24. Juli 2015

While We’re Young [Gefühlt Mitte Zwanzig]

Are you filming this?!

Man muss nicht zwingend in seinen Vierzigern sein, um sich mit Noah Baumbachs jüngstem Werk While We’re Young – bei uns als Gefühlt Mitte Zwanzig vertrieben – identifizieren zu können. Ich selbst bin zwar gefühlt Mitte 30 und auch nicht mit Naomi Watts verheiratet, dennoch kann ich gut nachempfinden, was Baumbach hier seinen Figuren – wie bereits in Frances Ha – auf den Leib geschrieben hat. Ben Stiller und Naomi Watts spielen in While We’re Young die Eheleute Josh und Cornelia, sie Anfang, er quasi Mitte Vierzig. Alle ihre Freunde schieben inzwischen Kinderwägen durch New York und besuchen verquere Kita-Musik-Sessions. Nicht so Josh und Cornelia, die in der Vergangenheit bereits zwei Fehlgeburten zu bewältigen hatten.

Beide versuchen das Beste draus zu machen. “I like our life”, meint Josh. Wenn sie wollten, könnten sie morgen spontan nach Europa, hebt Cornelia hervor. Gut, man müsste wohl doch eher einen Monat vorplanen, räumt Josh ein. “A month is still in the realm of spontaneity”, resümiert die Gattin. Eine neue Dynamik gewinnt ihr Leben, als Dokumentarfilmer Josh in einer seiner Hochschulklassen das junge hippe Twen-Ehepaar Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) kennenlernt. Die nehmen Josh und Cornelia bald mit auf Spaziergänge durch U-Bahn-Tunnel, zu Hip-Hop-Tanzkursen oder Partys mit Halluzinogenen, Kotzkübeln und dem Blade Runner-Soundtrack. In Gesellschaft des jungen Paars fühlen sie sich nun selbst wieder jung.

Zugegebenermaßen betreibt Baumbach diesen Kontrast der Paare etwas mit der Holzhammer-Methode. Wo Cornelia ein eBook liest, blättert Darby durch ein echtes, Jamie schaut VHS-Kassetten, Josh die “Daily Show” auf seinem Smartphone, das alte Ehepaar spielt auf dem iPad, die Jungen derweil mit Brettspielen. Als den Vier ein Wort nicht einfällt, will es Josh per Handy googeln. “No, that’s too easy”, meint Darby. “Let’s try and remember it.” Vielleicht nicht zwingend ein Hipster, besticht Jamie doch neben VHS-Tapes mit einer riesigen Vinyl-Sammlung und schreibt auf einer Schreibmaschine. “It’s like their apartment is full of everything we once threw out, but it looks so good the way they have it”, bemerkt Cornelia später an einer Stelle.

Josh bewundert, wie das junge Paar im Moment lebt, weniger an Erfolg orientiert wie er selbst. Seit acht Jahren arbeitet er an seinem zweiten Dokumentarfilm, der viel zu komplex und kompliziert gerät. Entsprechend harsch fällt die Kritik seines Schwiegervaters (Charles Grodin) aus, selbst ein renommierter Dokumentarfilmer. Joshs bisherige Schnittfassung sei “a 6½ hour film that feels 7 hours too long”. Hinzu kommt, dass jene Doku-Idee, die Jamie entwickelt, sich wider Erwarten Erfolg versprechend entwickelt. Josh kämpft derweil mit Weitsichtigkeit und Arthritis. “It’s weird, you know? I’m at the age where the things you think were only going to happen when you’re older are actually happening.” Der Kinderwunsch erwacht von neuem.

Insofern ist While We’re Young gewissermaßen ein Coming-to-Age-Film, ein Abfinden mit dem eigenen Alter und dem Leben, dass dieses mit sich bringt. “You’re an old man with a hat”, wirft Josh einer seiner Freunde dessen Jugendwahn vor. Und wie sich zeigt, ist die Freundschaft der beiden Paare unterschiedlicher Generation für keines der zwei wirklich gesund, entwickelt sich doch speziell im dritten Akt des Films eine neue Dynamik zwischen den Figuren, die von Diskussionen rund um Waiting for Superman und anderen Dokumentationen inspiriert scheint. Dies wirkt jedoch etwas gezwungen und bringt nicht vollends harmonisch das zu einem Abschluss, was Baumbach in der Stunde zuvor mit viel Charme überzeugend auf die Leinwand bannte.

Etwas zwiespältig gerät da auch der Schluss, so nachvollziehbar er wohl die Katharsis der Figuren begleiten soll. Generell ist While We’re Young aber eine gelungene Komödie über das Älter sein geworden und die Zweifel, die damit einhergehen. Eine konsequente Fortführung von Baumbachs bisherigen Arbeiten wie Kicking and Screaming, Greenberg oder Frances Ha. Vermutlich dürften Zuschauer wie ich, deren Altersgenossen gerade Familien gründen und/oder Häuser bauen sich am meisten in While We’re Young und seinen Hauptfiguren wiederfinden. Aber auch „Erwachsene“ dürften an diesem jovial-juvenilen Selbstfindungstrip ihren Spaß haben, wenn sie sich noch mal wie Mitte Zwanzig fühlen wollen, selbst wenn sie bereits etwas älter sind.

7/10

18. Juli 2015

Die Top 5: Community

Cool. Cool, cool, cool.

Ted Turner sagte mal: “Just because your ratings are bigger doesn’t mean you’re better.” Und das ist wohl war – auch im Falle von Dan Harmons Sitcom Community. Jene Show über eine Volkshochschule, die wie so viele Shows jährlich um ihr Überleben kämpfte. Ähnlich wie bei Parks and Recreation war die Verlängerung um eine weitere Staffel eine jährliche Hängepartie, während die Einschaltquote sank und sank. Von 2009 bis 2015 lief Community, davon die ersten fünf Staffeln auf NBC, ehe der Sender die Serie einstellte. Aufgrund ihres Kultfaktors und treuen Fangemeinde nahm sich Yahoo der Show an und schenkte ihr 13 weitere Folgen. Der Wunsch von Harmon und der Fans (“Six seasons and a movie”) lebt somit weiter.

Seinen Anfang nahm alles in der Tatsache, dass Anwalt Jeff (Joel McHale) seinen Bachelor-Titel am Greendale Community College nachholen will. Dort macht er der Kommilitonin und politischen Aktivistin Britta (Gillian Jacobs) schöne Augen, was dann wider Willen in einer Spanisch-Lerngruppe endet. Zu dieser gehören der TV- und Filmfan Abed (Danny Pudi), der infantile High School Footballer Troy (Donald Glover), die religiöse Mutter Shirley (Yvette Nicole Brown), der alte Firmenerbe Pierce (Chevy Chase) und der Kontrollfreak Annie (Alison Brie). Aus Fremden wurden im Laufe der Zeit Freunde, die sich ihrem schrulligen Rektor, Dean Pelton (Jim Rash), und ihres wahnsinnigen Lehrers Señor Chang (Ken Jeong) erwehren müssen.

Insgesamt 110 Episoden regierte der Wahnsinn in Greendale – auch hinter den Kulissen. So musste Schöpfer Dan Harmon im vierten Jahr gehen und die Autoren David Guarascio sowie Moses Port gaben die Showrunner, ehe Harmon in Staffel 5 zurückkehrte. Dafür verließen Chase und Glover die Serie, genauso Brown im letzten Jahr. Der Community-Formel tat dies nur bedingt einen Abbruch, Harmon verstand es gekonnt, mal mit Jonathan Banks in Season 5, dann wieder mit Paget Brewster und Keith David in Season 6 der Gruppe neues Leben einzuhauchen. Solange Community in Greendale spielte, schien alles im Lot zu sein. Das College und seine inhärente Inkompetenz war der eigentliche Star in der Serie als solcher.

Was die Serie stets auszeichnete, waren ihre pop-kulturellen Anspielungen und ihre kreative Bereitwilligkeit für Konzeptepisoden – beides in der Regel von Danny Pudis Figur ausgehend. Exemplarische Episoden waren hier die Weihnachts- und Halloween-Folgen, aber auch jene Paintball-Geschichten, die der Show zu Fernsehruhm verhalfen. Community scheute sich nicht, eine ganze Folge in Claymation oder 2D-Animation zu erzählen, oder sich ganz und gar einem Kind gleich ihrer gespielten Realität hinzugeben. Hierin lag mit die enorme Kreativität der Serie begründet, die wie keine Zweite die Grenzen des Machbaren im Fernsehen auslotetet – und dabei zumeist reüssierte. Auch wenn sie dies selten konsequent durchzuhalten vermochte.

Honorable Mention: A Fistful of Paintballs (Season 2, Episode 23/Joe Russo)
Was die Show außergewöhnlich machte lobte ich seinerzeit schon in der ersten und zweiten Staffel. Jede Folge besaß zumindest ein, zwei tolle Momente – aber nur wenige waren durchgehend überdurchschnittlich. Am überzeugendsten geriet dabei die fünfte Staffel, womöglich auch deshalb, weil Harmon hier nur halb so viele Episoden zur Verfügung standen wie in den ersten drei Jahren. Somit bot sich weniger Gelegenheit, sich zu verlieren und das vorhandene Material kam gebündelter und kompakter daher. Der Serie half das wenig, mit durchschnittlich nur noch drei Millionen Zuschauern zog NBC die Reißleine – Community verabschiedete sich somit wie Parks and Recreation auf dem Höhepunkt aus dem Fernsehen (und ging ins Internet).

Auch dort funktionierte die Serie zumindest in ihren ersten und finalen Folgen weiterhin. Nicht zuletzt wegen ihrer Darsteller und deren unvergleichbarer Hingabe zu ihren Figuren und dem Konzept der Show. Insbesondere Danny Pudi, Alison Brie, Ken Jeong und Jim Rash lieferten oft schauspielerische Parforceritte ab, die ihresgleichen suchten (man denke nur an VCR Maintenance and Educational Publishing). Insofern geht der Kultfaktor von Community in Ordnung und wünscht man der Serie ihren filmischen Abschluss als letztes Hurra. Bis dahin bleibt mir nur auf die aus meiner Sicht fünf gelungensten Episoden der vergangenen sechs Jahre zurückzublicken, die mir den größten Unterhaltungswert boten:


5. Cooperative Calligraphy (Season 2, Episode 8/Joe Russo): Steht hier stellvertretend für all jene Episoden, die keine Konzeptfolgen darstellen. Als einer von Annies Kugelschreibern verschwindet, sieht sich die Gruppe gezwungen, buchstäblich blank zu ziehen, da der vermeintliche Dieb sich nicht zu erkennen geben möchte. Dabei wollen alle viel lieber zu einer Welpen-Parade. Communitys erste Bottle-Episode fördert dabei nicht nur die individuellen Charaktere der Gruppe exzellent zutage, angefangen von Annies Kontrollwahn, sondern auch verborgene persönliche Geheimnisse.

4. Geothermal Escapism (Season 5, Episode 5/Joe Russo): Der Abschied von Troy steht bevor und Abed schenkt seinem besten Freund eine Runde Hot Lava, die natürlich wieder ganz Greendale ins verspielte Chaos stürzt. Die Folge überzeugt dabei zum einen fraglos als eine Bewältigungstherapie für Abed sowie Brittas penetrantes – aber erfolgreiches – Psychologisieren, zuvorderst aber natürlich wegen der zahlreichen postapokalyptischen Referenzen à la Mad Max und Waterworld: von Changs Hook-zitierenden Locker Boys bis hin zu dem Angriff der Chair Walker auf Shirley Island.

3. Pillows and Blankets (Season 3, Episode 14/Tristram Shapeero): Als sie sich nicht einigen können, ob sie eine Kissen- oder Deckenburg bauen sollen, befeuert von John Goodmans manipulativem Vice Dean Laybourne, eskaliert der Disput zwischen Troy und Abed schließlich in eine ganz Greendale ergreifende Kissenschlacht, die in bester Manier einer PBS-Dokumentation – sogar mit Keith David als Erzählstimme – daherkommt. Gespickt mit vielen tollen Ideen wie Britta als inkompetente Kriegsfotografin, Pierce als Kissen-Doomsday-Device oder auch den diabolischen Changlorious Basterds.

2. App Development and Condiments (Season 5, Episode 8/Rob Schrab): Wie so oft ist es auch hier ein kleiner Umstand, der große Auswirkungen hat. Die Social App MeowMeowBeenz führt zu einer dystopischen Kastenbildung in Greendale, die Jeff Anreiz bietet, sich von einer 1 zur 5 hochzuschleimen, ehe er sich dann doch in einem Ego-Konkurrenzkampf mit Shirley verliert. Britta akzeptiert derweil ihre Rolle als Mustard Face Savior und Mother of Ones und startet eine Revolution, die Jeff aber schnell im Keim erstickt, weil es immerhin Samstag ist. Das Koogler-Tag bildet den krönenden Abschluss.

1. Modern Warfare (Season 1, Episode 23/Justin Lin): Wenn es um Konzept-Folgen geht, geht in Community nichts über Paintball (wie die Show selbst in der soliden Season-6-Paintball-Folge Modern Espionage bemerkt). Allesamt sehenswerte Episoden, in denen der Wahnsinn in Greendale Blüten trägt und das Ensemble sich voll ins Konzept reinhängt, ist dieser Auftakt, in dem Dean Pelton fataler Weise Erstregistrierung als Paintball-Preis auslobt, der Auftakt zu farblichem Chaos. Der Höhepunkt ist dabei die Hommage an John Woos Hard Boiled, wenn Señor Chang im Lernraum Britta und Jeff konfrontiert.

12. Juli 2015

Ant-Man

Like... a whistling. You know what I’m sayin’? To, like, blend in.

Sie haben es, bei aller Kritik an ihnen, nicht unbedingt leicht, die Joss Whedons, Alan Taylors und Co. Jene Regisseure, die ein Auge darauf haben müssen, dass Marvels Avengers-Universum im Kino sowohl aufeinander aufbaut und ineinander überleitet als auch so konstruiert zu sein, dass das Ergebnis an den Kinokassen Reibach macht. Etwas müde belächelt waren da die Pläne des Studios, nun in der so genannten Phase 2 auch noch etwas obskurere Franchises wie Guardians of the Galaxy und Ant-Man auf die Leinwand zu bringen. Dabei beweisen beide Filme, dass es auch anders geht – wenn nicht sogar besser. Gerade indem sie, über weite Strecken, einfach sie selbst sein können, anstatt nur Teil einer Abfertigungsreihe zu sein.

Wo im einen Abenteuer Waschbären und Baumwesen das Weltall retten müssen und damit zum dritterfolgreichsten Film des Jahres wurden, geht es in Ant-Man nun um einen Helden, der per Anzug auf Ameisengröße geschrumpft wird. Weitaus mehr Wirbel als um den Film an sich gab es dabei im Vorfeld um den Rücktritt von Edgar Wright vom Regieposten, nachdem er und Marvel sich wohl nicht auf Augenhöhe befanden. Stattdessen wurde Peyton Reed geholt, was wenig Gutes für Ant-Man versprach. Daher ist es umso überraschender, dass das Endresultat nicht nur ordentlich ausgefallen ist, sondern sogar zu Marvels besseren Filmen gehört. So endet deren Phase 2 nach dem grottigen Avengers: Age of Ultron doch auf einer positiven Note.

Inhaltlich geht es um die versuchte Wiederherstellung des Pym Partikels, mit dem Dr. Hank Pym (Michael Douglas) einst die Distanz zwischen Atomen beeinflusste – und so zum Ant-Man werden konnte, ehe er seinen Schrumpfanzug zu den Akten legte. Nun versucht sein ehemaliger Protegé Darren Cross (Corey Stoll) dasselbe, um entsprechende Anzüge ans Militär zu verkaufen. Was Pym und seine Tochter Hope (Evangeline Lilly) verhindern wollen. Hierfür ersucht der Wissenschaftler die Hilfe des Ex-Häftlings und Einbrechers Scott Lang (Paul Rudd). Der wiederum hat aber ganz andere Probleme, wird ihm doch der Kontakt zu seiner Tochter von deren Mutter (Judy Greer) und ihrem Polizei-Verlobten (Bobby Cannavale) untersagt.

Nunmehr soll Scott den Ant-Man-Anzug überstreifen und den Prototypen von Cross’ eigenem Anzug sowie dessen wissenschaftliche Daten zerstören, nachdem er dessen Firma infiltriert hat. Grundsätzlich erzählt Ant-Man somit eine Heist-Story, die sich weitaus näher am Genre orientiert als Guardians of the Galaxy, in dem ebenfalls verschiedene solche Elemente vorkamen. Zwei Drittel des Films beschränken sich dabei bloß auf die Vorbereitung zur Durchführung des Einbruchs in jenes Unternehmen, das einst Pym leitete, ehe ihn Cross und Hope aus dem Aufsichtsrat mobbten. Hopes Verhältnis zu ihrem Vater ist durch den Tod ihrer Mutter vorbelastet, der ähnlich wie das Pym Partikel die Distanz zwischen Hank und seinem Nachwuchs beeinflusste.

Ein verbindender Aspekt zwischen Scott und Pym – beides Väter, die das Beste für ihre Töchter im Blick haben. Und die ein vorbelastetes Verhältnis zu diesen unterhalten. Insofern sieht Pym in Scott nicht nur seinen Nachfolger als Ant-Man, sondern kann ihm zugleich die Chance auf Wiedergutmachung als Vater bieten, die ihm bei seiner Tochter lange verwehrt blieb. “To earn that look in your daughter’s eyes, to become the hero that she already thinks you are”, wie Pym den Ex-Häftling an einer Stelle überzeugt. Im Kern von Ant-Man findet sich folglich eine durchaus persönliche Geschichte von zwei nicht unähnlichen Männern, die ihre Fehler aus der Vergangenheit mit kathartischen Aktionen in der Gegenwart zu korrigieren gedenken.

Dabei ist die Gefahr, die von Widersacher Cross ausgeht, im großen Ganzen natürlich global. Weshalb Scotts erster Vorschlag auch lautet, man solle doch die Avengers alarmieren. Doch auch im Falle von Cross gibt es eine persönliche Komponente, sah Pym doch in diesem einst so etwas wie einen Ziehsohn, ehe die Beziehung zwischen beiden – ähnlich der zwischen Pym und Hope – Schaden nahm. Ein Hauch von Tony Stark und Ultron, wenn man so will. Ansonsten ist Cross jedoch ein relativ typischer Marvel-Bösewicht, motiviert von Macht, Geld und der Idee, sich die Erfindung des Gegenspielers zum eigenen Nutzen zu machen. Auch dies kennt der Zuschauer bereits von Tony Stark und dessen Gegnern aus Iron Man sowie Iron Man 2.

Generell darf man auch Ant-Man vorwerfen, dass die Skizzierung der Charaktere – selbst bei den Hauptfiguren – trotz zweistündiger Laufzeit rein oberflächlich bleibt. Mit hehren Zielen wollte Scott einst zu einer Art Robin Hood werden – und landete im Gefängnis. Das macht noch keinen Meisterdieb, selbst wenn die Figur, wie in einer Szene zum Ende des ersten Akts zu sehen ist, durchaus das Talent besitzt. Die daraus resultierende Entfremdung zur Mutter seiner Tochter wirkt insofern ebenso überzogen wie Hopes – nicht erklärte – Entscheidung, ihren Vater aus seiner eigenen Firma zu mobben, nur weil er ihr nicht die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter sagt. Und auch Pyms spätere Erläuterung dieser Umstände wirkt reichlich halbgar.

Das Drehbuch von Edgar Wright und Joe Cornish, mit Ergänzungen von Paul Rudd selbst sowie Adam McKay, beschränkt sich darauf, uns nur so viel über die Figuren zu erzählen, wie für den Verlauf der Geschichte notwendig ist. Bösewicht will Böses, Helden müssen sich vereinen und in Aktion treten. Was etwas schade ist, da der Film im Gegensatz zu anderen Marvel-Filmen doch weitaus entschleunigter daherkommt. Und sich generell in seinen besten Momenten weniger wie ein Werk vom Fließband anfühlt als schlicht wie ein gelungener Action-Spaß. Dies hängt, ähnlich wie in Guardians of the Galaxy, damit zusammen, dass die Figuren – mit Ausnahme von Hope – trotz der existierenden Gefahr dem Geschehen mit humorvoller Lockerheit begegnen.

Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Handlung durch drei weitere Schmalspurganoven ergänzt wird, von denen aber eigentlich nur Scotts ehemaliger Zellenmitbewohner Luis (Michael Peña) erwähnenswert ist. Zu dritt sind sie als Sidekicks zwar zuviel des Guten und nicht zwingend notwendig, Peyton Reed setzt den Fokus aber bewusst meist auf Peñas etwas verpeilten Luis. Der verkommt in der Folge beinahe zum heimlichen Highlight des Films, gerade dann, wenn er als Voice-over-Erzähler für Expositionen dient und sich dabei in unwichtigen Details verliert. Dass Luis allerdings ebenso wenig wie Hope zu unterschätzen ist, dürfen beide Figuren in verschiedenen Action-Situationen eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Überraschender ist dagegen schon, dass Paul Rudds bereits in den Trailer vorweggenommenen Einzeiler im Film selbst wenig bis gar nicht zünden wollen. Was am Charme der Figur und der Sympathie für diese wenig ändert, genauso wie am Humor des Films. Gerade im Schlussakt wartet Ant-Man mit ein paar wirklich gelungenen visuellen Gags auf, wie auch die finale Auseinandersetzung zwischen Cross und Scott – selbst wenn sie in ihrer Minigröße nicht immer übersichtlich gerät – mal etwas anderes aus dem sonstigen Marvel-Einheitsbrei ist. Ohnehin wirken die Action-Set-Pieces hier originärer, was auch an dem verkleinerten Umfeld und der Einbindung der verschiedenen Ameisen als Helfershelfer für Scott und Co. liegen dürfte.

Die Spezialeffekte selbst wissen zu gefallen, auch wenn sie keinen Wow-Faktor mit sich bringen. Ant-Man gehört dabei zu Marvels eher günstigeren Filmen, mit einem geringeren Budget als selbst Iron Man vor sieben Jahren. Grundsätzlich hat man schon schlechtere VFX zu selben (wenn nicht höheren) Summen gesehen. Zumindest wirkt das Gezeigte glaubwürdiger als die CGI-Dinosaurier in Jurassic World, mit dem sich Ant-Man auch den neuen Hollywood-Trend zu teilen scheint, Judy Greer als Sideline Movie Mum zu besetzen. Greer bekommt dabei weniger zu tun als ihr Film-Verlobter Bobby Cannavale oder sogar dessen von Wood “Avon Barksdale” Harris gespielter Polizei-Partner. Hier wäre – wie so oft – weniger mal wieder mehr gewesen.

Ansonsten ist Ant-Man jedoch ein kurzweiliger Action-Spaß mit netten Figuren geworden, dem es zugute kommt, dass er keine Figur an die Avengers heran- oder weiterführen muss. Selbst wenn es im Mittelteil eine Action-Szene mit Anthony Mackies Falcon gibt, die dazu dient, Paul Rudd später in das Charakter-Event Captain America: Civil War einzubinden. Wenn alle humorig angehauchten Marvel-Filme über ihre schrulligen Randfiguren so erträglich ausfallen wie Ant-Man oder Guardians of the Galaxy, dann bitte mehr davon. Und dafür weniger semi-ernste Avengers-Sülze, die lediglich auf ausufernde Actionszenen aus ist. Oder einfach Michael Peña ab sofort in jedem Marvel-Film die Ereignisse mit eigener Stimme nacherzählen lassen.

6.5/10

11. Juli 2015

Umfrage! Eure Meinung ist gewünscht

Vielleicht schon etwas später, aber besser spät als nie: Ich wollte nochmals mit einem Post auf eine aktuelle Umfrage im Blog links in der Sidebar verweisen. Dort frage ich euch als Leser, welche der zahlreichen Rubriken, die über die Jahre hier eingeführt wurden aber mal mehr mal weniger – oder im Grunde gar nicht mehr – seitdem auftauchen. Und für welche es eurer Meinung nach mal wieder Zeit wird. Bis morgen Abend läuft die Umfrage noch, vielleicht kriegen wir ja noch ein paar Stimmen mehr als die bisher 9 zusammen. Ich bedanke mich auf jeden Fall schon mal für euer Feedback.

Update: Alright, alright, alright. Schön, dass sich doch noch eine Handvoll weiterer Besucher gefunden hat, die an der Umfrage teilnahm. Mit dem Ergebnis, dass die lange stillgelegte Rubrik Vorlage vs. Film – die seinerzeit bei manchen Berliner Bloggern wenig Anklang fand – mit 30% knapp vor der Classic Scene und der Top 5 (jeweils 23%) den Vorzug erhielt. In letzterem Fall kann ich sagen, dass bereits am Wochenende eine neue Top-5-Ausgabe kommt. Die Classic Scene kann sicher auch mal wieder kommen. Und was Vorlage vs. Film angeht, werde ich mich bemühen, diese im Laufe des August wieder aufzunehmen. Falls jemand Literaturvorschläge oder -wünsche hat, kann er diese gerne in den Kommentaren äußern.

6. Juli 2015

Manhunter vs. Red Dragon

Sowas nennt man dann wohl Liebe auf den zweiten Blick. Bereits 1986 war Thomas Harris’ Roman Red Dragon in einen Spielfilm adaptiert worden. Michael Manns Manhunter war hingegen nicht gerade ein Kassenknüller, selbst wenn er positive Besprechungen erhielt. Nachdem aber sowohl The Silence of the Lambs – sogar mehrfach Oscarprämiert – und Hannibal, die beiden Filmadaptionen von Harris’ Folgeromanen beim Publikum Anklang fanden und zusammen über 600 Millionen Dolar einspielten, muhte die Cash Cow auf Hollywoods grüner Wiese. Und so machte sich Brett Ratner daran, Red Dragon erneut zu melken. Die Story ist dabei natürlich dieselbe, obschon der charakterliche Aufbau für die 2002er Version geändert wurde.

Der Fokus wurde stärker auf Anthony Hopkins’ Dr. Hannibal Lecter gelegt, jener Figur, die Harris’ vierteiliger Romanreihe ihren Anker schenken sollte. Entsprechend wurde Hopkins auch auf den Postern zum Film prominent ins Licht gerückt – obschon innerhalb der Handlung von Red Dragon lediglich eine Nebenfigur. Der Erfolg des Remakes – oder Reimaginings – hielt sich vor 13 Jahren in Grenzen. Zweifelsohne finanziell einträglicher als Manhunter 16 Jahre zuvor, lief Red Dragon in den USA seinerzeit Filmen wie Santa Clause 2 oder Manhattan Love Story hinterher. Anlass genug, für eine neue Runde „Versus“ hier im Blog: Michael Manns Manhunter oder Brett Ratners Red Dragon, welcher der beiden Filme funktioniert für sich genommen besser?

The Detective

Bei Michael Mann ist Will Graham eine von ihrer Vergangenheit gezeichnete Figur. Rauchend und trinkend muss sie zu Beginn dazu überredet werden, nochmals für einen letzten Fall zurückzukehren in jene Welt, die sie fast das Leben gekostet hat. Ungekämmt, mit Drei-Tage-Bart und dem Kleidungsstil eines wahren Geschmacks-Legasthenikers – türkisfarbene Krawatte zu Bordeauxhemd mit schwarzem Jackett – ist dieser Will Graham im Grunde fertig mit sich und mit der Welt. Entsprechend verstörend geraten jene Szenen, in denen William Petersens Figur mit sich selbst als Platzhalter für den Serienmörder spricht (“It’s just you and me now, sport”). Dieser Graham ist quasi ein ermittelndes Opfer. Hard-Boiled-Detective-Faktor: 65%

Durch die Besetzung mit Edward Norton automatisch bubenhafter kommt derweil Brett Ratners Ermittler daher. Gerne in Nahaufnahme eingefangen wirkt dieser Graham weitaus sauberer – sowohl innerlich wie äußerlich. Was in der Natur der Sache liegt, ist er doch hier nur zweite Geige für Hopkins Kannibalen, den er – man sollte es nicht glauben – im Intro zu Beginn anhand eines Kochbuchs überführt. Eine Figur als Mittel zum Zweck, ohne echtes Profil. Da passt es, dass er im Finale nicht zu Hilfe eilen darf, sondern vielmehr seine eigene, an Cape Fear anmutende, Klimax erhält. Die Selbstgespräche wirken weniger peinlich als beim Kollegen – aber vielleicht nur, weil man sie gewohnt ist. Hard-Boiled-Detective-Faktor: 35%

The Serial Killer

Es dauert 75 Minuten, ehe der Zuschauer erstmals Francis Dolarhyde zu Gesicht kriegt, jenen Familienkiller, der sich als Tooth Fairy einen Namen macht. Tom Noonan gibt einen einsam wirkenden Soziopathen, der per se schon spinnert genug wirkt, auch ohne Netzmaske über dem Gesicht. Und wäre dieser eklige Faktor Eifersucht nicht, könnte man fast glauben, der Figur stünde eine Katharsis ganz gut, wo sie nun endlich die große Liebe gefunden hat. Wirklich zu fassen, trotz des atmosphärischen Openings, kriegt man Dolarhyde bzw. Tooth Fairy jedoch nicht. Dafür ist der Charakter zu wenig präsent. Und – mit Verlaub – im Vergleich zu einem Buffalo Bill auch nicht schräg genug inszeniert. Charles-Manson-Faktor: 55%

Die Tooth Fairy als Figur spielt in der 2002er Version eine untergeordnete Rolle gegenüber Francis Dolarhyde. Der wirkt von Stimmen geplagt und als vermeintliches Muttersöhnen wie ein Mix aus Psycho und The Cell. Die Hasenscharte muss als Auszeichnungsmerkmal reichen, die Bedrohlichkeit von Ralph Fiennes’ Charakter drückt sich in akustischen Halluzinationen aus. Als Spektakel wird da dann auch das Finale inszeniert, das vermeintlich im „heldenhaften“ Suizid endet – ehe dann noch das Nachklapp-Ende zwischen Prota- und Antagonist wartet. Wo Noonan schon per se ungewöhnlich wirkt, muss Fiennes etwas mehr Arbeit investieren. Das Ergebnis ist dann aber eher Norman Bates als Ted Bundy. Charles-Manson-Faktor: 45%

The Predecessor

Wer einen Verbrecher fangen will, muss sich in einen solchen hineinversetzen – so eine klassische Trope des Genres. Entsprechend sucht Graham Serienkiller-Rat bei einem Serienkiller. “Dream much, Will?”, fragt ein gegelter Brian Cox, der mit minimalistischem Spiel maximale Ergebnisse erzielt. Er hat noch ein Huhn zu rupfen mit diesem Will Graham, dem er aber durchaus mit Respekt begegnet. Dadurch wie sehr ihre erste Begegnung dem Ermittler nahe geht – er flüchtet schließlich aus dem Gebäude – wird genug verdeutlicht, welche Vergangenheit die Figuren teilen. Später auch vorzüglich in einem Supermarkt-Zwiegespräch zwischen Graham und seinen Sohn thematisiert. Weniger ist oft mehr. Caged-Monster-Faktor: 65%

Im Grunde ist Red Dragon ein einziges Prequel-Vehikel für Anthony Hopkins’ Darstellung des kannibalistischen Therapeuten. Seine Szenen eröffnen und beschließen den Film (das Ende dabei als peinlich bemühte Überleitung zu The Silence of the Lambs gedacht), bekommt auch im Mittelteil nochmal zwei Dialogszenen mit Nortons Figur. Statt neun Minuten im Original wird so die Anwesenheit des Doktors auf 23 Minuten gestreckt – ohne dass die Figur für die Handlung wirklich dermaßen von Bedeutung wäre. Das eingangs bebilderte Schlusskapitel der Lecter-Graham-Beziehung funktioniert im Original weitaus besser. Genauso wie Hopkins’ Spiel inzwischen nur noch gestelzt und ohne rechtes Leben wirkt. Caged-Monster-Faktor: 35%

The Love Interest

Liebe ist blind – im Falle von Reba McClane ist das sogar buchstäblich zu verstehen. Die Paarung von Joan Allen und Tom Noonan überrascht zwar optisch betrachtet, immerhin aber wirkt Allens Darstellung der blinden Frau durchaus selbstbestimmt. In ihrer Beziehung zu Dolarhyde scheint sie ein Katalysator zu sein, der seinen Wahnsinn zähmen könnte – selbst wenn dies im weiteren Verlaufe nicht gelingt. Etwas überhastet wird die Beziehung der beiden allerdings im Original erzählt. Kaum lernt sie der Zuschauer kennen, geht es auch schon zum Tiger-Date und ab nach Hause zum Beischlaf. Das verleiht der Figur bei aller emanzipatorischen Selbstbestimmung dann allerdings doch etwas Billiges. Damsel-in-Distress-Faktor: 60%

Etwas weniger leicht zu haben scheint derweil Emily Watson. Das erste Süße gibt es lediglich in Tortenform auf den Teller, später dann dafür zum Heimkinoabend einen Blowjob als Nachtisch. Immerhin scheint die Wirkung der Figur in der Neuauflage so ausgelegt, dass Dolarhydes Liebe zu ihr letztlich über seinen mordlüsternen Wahnsinn obsiegt. Im Gegensatz zum Original scheint die Gefahr dafür aber im Raum zu stehen. “What do you really know about the guy?”, fragt Ralph Mandy da zurecht, ehe ihn eine Kugel aus Dolarhydes Revolver erwartet. Optisch passen Fiennes und Watson zwar etwas besser zusammen, blass bleibt die englische Darstellerin im Vergleich zu Allen aber dennoch. Damsel-in-Distress-Faktor: 40%

The Journalist

Art imitates life sagt man wohl angesichts dessen, dass Journalisten ähnlich wie Politiker und Anwälte in Filmen wie im realen Leben nicht den allzu besten Ruf haben. Da unterscheidet sich Freddy Lounds nicht sonderlich vom Rest seiner Zunft und Stephen Lang vermag in seinen wenigen Szenen durchaus den Ekelfaktor des Tabloid-Reporters gemischt mit der aus der Vergangenheit resultierenden Animosität zwischen seiner Figur und Will Graham zu bündeln. Bei Mann sehen wir die Umstände des Lounds-Graham-Fotos und später auch, wie Lounds von Dolarhyde gezwungen wird, völlig aufgelöst, eine Gegendarstellung zu seinem Artikel zu diktieren. In der Summe hat Lang somit die Nase vorn. Klatschreporter-Faktor: 60%

Noch ein paar Jahre vor seinem Oscargewinn, aber bereits als veritabler Charakterdarsteller etabliert, wirkt Philip Seymour Hoffman speziell zu Beginn wie ein gelangweilter Fremdkörper. Mit einem darstellerischen Minimalaufwand gelingt es somit auch der Figur nicht, wirklich authentisch zu wirken. Erst später, in Dolarhydes Gewahrsam, setzt bei dem inzwischen verstorbenen Lounds-Darsteller das große Spiel ein. Obschon jedoch angemerkt werden muss, dass das Flehen um das eigene Leben von Lang ebenfalls überzeugender gespielt wird. Oder vielleicht auch nur so wirkt, weil die Figur weniger eindimensional erscheint, obschon der Charakter als solcher natürlich lediglich eine Karikatur ist. Klatschreporter-Faktor: 40%

The Boss

Wenn es um Jack Crawford geht, sind beide Filme zur Abwechslung mal auf Augenhöhe. Aus der Not geboren ruft Crawford seinen alten Weggefährten Will Graham um Hilfe. Dabei durchaus mit dessen Gewissen spielend, unter Androhung, dass die Tooth Fairy sonst erneut zuschlägt. Schließlich mordet Dolarhyde im Mondzyklus und dieser steht wieder ins Haus. Dennis Farina und Harvey Keitel füllen die Rolle beide mit ausreichend Leben aus, auch wenn Farina – womöglich allein wegen seines Schnauzers – etwas mehr Charisma zu verströmen scheint. Ansonsten ist Crawford allenfalls eine Randfigur, die speziell in der zweiten Hälfte nicht mehr sonderlich ins Film-Geschehen eingebunden wird. Angry-Captain-Faktor: jeweils 50%

The Wife

Ähnliches in den Hintergrund rücken wie bei Jack Crawford würde man sicherlich auch im Falle von Molly Graham erwarten: Wills Gattin, die zu Beginn der Geschichte „Lebevoll“ sagen muss, ehe es zum Ende des zweiten Akts zu einem Wiedersehen wider Willen kommt. Die unscheinbare Kim Geist spielt die Ehefrau, die wenig wohlwollend ihren Mann zurück in den Dienst lassen muss, überzeugend. Die Besorgnis untermauert Michael Mann zudem mit wiederholten Telefonanrufen und einer gefälligen Dock-Szene zwischen den Eheleuten als Übergang in den finalen Schlussakt des Films. Zwar fällt es Geist – dir zuvor schon in Miami Vice auftrat – selbst an Ausstrahlung, ihre Rolle zumindest wird mit solcher versehen. The-Good-Wife-Faktor: 65%

Ein Pluspunkt von Red Dragon für sich ist derweil sicherlich die Besetzung von Molly Graham mit der atemberaubenden Mary-Louise Parker. Umso bedauerlicher jedoch, dass auch ihre Rolle der ausufernden Screen Time von Hopkins’ Dr. Lecter zum Opfer zu Fallen scheint. Neben einem kurzen Abschied mit Schnute zu Beginn und einer wenig gelungenen Reunion-Szene im Mittelteil taucht sie zwar in der Cape Fear-Klimax erneut kurz auf, ist allerdings nie mehr als hübsches Beiwerk für einen Film, in dem das Testosteron das Temo bestimmt. Neben Harvey Keitel und Ralph Fiennes gehört Parkers Besetzung dennoch zu den wenig geglückten der 2002er Neuverfilmung von Thomas Harris’ Roman. The-Good-Wife-Faktor: 35%

The Tone

Es besteht kein Zweifel: Manhunter ist ein 80er-Film durch und durch. Das wird nicht nur durch das Plakat oder die Schriftart und -farbe des Titel ausgedrückt, auch die Farbgebung des Films – mit Blau- und Rottönen – und Mise-en-scene gehören dazu. Will Graham sieht aus wie eine abgehalfterte Version von Sonny Crockett und wird von Mann gerne in der Totalen oder Halbtotalen eingefangen. Eigentlicher Star von Manhunter ist derweil sein Soundtrack, der Songs wie “Strong As I Am” von den Prime Movers, Shriekbacks “The Big Hush” oder “Heartbeat” von Red 7 gekonnt einsetzt, um Szenen eine eigene Ausdrucksstärke zu verleihen. Kein Wunder gilt Manhunter unter Fans als Kultfilm. Got-the-Touch-Faktor: 75%

Brett Ratners Film hingegen fehlt es an jeglicher visueller Eigenständigkeit. Red Dragon ist eine reine Auftragsarbeit, die ziemlich offensichtlich bloß den Hopkins-Lecter-Hype bedienen soll. Infolgedessen versucht sich der Film von der Farbgebung her Ridley Scotts Hannibal anzugleichen, während er vom Art Design wiederum klar die Verbindung zu The Silence of the Lambs sucht. Infolgedessen begegnen sich Graham und Lecter hier wie zuvor/später Clarice Starling, sehen wir zugleich Anthony Heald und Frankie Faison ihre Rollen aus Jonathan Demmes Klassiker wiederholen. Red Dragon fehlt es somit an einer eigenen Stimme – was bleibt, ist ein lebloser Körper, der lediglich eine bloße Fassade darstellt. Got-the-Touch-Faktor: 25%

Fazit

Am Ende ist es eine klare Sache: Manhunter reüssiert überall dort, wo Red Dragon scheitert. Die Ursachen sind vielfältig und offensichtlich: Auf der einen Seite ein talentierter Regisseur, der eine Romanvorlage mit eigener Stimme auf die Leinwand bringt, selbst wenn er dabei durchaus in seiner Zeit verhaftet wirkt. Dem gegenüber steht eine Auftragsarbeit einer Regie-Drone, die lediglich nachäfft, was andere, größere Regisseure vor ihr bereits mit Erfolg krönten. Und sich hierfür eines Ensembles bedient, das entweder unterfordert oder schlicht fehlbesetzt ist. Manhunter ist keineswegs perfekt, mit viel gutem Willen halbwegs gut, aber dennoch klar Klassen – oder 8:1 Punkte – besser als Red Dragon. Winner by knockout: Manhunter.

1. Juli 2015

Filmtagebuch: Juni 2015

AFTER EARTH
(USA 2013, M. Night Shyamalan)
4.5/10

BANDE DE FILLES [GIRLHOOD]
(F 2014, Céline Sciamma)

6/10

CLOVERFIELD
(USA 2008, Matt Reeves)
2.5/10

THE COBBLER [COBBLER: DER SCHUHMAGIER]
(USA 2014, Thomas McCarthy)

4/10

COMMUNITY – SEASON 1
(USA 2009/10, Anthony Russo/Joe Russo)
7.5/10

COMMUNITY – SEASON 2
(USA 2010/11, Joe Russo u.a.)
7.5/10

COMMUNITY – SEASON 3
(USA 2011/12, Tristram Shapeero u.a.)
7.5/10

THE DICTATOR [DER DIKTATOR]
(USA 2012, Larry Charles)

1/10

ERIN BROCKOVICH
(USA 2000, Steven Soderbergh)
7/10

FEHÉR ISTEN [UNDERDOG]
(H/D/S 2014, Kornél Mundruczó)

4/10

FRIED GREEN TOMATOES [GRÜNE TOMATEN]
(USA 1991, Jon Avnet)

6.5/10

GAME OF THRONES – SEASON 5
(USA 2015, Miguel Sapochnik u.a.)
7/10

HOJE EU QUERO VOLTAR SOZINHO [HEUTE GEHE ICH ALLEIN NACH HAUSE]
(BR 2014, Daniel Ribeiro)

6.5/10

HOT GIRLS WANTED
(USA 2015, Jill Bauer/Ronna Gradus)
5/10

KINGSMAN: THE SECRET SERVICE
(UK 2014, Matthew Vaughn)
1.5/10

JURASSIC PARK
(USA 1993, Steven Spielberg)
8.5/10

JURASSIC WORLD
(USA 2015, Colin Trevorrow)
5.5/10

LILO & STITCH
(USA 2002, Dean DeBlois/Chris Sanders)
8/10

LILTING
(UK 2014, Hong Khaou)
6/10

LOUIE – SEASON 1
(USA 2010, Louis C.K.)
7/10

MANGLEHORN
(USA 2014, David Gordon Green)
6/10

A NIGHT AT THE ROXBURY
(USA 1998, John Fortenberry)
6/10

NOTHING TO LOSE [NIX ZU VERLIEREN]
(USA 1997, Steve Oedekerk)

5.5/10

RED ARMY
(USA/RUS 2014, Gabe Polsky)
6/10

ROMY AND MICHELE’S HIGH SCHOOL REUNION
(USA 1997, David Mirkin)
5/10

SAFETY NOT GUARANTEED
(USA 2012, Colin Trevorrow)
6.5/10

SAW
(USA/AUS 2004, James Wan)
2/10

SWITCHBACK
(USA 1997, Jeb Stuart)
7/10

TALLADEGA NIGHTS: THE BALLAD OF RICKY BOBBY
[RICKY BOBBY – KÖNIG DER RENNFAHRER]
(USA 2006, Adam McKay)

6/10

TANGLED [RAPUNZEL – NEU VERFÖHNT]
(USA 2010, Nathan Greno/Byron Howard)

8/10

TOP FIVE
(USA 2014, Chris Rock)
4.5/10

VEEP – SEASON 4
(USA 2015, Becky Martin u.a.)
7.5/10

25. Juni 2015

Game of Thrones – Season Five

The gift of a great name. Sometimes that’s all one needs.

Seit vier Jahren begeistert HBO’s Game of Thrones, jene Fantasy-Adaption von George R. R. Martins Romanserie, die 1996 begann, die Zuschauer weltweit. Jüngst ging die fünfte Staffel zu Ende, womit nunmehr – erstmals – die Fernseh- wie die Romanserie inhaltlich auf derselben Höhe sind, dienen doch die Ereignisse des fünften Romans A Dance with Dragons als Vorlage für die fünfte Staffel. Als Game of Thrones seinerzeit debütierte, verfolgte ich die ersten drei Episoden, legte die Show jedoch alsbald als „Lord of the Rings fürs Pay-TV“ zu den Akten. Zufällig habe ich nun die fünfte Staffel dieses Jahr gesehen, als Einstieg in die Materie – und warum auch nicht. So bot sich mir ein Blick von außen, was vielleicht auch ganz zuträglich ist.

Nun mag man sagen, für Game of Thrones braucht es das Vorwissen – wenn schon nicht der Romane, dann doch der Vorgängerstaffeln. Andererseits lässt sich die Qualität der Serie womöglich wenn schon nicht besser, dann doch zumindest interessanter mit einer Perspektive von außen einschätzen. Zudem sich ja vielerlei Pop-Kultur im Web 2.0-Zeitalter ohnehin nicht umschiffen lässt, somit auch Außenstehende wissen, was mit dem Familienclan der Starks (Red Wedding!) geschah oder “Winter is coming” eigentlich heißt. Und grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Serie zumindest produktionstechnisch – zum Glück – zugelegt zu haben scheint seit dem ersten Jahr. Aber kann auch der Inhalt einen Serien-„Wildling“ überzeugen?

Eines der großen Probleme der Serie scheint mir die Vielzahl der Charaktere und Handlungsstränge zu sein. Nicht so sehr, weil sie mir nicht alle vertraut sind, sondern weil manche von ihnen bisweilen eher sporadisch auftauchen und wenig zu tun haben. Beispielsweise jene Sequenzen rund um Arya (Maisie Williams) in Braavos, wo die zweitjüngste Stark-Tochter bestrebt ist, im House of Black and White mit Hilfe von Jaqen H’ghar (Tom Wlaschiha) eine(r) der Faceless Men zu werden. Ein beispielhafter Handlungsstrang zugleich, um zu verdeutlichen, dass sich die Handlung aller Plotlines in der Serie sehr gestreckt anfühlt. Weitaus ausgedehnter, um das, was sie dem Zuschauer mitteilen wollen auch mitzuteilen. Weniger ist manchmal mehr.

Ähnlich verhält es sich auch mit jener Episode, die Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) nach Dorne führt, wo er seine Tochternichte zurück nach King’s Landing bringen will, die im Süden der Liebe wegen weilt. Es wirkt wie Beschäftigungstherapie für die Figur in einem Nebenstrang, der viel Lärm um nichts macht. Auch hier wird, wie andernorts in Westeros, intrigiert – in diesem Fall von Ellaria Sand (Indira Varma), die ihre Töchter Rache an der Lannister-/Baratheon-Tochter für einen Todesfall üben lassen will. Viele grimmige Gesichter, zumindest ein netter Szeneriewechsel und schließlich weiteres Drama wirken inzwischen mehr als Selbstzweck einer Serie, die sich – so hört man – das Entledigen ihrer Figuren zum Merkmal gemacht hat.

Ähnlich stagnierend erscheinen die Geschehnisse in King’s Landing, wo Cersei Lannister (Lena Headey) als Strippenzieherin selbst in jene Grube fällt, die sie für andere gegraben hat. Ihre perverse Vergangenheit holt die Königsmutter ein, als sie in die Schusslinie des High Sparrows (Jonathan Pryce) und seiner religiös-fanatischen Spatzen gerät. Womöglich erklärt Martin in seinen Romanen wieso jene – zahlenmäßig eher geringen – Fanatiker relativ tun und lassen können was sie wollen. Und infolgedessen de facto die Hauptstadt regieren. Mir scheint, das Haus Baratheon/Lannister war schon mal mächtiger, wenn hier beliebig königliches Geschlecht in Kerker geworfen und sonstige Prominenz nebenbei nonchalant ermordet wird.

Interessanter, wenn auch nicht minder in die Länge gezogen, sind da schon die Ereignisse im Norden. Der schmierige Petyr Baelish (Aidan Gillen) liefert Sansa Stark (Sophie Turner) in ihrer alten Heimat ab, überlässt sie dort den Mördern ihrer Familie und soll durch Vermählung mit diesen, namentlich Ramsay Bolton (Iwan Rheon), ihr Überleben sichern. Und die Mörder durch die Beziehung mit einem Nachkommen ihrer Vorgänger ihre Position stärken. Was folgt, sind Szenen einer Ehe, kulminierend in einem – relativ harmlos inszenierten, aber dennoch im Internet mit “shock value” wahrgenommenen – Ereignis zum Abschluss von Unbent, Unbowed, Unbroken. Glücklich, so scheint es, kann in Game of Thrones keiner der Protagonisten werden.

Schon gar nicht im Norden, wo sich das Elend die Hände reicht und Blut reicher fließt als Wasser. Als neuer Nachtwachen-Kommandeur ist Jon Snow (Kit Harington) bestrebt, die Wildlinge jenseits des Walls auf seine Seite zu bringen. “Winter is coming” und damit die Zombies. Derweil plant Stannis Baratheon (Stephen Dillane) den Sturm auf Winterfell als Zwischenstation zur Hauptstadt und den Iron Throne. Der ist auch Wunschobjekt im östlichen Essos, wo Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) Halt in Meereen macht, sich dort jedoch mit ihren eigenen Fanatikern, den Sons of the Harpy, rumschlagen muss. Da passt es, dass ihr verjagter (Ex-)Vertrauensmann Jorah Mormont (Iain Glen) mit Tyrion Lannister (Peter Dinklage) auftaucht.

Die Geschehnisse im Norden wie im Osten sind die spannenderen Dramen, die Game of Thrones erzählt. Dabei will ich zugestehen, dass manch narrative Länge auch dadurch bedingt ist, dass immer wieder die Handlung unterbrochen und nach King’s Landing, Braavos, Dorne oder sonst wo geschnitten wird. Dennoch lässt mich der Eindruck nicht los, dass viel von dem, was sich Staffel 5 zur Brust nimmt, auch zügiger hätte erzählt werden können. Sei es Cersei Lannister und der High Sparrow, Jon Snow und die Wildlinge oder Daenerys und die Zustände in Meereen. Auch, weil in jeder Handlung relativ wenig geschieht, was jedoch nicht immer etwas Schlechtes sein muss. Vielmehr liegt hierin auch eine, wenn nicht die Stärke der Show.

Faszinierend gerät die Serie oft, wenn zwei (entscheidende) Figuren das Gespräch miteinander suchen. Und sich dabei aneinander und dem Charakter oder den Idealen ihres Gegenübers aufreiben. Perfektioniert natürlich von Peter Dinklages Publikumsliebling, aber auch Aidan Gillen lässt genüsslich den ihm zugeschriebenen Text von der Zunge rollen. Game of Thrones lebt zuvorderst von den Figuren und ihrem Verhältnis zueinander. Entsprechend überzeugen die Dialoge, wie zwischen Jon Snow und Mance Rayder (Ciarán Hinds) im Staffelauftakt The Wars to Come oder Tyrion Lannister und Daenerys in Hardhome. Beide zählen mit Kill the Boy zu den herausragenden Folgen einer sonst zwar unterhaltsamen, aber wenig mitreißenden Staffel.

Zweifelsohne mag die Serie dabei für all jene, die ihr seit vier Jahren treu geblieben sind oder die Bücher kennen eine andere, intimere Rolle einnehmen. Solche Zuschauer nimmt das Schicksal von Arya vermutlich mit, genauso wie die etwaigen Tode, die insbesondere das Staffelfinale Mother’s Mercy abrunden. Für sie mag sich auch manche Situation mehr erklären, was hinter den Handlungen von Petyr Baelish steckt, wieso Daenerys Meereen so wichtig ist oder was für eine Rolle – falls überhaupt – Dorne für das größere Ganze in Westeros spielt. Wie wichtig ist der Iron Throne, wenn kleinere religiöse Gruppen wie die Faceless Men, Sparrows oder Sons of the Harpy in ihren Städten ohnehin das Geschehen regeln? Oder zu regeln scheinen.

Womöglich (vermutlich?) finden sich die Antworten in den Vorgänger-Staffeln oder der Buchreihe, ist man als Außensteher insofern doch etwas verlassen. Genauso was die emotionale Wucht angeht, die all jene Missetaten gegen lieb gewonnene Figuren oder gar deren Tod auszulösen scheint. Die einen verfluchen das in den sozialen Medien und drohen mit dem Serien-Bruch, für die anderen liegt hier ein kongeniales Spiel mit den Erwartungen. Mit Blick von außen wirkt nicht jeder Mord zwingend sinnig, eher als Schockmoment, wie man es in der Hochphase von Serien wie Lost kannte. Angesichts so mancher Figur, die im Finale – scheinbar (?) – Lebewohl gesagt hat, ist fraglich, wie ihr Handlungsstrang nun im nächsten Jahr weitergehen soll.

Ohnehin steht die Serie als solche nun vor einem Fragezeichen, wo sie jetzt auf Augenhöhe mit den Büchern ist. George R. R. Martin hofft, The Winds of Winter vor der sechsten Staffel zu publizieren, was HBO bis zum siebten und finalen Band, der womöglich erst in einigen Jahren erscheint, erzählen will, ist für mich fraglich. Grundsätzlich lässt sich nach Sichtung dieser Staffel schon eher nachvollziehen, wieso um die Serie ein derartiger Hype existiert. Selbst wenn ich diesen nicht teilen kann, obschon Game of Thrones viele Elemente besitzt, die durchaus anregend sind. Allen voran spannende (Neben-)Figuren wie Alexander Siddigs Prinz Doran Martell oder Liam Cunninghams Sir Davos. Letzterer begeistert sogar einen Außenstehenden.

7/10

19. Juni 2015

Fehér isten [Underdog]

Wir sind hier die Bestien.

Wenn man sagt, ein Land geht vor die Hunde, dann meint man dies vermutlich nicht wirklich im Sinne von Kornél Mundruczós Festival-Überraschung Fehér isten, international bekannt als White God und in Deutschland nun unter dem ungelenken Titel Underdog vertrieben. Erzählt wird darin von Hagen, einem Budapester Labradormischling, der vom Vater seiner Besitzerin Lili (Zsófia Psotta) auf der Straße ausgesetzt wird, weil dieser keine Hundehaltungsgebühr bezahlen will. Während Lili fortan gegen den Vater rebelliert und nach Hagen sucht, gerät dieser alsbald von einem „Besitzer“ zum anderen, ehe er im Tierheim landet und dort schließlich eine Rebellion der Hunde lostritt, die wie eine Welle über Budapest schwappt.

Ein Bild, mit dem Mundruczó seinen Film einleitet, wenn die uns hier noch unbekannte Lili auf ihrem Fahrrad durch verlassene Straßen fährt, während sich hinter ihr eine Horde Hunde Bahn bricht. Es hat etwas von einem Zombiefilm, dieses Intro, auch wenn Fehér isten anschließend keineswegs ins Tierhorror-Genre abdriftet. Vielmehr wird in doppelter Hinsicht eine Wiedervereinigungsgeschichte erzählt, müssen doch im Verlauf sowohl Hagen als auch Lilis Vater (Sándor Zsótér) zu dem jungen Mädchen auf ihre jeweils eigene Art und Weise zurückkehren. Eine Aufgabe, die für Vater Dániel fast noch schwieriger erscheint, wirkt seine Beziehung zu seiner Tochter doch weniger von liebevoller als von herrischer Natur geprägt.

Ohnehin bevölkern den Film meist alte, schreiende Männer, denen Autorität aus jeder Pore abgeht. Lilis Musiklehrer ist wenig besser, genauso wie die Männer, denen Hagen nach seiner Aussetzung begegnet. Die wiederum geschieht etwas überzogen schnell bereits einen Tag nachdem Dániel seine Tochter und deren Hund von seiner Ex-Frau anvertraut bekommt. Die Aggressivität der Figuren wirkt reichlich überzogen, um die Menschen zum klaren Antagonisten dieses Films zu machen. Da wundert es nicht, dass Lili ihrer „Promenadenmischung“ liebevoll begegnet und beim Anblick eines Hundehalters, der seinen Schäferhund erzieht, Hagen versichert: „Keine Angst. Das mache ich nicht mir dir.“ Seine späteren Besitzer dafür schon.

Von einem Obdachlosen kommt Hagen zu einem Hundehändler, von diesem aus landet er bei einem Kampfhund-Tierhalter. Der wiederum drillt den gutmütigen Mischling mit Steroiden und spitz geschliffenen Zähnen zum Killer. Es sind bedrückende Szenen für all jene, für die Tiere nicht bloß „Viecher“ sind. Umso faszinierender gerät Hagens Odyssee durch die Straßen von Budapest, ehe er schließlich sein Schicksal in die eigene Pfote nimmt. 200.000 Straßenhunde leben in Ungarn, heißt es zu Beginn. 274 von ihnen sind in Fehér isten zu sehen und hierbei brillant von Tiertrainer Árpád Halász für den Film abgerichtet. Die Blicke, die Reaktionen und Interaktionen der Hunde sitzen in praktisch jeder Einstellung. Vor allem Hagen beeindruckt.

Der Film tut sich jedoch keinen Gefallen, indem wir gut ein Drittel der Laufzeit nicht mit den Hunden, sondern mit Lili verbringen müssen. Die gibt sich mal renitent, dann wieder handzahm. Sucht erst nach Hagen und lässt es dann wieder sein. Es ist ein halbgares Familiendrama, das von Mundruczó entsprechend unoriginell zu einem Happy End zusammengeführt wird. Als Hinleitung zu Hagens Aussetzen wäre die übersteigerte Darstellung von Dániel noch akzeptabel gewesen, wenn Fehér isten daraufhin seinen Fokus auf die Hunde legen würde. Und wie diese wie die Primaten in Rise of the Planet of the Apes über die Stadt herziehen, um in einer Hommage zu Birds die Bevölkerung zu attackieren und Rache an Hagens Quälern zu nehmen.

Und mit der enormen Laufzeit von zwei Stunden, die dem Subplot um Lili geschuldet ist, hat sich Mundruczó keinen Gefallen getan. Vielmehr zerstört er sich über weite Strecken aufgrund seines menschlichen Elements im Film eine grundsätzlich interessante und herausragend inszenierte Prämisse. Infolgedessen geht in Fehér isten weniger das Land als der Film selbst vor die Hunde, so überzeugend, wenn auch vorhersehbar, das Finale der Geschichte letztlich ausfällt. Hier wäre durchaus mehr drin gewesen, weshalb Underdog einer der wenigen Filme ist, wo ich bei einer richtigen Herangehensweise durchaus ein US-Remake befürworten könnte. Alles was es dazu braucht, ist Trainer Árpád Halász und rund 300 Straßenhunde.

4/10

13. Juni 2015

Jurassic World

Spare no expenses.

In seinem sehenswerten Debütfilm Safety Not Guaranteed lässt Regisseur Colin Trevorrow eine Annonce seine Handlung in Gang bringen. “Wanted: Someone to go back in time with me. This is not a joke”, beginnt sie. Und endet mit dem Hinweis: “SAFETY NOT GUARANTEED.” So ähnlich könnten auch Stellenausschreibungen für Colin Trevorrows Folgefilm Jurassic World aussehen, der dritten Fortsetzung von Steven Spielbergs Jurassic Park. Da passt es, dass in einer Szene des Films der Ex-Navy-SEAL und Velociraptor-Trainer Owen (Chris Pratt) einen seiner Mitarbeiter darauf hinweist, wieso es wohl eine offene Position zu besetzen gab. Denn ähnlich wie schon vor 22 Jahren gilt für den Dinosaurier-Park erneut: Sicherheit wird nicht garantiert.

Die jüngste Fortsetzung negiert dabei die Ereignisse aus The Lost World und Jurassic Park III, präsentiert dem Zuschauer vielmehr einen inzwischen und scheinbar seit Jahren voll funktionsfähigen Themenpark als Luxusressort. Jurassic World ist nun im Besitz von Simon Masrani (Irrfan Khan), einem liebenswürdig schrulligen Milliardär, dessen erste Frage an seine Park-Managerin Claire (Bryce Dallas Howard) lautet, ob die Besucher und die Tiere glücklich seien. Und beides, so hat es den Anschein, ist wohl der Fall. Völlig begeistert ist auch Claires Neffe Gray (Ty Simpkins), der mit seinem älteren Bruder Zach (Nick Robinson) von ihren Eltern, die sich daheim um ihre Scheidung kümmern wollen, zu Claire nach Isla Nublar abgeschoben wird.

Obschon Jurassic World Gewinne abwirft, arbeiten Claire und Co. an einer neuen Attraktion, um das Besucherinteresse anzufeuern. Dinosaurier, so die Botschaft, sind zu gewöhnlichen Zoo-Tieren verkommen und begeistern von alleine kaum noch. Was durch eine in den Film-Kritiken vielzitierte Szene, in der Zach bei der T-Rex-Fütterung dieser desinteressiert den Rücken zuwendet und telefoniert, untermauert werden soll. Nur zeigt sich bei den übrigen Park-Besuchern keinerlei Abnutzungserscheinung. Gerade Grays Generation wirkt hellauf begeistert, von Infografiken über Dino-Streichelzoos und Baby-Triceratops-Reiten. Selbst Zach verfällt dabei im Laufe seines Besuchs der von John Hammond erhofften Magie des prähistorischen Parks.

Trotz alledem soll eine neue Dino-Attraktion her, ein noch nie da gewesener Saurier, genetisch aus verschiedenen Spezies von Dr. Henry Wu (BD Wong) erschaffen. Indominus Rex heißt das neue Untier, dessen Gehege auf Wunsch von Masrani durch Owen inspiziert werden soll. Der zeigt sich skeptisch ob der Ideen von Claire und wie sich zeigt auch zurecht. Kurz darauf bricht die neue Attraktion aus ihrem Käfig aus und terrorisiert den Park. Die Zuschauer werden ins Inselzentrum zurückgezogen und eine Sondereinheit ausgesandt, den Indominus Rex einzufangen. Weil aber Zach und Gray auf Abwegen selbst im Park unterwegs sind, machen sich Claire und Owen auf, die beiden Jungen zu erreichen ehe der neue Dinosaurier ihnen dabei zuvorkommt.

Soweit, so Jurassic Park. Das Original dient Trevorrow ziemlich offensichtlich als Vorlage für seinen eigenen Entwurf, obschon sich Jurassic World leider auch zur Genüge bei Jurassic Park III bedient. Was dort der Spinosaurus ist hier der Indominus Rex – eine wilde und nicht zu bändigende Bestie, die für herunterhängende Kiefer sorgen soll. Gruseliger und mehr Zähne soll die neue Attraktion haben, so die Vorgabe. Wieso, wird jedoch nicht erklärt. Wer schon mal in einem Zoo war, wird sehen, dass Elefanten, Affen und Seehunde nicht weniger Interesse erwecken als Eisbären und Löwen. Wenn Owens Kollege Barry (Omar Sy) dann später sagt, “these people, they never learn”, ist das zugleich auch die Maßgabe für Trevorrows gesamten Film.

Der Regisseur inszeniert seinen Film in gewisser Weise als Kommentar auf sich selbst, als überkandideltes Werk, das ähnlich wie der Indominus Rex größer und spektakulärer sein muss als das, was vor ihm kam, um mit den Age of Ultrons und Fury Roads mithalten zu können. Das Scheitern von Trevorrows Film liegt darin begründet, dass er selbst zu glauben scheint, dass ein Film wie Jurassic Park heute nicht mehr genauso funktionieren könne wie 1993. Statt eher sporadischem Dino-Einsatz und diesen zugleich stets in Verbindung zwischen Animatronics und VFX stammt hier nun meist alles bis auf die menschlichen Darsteller aus dem Rechner. Was im Falle des Parks als solchen sicher noch funktioniert, bei den Dinos eher weniger.

Großes Aufhebens wurde da um die Raptoren gemacht, die nun wie Löwen von Owen in Zaum gehalten werden können, da er als ihr Alpha-Tier fungiert und wie Jacob in der Twilight-Serie von Geburt an auf sie geprägt hat. Jeder Raptor, so Trevorrow und Co., hätte seine eigene Persönlichkeit und sehe unterschiedlich aus. Wovon der Zuschauer im Film selbst wenig mitbekommt, abgesehen von Beta-Tier Blue. Im Grunde haben die Raptoren – die ohnehin eine kaum erwähnenswerte Rolle spielen – noch weniger Persönlichkeit als der Indominus Rex, der als Reagenzglasprodukt Amok läuft, um seine Grenzen auszutesten. Zumindest dienen die Raptoren als Aufhänger eines Subplots rund um den InGen-Sicherheitschef Hoskins (Vincent D’Onofrio).

Der will die Tiere militarisieren und im Kampf gegen ISIS, Taliban und Co. einsetzen – was wie ein Überbleibsel von John Sayles’ seinerzeitigem Drehbuchentwurf wirkt, als Dinosaurier-Mensch-Hybriden als Soldaten dienen sollten. Sinn und Unsinn des Geschehens in Jurassic World sollte man jedoch besser nicht hinterfragen, von Letzterem gibt es gerade im letzten Drittel des Films schließlich reichlich zu sehen. Dabei gelingt es Trevorrow durchaus, zumindest zu Beginn das Flair des Originals zu evozieren. Der Park als solcher ist ein beeindruckendes Produkt und durchaus jenes, welches John Hammond damals im Kopf gehabt haben mag. Nur die Prämisse des Films will aufgrund ihrer Umsetzung eben nicht so recht überzeugen.

Eine Übersättigung seitens des Publikums ist nicht festzustellen, sogar Zach, der einzige negative Teilnehmer den wir erleben, ist vom Mosasaurus begeistert (“that was awesome”). Das Tier dürfte selbst einer der Vorgänger des Indominus Rex sein, was Claires Behauptung, man brauche alle paar Jahre eine neue Attraktion, ebenfalls Wind aus den Segeln nimmt. Dem Film gelingt es nicht, seinem Indominus Rex eine wirkliche Existenzberechtigung zu schenken, weshalb das Tier in letzter Konsequenz nicht für das Publikum von Jurassic World erschaffen wurde, sondern für das Publikum von Jurassic World. Dabei kriegt der Indominus Rex keine einzige Szene, die ansatzweise mit den T-Rex- und Raptor-Momenten aus dem Original mithalten kann.

Ähnlich verhält es sich mit dem ästhetischen Look des Films, der wohl auch aufgrund seiner übermäßigen Rückgriffe auf die Dinosaurier enorm artifiziell und übersaturiert wirkt. Die digitalen Effekte selbst überzeugen auch nur bedingt und selbst wo Animatronics zum Einsatz kommen, wirken die Szenen mehr dated als selbige des 1993er Originals. Was die Figuren angeht, kriegen diese mehr Luft zum Atmen wie im Vorfeld vielleicht zu erwarten war. Irrfan Khans Besitzer meint es gut, weiß es nur eben nicht besser. Was ihn wiederum mit Claire eint, die eine kalte Karriereperson mimt, die zwischenmenschliche Beziehungen wieder zu schätzen lernen muss. Owen selbst ist ein altkluger Recke mit dem Charme eines 80er-Jahre-Kino-Heroen.

Die Darsteller füllen ihre Figuren entsprechend ihrer Charakterisierung aus, auch der unterforderte Vincent D’Onofrio macht aus seinem Bilderbuch-Arschloch das Beste, während Jake Johnson in einer Nebenrolle als Mix aus Ray Arnold und Dennis Nedry fast schon der heimliche Star des Films ist. Die Zitate zum Original wirken zwar bemüht, sind aber gern gesehen, weil – sicher auch wegen ihres Nostalgie-Faktors – weitaus lebendiger als der Rest. Grundsätzlich hadert Jurassic World mit jenen Vorgaben, die Spielberg der Fortsetzung auferlegte: ein Amok laufender Dinosaurier, Kinderfiguren und gezähmte Raptoren. Vielleicht hätte Colin Trevorrow mit mehr eigenständiger Kreativität einen etwas weniger blutarmen Film wie diesen hinbekommen.

So bleibt am Ende ein reichlich generischer Blockbuster, der selbst innerhalb seines Franchises keine sonderlichen Akzente zu setzen vermag. Erneut geht es nach Costa Rica, auf eine Insel voller Dinosaurier. “Oooh, ahhh, that’s how it always starts”, wusste schon Ian Malcolm in The Lost World. “Then later there’s running and, um, screaming.” Das Problem von Jurassic World ist jenes, das der Film schlicht dasselbe Konzept hochwürgt wie das Original vor zwei Jahrzehnten. Nur dass es mehr Dinosaurier gibt und mehr Leute, die vor ihnen davonrennen. Wirklich etwas Neues zu erschaffen gelingt Colin Trevorrow mit Jurassic World nicht. Weshalb verständlich ist, dass er bereits einem fünften Teil absagte, um stattdessen etwas Originäres zu machen.

5.5/10

6. Juni 2015

Bande de filles [Girlhood]

«Shine bright like a diamond.»

Das Erwachsenwerden ist nicht immer leicht. Unabhängig davon, ob man nun eher zu den Jocks oder Nerds zählt. Insofern ist das Coming of Age im Film ein eigenes Genre. Erst im vergangenen Jahr begeisterte Richard Linklaters Boyhood die Kritiker wie das Publikum, gelang dem Regisseur doch weniger ein herkömmlicher Film als vielmehr die Verdichtung der Jugend. Anlehnend daran mag sich wohl der nordamerikanische Verleiher für Céline Sciammas Bande de filles (übersetzt: Mädchenclique) den Titel Girlhood überlegt haben. Und liegt dabei gar nicht so weit daneben, auch wenn die Welt der von Sciamma geschilderten Mädchen sicher sehr speziell ist. Die spielt sich nämlich primär in einer Banlieu eines Pariser Vorortes ab.

Und die wird primär von Menschen mit afrikanischen Migrationshintergrund bevölkert, darunter auch von der Familie der 16-jährigen Marieme (Karidja Touré). Ihr wird zu Beginn des Films gesagt, dass ihre Noten nicht fürs Gymnasium reichen, der Besuch einer Berufsschule wird ihr nahegelegt. Stattdessen freundet sie sich mit der Mädchengang von Lady (Assa Sylla) an, mit der sie schon bald tagsüber durch die Banlieu oder die Pariser Innenstadt zieht. “I want to be like others. Normal”, kommentierte sie zuvor ihren Wunsch, auf eine höhere Schule zu gehen. “It’s a bit too late for that”, ist die lapidare Antwort ihrer Lehrerin. Ein Entschluss, der anschließend den weiteren Lebensweg des aufgeweckten Mädchens bestimmen wird.

Marieme erscheint als eine Gefangene ihrer Umstände. Die Mutter arbeitet scheinbar zwei Jobs, die Erziehung der jüngsten Schwester Mini teilen sich Marieme und ihre Schwester. Ein Vater ist nicht vorhanden, die Rolle wird von Mariemes aggressivem älteren Bruder Djibril (Cyril Mendy) ausgefüllt. “You have to do what you want”, bleut Lady dem Cliquenneuling ein. Und Marieme will in der Tat nicht wie ihre Mutter enden, als Putzfrau nachts hinter den Leuten aufzuwischen. Selbst wenn sie mit dem halbkriminellen Leben von Lady und ihrer Gang, die Schülerinnen auf ihrem Weg zur Klasse erpressen, spätestens dann zu hadern beginnt, als ihre jüngere Schwester Bébé (Simina Soumaré) ebenfalls Teil einer eigenen Mädchengang wird.

Dabei sind Lady und Co. keineswegs bösartig, vielmehr zeigt Sciamma mehrfach, dass ihr Gehabe schlicht eine Fassade ist. Eine, die sie teils sogar innerhalb der Clique aufrecht erhalten. Bemerkenswert ist eine Szene, in der sich die Mädchen Kleider kaufen und in ein Hotelzimmer einchecken, um dort einfach zusammen zu sein – und Playback zu Rihannas “Diamond” zu singen. Dramatisch wird es nur, wenn es um den Zwist mit einer anderen Clique geht. Hier zeigt sich, dass der Respekt, der den Jugendlichen aufgrund ihres ethnischen Hintergrunds – Marieme wird in einer Boutique wegen ihrer Hautfarbe automatisch des Diebstahls bezichtigt – außerhalb der Banlieu verwehrt bleibt, von ihnen eben innerhalb ihres Viertels gesucht wird.

Als Marieme später die Anführerin einer rivalisierenden Gang in einem Kampf erniedrigt, nachdem diese zuvor dasselbe mit Lady getan hat, wird der 16-Jährigen nicht nur der Respekt im Viertel zuteil, sondern auch der von Djibril. Und gibt womöglich mit den Ausschlag dafür, dass sich Marieme mit Ismaël (Idrissa Diabaté) einlässt, einem Freund ihres Bruders, für den sie schon länger schwärmte. Sie habe für Lady gekämpft, meint Marieme nach dem Kampf etwas kleinlaut zu ihrer Anführerin. “You did it for yourself”, entblößt diese korrekt. Marieme emanzipiert sich in der Folge derart schnell, dass sie über die unausgesprochenen Gesetze und Regeln ihrer Banlieu hinaus agiert. Was wiederum entsprechende destruktive Konsequenzen mit sich bringt.

Hier, in seinem dritten Akt, beginnt sich – der von allen Beteiligten nebenbei vorzüglich gespielte – Bande de filles etwas in die Länge zu ziehen und zu verlieren. Wäre dies eine Fernsehserie, würde sich hier der Auftakt zu einer zweiten Staffel finden, so erscheint die Handlung jedoch wie ein unnötiges Anhängsel eines Schicksals, das Sciamma auch gut hätte bloß anreißen können und in einem offenen Ende ausklingen lassen. Insofern ist Bande de filles, so überzeugend er letztlich doch ausfällt, ein kleiner Rückschritt zum etwas lockerer erzählten Gender-Drama Tomboy von vor drei Jahren. Aber auch, wenn die Mädchenwelt in Céline Sciammas jüngstem Film sehr speziell ist, dürften sich dennoch viele Zuschauer streckenweise in ihr wiederfinden.

6/10

1. Juni 2015

Filmtagebuch: Mai 2015

8MM
(USA 1999, Joel Schumacher)
6/10

AT FIRST SIGHT [AUF DEN ERSTEN BLICK]
(USA 1999, Irwin Winkler)

5.5/10

THE BIG DOLL HOUSE
(USA/RP 1971, Jack Hill)
6/10

BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA
(USA 1986, John Carpenter)
6/10

BLOODLINE – SEASON 1
(USA 2015, Johan Renck/Ed Bianchi u.a.)
7/10

BROOKLYN NINE-NINE – SEASON 2
(USA 2014/15, Dean Holland u.a.)
7.5/10

THE CABIN IN THE WOODS
(USA 2012, Drew Goddard)
3.5/10

CAGED HEAT
(USA 1974, Jonathan Demme)
5/10

DARK BLUE
(USA/UK/D 2002, Ron Shelton)
5.5/10

DEAR WHITE PEOPLE
(USA 2014, Justin Simien/Adriana Serrano)
3.5/10

THE DUKE OF BURGUNDY
(USA 2014, Peter Strickland)
4/10

THE EMPEROR’S NEW GROOVE [EIN KÖNIGREICH FÜR EIN LAMA]
(USA 2000, Mark Dindal)

6.5/10

ESCAPE FROM L.A. [FLUCHT AUS L.A.]
(USA 1996, John Carpenter)

4.5/10

ESCAPE FROM NEW YORK [DIE KLAPPERSCHLANGE]
(USA/UK 1981, John Carpenter)

7.5/10

EX MACHINA
(UK 2015, Alex Garland)
5.5/10

THE GUEST
(USA/UK 2014, Adam Wingard)
9/10

A HISTORY OF VIOLENCE
(USA/D/CDN 2005, David Cronenberg)
7/10

THE INVISIBLE WAR
(USA 2012, Kirby Dick)
7.5/10

IT FOLLOWS
(USA 2014, David Robert Mitchell)
5.5/10

JOHN WICK
(USA 2014, Chad Stahelski/David Leitch)
7/10

JUSTICE LEAUGUE: DOOM
(USA 2012, Lauren Montgomery)
4.5/10

MAGGIE
(USA/CH 2015, Henry Hobson)
7.5/10

THE NEWSROOM – SEASON 3
(USA 2014, Anthony Hemingway/Alan Poul u.a.)
7/10

PANIC ROOM
(USA 2002, David Fincher)
4/10

THE RING
(USA/J 2002, Gore Verbinski)
5.5/10

THE RING 2
(USA 2005, Hideo Nakata)
4/10

SPRING
(USA 2014, Justin Benson/Aaron Moorhead)
5.5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES
(USA/HK 1990, Steve Barron)
7.5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES
(USA 2014, Jonathan Liebesman)
4/10

THE THING [DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT]
(USA 1982, John Carpenter)

8/10

THE THIN RED LINE [DER SCHMALE GRAT]
(USA 1998, Terrence Malick)

8.5/10

TURTLE POWER: THE DEFINITIVE HISTORY
OF THE TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES

(USA 2014, Randall Lobb)
5.5/10

WATERWORLD
(USA 1995, Kevin Reynolds)
7/10

X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST [X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT]
(USA/UK 2014, Bryan Singer)

6.5/10

Retrospektive: Mad Max


MAD MAX
(AUS 1979, George Miller)
7/10

MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR
[MAD MAX 2 – DER VOLLSTRECKER]
(AUS 1981, George Miller)
6/10

MAD MAX BEYOND THUNDERDOME
[MAD MAX – JENSEITS DER DONNERKUPPEL]
(AUS 1985, George Miller/George Ogilvie)
7.5/10

MAD MAX: FURY ROAD
(AUS/USA 2015, George Miller)
3/10

24. Mai 2015

Bitch Planet #1-3

Non-Compliance is not recommended.

Wenn man die zivilisierte Menschheit mit dem Aufkommen von staatlichen Gebilden gleichsetzt, ist die Menschheit gut 6.000 Jahre alt. Und dennoch wird selbst heute noch, im Jahr 2015, über Frauenquoten debattiert. Frauen sind auch in der Gegenwart dem Mann noch nicht gleichgestellt, selbst wenn seit Jahren in Deutschland eine Frau das Land führt. In anderen Ländern ist es um die Gleichstellung der Frau noch weitaus schlechter bestellt. Nun ist das Medium des Comics nicht gerade eines, in dem Feminismus weit oben auf der Themenliste steht. Weshalb eine neue Serie wie Bitch Planet von Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landro umso mehr Aufmerksamkeit erregt. Und für Kritiker zu den bisherigen Comic-Highlights von 2015 zählt.

Inspiriert von Women-in-Prison-Exploitation-Filmen wie sie Roger Corman in den 1970ern produzierte – man denke an The Big Doll House oder Caged Heat – dreht sich auch Bitch Planet um eine Haftanstalt für Frauen. Diese befindet sich auf dem so genannten Auxiliary Compliance Outpost, im Volksmund aber schlicht Bitch Planet genannt. Hierhin werden jene Frauen verbannt, die sich nicht fügsam (engl. non-compliant) geben. Beispielsweise die 42-jährige Marion Collins, deren Ehemann eine Affäre hatte. “I drove him to it”, räumt die Gattin ein. “He felt unloved.” Sie fügte sich dem Ehebetrug nicht, machte Drohungen – und wurde Richtung Bitch Planet geschickt. Ein Schicksal, das sie sich in der ersten Ausgabe mit fünf anderen Frauen teilt.

Das Bild, das DeConnick und De Landro von ihrer futuristischen Welt zeichnen, ist nach den ersten drei Ausgaben von Bitch Planet noch etwas vage für den Leser. Die Gesellschaft wird von einem Konzil so genannter “Fathers” geleitet, Frauen wiederum scheinen sich einem bestimmten Erscheinungsbild unterwerfen zu müssen, das eine übersteigerte Form unseres heutigen Schlankheitswahns darstellt. “Eat less, poop more” heißt es da eingangs als Werbereklame, auch später wird von einer Parasitic Worm Diet geschwärmt und drei Mädchen teilen sich gemeinsam einen Zucker-, Salz- und Glutenfreien Muffin, sodass jede von ihnen nur 15 Kalorien zu sich nimmt. Es ist eine Gesellschaft, aus deren Reihe man nicht tanzen sollte.

Eine der Neuankömmlinge, die fettleibige Penny Rolle, tut dies dennoch. “What have you done to yourself?”, wird sie bei ihrer Verhandlung von einem der Fathers gefragt. Mit der Versicherung: “All we want to do is help.” Dabei helfen, sie fügsamer zu machen, sie mehr in das diktierte Frauenbild zu pressen. “Obey” lautet daher eine weitere Reklame in den Straßen, die Erinnerungen an John Carpenters They Live! wachruft. Getreu Gloria Gaynor scheint sich Penny zu denken: “I am what I am.” Ihr ist die dritte Ausgabe gewidmet, die in Rückblenden der Figur einen biografischen Hintergrund schenkt, der ansonsten allenfalls angerissen wird. Ein Schema, das die Macher in jeder dritten Ausgabe für eine der Figuren umsetzen wollen.

Als Hauptfigur zeichnet sich dabei die athletische Kamau Kogo ab. Sie wird von der Bitch Planet-Leitung dazu auserkoren, ein Häftlingsteam für den Wettbewerb Duemila, auch als Megaton bekannt, zusammenzustellen. Eine Veranstaltung “to celebrate our clans” wie Father Josephson in der zweiten Ausgabe erklärt. Die sportliche Betätigung sei “a healthy channel for what could otherwise be a destructive impulse to form factions”, wird Kamau gesagt. Zugleich dient der Wettbewerb dazu, das ausgestrahlte Programm The Feed – dessen Sichtung vorgeschrieben ist – zu zieren. Dieses wiederum kämpft weniger um TV-Quoten als um Zuschauerteilnahme. “Ratings are meaningless”, so Josephson, “engagement is the measure that matters.”

Was genau Duemila/Megaton ist, wer die Clans sind, wieso genau The Feed funktioniert und was es mit dem New Protectorate auf sich hat, welches die Fathers leiten, ist nach drei Ausgaben noch unklar. Ein Hauch von Running Man zeichnet sich ab, muss jedoch zu diesem Zeitpunkt noch abgewartet werden. Wie in anderen Women-in-Prison-Exploitationern werden die Gefangenen aber auch in Bitch Planet rigoros unterdrückt und planen infolgedessen ihre Flucht – oder zumindest eine Art von Revanche. Das eint sie mit Genrefilmen wie The Big Doll House oder Caged Heat, während das bisherige Bild der Comics eher noch an ein Mash-up aus Netflix’ Orange is the New Black mit Sci-Fi-Filmen wie Stuart Gordons Fortress erinnert.

Der feministische Charakter des Comics drückt sich zuvorderst dadurch aus, dass die weiblichen Figuren sich auf Bitch Planet ebenso wenig fügsam zeigen, wie sie es wohl auf der Erde taten. Bis dahin wirken kurze Essays von Autorinnen am Ende jeder Ausgabe thematisch weitaus näher am Feminismus wie die im Comic gezeigten Elemente. Wobei auch hier betont werden sollte, dass die bisherigen drei Ausgaben (genau genommen sind es inzwischen vier) als Exposition dienen. Die Welt von Bitch Planet scheint dabei allerdings ebenso von männlichem Chauvinismus bestimmt zu sein wie von Rassismus. So wird Penny wegen ihrer Frisurenwahl kritisiert und The Feed berichtet an einer Stelle von einer interkulturellen Ehe als Verbrechen.

Entsprechend besitzen drei der scheinbar fünf weiblichen Gefängnis-Figuren einen afroamerikanischen Hintergrund, immerhin ist die Wahrscheinlichkeit in den USA, dass afroamerikanische Frauen ins Gefängnis gehen, dreimal höher als bei weißen Frauen. Insofern sind die Figuren – zumindest das, was man von ihnen bislang erfährt – interessant genug, um mit dem ebenfalls spannenden Women-in-Prison-Element Bitch Planet eine vielversprechende Zukunft zu bieten. Ob das Comic seinem feministischen Anspruch gerecht werden kann, muss an dieser Stelle jedoch noch abgewartet werden. 30 Ausgaben haben Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landro wohl geplant, folglich gibt es noch ausreichend Möglichkeiten, um sich weiter zu steigern.

7/10