5. September 2013

Somm

It sounds so ridiculous because, you know, it’s ferment grape juice.

Es ist immer dasselbe, vor dem Weinregal stehend suche ich nach einem schicken Rebensaft, der Blick streift das Etikett mit der Aufschrift „Merlot“ und in meinem Kopf schreit Paul Giamatti “I’m not drinking any fucking Merlot!”. Sein Miles aus Alexander Paynes Meisterwerk Sideways ist zwar eigentlich Lehrer und kein Sommelier, dennoch ging mir sein Wutausbruch seither nie mehr aus dem Kopf. Wer die Frage, welcher Wein es denn sein darf, heutzutage richtig beantwortet, hinterlässt bei Umstehenden einen Eindruck als Fachmann. “Somms now have become the new rock stars of our industry”, sagt daher auch der Koch und Restaurantkettenbesitzer Michael Mina in Regisseur Jason Wises Sommelier-Dokumentation Somm.

Darin begleitete Wise drei Jahre lang vier Anwärter für die Auszeichnung zum Master Sommelier bei ihrer Prüfungsvorbereitung. Lediglich rund 170 Master wurden in den vergangenen 40 Jahren ausgezeichnet, ein höheres Qualitätssiegel kann es für einen Sommelier nicht geben. Zuerst begegnen wir Ian Cauble, einem der größten Talente der Szene, der bereits als Kind seine Nase für den Wein begeistern konnte. “Nothing else matters other than that liquid”, versichert er. Seine Kollegen nennen ihn “dad”, da Ian dazu neigt, sie zu belehren. Quasi der Gegenentwurf zu Ian ist Brian McClintic. “I wasn’t entrenched in this world like a lot of people are”, gesteht Brian, der aus Wettbewerbsgeist Master Sommelier werden will.

Denn für die Karriere als Profi-Baseball-Spieler hatte es nicht gereicht und die Schwierigkeit der Sommelier-Prüfung reizte McClintic, der erst ein Jahr zuvor zum Wein fand. Jene Prüfung besteht aus drei Tests in Form eines Theorie-, Service- und Blindverkostungsteils. Kein Zuckerschlecken, nennt der seit 2005 ausgezeichnete Reggie Narito, Jr. die Prüfung doch “the hardest thing I’ve ever done”. Man muss nicht nur wissen, aus welchem Land, welcher Region und welchem Gut der Wein komme, sondern auch unterscheiden können, ob ihm nun normale oder getrocknete Veilchen für sein Aroma zugeführt wurden. Komplettiert werden Brian und Ian in ihrer Vorbereitung dann zusätzlich durch Dustin Wilson und DLynn Proctor.

Sie fragen sich bis tief in die Nacht per Skype gegenseitig ab, treffen sich zu privaten Blindverkostungen und ziehen sich gegenseitig auf. “They’re like guys in the locker room…with wine bottles”, schmunzelt Brians Ehefrau Kristin. Während ihrer Prüfung haben sie rund vier Minuten und zehn Sekunden pro Wein Zeit, diesen zu beschreiben und einzuordnen. Gar nicht so leicht, angesichts von schwierigen langen Weinnamen deutscher Weingüter oder der allein in Italien existierenden 3.000 Traubensorten. Entsprechend beeindruckt ist Kristin McClintic dann, wenn sie Brian, Ian und Co. in ihrem Element erleben darf. “And at the same time they’re just egomaniacs who are so self-absorbed”, lacht sie zur selben Zeit.

Angesichts solcher Sommelier-Persönlichkeiten wie der Legende Fred Dames oder dem strebsamen Ian, der schnell pissig reagiert, wenn man ihn aufzieht, kein gewagtes Statement. “The hardest test you’ve never heard of”, propagiert Somm sicher nicht zu Unrecht hinsichtlich der Master Sommelier-Prüfung. Wie diese nun aber wirklich aussieht, abläuft und letztlich entschieden wird, zeigt Wise uns nur leider nicht im Finale. Aber auch die Prüflinge erfahren wohl nicht, welche Weine sie nun tatsächlich im Test blind verkostet haben. So gesehen bewegt sich die Dokumentation bedauerlicherweise nur an der Oberfläche der Szene, wie auch Ian und Brian etwas mehr im Fokus stehen als DLynn und allen voran Dustin.

Dafür schafft es Somm hinsichtlich der Auflösung, ob – und wenn ja: wer – es von den vier Protagonisten am Ende einer zum Master Sommelier geschafft hat, zu überraschen. Selbst wenn der Zuschauer nicht erfährt, wie dies letztlich abgelaufen ist. Interessant ist das Ganze jedoch allemal, auch da Ian, Brian, Dustin und DLynn durchaus sympathische Teilnehmer sind. “It sounds so ridiculous because, you know, it’s ferment grape juice. I mean, you know what I mean?”, kommentiert Brian an einer Stelle lachend das Szenario. Somm bietet somit speziell im Doppelpack mit Sideways einen unterhaltsamen thematischen Filmabend mit passendem Wein dazu. Natürlich nur solange kein “fucking Merlot” darunter ist.

6.5/10

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