3. November 2008

Vals Im Bashir [Waltz With Bashir]

We may forget the past, but the past won’t forget us.

Zwei Freunde treffen sich des Nachts am Hafen in einer Bar. Regisseur Ari Folman hört sich an wie ihm ein Freund von einem wiederkehrenden Albtraum erzählt. Doch der Bezug auf Folman selbst will sich diesem nicht erschließen. Ob er sich denn nicht mehr an den Libanonkrieg 1982 erinnere, wird Folman gefragt. Zwar weiß Folman, dass er als Zwanzigjähriger damals Bestandteil der israelischen Streitkräfte war, jedoch hat er jede Erinnerung an den Krieg ausgeblendet. Er beginnt diese Verdrängung zu hinterfragen, kann jedoch allein die Mosaikstücke nicht zusammenfügen. Daher macht er sich auf die Suche nach ehemaligen Kameraden, die mit ihm in Beirut gedient haben. Speziell sein alter Schulfreund und ein ihm Unbekannter – beide sind Teil der einzigen Erinnerung, die Folman noch besitzt. Doch auch der Freund, der nun in Holland lebt, kann oder will Folman nicht helfen.

Aber der Regisseur gibt nicht auf. In Einzelgesprächen mit ehemaligen Freunden, die ebenfalls gedient haben, sowie Therapeuten und Journalisten fügt er dem blutigen Bild von eins immer neue Bilder hinzu, bis sich ihm am Ende das große Ganze offenbart. Und Folman merkt, dass man zwar seine Vergangenheit vergessen kann, aber die Vergangenheit einen selber nicht vergisst. Aus jungen Bursche von einst sind nunmehr ältere Männer geworden – die wie alle Soldaten nicht nur einen Teil ihres Lebens im Krieg verbracht, sondern dort auch einen gehörigen Teil an ihrer Unschuld hinterlassen haben. Bei Oliver Stones Platoon hieß es einst: das erste Opfer des Krieges ist stets die Unschuld. Und nicht weniger verhält es sich mit der Wahrheit. Genau diese Wahrheit muss Folman nun herausarbeiten.

Für viele Kritiker ist Vals Im Bashir ein besonderer Film. Nicht nur weil er in seiner Heimat sechs israelische Filmpreise – darunter Film, Regie und Drehbuch – gewonnen hat, sondern schon aufgrund seiner Inszenierung. Folman preist seinen Film als die erste volldigital animierte Dokumentation an. Was der Zuschauer aber erst in der Filmmitte merkt, zuvor verliert sich Folman in einer traditionellen Erzählweise. Nicht nur, dass man nie eine Kamera zu sehen bekommt, sondern auch generell kann das Gezeigte per se keine Dokumentation sein. Die Tatsache dass der Film ein historisches Ereignis aufarbeitet, verleiht ihm noch lange nicht einen entsprechenden Genre-Status. Daran ändern auch die in der zweiten Hälfte eingestreuten Interviews mit den verschiedenen Protagonisten von Vals Im Bashir nichts.

Vielmehr zeigt Folman einen unkonventionellen Animationsfilm, sowohl von seiner Thematik als auch seinem Zeichenstil her. Die Zweidimensionalität trägt neben dem gelungenen Soundtrack zum hauptsächlichen Charme des Filmes teil. Jener Style überwiegt oft problemlos die Substanz, um die es Folman geht. Hier scheint sich der Israeli etwas in seinen Bestrebungen verloren zu haben, dem Publikum einen Film bestmöglich verkaufen zu wollen. Obschon der Film mitunter in die Satire rutscht (die Bombardierung von palästinensischen Zivilisten), gehen jene Momente im Gesamtkontext, ähnlich wie es bei Charlie Wilson’s War der Fall war, verloren. Bei einem derartigen Thema hätte Folman sich allein aus Pietätsgründen bemühen müssen, entweder einen ernsten oder extrem überspitzten Weg zu gehen.

Thematisch basiert der Film auf dem Massaker von Sabra und Schatila im libanesischen Bürgerkrieg. Als Israels Verteidigungsminister Ariel Scharon am 6. Juni 1982 seine Streitkräfte in den Libanon einmarschieren ließ, begann der dreijährige libanesische Bürgerkrieg. Folman skizziert unter anderem die Einnahme von Beirut, exemplarisch festgemacht am Schicksal eines einzelnen Soldaten und Freund des Regisseurs. Die erste Hälfte dient dieser Aufarbeitung verschiedener Einzelschicksale während der ersten Kriegswochen. Während all jene Figuren ihre eigene Geschichte erzählen, hat diese mit Folman selbst relativ wenig zu tun. Was sich das auf den gesamten Film übertragen lässt, der zwar zur Retrospektive von Folmans Leben gerät, sich jedoch mit allen Charakteren mehr beschäftigt als mit dem Regisseur.

So versucht der Film zwar ein authentisches Bild vom Libanonkrieg zu vermitteln, verliert jedoch seine Prämisse und eigentliche Handlung aus den Augen. Erst in der zweiten Hälfte kommt Folman wieder auf jenes Ereignis zu sprechen, welches am 14. September seinen unheilvollen Lauf genommen hat. An jenem Tag wurde der erst drei Wochen zuvor gewählte libanesische Präsident Bashir Gemayel von Palästinensern ermordet. Jenes Attentat würde die auf Seiten der Israelis kämpfende christliche Miliz mit Namen Phalange in tiefen Zorn stürzen. Am 16. September betraten die Milizen die Flüchtlingslager in Sabra und Schatila und verübten dort ein Massaker an Frauen, Alten und Kindern. Ganze zwei Tage währte dieses Handeln vom 16. bis 18. September an, ehe Scharon die Milizen aus den Lagern zurückrief.

Sinn und Zweck von Folmans Film ist die Erinnerung an alte Gräueltaten und zugleich die Unschuldsbekennung des israelischen Volkes. Wie zu Beginn erwähnt sind die meisten Themen von stark subjektiver Natur und es überbleibt dem Zuschauer letztlich selbst, welches Resümee er aus den Ereignissen ziehen will. Die Tatsache, dass die israelische Armee die Lager bewachte, beobachte und wie sich später herausstellte das Massaker auch mit eigenen Augen sah, macht diese de jure zu Mittätern unter der Vorraussetzung der unterlassenen Hilfeleistung. Dem Regisseur zu Folge sind die eigenen Streitkräfte von jeder Schuld freizusprechen – eine Forderung die dementsprechend auch auf all jene Deutschen zuzumünzen wäre, die nicht mit eigener Hand ein jüdisches Leben auf dem Gewissen haben.

Zwar thematisiert Folman nicht die „Kollektivschuld“ des deutschen Volkes im Zweiten Weltkrieg, doch zieht er durchaus Parallelen. Hier stellt sich wieder die Frage nach der Voranstellung des menschlichen Gewissens auch in Hinsicht seiner Tätigkeit als Soldat. Als Unschuldsbekennung funktioniert Vals Im Bashir keineswegs – selbst mit der Skizzierung des einfachen Soldaten als Marionette des politischen Systems. Zuvorderst scheitert Folmans Film daran, dass er keine klare Struktur hat, gerne animierter Dokumentarfilm sein würde, ohne es vollends zu sein und im Nachhinein eine Geschichte erzählt, die mit der Ausgangsprämisse nicht mehr viel gemein hat. Was bleibt ist ein gut gemachter Zeichentrickfilm, der trotz seines teilweise fragwürdigen Inhalts durchaus zum Denken anregt.

6.5/10

Kommentare:

  1. Schade, ich hatte gedacht es kommt etwas ähnlich Gutes wie im letzten Jahr bei Persepolis heraus.:(

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