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3. September 2016

Eye in the Sky

Where are we legally?

Für Spock war es logisch, dass “the needs of the many outweigh the needs of the few”. Ein utilitaristischer Ansatz – und moralisches Dilemma zugleich. Beispielsweise dargestellt in dem Gedankenexperiment des Trolley-Problems. Wiegen fünf Leben mehr als eines? Und umgedacht: Ist es vertretbar, ein Leben zu opfern, wenn sich dadurch mehrere Leben retten lassen? “Do good at a bearable cost to save lives”, ist auch ein Mantra von US-Präsident Obama in seiner Auslandspolitik. Die beinhaltet die Kriegsführung per Drohnen – was jedoch nicht immer ohne Kollateralschäden auskommt. So starben laut der Journalisteninitiative Bureau of Investigative Journalism bei US-Luftangriffen in Pakistan seit 2004 mindestens über 160 Kinder.

Der mögliche Tod eines Kindes steht auch im Zentrum von Gavin Hoods jüngstem Film Eye in the Sky. Darin lokalisiert das britische Militär um Colonel Katharine Powell (Helen Mirren) drei der fünf meistgesuchten Terroristen Ostafrikas in einem Haus eines Stadtteils von Kenias Hauptstadt Nairobi. Zusätzlich bereiten sich darin ein britischer sowie ein US-amerikanischer Staatsbürger auf ein Selbstmordattentat vor. Ursprünglich als Gefangennahme geplant, strebt Powell nun gegenüber ihrem Vorgesetzten Lt. General Frank Benson (Alan Rickman) einen Luftschlag an. Kernproblem ist dabei die Risikoprüfung für die Zivilbevölkerung in der direkten Nachbarschaft, darunter das neun Jahre alte Mädchen Alia (Aisha Takow).

Verschiedene Bereiche für dieselbe Frage müssen schnellstens berücksichtig werden. Ist ein Luftschlag und daraus resultierender Kollateralschaden juristisch vertretbar? Genauso wie politisch? Für Powell und Benson ist der Angriff unabdingbar. Nicht nur, weil der Colonel seit Jahren hinter einer der Zielpersonen her ist, auch aufgrund der unerwarteten Gefahr eines Selbstmordanschlags. “We need to expand our rules of engagement right now to protect the civilian population”, sieht Powell die Lage gegenüber ihrem Rechtsbeistand. Die politischen Vertreter, die mit Benson die Mission von London aus beobachten, sehen dagegen die Gefahr für die Zivilisten vor Ort durch einen möglichen Luftschlag. Und die möglichen Folgen daraus.

“We have to know that we’re legally in the clear”, betont auch Benson im Gespräch mit Powell. Die zivilen Opfer vor Ort personifiziert das Drehbuch von Guy Hibbert dabei in der Neunjährigen. Ihre Anwesenheit ist es, die den US-Lieutenant und Piloten der Reaper-Drohne Steve Watts (Aaron Paul) sowie dessen junge Kollegin Carrie Gershon (Phoebe Fox) auf ihrem Stützpunkt in Nevada kurz vor dem Angriff innehalten lässt. Und die auch die so genannte “kill chain” in London in Bewegung setzt, in der eine Kette von Entscheidungsträgern die Verantwortung ihren Vorgesetzten überlassen. “There is no law covering a situation quite like this”, macht der britische Generalstaatsanwalt George Matheson (Richard McCabe) deutlich.

Juristisch sei man vielleicht abgesichert, “but politically we’re walking into a minefield”, mahnt die politische Beraterin Angela Northman (Monica Dolan) in die Runde. Und trifft so bei Brian Woodale (Jeremy Northam), der das Auswärtige Amt als Entscheidungsträger vertritt, einen Nerv. Zwar habe der Premierminister einen Luftschlag bereits abgesegnet, informiert Matheson, doch Woodale will dennoch das Okay des britischen Außenministers (Iain Glen) einholen, der sich in Singapur aufhält. Der verweist wiederum auf seinen US-Kollegen, aktuell auf Besuch in China, da einer der designierten Selbstmordattentäter immerhin US-Staatsbürger ist. Unterdessen läuft die Mission Gefahr, aufzufliegen oder aus britischer Kontrolle zu geraten.

Hood präsentiert mit Eye in the Sky ein packendes und zeitgeschichtlich signifikantes Drama, das mit geringen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Der Zuschauer versteht Powells Frust im Aufschub der Entscheidung für den Luftangriff. “There is a lot more at stake than you see here in this image”, macht sie gegenüber dem zweifelnden Watts klar. Weder er noch Gershon haben jedoch bisher den „Tod auf Knopfdruck“ – wie es Spiegel Online nennt – über ihre Drohne erteilt. Schon gar nicht auf Kinder. Northman wiederum sieht die Gefahr auf das Leben des Mädchens als gegebener an denn eine veranschlagte theoretische Opferzahl von 80 Personen, sollten die Selbstmordattentäter erfolgreich sein. Und erwähnt den Propaganda-Effekt.

Kämen bis zu 80 Menschen durch einen Anschlag zu Tode, wäre dies Wasser auf die Mühlen im Kampf gegen den Terror. Wird beim Verhindern des Anschlags ein Mädchen als Kollateralschaden getötet, spielt dies wiederum den Radikalen in die Karten. Für Powell und Benson ist klar, dass ein möglicher Tod des Mädchens in Kauf zu nehmen ist, um das Leben von rund 80 Personen zu retten. Und zugleich drei Top-Terroristen auszuschalten. Anders sehen es Watts, Gershon und die politischen Vertreter. Ein moralisches Dilemma, das innerhalb der Handlung weitaus weniger Thema ist als das juristische oder politische. Auch wenn der Südafrikaner Gavin Hood es im weiteren Verlauf bis an seine Grenzen auszutesten versucht.

Zu Zwecken der Überwachung mit einem Insektothopter hält sich undercover mit Jama Farah (Barkhad Abdi) ein Vertreter der kenianischen Streitkräfte vor Ort auf. Und soll nun das Mädchen aus der Gefahrenzone bringen – riskiert dabei jedoch, seine Deckung auffliegen zu lassen. Die Frage, ob das Wohl des neunjährigen Mädchens das Riskieren von Farahs Leben rechtfertigt, bleibt dabei außen vor. Wie auch die übrigen zivilen Kollateralopfer durch den potentiellen Luftangriff für die Debatte irrelevant sind. Für die Figuren ist nur das eine Mädchen relevant, als Sinnbild für all jene unnötigen Opfer, die zum Vermeiden einer größeren Zahl von Opfern in Gefahr gebracht werden. Alltag im von Drohnen geführten Krieg.

So berichtet die Enthüllungsplattform The Intercept von einer US-Militäroffensive in Afghanistan aus dem Jahr 2012/2013. Über 200 Menschen kamen dabei zu Tode, lediglich drei Dutzend davon waren jedoch vom US-Militär als Zielperson auserkoren. Während einer fünf Monate währenden Phase seien gar 90 Prozent der Opfer keine militärischen Ziele gewesen. Manchmal müsse man ein Leben nehmen, um mehr Leben zu retten – diese Haltung vertrete laut einem Interview im The Atlantic auch Präsident Barack Obama. Womit man wieder beim Trolley-Problem angelangt ist. Während Watts merklich Probleme hat, das Leben eines Kindes zu gefährden, sehen Northman und Woodale eher das Risiko eines politischen Nachspiels.

Ein Konflikt, den der Film zu Beginn in abgeschwächt-humoristischer Form über Benson präsentiert, als der für sein Enkelkind eine Puppe kaufen soll. Dabei jedoch die Version mit dem falschen Feature wählt. “Apparently, there’s an important difference”, merkt der General lakonisch an. Er sieht die Puppe als Puppe – und nicht ihre variierende Funktion. Ähnlich uneinsichtig geben sich die Militär-Figuren in Eye in the Sky. Sollen sie dieses Mädchen nicht gefährden, dafür jedoch das Leben mehrerer anderer Mädchen riskieren? Das moralische Dilemma des Trolley-Problems ist keines, mit dem sich Soldaten beschäftigen. Benson und Powell agieren utilitaristisch. Das Wohl der Menge steht für die beiden Militärs über dem des Einzelnen.

Northman und das Publikum sehen derweil buchstäblich nur die Neunjährige – nicht zuletzt da Watts und Gershon die Kamera ihrer Drohne auf das Mädchen fixieren. Die übrigen Passanten und Zivilisten interessieren nicht, laufen auch in die von Watts nachgefragte Risikoprüfung der Kollateralopfer nicht mit ein. Ist es vertretbar, ein Mädchen im schlimmsten Fall zu töten und im besten Fall für immer schwerbehindert zurückzulassen, wenn dadurch eine unbekannte Zahl an zivilen Opfern verhindert wird? Regisseur Hood und Autor Hibbert beantworten diese Frage nicht leichtfertig, sondern lassen das Szenario größtenteils in Echtzeit ausspielen. Und geben den moral-philosophischen Ball somit in gewisser Weise an ihre Zuschauer weiter.

Die Anspannung innerhalb der Geschichte ist bisweilen zum Greifen nah und wird angesichts des formalen Umfelds, in dem sich die Figuren bewegen, stets ruhig und zumeist mittels Mimik dargestellt. Seien es skeptische Blicke von Aaron Paul und Monica Dolan, frustrierte Gesten von Helen Mirren oder mit Bestimmung betonte Satzformulierungen von Alan Rickman. Das Ensemble macht aus vergleichsweise wenig viel und jeder der Schauspieler – mit Ausnahme vielleicht des fehlbesetzt wirkenden Iain Glen – verleiht seiner Figur Leben und Dynamik. Und nicht zuletzt im Wissen, dass dies die letzte Performance von Alan Rickman war, setzt der verstorbene Brite mit seiner unvergleichlichen nasal-nüchternen Art dem Film fraglos die Krone auf.

Eine Antwort auf die Frage, welche Entscheidung richtig ist, vermag Eye in the Sky nicht zu geben. Wie auch? Zu einer Entscheidung kommt es aber natürlich dennoch. Dem Film gelingt es dabei nicht immer, frei von Klischees zu sein. Wie auch die Dramatisierung der Situation stellenweise sehr konstruiert wirkt. Packend und spannend, auch dank der bedacht-eingesetzten Musik von Paul Hepker und Mark Kilian, fällt Hoods Arbeit dennoch aus. Übertreffen die Nöte der Masse die des Einzelnen? Die Antwort darauf, dass musste auch Spock erfahren, ist wohl weniger im rationalen Utilitarismus zu finden als doch, wie in Star Trek IV: The Voyage Home von der populären vulkanischen Figur bemerkt, in der menschlichen Natur.

7.5/10

15. Februar 2014

State of Play vs. State of Play

Das Remake gehört wohl zu Hollywood wie das Ei zur Henne. Schließlich hat auch Originalität ihre Grenzen. Daher nutzt die Traumfabrik gerne eigene Filme – insofern genug Zeit verstrichen ist, damit das Original bei der Zielgruppe nicht zu präsent wirkt – oder Werke aus dem Ausland, die von Erfolg gekrönt waren, als Ausgangsmaterial für ihre eigenen Produktionen. So auch vor etwa fünf Jahren, als Universal mit State of Play eine zweistündige Adaption der gleichnamigen fünfeinhalbstündigen BBC-Serie von 2003 in die Kinos brachte. Ein Trend, den zuletzt David Fincher mit House of Cards und demnächst Utopia weiterführt. Nur eben mit namhaften Schauspielern, die das Publikum auch sehen möchte.

So waren für State of Play zunächst Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen geplant, ehe Meinungsverschiedenheiten und Verzögerungen kurzfristig Russell Crowe und Ben Affleck ans Set von Kevin Macdonald spülten. Und obschon seine weniger als halb so lange Version von David Yates’ Serie nach Drehbuch von Paul Abbott bei den Kritikern gut ankam, floppte der Film sowohl in den USA als auch international an den Kinokassen (trotz fehlender Konkurrenz). Dabei macht Macdonalds Remake vieles – wenn leider auch nicht alles – richtig. Aber welche Version ist nun besser oder gut? An dieser Stelle soll wieder mal ein Head-to-Head feststellen, welche Geschichte in den Druck gehen darf.

The Reporter

Das Erbe von Woodward und Bernstein tritt in Paul Abbotts Geschichte der Reporter Cal McAffrey an, in der BBC-Version von John Simm (höchstens Doctor Who-Fans hierzulande ein Begriff) gespielt. Eher klein und schmächtig ist er bemüht, seinem alten Kumpel Stephen Collins, für den er einst Wahlkampf machte, über den plötzlichen Tod seiner Geliebten zu helfen. Nur um selbst mit Collins’ entfremdeter Gattin zu korpulieren. Was mehr Zeit beansprucht, als es sollte. Wenig nuanciert wird man mit Simm nicht so recht warm, auch nicht als investigativer Journalist. Das mag auch daran liegen, dass er diesen Job mit James McAvoy – dessen Figur im Remake ausgespart wurde – teilen muss. Günter-Wallraff-Faktor: 45%

Man kann verstehen, wieso fürs Remake zuerst an Brad Pitt gedacht wurde. Stattdessen gab kurzfristig dann ein löwenmähniger Russell Crowe den Schnüffler von der Zeitung, eingeführt als sich im Auto mit Junk Food vollstopfender Radio-Gröler. Immerhin sehen wir Crowes McAffrey weitaus mehr „Investigation“ betreiben, auch der Tatsache geschuldet, dass er mit Polizeiermittler Bell (hier: Harry Lennix) bekannt ist. Wenn Crowes Figur den Killer auf sich lenkt, dann nicht, während er sich gerade verlustiert. Insofern darf dieser Cal McAffrey ein glaubwürdigerer Journalist sein als sein britischer Kollege, eben weil er – wenn auch nicht unbedingt äußerlich – mehr dessen Bild entsprechen mag. Günter-Wallraff-Faktor: 55%

The Girl

Unfairerweise verdient sich Kelly Macdonalds Version der naseweisen Della schon allein deshalb einen Sonderpunkt, weil ihr schottischer Akzent im britischen Original ein Highlight für sich ist (nie klang das Wort “murder” schöner). Allerdings erfährt die Figur – wenn auch nachvollziehbar – einen leicht extremen Wandel von der selbstbewussten Schnüfflerin zur eingeschüchterten Petze, als ihr Leben während der Recherche in Gefahr gerät. Zwar fängt sich die Figur gegen Ende wieder etwas, doch da ist der „Vertrauensbruch“ bereits geschehen. Die zudem im Verlauf verstärkt subtil angedeutete sexuelle Spannung zwischen Della und Polizeichef Bell hilft dem Ganzen auch nicht wirklich. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

In der US-Version avanciert Della schlauerweise zur Bloggerin der Zeitung, die sich den Respekt von Cal McAffrey erst durch Rechercheerfolge verdienen muss. Insofern nimmt sie eher die Funktion eines “rookies” ein, wenn auch ihre Recherche identisch mit der ihres britischen Pendants ist. So erklärt sich vermutlich, weshalb sie nach dem Krankenhaus-Attentat weniger eingeschüchtert als bestärkt wirkt, was sicherlich dem Film dienlich ist. Zwar nicht ganz so sexy wie Kelly Macdonald überzeugt die Dynamik zwischen McAdams’ Della und McAffrey mehr als in der BBC-Fassung. Selbst wenn ihre Beziehung später fast in romantische Bahnen gelenkt wirkt, was eher verstört. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

The Politician

Die Rolle des sichtbar steifen, aber politisch vielversprechenden Regierungsvertreters übernahm in David Yates’ Serie David Morrissey (eher bekannt als “Governor” in The Walking Dead). Hier darf Morrissey noch am ehesten die ganze Palette seiner schauspielerischen Fähigkeiten zeigen, von verunsichert über erzürnt bis am Boden zerstört. Und obschon viel für Sympathiebonus seitens der Zuschauer für ihn spricht (Geliebte und Kind tot, Ehefrau schläft mit bestem Freund), vermag dieser Stephen Collins nie recht seine ihm angeheftete gewisse Durchtriebenheit abzulegen. Dies mag auch am Wissen um Morrisseys Walking Dead-Rolle liegen. Insofern also: politically correct. John Edwards-Faktor: 60%

Wer denkt, David Morrissey ist steif, hat die Rechnung ohne Ben Affleck gemacht. Zwar überzeugt Affleck – enormes Kinn hin oder her – als Kongressabgeordneter, nur vermag sein Spiel sich nie der Figur richtig zu öffnen. Dass er und Russell Crowe Uni-Kumpels sein sollen, erfordert ordentlich “suspension of disbelief”. Immerhin ist Afflecks Stephen Collins im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen weitaus weniger präsent im US-Film und wirkt zugleich weitaus unschuldiger beziehungsweise weniger verdächtig. Was dem Twist zum Schluss sicherlich zuträglicher ist. Das fehlende Schauspiel Afflecks ist hierbei allerdings hinderlich, weshalb man mit Ed Norton besser gefahren wäre. John Edwards-Faktor: 40%

The Wife

Die Rolle der betrogenen Anne Collins fiel in der sechsteiligen Serie Polly Walker (bekannt aus der HBO-Serie Rome) zu. Was nicht ohne Probleme ist. Es mag zum Teil an ihrer Frisur liegen, aber Walkers Frau zwischen zwei Männern will in keiner Konstellation so recht überzeugen. Sie passt weder wirklich zu Morrisseys noch zu Simms Figur, was auch daran liegt, dass wir von ihrem Charakter wenig mitbekommen. Umso unerklärlicher ist ihr Wandel im Schlussakt, der sie von der Opferrolle eher in die Bitch-Ecke rückt. Sie ist im Grunde nur da, um als “sexual interest” zu fungieren – was für weibliche Figuren selten positiv endet. Insofern: viel “Screen time” für einen blassen Charakter. Jenny Sanford-Faktor: 40%

Noch blasser, wenn auch ansehnlicher, kommt Robin Wright im Spielfilm daher. Zwar hat auch ihre Figur eine Affäre mit McAffrey, immerhin jedoch nur in der Vergangenheit. So wundert man sich zwar, wieso Collins und der Reporter weiterhin befreundet sind, ist aber zugleich dankbar, dass der Film für Bettspiele keine Zeit opfert. Abgesehen von zwei Szenen, in denen auf dieser Affäre rumgekaut wird, hat Anne Collins nichts zu tun. Was sich grundsätzlich dadurch erklärt, dass die UK-Figur nur für Sex existierte und insofern für das Remake in Ordnung geht. Wrights Rolle bleibt ein Nicht-Charakter, aber immerhin einer, der nett aussieht und für den nicht mehr Zeit als nötig aufgewandt wurde. Jenny Sanford-Faktor: 60%

The Editor

Es gibt Schauspieler, die können wenig falsch machen. Der wunderbare Bill Nighy ist einer von ihnen. Denn als scharfzüngiger Herausgeber im BBC-Original ist sein Cameron Foster eher einer von der Truppe – die meist geschlossene Tür seines Büros zum Trotz. Mehr kumpelhaft kommt das Verhältnis mit McAffrey daher, zugleich hält Nighys Chef vom Dienst seiner Truppe den Rücken frei und übernimmt mehrfach aktiv eine Rolle in der Recherche. Hierbei fungiert Cameron durchaus auch als “comic relief” – gerade im Doppel mit Sohnemann Dan –, dennoch nimmt man Nighy seine redaktionelle Kompetenz durchweg ab. Entsprechend ist dies eine absolut atmende dreidimensionale Figur. Ben Bradlee-Faktor: 65%

Im Kinofilm übernimmt Helen Mirren die redaktionelle Aufgabe der Herausgeberin. Darunter leidet am meisten die Beziehung zu ihren Reportern, wirkt Mirrens Cameron doch oftmals wie der Redaktion aufs Auge gedrückt denn als Teil von dieser. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Cameron im Film weniger direkt in die Recherche eingebunden ist, somit eher eine passive Rolle einnimmt. Der Großteil der Figur wird für den Sub-Plot der heimgesuchten Medienkrise aufgewandt, was zwar seine eigenen Vorzüge hat (s. The Tone), worunter jedoch die Ausarbeitung des Charakters leidet. In ihrer Funktion als Herausgeberin ist Cameron aber durchaus glaubwürdig. Ben Bradlee-Faktor: 35%

The Middleman

Das Zünglein an der Waage in Paul Abbotts Handlung gibt derweil der windige bisexuelle Mittelsmann Dominic Foy, im Original von Marc Warren als blonder Pimp gespielt. Über mehrere Episoden müssen McAffrey, Della und Co. diesen erst in eine Position bringen, in der er die politischen Verwicklungen um Collins’ tote Geliebte aufklärt – ehe dieser ihm den Kiefer zerdeppert. Auch wenn Foy als Witzfigur angelegt ist, will man nicht so recht glauben, welche Rolle der Figur hier zugeschrieben wurde. Was zum Teil auch an Warren selbst liegt. Grundsätzlich wird auf seinen Charakter jedoch, wie auch auf den von Anne Collins, für nur bedingten Erlös generell zu viel Zeit vergeudet. Tirath Khemlani-Faktor: 40%

Weniger wie ein Zuhälter aber nicht minder flamboyant kommt Jason Batemans Interpretation der Rolle daher. Ähnlich wie bei Robin Wright wird für ihn nur wenig Zeit aufgespart. Zwar immer noch mit dem Makel der Witzfigur behaftet, wird sein Dominic Foy zumindest als das behandelt, was er ist: ein Mittel zum Zweck, um die Handlung auf die Zielgerade zu bringen. Dies geschieht zugegeben relativ schnell – und als off-screen eingefangenes Geständnis auf Videoband –, ist jedoch dadurch verzeihbar, dass man so ein wohl bis zu einstündiges Katz-und-Maus-Spiel vermieden hat. Insgesamt kommt dieser schmierige Mittelsmann dennoch kompakter und somit konsequenter daher. Tirath Khemlani-Faktor: 60%

The Tone

Ein Merkmal der 2003er BBC-Serie ist nicht nur der heutzutage fast als Standard zu findende Newsroom in der Redaktion, sondern auch die Einbindung von Humor in die Handlung. Dies mag angesichts der politischen Verschwörung und der daraus resultierenden Toten zwar verwundern, ist dennoch aufgrund der Protagonisten wie McAvoys Dan Foster, Rebekah Statons Liz oder Sean Gilders Sergeant ‘Chewy’ Cheweski ganz amüsant. All diese Figuren fehlen natürlich im US-Remake. Von Westminster und der Zeitungslandschaft kriegt der Zuschauer dennoch nur bedingt etwas mit, wenn auch zumindest Vorgehensweisen von Letzterer in der ersten Hälfte eine Rolle spielen. Reality-Check-Faktor: 40%

Zwar ist Humor in Kevin Macdonalds Version kein Fremdkörper, sondern gerade im Zusammenspiel zwischen Russell Crowe und Rachel McAdams ein wiederkehrendes Element, dennoch vergeudet der Film keine Zeit darauf. Erfrischend, wenn auch leicht altbacken, ist der in die Handlung verwobene Subplot der Medienkrise, die sich in Faktoren wie Facelifts für den Zeitungskopf oder Dellas Funktion als Bloggerin niederschlägt. Zum US-Kongress erhalten wir zwar auch hier keinen Einblick, dafür erfährt der Plot mit der Privatisierung durch Sicherheitsunternehmen à la Blackwater wie im Falle der Medienkrise ein zeitgenössisches Update. Eine gelungene Neuausrichtung der Handlung also. Reality-Check-Faktor: 60%

Fazit

Die britische TV-Fassung überzeugt dadurch, dass die Recherche über eine Woche verteilt wird, während die Adaption sie auf zwei Tage komprimiert. Aber dies schien nötig, um dieselbe Geschichte in weniger als der Hälfte der Zeit zu erzählen. Leider ging so manch liebenswerte Figur verloren, glücklicherweise aber auch viel Ballast. Die jeweilige Besetzung nimmt sich nur bedingt etwas, Andrew Macdonalds Film wirkt jedoch aktueller. Wer sich also nur für die Geschichte von State of Play interessiert, darf dem amerikanischen Film-Remake den Vorzug geben. Dieses setzt sich mit 5:3 im Head-to-Head durch. Winner on points: State of Play (US-Film)!

13. Juni 2009

State of Play

Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, aber für gewöhnliche kommen US-Remakes nie an ihr ausländisches Original heran. Umso erfreulicher, dass Andrew Macdonald eine nahezu perfekte Adaption gelungen ist. Denn sein namhaft besetzter Thriller (u.a. drei OscarpreisträgerInnen) befreit Paul Abbotts Vorlage von all ihren unsäglichen Nebenplots. Denn durch die Straffung der Handlung um gut 60 Prozent, weiß State of Play sogar zu fesseln. Ungemein gelungen ist auch die Einbindung der aktuellen Medienkrise in das Szenario. Wieso, weshalb und warum dies alles so ist, wie ich es hier vom Berg schreie, kann man beim MANIFEST nachlesen.

8/10

12. Dezember 2007

The Queen

I have never been hated like that before.

Viele werden sich noch an den 31. August 1997 erinnern, als CNN unentwegt aus Paris berichetet, wo die britische Prinzessin Diana zusammen mit ihrem Liebhaber Dodi Al-Fayed bei einem Autounfall ums Leben kam. Eine ganze Nation (England) war unter Schock und es gab eine riesige Paparazzi-Schelte. Diesen wurde vorgeworfen den Wagen der Prinzessin so sehr bedrängt zu haben, dass dessen Fahrer ihn schließlich im Pont de l’Alma Tunnel gegen einen Pfeiler setzte. Auch die britische Regierung solle ihre Finger im Spiel gehabt haben und der Geheimdienst mit einem Attentat auf Diana beauftragt worden sein. Aus dem einfachen Grund, dass sie schlechtes Licht auf die königliche Familie warf, deren Verhältnis nach der Scheidung von Prinz Charles seit jeher schlecht war. Diesen Tod Dianas und insbesondere die Reaktion des Königshauses, speziell von ihrer Majestät Königin Elizabeth II. hat sich Autor Peter Morgan zur Thematik gesetzt und ihn sein Oscarnominiertes Drehbuch eingearbeitet. Ebenso wie ich der Film per se und sein Regisseur Stephen Frears nominiert wurden – es war jedoch lediglich der großartigen Helen Mirren vergönnt, den Preis mit nach Hause zu nehmen.

Tony Blair (Martin Sheen), Kandidat der Labour-Partei, wird zum neuen Premierminister Englands gewählt und von ihrer Majestät Königin Elizabeth II. (Helen Mirren) leidlich ins Amt gesetzt. Einige Monate später erhält die Königin nachts die Mitteilung, dass ihre Schwiegertochter Diana in Paris bei einem Autounfall ums Leben kam. Während sich die Trauer unter dem Königspaar in Grenzen hält, nimmt es besonders das Volk schwer auf, dass seine Prinzessin der Herzen, welche sich so sehr für die Belange der Welt eingesetzt hat, dahingeschieden ist. So halten das Volk und die Presse schließlich der Königsfamilie vor, dass sie nicht entsprechende und ausreichende Trauerbekundungen zeigen. Während Tony Blair versucht die Wogen zu glätten und insgeheim Rückendeckung von Prinz Charles erfährt, versteifen sich Elizabeth und ihr Mann Philip (James Cromwell) auf das königliche Protokoll. Die Stimmung im Volk und vor allem in den Medien nimmt immer schärfere Züge an, sodass am Ende selbst das Fortleben der Monarchie gefährdet scheint. Diese fiktive Handlung, auch wenn Morgan sein Drehbuch auf Interviews mit Zeitzeugen zu stützen behauptet, ist durch und durch spekulativ, zumeist einseitig und daher äußerst fragwürdig. Abgerundet wird das ganze durch reale Fernsehaufnahmen von Prinzessin Diana.

Stephen Frears ist der Mann für englische Themen, das hat er schon mehrfach bewiesen. Und hierbei handelt es sich fraglos um ein rein englisches Thema, denn richtig nachvollziehen lässt sich der ganze Hype um den Tod und das Begräbnis von Diana für Ausländer nicht. Es ist zu bezweifeln, ob hier in Deutschland ein ähnliches Theater stattfinden würde, Monarchie hin oder her. Der Film portraitiert dabei die Abneigung des königlichen Paares gegenüber Diana. Besonders Philip bellt ständig wie ein Hund, der weiß, dass er nicht beißen darf. Die Queen scheint dabei den ganzen Terz wegen Diana nicht nachvollziehen zu können, aus dem einfachen Grund, dass diese für sie nach der Scheidung eine persona non grata war. Die erste Reaktion nach der Unfallmitteilung ist die Frage, was Diana überhaupt in Paris zu suchen hatte. Als das Volk diese schließlich betrauert fordert es gemeinsam mit den Massenmedien immer abstrusere Opfer von Seiten des Königshauses. Die Fahne vom Buckingham Palast soll auf Halbmast wehen, obschon dies nicht einmal beim Tod von Elizabeths Vater der Fall gewesen ist. Dazu wird Diana auch noch die Begräbnisvorbereitung zuteil, die eigentlich für Queen Mum gedacht war, gesteigert wird das ganze noch von der Trauergesellschaft, welche aus Modeschöpfern, Schauspielern und Musikern besteht.

An diesen Stellen kann man das Unverständnis der Royals nachempfinden, wieso soll für ein Nicht-Mitglied der königlichen Familie das königliche Protokoll gebrochen werden? Nur um das Volk zu befriedigen? Absurd. Genauso wie so manches andere, denn während Tony Blair scheinbar die ganze Woche über nichts anderes tat, als Fernsehen zu schauen, interessiert sich die Queen scheinbar tatsächlich für die Meinung von Klatschzeitungen wie der Sun. Irgendwie abwegig, auch der Druck, welcher hier auf der Königin aufgebaut wird, da wird in der Tat impliziert, dass die Monarchie abgeschafft wird, weil die Queen nicht ihre Trauer bekundet. Man stelle sich mal vor, dass die BILD-Zeitung die Absetzung von Frau Merkel verlangt, weil diese nicht ihre Kondolenz zum Tod von Dieter Bohlen oder sonst wem kundtut. Auch der Aufbau des Filmes ist mitunter fraglich, zuerst scheinen die Royals gar nichts auf die Reihe zu bekommen, wie Tony Blair mehrfach kritisiert, während er selber zum Liebling der Massen aufsteigt. Gegen Ende des Filmes ist er jedoch total gewandelt und bauscht sich zum Verteidiger der Monarchie auf. Dass Helen Mirren den Oscar sicherlich verdient bekommen hat, steht außer Frage, das alleine macht The Queen aber noch zu keinem guten Film. In der ersten Hälfte noch sehr lustig geraten, verliert man in der zweiten allmählich das Interesse am Stoff, allein deswegen, weil man das ganze Heckmeck nicht nachvollziehen mag. 

6.5/10