28. Dezember 2008

Tropa de Elite

Rio de Janeiro is a city at war.

Polizisten sind schon arme Schweine. Von wegen Freund und Helfer, in den meisten Fällen erfahren die Ordnungshüter des Staates Ablehnung und Anfeindung. Und wie es scheint, ist dies in Brasilien ganz besonders der Fall. In José Padilhas Tropa de Elite besteht die Polizei aus Korruption, Korruption und dann noch etwas Korruption. Hier kommen Polizisten nur zu Hilfe, wenn man sie vor Ort dafür bezahlt. Genauso wie sie auch nicht zu Hilfe kommen, wenn man sie dafür bezahlt. Eigentlich wollen sie nur bezahlt werden, die Polizisten in Rio de Janeiro. Die Polizei ist sogar so korrupt, dass sie sich gegenseitig bestiehlt. Offiziersanwärter Neto (Caio Junqueira) soll die Wagen der Hauptkommissare warten, kann dies jedoch nicht, da jemand aus der Abteilung Wagenteile geklaut hat. Als Neto eine Untersuchung einleiten will, blockt sein Vorgesetzter ab. Solange kein Geld fließt, gibt es auch kein Interesse.

In der Stadt selbst sieht das alles nicht besser aus. Einer der Abteilungsleiter lässt Wagen abschleppen, was den Geschäftsbereich eines Ladens absperrt. Der Besitzer ruft seinen örtlichen Abteilungsleiter Fábio (Milhem Cortaz), da er diesem quasi „Schutzgeld“ bezahlt. Doch Fábio ist kein ranghohes Tier, seine Forderung wird beim Hauptkommissar abgeschmettert. Willkommen in Rio de Janeiro. Padilhas Polizeiskizzierung erweckt zweifelsohne einen erbärmlichen Zustand. In einer Uni-Seminarssitzung lässt der Regisseur seine Darsteller die Meinung des Volkes vertreten. Korrupte Bullen, die Selbstjustiz in den Favelas ausüben. Die Klasse ist sich einig, abgesehen von André (André Ramiro). Seine Kommilitonen hätten ein verzerrtes Bild von der Polizei, meint er. Schließlich kennt André zwei Kumpels, die selbst Polizisten sind und bei denen das nicht so sei. Diese beiden Kumpels sind André selbst und sein Kindheitsfreund Neto.

Die Handlungsebene von Tropa de Elite ist dreigeteilt. Zum einen folgt der Zuschauer der Geschichte von Neto und André, wobei André im Zentrum steht, und zum anderen bleibt die Kamera auf Capitão Nascimento (Wagner Moura). Nascimento selbst gehört nicht zur Polizei sondern zur BOPE: dem Batalhão de Operações Policiais Especiais. Die Titelgebende Eliteeinheit ist der Stolz von Rio de Janeiro und kommt immer dann zum Einsatz, wenn die Weicheier von der Polizei scheiße gebaut haben oder nicht mit den Gangstern aus den Favelas klarkommen. Mit einem solchen Einsatz leitet Padilha seinen Film auch ein. Während einer Party in einer der Favelas kommen Polizisten, um sich schmieren zu lassen. Heimlich still und leise haben sich Neto und André eingeschliechen, die das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennt. Beide beginnen aus unerfindlichen Gründen, die später aufgeklärt werden, das Feuer. Aus der Favela wird eine Kriegszone und kurz darauf rückt BOPE mit Nascimento an, um die Situation zu bereinigen. Und mit bereinigen kann man ruhig bereinigen verstehen.

Der narrative Rahmen des Filmes behandelt zwei Aspekte. Der erste und etwas stärker gewichtete ist die Figur von André. Der Polizist studiert nebenher noch Jura und ist sich unschlüssig, welchen der beiden Berufe er später einmal ausüben will. Nur dass der den Bürgern Rios helfen will, das weiß er. An seiner Uni weiß jedoch keiner, dass André ein Polizist ist. Auch nicht seine Freunde wie Maria (Fernanda Machado), mit der André schließlich anbandelt. In seinem Freundeskreis muss er schnell lernen ein Auge zuzudrücken. Die meisten aus seiner Klasse kiffen nebenher, ein anderer arbeitet als Drogendealer für einen der Favelabosse. Im Laufe des Filmes muss sich André entscheiden, welchen moralischen Weg er einschlagen will. Am Ende des Filmes hat sich André entschieden, welchen Weg er einschlagen wird.

Die übergeordnete Geschichte, die sich eher im Hintergrund abspielt, ist die Schwangerschaft von Nascimentos Frau. Durch das Kind will der Einsatzleiter aus dem Dienst ausscheiden. Hierfür muss er einen Nachfolger rekrutieren und ausbilden. Grundsätzlich findet die Bewerbung zum BOPE freiwillig statt und unter anderem melden sich Fábio, André und Neto. Es ist eine kraftaufreibende Ausbildung nach dem Motto: nur die Harten komm in Garten. Durchschnittlich fünf Bewerber halten bis zum Schluss durch, in Nascimentos Jahrgang waren es nur drei, wie er dem Zuschauer verrät. Wie zu erwarten war, gehören André und Neto zu denjenigen, die durchhalten. Doch kurz darauf soll sich das Leben der beiden Freunde für immer verändern.

Bei der diesjährigen Berlinale konnte Tropa de Elite den Goldenen Bären als bester Film mit nach Hause nehmen. Zuvor hat er Film schon eine Menge durchgemacht, als in der Firma, die für die Untertitel verantwortlich war, eine Raubkopie angefertigt worden war, die anschließend auf den Straßen von Rio de Janeiro landete. Drei Millionen Menschen sollen diese Kopien gesehen haben – mehr als ins Kino gegangen sind. Dem Film tat dies keinen Abbruch, er war der meistgesehene in Brasilien in seinem Entstehungsjahr. Diskutabel ist Padilhas Werk dabei allemal. Die Darstellung der Polizei ist recht einseitig, wobei es unerheblich ist, ob sie dem realen Bild gerecht wird. Als Kontrast dazu wird Nascimento und seine Elitetruppe beinahe schon glorifiziert. Als Ritter in schimmernder Rüstung erscheinen sie stets um den Tag für alle zu retten. Das Ganze geschieht dann mit höchst fragwürdigen Methoden, die gerne die Grenzen des Legalen überschreiten. Der Zweck heiligt scheinbar die Mittel.

Ohne die Favelabosse in Schutz nehmen zu wollen haben jedoch andere Filme und Medienelemente, darunter zum Beispiel Fernando Meirelles’ Cidade dos Homens-Serie, aufgezeigt, dass die Favelas sich durchaus selbst zu organisieren und zu verwalten wissen. Es herrscht keine Anarchie, die Bosse regeln den Ablauf aller Anwohner und üben auf ihre eigene Art und Weise Recht und Unrecht aus. Damit soll lediglich zum Ausdruck gebracht werden, dass es zwei Seiten der Medaille gibt, die Padilhas Film nicht wirklich einzufangen weiß. So ist sein einseitiger Blickwinkel nicht nur manipulativ, sondern auch bisweilen etwas frustrierend. Für sich selbst gesehen ist Tropa de Elite durchaus ansprechend umgesetzt und nimmt teilweise richtig Zug auf. Alles in allem verliert er sich jedoch oft in Klischees, idealisiert stark und hinterfragt zu wenig. Für eine nähere Betrachtung der Favelas in Rio de Janeiro empfehlen sich daher die Filme aus Meirelles Feder.

6.5/10

Kommentare:

  1. Ich finde den Film nur mittelmäßig und passte somit perfekt zu der diesjährigen Berlinale, die ich als ein sehr schwacher Jahrgang ansehe, kaum wirklich Highlights alles vielmehr durcschnittliche bis schlechte Filme.
    Der Film ist mir von der Machart zu sehr an City of God angelegt und da ist City of God ganz klar der bessere Film.

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  2. Man darf hier nicht vergessen, dass der Film tatsächlich ein kleiner Auszug der Realität ist. Lest die Berichte von Human Rights Watch oder Amnesty International und ihr werdet feststellen, dass die Realität noch brutaler ist.

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