7. März 2009

Gran Torino

What the hell does everybody want with my Gran Torino?

Einst blickte er mürrisch in die Kamera und knurrte „Make my day“, der gute alte Clint Eastwood. Und dies ließ sich auch auf seine Filme übertragen, wenn das Publikum nach einem gestressten Tag vor dem Lichtspielhaus stand und – wenn auch positiver besetzt – ebenfalls zum Poster empor blickte und sagte: „Make my day, Clint“. Dabei ist der gute Mr. Eastwood ein Multitalent, der bereits seit über dreißig Jahren neben seiner Tätigkeit als Schauspieler auch auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Über zwei Dutzend Filme hat der gebürtige San Fransicoer bereits auf dem Buckel, der sich bevorzugt selbst inszeniert. Abgesehen von Wolfgang Petersens In the Line of Fire spielte Clint Eastwood in den letzten 18 Jahren lediglich unter dem Regisseur Clint Eastwood. Eine höchst erfolgreiche Phase für den 78-Jährigen, der in dieser Zeit – wenn auch mit gutem Abstand – vier Academy Awards nach Hause nehmen durfte.

Auszeichnungen, die er für seine Arbeit hinter der Kamera erhielt, auch wenn er sowohl für Unforgiven als auch Million Dollar Baby jeweils als bester Hauptdarsteller nominiert wurde. Nun soll dies nicht bedeuten, dass Eastwood ein schlechter Schauspieler sei, aber seit bald zwei Jahrzehnten hat sich der markige Amerikaner eher als überzeugender Regisseur in der Branche etabliert. Für Gran Torino rückte sich Eastwood nun nach eigener Aussage zum letzten Mal ins Rampenlicht seiner eigenen Scheinwerfer. Dabei ist die Figur des Walt Kowalski eine Art „Best Of“ seiner Filmographie, enthält sie doch Charaktermerkmale, wie man sie von anderen Figuren, die Eastwood portraitierte, gewohnt ist. Insofern bot sich der Film wohl als gebührender Abschied von einem Beruf an, dem Eastwood seine Karriere zu verdanken hat. Sicherlich ist es nicht seine beste oder größte Rolle, aber eine, die dem Amerikaner gut zu Gesicht steht. Dass Gran Torino dabei zu seinem finanziell erfolgreichsten Film – Inflation außen vor gelassen – avancierte, könnte man dabei als gelungene Verabschiedung seitens des Publikums verstehen.

Eastwoods Kowalski wird zu Beginn als Misanthrop eingeführt. Frisch verwitwet sitzt er bei der Beerdigung seiner Frau demonstrativ abseits von der Familie seiner beiden erwachsenen Söhne. Nur sein Verhältnis zu seinen respektlosen Enkeln ist noch gestörter als das Band zu den eigenen Söhnen. Später gesteht er dem jungen Pastor seiner Gemeinde (Christopher Carley), dass er nur seiner Frau zuliebe in die Kirche gegangen ist. Eine Frau, die scheinbar seine einzige Verbindung zur Außenwelt gewesen ist. Denn abseits von seiner Veranda sieht man Kowalski nicht allzu oft. Würde Eastwood nicht eine Szene integrieren, in der er Kowalski Freunden gegenüber in einer Bar einen rassistischen Witz erzählen lässt, könnte man meinen, jene Figur hat niemanden, der sie leiden kann. Was angesichts ihrer Darstellung auch nicht verwundert. Kowalski ist ein Mann, der in der falschen Zeit lebt. Konservativ und erzpatriotisch. Der es seinem Sohn verübelt, kein amerikanisches Auto zu fahren, sondern einen Toyota. Und dem es zuwider ist, dass in seiner Nachbarschaft inzwischen lauter Hmong-Immigranten leben.

Während Kowalski sich fragt, wieso er sich mit diesen Immigranten rumschlagen muss, fragen sich seine Nachbarn, warum dieser alte Amerikaner immer noch in ihrer Nachbarschaft wohnt. Ein Konflikt der Kulturen, der gerade deshalb sehr ironisch ist, da er den Vereinigten Staaten als Immigrantenland schon immer innewohnte. Eastwood persifliert diesen Umstand in mehreren Szenen, wenn Kowalski dem Hmong-Nachbarsjungen Thao (Bee Vang) zeigen möchte, wie Männer untereinander reden. Sowohl in den Gesprächen mit seinem Friseur (John Carroll Lynch) wie auch einem Bekannten vom Bau (William Hill) macht der Regisseur deutlich, dass es den Amerikaner an sich nicht gibt. Beide Szenen präsentieren drei Männer: der Eine mit polnischen, der Andere mit italienischen bzw. irischen und der Dritte mit Hmong-Wurzeln. Was alle fünf Männer miteinander verbindet, ist die Tatsache, dass sie in Amerika geboren wurden. Und somit Amerikaner sind.

Nun ist Gran Torino kein Rassendrama und will auch kein solches sein. Aber die Thematik der Vorurteile spielt durchaus eine große Rolle. Einerseits die Vorurteile von Kowalski gegenüber seinen Hmong-Nachbarn. Andererseits deren Vorurteile gegenüber dem alten Amerikaner. Um beide Parteien zusammen zu führen, bedarf es einer äußeren Bedrohung. Diese wird in Thaos Cousin und dessen Gang etabliert. Als deren Interesse Thao in ihre Aktivitäten zu involvieren beginnt, sich sprichwörtlich in Kowalskis Terrain zu begeben, setzt die Verlagerung ein. Bedingt durch einen Anflug von culture clash nähern sich die Nachbarn an und mittels Thaos emanzipierter älteren Schwester Sue (Ahney Her) beginnt Kowalskis allmähliche Katharsis. Seine Vorurteile beginnen zu bröckeln, spätestens wenn er freudig jene Mahlzeiten entgegennimmt, deren Zubereitung er zuvor noch als „barbarisch“ betitelt hat. Auch die Vorurteile gegenüber dem Pastor der Gemeinde nehmen ab, wobei Eastwood die Prämisse seines Filmes nicht ganz durchzuhalten vermag.

Dass er sich einer näheren Beschäftigung mit der terrorisierenden Gang verwehrt, sei ihm gewährt. Aber etwas mehr Profil für Kowalskis Familie wäre dennoch wünschenswert gewesen. Denn wo dessen Sicht auf die Hmong-Einwanderer und Vater Janovich sich merklich wandelt und bessert, verliert Eastwood in der Mitte des Filmes die Familie seiner Hauptfigur ganz aus den Augen. Folglich werden nicht alle Vorurteile abgebaut, was etwas störend ist. Wie auch das Spiel der Hmong-Darsteller – auch von den beiden talentierteren Her und Vang – nicht durchweg überzeugen kann. Zudem will das messianische Ende, selbst wenn es hinsichtlich der Thematik und des Genres des Filmes konsequent inkonsequent sein mag, auch bei der zweiten Sichtung nicht gefallen. Unabhängig davon ist Gran Torino jedoch ein weitestgehend ordentliches Drama mit gezielt eingesetzten humoristischen Elementen. Der Regisseur Clint Eastwood verabschiedet den Schauspieler Clint Eastwood. Wir sagen Dankeschön und auf Wiedersehen…

7/10

Kommentare:

  1. Deshalb ist sein Film kein Drama, das bisweilen zum Lachen anregt, sondern vielmehr eine Komödie, die mitunter zu ernst daherkommt.

    Also dem würde ich mal wirklich widersprechen wollen. Zwar gibt es viel zu lachen, doch ist dies mit Sicherheit keine Komödie. Wenn überhaupt ist es eine Ironisierung und eine Absage von Eastwood an seinen alten Rollentypus. Diese Tatsache fehlt imho in deiner Rezension völlig. Finde, dass der Film bei dir ein wenig zu schlecht wegkommt. ;-)

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  2. Konnte den Film als Drama nicht ernst nehmen, für mich ist das eine Komödie. Und ich darf sowas sagen. Ich bin perfide. Und beschränkt. ;-)

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  3. um den vollen genuss aus GT zu ziehen, muss man sich schon mit eastwoods vita bzw. seinen rollen insbesondere als harry callahan und später dann als bill munny auseinandersetzen und die geschichte des vigilante-genres miteinbeziehen.

    und nur weil es auch heitere passagen gibt, heißt das noch lange nicht, dass der film in die komödien-schublade gehört. vieles hat doch vielmehr tragikomische aspekte. und das von Dir als "messianisch" titulierte ende ist wohl der grandioseste (?) abgesang auf eastwoods altes rollen-muster. ganz nebenbei unterläuft es wunderbar die erwartungen des zuschauers.

    kann Dir in diesem fall mal wieder so gar nicht zustimmen ;)

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  4. Du wurdest schon bei Cinefacts mehrfach auf deinen Irrtum, GT sei eine Komödie, hingewiesen, Rudi. Aber die mehrwöchige Denkzeit hat wohl keine Ergebnisse gebracht.

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  5. Sehr schön: Bei all den Schwächen, die du dem Film weiterhin "zugestehst", lässt sich zumindest der "ist kein Drama, sondern Komödie"-Aspekt aus der vorigen Besprechung nicht mehr finden. Fand ich ja noch nie überzeigend. ;-)

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