26. April 2015

A Girl Walks Home Alone At Night

Don’t count the things you’ve lost. Let’s count what’s still left.

Es gibt Genres, die wenig dankbar sind, weil man sich in ihnen kaum auszeichnen kann, da der generelle Output enorm ist. Beispielsweise im Vampirfilmgenre, das zwar weiterhin mal mehr (Twilight) und mal weniger (Byzantium) beachtete Vertreter ins Rennen schickt und dementsprechend über die Jahre hinweg beinahe ausgelutscht ist. Selbst ein Jim Jarmusch vermag sich da mit einem Beitrag wie Only Lovers Left Alive nur marginal hervorzuheben, schaffte es jedoch, mit Detroit als atmosphärischer Location und einer unterschwelligen Punkrockattitüde seinem Beitrag eine eigene Stimme zu verleihen. Dies gelingt auch Ana Lily Amirpour mit ihrem Debüt A Girl Walks Home Alone At Night, einer Schwarz-Weiß-Vampir-Romanze.

Der Ton und Look des Films erinnern streckenweise ironischerweise durchaus an Jarmusch, so als hätte dieser seinen Only Lovers Left Alive mehr mit seinem Dead Man verquickt. Amirpour erzählt von der fiktiven iranischen Stadt Bad City, in der James-Dean-Verschnitt Arash (Arash Marandi) über die Runden zu kommen versucht. Wenn ihm nicht grad der Dealer (Dominic Rains) seines Drogensüchtigen Vaters Hossein (Marshall Manesh) wegen dessen Schulden sein geliebtes Auto wegnimmt. “Business is business”, sagt Dealer Saeed lapidar. Eigentlich sollte Arash das wissen, ist er doch selbst ein Dieb, stiehlt zu Beginn des Films eine Katze, später Ohrringe der Tochter seines Arbeitgebers und einen Koffer voll Drogen und Geld von Saeed.

Doch auch der neue Reichtum vermag Arashs Leben nicht zum Besseren zu wenden. Bei den Frauen hat er kein Glück, der Ärger mit dem Vater lässt auch nicht nach. Immerhin endet eine Drogeninduzierte Kostümparty, die Arash als Dracula besucht, wider Erwarten in einem unbekannten Stadtteil. “This doesn’t look like Bad City. Does it?”, fragt Arash da die einzige zweite Seele auf der Straße, eine in einen Tschador gekleidete und auf einem Skateboard fahrende Fremde (Sheila Vand). Die wurde zuvor dem Publikum gegenüber bereits als Vampir eingeführt, scheint in Arash jedoch weniger den nächsten Durstlöscher zu sehen als vielmehr einen Gleichgesinnten. Hier, nachts in einer einsamen Straße, ist Bad City plötzlich gar nicht so bad.

Wenn das Vampir-Girl dann mit dem kostümierten Dracula nach Hause geht, ist das natürlich eine amüsante Metapher. Im Stehtanz hören sie Indierock von White Lies’ “Death”, ehe sie den Kopf absenkt und seinem Herzschlag lauscht, der die Musik zu übertönen beginnt. Mehr Indie als hier kann sich Amirpours Film nicht anfühlen, darin liegt die individuelle Stimme von A Girl Walks Home Alone At Night. Skateboardende iranische Vampire, die Tschador und Kajal tragen, White Lies hören und kleine Jungs daran erinnern, dass sie auch schön brav sein sollen. Und ihnen vor Augen führen, was passiert, wenn sie es nicht sind. Dass Bad City eine scheinbar verlassene Stadt und doch zugleich Industriestandort ist, passt da ins (Schwarz-Weiß-)Bild.

Der Look und die Verortung des Films sind originell – zumindest für sein spezielles Genre – und auch die musikalische Untermalung, die bisweilen Trompetenelemente integriert, die an Ennio Morricone erinnern, fügen sich vorzüglich ein. Die sicher lediglich angerissenen Charaktere sind trotz allem interessant, selbst der etwas nervige Vater. Vorwerfen lässt sich dem Film allenfalls, dass er in seinem letzten Akt für eine dramaturgische Zuspitzung die Aufmerksamkeit zu sehr auf Hossein und eine Prostituierte lenkt, die der Vampir bisweilen begleitet. Wünschenswerter wäre gewesen, wenn Amirpour die Beziehung zwischen Arash und Hossein sowie dem Mädchen noch etwas besser herausgearbeitet hätte, da Hossein alleine wenig interessant ausfällt.

Insgesamt ist A Girl Walks Home Alone At Night jedoch eine runde Sache und insbesondere für einen Debütfilm überaus gelungen. Auch oder gerade, weil sich Ana Lily Amirpour kein einfaches Genre ausgesucht hat. Ihre Umsetzung, von den bereits angesprochenen Details bis hin zur Tatsache, dass der Film in persisch daherkommt, obschon er aus den USA stammt, gibt ihm eine ganz eigene Aura und Stimmung, die den Zuschauer in den Bann zieht. Damit gelingt diesem Indie-Vampir-Werk etwas, das in Zeiten lebloser Action-Blockbuster eine Seltenheit geworden ist. Was A Girl Walks Home Alone At Night trotz seiner kalten Protagonistin weitaus wärmer daher kommen lässt. Und ihn zu einem der besseren Filme des Jahres macht.

7/10

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