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29. Oktober 2010

Van Diemen’s Land

A man with no blood on his hands is no man.

Die Geschichte des Staates Australien begann als Strafkolonie des britischen Königreichs. Das Ende der Welt als letztes großes Gefängnis, wie es auch in Van Diemen’s Land an einer Stelle heißt. Das Van-Diemen-Land selbst bezeichnet dabei die heutige Insel Tasmanien, die 1642 von dem niederländischen Seefahrer Abel Tasman entdeckt und seiner Zeit nach Tasmans Sponsor Anton van Diemen benannt wurde, ehe man ihr 1856 den Namen ihres Entdeckers zuschrieb. Dabei stellte Tasmanien von 1830 bis 1853 das hauptsächliche Strafgefangenenlager der Briten auf dem australischen Kontinent dar. In der Weltgeschichte dürfte Tasmanien am ehesten durch sein Wappentier, den Tasmanischen Teufel, bekannt sein, der als tierischer Vertreter seinen Platz in Warner Bros. Looney-Tunes-Truppe gefunden hat. Und wenn in Van-Diemens-Land einst Gefangene lebten, liegt die Vermutung nahe, dass diese auch Fluchtversuche unternommen haben. Einen dieser Versuche, der auf besondere Art und Weise endete, adaptierte nun Jonathan auf der Heide.

Im Jahre 1822 ergriffen acht britische Strafgefangene, unter ihnen Engländer und Iren, die Flucht von ihrer Kolonie im Gestrüpp des Van-Diemens-Landes. Unter der Führung von Robert Greenhill (Arthur Angel), versuchen die Männer sich zum Meer durchzuschlagen, wo sie ein Schiff zurück in die Heimat bringen soll. Doch ein großes Problem der Männer ist ihre fehlende Verpflegung, da sie lediglich ein paar Laibe Brot mit sich schleppen. Nachdem sich in den Wäldern auch keine Lebewesen jagen lassen, stellt sich bei einigen wie Alexander Dalton (Mark Leonard Winter) schon bald Hoffnungslosigkeit ein. Der ohnehin verletzte Dalton will sich stellen, doch dazu kommt es nicht mehr. Um das Überleben der anderen zu sichern, beschließen Greenhill und sein Liebhaber Matthew Travers (Paul Ashcroft), Dalton mit Einverständnis von dessen Landsmann Alexander Pearce (Oscar Redding) zu töten und zu verspeisen. Der aufkommende Kannibalismus treibt zwei der anderen Flüchtlinge zurück zu den Briten, während die restlichen Fünf weiterziehen. Doch auch deren Zahl geht Stück für Stück zurück.

Mit Van Diemen’s Land inszenierte Regisseur auf der Heide letztlich eine Langversion seines ein Jahr zuvor erschienenen Kurzfilmes Hell’s Gate, der sich mit demselben Thema beschäftigte und auch über die fünf selben Hauptdarsteller verfügte. Hinsichtlich der Geschichte der acht Flüchtlinge, die sich schließlich gegenseitig umbringen und aufessen, mag man sich die Frage stellen, ob es dazu nach einem zwanzigminütigen Kurzfilm noch einer fünf Mal so lange Kinoversion bedurft hätte. Denn wenn die Flucht durchs Van-Diemens-Land erst beginnt, geschieht generell eigentlich nichts mehr in auf der Heides Film. Das Überraschende an Van Diemen’s Land ist nun jedoch, dass sich entgegen dem, was man erwarten würde, keine Langeweile einstellt. Es sind ruhige Szenen, die der Regisseur hier auf das Publikum loslässt, und nur gelegentlich werden diese von der Erzählstimme Alexander Pearces durchbrochen, wenn er über das Strafgefangenensystem im Allgemeinen und seine Stellung in diesem im Speziellen philosophiert.

Das Publikum wird mit fortlaufender Dauer Zeuge der menschlichen Abgründe, die sich im Van-Diemens-Land auftun. Diese begründen sich durch das Dasein als Strafgefangene, die wie Pearce, der sechs Schuhe gestohlen hat, für Nichtigkeiten verurteilt wurden. Der Blick über den Film hinaus auf die wahre Geschichte von Pearce verrät dann jedenfalls eine Interpretation, die in Van Diemen’s Land weniger auf ihn denn auf Greenhill passen will. Nämlich der Gefallen am menschlichen Fleisch. Ungeachtet der Tatsache, dass man eigentlich noch genug von diesem hat, wird dennoch weiter munter drauflos gekloppt, sodass es nur eine Frage der Zeit ist, ehe sich die letzten beiden Überlebenden mit offenen Augen am Lagerfeuer gegenüber liegen. Dies alles wird von auf der Heide nicht effekthascherisch in Szene gesetzt und auch ohne großen Spannungsbogen. Es ist ein Abfilmen grauenvoller Ereignisse, die für sich stehen und derer es keiner weiter Hervorhebung bedarf.

6.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

26. August 2010

Lascars

Pas de vacances pour les vrais gars!

Als gangsta hat man es nicht leicht, denn auch der muss eine bestimmte Erwartungshaltung erfüllen. Da versteht es sich von selbst, dass sogar ein street thug mal Abstand braucht von seinem Viertel. Und wo kann man besser entspannen als in der Karibik? Als die beiden Pseudo-Gangster Narbé und Sammy jedoch am Flughafen wieder rausgeschmissen werden, drohen sie ihre street credibility zu verlieren. Um also ihren Ruf zu wahren, quartieren sie sich kurzerhand in einem tropischen Wasserpark mitten in Paris ein und schicken MMS an ihre homiez aus dem Block. Ebensowenig Strandurlaub erwartet dieses Jahr die beiden Kumpel und aufstrebenden Rapper Tony und José. Auch wenn Tony alles versucht, um doch noch an das nötige Geld zu kommen - selbst wenn er dafür für den richtigen Viertelgangster Zoran fünf Kilo Hasch innerhalb weniger Tage verticken muss. José versucht sich derweil daran, einem städtischen Richter dessen Sauna zusammen zu bauen. Schließlich ist Clémence, des Richters Tochter, eine ziemlich scharfe Perle.

In Frankreich begeisterte Lascars eine halbe Million Französinnen und Franzosen. Das Filmkonzept selbst basiert dabei auf der gleichnamigen Serie, die 1998 und 2007 in einer jeweils eigenen Staffel ausgestrahlt wurde. Größtes Merkmal des Animationsfilmes ist seine … sagen wir ... zeitgenössische Sprache, die sich am jugendlichen Hip-Hop-Slang versucht. Doch nicht überall wo Ghetto draufsteht, ist auch unbedingt Ghetto drin. Im Gegenteil, abgesehen von Zoran - der selbst nur eine Karikatur eines Drogenbosses ist - will an sich so gar keiner der Beteiligten ins Ghetto passen, wie auch das Ghetto selbst lediglich eine Wohnhaussiedlung darstellt. Die Tatsache, dass sich (ursprünglich) sowohl José und Tony als auch Narbé und Sammy Tickets nach Santo Rico leisten konnten, spricht ebenfalls für sich bzw. gegen die proklamierte Ghettomentalität. Somit ist Lascars letzten Endes dann doch nichts weiter als eine reine Milieu-Komödie, die sich bevorzugt über ihre eigenen Figuren lustig macht (allerdings in einem positiven Sinne).

Beginnt sich der Film ab einem gewissen Zeitpunkt etwas in unterschiedliche Richtungen zu bewegen, laufen die verschiedenen Handlungsstränge dann doch stets wieder ineinander. Dabei fokussiert sich Lascars, das merkt man schon am Vorspann und dem Plakat, primär auf die von Vincent Cassel gesprochene Figur des Tony. Dieser ist gleich an drei Fronten beschäftigt, wenn er neben seinen Momenten mit Kumpel José auch noch den Fängen von sowohl Zoran als auch seiner stalkenden Polizistenfreundin Manuella entkommen muss. Während es das Leben somit nicht wirklich gut mit Tony zu meinen scheint, wendet sich das Blatt für die anderen drei verhinderten Strandurlauber. Narbé und Sammy stolpern zu Beginn des Dritten Aktes in einen Pornofilmdreh - zu dessen Crew sie plötzlich dazu zählen - und auch die Rechnung von José scheint zu seiner eigenen Freude aufzugehen. Ein missglückter Abend endet nämlich doch noch im Bett von Clémence, die hier von Diane Kruger gesprochen wird, deren Französisch weitaus erträglicher ist, als ihr Englisch oder ihre Heimatsprache Deutsch.

Insgesamt ist Lascars ein recht charmanter Film. Der Animationsstil kann sich sehen lassen und ist in Zeiten von Volldigitalisierung der Häuser Pixar und DreamWorks etwas erfrischend anderes. Dass die Figuren lediglich eindimensionale Klischees sind, stört dabei nicht sonderlich. Denn dafür entwickelt der Film zu oft flow, als dass man sich darüber mokieren würde, dass der ehrwürdige Richter gleich zwei gangsta während seiner Abwesenheit in sein Haus lässt. So wundert sich das Kinopublikum auch wohl kaum, wenn der Film schließlich in einer großen und brachialen Sause kulminiert. Das Gesehen regt letztlich durchaus hier und da zum Mitlachen an, will als harmonisches Ganzes jedoch aber nur bedingt funktionieren. Dafür sind Figuren wie Narbé und Sammy zu sehr reiner comic relief oder andere Charaktere wie Momo oder Casimir für die eigentliche Handlung vollkommen belanglos. Nett weggucken lässt sich Lascars aber allemal.

5.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

21. August 2010

Bronson

You fucking cunts!

Vor neun Jahren widmete Andrew Dominik mit Chopper Australiens berühmtesten Gefängnisinsassen Mark “Chopper“ Read einen Film. Sieben Jahre später würde sich Dominik mit dem amerikanischen Westernhelden Jesse James erneut des Lebens eines Kriminellen annehmen. Große Kriminelle eignen sich in manchen Fällen - man sah es dieses Jahr in Michael Manns Public Enemies - durchaus zu Helden oder zumindest zum Stoff für Legenden. Daher war es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, ehe sich jemand an der Lebensgeschichte von Michael Peterson versuchen würde, der in den Medien als Großbritanniens gewalttätigster Gefängnisinsasse gilt. Peterson, eher bekannt durch sein Boxerpseudonym „Charles Bronson“, verbrachte 34 seiner 57 Lebensjahre in britischen Gefängnissen und erhält in diesem Jahr vom dänischen Regisseur Nicolas Winding Refn, bekannt geworden durch seine Pusher-Trilogie, ein filmisches Denkmal. Dieses wird bisweilen sogar als A Clockwork Orange des 21. Jahrhunderts bezeichnet.

Eigentlich stammt Michael Peterson (Tom Hardy) aus einer gut situierten, mittelständischen Familie. Dennoch prügelt er sich schon in der Schulzeit sowohl mit Mitschülern als auch mit Lehrern. Nachdem er mit 22 Jahren eine Postfiliale für keine hundert Mark überfällt, landet Peterson schließlich im Knast. Hier bleibt Peterson ein derart unbequemer Zeitgenosse, dass er von Vollzugsanstalt zu Vollzugsanstalt weitergeschoben wird. Als es Vater Staat zu viel wird, steckt man Peterson der Einfachheit halber in die Klapsmühle, wo er mit Hilfe von Medikamenten ruhig gehalten wird. Doch Peterson lässt sich nicht aufhalten und schafft es sogar kurzzeitig - und nach einer Millionen teuren Revolte - auf freien Fuß gesetzt zu werden, ehe es ihn keine siebzig Tage und einen neuen Namen später erneut ins Gefängnis verschlägt. Erzähler der Geschichte ist dabei Peterson bzw. Bronson selbst, der bisweilen direkt in die Kamera oder zu einem Theaterpublikum gerichtet spricht. Dabei bewegt sich der gesamte Film stets auf einem schwarzhumorigen Level.

Entgegen der Proklamation zu Beginn, dass das Folgende auf „wahren Begebenheiten“ basiert, nimmt sich Winding Refn sehr viele Freiheiten in der Porträtierung von Peterson heraus. Etliche Darstellungen wie die Entlassung als geistig gesund und Petersons kurze Romanze mit einer vergebenen Frau scheinen der Phantasie des Dänen entsprungen zu sein. Generell fühl sich Bronson daher eher durch das Leben des britischen Häftlings gelegentlich inspiriert als das er dieses möglichst authentisch einfangen möchte. Denn von dem Menschen Michael Peterson erfährt das Publikum im Grunde gar nichts. Wieso wandte sich der Junge der Gewalt zu und wieso verlängerte er durch seine Eskapaden stets seine Haftdauer? Was geht in Peterson vor, was sind seine Ängste, was seine Wünsche? Winding Refn missbraucht lediglich Petersons Leben, um eine zynische Gefängnischose zu erzählen, die letztlich nicht einmal wirklich etwas über das Gefängnis erzählen will, sondern sich ausschließlich auf Gewalt als cooles Ausdrucksmittel eines introvertierten Mannes beschränkt.

Dabei schadet es Bronson am meisten, dass er keine wirkliche Geschichte zu erzählen hat, auch nicht in kleinen Episodenformen. Stattdessen verliert sich Winding Refn in redundanten Bildern von Petersons verschiedenen Geiselnahmen, die schließlich nur in redundante Bilder von Schlägereien mit dem Gefängnispersonal münden. Eine Ähnlichkeit mit Stanley Kubricks A Clockwork Orange ist da nur marginal und dient wohl ausschließlich als kurze Referenz wie auch die Szenen in der Irrenanstalt Milos Formans One Flew Over the Cuckoo’s Nest entlehnt zu sein scheinen. Hätte sich der Däne wenigstens daran versucht, einige zusammenhängende Bilder mit Hilfe einer kohärenten Erzählung zu verknüpfen, könnte sein Film auch mitunter das Potential ausschöpfen, das fraglos in einer derart ambivalenten Figur wie Peterson vorhanden ist. Denn so ist Bronson nur ein Mann, dessen Handeln keinen Sinn zu ergeben scheint, wenn er sich beispielsweise auch an Männern gewaltsam vergeht, die ihm an sich aufrichtig helfen wollen.

Getragen wird der Film daher zum einen von der gelungenen musikalischen Untermalung, die Lieder wie „It’s a sin“ von den Pet Shop Boys bereit hält, und zum anderen von Tom Hardy, der die meiste Zeit in der Tat großartig aufspielt. Hardy, der am ehesten durch Star Trek: Nemesis, RocknRolla und Inception bekannt sein dürfte, hat für die Rolle nicht nur ordentlich Muskelmasse, sondern auch schauspielerisches Gewicht zugelegt. Nur die Szenen im Theater, in denen er das Publikum direkt anspricht, wollen nicht so recht überzeugen. Ansonsten gelingt ihm die Darstellung des zynischen Humors in Verbindung mit den brachialen Szenen überaus glaubwürdig und allen voran auch äußerst sympathisch. Doch auch Hardy vermag Bronson nicht vor seiner durchschnittlichen Qualität zu bewahren, so dass der Film am Ende zwar ein bisweilen durchaus gelungenes Porträt einer zumindest in England wohl außerordentlich bekannten Figur geworden ist, was jedoch nicht zu kaschieren vermag, dass es Winding Refn versäumt hat, seiner illustren Persönlichkeit auch eine ebenso illustre Handlung zu schenken.

5.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

26. Juli 2010

Idiots and Angels

That is all an angel is: an idea of God.
(Meister Eckhart)

Mit sechzehn Jahren bewarb sich Bill Plympton bei Disney als Animateur, wurde jedoch aufgrund seines Alters abgelehnt. Über die Jahre hinweg hat sich der heute 63 Jahre alte Amerikaner zu einem der bekanntesten Indie-Zeichner gemausert, dessen Werke unter anderem in der New York Times, aber auch Magazinen wie dem Rolling Stone, der Vogue oder der Vanity Fair landeten. Bisher brachte es der Amerikaner auf 26 Kurz- und fünf Langfilme, wobei sein letztes Werk, Idiots and Angels, bereits mitgezählt wurde. Mit Heard ‘em Say lieferte Plympton für den US-Rapper Kanye West sogar ein Musikvideo ab. Der Stil des Zeichners ist dabei unvergleichlich und gerade in den USA bekannt. Doch Plymptons jüngster Film stellt eine kleine Herausforderung dar, ist er doch besonders düster und surreal, während er auf jegliches gesprochene Wort verzichtet.

Der Film erzählt die Geschichte eines übel gelaunten Mannes, der seine Tage damit verbringt, in Bart’s Bar Kette zu rauchen und Alkohol in sich hineinzuschütten. Sein Leben beginnt sich schließlich zu verändern, als ihm Flügel auf dem Rücken wachsen. Entfernt er das lästige Beiwerk zuerst noch mit dem Rasierer, so muss er bald damit zum Arzt gehen. Dieser riecht in seinem geflügelten Patienten Ruhm und Reichtum, doch ehe es zur wissenschaftlichen Sensation kommt, flüchtet der Mann. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die Flügel durchaus auch ein Eigenleben haben, wenn sie den Mann stets davon abhalten sich selbst auf Kosten Anderer zu bereichern. Jener neu entdeckte Heldenmut kostet ihn schließlich das Leben, sorgt aber später auch für seine Wiedergeburt. Denn Idiots and Angels ist in seinem Kern nichts anderes als eine Parabel über die Menschlichkeit.

Plymptons neuer Film lässt sich nicht so einfach kategorisieren, ähnlich verhält es sich mit seinem Protagonisten. Dieser wird vom Zeichner selbst Angel genannt, sodass die Vermutung naheliegt, dass es sich bei diesem generell um einen Engel handelt, der einfach seine Flügel vergessen hat bzw. kein Engel sein möchte. Eine andere Deutungsweise wäre, dass Engel nicht geboren sondern gemacht werden. Und die allgemeine Moral, dass man ein erfüllteres Leben hat, wenn man freundlich und zuvorkommend zu seinen Mitmenschen ist. Insofern erlebt auch Protagonist Angel eine Katharsis, egal ob er nun ein Engel oder ein Mensch ist. Als Gegenbeispiel und wenn man so will auch Antagonist fungiert hierbei Bart der Barkeeper. Zusätzlich lässt sich in Idiots and Angels auch ein kleiner Thriller sehen, wenn man dem Kampf von Angel mit seinen Flügeln und dem Komplott gegen ihn einen gewichtigeren Charakter zuordnen möchte.

Dabei ist Idiots and Angels die meiste Zeit sicherlich interessant und faszinierend, zugleich jedoch auch mitunter diffus und verstörend. Der einzigartige, einfarbige Zeichenstil des Amerikaners hebt den Film dabei aus der Masse an Zeichentrickfilmen hervor, wenn er dies nicht schon allein durch seine sehr erwachsene Geschichte getan hat. Allerdings hängt es sicherlich von der eigenen Persönlichkeit ab, ob - und wenn ja, inwieweit - man etwas mit Plymptons jüngstem Film anzufangen weiß. Denn einfache Kost ist seine Menschlichkeits-Parabel ganz gewiss nicht, auch wenn das Ganze keine anderthalb Stunden geht. Einen Blick für Fans des Künstlers und des Genres allgemein ist Idiots and Angels dann aber sicherlich alle mal wert.

5.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

19. Dezember 2009

Black Dynamite

Einer der mit Abstand lustigsten Filme des Jahres (vermutlich auch des Kommenden, wenn sich ein Verleih findet) dürfte Black Dynamite sein. Scott Sanders’ Hommage an das und Persiflage über das Blaxploitation-Genre hat zwar seine Längen, begeistert ansonsten jedoch durch detektivische Resümees wie „Donuts don’t wear alligator shoes“ oder einem unentwegt spielenden Jingle zur eigenen Titelfigur. Trash is as trash does. Wer hier nicht lacht, ist selber Schuld. Ein bisschen – aber auch nur ein bisschen - mehr habe ich mich noch beim MANIFEST über das Teil ausgelassen.

8/10

8. Dezember 2009

Fri os fra det onde

It so peaceful out here. Nothing much ever happens.

Das Leben der Menschen war so gut. Schön im Paradies gelebt, genug zu Essen gehabt, genug zu Trinken. Herr über alles was da kreuchte und fleuchte. Und dann frisst die Frau ‘nen Apfel. Gott ist erst Mal angepisst, schmeißt Adam und Eva aus dem Garten Eden und straft das Weib damit, dass es Kinder kriegen kann (durchaus eine harte Strafe). Schließlich wächst Gras über die Sache. Dem ersten Kind, Kain, folgt ein Zweites, Abel. Beide bringen dem Herrgott Opfer dar, doch bedanken tut er sich nur bei Abel. „WTF?“, denkt sich Kain da zugegeben zurecht, geht zu seinem kleinen Bruder und sagt: „Lass uns aufs Feld gehen.“ Dort angekommen schlägt er Abel tot. Da brauchte es nicht Rudi Cerne vom Aktenzeichen XY, damit Gott eins und eins zusammenzählt. Die Moral vom vierten Kapitel des ersten Buches Mose ist folglich, dass der Mensch ein blutrünstiges Tier ist, wenn selbst Brüder sich gegenseitig den Schädel einkloppen (und dies nicht einmal wegen einer Frau – was nicht bedeutet, dass dies die Angelegenheit besser gemacht hätte). Und weil Abel tot war, ist jeder Mensch ein Nachkomme Kains und damit auch des Brudermörders. Bzw. sind wir alle auch Kinder von Kains Frau, doch wo die herkam, weiß die Bibel leider nicht.

Dass sich die Menschen seit damals nicht großartig verändert haben, kann man heute noch sehen, wenn man die Nachrichten verfolgt. Und wer dies nicht tut, erhält vom dänischen Regisseur Ole Bornedal mit Hilfe seines neuesten Filmes Fri os fra det onde eine auffrischende Erinnerung. Ein- und ausgeleitet wie ein Theaterstück lässt der Däne eine Sängerin zuerst ein wenig über die Protagonisten und den Schauplatz des Geschehens schwadronieren. Da hätten wir zum einen Johannes (Lasse Rimmer), ein angesehener Bürger, gut situiert, ein Anwalt. Jemand, der Recht und Ordnung kennt. Und weil Johannes sein Heimatort im Jutland so gefällt, hat er seine Frau Pernille (Lene Nystrøm) gemeinsam mit den beiden Kindern dazu überredet, aufs Land raus zu ziehen. Dort lebt auch noch Johannes’ Bruder Lars (Jens Andersen), der sich als LKW-Fahrer verdingt, weil er – so die Erzählerin – bei der Vergabe der Schicksale durch Gott nicht da war. Manchmal verliert man eben und manchmal gewinnen die Anderen. Deshalb vögelt Lars’ Freundin, die schwanger von ihm ist, auch den dicken Tonse. Und da ist dann auch schon die biblische Analogie zu Kain und Abel, wenn dem einen Bruder – in diesem Fall dem Jüngeren – all das verwehrt geblieben ist, was Gott dem Anderen gewährte.

Hatte Lars geglaubt, sein Leben wäre schon so beschissen wie es nur sein kann, wird er eines Besseren belehrt als er unachtsamer Weise eines Tages die Kirchenaktivistin Anna überfährt. „Was tun?“, ist nun die Frage. Da trifft es sich gut, dass das Dorf mit Alain (Bojan Navojec) einen bosnischen Flüchtling aus dem Kosovo beherbergt. Alain, dessen Dänisch beachtlich, aber nicht besonders gut ist, wird von der white trash society rund um Lars und seine Hart-IV-Gesellen nur abfällig „Neger“ genannt. Lars überredet nun Alain den LKW ins Lager zu fahren und stopft ihm auch noch Beweismaterial ins Jackett. Bisher läuft alles ganz geschmeidig und spätestens nachdem Ingvar (Mogens Pedersen), der Ober-Motz des Dorfes, gemeinsam mit seinem Schläger Leif Christensen (Kim Kold) und Johannes Annas Leiche findet – die seine Lebensgefährtin war -, reibt sich Lars genüsslich die Hände. Während Johannes sich Alain schnappt und erst einmal zu sich bringt, bevor die Polizei kommt, organisiert Ingvar ein Lynchfest der allerersten Güte. Und was als intensives Drama über einen vertuschten Mord beginnt, wird vom Dänen-Ole schnurstracks zum Selbstjustizfilm umfunktioniert. Alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, wird umgepustet. Ganz nach dem Motto: erst schießen und gar keine Fragen stellen.

Bis zum Finale gelingt es Bornedal dabei in der Tat einen unwahrscheinlich intensiven Film zu inszenieren. Dessen erste zwei Akte werden ganz klar von Jens Andersens phantastischem Spiel getragen, der den ewigen Verlierer Lars mit Glanz und Gloria verkörpert. Die Anspannung schwappt schier gar aus der Leinwand in den Kinosaal, wenn sich die von Lars ausgelegte Schlinge immer mehr um den Hals des naiv-unschuldigen Alain zuzieht. Das ist gut gespielt, gut inszeniert und stets packend und mitreißend. Hier kann man Bornedal keine Vorwürfe machen. Im Finale dann jedoch schon. Die zwei einzigen Polizisten werden mal eben weggelockt, ein Haustelefon haben Johannes und Pernille sowieso nicht und das einzige Handy des Hauses hat Ingvar zuvor bei Annas Fund ins Wasser gepfeffert. Aus keinen bestimmten Grund außer dem, dass Johannes eben später niemanden mehr anrufen kann. Und der Arzt, der schließlich die Polente anruft, wird von Ingvar zum Jubel des Pöbels abgeknallt. Eine sporadische Erklärung für dieses Handeln liefert Bornedal auch noch geschwind, denn mit Anna starb die gute Seite in Ingvar, der sich als dänischer Dorf-Brick-Top entpuppt. Über die Konsequenzen seines Handelns scheint er genauso wenig nachzudenken, wie der Rest. Scheinbar glauben alle, mit einem Mehrfachmord einfach so davonzukommen.

Hier lässt sich der Film auch nicht mehr mit der bloßen Bibelanalogie in Einklang bringen, da Bornedal zu sehr eine Einordnung in die Wirklichkeit sucht. Dabei fällt Fri os fra det onde nicht wirklich groß ab, ehe der Däne dem Ganzen nochmals eine Krone aufsetzen muss. Der Epilog zum Finale gibt sich schließlich vollends der Lächerlichkeit preis, wenn ein Handlungsmoment peinlicher als das vorherige ausfällt. Dass dies dann in einem harmonischen Ende kulminiert, ist dann nur die Spitze des Eisberges. Letztlich ist das einzig Positive des Finales das Spiel von Rimmer, der hier gerade mit seinen Augen enorm viel Atmosphäre einzufangen und wiederzugeben versteht. Dennoch wäre dieser enorme Einbruch, dem Fri os fra det onde im dritten Akt zum Opfer fällt, vermeidbar gewesen, hätte sich Bornedal auf eine realistischere Darstellung beschränkt bzw. jene realistische Darstellung weitergeführt, die dem dritten Akt vorausgegangen war. Nichtsdestotrotz ist Bornedals Film ein intensives Drama mit zwei exzellenten Hauptdarstellern, welches zwar noch Luft nach oben gehabt hat, aber auch so relativ ansehnlich geworden ist.

7/10

4. November 2009

Moon

Perhaps you’re imagining things.

Der Weltraum. Unendliche Weiten, wie es so schön in Gene Roddenberrys Kultserie Star Trek hieß. Als Mutter aller Weltraumfilme gilt im Grunde Ridley Scotts Alien mit dem plakativen Untertitel, dass einen im Weltraum keiner Schreien hören könne. Nun gibt es mit Alien Filme, die ganz neue Grenzen unseres Universum ausloten, aber auch Filme wie Event Horizon oder 2001: A Space Odyssey, die sich mit Reisen zu unseren Gasriesen begnügen. Während Danny Boyle in Sunshine vor zwei Jahren eine Mission gen Sonne schickte, beschränkt sich der britische Regisseur Duncan Jones dieses Jahr auf den Erdtrabanten. Warum in die Ferne schweifen? - scheint das Motto hier gewesen zu sein. War der Mond zuvor hauptsächlich zum Zielobjekt für Filme über die Apollo-Missionen geeignet, etabliert Jones mit Moon nun seine eigene kleine persönliche Hommage an die Science-Fiction-Filme seiner Jugend auf dem Trabanten. Dabei finden sich viele Referenzen zu Genrekollegen wie 2001, Outland oder Silent Running.

Nun sollte man auf dem Mond allerdings keinen Luna-Park erwarten, wie man ihn in Matt Groenings Futurama beobachten konnte. Der Trabant ist und bleibt eine ziemlich trostlose Umgebung, die für die Erde den einzigen Zweck hat, das Energieprodukt H3 abzubauen. Passender- bzw. etwas überraschenderweise langt für dessen Abbau eine einzige Person, was bei einer Mondfläche von beinahe 38 Millionen km² doch verwundert. So verkommt Sam Bell (Sam Rockwell) zum Mann im bzw. auf dem Mond, der die letzten Wochen seines Drei-Jahres-Vertrags zu überstehen versucht, ehe er zurück zu Frau und Kind auf die Erde darf. Sams Arbeit ist einfach, muss er doch lediglich gelegentlich raus zu den „Erntefahrzeugen“ fahren, um dort die H3-Behälter einzusammeln und von seiner Basis aus nach Hause zu schicken. Doch in den letzten zwei Wochen stellen sich leichte körperliche Beschwerden bei Sam ein, die schließlich in einen Unfall im Mondbuggy münden. Als er in seiner Basis erwacht und sich zurück an die Unfallstelle bemüht, trifft er auf einen weiteren Verletzten, der nicht nur genauso aussieht wie Sam selbst, sondern auch Sam zu sein scheint.

Im Folgenden gilt es für die beiden Sams jeweils zu begreifen, was genau vor sieht geht und wie es sein kann, dass das, was passiert, auch tatsächlich passiert. Ist einer der beiden eine Manifestation des Anderen und wenn dem so ist, wer manifestiert dann wen? Auch die künstliche Intelligenz GERTY (gesprochen von Kevin Spacey) kann oder will nicht wirklich weiterhelfen, was die Lage für Sam und Sam nicht verbessert. Was Moon nun von einem Film wie Sunshine unterscheidet, ist dass Jones gar nicht erst versucht, großartig das Thriller-Element in seine Handlung zu integrieren. Bereits nach einem Drittel des Filmes mehren sich die Verdachtsmomente, die schließlich zehn Minuten später fast von GERTY verifiziert werden. “Here, talking to a clone. That's slightly troubling”, meint einer der Sams, um vom anderen entgegnet zu bekommen: “I'm not a clone. I'm not a clone. You're the clone.” Wo sich ein anderer Regisseur dafür entschieden hätte, das mindfuck-Moment (Klon? Manifestation?) stärker zu gewichten, beschränkt sich Jones darauf, die Realisierung der Identität der Sams in den Vordergrund zu stellen.

Insofern verfügt Moon über keinen wirklichen Spannungsbogen, da es nicht gilt von einem Ereignis A zu einem Ereignis B zu gelangen. Stattdessen fängt Jones, studierter Philosoph, ausschließlich die Reaktion zweier Menschen ein, die feststellen, dass ihr ganzes Leben eine Lüge ist. Gerade die vielfältigen Analogien zu den oben genannten SF-Werken, aber auch literarischen Vorvätern wie Philip K. Dick, lassen das Herz eines jeden SF-Fans aufgehen. Jones, der nicht müde wird im Bonusmaterial und den beiden Audiokommentaren (die teilweise aufeinander verweisen, ohne dann die jeweiligen Stellen zu füllen, stattdessen meist deckungsgleich sind) zu erwähnen, dass Moon lediglich fünf Millionen Dollar verschlungen hat. Und damit zehn Mal weniger als Sunshine, der von vielen als Independent-Sci-Fi angesehen wird. Den einzigen Aspekt, den Jones noch öfters betont, ist Sam Rockwell, dem das Drehbuch auf den Leib geschrieben wurde. Insofern sind die Audiokommentare, das Making-Of und die Q&A's zwar inhaltlich leichte Zeitverschwendung, lassen Jones jedoch dennoch als sympathischen Menschen rüberkommen.

Clint Mansell untermalt hierbei die Bilder fast schon erstaunlich ruhig mit spielerischen Klängen, die sich gerade in der Exposition mit den wunderbar photographierten Bildern der Mondoberfläche verbinden. Jones ist ein überzeugender SF-Film gelungen, der durchgehend die nötige Weltraumatmosphäre - weniger in Bezug auf den Weltraum, denn auf das Genre - zu erzeugen weiß. Schauspielerisch überzeugt auch Sam Rockwell in seiner Doppelrolle, selbst wenn die euphorischen Bekundungen im Trailer etwas über das Ziel hinausschießen. Heimlicher Star ist zudem Spacey, der den gerade in der zweiten Hälfte sympathisch verunsicherten GERTY mit entsprechendem Leben einhaucht. Erfreulich ist auch, dass Moon durchweg seinen ruhigen und besonnen Charakter beibehält, ohne wie Sunshine in seinem Finale in ein Horror-Schema zu verfallen. Im Gegenteil, Jones inszeniert als wäre dies alles, aber nicht sein Spielfilmdebüt. Und insofern ist sein Debütfilm nicht nur ein viel versprechender Start in eine hoffentlich erfolgreiche Karriere, sondern auch einer der stärksten Beitrage innerhalb seines Genres.

8.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

5. Oktober 2009

Bakjwi

We’ll both probably go to hell.

Der Südkoreaner Park Chan-wook ist einer der letzten großen asiatischen Regisseure, die sich bisher geweigert haben, ihr Talent Hollywood zur Verfügung zu stellen. Hat der Chinese Wong Kar-wai mit My Blueberry Nights den Schritt über den Pazifik getan, dreht Park auch seinen sechsten Langspielfilm weiterhin in seinem Heimatland. Nach seiner vielfach gerühmten Rache-Trilogie rund um das centerpiece Oldeuboi wagte sich der 46-jährige Regisseur mit Saibogujiman kwenchana mit einer romantischen Komödie an ein vollkommen neues und weitaus helleres Genre. Nun, drei Jahre später, wendet sich Park jedoch wieder einer etwas düsteren Geschichte zu. Auch wenn er sich selbst in ihr nicht vollends der humoristischen Elemente versagen möchte. Dabei hat seine Vampir-Horror-Komödie allerdings ironischerweise auch ihre Schattenseiten. Gerade die finale halbe Stunde ist weniger für die Figuren als vielmehr für den Zuschauer ob ihrer Länge eine kleine tour de force.

Der junge katholische Priester Sang-hyun (Song Kang-ho) will sich am Kampf gegen das tödliche Emmanuel-Virus beteiligen. Freiwillig stellt er sich als Testobjekt zur Verfügung, verstirbt jedoch kurz darauf – nur um wenige Sekunden später auf wundersame Weise wieder zum Leben zu erwachen. Ein halbes Jahr später bemerkt Sang-hyun einige Veränderungen in seinem Verhalten. Ihn ereilt ein plötzlicher Durst nach Blut, weshalb ihm ein Komapatient als sprichwörtlicher Durstlöscher gerade recht kommt. Als erster und einziger Überlebender des Virus’ ist der Pater inzwischen zur wandelnden Heilstätte verkommen. Zu den von ihm Geheilten zählt auch sein ehemaliger Schulkamerad Kang-woo (Shin Ha-kyun). Mit dessen eher unfreiwilliger Ehefrau Tae-ju (Kim Ok-bin) beginnt Sang-hyun schließlich eine blutige Affäre, die jedoch nur im Geheimen stattfinden kann. Nachdem Tae-ju beginnt ihren Geliebten gegen ihren Ehemann und für ihre eigenen Interessen auszuspielen, begibt sich Sang-hyun in eine Spirale, aus der er droht nicht mehr ausbrechen zu können.

Wer in Bakjwi Hintergrundinformationen erwartet, ist an der falschen Adresse. Weder zum Virus selbst, noch zu Sang-hyuns überraschender „Heilung“ gibt es Erklärungen. Genauso wenig wie der Pater zum Vampir und ob es noch weitere gibt. Ohnehin ist Parks neuer Film nicht so sehr Vampir-Horror als vielmehr eine bizarre Liebesgeschichte, in deren Zentrum mit jeder Minute weniger Song zu stehen beginnt, sondern die Stück für Stück die junge Kim an sich zu reißen versteht. Zwar übertreibt sie es gerade im letzten Drittel gerne etwas mit ihrer Darstellung, dennoch stellt ihre Leistung den Höhepunkt des Filmes dar. Ihr Charakter der introvertierten Tae-ju ist fraglos die vielschichtigste Figur, deren Handlungen eher in den seltensten Fällen durchschaubar sind. Scheint sie zu Beginn nicht wirklich von Sang-hyun angetan zu sein, gesteht sie später, dass sie ihn seit Jahren anziehend fand. Zwar zeigt sie sich einerseits von ihrer Ehe zu Kang-woo angewidert, zeigt aber dennoch in der Mitte des Filmes eine unerwartete Loyalität zu diesem. Im Gegensatz zu Sang-hyun, der versucht ein letztes bisschen seiner Menschlichkeit zu bewahren, ist Tae-jus Agenda sehr viel undurchsichtiger.

Womit der Film am meisten hadert, ist seine teils unstimmige Komposition. Viele Aspekte wie die Pilger, das Virus oder das Vampir-Dasein wirken wie bloße Staffage. Auch die Liebesgeschichte ist auf leicht sandigem Fundament gebaut und ebenso läuft die Einbindung unterschiedlichster Elemente meist etwas verstörend. Nach dem Mord an Kang-woo werden sowohl Tae-ju als auch Sang-hyun von diesem in Halluzinationen heimgesucht. Bis diese sich so schnell wie sie gekommen sind wieder verflüchtigen. Auch die langatmigen Sexszenen, an denen sich Park mehrere Minuten ergötzt, hadern mit dem allgemeinen Problem des Filmes. Denn mit etwas mehr als zwei Stunden geht Bakjwi sicherlich gefühlte drei Stunden. Gerade das letzte Drittel, welches schließlich im Klischee-Ende eines jeden Vampir-Films mündet, hat im Grunde keine Daseinsberechtigung, da die Geschichte zu diesem Zeitpunkt eigentlich erzählt ist. Dagegen lassen sich die humoristischen Noten weitaus gelungener in das Gesamtgefüge integrieren und zeichnen sich durch den typischen Witz des Südkoreaners aus.

Von ihrer Mentalität selbst her sind sich Sang-hyun und Anne Rices Vampir Louis recht ähnlich. Der katholische Priester entzieht sich der nächtlichen Menschenjagd und speist sich stattdessen jede Nacht von Komapatienten. Seinen Durst stillt er dabei zum einen um dessen Selbstwillen, andererseits aber auch um seine Viruserkrankung aufgrund der vampirischen regenerativen Kräfte unter Kontrolle zu halten. Ganz anders verhält es sich dann später mit Tae-ju, die nach ihrer Konvertierung das exakte Gegenstück zu ihm darstellt. Aus der zu Beginn ruhigen und leicht verschlossenen jungen Frau wird im Verlauf von Bakjwi wahrhaftig eine blutrünstige Bestie. Unabhängig von seiner extremen Überlänge erschafft Park jedoch durchgehend hübsche Bilder, die grundsätzlich von einem überzeugenden Darstellerensemble getragen werden. Nichtsdestotrotz kann Bakjwi nicht an die zuletzt starken Filme des Südkoreaners Park Chan-wook anknüpfen und stellt neben seinen beiden ersten Werken wohl seinen bisher schwächsten Filmbeitrag dar. Hier wäre weniger ganz klar mehr gewesen.

6/10 

6. September 2009

District 9

Okay, let's cut some cake!

Die Apartheid gab es in Südafrika im Grunde so lange, wie es Weiße in dem südlichsten Land des afrikanischen Kontinents gab. Erst unter den Briten, dann später weitaus intensiver noch unter den Niederländern. Heute wird speziell der Name von Nelson Mandela in einem Atemzug mit dem Kampf gegen Apartheid genannt. Für gewöhnlich identifiziert man mit seiner Gefängnisfreilassung und Wahl zum ersten afrikanisch-stämmigen Präsidenten Südafrikas das Ende der Apartheid. Dass auch heute noch tausende der farbigen Südafrikaner in Slums, sogenannten Townships, wohnen, ist dabei die Kehrseite der Medaille. Wie so viele Länder in Afrika leidet Südafrika unter Kriminalität, HIV und Armut. Da hilft es dem Land auch nichts, dass es zu den Schwellenländern der G-8-Gipfel zählt. Dass bei einem Reich-Arm-Gefälle, das gerade zwischen Weißen und Schwarzen ausfällt, von einem vollständigen Ende der Diskriminierung nicht die Rede sein kann, dürfte dabei wohl klar sein. Umso interessanter kam 2005 der Kurzfilm Alive in Joburg daher, der sich einerseits der Aufarbeitung der Apartheid widmete, andererseits das Ganze jedoch in eine phantastische Umgebung verordnete. Anschließend hatte sich der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp dann Werbefilmen zugewendet, ehe er vor zwei Jahren für die Verfilmung des Kult-Games Halo in Frage kam.

Regiegröße Peter Jackson wollte den futuristischen Ego-Shooter verfilmen und Blomkamp war dank seines Werbespots für Citroen der heißeste Anwärter auf den Posten. Doch Halo schien finanziell nicht lukrativ genug zu sein, sodass das Projekt letztlich fallen gelassen wurde. Jackson, inzwischen im Regie-Olymp Hollywoods angekommen, stellte dem Südafrikaner dennoch dreißig Millionen Dollar zur Verfügung, um ein Drehbuch seines Wunsches zu verfilmen. Die Wahl Blomkamps fiel schließlich auf eine Kinoversion seines damaligen Kurzfilmes. Mit einem geringen Budget und seinem ehemaligen Produzenten des Kurzfilmes, Sharlto Copley, machte sich der Regisseur an die Arbeit. Anschließend bemühten die Macher, wie heutzutage eigentlich schon gebräuchlich, das virale Marketing. Internetseiten wurden ins Leben gerufen, andere Bezüge zu District 9 hergestellt. Inzwischen kam der Film so gut an – in den Vereinigten Staaten spielte er bereits das Dreifache seiner Kosten ein -, dass sein Kinostart in Deutschland noch mal eigens vorgezogen wurde. Dabei wird Blomkamps Debütfilm von vielen Seiten als der Retter des diesjährigen Sommerloch-Action-Blockbusters angesehen.

Im Vergleich zu einem Watchmen oder Inglourious Basterds ist District 9 dabei der erste Film des Jahres, der seinem Hype auch tatsächlich gerecht wird. Zumindest im Ansatz. Speziell das erste Drittel des Filmes stellt dabei mit seinen Analogien zur Apartheid und den sozial-politischen Problemen Südafrikas die Trumpfkarte des Filmes dar. Denn seit ein außerirdisches Mutterschiff in den achtziger Jahren über Johannisburg verharrt, werden deren Passagiere, eine außerirdische Lebensform die sowohl Eigenschaften von Insekten wie auch Schalentieren hat, in einem militärisch abgeriegelten Slum gehalten. Jenes Slum bzw. Township trägt den Namen District 9 und beherbergt in äußerst ärmlichen Verhältnissen die rund eine Millionen prawns, wie die Südafrikaner die Außerirdischen despektierlich bezeichnen. Mord und Totschlag liegen hier nicht weit auseinander, wie ein Anwohner dem Kamerateam, welches verstärkt zu Beginn das Format einer mockumentary einnimmt, gesteht. Die prawns klauen dir deine Sneaker, dein Handy und dann bringen sie dich um. Und wo ein Krimineller ist, sind viele Kriminelle. Blomkamp platziert daher einen nigerianischen Warlord in das Alien-Ghetto, wo dieser mit Schweineköpfen, Waffen oder der Delikatesse Katzenfutter dealt.

Verantwortlich für District 9 ist Multi-National United, kurz MNU genannt, die gemeinsam mit einer privaten Sicherheitsfirma für die Bewachung und Verwaltung der Townships zuständig sind. Deren neuer Teamleiter ist Wikus Van De Merwe (Shartlo Copley), was er jedoch weniger seinen Führungsqualitäten zu verdanken hat als der Tatsache, dass er der Schwiegersohn seines Chefs ist. District 9 beginnt nun mit einer Zwangsverlagerung der Außerirdischen in ein neues Camp, mit noch schlechteren Lebensumständen. Die Handlung beginnt eine neue Richtung einzuschlagen, als Wikus während einer Razzia von einem Treibstoff der Außerirdischen kontaminiert wird. Nachdem sich kurz darauf erste Symptome einstellen, beginnt Wikus sich Stück für Stück in einen prawn zu verwandeln. Was für ihn eine persönliche Tragödie darstellt, ist für seine Vorgesetzten ein Gewinn. Denn da sich Wikus’ DNS mit der der Außerirdischen verbindet, ist es dem naiven Teamleiter nunmehr möglich, die explosiven Handfeuerwaffen der Außerirdischen zu bedienen. Da diese sich nur durch die Außerirdischen bedienen lassen, steht MNU, dem zugleich zweitgrößten Waffenproduzent der Welt, eine völlig neue Wirtschaftsoption hyper-technologischer Waffen offen. Wikus selbst findet sich nun plötzlich vom Lauf der Pistole an deren Mündung wieder.

Der Übergang zwischen den drei Segmenten – kurz darauf muss Wikus für seine Re-Transformation mit dem Außerirdischen Christopher jenen Treibstoff wieder beschaffen - gelingt Blomkamp dabei erstaunlich mühelos. Bedauernswert ist jedoch, dass die Apartheidsparabel relativ früh fallen gelassen wird, um den Weg zu bereiten für das actionreiche und gorelastige Finale des Filmes, welches mit einigen Ruhepausen eigentlich die ganze zweite Hälfte von District 9 ausmacht. Entgegen der Erwartungen findet aber von Seiten Wikus’ keine Identifikation mit Christopher, dessen Sohn oder seinesgleichen statt. Wikus behält trotz seiner teilweisen Transformation seine Ressentiments gegen die prawns bei, was hinsichtlich der übergeordneten Thematik überrascht und die Titelfigur weit weniger sympathisch erscheinen lässt wie man es aus anderen vergleichbaren Filmen kennt. So ist es – eventuell auch beabsichtigt – Christopher, mit dem man als ZuschauerIn mitfiebert und um dessen Wohl man bangt. Das Grande Finale ist dabei wie angesprochen etwas stark actionlastig und mit vielen Splatter-Effekten versetzt, was nach der zehnten Einstellung dann mitunter durchaus ermüdend ist. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen. Am meisten deplatziert wirkt jedoch der Nebenplot um den nigerianischen Warlord, der mittels Verspeisung von Alien-Körperteilen deren Kräfte in sich aufnehmen will. Dieser Voodoo lastige – und auch bzgl. der Nigerianer leicht rassistische – Handlungsstrang bringt die eigentliche Geschichte nicht wirklich voran.

Dass District 9 so gut funktioniert, verdankt er sicherlich auch mit dem Umstand, dass ihm lediglich ein kleines Budget zuteil wurde. Die Außerirdischen selbst wirken zwar bisweilen etwas künstlich, aber dafür können sich im Grunde alle anderen Aufnahmen, gerade auch das Mutterschiff, durchaus sehen lassen. Bedenkt man die Kosten, die der Film zu Tragen hatte, ist das Ergebnis wahrlich erstaunlich. Hinzu kommen eine sehr stimmige und gelungene musikalische Untermalung, sowie ein überzeugendes Schauspielerensemble. Dem Debütschauspieler Copley, der alle seine Textzeilen improvisiert hat, gebührt hier sicherlich ein besonderes Lob. Aber auch David James weiß als eiskalter Söldner Koobus zu gefallen. Insofern ist Blomkamp vielleicht nicht unbedingt ein Meisterwerk gelungen, aber den überzeugendsten Actionfilm des Sommers kann man sicherlich ohne größere Probleme in dem Science-Fiction-Actioner ausmachen. District 9 hat seine starken und äußerst gefälligen, aber auch seine schwachen und redundanten Momente. Dennoch lohnt es sich den Film anzusehen, alleine, um einmal ein Science-Fiction-Gefilde fernab von den Vereinigten Staaten zu begutachten. Denn auch wenn die Analogie auf die Apartheid hier nur zu Beginn eine Rolle spielt, so stellt das Township-Szenario doch sein eigenes, besonderes Universum dar. Und wer weiß, vielleicht wird es ja nicht diesem Hit doch noch etwas mit Blomkamp und Halo.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

3. November 2008

Vals Im Bashir [Waltz With Bashir]

We may forget the past, but the past won’t forget us.

Zwei Freunde treffen sich des Nachts am Hafen in einer Bar. Regisseur Ari Folman hört sich an wie ihm ein Freund von einem wiederkehrenden Albtraum erzählt. Doch der Bezug auf Folman selbst will sich diesem nicht erschließen. Ob er sich denn nicht mehr an den Libanonkrieg 1982 erinnere, wird Folman gefragt. Zwar weiß Folman, dass er als Zwanzigjähriger damals Bestandteil der israelischen Streitkräfte war, jedoch hat er jede Erinnerung an den Krieg ausgeblendet. Er beginnt diese Verdrängung zu hinterfragen, kann jedoch allein die Mosaikstücke nicht zusammenfügen. Daher macht er sich auf die Suche nach ehemaligen Kameraden, die mit ihm in Beirut gedient haben. Speziell sein alter Schulfreund und ein ihm Unbekannter – beide sind Teil der einzigen Erinnerung, die Folman noch besitzt. Doch auch der Freund, der nun in Holland lebt, kann oder will Folman nicht helfen.

Aber der Regisseur gibt nicht auf. In Einzelgesprächen mit ehemaligen Freunden, die ebenfalls gedient haben, sowie Therapeuten und Journalisten fügt er dem blutigen Bild von eins immer neue Bilder hinzu, bis sich ihm am Ende das große Ganze offenbart. Und Folman merkt, dass man zwar seine Vergangenheit vergessen kann, aber die Vergangenheit einen selber nicht vergisst. Aus jungen Bursche von einst sind nunmehr ältere Männer geworden – die wie alle Soldaten nicht nur einen Teil ihres Lebens im Krieg verbracht, sondern dort auch einen gehörigen Teil an ihrer Unschuld hinterlassen haben. Bei Oliver Stones Platoon hieß es einst: das erste Opfer des Krieges ist stets die Unschuld. Und nicht weniger verhält es sich mit der Wahrheit. Genau diese Wahrheit muss Folman nun herausarbeiten.

Für viele Kritiker ist Vals Im Bashir ein besonderer Film. Nicht nur weil er in seiner Heimat sechs israelische Filmpreise – darunter Film, Regie und Drehbuch – gewonnen hat, sondern schon aufgrund seiner Inszenierung. Folman preist seinen Film als die erste volldigital animierte Dokumentation an. Was der Zuschauer aber erst in der Filmmitte merkt, zuvor verliert sich Folman in einer traditionellen Erzählweise. Nicht nur, dass man nie eine Kamera zu sehen bekommt, sondern auch generell kann das Gezeigte per se keine Dokumentation sein. Die Tatsache dass der Film ein historisches Ereignis aufarbeitet, verleiht ihm noch lange nicht einen entsprechenden Genre-Status. Daran ändern auch die in der zweiten Hälfte eingestreuten Interviews mit den verschiedenen Protagonisten von Vals Im Bashir nichts.

Vielmehr zeigt Folman einen unkonventionellen Animationsfilm, sowohl von seiner Thematik als auch seinem Zeichenstil her. Die Zweidimensionalität trägt neben dem gelungenen Soundtrack zum hauptsächlichen Charme des Filmes teil. Jener Style überwiegt oft problemlos die Substanz, um die es Folman geht. Hier scheint sich der Israeli etwas in seinen Bestrebungen verloren zu haben, dem Publikum einen Film bestmöglich verkaufen zu wollen. Obschon der Film mitunter in die Satire rutscht (die Bombardierung von palästinensischen Zivilisten), gehen jene Momente im Gesamtkontext, ähnlich wie es bei Charlie Wilson’s War der Fall war, verloren. Bei einem derartigen Thema hätte Folman sich allein aus Pietätsgründen bemühen müssen, entweder einen ernsten oder extrem überspitzten Weg zu gehen.

Thematisch basiert der Film auf dem Massaker von Sabra und Schatila im libanesischen Bürgerkrieg. Als Israels Verteidigungsminister Ariel Scharon am 6. Juni 1982 seine Streitkräfte in den Libanon einmarschieren ließ, begann der dreijährige libanesische Bürgerkrieg. Folman skizziert unter anderem die Einnahme von Beirut, exemplarisch festgemacht am Schicksal eines einzelnen Soldaten und Freund des Regisseurs. Die erste Hälfte dient dieser Aufarbeitung verschiedener Einzelschicksale während der ersten Kriegswochen. Während all jene Figuren ihre eigene Geschichte erzählen, hat diese mit Folman selbst relativ wenig zu tun. Was sich das auf den gesamten Film übertragen lässt, der zwar zur Retrospektive von Folmans Leben gerät, sich jedoch mit allen Charakteren mehr beschäftigt als mit dem Regisseur.

So versucht der Film zwar ein authentisches Bild vom Libanonkrieg zu vermitteln, verliert jedoch seine Prämisse und eigentliche Handlung aus den Augen. Erst in der zweiten Hälfte kommt Folman wieder auf jenes Ereignis zu sprechen, welches am 14. September seinen unheilvollen Lauf genommen hat. An jenem Tag wurde der erst drei Wochen zuvor gewählte libanesische Präsident Bashir Gemayel von Palästinensern ermordet. Jenes Attentat würde die auf Seiten der Israelis kämpfende christliche Miliz mit Namen Phalange in tiefen Zorn stürzen. Am 16. September betraten die Milizen die Flüchtlingslager in Sabra und Schatila und verübten dort ein Massaker an Frauen, Alten und Kindern. Ganze zwei Tage währte dieses Handeln vom 16. bis 18. September an, ehe Scharon die Milizen aus den Lagern zurückrief.

Sinn und Zweck von Folmans Film ist die Erinnerung an alte Gräueltaten und zugleich die Unschuldsbekennung des israelischen Volkes. Wie zu Beginn erwähnt sind die meisten Themen von stark subjektiver Natur und es überbleibt dem Zuschauer letztlich selbst, welches Resümee er aus den Ereignissen ziehen will. Die Tatsache, dass die israelische Armee die Lager bewachte, beobachte und wie sich später herausstellte das Massaker auch mit eigenen Augen sah, macht diese de jure zu Mittätern unter der Vorraussetzung der unterlassenen Hilfeleistung. Dem Regisseur zu Folge sind die eigenen Streitkräfte von jeder Schuld freizusprechen – eine Forderung die dementsprechend auch auf all jene Deutschen zuzumünzen wäre, die nicht mit eigener Hand ein jüdisches Leben auf dem Gewissen haben.

Zwar thematisiert Folman nicht die „Kollektivschuld“ des deutschen Volkes im Zweiten Weltkrieg, doch zieht er durchaus Parallelen. Hier stellt sich wieder die Frage nach der Voranstellung des menschlichen Gewissens auch in Hinsicht seiner Tätigkeit als Soldat. Als Unschuldsbekennung funktioniert Vals Im Bashir keineswegs – selbst mit der Skizzierung des einfachen Soldaten als Marionette des politischen Systems. Zuvorderst scheitert Folmans Film daran, dass er keine klare Struktur hat, gerne animierter Dokumentarfilm sein würde, ohne es vollends zu sein und im Nachhinein eine Geschichte erzählt, die mit der Ausgangsprämisse nicht mehr viel gemein hat. Was bleibt ist ein gut gemachter Zeichentrickfilm, der trotz seines teilweise fragwürdigen Inhalts durchaus zum Denken anregt.

6.5/10

16. September 2008

JCVD

You won. I lost.

Er ist eine Legende. Ein Mythos. Nach dem Tod von Marlon Brando der letzte große Schauspieler der Filmbranche. Er ist The Muscels of Brussels. Der Fred Astaire des Karate. Sein Name: Jean-Claude Van Damme. Belgiens größter Filmexport ist natürlich nicht mit Brando zu vergleichen, besitzt nicht mal schauspielerische Fähigkeiten. Oder doch? Ja, das ist die große Frage, die der Belgier mit JCVD spielend beantwortet. Van Damme, der seinen Durchbruch mit 28 Jahren Ende der Achtziger mit Bloodsport erlebte, gehörte einer Generation Schauspieler an, die ihr Genre beherrschten. Neben Namen wie Steven Seagal, Chuck Norris, Bruce Willis, Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger zählt Van Damme zu den Größen den Actionkinos Anfang der neunziger Jahre. In der Mitte des Jahrzehnts sollte er seine Hochzeit haben, für Filme wie Sudden Death und Street Fighter erhielt er Gagen bis zu sechs Millionen Dollar.

Dann kam The Quest im Jahr 1996 und Van Damme brach ein. Filme wie Maximum Risk, Double Team oder Knock Off waren immer weniger erfolgreich. Gemeinsam mit seinen Kollegen Norris und Seagal musste er mit ansehen, wie seine anderen Actionkameraden in neue Sphären vorstießen. Van Damme hatte im Grunde einen Fehler gemacht, ohne diesen bewusst begangen zu haben. Denn eigentlich unterscheidet nichts einen Film wie Legionnaire (1998) von einem Lionheart (1990) - außer ihre Entstehungszeit. Während Sly und Arnie sich für andere Projekte hergaben, die sich mehr dem Actionkino der Neunziger anpassten, drehte Van Damme weiterhin Filme im Stil der achtziger Jahre. Und versackte anschließend im Direct-to-DVD Sumpf. Mit JCVD kehrt der Belgier nun zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren auf die Kinoleinwand zurück.

Ein Krisengebiet, vermutlich Terroristen. Doch kein Problem für den Helden, der sich wacker durch das Szenario prügelt und auch nicht vor Flammenwerfern und anderen Waffen zurückschreckt. Eine Szene, die in einer einzigen Einstellung gedreht wird und letztlich durch eine umfallende Kulisse endet. Wir sind am Set des neuen Films von Jean-Claude Van Damme, der keucht und fertig ist. Mit sich und der Welt. Er könne keine solche schnittlose Einstellung mehr drehen, er sei immerhin schon 47 Jahre alt, beklagt er gegenüber seinem chinesischen Regisseur. Dieser macht deutlich, dass ihm nichts an Van Dammes Meinung, geschweige denn dem Film selbst, liegt. Es ist der Tiefpunkt der Karriere eines Mannes, dessen herbste Niederlage aber erst noch folgen soll. Vor Gericht wird Van Damme das Sorgerecht für seine Tochter abgesprochen, der gegnerische Anwalt wirft ihm Verantwortungslosigkeit vor und zählt die Todesumstände von Van Dammes Gegnern in dessen Filmen auf.

Die Tochter will lieber bei der Mutter leben, da sie sich für ihren Vater schämt. Dabei ist ihr nicht bewusst, dass sie ihr Leben wie sie es lebt ebenjenen Filmen ihres Vaters zu verdanken hat. Es ist eine undankbare Gesellschaft, in der sich Van Damme zu Beginn des Filmes wieder findet. Da tut es gut, nach Hause, nach Belgien, zu kommen, wo ihn die Leute noch schätzen. Ihren Star, den sie alle liebevoll „Jean-Claude“ nennen. Eine rasche Abbuchung bei der Poststelle verkommt jedoch nach wenigen Minuten zur Geiselnahme. Polizeikommissar Bruges (François Damiens), selbst ein Fan des Action-Darstellers, hält Van Damme für den Geiselnehmer. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass er das Sorgerecht verloren und finanzielle Schwierigkeiten hat. Währenddessen versucht Van Damme die Situation in der Poststelle vor der Eskalation zu bewahren und lässt den Tag Revue passieren.

In seinem zweiten Film zeigt Regisseur Mabrouk El Mechri eindrucksvoll die Demontage eines Denkmals im vollen Bewusstsein des Denkmals selbst. Jean-Claude Van Damme ist pleite. Als er seinen Agenten nach neuen Rollenangeboten fragt, offeriert dieser ihm einen idiotischen Film, den Van Damme jedoch bereits vor einem halben Jahr gedreht hat. „Dann die Fortsetzung?“, bringt der Agent lapidar als Erwiderung hervor. Der Belgier ist genervt, hat seinen Fehler von vor zehn Jahren eingesehen und sehnt sich nur noch nach einer einfachen Studioproduktion. Schließlich geht er auf die Fünfzig zu und kann nicht ewig Actionfilme drehen. „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“, prangert es da, Danny Glover aus Lethal Weapon zitierend, auf dem Kinoplakat. Doch was soll er machen? Ihm fehlt das Geld um seine Anwälte für den Sorgerechtsstreit zu bezahlen.

Ein neues Projekt muss her, etwas Geld, ein Vorschuss. Das mit dem neuen Projekt wird nichts, man hat bereits Steven Seagal engagiert. Er soll sich extra seinen Pferdeschwanz dafür abgeschnitten haben. Insiderhumor par excellence, Seagal trennt sich von dem Merkmal, das ihm in seiner Karriere sicher die eine oder andere Rolle gekostet haben dürfte. Aber Van Damme gibt nicht auf: Dreht er eben diese bescheuerte Fortsetzung seines Agenten. Zum letzten Mal, wird er sich denken, danach ändere ich mich. Vorerst braucht er aber Geld, will und darf seine Tochter nicht verlieren, immerhin ist sie das Einzige was er in diesem Leben, das nur noch von Verlust bestimmt ist, noch besitzt. Mit JCVD gelang El Mechri ein stilles Drama eines ausgelaugten Menschen, von dem mehr erwartet wird, als er zu leisten im Stande ist.

Durch seinen Status ist er für die drei Bankräuber und Geiselnehmer eine unmittelbare Gefahr, insbesondere deshalb, weil einer von ihnen selbst ein riesiger Fan von Van Damme ist. Die Szenen zwischen ihm und Van Damme bilden die Höhepunkte des Filmes. Besonders die Kritik an John Woo ist in ihrer Köstlichkeit kaum noch zu überbieten. Natürlich vollkommen fehl am Platz, denn nur weil Van Damme Woo einst für Hard Target nach Hollywood holte, bedeutet dies nicht dass der Chinese ihm irgendetwas schuldig wäre. Schade auch, dass hier nicht noch Roland Emmerich ins Spiel gekommen ist. Diese Fanboytum ist jedoch exakt das, wofür Van Damme immer stehen, was er immer bewirken wollte. Und wer würde Van Damme nicht gerne eine Zigarette wegkicken sehen, wenn er mit ihm allein in einem Raum wäre?

Zudem steht Arthur exemplarisch für den Niedergang von Jean-Claudes Karriere. Der erkannte selbst, dass seine Fanbase nicht nachwächst, sondern gemeinsam mit ihm altert. Und welcher 42-Jährige will sich vorwerfen lassen, Karate-Filme anzusehen? Aber was soll ein Jean-Claude Van Damme auch anderes machen? Adam Sandler beweißt auch in Filmen wie Reign Over Me, dass er über schauspielerisches Talent verfügt. Jedoch liegt seine Fanbase ganz woanders, das Geld für den Unterhalt seiner Familie verdient er eben durch Grown Ups und Konsorten. Seinen Wunsch sich selbst oder vielmehr seinen Kritikern etwas zu beweisen, kann Van Damme sich nicht erfüllen, für Studiofilme kommt er einfach nicht in Frage. Dabei kann er schauspielern, nur ließen es seine eindimensionalen, meist antriebslosen Figuren bisher nicht zu. Seine Chance erhält er nun in JCVD, denn wer kann ihn besser spielen als er selbst?

Die meisten Kritiker sehen seinen Schauspielbeweis in einem scheinbar improvisierten fünfminütigen Monolog, der quasi als Beichte oder Geständnis fungiert. Dabei handelt es sich hierbei um die schwächste Szene des Filmes, da sie zum einen gestelzt ist und zum anderen nichts offenbart, was man nicht schon gewusst hat. Als Star lauern überall Drogen und keiner stört sich daran, wenn man welche nimmt. Das ist ein offenes Geheimnis. Egal ob Charlize Theron, Nicole Kidman, Matthew McConaughy, sie alle konsumieren Drogen, manche sogar in der Öffentlichkeit. Wenn man Lindsay Lohan heißt, kann man sogar mit Kokain im Kofferraum Autounfälle bauen, ohne im Knast zu landen. Auch seine Rechtfertigung in Bezug auf seine Ehen wirkt hier unnötig.

Natürlich empfindet Van Damme für jede seiner vier Frauen eine besondere Liebe, dafür muss er sich nicht rechtfertigen, schon gar nicht dem Publikum gegenüber. Ebenso wenig für seine Filme, schließlich ist das die Sorte Kino, die das Publikum Anfang der Neunziger noch wollte. „You won, I lost“, erklärt er betrübt und hebt hervor, dass er nie jemanden verurteilt hat. Das kauft man ihm nicht ab, verurteilen doch wir alle andere Menschen, es ist ein menschliches Charakteristikum. Wäre Van Damme noch Multimillionär hätte er kaum JCVD gemacht und dieses Statement von sich gegeben. Weitaus interessanter wäre gewesen, wenn er über seine Tochter gesprochen hätte, beziehungsweise die Tatsache, dass sie sich ihres Vaters schämt. Nur hier kann der wahre Schmerz dieses Mannes liegen. Doch JCVD versäumt es dieser Thematik nachzugehen.

Dass der Belgier in der Tat schauspielern kann, beweist er nicht im Monolog, sondern in all den anderen Szenen. Wenn die Polizei seine Mutter an das Telefon holt, die ihren Sohn fragt, was er da eigentlich macht - das ist Schauspielerei. Van Damme kann es also, es wäre auch lachhaft gewesen, wenn er in zwanzig Jahren in Hollywood kein Talent aufgeschnappt hätte. Vielleicht ist JCVD da der Schritt in die richtige Richtung, obschon sich Gerüchte häufen, dass der Abschluss der Universal Soldier-Trilogie sich anbahnt (was ich im Übrigen begrüßen würde). Demnächst plant Van Damme mit Full Love sich nicht nur noch mal selbst zu spielen, sondern er zelebriert mal wieder sein Autoren- und Regietalent. Mit JCVD hat Van Damme jedenfalls alles richtig gemacht. Die Dramatik seiner Lebenskrise ist gegenwärtig und spürbar.

Ein Mann am Wendepunkt seines Lebens, müde und der Vergangenheit überdrüssig. Gewürzt wird das alles durch aberwitzige Szenen, die bereits bei der brillanten Einleitung des Gaumont-Logos beginnen und sich in der finalen Auflösung des Geiselkonfliktes fortsetzen. Das Ende des Filmes ist diskutabel, jedoch im Kontext des zuvor Gezeigten durchaus konsequent. Die Bilder sind dabei oftmals sehr dunkel geraten und voll von Schatten, was eine Aufnahme mit einer digitalen Kamera vielleicht besser gemacht hätte. Nichtsdestotrotz ist JCVD ein Highlight für jeden bekennenden Fan von Van Damme und wohl auch für diejenigen zu empfehlen, die zumindest etwas mit seiner Filmographie anfangen können. Wer jedoch nicht weiß wer Van Damme ist und was für Filme er in seiner Karriere gedreht hat, wird der bitteren Ironie dieses Werkes kaum folgen können.

8.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

14. September 2008

Shuttle

If you ever wanna see your family again, you better grow some balls.

Alles was sie wollten, war in einem Stück zu Hause anzukommen. So reißerisch beginnt der Trailer zu Shuttle, dem Regiedebüt von Edward Anderson und lässt zugleich vermuten, dass es im Film keine Selbstverständlichkeit werden wird, in einem Stück zu Hause anzukommen. Wenn zwei Freundinnen nach einem Wochenende in Mexiko vom LAX einfach nur nach Hause wollen, könnte das um zwei Uhr Nachts schon ein Problem werden. Oder nicht? So leer hat man den Flughafen von Los Angeles jedenfalls noch nie gesehen, auch nicht um zwei Uhr nachts. Dank strömendem Regen wollen die beiden Freundinnen Mel (Peyton List) und Jules (Cameron Goodman) sich mit einem Shuttlebus Downtown begeben. Nur sind jene Shuttles auch komischerweise rar gesät, den einen Bus, denn sie hatten, verlieren sie dann auch wieder. Ein anderer Fahrer (Tony Curran) bietet ihn an für die Hälfte des Geldes die gleiche Strecke zu fahren. Wie sich das für Opfer in Horrorfilmen gehört, fällt hier noch nicht der Groschen. Auch nicht als der Fahrer zwei andere Jugendliche abschmettern will, da seine Politik es nur sei drei Gäste mitzunehmen. Da sich die vier jungen Menschen jedoch zuvor bereits flüchtig kennengelernt haben, dürfen Seth (James Snyder) und Matt (Dave Power) doch noch mit in den Bus. Die Fahrt beginnt und endet schon bald in einem Umweg durch das Ghetto. Als dann auch noch ein Reifen platzt, geht der Horror los.

Anderson macht es sich einfach, indem er seinen Horror die meiste Zeit auf den Innenraum des Shuttlebuses beschränkt. Dass sich der Fahrer zum Antagonisten wandelt dürfte lediglich die Filmopfer überraschen. Was sich zuerst wie ein Raubüberfall anmutet, entpuppt sich dann jedoch als mehr. Der Fahrer hat eine Agenda, will sie seinen Opfern jedoch nicht verraten. Der verschüchterte Familienvater Andy (Cullen Douglas) glaubt jedenfalls, dass ihnen allen nichts passieren wird. Eine These, die er alleine teilt. Immer wieder bleibt der Bus stehen, während die Jugendlichen versuchen eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Was wie eine willkürliche Fahrtroute wirkt, entpuppt sich im Nachhinein sehr viel geordneter, als es der Moment vermuten lässt. Interessanterweise findet in Shuttle eine gewisse Umkehr statt. Während der Licht durchflutete Innenraum des Shuttles den „Horror“ birgt, lauert außerhalb im Dunkel des Ghettos die eigentliche Freiheit. Doch die Chancen zur Flucht verpuffen alle, doch es gibt sie. Wie sich das gehört, für einen ordentlichen Horrorfilm. Anderson bedient hier alle Klischees des Genres und arbeitet dessen Konventionen systematisch ab. Stück für Stück. Da darf natürlich auch die klassische Szene nicht fehlen, in welcher das Opfer kurzzeitig die Kontrolle gewinnt und seinen Peiniger in Gewahrsam hat. Es muss hier natürlich an seiner Moralität scheitern. Wieso auch einen Soziopathen erschießen oder zumindest anschießen? Oder ihn aus dem Bus schmeißen? Oder überhaupt etwas tun, was nur halbwegs logisch wäre? Das wäre natürlich zu einfach, dann wäre der Film ja schon vorbei. Zudem liegt hier ja das Spannungsmoment. Opfer erhält die Überhand. Opfer verliert die Überhand. Und das ganze Spiel geht dann noch ein-, zweimal so weiter.

Beginnt Shuttle durchaus gut und ist in seiner ersten halben Stunde von einer gewissen Intensität geprägt, so beginnt der Film mit dem geplatzten Reifen im Ghetto selbst ins Straucheln zu geraten. Fortan gelingt ihm etwas, was selten ist im Filmgeschäft. Er wird kontinuierlich schlechter. Nicht auf einmal, sondern peu a peu, mit jeder Minute ein bisschen mehr. Der Spannungsaufbau lässt nach, was unter anderem dadurch geschuldet ist, da man merkt, dass insbesondere Mel strunzdoof ist und sich erahnen lässt, dass ihr Schicksal zu diesem Zeitpunkt bereits besiegelt ist. Und wenn man es mit so dummen Figuren zu tun hat, fällt es einem schwer wirklich mit ihnen mitzuleiden. Löblich, dass Anderson wie andere seiner Kollegen (z.B. Jonathan Levine in All the Boys Love Mandy Lane) versucht bei seinem ersten Kinofilm ja nichts falsch zu machen, indem er alles so macht, wie hunderte seiner Kollegen zuvor. Dann darf er jedoch auch nicht erwarten, dass sein Film wirklich gelingt. Denn leider geht Shuttle jegliche Innovation ab, hier finden sich keine eigenständigen neuen Ideen, nichts was man lobenswert auf Andersons Seite niederschlagen könnte. Ohnehin scheint das innovative Horrorkino in einer Ebbe zu liegen, da auch jene Wendungen, die Shuttle einschlägt, in dieser Form bereits haufenweise dagewesen sind. Man entlarvt Andersons Werk somit relativ früh, auch wenn das finale Motiv lange Zeit nicht wirklich absehbar ist – was es jedoch keine Spur kreativer macht. Dass es in den letzten Jahren an ideenreichen Horrorfilmen fehlt, merkt man auch an der neuen Welle des Gewaltkinos aus Frankreich, die sich jedes Jahr (À l’intérieur, Martyrs) versuchen in ihrer expliziten Brutalität nochmals zu überbieten.

Da Anderson durch seine Geschichte keinen Preis gewinnen kann, muss sein Film auf anderer Ebene punkten, doch auch im technischen Bereich beeindruckt der Newcomer durch Eindruckslosigkeit. Die Einstellungen, in denen er sich oft der Nahaufnahme bedarf, sind meist nicht unbedingt günstig gewählt um die Stimmung im Shuttlebus zu transferieren. Hier merkt man, dass der Amerikaner noch nicht viel Erfahrung hinter der Kamera hat. Dabei ist ihm seine Besetzung der Figuren immerhin relativ gut gelungen. Hier hebt sich besonders Cameron Goodman hervor, die sich im Laufe des Filmes vom klassischen blonden Dummchen doch relativ tough entwickelt. Zumindest ist sie sich der Situation mehr bewusst als ihre intellektuellere Freundin Mel, die jedoch von Peyton List entgegen den Schwächen der Figur überzeugend verkörpert wird. Selbiges gilt auch für Cullen Douglas und Tony Curran, die ihre etwas eindimensionalen Figuren mit ihrer schauspielerischen Erfahrung ohne Probleme zu beherrschen wissen. Herzstück von Shuttle soll dann seine Auflösung sein, die sich erst in den letzten zehn Minuten offenbart und sich letztlich in der finalen Einstellung preisgibt. Über dieses Motiv ließe sich natürlich auch streiten, da es in der gezeigten Form nicht unbedingt plausibel und weit weniger ein „Schlag in die Magengrube“ ist, wie es die Macher zuvor angekündigt haben. Doch zu diesem Zeitpunkt, nach über neunzig Minuten, ist man schon froh, dass dieser Film endlich sein Ende gefunden hat, und jede Person das bekommen hat, was sie ihrem Verhalten zuvor nach im Grunde auch verdient hat. Vielleicht gelingt es Anderson ja bei seinem zweiten Film ein bisschen kreativer zu sein.

3.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

12. September 2008

Dance of the Dead

But I don't know how to shoot a machete

Zombies. Sie gehören zu den liebsten übernatürlichen Gegenspielern im Horrorgenre und bei Wikipedia finden sich problemlos über dreihundert Filme, die sich mit ihnen beschäftigen. Als Urvater wird dabei gerne George A. Romero gesehen, der den Zombie, wie er in den letzten Jahrzehnten in Filmen auftrat durch seinen 1968 erschienenen Night of the Living Dead etablier hatte. Dabei finden sich Zombies schon weitaus länger im popkulturellen Bereich, so zum Beispiel in Plan 9 From Outer Space von Edward D. Wood Jr. oder in Werken von H.P. Lovecraft. Dass Zombies nicht nur zum Gruseln, sondern auch zum Lachen anregen können, beweisen dabei Komödien wie Fido oder Edgar Wrights Shaun of the Dead. Lange vor den beiden entstand in Ende der Neunziger die Drehbuchfassung zu Dance of the Dead von Gregg Bishop. Fast zehn Jahre lang konnte dieser den Film nun nicht umsetzen, ehe er dieses Jahr endlich auf Festivals zu sehen ist. Mit größtenteils Laiendarstellern aus der Umgebung drehte Bishop seine kleine aber feine Independent-Produktion, die sich vor einem Shaun of the Dead keinesfalls zu verstecken braucht. Mit ungemein viel Selbstironie und Lockerheit gelingt es Bishop stattdessen sein Publikum im Sturm zu nehmen, was neben dem überaus pointierten Drehbuch vor allem seinem sehr stimmig zusammengestellten Ensemble zu schulden ist.

Es naht der Abschlussball an der Coosa High School und wie das mit High School Filmen so ist, stellt der Abschlussball das größte bisherige Ereignis im Leben der Teenager dar. Und Dance of the Dead beginnt auch wie ein klassischer High School Film, präsentiert er doch all die Klischeehaften Figuren, die in ihr beheimatet sind. Zumindest fast alle. Da gibt es das Cheerleader Gwen (Carissa Capobianco) und den Nerd Steven (Chandler Darby), der auf sie steht. Es gibt mit Lindsey (Greyson Chadwick) den Kontrollfreak, der amüsanterweise mit Jimmy (Jared Kusnitz) liiert ist, einem notorischen Spaßmacher. Für Jimmy ist alles ein Witz, auch seine Beziehung zu Lindsey scheint er nicht sonderlich Ernst zu nehmen, ehe diese ihn für den Abschlussball sitzen lässt. Die Schule verfügt neben einem Sportlehrer mit Autoritätssucht (Mark Oliver) auch über die Geek-Gruppe des Sci-Fi-Clubs unter Leitung ihres Präsidenten Jules (Randy McDowell) oder den Schulrowdy Kyle (Justin Welborn), der mit jedem anderen Schüler schon mal schmerzliche Bekanntschaft gemacht hat. Kiffende Rockmusiker dürfen hier ebenso wenig fehlen wie terrorisierende Lehrer – nur einer fehlt: der Sportler. Ja, wo ist eigentlich der Sportler in Dance of the Dead? Dabei hätte er sich so gut eingefügt in das Geschehen, ein Charakter von muskulöser Statur, der sich als beliebtes Opfer oder in anderem Fall als Feigling hätte herausstellen können. Man vermisst ihn dann doch in diesem Potpourri der klassischsten Figuren, aber der Film funktioniert auch ohne ihn. Und als die Untoten anfangen aus ihren Gräber zu springen sind sie sowieso alle gleich, die Schülerinnen und Schüler der Coosa High School.

Bishop versucht seinen Film zu keinem Zeitpunkt zu verschleiern, das Budget merkt man ihm von seiner ersten Einstellung auf dem Friedhof direkt an. Es ist jedoch auch fraglos jener Independent-Status, der Dance of the Dead so gelungen macht und ihm jene Atmosphäre verleiht, die den Film ebenfalls zu diesem frühen Zeitpunkt bereits auf die Siegesspur verhilft. Auf sehr charmante Weise werden nicht nur die Zombies direkt in das Geschehen eingeführt, sondern sogar noch ein Auslöser für ihre Entstehung geliefert. Im Hintergrund sieht man ein riesiges Atomkraftwerk, welches ein Motiv für eine Fortsetzung bilden könnte, die jedoch weitaus schwieriger zu inszenieren wäre, als dieser Teil. Nachdem Bishop klar gemacht hat, dass die Zombies anwesend sind, wendet er sich dem konventionellen Stilmittel des High School Films zu. Nach und nach stellt er seine jeweiligen Figuren vor, in ihrer natürlichen Umgebung und ihrem Hauptcharakteristikum. Die Figuren sind nunmehr vorgestellt, haben eine Persönlichkeit bekommen und zugleich ihren Platz im Herzen des Zuschauer gefunden. Doch Bishop beschränkt sich hier nicht auf die bloße Exposition für die späteren dramatischen Ereignisse, sondern er hält seinen Film bereits hier mit seinem Humor als Leim zusammen. Im Zentrum steht dabei natürlich passenderweise der Schulclown Jimmy.

Wenn die Kacke erstmal am Dampfen ist, beschreitet der Film weitestgehend die vorgeschriebenen Wege. Da die meisten Menschen auf dem Schulball sein werden, dürften sich auch alle Zombies dort versammeln. Diese müssen aufgehalten werden und die Gruppe der Überlebenden beginnt ihre Mission. Hierbei zelebriert Bishop den Weg als Ziel, den er für seine jungen Schauspieler als coming-of-age-Story vorbereitet. Wenn sich Schulnerd und Schulrowdy gemeinsam verbarrikadieren und darüber hinwegsehen, dass der eine dem anderen einst den Arm gebrochen hat, da man froh ist, jetzt so jemand in den eigenen Reihen zu haben, darf das als gelungene Transformation angesehen werden. Wenn jener Schulrowdy nachher in den sauren Apfel beißen muss und im Angesicht seines Todes all seine Hänseleien bereut, ist das nur der konsequente Weg. Alles weiterhin nach Richtlinie Bishops. Die Figuren wachsen unter diesen dramatischen Zuständen, sie reifen und überwinden ihre Probleme und Konflikte. Doch Bishop verliert zu keinem Zeitpunkt die übergeordnete Komik aus den Augen und sei es nur ein Einzeiler oder eine bloße Bewegung. Der Humor steht in Dance of the Dead über allem und findet sich beinahe ausnahmslos in jeder Szene, verdankt sich dabei der schrägen Zusammenstellung der einzelnen Charaktere. Dass es dem Regisseur gelingt, hier jenen plumpen amerikanischen Humor aus American Pie und Konsorten zu umgehauen und stattdessen in die Richtung von Serien wie The Big Bang Theory einschlägt, weiß die Zombie-Zote auf ein überdurchschnittliches Niveau zu heben.

Neben seinen vielen liebenswerten Figuren und erstaunlich einfallsreichen Ideen weiß Bishops Film jedoch auch durch einen sehr stimmigen Soundtrack zu gefallen, ebenso wie durch seine rar gesäten Goreeffekte. Diese befinden sich natürlich auf niedrigem Niveau, was es ihnen jedoch umso leichter macht sich in den Kontext des übrigen Geschehens einzuordnen. Aber Dance of the Dead könnte nicht funktionieren, wenn der großartige Humor nicht wäre, der gerade durch seine absurden Züge (Vizepräsidentin des Schulballes streitet sich mit Präsident des Sci-Fi-Clubs um die Autorität aufgrund ihrer Titel) besonders viel Spaß macht. Dass Crossover aus Zombiefilm und High School Komödie geht hier voll auf und sorgt für ein Höchstmaß an Stimmung, besonders natürlich in der Gruppe. Mit welcher Leichtigkeit Bishop hier seine Geschichte inszeniert nötigt einem durchaus Respekt ab und lässt hoffen, dass man vom Amerikaner noch mal einen ähnlichen guten Film zu sehen kriegt. Der Humor bewegt sich dabei auf einem ähnlichen Niveau wie es im britischen Vertreter Shaun of the Dead der Fall ist, wobei sich beide Filme letztlich in ihrem Unterhaltungsfaktor nichts nehmen und Dance of the Dead ob seiner anarchischen Szenen fast der Vorzug zu geben wäre. Für Fans von Zombiekomödien ist Bishops letztes Werk daher ein Muss und kann auch als Komödie generell uneingeschränkt als kleiner Geheimtipp weitergereicht werden. Seinen Platz im Zombiefilmkanon dürfte er gefunden haben.

8/10 - erschienen bei Wicked-Vision

Repo! The Genetic Opera

Why oh why are my genetics such a bitch?

Ein Mann, dem seine Frau genommen wurde, von seinem großen Konkurrenten. Der voller Schmerz zum Spielball wurde und der mit ebenjenem Konkurrenten um das Schicksal seiner Tochter kämpft. Das war dieses Jahr der Inhalt von Tim Burtons düsterer Musicalmär Sweeney Todd, die auf dem Bühnenstück von Stephen Sondheim basierte. Ähnlich verhält es sich jedoch auch mit der Rock-Oper Repo! The Genetic Opera, die nun ebenfalls blutig eine Familientragödie zu erzählen versucht. Der neue Film von Darren Lynn Bousman, dem Regisseur von Saw II bis Saw IV, basiert auf einem gleichnamigen Kurzfilm von Bousman selbst, welchen dieser 2006 gedreht hat. Der Kurzfilm wiederum basierte auf einem jahrelang aufgeführten Bühnenstück. So schließt sich also der Kreis und Bousman begeht nach seinen eher durchschnittlichen Saw-Fortsetzungen einen etwas künstlerischen Pfad, wird in Repo! doch gänzlich auf Sprechrollen verzichtet. Denn immerhin handelt es sich um eine Oper und gesungen wird zur Genüge. Ebenso wie sein Kollege Burton schien sich Bousman hier eher auf die Darsteller denn ihr musikalisches Talent verlassen zu haben, da man besonders Paul Sorvino, aber auch einigen anderen ihre Schwierigkeiten mit den Musikstücken anmerkt. Da kommt es Alexa Vega und Co. sicherlich gelegen, dass es sich um keine Arien, sondern Rocksongs handelt, die weniger von den Stimmen der Sänger, denn ihrer Musik getragen werden.

Wenn man so möchte, bietet Repo! einige Kritikpunkte an unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Es ist eine düstere Zukunft, die Bousman präsentiert. Ein kollektives Organversagen droht die Menschheit auszulöschen. Doch wer das amerikanische Gesundheitswesen kennt, der weiß, dass auch in Krankenhäusern nur Bares wahres ist. Wer sich keine Transplantation leisten kann, ist zum Sterben verdammt. Diese Lücke wird nun von GeneCo geschlossen, der Firma des Industriellen Rotti Largo (Paul Sorvino). Er bietet den kranken Menschen preiswert Organe an, die sie in den kommenden Jahren wieder finanziell abstottern können. Sollte es ihnen jedoch nicht möglich sein ihre Schulden zu bezahlen, tritt der Repo Man auf den Plan, welcher GeneCos Organe wieder zurück in Firmenbesitz führt. Doch Largo selbst ist unheilbar an Krebs erkrankt, weshalb sich seine drei nichtsnutzigen Kinder, allen voran die operationsgeile Amber Sweet (Paris Hilton), auf sein Erbe stürzen wollen. Aber Largo hat einen anderen Plan, will vielmehr die 17-jährige Shilo (Alexa Vega) zur Erbin machen. Als Lockmittel verspricht er ihr eine Heilung gegen ihre Blutkrankheit, die ihr von ihrer Mutter vererbt wurde, die bei der Geburt starb. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn in Wirklichkeit verbindet Largo weitaus mehr mit Shilos Familie, hatten er und Shilos Vater Nathan (Anthony Head) doch einst in Marni dieselbe Frau geliebt. Einst war es Largo, der Marni vergiftete und Nathan durch seine Schuldgefühle letztlich dazu zwang für ihn als Repo Man zu arbeiten. Jetzt schließt sich ein Kreis und die Show kann beginnen.

Die Kulisse für Bousmans Repo!-Welt ist von digital billigen Effekten gezeichnet, die jedoch im trashigen Kontext des ganzen Filmes so gut wie gar nicht stören, sondern diesen sogar zusätzlich zu bedienen wissen. Eine Welt voller chirurgischer Eingriffe, wo kaum noch jemand ohne kosmetische Korrektur und neue Organe auskommt. Wer sich seine Leber tot trink kann einfach eine neue kaufen. Die Welt von heute schon morgen, wenn man es so sehen will. Bousman erlaubt sich hier einen gelungenen Seitenhieb auf die zeitgenössische amerikanische Kultur, in der Teenager sich bereits Brustvergrößerungen und Nasenoperationen unterziehen. Es kommt auf die inneren Werte an, das erklärt auch der Grabräuber (Terrance Zdunich), der jedoch eher auf die Organe von GeneCo anspielt, denn auf ethische Werte. Die unbekannte Stadt, die in Repo! die Kulisse bildet, ist immer in Nacht gehalten, Bousman lässt keine von Sonnen durchfluteten Bilder auf seiner Leinwand zu. Es ist dunkel und es ist düster – und niemand stört sich dran. Die Menschen sind zufrieden. Zufrieden mit ihren gekauften Organen, zufrieden mit ihrer Sucht nach dem Schmerzmittel Zydrate. Da verwundert es auch nicht, dass der Mobster und Großkriminelle Rotti Largo als Heilsgestalt gefeiert wird, als Retter der Gesellschaft.

Obschon sich Repo! The Genetic Opera als Filmoper preist, finden sich durch die eine oder andere nicht gesungene Zeile. Neben den hauptsächlichen gesungenen Dialogen und einigen rockigeren Songs darf aber auch Sarah Brightman als Blind Mag eine wahrhaftige Opernarie anstimmen. Nicht zuletzt ist sie es, die professionelle Musikerin, die als einzige wirklich und wahrhaftig durch ihre Stimme überzeugen kann. Allerdings schlagen sich auch Zdunich und Vega respektabel, wobei dies hier, wie auch in Sweeney Todd, eher eine untergeordnete Rolle spielt. Die Songs selbst sind zu einem Großteil durchaus gut geraten, wobei besonders Zydrate Anatomy und Chase the Morning hervorzuheben sind. Glücklicherweise begeht Bousman nicht den Fehler seinen Film auch nur zu einem Zeitpunkt besonders Ernst zu nehmen. Auf sehr selbstironische Weise trägt er stattdessen seine Geschichte vor, die sich immer wieder derselben Stilmittel bedient und neben diesen auch mit Largos kaltschnäuzigen weiblichen Bodyguards zu amüsieren weiß. Aus der ganzen Regie doch recht namenhafter Darsteller ragt dann nochmals Hotelerbin Paris Hilton heraus – allerdings negativ. Ihr Schauspiel ist grauenhaft schlecht, sodass ihre beste Szene im Film jene ist, in der ihr sprichwörtlich ihr Gesicht abhanden kommt. Generell ist Bousmans neuer Film jedoch im Vergleich zu seinen Saw-Vehikeln eine kleine „Meisterleistung“, weiß er doch neben seinem Unterhaltungsfaktor sogar einen Funken an Sozialkritik zu präsentieren. Sein trashiger Look und seine weitestgehend gelungenen Songs machen den Film dank der einen oder anderen Goreszene und der dramatischen Komposition im Stile William Shakespeares für jeden Horrorfan durchaus sehenswert. Wie viele Horroropern kann man sonst sehen?

6.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

11. September 2008

Outlander

You think you can frighten us with children stories?

Wer kennt sie nicht, die Geschichten der tapferen und blutrünstigen Wikinger? Bekannt durch Filme wie Die Wikinger mit Kirk Douglas und Tony Curtis oder durch die Comicstrips Hägar der Schreckliche oder Vickie und die starken Männer. Und wer kennt nicht die Story vom außerirdischen Jäger, die durch das Meisterwerk Predator Einzug in die Filmgeschichte genommen hat? Oder die Legenden von Drachen, die in Hollywood neben ihrem klassischen Kontext in Filmen wie Dragonheart oder individuell in Reign of Fire verarbeitet wurde? Was kann es also für einen Filmfan größeres geben, als die Verbindung all dieser Komponenten? Ein außerirdischer Jäger der mit Wikingern zusammen Drachen jagt. Das hört sich nicht nur nach Trash Galore an, das verspricht im Grunde bereits der Trailer. Und der kündigt auch an, dass Outlander von Produzent Barrie M. Osborne finanziert wurde und der ist immerhin verantwortlich für einen Film namens Lord of the Ring. Ich selbst kenne zwar weder einen Film mit solchem Namen, noch habe ich je von ihm gehört, gehe jedoch schwer davon aus, dass die Macher auf Peter Jacksons Tolkien-Adaption Lord of the Rings anspielen. Nun gut, es kann sich ja nicht jeder den Namen der kommerziell erfolgreichsten Filmtrilogie aller Zeiten merken. Oder vielleicht war es Absicht, wer weiß dass schon. Auf den Trailer sollte man jedoch nicht zu viel geben, denn den versprochenen Trash sucht man in Outlander anschließend vergeblich.

Ein außerirdisches Raumschiff stürzt auf der Erde ab, mit tödlichem Kargo. Das kennt man ja bereits aus Aliens vs. Predator: Requiem. Lediglich zwei Überlebende beherbergt das Schiff: den Soldaten/Jäger Kainan (James Caviezel) und das Ungeheuer Moorwen. Während Kainan den Flugschreiber einschaltet, damit er abgeholt werden kann, transferiert er seine Sprachkodierung auf die entsprechende Gegend und Epoche der Erde. Anfang des achten Jahrhunderts findet sich der Außerirdische in Norwegen wieder. Im Wikingerzeitalter. Mit jenen gerät Kainan dann auch recht schnell aneinander, wurde doch das Dorf eines benachbarten Clans gebrandschatzt. Weder der König Rothgar (John Hurt), noch dessen designierter Nachfolger Wulfric (Jack Huston) glauben dem „Outlander“ seine Story von der Drachenjagd. Schließlich gibt es keine Drachen. Dennoch jagen sie gemeinsam mit ihm jenes Monster, welches auch ihr eigenes Lager heimgesucht hat. Doch der Bär, den sie erledigen, täuscht lediglich die Wikinger. Kainan ist weiterhin auf der Lauer und erst als die Wikinger selbst dem Moorwen in die Augen blicken, glauben sie Kainans Geschichte. Nun sind sie Feuer und Flamme für die Ideen des Fremdlings, der schon bald einen Plan aufzuwarten hat. Dabei versteckt sich hinter Kainans Heimatwelt, den Moorwens und der Beziehung dieser beiden Geschöpfe eine sehr viel vielschichtigere Geschichte, als sich zuerst vermuten lässt. Diese ist weniger für Outlander selbst relevant, sondern an das (amerikanische) Publikum gerichtet und wartet in ihrem Kern mit einer politischen Botschaft auf.

Man sollte sich von Howard McCains Kinodebüt nicht täuschen lassen, all die Ähnlichkeiten zu Predator, Braveheart oder Highlander sind kaum vorhanden und wenn dann äußerst minimal. Verspricht der Trailer ein Nonsens-Trash-Vehikel, so ist der Film sehr viel stringenter als man geahnt hätte. Der Konflikt zwischen Rothgars und Gunnars (Ron Perlman) Volk wird kaum thematisiert und wird von der Ankunft des Moorwen in den Hintergrund gerückt. Viel bedeutsamer als die vordergründige Geschichte in Outlander ist dabei der Hintergrund der Rahmenhandlung. Kainans Volk ist technologisch überlegen, humanoid und geltungssüchtig. In einer Szene des Filmes, die man zu diesem Zeitpunkt als Katharsis der Figur empfindet – obschon sich später herausstellt, dass diese keine solche durchmacht -, erläutert Kainan dies gegenüber Freya (Sophia Myles), der Tochter Rothgars. Kainans Volk ist imperialistisch, bedient sich anderer Planeten um neuen Raum für das eigene Volk zu schaffen. So entdeckten sie auch den Planeten der Moorwens, welche anschließend weitestgehend durch Bomben vernichtet wurden, während die wenigen Überlebenden einzeln gejagt wurden. Ebenjenes Moorwen bildet dabei das letzte seiner Art, vernichtete das Camp von Kainan und tötete seine Frau und seinen Sohn.

Jene fünf Minuten sind klar eine Kritik an unserer eigenen Gesellschaft, die so viele Ähnlichkeiten mit Kainans besitzt. Wenn er seine Geschichte mit Tränen und Kummer in den Augen erzählt, merkt er selbst, dass sowohl sein Volk als auch er selbst den Moorwens Unrecht getan hat, dass sie es sind, die im Grunde die wahren Monster darstellen. Nun würde man meinen, dass eine Art Verzeihen oder Kommunikation zwischen Jäger und Gejagtem stattfindet, doch weit gefehlt. Hier verrät sich der Film selbst oder zumindest wird der Held der Geschichte als kaltblütig dargestellt. Der Sinn der Rückblende, die doch eine Einsicht beinhaltet, wird bei der Umkehr dieser nicht wirklich klar. Ebenso wenig wie andere Aspekte von Outlander Sinn ergeben. So erklärt Kainan, dass sein Volk einen Außenposten in unserem Sonnensystem hat. Da die Lebensbedingungen auf Kainans Welt nicht nur identisch mit derjenigen der Moorwens, sondern auch der unseren ist, fragt man sich, weshalb Kainans Volk sich nicht einfach der Erde bemächtigt. Immerhin befindet sich diese gerade in der Geburtsstunde des Mittelalters, knapp neunzig Jahre vor der Kaiserkrönung von Karl dem Großen. Es wäre ein leichtes gewesen, diese kümmerlichen Erdlinge auszulöschen. Zumindest einfach als gegen die Moorwens zu kämpfen. Eine Frage, welche der Film vernachlässigt nachzugehen, was den Kampf gegen die Moorwens nur noch unverständlicher macht und mit jenem nicht stattfindenden Charakterwandel des Protagonisten am meisten stört und im Grunde das Prinzip der ganzen Geschichte verrät.

Im Endeffekt nimmt sich Outlander also sehr viel ernster, als man erwartet hätte. Zu einem Großteil funktioniert der Film dennoch, obschon er gerade in seinem Finale sehr gestreckt ist und ihm insgesamt etwa fünfzehn Minuten weniger weitaus besser gereicht wären. So schadet ihm neben seiner Laufzeit vor allem die misslungene moralische Komponente. Dennoch funktioniert McCains Film über weite Strecken, zumindest besser wie andere Wikinger-Epen der neueren Zeit, zum Beispiel der desolate Pathfinder. Die Darsteller agieren überraschend gut, wobei insbesondere Jack Huston hervorzuheben ist, der seinem Wulfric überaus authentisch darstellt. Der größte Pluspunkt ist bei seinem Budget von nicht einmal fünfzig Millionen Dollar jedoch die Konzeption des Moorwen. Von welchem man zugegebenermaßen wenig in aller Deutlichkeit sieht und schon gar nicht seine Anatomie erklärt bekommt, dass von den Weta Studios für diesen Preis jedoch überaus gelungen digitalisiert und glaubwürdig in das natürliche Umfeld integriert wurde. Zu einem guten Film fehlt Outlander dann jedoch einiges, allen voran die bessere Umsetzung der angesprochenen Kritikpunkte. Im Vergleich zu anderen Vertretern der ähnlichen Genres ist McCains Debüt dann aber doch weitaus besser und stimmiger in Szene gesetzt. Überaus amüsant zudem die Tatsache dass Kainans Heimatsprache im Film Altnordisch ist, während die Wikinger/Altnorweger Englisch reden. Eine gewisse Treue wurde hier also beibehalten, da ein Sci-Fi-Abenteuer mit Untertiteln gerade dem amerikanischen Kinopublikum schwerlich zu verkaufen gewesen wäre.

5.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision