3. November 2008

Vals Im Bashir

We may forget the past, but the past won’t forget us.

Historische Filme hapern meist an einem kleinen jedoch bestimmenden Detail. Sie werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Sei es eine teil stark verfälschende Darstellungsweise eines Oskar Schindler in Schindler’s List oder der dumm-dreisten Verglorifizierung von Baron Manfred von Richthofen in Der Rote Baron. Für die meisten Menschen ist Geschichte ein sehr trockenes Thema und wird erst dann richtig zu schätzen gewusst, wenn man ein hohes Alter erreicht hat. Hier beginnt die Selbstreflektion des eigenen Lebens im Kontext der Geschichte („Früher war alles besser, …“). Doch ergibt sich zweifelsohne von selbst, dass die historische und die narrative Geschichte einen gemeinsamen Ursprung besitzen, sodass bisweilen fiktive Handlungen wie in der Bibel beschrieben für manche Menschen Wahrheitsgehalt besitzen. Dass historische Ereignisse speziell Filmemachern als Vorlage für ihre Arbeiten dienen wird in der Industrie seit jeher praktiziert. Sei es ein 300, der - zugegeben ziemlich be- beziehungsweise eingeschränkt - versucht die Geschehnisse an den Thermopylen 480 v. Chr. wiederzugeben oder die Verbildlichung der Schlacht von la Drang 1965 in dem mäßigen We Were Soldiers. Und da Geschichte wie erwähnt etwas trocken ist, bereitet man sie gerne mal etwas auf, macht sie spannender und packender. Nun ist es jedoch so, dass eine wirkliche Objektivität kaum möglich ist. Wer ist wirklich böse und wer von Grund auf gut? Auf herausragende Art und Weise hatte der Lehrer Ron Jones dies 1967 im kalifornischen Palo Alto bewiesen – ein Experiment welches in Morton Rhues The Third Wave Einzug fand, der von Dennis Gansel dieses Jahr in Die Welle verarbeitet wurde. Zur Thematik machte Jones sich die Fragestellung, wie man eigentlich Wegschauen und Ausblenden kann, wenn man Zeuge von etwas Menschenverachtendem wird. Einen ähnlichen Kontext behandelt nun auch Vals Im Bashir.

Zwei Freunde treffen sich des Nachts am Hafen in einer Bar. Filmregisseur Ari Folman hört sich an wie ihm ein Freund von einem wiederkehrenden Albtraum erzählt. Doch der Bezug auf Folman selbst will sich diesem nicht erschließen. Ob er sich denn gar nicht mehr an den Libanonkrieg 1982 erinnere, wird Folman gefragt. Zwar weiß Folman, dass er als Zwanzigjähriger damals Bestandteil der israelischen Streitkräfte war, jedoch hat er jede Erinnerung an den Krieg ausgeblendet. Doch wieso? Folman beginnt sich selbst zu fragen, was der Katalysator für seine Verdrängung gewesen sein könnte. Allerdings kommt er von selbst nicht darauf, kann die Mosaikstückchen nicht zusammenklauben. Daher macht er sich auf die Suche nach ehemaligen Kameraden, die gemeinsam mit ihm in Beirut gedient haben. Speziell sein alter Schulfreund und ein ihm Unbekannter – beide sind Teil der einzigen Erinnerung, die Folman noch besitzt. Doch auch der Freund, welcher sich inzwischen nach Holland abgesetzt hat, kann oder will Folman nicht weiterhelfen. Aber der Regisseur gibt nicht auf. In Einzelgesprächen mit ehemaligen Freunden, die ebenfalls gedient haben, sowie Therapeuten und Journalisten fügt er dem blutigen Bild von eins immer neue Bilder hinzu, bis sich ihm am Ende das große Ganze offenbart. Und Folman merkt, dass man zwar seine Vergangenheit vergessen kann, aber die Vergangenheit einen selber nicht vergisst. Aus jungen Bursche von einst sind nunmehr ältere Männer geworden – die wie alle Soldaten nicht nur einen Teil ihres Lebens im Krieg verbracht, sondern dort auch einen gehörigen Teil an ihrer Unschuld hinterlassen haben. Bei Oliver Stones Platoon hieß es einst: das erste Opfer des Krieges ist stets die Unschuld. Und nicht weniger verhält es sich mit der Wahrheit. Genau diese Wahrheit muss Folman nun herausarbeiten – allein um seiner selbst willen.

Für viele Kritiker war und ist Vals Im Bashir ein besonderer Film. Nicht nur deshalb, weil er in seiner Heimat sechs israelische Filmpreise – darunter Film, Regie und Drehbuch – gewonnen hat, sondern schon aufgrund seiner Aufmachung. Denn Folman preist seinen Film als die erste volldigital animierte Dokumentation. Nur dumm, dass der Zuschauer dies erst in der Mitte des Filmes merkt. Denn zuvor verliert Folman sich in einer traditionellen Erzählweise. Nicht nur, dass man nie eine Kamera zu sehen bekommt, sondern auch generell kann es sich um das gezeigte nicht per se um eine Dokumentation handeln. Die Tatsache dass der Film ein historisches Ereignis aufarbeitet verleiht dem ganzen noch lange nicht den Status einer Dokumentation. Daran ändern auch die in der zweiten Hälfte eingestreuten Interviews mit den Protagonisten nichts. Vals Im Bashir ist ein unkonventioneller Animationsfilm, sowohl von seiner Thematik als auch seinem Zeichenstil her. Der zweidimensionale Stil des Filmes trägt neben dem überaus gelungen zusammengestellten Soundtrack zum hauptsächlichen Charme des Filmes teil. Jener Style überwiegt oft problemlos die Substanz, um die es Folman vielmehr geht. Hier scheint sich der Israeli etwas in seinen Bestrebungen verloren zu haben, dem Publikum einen Film bestmöglich verkaufen zu wollen. Denn obschon der Film mitunter in die Satire rutscht (die Bombardierung von palästinensischen Zivilisten), gehen jene Momente im Gesamtkontext, ähnlich wie es bei Charlie Wilson’s War der Fall war, verloren. Bei einem derartigen Thema hätte Folman sich allein aus Pietätsgründen bemühen müssen, entweder einen ernsten oder extrem überspitzten Weg zu gehen.

Thematisch zu Grunde liegt Folmans Film das Massaker von Sabra und Schatila vom 16. bis 18. September 1982 während des libanesischen Bürgerkrieges. Nachdem Israels Verteidigungsminister Ariel Scharon am 6. Juni 1982 seine Streitkräfte in den Libanon hatte einmarschieren lassen, begann der dreijährige libanesische Bürgerkrieg. Folman skizziert unter anderem die Einnahme von Beirut in seinem Film, exemplarisch festgemacht am Schicksal eines einzelnen Soldaten und Freund des Regisseurs. Die erste Hälfte von Vals Im Bashir dient dieser Aufarbeitung verschiedener Einzelschicksale während der ersten Wochen des Krieges. Die Ungewissheit, die plötzliche Konfrontation mit dem Tod und der Drang das eigene Leben an erste Stelle zu setzen. Während all jene Figuren ihre eigene Geschichte erzählen, hat diese mit Folman selbst relativ wenig zu tun. Grundsätzlich ließe sich das auf den gesamten Film übertragen, der zwar als eine Retrospektive von Folmans Leben daherkommt, sich jedoch mit allen anderen Charakteren mehr beschäftigt als mit der des vermeintlichen Hauptprotagonisten. So versucht der Film zwar ein authentisches Bild a la Apocalypse Now Redux vom Libanonkrieg zu vermitteln, verliert jedoch seine Prämisse und eigentliche Handlung aus den Augen. Erst in der zweiten Hälfte kommt Folman wieder auf jenes Ereignis zu sprechen, welches am 14. September seinen unheilvollen Lauf genommen hat. An jenem Tag wurde der erst drei Wochen zuvor gewählte libanesische Präsident Bashir Gemayel von Palästinensern ermordet. Jenes Attentat würde die auf Seiten der Israelis kämpfende christliche Miliz mit Namen Phalange in tiefen Zorn stürzen. Am 16. September betraten die Milizen die Flüchtlingslager in Sabra und Schatila und verübten dort ein Massaker an Frauen, Alten und Kindern. Ganze zwei Tage währte dieses Handeln an, ehe Ariel Scharon die Milizen aus den Lagern zurückrief.

Sinn und Zweck von Folmans Film ist nun, will man dem Regisseur Glauben schenken, die Erinnerung an alte Gräueltaten und zugleich die Unschuldsbekennung des israelischen Volkes. Wie zu Beginn erwähnt sind die meisten Themen von stark subjektiver Natur und es überbleibt dem Zuschauer letztlich selbst, welches Resümee er aus den Ereignissen ziehen will. Die Tatsache, dass die israelische Armee die Lager bewachte, beobachte und wie sich später herausstellte das Massaker auch mit eigenen Augen sah, macht diese de jure zu Mittätern unter der Vorraussetzung der unterlassenen Hilfeleistung. Dem Regisseur zu Folge sind die eigenen Streitkräfte von jeder Schuld freizusprechen – eine Forderung die dementsprechend auch auf all jene Deutschen zuzumünzen wäre, die nicht mit eigener Hand ein jüdisches Leben auf dem Gewissen haben. Selbstverständlich thematisiert Folman nicht die „Kollektivschuld“ des deutschen Volkes im Zweiten Weltkrieg, doch ziehen seine Parallelen durchaus Analogien auf. Hier stellt sich wieder die Frage nach der Voranstellung des menschlichen Gewissens auch in Hinsicht seiner Tätigkeit als Soldat. Als Unschuldsbekennung funktioniert Vals Im Bashir keineswegs – da hilft auch die Darstellung des einfachen Soldaten als Marionette im politischen System nicht viel. Zuvorderst scheitert Folmans Film daran, dass er keine klare Struktur hat, gerne animierter Dokumentarfilm sein würde, ohne es vollends zu sein und im Nachhinein eine Geschichte erzählt, die mit der Ausgangsprämisse nicht mehr viel gemein hat. Was bleibt ist ein gut gemachter Zeichentrickfilm, der obschon seines fragwürdigen Inhalts durchaus zum Denken anregt.

6.5/10

Kommentare:

  1. Schade, ich hatte gedacht es kommt etwas ähnlich Gutes wie im letzten Jahr bei Persepolis heraus.:(

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