26. Dezember 2010

Léon - Director's Cut

I like these calm little moments before a storm. It reminds me of Beethoven.

Es hätte ein Tag wie jeder andere werden können. Genügend Dope am Start, die bevorzugte Prostituierte griffbereit, zuvor noch eine entspannende Massage. Da knackt es plötzlich im Walkie-Talkie. Eine Meldung, ein Schuss. Panik macht sich breit. “Somebody’s coming up. Somebody serious”, presst Fatman (Frank Senger), wie ihn das Drehbuch nennt, hervor. Im Angesicht der Gefahr zieht sich einer seiner Männer noch eine Line Koks in die Nase, während draußen im Flur bereits die ersten Kollegen sterben. Der eine fliegt kopfüber das Treppenhaus hinunter, der andere wird stranguliert. Währenddessen nimmt Eric Serras Komposition an Tempo auf, wird schneller, lauter, präsenter und repräsentiert dabei die Hauptfigur, die man bisher nur schemenhaft sieht.

Der Protagonist ist Léon (Jean Reno), für die US-amerikanische und deutsche Kinoauswertung mit dem Beinamen “The Professional” respektive „Der Profi“ versehen. Léon ist präzise, abgeklärt, cool. Und so schnell wie er kam, verschwindet er auch wieder. Als er seinen Wohnkomplex betritt, führt die Kamera die zweite Hauptfigur ein. Kindliche Xylophon-Musik begleitet den vertikalen Kameraschwenk auf die 12-jährigen Mathilda (Natalie Portman), deren jugendliches Bild konterkariert wird durch die Zigarette, die sie raucht. “I’m already grown up”, verrät Mathilda später. “I’m just getting older.” Sie ist das mittlere Kind in einer dysfunktionalen Familie, von ihrer Halbschwester und Stiefmutter verhasst, weil Sinnbild einer Affäre des Vaters, der sie dafür mit Schläge abstraft.

“Is life always this hard or just when you’re a kid?”, fragt Mathilda mit ihrer blutenden Nase Léon. Sie ahnt nicht, dass ihre Insubordination ihr an diesem Morgen das Leben retten und zugleich das Damoklesschwert über Léons Schicksal platzieren wird. Weil ihre Halbschwester sie nicht Transformers schauen lassen wollte, um stattdessen ihr Gymnastikprogramm einzuschalten, und sich Mathilda weigerte, für die Familie einzukaufen, erhält sie mal wieder eine Tracht Prügel. Es ist Léons Hilfsbereitschaft, die dazu führt, dass sie ihm Milch mitbringen will und während des Überfalls des korrupten Drogenermittlers Stansfield (Gary Oldman) auf Mathildas Vater - einen kleinen Gangster, der Stansfield und seine Männer um zehn Prozent ihres Stoffes gebracht hat - abwesend ist.

Stansfield wiederum ist ein perfektionierter Soziopath. Auf Drogen stürmt er in die Wohnung der Patchwork-Familie und exekutiert erst Mutter, dann Tochter, ehe letztlich auch Mathildas kleiner Halbbruder und ihr Vater dran glauben müssen. Stansfield selbst vergleicht die Lage mit Beethoven: kraftvoll zu Beginn und dann schwach im Abschluss. Das Making Of des Films zeigt, wie Oldman die ursprüngliche Szene in jeder Einstellung erweiterte, ehe das fertige Produkt des imitierenden Klavierspiels vorlag, welches es in Léon geschafft hat. Stansfield wird in bester Manier von Auteur Luc Besson stark überzeichnet, wie er blindlings ein Wohngebäude stürmt, wild um sich ballert, Kinder exekutiert und sogar auf die Nachbarn schießt. Kraftvoll zu Beginn, mit einem ermüdeten Abschluss.

Für Léon, dessen Topfpflanze das einzige Lebewesen ist, dass er in seiner Umgebung duldet (“It’s my best friend. Always happy. No questions”), spielt sich all das in einer anderen Welt ab. Bis diese Welt auf einmal mit tränenden Augen an seiner Tür zu klingeln beginnt. Gedankenschnell hat Mathilda die drohende Gefahr durch Stansfields Anwesenheit erkannt und Léons Wohnung am Ende des Gangs als einzige Rettung ausgemacht. “Please open the door. Please”, fleht sie mit weinenden Augen, während sie immer wieder die Klingel zu Léons Wohnung betätigt. Die Szene wird zur Schicksalsgabelung für beide Figuren, das Öffnen der Tür zugleich symbolisch zum Öffnen einer neuen Welt respektive zur Verschmelzung zweier Welten, die nicht miteinander verschmelzen sollten.

Als sich die Tür schließlich öffnet, wird Mathilda von einem erlösenden Schwall Licht eingebettet. Es ist ihre Rettung in diesem heiklen Moment, gleichzeitig jedoch auch die Errettung vor einem trostlosen Leben, wie sie es bisher gekannt hat. Bemerkenswert auch Léons erste Handlung, wenn er seinen als Schwein verkleideten Topfhandschuh aus der Küche holt, um die unter Schock stehende Mathilda aufzuheitern. Gab der unterkühlte Italiener mit den großen Geheimratsecken Minuten zuvor im Flur noch den Lebensweisen Erwachsenen, sind die Rollen mit dem Einlass von Mathilda nunmehr vertauscht. Léon, der “brutal killer with the emotional core of a child” ist es ab sofort, der reagiert, während die Handlung von der 12-Jährigen bestimmt wird, die sich nur nach Rache sehnt.

Ihren Vorschlag, Stansfield und seine Einheit für sie auszuschalten, lehnt Léon selbst dann ab, als Mathilda die dafür notwendige Branchensumme (“Five grand a head”) auf den Tisch legt. “Revenge is not a good thing, it’s better to forget”, weist der Auftragskiller das Mädchen an, aus Motiven, die im dritten Akt des Director’s Cut letztlich deutlich werden. Angesichts der verwehrten Dienstleistung verlangt Mathilda, von Léon selbst zur Killerin ausgebildet zu werden und verleiht dem Wunsch mit einer Schusssalve aus dessen Fenster entsprechend Nachdruck. Widerwillig gibt der Italiener nach. “Change ain’t good”, erinnert ihn anschließend sein Auftraggeber und Mafiapatron Tony (Danny Aiello), doch Léon hat inzwischen durch die Freundschaft von und zu Mathilda bereits “a taste for life” gewonnen.

Jene Beziehung ist das zentrale Element des Films. Für Léon stellt Mathilda einen Freund dar, für den in seinem einsamen Leben bisher kein Platz war. Und für die 12-Jährige ist Léon die ersehnte Vaterfigur und Beschützer, auf die sie in ihrer ödipalen Phase ihre Idee von Sexualität projiziert (“I think I’m kinda falling in love with you”). Es dürfte das erste Mal sein, dass sich jemand tatsächlich um Mathilda kümmert und sorgt, abgesehen von ihrem kleinen Halbbruder, der ihr einziger Anker in ihrer verstorbenen Familie darstellte. Dass Léon sie, im Gegensatz zu ihrem echten Vater, nach Fehlverhalten nicht körperlich züchtigt, spielt dabei zum einen in ihr Vertrauen zu dem Killer, sorgt jedoch andererseits für ein Maß an Selbstverantwortung, dem sie (noch) nicht gewachsen scheint.

Im Gegensatz zur Kinoversion legt die ursprüngliche Schnittfassung einen größeren Fokus auf die Beziehung von Léon und Mathilda. Diese nimmt schließlich an Léons einfacheren Aufträgen teil und wird von ihm zugleich angelernt, während eine weitere Szene erneut die Gefühle von Mathilda aufgreift und die sexuelle Spannung zwischen den Figuren ein wenig löst. Bezeichnend, dass diese Szene aufgrund von Gelächter des sexuell prüden US-amerikanischen Testpublikums der Schere zum Opfer fiel. Man kann darüber streiten, ob die vielen, den Fokus auf die romantische Beziehung zwischen Léon und Mathilda legenden Szenen nicht leicht redundant geraten - so fällt speziell die Restaurantszene zu lang aus -, dennoch sind sie essentiell, um den Kern von Léon zu erfassen.

Obschon die Handlung durchaus Actiongeladen ist und gerade zu Beginn wie im Finale von dieser bestimmt wird, gelingt es Besson bestens, komödiantische Puffer zu integrieren. Sei es ganz subtil das Milchritual von Léon, das wie ein Ernährungstipp einer Mutter anmutet, die vor langer Zeit und viel zu früh verstarb, das Prominentenraten mit den exzellent aufgelegten Hauptdarstellern oder die ironische Einbettung, dass Mathilda letztlich die „männlichen“ Rumpfbeugen von Léon durch jene Gymnastiksendung ersetzt, die sie ihrer Halbschwester zuvor nie gönnte. Eine weitere, wenn auch bedrohlich konnotierte, Auflockerung findet sich in dem meist theatralischen, aber wohl gerade deswegen ausgesprochen effektiven Spiel von Gary Oldmans exzentrischem Stansfield.

Es sind fraglos die Leistungen der drei Hauptdarsteller, die dafür sorgen, dass Léon trotz seines übertriebenen Charakters so wunderbar funktioniert. Angefangen mit Jean Renos wunderbar naivem Spiel des vermeintlich eiskalten Killers mit Prinzipien (“No women, no kids“) und einer Affinität zu Filmen von Gene Kelly, bis hin zur Debütleistung der jungen Natalie Portman, die angesichts ihrer Probeaufnahmen einen gewaltigen Sprung im fertigen Film gemacht hat, der über viele Jahre hinweg als ihr Portfolio-Aushängeschild gelten durfte, ehe sie mit Black Swan eine ähnlich starke Leistung ablieferte. Nicht nur durch die inzwischen vorhandene Einprägung wäre Léon mit den damals ebenfalls interessierten Mel Gibson oder Keanu Reeves kaum denkbar gewesen.

Für Reno war es die letzte Zusammenarbeit unter der Regie von Besson und zugleich die vermutlich beste und einprägsamste Figur seiner Karriere. Sein Léon ist eine liebevolle und zugleich bedrohliche Figur, perfekt nuanciert von dem gebürtigen Marokkaner. Eben “a brutal killer with the emotional core of a child”. Dass Léon lediglich als Füller zwischen Bessons Nikita und The Fifth Element entstand, während Ersterer die Inspiration lieferte, avanciert zur Randnotiz. Was bleibt, ist ein emotionaler Thriller über zwei Figuren, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch füreinander geschaffen waren, sowie einer Geschichte von zwei Welten, die nicht miteinander verschmelzen sollten und es doch taten. Aber wie Tony richtig sagte: “One thing has nothin’ to do with the other.”

9/10

Kommentare:

  1. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme, seit der ersten Sichtung. Stimme mit deiner Wertung absolut überein, würde aber glatt noch einen Punkt mehr geben.

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  2. Eine lesenswerte Rezension. Gut.

    PS: Diesmal sind wir einer Meinung. Wurde auch mal Zeit. ;)

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  3. Du bist so ein Portman-Fanboy. Schlimm.

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  4. Die ist ja auch zum dahinschmelzen.

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  5. Eine lesenswerte Rezension. Gut.

    Mein schönstes Weihnachtsgeschenk :)

    @Rajko: Ich mag sogar Besson, Oldman UND Serra. Furchtbar das ;)

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  6. Auch einer meiner Lieblingsfilme. Habe ich bestimmt schon ein gutes Dutzend mal gesehen und er packt mich jedes Mal aufs Neue. Die Blu-ray steht schon bereit, allein die Sichtung fehlt noch - dann gibt's auch endlich die Kritik bei mir. Garantiert mit einem Punkt mehr... ;)

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  7. Der Film stammt aus einer Zeit, da die Unarten Bessons noch durch seinen damals neuen Erzählton, den seinerzeit neuen, poppigen stilistischen Zuschnitt, mehr als ausgeglichen wurden. So spricht meine Erinnerung an den Film, den ich schon bestimmt fünf Jahre nicht mehr gesehen habe.

    Das allzu billig Abgreiferische konnte man damals noch als geschicktes Spiel mit Exploitationelementen einsortieren.
    Heute kommen mir bei Besson mehr als nur Zweifel.

    Dein Review entwickelt diese positive Bessonlesart sehr schön. In vielen Zügen habe ich das seinerzeit ähnlich gesehen, vielleicht nicht ganz so überwältigend positiv. Ob ich das heute bei einer Neusichtung ebenso sehen würde? Schwer zu sagen.

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  8. Ist bei mir auch nicht lange her, dass ich ihn gesichtet habe, allerdings nur die gekürzte Kinofassung. Der DC ist natürlich hier absolut vorzuziehen, den Pädophile-Einwurf kann ich dabei auch nicht nachvollziehen.

    Ansonsten gibt es auch Zustimmung von mir vor allem bei wenn Du erwähnst, dass es Renos und wohl auch Portmans (Black Swan hab ich noch nicht gesehen) beste Leistungen bis dato waren.

    P.S.: Ist zwar überhaupt nicht wichtig, aber erfährt man die Nationalität von Léon? Du schreibst ja von einem Italiener, kann mich selbst nicht mehr daran erinnern, in meiner Besprechung hatte ich ihn als "vermutlich, französischen Einwanderer" umschrieben.

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  9. Sein eigentlicher Name lautet Leone Montana, sein Vater arbeitete für Tony, er wohnt in Little Italy, daher bin ich mir ziemlich sicher, dass er Italiener ist, aber eine definitive derartige Titulierung fehlt dem Film wie den Extras der DVD.

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