6. September 2009

District 9

Okay, let's cut some cake!

Die Apartheid gab es in Südafrika im Grunde so lange, wie es Weiße in dem südlichsten Land des afrikanischen Kontinents gab. Erst unter den Briten, dann später weitaus intensiver noch unter den Niederländern. Heute wird speziell der Name von Nelson Mandela in einem Atemzug mit dem Kampf gegen Apartheid genannt. Für gewöhnlich identifiziert man mit seiner Gefängnisfreilassung und Wahl zum ersten afrikanisch-stämmigen Präsidenten Südafrikas das Ende der Apartheid. Dass auch heute noch tausende der farbigen Südafrikaner in Slums, sogenannten Townships, wohnen, ist dabei die Kehrseite der Medaille. Wie so viele Länder in Afrika leidet Südafrika unter Kriminalität, HIV und Armut. Da hilft es dem Land auch nichts, dass es zu den Schwellenländern der G-8-Gipfel zählt. Dass bei einem Reich-Arm-Gefälle, das gerade zwischen Weißen und Schwarzen ausfällt, von einem vollständigen Ende der Diskriminierung nicht die Rede sein kann, dürfte dabei wohl klar sein. Umso interessanter kam 2005 der Kurzfilm Alive in Joburg daher, der sich einerseits der Aufarbeitung der Apartheid widmete, andererseits das Ganze jedoch in eine phantastische Umgebung verordnete. Anschließend hatte sich der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp dann Werbefilmen zugewendet, ehe er vor zwei Jahren für die Verfilmung des Kult-Games Halo in Frage kam.

Regiegröße Peter Jackson wollte den futuristischen Ego-Shooter verfilmen und Blomkamp war dank seines Werbespots für Citroen der heißeste Anwärter auf den Posten. Doch Halo schien finanziell nicht lukrativ genug zu sein, sodass das Projekt letztlich fallen gelassen wurde. Jackson, inzwischen im Regie-Olymp Hollywoods angekommen, stellte dem Südafrikaner dennoch dreißig Millionen Dollar zur Verfügung, um ein Drehbuch seines Wunsches zu verfilmen. Die Wahl Blomkamps fiel schließlich auf eine Kinoversion seines damaligen Kurzfilmes. Mit einem geringen Budget und seinem ehemaligen Produzenten des Kurzfilmes, Sharlto Copley, machte sich der Regisseur an die Arbeit. Anschließend bemühten die Macher, wie heutzutage eigentlich schon gebräuchlich, das virale Marketing. Internetseiten wurden ins Leben gerufen, andere Bezüge zu District 9 hergestellt. Inzwischen kam der Film so gut an – in den Vereinigten Staaten spielte er bereits das Dreifache seiner Kosten ein -, dass sein Kinostart in Deutschland noch mal eigens vorgezogen wurde. Dabei wird Blomkamps Debütfilm von vielen Seiten als der Retter des diesjährigen Sommerloch-Action-Blockbusters angesehen.

Im Vergleich zu einem Watchmen oder Inglourious Basterds ist District 9 dabei der erste Film des Jahres, der seinem Hype auch tatsächlich gerecht wird. Zumindest im Ansatz. Speziell das erste Drittel des Filmes stellt dabei mit seinen Analogien zur Apartheid und den sozial-politischen Problemen Südafrikas die Trumpfkarte des Filmes dar. Denn seit ein außerirdisches Mutterschiff in den achtziger Jahren über Johannisburg verharrt, werden deren Passagiere, eine außerirdische Lebensform die sowohl Eigenschaften von Insekten wie auch Schalentieren hat, in einem militärisch abgeriegelten Slum gehalten. Jenes Slum bzw. Township trägt den Namen District 9 und beherbergt in äußerst ärmlichen Verhältnissen die rund eine Millionen prawns, wie die Südafrikaner die Außerirdischen despektierlich bezeichnen. Mord und Totschlag liegen hier nicht weit auseinander, wie ein Anwohner dem Kamerateam, welches verstärkt zu Beginn das Format einer mockumentary einnimmt, gesteht. Die prawns klauen dir deine Sneaker, dein Handy und dann bringen sie dich um. Und wo ein Krimineller ist, sind viele Kriminelle. Blomkamp platziert daher einen nigerianischen Warlord in das Alien-Ghetto, wo dieser mit Schweineköpfen, Waffen oder der Delikatesse Katzenfutter dealt.

Verantwortlich für District 9 ist Multi-National United, kurz MNU genannt, die gemeinsam mit einer privaten Sicherheitsfirma für die Bewachung und Verwaltung der Townships zuständig sind. Deren neuer Teamleiter ist Wikus Van De Merwe (Shartlo Copley), was er jedoch weniger seinen Führungsqualitäten zu verdanken hat als der Tatsache, dass er der Schwiegersohn seines Chefs ist. District 9 beginnt nun mit einer Zwangsverlagerung der Außerirdischen in ein neues Camp, mit noch schlechteren Lebensumständen. Die Handlung beginnt eine neue Richtung einzuschlagen, als Wikus während einer Razzia von einem Treibstoff der Außerirdischen kontaminiert wird. Nachdem sich kurz darauf erste Symptome einstellen, beginnt Wikus sich Stück für Stück in einen prawn zu verwandeln. Was für ihn eine persönliche Tragödie darstellt, ist für seine Vorgesetzten ein Gewinn. Denn da sich Wikus’ DNS mit der der Außerirdischen verbindet, ist es dem naiven Teamleiter nunmehr möglich, die explosiven Handfeuerwaffen der Außerirdischen zu bedienen. Da diese sich nur durch die Außerirdischen bedienen lassen, steht MNU, dem zugleich zweitgrößten Waffenproduzent der Welt, eine völlig neue Wirtschaftsoption hyper-technologischer Waffen offen. Wikus selbst findet sich nun plötzlich vom Lauf der Pistole an deren Mündung wieder.

Der Übergang zwischen den drei Segmenten – kurz darauf muss Wikus für seine Re-Transformation mit dem Außerirdischen Christopher jenen Treibstoff wieder beschaffen - gelingt Blomkamp dabei erstaunlich mühelos. Bedauernswert ist jedoch, dass die Apartheidsparabel relativ früh fallen gelassen wird, um den Weg zu bereiten für das actionreiche und gorelastige Finale des Filmes, welches mit einigen Ruhepausen eigentlich die ganze zweite Hälfte von District 9 ausmacht. Entgegen der Erwartungen findet aber von Seiten Wikus’ keine Identifikation mit Christopher, dessen Sohn oder seinesgleichen statt. Wikus behält trotz seiner teilweisen Transformation seine Ressentiments gegen die prawns bei, was hinsichtlich der übergeordneten Thematik überrascht und die Titelfigur weit weniger sympathisch erscheinen lässt wie man es aus anderen vergleichbaren Filmen kennt. So ist es – eventuell auch beabsichtigt – Christopher, mit dem man als ZuschauerIn mitfiebert und um dessen Wohl man bangt. Das Grande Finale ist dabei wie angesprochen etwas stark actionlastig und mit vielen Splatter-Effekten versetzt, was nach der zehnten Einstellung dann mitunter durchaus ermüdend ist. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen. Am meisten deplatziert wirkt jedoch der Nebenplot um den nigerianischen Warlord, der mittels Verspeisung von Alien-Körperteilen deren Kräfte in sich aufnehmen will. Dieser Voodoo lastige – und auch bzgl. der Nigerianer leicht rassistische – Handlungsstrang bringt die eigentliche Geschichte nicht wirklich voran.

Dass District 9 so gut funktioniert, verdankt er sicherlich auch mit dem Umstand, dass ihm lediglich ein kleines Budget zuteil wurde. Die Außerirdischen selbst wirken zwar bisweilen etwas künstlich, aber dafür können sich im Grunde alle anderen Aufnahmen, gerade auch das Mutterschiff, durchaus sehen lassen. Bedenkt man die Kosten, die der Film zu Tragen hatte, ist das Ergebnis wahrlich erstaunlich. Hinzu kommen eine sehr stimmige und gelungene musikalische Untermalung, sowie ein überzeugendes Schauspielerensemble. Dem Debütschauspieler Copley, der alle seine Textzeilen improvisiert hat, gebührt hier sicherlich ein besonderes Lob. Aber auch David James weiß als eiskalter Söldner Koobus zu gefallen. Insofern ist Blomkamp vielleicht nicht unbedingt ein Meisterwerk gelungen, aber den überzeugendsten Actionfilm des Sommers kann man sicherlich ohne größere Probleme in dem Science-Fiction-Actioner ausmachen. District 9 hat seine starken und äußerst gefälligen, aber auch seine schwachen und redundanten Momente. Dennoch lohnt es sich den Film anzusehen, alleine, um einmal ein Science-Fiction-Gefilde fernab von den Vereinigten Staaten zu begutachten. Denn auch wenn die Analogie auf die Apartheid hier nur zu Beginn eine Rolle spielt, so stellt das Township-Szenario doch sein eigenes, besonderes Universum dar. Und wer weiß, vielleicht wird es ja nicht diesem Hit doch noch etwas mit Blomkamp und Halo.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

Kommentare:

  1. Hätte nicht gedacht dass wir uns nochmal bei einem Film einig werden würden... 5,5 für Gone Baby Gone, WTF?! ;)

    Nach dem Avatar Trailer würde ich das Aussehen der Prawns nicht mehr als "künstlich" bezeichnen wollen ansonsten sehe ich es genauso. Meine Befürchtung ist nur dass das Sequel (das wohl so sicher ist wie das Amen in der Kirche) die sozialkritischen Untertöne dann ganz fallen lässt und NUR noch Action bietet.

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  2. Stimmige Musikuntermalung? Dieses Ethno-Geseiere? Fand die Musik war einer der größten Schwachpunkte, uninspiriertes Standard-Gedudel.

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  3. Dazu kann ich grad gar nichts mehr sagen, da ich seit District 9 über ein Dutzend anderer Filme gesehen hab und mir die musikalische Untermalung nicht mehr im Gedächtnis geblieben ist.

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