was Mulder und Scully während ihrer Obduktionen wirklich durchstehen mussten und welche Wege Figuren wie Alan Dales Toothpick Man oder Jeff Gulkas Gibson Praise nun nehmen würden - die Wahrheit hierauf, so würde es Mulder wohl sagen, liegt weiterhin irgendwo da draußen.

7/10

7. Juli 2010

Breaking Bad - Season Three

There’s no honour among thieves. Except us… of course.

In seinem Werk Jenseits von Gut und Böse schrieb Friedrich Nietzsche als Aphorismus 146 einst die unsterblichen Worte: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“. Ein Zitat, wie es sich auch auf die dritte Staffel von Vince Gilligans Drama-Serie Breaking Bad münzen ließe. Die Geschichte vom Krebskranken Chemielehrer Walter White, der zur finanziellen Absicherung seiner Familie beginnt, Meth zu kochen, brachte nicht nur Gilligan Ruhm und Ehre, sondern auch der Show selbst, die nächsten Sommer in ihr viertes Jahr gehen wird, eine etablierte Stellung im TV-Geschäft. Im Gegensatz zu anderen Serien wie Chuck oder True Blood gelang es Breaking Bad jedoch nicht, sich im dritten Jahr zu steigern. Zu unsympathisch sind die Figuren, zu problematisch das ausufernde Konzept wie man es von Kabel-TV-Serien gewohnt ist.

Der Krebs ist besiegt, die Tochter ist da. Dennoch könnte Walter Whites (Bryan Cranston) Leben nicht miserabler aussehen. Ehefrau Skylar (Anna Gunn) ist hinter seine Lügen gekommen, hat der erschreckenden Wahrheit ins Gesicht geblickt. Trennung ist angesagt, die Scheidung steht bevor, Skylar selbst hüpft bereits mit ihrem Chef ins Bett. In seinem größten Sieg lag Walters größte Niederlage. Hinzu kommt ein Zerwürfnis mit seinem Protege, Partner und Ex-Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul), dass die beiden Männer entzweit. Nach einem lukrativen Angebot von Kartell-Filialleiter Gus (Giancarlo Esposito) entschließt sich Walter, zur weiteren finanziellen Absicherung seiner beiden Kinder seine Drogenkarriere fortzuführen. Doch die Aktivitäten von Walters Alter Ego „Heisenberg“ erregen erneut die Aufmerksamkeit von Walters Schwager Hank (Dean Norris), sowie jenseits der mexikanischen Grenze bei verwandten Auftragskillern von Tuco, die für das Verscheiden des Cousins Walter verantwortlich machen und nach Rache dürsten.

Das neue Konzept von Breaking Bad ist weder originell noch überraschend, vielmehr eine der vielen Ausfahrten, die sich nehmen ließ, um mal einen anderen Stadtteil zu sehen. In der vorherigen zweiten Staffel wurde kritisiert, dass „einige Subplots derart gedehnt [werden], dass sie sich oft verlieren“. Ein klassisches Problem der überlangen Kabel-TV-Serien, die oft die 40-Minuten-Laufzeit der Kabelserien überschreiten. Auch in Breaking Bad werden kleinste Nebenhandlungen aufs Äußerste ausgedehnt. Das getrennte Leben von Walter und Skylar ist bereits nach zwei Episoden ausufernd erzählt, wird jedoch weiterhin in auswälzender Form breitgetreten. Ähnlich verhält es sich mit dem Streit zwischen Walter und Jesse oder den Rachegelüsten von Tucos Cousins. Wie sehr Gilligan die kleinsten Aspekte zu strecken bereit ist, verdeutlicht die Folge Fly sehr gut, die im Grunde überhaupt keinen Inhalt hat, dies allerdings fast fünfzig Minuten vorzugeben versucht, natürlich scheitern muss und die schlechteste Folge der Staffel darstellt.

„I can’t be the bad guy”, sagt Walter relative früh in der dritten Staffel. Er ist ein ehrbarer Bürger, der nur das Gesetz übertritt, um seine Familie zu versorgen. Aber „wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird“. Dieser konsequente Schritt, der bereits im letzten Drittel der zweiten Staffel angedeutet wurde, als Walter seinen Status immer mehr zu genießen begann, wird leider nicht fortgeführt. Erst zum furiosen Finale der Staffel, das wie im Falle der ersten Staffel (die „nach hinten raus dann noch einigen Boden gutmachen“ konnte) der Serie den Arsch rettet, bringt Gilligan seinen Protagonisten einen Schritt weiter (zumindest in dramatischer Sicht). Es sind die letzten drei Folgen, die das gemächliche Galopp der Serie durchbrechen, endlich mal das Tempo anziehen und dadurch Schlag auf Schlag erzählen und somit Spannung erzeugen. Etwas, das vielen Folgen zuvor nicht gelang. Daher finden sich die besten Episoden in den finalen Episoden Half Measures und Full Measure, die (endlich) die Karten neu mischen.

Allerdings vermag auch das Finale nicht zu kaschieren, dass Breaking Bad im dritten Jahr abbaut. Eine Tendenz, die hätte verhindert werden können, hätte Gilligan seine Figuren nicht stagnieren lassen, wie es David Chase in The Sopranos tat. Der Charakterschritt von Walter war überfällig, so wie es auch Hanks Ermittlungen gegen Heisenberg sind, die wie bereits im Vorjahr erneut auf später verschoben werden (dabei zeigte doch die zweite Staffel von Dexter, wie viel Potential sich in einem derartigen Konzept verbirgt). So ist Gilligans Serie inzwischen recht nervig geraten, wenn Jesse Walter immer noch mit „Mr. White“ annölt und vermeintliche Identifikationsfiguren wie Walter, Skylar und Jesse weniger Sympathien erwecken als die heimlichen „Stars“: der skrupellose „Mr. Wolf“-Verschnitt Mike (Jonathan Banks) oder der schmierige Winkeladvokat Saul (Bob Odenkirk). Wenn Breaking Bad also wieder etwas Land gewinnen will, sollte Gilligan im Juli 2011 beginnen, seine Figuren weiterzuentwickeln. Ansonsten verschwindet seine Serie bald ganz im Abgrund.

7/10

15. März 2010

Breaking Bad - Season Two

I take my time but I always win.

Von Drogen hatten wir es hier bei Traffic schon mal. Wo laut dem Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen in den USA der Cannabis-Konsum immer mehr steigt, nahm der Konsum von Methamphetamin - kurz Meth oder Crystal genannt - seit 2004 wieder ab und erreichte das Niveau zu Beginn des Jahrzehnts. Die Droge selbst kommt dabei wie so viele aus dem Nachbarstaat Mexiko. Die Amerikaner, die auf eigene Kosten selbst ihr Meth herstellen, dürften somit in der Unterzahl sein. Eine Nische, die es zu besetzen gilt. Zumindest wird dies zur Thematik in der zweiten Staffel von Vince Gilligans Breaking Bad, einer Serie, der enorme Vorschußlorbeeren vorausgingen. Doch je größer das Lob zu Serien westlich des Atlantiks, desto größer gebietet sich auch die Skepsis. Denn auch mit Breaking Bad verhält es sich wie mit Kollegen wie The Sopranos oder 30 Rock. Es wird heißer gekocht als gegessen.

Der Verlauf der Staffel verhält sich ähnlich wie im Vorjahr. Zu Beginn bekommen es Walter (Bryan Cranston) und Jesse (Aaron Paul) mit einem wahnwitzigen Partner zu tun, ehe sich alles erstmal stabilisiert. Die Anfangspisoden um den soziopathischen Tuco (Raymond Cruz) sind dann auch ein verhältnismäßig guter Einstieg in die neue Staffel. Als Tuco dann das Bild verlässt, gilt es für die beiden Meth-Köche sich einen neuen Partner zu suchen. Und als sich keiner anbieten, beginnen sie selbst in Albuquerque ihre Drogen zu verkaufen. Was wiederum die Aufmerksamkeit von Walts Schwager Hank (Dean Norris) auf sich zieht. Die Familienhandlung dagegen fokussiert sich mehr auf die Probleme zwischen Walt und Skylar (Anna Gunn), die peu a peu hinter Walts ganze Geheimniskrämerei kommt. Ihre Schwangerschaft und Walts Chemotherapie bzw. Krebsbehandlung bilden hierbei eher den Rahmen, der diese kriselnde Beziehung umschließt.

Was besonders ins Auge fällt: ähnlich wie bei The Sopranos stagnieren die Figuren in Breaking Bad scheinbar. Die Beziehung zwischen Walt und Jesse entwickelt sich nicht wirklich weiter - sehr gut sichtbar in 4 Days Out. Jesse bleibt weiterhin der Klotz an Walts Bein, der nur dazu gut ist, das Meth an den Mann zu bringen. Etwas verwunderlich auch, dass Jesse nach all den Ereignissen der ersten und zweiten Staffel Walt weiterhin als „Mr White“ anspricht. Die Beziehung zwischen den Beiden ist also weitestgehend gleich geblieben. Und wo Jesse sich relativ treu bleibt, beginnt bei Walt zumindest eine Wandlung einzusetzen. Die Illegalität seines Handelns scheint ihm zu gefallen. So stiftet er einerseits Jesse dazu an, Kunden, die nicht bezahlen wollen, abzuknallen, andererseits markiert er gegen Ende der Staffel selbst sein Revier, als es darum geht, Herr im (Meth-)Haus zu sein. Doch auch dies ist hier bisweilen inkonsequent.

Es mag an der beinahe verdoppelten Episodenzahl liegen, aber einige Subplots werden derart gedehnt, dass sie sich oft verlieren. Da kulminiert der Zwist zwischen Walt und Skylar, nur um plötzlich vergessen zu sein, damit er im Staffelfinale wieder eskaliert. Ähnlich verhält es sich mit Walts Alter Ego „Heisenberg“, das manchmal im Fokus der Ermittlungen von Hank steht - oder sogar im Auge der mexikanischen Kartelle landet -, nur um dann letztlich doch wieder fallen gelassen zu werden. Ein durchaus frustrierender Mechanismus, der nur leidlich unterhalten will und eher störend daherkommt. So wird Hank zu einem Zeitpunkt befördert und näher an die mexikanische Grenze versetzt, um nach einem Zwischenfall nur wieder in Albuquerque zu landen. Möglich, dass einfach nur Kürzungen vieles aussparen, sonderlich harmonisch ist das für die Stringenz jedoch nicht. Eine reduzierte Episodenzahl und kompakterer Erzählweise wären wohl besser gewesen.

Manche Serien wie Chuck wissen in ihrer zweiten Instanz ein wenig besser zu überzeugen. Bei Breaking Bad ist dies nicht der Fall. Zwar ist die zweite Staffel nicht schlechter als die Erste, jedoch kommt sie selten über ihr durchschnittliches Niveau hinaus. Es sind vereinzelte Folgen wie Grilled, Peekabo, Better Call Saul und Over, denen es gelingt sich vom Rest abzusetzen. Doch auch diese Episoden leiden im Nachhinein von der Eintönigkeit, welche die gesamte Serie durchzieht. Man würde sich wünschen, dass Hank die Schlinge um Walt a.k.a. Heisenberg enger zieht oder dass die mexikanischen Kartelle versuchen, den amerikanischen Konkurrenten zu unterbinden. Doch nichts hiervon ist der Fall. Möglich, dass dies in der dritten Staffel auftreten wird. Mit Giancarlo Esposito kündigte sich zumindest Ende des zweiten Jahres schon mal eine viel versprechende Figur an. Bis dahin bleibt Breaking Bad leicht überdurchschnittlich. Mehr aber auch nicht.

7.5/10

6. November 2009

Breaking Bad - Season One

I can’t even pronounce half this shit.

Wenn eine Serie fast ein Jahrzehnt lang läuft, ist davon auszugehen, dass innerhalb dieser vielen Jahre mehr als ein Talent zu Tage gefördert wird. Wie unter anderem auch bei The X Files der Fall. Das Mysteryformat brachte nicht nur Entwickler Chris Carter sowie die Hauptdarsteller David Duchovny und Gillian Anderson groß heraus, sondern öffnete auch Regisseuren wie Rob Bowman und James Wong die Pforte nach Hollywood. Einer der treuen Produzenten von Carters Serie war auch Vince Gilligan, der im vergangenen Jahr nach sechsjähriger Ebbe – sieht man von einem Drehbuchbeitrag für Hancock ab – mit Breaking Bad wieder einen richtigen Erfolg feiern durfte. Neben vier Emmy-Nominierungen – und zwei Auszeichnungen – wurden Gilligan und seine Serie auch von der WGA geehrt. Kein Wunder also, dass die erste Staffel mit nur sieben Episoden für eine Fortsetzung in 2009 verlängert wurde. Und auch im zweiten Jahr blieb der Erfolg der Serie treu.

Walter White (Bryan Cranston) hat kein leichtes Leben. Einst zockte ihn sein Studienkollege bei ihrer gemeinsamen Firmengründung ab, weshalb Walter nun ein Dasein als High School Chemielehrer fristet. Kontinuierlich wird er von seinem Schwager Hank (Dean Norris), einem Drogencop, in seine Männlichkeitsschranken verwiesen, während er versucht seinem behinderten Sohn Walter Jr. (RJ Mitte) ein guter Vater zu sein. Doch das aktuelle Jahr meint es noch schlechter mit Walter. Zwar erwartet seine Frau Skylar (Anna Gunn) ihr zweites Kind, eine Tochter, doch Walter erhält die schlechte Nachricht, dass er an Lungenkrebs leidet. Um für seine Chemotherapie zu zahlen und im Falle seines Ablebens seiner Familie eine finanzielle Stütze zu verleihen, beginnt Walter mit seinem ehemaligen Schüler Jesse (Aaron Paul) in dessen Wohnwagen draußen in der Wüste New Mexikos Meth zu kochen. Und ehe sich die beiden versehen, haben sie es mit konkurrierenden Drogendealern, soziopathischen Unterweltbossen und aufdringlichen Hausbesichtigern zu tun.

Vorab kann bereits gesagt werden, dass Breaking Bad keine überragende Serie ist. Sicherlich ist die Prämisse des Drogen kochenden Chemielehrers reizvoll und gewinnt vor allem in der Kombination mit dem Ex-Schüler im Hip-Hop-Style. Doch Gilligans Serie hat ihre Längen, weshalb sich auch hier, wie in einigen anderen Fällen, vielleicht ein 20- oder 30-minütiges Format eher angeboten hätte. Gerade die ersten Folgen nach der guten Pilot-Episode wirken etwas dröge und ohne richtigen Antrieb, bevor die Serie nach hinten raus dann noch einigen Boden gutmachen kann. Speziell die Doppelfolge The Cat’s in the Bag and the Bag’s in the River, die sich mit der Beseitigung zweier Leichen beschäftigt, will nicht richtig funktionieren. Oder kommt einfach zu früh, denn einen harmlosen Ottonormalbürger wie Walter neben seiner Drogenkriminalität nun auch noch gleich zum Doppelmörder werden zu lassen, wirkt in der zweiten Episode etwas zu viel des Guten.

Ansonsten ist es beachtlich, dass Gilligan gerade die Krankheit und ihren Heilungsprozess so ins Geschehen einbaut. Walters Chemotherapie nimmt nicht wenig Raum ein, bedenkt man dass die Serie eigentlich primär aus ihrer irrwitzigen Prämisse heraus funktioniert. Gilligan schenkt zudem auch seinen Nebenfiguren, allen voran Skylar, Walter Jr. und Hank, ihren Anteil an Aufmerksamkeit, sodass Breaking Bad nicht vollends zur Bryan-Cranston-Show verkommt. Dessen zweifache Emmy-Auszeichnung wirkt bei ordentlichem Spiel des ehemaligen Malcolm in the Middle-Darstellers dann allerdings doch zuviel des Guten. Auch wenn es wie schon angesprochen gerade sein und Aaron Pauls Verdienst ist – was allerdings auch ihren Figuren geschuldet ist -, dass die Serie durchaus gefällt. Die vorletzte Folge der ersten Staffel, Crazy Handful of Nothin’, führt eindrucksvoll vor Augen, welches Potential in dieser Serie steckt und gegebenenfalls bzw. hoffentlich auch in der zweiten und fast doppelt so langen zweiten Staffel ausgeschöpft wird.

Dabei ist Breaking Bad eigentlich schlecht in eine Schublade zu stecken. Es gibt vereinzelt Action, aber nur gelegentlich. Manchmal Humor, aber nicht durchweg. Ein wenig Drama, aber trotz der Prämisse ist die Serie nicht wirklich dramatisch. Sieht man die Serie als Erlenmeyerkolben, mischt Gilligan hiervon eine Unze und davon eine Messerspitze zu seinem Fernsehcocktail zusammen. Und dies erstaunlich gut, wenn auch – wie erwähnt – nicht herausragend. Die Lockerheit und Innovativität der Serie – die Titelsequenz referiert passenderweise das Periodensystem – ist jedoch begrüßenswert und verdeutlicht erneut, dass es an spritzigen Ideen in Hollywood nicht mangelt. Auch wenn dabei nicht immer zwingend eine neue über-Serie entstehen muss. Doch was im Falle von Breaking Bad nicht ist, kann ja noch werden. In der zweiten Staffel hat Gilligan die Chance seinen Figuren noch mehr Tiefe zu verleihen, die Konstellationen auszureizen und die Spannung anzuheben. Denn je größer der Erlenmeyerkolben, desto umfangreicher können die Zutaten sein.

7.5/10