15. Juni 2012

When the Levees Broke: A Requiem in Four Acts

Katrina. That bitch.

Eine Woche zuvor war er noch ein simpler Sturm, entstanden über den Bahamas, ehe er an Südflorida vorbeizog und sich dem Golf von Mexiko zuwandte. Dort wiederum sammelte Hurrikan Katrina über die Tage an Kraft und nahm an Stärke zu. Soweit, dass er in der letzten Augustwoche 2005 zur Kategorie 5, der höchsten Einordnungsstufe für Stürme, angehoben wurde und das in Louisiana gelegene New Orleans eine vollständige Evakuation anordnete. Was folgte, war nicht nur der sechststärkste Atlantiksturm aller Zeiten, sondern auch die teuerste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA. Am Ende stand ein Schaden von über 100 Milliarden US-Dollar und mehr als 1.800 Todesopfern.

Dabei war Katrina letzlich nicht einmal in voller Stärke über New Orleans und Louisiana hereingebrochen, sondern hatte die Region lediglich als Sturm der Kategorie 3 heimgesucht. Wie kam es also dazu, dass dennoch 80 Prozent von New Orleans unter Wasser standen? Für die Naturkatastrophe war, wie sich herausstellte, weniger Katrina verantwortlich, denn menschliches Versagen bei der Konstruktion der Deiche. Als diese brachen, breitete sich das Wasser in New Orleans, das zum Großteil fast zwei Meter unter dem Meeresspiegel liegt, besonders in den Gemeinden The Ninth Ward und St. Bernard Parish aus. Was genau geschah und welche Folgen es hatte, arbeitete Spike Lee für HBO auf.

In seiner vierteiligen Dokumentation When the Levees Broke lässt Lee die Betroffenen zu Wort kommen, vom einfachen Flutopfer bis hin zur Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco. Während der erste Teil, „Act I“, den 29. August 2005 und die folgenden Tage Revue passieren lässt, beschäftigen sich die übrigen drei Akte mit der Frage, wer die Schuld für das Brechen der Deiche und die anschließende Inkompetenz bei der Katastrophenhilfe trägt. Klar, dass Emotionen hoch kochen, wenn Menschen Familienmitglieder verlieren oder vor den sprichwörtlichen Trümmern ihrer Existenz stehen. Denn über kein Unglück regt man sich mehr auf, als über eines, das hätte vermieden werden können.

Wie ernst Katrina ausfallen würde, hatte dabei wohl keiner erwartet. Seit Hurrikan Betsy (1965) war New Orleans von größeren Stürmen weitestgehend verschont geblieben. Weshalb nach einer ersten Ankündigung des Hurrikans nicht wenige Einwohner beschlossen, “that they could weather the storm“, wie der Jazz-Saxofonist Donald Harrison sagt. Seine Schwiegermutter war wie einige andere in der Stadt geblieben, angeordnete Evakuierung hin oder her. Sie hatte wie so viele den letzten Hurrikan, 40 Jahre zuvor, mit er- und überlebt. Und allzu dramatisch war Katrina selbst nicht einmal ausgefallen, wären da nicht die Deiche gewesen, die das Flutwasser eigentlich hätten zurückhalten sollen.

Bereits in der Vergangenheit waren die Dämme des vormerklich von Afroamerikanern bewohnten Stadtteils Ninth Ward gesprengt worden, damit das Wasser nicht ins renommierte French Quarter fließen würde. “This wasn’t about race, it was about money“, erinnert der Autor John Barry. Als aber 2005 viele Anwohner eine Explosion vernahmen, waren sie sich sicher, dass sich die Geschichte wiederholte. “These people have a long experience of being ripped off“, zeigt Historiker Doug Brinkley Verständnis. Wie sich herausstellte, waren dieses Mal die Deiche (engl. levees) aber nicht von der Regierung gesprengt worden. Was allerdings nicht heißt, dass diese nicht trotzdem die Schuld für das Desaster trägt.

Denn nach Betsy wurden die Deiche vom US Army Corps of Engineers neu installiert und für Hurrikans der höchsten Stufe gerüstet. Am Ende waren sie aber keineswegs tief genug in den Boden platziert worden. Robert Bea, Professor für Ingenieurswesen, nennt das Brechen der Deiche in New Orleans 2005 daher “the most tragic failure of a civil-engineered system in the history of the United States“. Scheinbar wurde an der Ausführung gespart, wie ohnehin New Orleans und Louisiana stark benachteiligt scheinen, was die föderale Gewinnung von Erdöl und -gas vor ihrer Küste angeht. “The money doesn’t stay in Louisiana“, bestätigt Brinkley. Wäre Louisiana eine Kolonie, so der Historiker, es wäre finanziell besser dran.

Ohnehin ist der Tenor aus When the Levees Broke, dass Louisiana im Allgemeinen und New Orleans im Speziellen reichlich stiefmütterlich von der Regierung in Washington D.C. behandelt werden. Das Army Corps konstruierte fehlerhafte Deiche, die Bush-Regierung zeigte wenig Handlungsgeschick in Folge der Katastrophe und die FEMA (Federal Emergency Management Agency) glänzte auch Monate nach Katrina mit Abwesenheit. Wenn die Einwohner mit T-Shirts wie “Katrina survivor, FEMA victim“ herumlaufen, ist das bezeichnend. “You have to worry about a country that can look at a vast number of mistakes (…) that has directly affected people’s lives“, kritisiert Jazz-Trompeter Terence Blanchard.

Besonders benachteiligt fühlte sich die primär afroamerikanische Bevölkerung in New Orleans, was Kanye West dann wenige Tage nach Katrina bei einer Spendensammlung des Senders NBC zu den Worten hinreißen ließ: “George Bush doesn’t care about black people“. Eine Unmutsbekundung, die viele von Lees Gesprächspartnern teilen. So machte sich Bush erst nach zwei Wochen, am 11. September, vor Ort ein Bild von der Katastrophe. “Initially he stayed on holiday when New Orleans was drowning“, berichtet ein britischer Reporter aus dem Off. Wenig besser gab sich die aus Alabama stammende Condoleezza Rice, die am Tag des Unglücks lieber Schuhe einkaufen ging, anstatt Stellung zu nehmen.

Dass die US-Regierung ein Jahr zuvor nach dem Tsunami in Sri Lanka schneller und besser reagierte als im September 2005 im eigenen Land, streute zusätzlich Salz in die Wunden. Hilfe von Soldaten war nicht möglich, da diese einen unsinnigen Krieg im Irak kämpften, die Bewohner von New Orleans wurden sich selbst überlassen. Die Folge waren zahlreiche Plünderungen, Schießereien und Gewalt, Todesopfer der Überschwemmung wurden tagelang nicht eingesammelt oder abgeholt. “We want help!“, schrien die Einwohner in die Fernsehkameras der Medienanstalten, die dann die evakuierte Bevölkerung aus New Orleans landesweit als „Flüchtlinge“ brandmarkte. Sehr zu deren Missfallen.

“Damn“, fährt es dem Einwohner Gralen Banks aus, “when the storm came in, it blew away our citizenship too?“. Wer in den umliegenden Staaten Unterkunft fand, blieb dort oft auch. Schließlich erwartete einen in New Orleans nichts, nicht einmal Aufräumarbeiten. Die setzten erst vier Monate nach Katrina ein, selbst nach einem halben Jahr fanden heimkehrende Anwohner noch Leichen in ihren Häusern. Auf deren Schaden blieben viele sitzen, waren die meisten doch gegen Hurrikans versichert, aber nicht gegen Hochwasser. Was den Versicherungen in die Karten spielte. Ungläubig reagierte daher auch der Vater von Schauspieler Wendell Pierce (The Wire, Treme): “I’ve been paying them people for 50 years“.

Die Geschichte von When the Levees Broke ist eine Geschichte des Scheiterns. Aus den Fehlern von Hurrikan Betsy hat die Regierung anschließend nichts gelernt, das US Army Corps of Engineers beim Neuaufbau der Deiche daher schlampig gearbeitet. Die Zeche musste New Orleans am 29. August 2005 bezahlen, als die Deiche dem Ansturm von Katrina nicht standhielten. Anschließend zeigten FEMA und die Bush-Regierung zu spät Präsenz vor Ort und leisteten weniger Hilfe als angesichte der Umstände, immerhin die schlimmste Naturkatastrophe aller Zeiten in den USA, notwendig gewesen wäre. “You know, somebody needs to go to jail for this“, macht Terence Blanchard seinem Ärger Luft.

Und Ärger verspürt jeder der Beteiligten, vom ehemaligen Bürgermeister Marc Morial über Radiomoderator Garland Robinette bis hin zu Betroffenen, die vor den Ruinen ihrer Häuser stehen. Einen Raum zur Rechtfertigung erhalten die Beschuldigten nur bedingt, was sicher auch damit zusammenhängt, dass sie zur Zeit von Lees Dokumentation noch in offiziellen Ämtern standen. Gleichzeitig steht außer Frage, dass die Regierung in Washington, die alte wie damals aktuelle, im Zuge von Katrina keine Freunde in New Orleans und Louisiana gewonnen hat. “These people have a long experience of being ripped off“, hatte Historiker Doug Brinkley in „Act I“ gesagt. Katrina gehört nun zu dieser Erfahrung dazu.

Was uns Spike Lee in seiner umfangreichen und vierstündigen Dokumentation auch zeigt, ist den Überlebenswillen der Einwohner von The Big Easy. Wenige Monate nach Katrina feiern sie wie gewohnt Mardi Gras, ein kulturelles Ereignis, das sie nicht missen wollen. Hier manifestiert sich ihr Leid in Galgenhumor, gerne mit T-Shirts zur Schau getragen (“Katrina, that bitch“). Mittels mannigfaltiger Interviews und Archivmaterial gelingt Spike Lee in When the Levees Broke eine gelungene Rekapitulation der damaligen Ereignisse. Was am 29. August und in den Folgetagen geschah, aber noch viel eindringlicher, wie es dazu kommen konnte und warum hinterher wenig bis nichts seitens der Regierung getan wurde.

Von den vier Akten aus Lees Requiem ist „Act II“ dabei sicherlich der Stärkste, wenn sich die Enttäuschung über die Inkompetenz der Bush-Regierung Bahn bricht und ihre Ausmaße aufgedeckt werden. Ähnliches trifft auch auf „Act IV“ zu, wenn der Film ein halbes Jahr verstreichen lässt, ohne dass sich New Orleans wirklich weiter entwickelt hat. Somit stellt When the Levees Broke einen essentiellen Rückblick auf Hurrikan Katrina dar, seine Ursachen und seine Folgen. Der Kummer, die Trauer und die Wut in Lees Dokumentation sind authentisch und nachvollziehbar. Denn über kein Unglück regt man sich mehr auf, als über eines, das hätte vermieden werden können. Und das war hier der Fall.

8/10

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