Are you for real?Es ist Donnerstag, der 16. Dezember 1976 in Richmond, Virginia. Der Wecker schaltet auf 5 Uhr und 45 Minuten. Ein Moment in der Zeit, der das Leben von Norma (Cameron Diaz) und Arthur Lewis (James Marsden) für immer verändern wird. Norma hört Geräusche, schreitet die Treppen herab zu ihrer Haustür und findet auf deren Schwelle ein Paket vor. In jenem Paket befindet sich eine Box, in der Box wiederum ein in einem Holzrahmen gefasster Knopf. Ein Zettel verweist auf eine Kontaktaufnahme durch einen gewissen Mr. Steward am späten Nachmittag desselben Tages. Als Norma um 17 Uhr schließlich zur Tür gerufen wird, steht er ihr gegenüber, jener Arlington Steward (Frank Langella). Ein älterer, charmanter Mann, dem ein Teil seines linken Kiefers fehlt. Steward erklärt, die Box sei ein Angebot, das die nächsten 24 Stunden über gilt. Drückt das Ehepaar Lewis in dieser Zeit den Knopf, erhalten sie am nächsten Tag eine Million US-Dollar - steuerfrei. Allerdings wird im Ausgleich dazu irgendwo eine Person sterben, die das Ehepaar nicht kennt.
Bei diesem Szenario handelt es sich um eine Prämisse aus der Psychologie. Genauer gesagt um eine, auf die Richard Mathesons Ehefrau einst aufmerksam wurde. Und die ihr Mann 1970 in seiner Kurzgeschichte Button, Button literarisch verarbeitete. Eine Handlung, wie geschaffen für die Fernsehserie The Twilight Zone, für die Mathesons Kurzgeschichte 1986 in einer gleichnamigen Folge adaptiert wurde. Wie seine Geschichte The Twilight Zone inspirierte, so tat sie dies auch nach eigener Aussage bei dem jugendlichen Richard Kelly. Dieser wiederum sah sich im letzten Jahrzehnt mit den beiden Seiten der hollywoodschen Medaille konfrontiert. Für seinen Debütfilm Donnie Darko mit Ruhm und Anerkennung überschüttet, wurde Kelly fünf Jahre später für seinen zweiten Spielfilm Southland Tales bei den Filmfestspielen in Cannes ausgebuht. Wahrscheinlich eine ungewohnte Situation für einen jungen Filmemacher, der plötzlich für seine Skurrilität verdammt wurde, die man einige Jahre zuvor noch als Genie titulierte.
Wenig Menschen vermochten etwas mit Southland Tales, einem Film, dem zum besseren Verständnis ein Comic vorausgegangen war, anzufangen. Andere wiederum befanden Kellys apokalyptische Sozialsatire als weiteren Geniestreich. Wo sowohl Donnie Darko als auch sein Nachfolger von ihrer Undefinierbarkeit lebten, die es dem Zuschauer überließ, aus den Geschichten heraus zu lesen, was es heraus zu lesen gab (oder nicht gab), stellt The Box nun in gewisser Hinsicht eine Kehrtwende dar. Zwar führt Kelly die Prämisse Mathesons nach eigenem Bestreben fort, grundsätzlich bleibt es jedoch die Adaption des geistigen Werks einer anderen Person. Vielleicht deswegen, vielleicht auch wegen der Reaktionen auf Southland Tales, präsentiert Kelly seinem Publikum nicht nur Mysterien, sondern anschließend auch Erklärungen. The Box erscheint bisweilen wie ein Hybrid aus einem Richard-Kelly-Film und dem Versuch, sich der Kinomasse anzubiedern. Denn nach 75 Minuten endet der zweite Akt von Kellys Film mit dem letzten bisschen von Kellys Handschrift.
Würde das Bild nicht weiterlaufen, wäre man gewillt aufzustehen und zu gehen. Man hat keine wirklichen Antworten bekommen, wird leicht unverständig sich selbst überlassen. Wie man es von Kelly kennt. Doch The Box geht an dieser Stelle noch eine halbe Stunde weiter. Versucht eine Erklärung für die Mysterien zu bieten, versucht an seinen Anfang zurück zu kehren. Und verkommt nach einem bereits eher unzufriedenstellenden zweiten Akt zu einem Finale, das so wohl auch von M. Night Shyamalan hätte inszeniert werden können. Die Ereignisse überschlagen sich, Kelly präsentiert ein paar für den Zuschauer unsinnige Bilder und verlagert das Geschehen schließlich an das Ende des Weges, auf den er das Publikum gut anderthalb Stunden zuvor eingeladen hat. Zu diesem Zeitpunkt fühlt sich The Box bereits nicht mehr wie ein Film von Richard Kelly an. Eher so, als hätte man Shyamalan und Roman Polanski mit vorgehaltener Waffe gezwungen, gemeinsam einen mysteriösen Science-Fiction-Thriller zu drehen.
Dabei beginnt der Film mit einer überaus ansprechenden Exposition. Man bekommt mit, wie die Schulgebühren von Normas Sohn erhöht werden und wie Arthur nicht in ein Astronautenprogramm der NASA zugelassen wird. Ein ernstes finanzielles Problem, lebt die Familie doch über ihrem Niveau und quasi „from paycheck to paycheck“. Im Nachhinein nur die perfide Ausgangsbasis für Stewards Angebot, aber nichtsdestotrotz ansprechend. In Mathesons Geschichte wurden Norma und Arthur lediglich $50.000 angeboten. Wie enorm - und verführerisch - müssen sich da erst eine Millionen Dollar anfühlen? Es heißt immer: Jeder Mensch hat seinen Preis. Und hier kommt die psychologische Komponente ins Spiel. Würde man für eine Millionen Dollar das Leben einer anderen Person opfern, die man zum einen nicht kennt und deren Tod man zum anderen nicht mitbekommen wird? „Everbody dies“, entgegnet Arthur am selben Abend Norma, als diese verlangt, dass die Christbaumbeleuchtung während sie schlafen ausgeschaltet wird.Bei der liebevollen Einführung seiner Figuren verliert sich Kelly jedoch in eben deren Darstellung. Basierend auf seinen eigenen Eltern erhält Norma den rechten Fuß von Ennis Kelly, an dem vier Zehen amputiert werden mussten, als diese im Teenageralter war. Arthur wiederum arbeitet wie Lane Kelly es tat für die Viking-Mission der NASA und baut seiner Frau selbstständig eine Prothese. Viele nette Momente und Referenzen an die eigenen Eltern, die jedoch für The Box vollkommen unerheblich sind. So viel Zeit Kelly hier opfert, so schnell versucht er diese im Finale wieder wettzumachen. Einige Unverständlichkeiten dürften auch daher resultieren, dass manche Szenen für die endgültige Fassung geschnitten wurden. Zwar platzierte Kelly sie nicht auf der DVD beziehungsweise Blu-Ray, jedoch offenbart der Trailer zum Film, dass mehr als eine Einstellung der Schere zum Opfer fiel. Hoffnungen auf einen Director’s oder Extended Cut scheinen zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht berechtigt.
Letztlich ist The Box vielleicht nicht so sehr für sich genommen eine Enttäuschung, bedenkt man, dass sich hier jedoch Richard Kelly verantwortlich zeichnet, dafür umso mehr. Der grundsätzlich interessanten Prämisse widmet er sich im Nachhinein nur sporadisch. Das Szenario verkommt lediglich zum Aufhänger für ein Psychospiel zwischen Steward, dessen „Angestellten“ und dem Ehepaar Lewis. Der Sinn, der hinter all dem steckt, ist dabei so profan wie einfallslos. Das Mysterium hinter Steward, von dem man per Texttafel bereits vor der ersten Szene erfährt, dass er nach einem Brandunfall von den Toten auferstanden ist, kommt einem ausgesprochen altbacken vor. Während Langella den Part mit ruhiger Routine portraitiert, will man sich an eine überschminkte und verschreckte Cameron Diaz mit reichlich dickem Südstaatenakzent nicht so recht gewöhnen. So ist The Box ein Mystery-Thriller, der leider nur im ersten Akt und danach bloß gelegentlich zu gefallen weiß. Welche Auswirkungen dieser Film auf Kellys Karriere hat, bleibt abzuwarten.
4.5/10
Es müsst ja wirklich nicht mit jedem Film ein neuer "Donnie Darko" sein, aber es wäre schon schade, wenn mit Kelly der nächste Könner seine Möglichkeiten in die falschen Bahnen lenkt (gelenkt bekommt?). Auch darin wäre er ja dann Shyamalan nicht unähnlich. Wenigstens wegen Frank Langella werd ich mir "The Box" sicher mal ansehen, aber die Erwartungen setze ich nicht erst nach deiner Review nicht sehr weit oben an
AntwortenLöschenWill den Text aus Spoilergründen nicht lesen, was würdest ihm denn auf ner Skala geben?
AntwortenLöschenSOUTHLAND TALES war schon übelste Megagrütze. Und der DC von DONNIE DARKO war auch ziemlich fad. Kelly kann nix.
AntwortenLöschen@Kaiser: Eigentlich hab ich Spoiler vermieden, von daher kann man denke ich ruhig lesen. Auf einer Skala wäre er wohl so im 4er, bestenfalls 5er Bereich denke ich.
AntwortenLöschenJo, beim Überfliegen habe ich lediglich Urteile über den 2. und 3. Akt gefällt, ohne jedoch konkret zu benennen, was in diesen passiert. Der Text spoilert also (imho) wirklich nicht.
AntwortenLöschenRajko, der alte Schwätzer:-)
AntwortenLöschenDer Vergleich mit Schlamaynan ist ja ungeheuerlich.
Ich nenn es wie es ist :D
AntwortenLöschenAlso hätte nach dem Lesen des Textes nicht auf den Vierer- sonder eher so auf den Sechserbereich spekuliert. Vier ist schon wenig und nimmt mir ein wenig die Hoffnung, der Film wäre wohl doch irgendwie gut genug. Schade.
AntwortenLöschenWenn ich einen Film als "enttäuschend" bezeichne, dann spielt er sich meist im 4er Bereich ab :)
AntwortenLöschenEs gibt aber auch positive Stimmen zu dem Film, vielleicht muss man ihn auch mehrmals sehen. Who knows.
Das "enttäuschend" kann sich ja auch auf hohe Erwartungen beziehen. Wenn du ein Riesenfan von, keine Ahnung, Michael Bay wärest und alle Filme mit 9-10 Punkten bewertet hättest und sein neuester hätte nur 6 Punkte - das wäre auch enttäuschend, n'est-ce pa?
AntwortenLöschen