Posts mit dem Label Paulina Gaitán werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Paulina Gaitán werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

31. Mai 2011

Somos lo que hay

Estas vivo.

Horror is back, baby. Egal ob Vampir oder Zombie, aktuell finden sich die Untoten in so vielen Film- und Serienprojekten wie nie zuvor wieder. Sei es The Walking Dead oder Zombieland, egal ob True Blood, The Vampire Diaries oder Fright Night. Dass da willkommener Platz für Kannibalen ist, dürfte umso verständlicher sein. Allerdings kommt der Horror kaum noch in Reinform daher, lieber als Amalgam und Symbiose verschiedener Genres. Bevorzugt Komödien á la Shaun of the Dead, gerne auch Schmachtfetzen wie Twilight oder Action in Form der bevorstehenden Priest oder Stakeland. Jorge Michel Graus Debütfilm über mexikanische Kannibalen preist sich daher als „konsequentes Arthouse-Kino“ an.

Als in einer Einkaufsmeile in Mexiko-Stadt ein älterer Mann Blut spuckend zusammenbricht, blickt seine Familie plötzlich dem Hungertod entgegen. Die Versuche des ältesten Sohnes, Alfredo (Francisco Barreiro), auf Anordnung seiner Schwester Sabina (Paulina Gaitán) Verantwortung zu zeigen, scheitern - nicht zuletzt dank des aggressiven Verhaltens ihres Bruders Julián (Alan Chávez). Ein Tag bleibt den Brüdern, ein Menschenopfer für das traditionelle Ritual von Mutter Patricia (Carmen Beato) zu finden, lebt die Familie doch vom Kannibalismus. Dieser ist laut Leichenbestatter gar nicht so unverbreitet in der Hauptstadt, weshalb er zwei einfältigen Mordkommissaren die Übernahme des Falls aufschwatzt.

Die herausragende Qualität von Somos lo que hay (dt. Wir sind was wir sind) ist fraglos, dass der Film zuvorderst ein familiäres Sozialdrama ist, das sich eher zufällig um Kannibalen zu drehen scheint. Die Familie selbst ist weit entfernt von anderen Kannibalenfamilien des Horrorgenres wie man sie aus Wrong Turn oder ähnlichen kennt. Grundsätzlich geben sich Sabina, Alfredo und Julián ganz normal, wirken bestens ernährt und bis auf den jüngsten Spross auch alle gelungen in die Gesellschaft integriert. Wäre da nicht der überraschende Tod des Vaters und Familienernährers ein Tag vor jenem Ritual, dessen Bedeutung für Patricia und Co. mehr angedeutet wird, als dass sie für das Publikum wirklich spürbar wird.

Was man Graus Debüt am meisten vorwerfen muss, ist ohnehin, dass dieses relativ selten wirklich eine Atmosphäre zu erzeugen vermag, sowohl in Bezug auf seine Sozialdrama- wie Horror-Momente. Zum einen verzichtet der Film weitestgehend auf eine musikalische Untermalung und lässt gerade in der zweiten Hälfte seine dunklen nächtlichen Bilder für sich sprechen. Da man über die Familie und insbesondere das Ritual jedoch so gut wie nichts erfährt, geht die Dringlichkeit des Ganzen für das Publikum verloren. Geht es der Familie ums Fleisch? Kann sie nicht einfach zum Metzger fahren, schließlich ist ihr gesundes Erscheinungsbild doch Beispiel genug dafür, dass sie sich nicht nur von Menschenfleisch ernährt.

Der Film ist voller solcher Fragen, erklärt doch der Gerichtsmediziner, dass der Vater an einer Vergiftung gestorben ist. Möglich, dass ihn eine der Prostituierten vergiftet hat, die er laut seiner Familie regelmäßig aufgesucht hat. Angesichts des Schocks der Familie, erscheint es unwahrscheinlich, dass einer von ihnen den Vater umbringen wollte. Vieles bleibt im Dunkeln und wird lediglich lose angedeutet, während Somos lo que hay versucht, den Zerfall einer mexikanischen Familie dank einer Extremsituation darzustellen. Einen Tag vor dem Ritual hat der Vater selbst für kein Opfer gesorgt und die Idee, seine Söhne für potentielle Notfälle ins „Familiengeschäft“ einzuweisen, ging ihm wohl ebenfalls ab.

Als Spitze des Eisberges wirkt das Filmfinale nicht nur reichlich konstruiert, sondern auch rasch abgespult. Was hier mit den zuvor zentralen Figuren geschieht, ist einem als Zuschauer relativ egal, da man sich mit keiner der Rollen ansatzweise identifizieren kann. Es passiert, was abzusehen war, weil so das Genre eben funktioniert, auch wenn Graus Film diesem bis dahin weitestgehend die kalte Schulter gezeigt hat. Letztlich ist der realistische Ton von Somos lo que hay sein großer Trumpf, der allerdings nicht darüber hinwegtröstet, dass der Film abgesehen von diesem wenig originell ist und nie wirklich eine Atmosphäre erzeugt. The need to feed als konsequentes Arthouse-Kino kann daher nur bedingt überzeugen.

4/10 - erschienen bei Wicked-Vision

24. April 2010

Sin Nombre

Not in God’s hand, perhaps in the Devil’s.

Die USA sind ein Einwandererland – oder waren es mal. Inzwischen ist man weit weniger bereit, all die müden, armen und sich zusammendrängenden Massen, die sich nach Freiheit und den American Dream sehnen, aufzunehmen. Was diese nicht daran hindert, dennoch jedes Jahr in müden und armen Massen ihren Weg über die Grenze zu schlagen. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts suchten jährlich über 800.000 Menschen als illegale Einwanderer ihr Heil in Amerika. Gegen Ende des Jahrzehnts ging die Zahl schließlich auf eine halbe Millionen zurück. Der Großteil stammt aus Mexiko (56 Prozent) und Lateinamerika (22 Prozent). Vergangenes Jahr widmeten sich gleich zwei Regisseure der oft tödlich endenden Reise in Richtung der USA. Während Rebecca Cammisas Dokumentation Which Way Home im Februar für einen Academy Award nominiert war, fand Cary Fukunagas Debütfilm Sin Nombre dagegen lediglich Anklang bei einigen Kritikern.

Der US-Regisseur Fukunaga, selbst Einwandererkind – der Vater ist Japaner, die Mutter Schwedin – verwebt in Sin Nombre gekonnt zwei Handlungsstränge miteinander, die sich in ihrem Ursprung diametral gegenüberstehen. Auf der einen Seite begleitet er die honduranische Jugendliche Sayra (Paulina Gaitán) sowie ihren Vater und Onkel auf ihrer Reise nach New Jersey. Zu Fuß und ab Mexiko dann auf dem Rücken von Zügen soll sich ihr Traum von der US-Ostküste erfüllen. Auf der anderen Seite rückt Fukunaga die mexikanische Gang La Mara Salvatrucha ins Zentrum. Die Maras finden ihren Ursprung in Los Angeles, von wo aus sie anschließend ihre Wurzeln gen Zentral- und Lateinamerika schlugen. Hier steht Willy (Édgar Flores), Gangname “El Casper”, im Fokus. Seine Beziehung zu seiner Freundin Martha Marlen (Diana Garcia) wird nicht nur ihr Schicksal, sondern auch das von Sayra und den Maras verändern.

So sehr sein Film sich auch mit der beschwerlichen Reise der Immigranten beschäftigt – sie versammeln sich zu Hunderten auf den Bahnhofgleisen und warten darauf, dass der Zug einfährt –, sorgt in Fukunagas Geschichte doch das Gangszenario für die Musik. Es ist eine Milieustudie, wenn Fukunaga zu Beginn den kindlichen Smiley (Kristyan Ferrer) in die Initiationsriten schubst. Zuerst gilt es, 13 Sekunden cortés (dt. Höflichkeiten) auszutauschen, wenn die Gangmitglieder auf Smiley von allen Seiten eintreten. Dieselbe Strafe muss er wenige Tage später erneut einstecken, als er und Casper sich weigern, Lil’ Mago (Tenoch Huerta) von Caspers Beziehung zu erzählen. So sehr Smiley zu den Maras dazugehören will, so sehr scheint Casper inzwischen aus seiner Umgebung herausgewachsen. Nur widerwillig tritt er auf seinen Protege ein, eher ungewollt hilft er diesem dabei, seinen ersten Mord zu begehen. Schon bald darauf steht Casper dann am Scheideweg.

Am Ende des ersten Aktes kreuzen sich beide Handlungsstränge, wenn Casper, Smiley und Lil’ Mago die Reisenden auf den Dächern des Zuges ausrauben – darunter Sayras Familie. Als Sayra droht, von Lil’ Mago vergewaltigt zu werden, ergreift Casper die Initiative und tötet seinen Boss. Er schickt Smiley vom Zug, wohl wissend, sich die Rache der Maras und deren Boss El Sol (Luis Fernando Peña) aufzubürden. “I’m a dead man”, erklärt er Sayra später, die ihn im Gegensatz zu den anderen Passagieren nicht skeptisch beäugt. Sie sieht in Casper, der nun wieder zu Willy wird, ihren Beschützer und entwickelt Gefühle für ihn. Eine Bindung, die diesem ausgesprochen unwohl ist. “I fucked up my life already and now I’m afraid I fucked up yours, too”, sieht er Sayra in Gefahr, wenn sie sich an seine Seite stellt. Derweil wird Smiley bei seiner Rückkehr von El Sol damit beauftragt, selbst für die Exekution von Casper zu sorgen, will er ein Mara bleiben.

Die Reise der Immigranten spielt zu diesem Zeitpunkt nur noch eine untergeordnete Rolle. Fukunaga, der zwei Jahre lang recherchiert hat und selbst mit Immigranten auf Zügen gefahren ist, präsentiert dennoch bleibende Eindrücke. Von der Zuggesellschaft, die sich der schwarzen Passagiere bewusst ist und sie einfach akzeptiert. Von „Haltestellen“, an denen sich die Reisenden auffrischen können. Einmal zeigt der Amerikaner eine Gruppe von Kindern, die den Immigranten Obst zuwerfen, einige Szenen später sind es dagegen Steine, die aus den Händen der Jugendlichen fliegen. “You have to see it as an adventure”, erklärt Sayra ihr Vater, der sie einst verlassen und in den USA eine neue Familie gegründet hat, zu Beginn. Aber Abenteuer sind selten ungefährlich und sie werden auch bei Sayras Familie ihren Tribut einfordern. Waren die Zugdächer zu Beginn des zweiten Aktes noch voll, findet sich am Filmende kaum noch wer auf ihnen.

Leider stellt Fukunaga seine Figuren hinter die Geschichte zurück. So bleiben sie meist eindimensionale Schachfiguren in einem Spiel, das sie nicht beeinflussen können. Caspers Wandel scheint durch Martha Marlen beeinflusst, was angesichts seiner Vergangenheit aber ungenügend wirkt. Genauso wie nicht vollends klar wird, wieso Sayra unbedingt die riskante Reise auf sich nehmen muss, zeigt doch eine der geschnittenen Szenen, dass sie es so schlecht in Honduras gar nicht getroffen hat. Die Charaktere bleiben also primär Mittel zum Zweck, Martha Marlen lediglich Auslöser für Caspers endgültige Wandlung, Smiley als Protege und Freund, der letztlich die Loyalität zur Gruppe wählt und das hilflose Mädchen, das es zu beschützen gilt. Ein einfaches Schema, das aber durch Fukunagas intensive Recherche und die daraus folgende Kulisse auf dem Rücken eines Zuges dem Film seine ihm innewohnende Kraft und Eindringlichkeit schenkt.

Speziell Flores gefällt als schwermütiger Außenseiter, der zwar keine Angst vor dem Tod hat, aber davor, nicht zu wissen wann und wo dieser eintritt. Gaitán wiederum ist die gute Seele des Films, die ihrem Vater zuliebe nach Amerika geht und schließlich auch Caspers Güte erkennt. Beide zusammen stellen ein gefälliges Paar dar, stets eingebettet von Adriano Goldmans wunderschönen Bildern, die entgegen dem aktuellen Trend klassisch auf 35 mm gedreht wurden. Wie gekonnt Cary Fukunaga die beiden Handlungsstränge miteinander verwebt und sie schließlich in ständiger Fortbewegung der Kulisse gelungen zu einem Ende bringt, zeugt von Talent. Es wundert daher nicht, dass er mit der Adaption von Charlotte Brontës Jane Eyre den Sprung nach Hollywood geschafft hat. Mit Sin Nombre ist ihm ein beeindruckendes Debüt auf visueller wie narrativer Ebene gelungen.

9/10