19. Juli 2014

Life Itself

I’ll see you at the movies.

Für viele ist er der größte Filmkritiker aller Zeiten – diesen inoffiziellen Titel verdiente sich Roger Ebert aufgrund seiner speziellen Art, Filme zu rezipieren. Im vergangenen Jahr verlor der 70-Jährige seinen Kampf gegen Schilddrüsenkrebs und hinterließ ein großes Loch bei seiner Zeitung Chicago Sun-Times. Über 45 Jahre war er für sie als Filmkritiker tätig, gewann 1975 sogar den Pulitzer Preis für seine Arbeit. Bevor sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, plante Ebert mit Regisseur Steve James seine Autobiografie Life Itself als Dokumentation umzusetzen. In ihr werden seine journalistischen Anfänge reflektiert sowie seine Hass-Liebe zu Kollege Gene Siskel, mit dem er gemeinsam zum Filmkritiker-Gesicht der USA avancierte.

Bereits in der Schulzeit fand Ebert zum Journalismus, arbeitete als Sportreporter für die News-Gazette. “It was unspeakably romantic“, erinnert sich Ebert. Später wechselte er 1967 mit 25 Jahren an die Universität in Chicago und schrieb für die dortige Sun-Times. “And then, five months later, the film critic retired and they gave me the job“, erzählt er. Eher zufällig also kam er zu seiner größten Leidenschaft im Leben: den Filmen. “He really, really loved films“, berichtet auch Martin Scorsese, einer der Talking Heads und zugleich Produzenten von Life Itself. Ähnlich wie Werner Herzog und Errol Morris profitierte er besonders von Eberts Kritiken, ernannte dieser doch Scorseses Debüt Who’s That Knocking at My Door zum Instant Classic.

Landesweit bekannt wurde Roger Ebert aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Gene Siskel, die gemeinsam in einer Sendung neue Filmstarts besprachen. Eine interessante Konstellation, war Siskel doch der Filmkritiker von Eberts Konkurrenzblatt: der Chicago Tribune. “We were professional enemies“, erzählt Ebert. Und, dass die zwei Männer in den ersten fünf Jahren, die sie sich kannten, kaum miteinander sprachen. Dennoch stimmten beide später zu, gemeinsam vor die Kamera zu treten. Dabei konnten sie sich auch dort lange Zeit nicht riechen, wurden aber dann zu Amerikas go-to Filmkritikern, ihre “two thumbs up“ zum begehrten Qualitätssiegel. Bis Gene Siskel 1999 an einem Hirntumor starb, von dem ausschließlich seine Familie wusste.

Drei Jahre später würde bei Ebert selbst ebenfalls Krebs diagnostiziert werden, in dessen Verlauf er seinen Unterkiefer verlor. Als Folge blieb ihm ein herabhängender Hautlappen, der ihm irgendwie ein stetes Lächeln ins Gesicht zaubert. Seine Fernsehauftritte wurden danach seltener, nicht aber seine Arbeit als Kritiker. “When I am writing I am the same person I always was“, verrät er. Und Werner Herzog nennt ihn in seiner so typischen herzogschen Art “a soldier of cinema“. Ob Ebert in seinen späteren Jahren so viel weiser wirkte, weil seine Worte nun einem Sprachcomputer entstammten, sei dahingestellt. Und auch wenn Steve James’ Film nah dran am großen Filmkritiker ist, macht Life Itself ihn leider nicht wirklich greifbar.

Was genau sah er in Filmen und wie sah er sie? Was bedeutete ihm seine Beziehung zu Siskel und zu seiner großen Liebe, Ehefrau Chaz? Genauere Einblicke verschafft der Film nicht, reißt sie allenfalls an. So wird Eberts Faible für die Filme von Russ Meyer mit dessen großbrüstigen Darstellerinnen erklärt. Zu Beginn heißt es – nach einer klassischen Rekapitulation der Journalisten-Truppe, die nach Feierabend durch die Kneipe zog – plötzlich, dass Ebert im August 1979 mit dem Trinken aufhörte. “I couldn’t take it anymore.“. Wieso er Alkoholiker war und wie sich die Krankheit auf seine Arbeit oder Persönlichkeit auswirkte – man müsste es wohl wie so vieles in seiner Biografie nachlesen. Aber ob diese tatsächlich Antworten bietet?

Steve James scheint sie darin nicht gefunden zu haben. Dass Life Itself ein detaillierter Blick auf Eberts Leben und Schaffen fehlt – ein Großteil fokussiert sich ausschließlich auf Siskel & Ebert & the Movies –, könnte der gesundheitlichen Verschlechterung und dem folgenden Ableben seines Protagonisten geschuldet sein. Vollends gerecht wird die Dokumentation diesem aber nicht, auch wenn sie durchweg über ihre zweistündige Laufzeit unterhält. Dennoch ist sie zu oberflächlich, um lebendig zu werden, selbst dann, wo sie Konflikte wie zwischen Ebert und Siskel oder Richard Corliss vom Time Magazine behandelt. Im Film leiht Stephen Stanton Eberts Worten teilweise seine Stimme. Wirklich hörbar wird diese in Life Itself aber nicht.

7/10

12. Juli 2014

A League of Their Own

There’s no crying in baseball.

Im Mai dieses Jahres war es soweit. Kai Traemann, Sportchef von Bild.de, hat Frauen-Fußball geschaut – genauer: das Champions League-Finale, dass der VfL Wolfsburg gegen Tyresö gewann. „Aus Versehen“, schiebt er sogleich nach. Es kam nichts besseres im Fernsehen, auch nicht auf Eurosport, das beim Sportchef von Bild.de auf Programmplatz 51 landet. Für Traemann scheint Frauen-Fußball irgendwie ein Sport, aber halt kein richtiger. Eine Haltung, die über Fußball hinausgeht. Man jubelt, wenn die Lisicki ins Wimbledon-Finale kommt, aber dasselbe wie Djokovic gegen Nadal ist das nicht. Auf professionellen Frauen-Sport blickt man(n) seit jeher etwas herab. Mit langer Geschichte, wie Penny Marshalls A League of Their Own zeigt.

Ihren Spielfilm von 1992 basierte Marshall auf der All-American Girls Professional Baseball League, die von1943 bis 1954 in den USA bestand. Philip K. Wrigley, Kaugummi-Magnat und Besitzer der Chicago Cubs, hatte sie während des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen, weil die männlichen Baseballspieler an der Front kämpften. “The show must go on“, dachte sich Wrigley, der zugleich das mögliche Aussterben der Sportart befürchtete. Rund 600 Spielerinnen waren in den nächsten elf Jahren aktiv, in einer der ersten Profi-Sportligen für Frauen, die eine Mischung aus Baseball und Softball praktizierte. Adrett in Röcken und mit Benimmkursen ausgestattet, trugen die Damen ihren Teil zur Bewältigung der Kriegsereignisse bei.

In A League of Their Own (in Deutschland heißt der Film Eine Klasse für sich) wird aus dem Kaugummi-Magnat Wrigley der Schoko-Millionär Harvey. Er beauftragt seinen Manager Ira Lowenstein (David Strathairn) mit der Gründung einer Frauen-Baseballliga. Für diese werden die Schwestern Dottie Hinson (Geena Davis) und Kit Keller (Lori Petty) ausgewählt. Gemeinsam mit anderen Frauen wie Mae Mordabito (Madonna) und Doris Murphy (Rosie O’Donnell) bilden sie das Team der Rockford Peaches. Trainieren soll sie Jimmy Dugan (Tom Hanks), ein versoffener Ex-Profi der Cubs, der aufgrund einer selbstverschuldeten Verletzung seine Karriere beenden musste. Dugan zeigt sich allerdings wenig begeistert von seiner neuen Aufgabe.

“Girls are what you sleep with after the game, not, not what you coach during the game“, bringt dieser seine Skepsis zum Ausdruck. Ähnlich wie Kai Traemann wird Jimmy Dugan eher widerwillig mit dem Frauensport konfrontiert. Und muss, wie auch die Zuschauer, erst dessen Vorzüge erkennen. Dies geschieht über die meiste Zeit des Films hinweg mittels der Figur von Dottie. Sie ist in doppelter Hinsicht ein echter “peach“ – ein richtiger Hingucker und obendrein noch die talentierteste Spielerin im Team. Dabei ist sie nur um ihrer Schwester willen in der Liga aktiv, erwartet eigentlich sehnsüchtig die Rückkehr ihres Mannes Bob (Bill Pullman) von der Front. Damit ist sie, wie sich zeigt, nicht die einzige Spielerin.

Die Frauen lernen, mit dem Sport nicht nur für die Bevölkerung da zu sein, sondern auch füreinander. Zu einer Gemeinschaft zu werden. A League of Their Own widmet sich solcher Momente immer hier und da am Rande, ignoriert sie nicht, verliert sich jedoch auch nicht in ihnen. Da wird nebenbei der Analphabetin Shirley Baker (Ann Cusack) von Mae auf einer Fahrt zum Auswärtsspiel das Lesen beigebracht. Und die jungenhafte Marla Hooch (Megan Cavanagh) darf sich ausgerechnet über einen „Männersport“ als Frau entdecken. Dass jenseits des Atlantik ein Krieg herrscht, wird ebenfalls nicht vergessen. Dottie erwähnt in einer Szene, dass ihr Bob seit Wochen nicht geschrieben hat. Und dann gibt es plötzlich ein Kriegstelegramm.

Penny Marshall gelang mit A League of Their Own ein erfrischend „altbackener“ Film in bester Hinsicht. Heutzutage würde Hollywood Dottie wohl in ein Liebesdreieck mit Jimmy und Bob drängen, hier beschränkt sich die Beziehung von Coach und Spielerin jedoch auf gegenseitige Bewunderung. Der Fokus liegt dabei sicher auf Dottie und ihr Verhältnis zu Kit, die sie stets in den Schatten drängt. Nicht alle Peaches treten in den Vordergrund, selbst Madonna wird eher spärlich eingesetzt. Dennoch fühlt sich der Film nicht wie eine One-Woman-Show von Geena Davis an, gerade der Konflikt mit Lori Pettys Figur wirkt glaubwürdig und spannend. Im Grunde hätte man ihn sogar noch mehr in den Mittelpunkt rücken können.

Eigentlicher Star des Films – und das ist fast das Zynische – ist jedoch Tom Hanks als versiffter Verlierer, der um keinen dummen Spruch verlegen ist und am Ende wieder zu dem Mann wird, der er irgendwann mal war. Hanks zeigt seine komödiantische Klasse, die ihn in den 80ern zum Star hat werden lassen. Auch Jon Lovitz bereitet in einer Nebenrolle als sarkastischer Scout jede Menge Spaß, abseits vom Humor überzeugt A League of Their Own jedoch aufgrund seiner Emotionen. Ergreifend gerät da der Schluss, wenn die Gruppe greiser Frauen die alte Hymne ihrer Liga anstimmt, umgeben von einander und von Erinnerungsstücken, die selbst den kleinen Stilwell (Mark Holton) beim Anblick eines Fotos seiner verstorben Mutter berühren.

Wenn Jimmy Ende des zweiten Akts Dottie vom Baseball überzeugen will, ließe sich dies im Grunde auch auf das Leben an sich münzen: “It’s supposed to be hard. If it wasn’t hard, everyone would do it. The hard... is what makes it great.“ Ein Satz, der selbst auf die Qualität des Films zutrifft, auch wenn seine Umsetzung und Inszenierung vermutlich nicht allzu schwer war (selbst wenn die divenhafte Madonna seinerzeit anders darüber dachte). A League of Their Own ist eine “old school“ Sportkomödie, die unterhält und berührt. Nicht, weil ihre Figuren Frauen sind, sondern Menschen. Und wenn sich diese Sichtweise verstärkt durchsetzt, schalten Machos vielleicht irgendwann auch nicht mehr nur „aus Versehen“ Frauen-Sport-Übertragungen ein.

7.5/10

5. Juli 2014

Tim’s Vermeer

This better fucking work.

Leonardo da Vinci sagte einst, dass geniale Menschen große Werke beginnen würden, „fleißige Menschen vollenden sie“. Dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt, musste bis vergangenes Jahr auch Tim Jenison erfahren. Der US-Erfinder setzte sich 2008 in den Kopf, die Maltechnik des niederländischen Barock-Malers Jan Vermeer van Delft (1632-1675) zu untersuchen – indem er Vermeers Bild Die Musikstunde (1662-1665) unter den Voraussetzungen und mit den Mitteln des 17. Jahrhunderts reproduzieren würde. Fünf Jahre würde dieser Prozess dauern, den die beiden amerikanischen Trickkünstler und Entertainer Penn Jillette und Raymond Teller (aka Penn & Teller) in ihrer Dokumentation Tim’s Vermeer rund ein Jahr lang begleitet haben.

“I don’t know if I can do it“, gesteht Tim Jenison zu Beginn des Films. “It would be pretty remarkable if I can. Because I’m not a painter.“ Das sei wiederum nicht sonderlich dramatisch, wie Penn Jillette – der als Erzähler und Gesprächspartner fungiert, während Raymond Teller die Regie übernahm – berichtet. Denn Jenison “always had a talent to figure out how things work“. Rätsel und offene Fragen sind folglich stets eine willkommene Abwechslung, beispielsweise die, wie Jan Vermeer eigentlich seine Bilder gemalt hat. Ein wirklicher Meister für seine Ausbildung ist nicht bekannt, Röntgenbilder, so die Dokumentation, hätten zudem gezeigt, dass Vermeer seinen Bildern keine Zeichnungen zugrunde legte. Wie also hat er gemalt?

Der Forschung zufolge mittels einer Camera Obscura, also einer Lochkamera, die reelle Umgebungsbilder erzeugte. Für Tim Jenison jedoch nicht Antwort genug. Jenison, Mitbegründer der Video-Softwarefirma NewTek, glaubt, der Niederländer habe sich optische Instrumente zu Eigen gemacht. Eine Theorie, die er dadurch bestätigen will, dass er ein Bild Vermeers rekonstruiert. Und hierfür wiederum bedarf es derselben Voraussetzungen wie rund 350 Jahre zuvor. Von den 37 bekannten Bildern Vermeers wählte Jenison hierfür ein Stück aus dessen Genremalerei, die Szenen aus dem Alltag zeigten. Also nicht das populäre Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, sondern vielmehr das eher weniger bekannte Werk Die Musikstunde.

Hierzu baut Jenison den Raum nach, der die Kulisse für Vermeers Bild gab. Vom Tonkrug über die Linse für die Camera Obscura bis hin zu den Stuhlbeinen. “You just can’t buy these stupid chairs anymore“, erklärt der Amerikaner. “And I need one.“ Ein Haufen Arbeit, der sieben Monate Zeit in Anspruch nehmen und Jenison an seine Grenzen bringen wird. “This better fucking work“, zischt jener Mann an einer Stelle, der alles andere als ein gelernter Maler ist. Wichtiger als die Perfektion der Voraussetzungen ist jedoch der Beleg der Maltechnik. Jenison glaubt, Vermeer habe neben der Camera Obscura auch mit Spiegeln gearbeitet, welche die Detailschärfe verstärkten. Eine These, die in Tim’s Vermeer Stand zu halten scheint.

Die Faszination (zur Perfektion) von Jenison geht dabei durchaus auch aufs Publikum über, selbst wenn die etwas selbstgefällige Art des Protagonisten gegen Ende leicht enervierend ist. Auch wird seine Hingabe an Vermeer nicht vollends aufgedröselt. Interessiert ihn mehr die offene Frage hinter dessen Maltechnik als dessen Bilder? Generell hätten Penn & Teller mehr über den Barock-Maler erzählen können, zu dessen Bewunderern auch Salvador Dalí zählte. So bleibt es bei einem kurzen Einwurf – der nicht unterfüttert wird – zu Beginn, dass er „für manche der größte Maler aller Zeiten“ sei. Zudem hätte Tim’s Vermeer auf viele Szenen mit Penn Jillette verzichten können, da der zumindest vor der Kamera wenig beizutragen hat.

Mit welcher Präzision und Genauigkeit Tim Jenison in der Lage ist, nicht nur die Ausstattung zu bauen, sondern anschließend auch zu malen, verwundert nicht nur aufgrund seiner Aussage, nicht malen zu können. Da wohl nur wenige Menschen ebenfalls hierzu in der Lage wären, darf der Amerikaner in gewisser Weise getrost als Genie bezeichnet werden. Bedauerlich, dass er sich dessen irgendwo tief drinnen durchaus gewahr zu sein scheint, was ihm bisweilen Sympathie raubt. Dennoch ist Tim’s Vermeer eine über weite Strecken sehr gelungene Dokumentation von Tim Jenisons fünf Jahre dauernder Obsession, der es allerdings gut getan hätte, genauer auf deren Ursprünge einzugehen. So bleibt die Kunst an sich etwas auf der Strecke.

7/10

1. Juli 2014

Filmtagebuch: Juni 2014

THE 6TH DAY
(USA 2000, Roger Spottiswoode)
3.5/10

BILL AND TED’S EXCELLENT ADVENTURE
[BILL UND TED’S VERRÜCKTE REISE DURCH DIE ZEIT]
(USA 1989, Stephen Herek)

9.5/10

THE BROTHERS GRIMM
(USA/CZ/UK 2005, Terry Gilliam)
5.5/10

CABIN FEVER (3D)
(USA 2002, Eli Roth)

1.5/10

CABIN FEVER 2: SPRING FEVER
(USA 2009, Ti West)
1.5/10

CHEAP THRILLS
(USA 2014, E.L. Katz)
5/10

COLLATERAL DAMAGE
(USA 2002, Andrew Davis)
5.5/10

COMMANDO [PHANTOM-KOMMANDO]
(USA 1985, Mark L. Lester)

7.5/10

COSMOS: A SPACETIME ODYSSEY
(USA 2014, Brannon Braga u.a.)
7.5/10

END OF DAYS
(USA 1999, Peter Hyams)
2.5/10

ERASER
(USA 1996, Chuck Russell)
6/10

FARGO
(USA/UK 1996, Joel Coen/Ethan Coen)
8/10

FARGO
(USA 2014, Adam Bernstein u.a.)
7.5/10

HELL’S KITCHEN
(D 2014, N/A)
8/10

THE INCREDIBLE BURT WONDERSTONE
(USA 2013, Don Scardino)
5.5/10

JUST ONE OF THE GUYS [ALS JUNGE IST SIE SPITZE]
(USA 1985, Lisa Gottlieb)

7.5/10

THE KING OF KONG: A FISTFUL OF QUARTERS
(USA 2007, Seth Gordon)
8/10

LAST ACTION HERO
(USA 1993, John McTiernan)
6.5/10

THE LAST SAMURAI
(USA/NZ/J 2003, Edward Zwick)
6/10

THE PURGE
(USA/F 2013, James DeMonaco)
1.5/10

SPECIES
(USA 1995, Roger Donaldson)
4.5/10

SUMMER SCHOOL
(USA 1987, Carl Reiner)
9.5/10

THE SURE THING
(USA 1985, Rob Reiner)
8.5/10

TIM’S VERMEER
(USA 2013, Raymond Teller)
7/10

TWINS
(USA 1988, Ivan Reitman)
8/10

THE UNBELIEVERS
(USA 2013, Gus Holwerda)
5.5/10

VEEP – SEASON 3
(USA 2014, Chris Addison/Becky Martin u.a.)
7/10

WANTED
(USA/D 2008, Timur Bekmambetov)
0.5/10

WARGAMES [WAR GAMES – KRIEGSSPIELE]
(USA 1983, John Badham)
7/10

THE WEDDING SINGER [EINE HOCHZEIT ZUM VERLIEBEN]
(USA 1998, Frank Coraci)
6.5/10

Themenpunkt: Mars


AELITA
(SU 1924, Yakov Protazanov)
5/10

DOOM
(USA/UK/D/CZ 2005, Andrzej Bartkowiak)
5.5/10

GHOSTS OF MARS
(USA 2001, John Carpenter)
2.5/10

JOHN CARTER (3D)
(USA 2012, Andrew Stanton)

8.5/10

THE LAST DAYS ON MARS
(UK/IRL 2013, Ruairi Robinson)
5.5/10

MISSION TO MARS
(USA 2000, Brian De Palma)
5.5/10

RED PLANET
(USA/AUS 2000, Antony Hoffman)
3/10

ROBINSON CRUSOE ON MARS [NOTLANDUNG IM WELTRAUM]
(USA 1964, Byron Haskin)

3.5/10

SPECIES II
(USA 1998, Peter Medak)
3.5/10

TOTAL RECALL
(USA 1990, Paul Verhoeven)
8.5/10

26. Juni 2014

Fargo

What if you’re right and they’re wrong?

Wenn tatsächlich Filme mal einen TV-Ableger produzieren, dann in Regel einen in Animationsform. Aber auch Hits wie Ferries Bueller’s Day Off oder Highlander erhielten Fernsehformate, dass es aber eine TV-Version eines Films von Joel und Ethan Coen geben würde, war so nicht vorhersehbar. Immerhin sind die Werke der Brüder oft weitestgehend in sich abgeschlossen. Und dennoch schickte sich dieses Jahr Noah Hawley – der seine Meriten zuvor als Autor und Produzent bei Bones verdient hat – an, das coensche Kult-Meisterwerk Fargo als Miniserie umzusetzen. Die zehnteilige Serie ist nun einerseits ziemlich referentiell an den 1987er Film angelegt, zu dem sie ein Spin-off darstellt. Sie weicht jedoch auch ausreichend genug ab.

Spielte die Originalgeschichte in Minneapolis und Brainerd, Minnesota im Jahr 1987, wo der Autoverkäufer Jerry Lundegaard seine Ehefrau von zwei Schmalspurganoven aus Fargo, North Dakota entführen ließ, nur um von der schwangeren Polizeichefin Marge Gunderson überführt zu werden, setzt die Serie 19 Jahre später ein. Im Jahr 2006 treffen sich zufällig der maliziöse Verbrecher Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) und der duckmäuserische Versicherungskaufmann Lester Nygaard (Martin Freeman) in einer Krankenhaus-Notaufnahme. Und treten aufgrund von Misskommunikation eine Lawine von Ereignissen los, die in den nächsten zwölf Monaten zahlreiche Menschen – schuldige wie unschuldige – das Leben kosten wird.

Plötzlich sind Lesters nervige Ehefrau und der Polizeichef von Bemidji, Minnesota tot – und Lester der Hauptverdächtige. Zumindest wenn es nach Polizistin Molly Solverson (Allison Tolman) geht. Von deren Thesen will der neue schusselige Polizeichef Oswalt (Bob Odenkirk) aber nichts wissen. Währenddessen ist Lorne Malvo bereits weitergezogen, zu seinem nächsten Opfer. Der bibeltreue Supermarkt-Magnat Stavros Milos (Oliver Platt) wird erpresst – für Malvo der Beginn eines perfiden Psychospiels. Seine Schatten wirft er jedoch auch auf den Straßenpolizisten Gus Grimly (Colin Hanks), der einen Fehler begeht und diesen wieder korrigieren will. Und auch an Fargo und dem dortigen Mafia-Kartell gehen die Ereignisse nicht spurlos vorbei.

Die Handlung ist somit weitestgehend eine andere zwischen Fargo, der Serie und Fargo, dem Film. Dafür ähneln sich einige Figuren ziemlich stark. So ist Martin Freemans Lester Nygaard ebenso deutlich an Jerry Lundegaard angelegt wie Allison Tolmans Molly Solverson an Frances McDormands Marge Gunderson. Und wenn später zwei Auftragskiller in Person von Adam Goldberg und Russell Harvard auf den Plan treten, wirken die wie weniger schusselige Versionen von Steve Buscemi und Peter Stormare. Bob Odenkirks Polizeichef erinnert derweil mehrfach an den armen Officer Lou aus dem Original, während Billy Bob Thorntons Lorne Malvo am ehesten in Anton Chigurh aus No Country for Old Men wohl sein Vorbild findet.

Wie dieser wirkt Malvo wie das wandelnde Böse, allerdings weniger als naturell denn willentlich. Lorne Malvo ist durchtrieben und bösartig – und auch deshalb das eigentliche Highlight von Noah Hawleys Fargo. Da darf er in Tieranekdoten seinen Gegenübern subversiv drohen oder diese in teils semantische Diskussionen verwickeln (Letztere erinnern erneut an Chigurh). Billy Bob Thornton spielt die Figur dabei bis zur Perfektion, was allerdings nicht allzu bemerkenswert ist. Denn generell agiert das Ensemble von Fargo am Limit, was auch der wie so oft brillante Martin Freeman veranschaulicht. Hinzu kommen starke Leistungen aus der zweiten Reihe, seien sie von Bob Odenkirk oder Kate Walsh als verwitwete, alkoholabhängige Ex-Stripperin.

Wirkt Fargo in den ersten Folgen noch ziemlich nah – fast zu nah – am Kinofilm, beginnt sich die Show ab der Mitte glücklicherweise verstärkt zu emanzipieren. Besonders in Person von Freemans Lester Nygaard, der in bester Nietzsche-Manier solange in den Abgrund geblickt hat, bis der sich in ihm selbst breit macht. Seine Entwicklung dürfte selbst Walter White zur Pastorentochter werden lassen, wenn er mehr und mehr zu einer Art Frankensteins Monster mutiert. Hawley selbst ordnet seine Serie einem klaren Gut-Böse-Schema unter, dessen helle Seite von den Gutmenschen wie Molly Solverson, ihrem Vater und Ex-Polizisten Lou (Keith Carradine) sowie Gus Grimly und dessen Tochter Greta (Joey King) verkörpert werden.

Man kann der Serie nun durchaus vorwerfen, dass die Nebenhandlungen mit Oliver Platt sowie Adam Goldberg und Russell Harvard nicht wirklich irgendwohin führen und dafür wiederum das Ende etwas überhastet abgespult wird. Dafür gewinnen die finalen Episoden enorm an Spannung, da zwar der Ausgang an sich in gewisser Weise vorhersehbar ist, nicht jedoch,wie er zustande kommt. Bemängeln ließen sich natürlich auch die zahlreichen Referenzen und Hommagen an die Werke der Coens. Diese stören mal mehr, mal weniger. So wird Marge Gundersons Finalpredigt wiederholt wie es auch Zitate zur Restaurant- und Parkhausszene gibt. Selbst das Schlussbild hat Noah Hawley eins-zu-eins für seine Serie übernommen.

Amüsanter sind dagegen die etwas subtileren Querverweise. Beispielsweise, wenn Malvo im Finale Morton’s Fork einen Gebrauchtwagen entwendet und dessen Kennzeichen (“DLR“) mit der Kamera eingefangen wird. Oder wenn das Haus von Lesters Bruder von seinem Schnitt her an das der Lundegaards angelehnt ist. Hinzu kommt eine geniale Plansequenz in Who Shaves the Barber? – selten wurde besser veranschaulicht, dass weniger in den meisten Fällen tatsächlich mehr ist. So unterhaltsam Billy Bob Thorntons Figur aber ist, zeigen sich gerade zu Beginn bereits erste Abnutzungserscheinungen seiner Charakterzüge. Glücklicherweise emanzipiert er sich jedoch wie Lester und Molly im Verlauf der Serie etwas von ihren coenschen Vorlagen.

Insofern ist Noah Hawleys Fargo im besten Sinne coenesk, wird die Serie doch von ihren Figuren bestimmt und von deren Widrigkeiten. Zu den besten Folgen zählen wohl Who Shaves the Barber? und A Fox, a Rabbit and a Cabbage, generell ist wie angesprochen die zweite Hälfte der Serie der ersten überlegen. Fargo ist dabei nicht nur etwas für Fans der Coens und des 1987er Films, die ganzen Zitate sind allerdings eindeutig für die Coen-Heads. In seiner Summe also kann die Fernsehverwertung des zweifachen Oscarpreisträgers somit als gelungen erachtet werden. Ob es allerdings wirklich einer zweiten Staffel – die wie True Detective neu strukturiert werden soll – bedarf, sei dahingestellt. Sehenswert ist Fargo aber allemal.

7.5/10

19. Juni 2014

Summer School

Who wants gum?

Für die meisten Menschen ist Mark Harmon vermutlich schlicht: NCIS’ Leroy Jethro Gibbs. Für mich dagegen ist er seit über 25 Jahren Shoop. Genauer: Freddy Shoop. In Carl Reiners Komödie Summer School gab Harmon vor 27 Jahren einen Sportlehrer, der von Phil Gills (Robin Thomas), dem Vize-Rektor seiner Schule, zum Englischdozent für einen Ferienkurs (engl. summer school) verdonnert wurde. Dabei wollte Shoop, ein Laisser-faire-Lehrer par excellence, eigentlich mit seiner Freundin nach Hawaii. Doch die Letzten bestraft das Leben – in diesem Fall sprichwörtlich. Will Shoop eine Festanstellung an seiner High School, muss er den Ferienkurs übernehmen. Auf den hat der Sportlehrer aber genauso wenig Lust wie seine Schüler.

Summer School avancierte mit seiner simplen Prämisse letztlich in den USA zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres 1987. Mit einem Einspiel von 35 Millionen Dollar landete man knapp hinter Mel Brook’s Spaceballs, ließ dafür aber unter anderem Steven Spielbergs Empire of the Sun, Joe Dante’s Innerspace sowie den als Kult verehrten The Princess Bride hinter sich. Roger Ebert mag darüber zum Jahresende den Kopf geschüttelt haben, gab er Summer School zur damaligen Zeit doch nur einen halben Stern und warf dem Film vor, witzlos zu sein und keine Existenzberechtigung zu haben. Harte Worte, wenn man bedenkt, dass dies derselbe Kritiker ist, der Alex Proyas’ Knowing einen der besten Filme des Jahres 2009 nannte.

Grundsätzlich verdient Summer School natürlich nicht mehr oder weniger seine Existenz wie jeder andere Film. Und was man aus ihm zieht, hängt vermutlich auch davon ab, was man in ihn hineinbringt. Am Ende ist es ein Film, der alle seine Protagonisten weiterentwickelt, die Figuren ihr wahres Potential erkennen lässt. Sei es Mark Harmons Freddy Shoop, der zwar Lehrer ist, aber erst lernt, was dies wirklich heißt. Oder seien es seine Schüler, allen voran wohl der Maskenafficionado und Alkoholiker Francis Gremp (Dean Cameron), der sich lieber “Chainsaw” nennt – nach seinem Lieblingsfilm, dem Carl Reiner zu Beginn des dritten Akts sogar ganz speziell Referenz erweisen wird. Aber auch der Rest der Klasse verbessert sich.

Dabei widmet sich der Film nicht allen Schülern ausführlich, sondern lediglich einer Handvoll. Und selbst hier bleiben Figuren wie Courtney Thorne-Smith als surfende und ihrem Lehrer – in vielerlei Hinsicht ein Gleichgesinnter – verfallende Pam. Ihre Anhimmelei wird dem kathartischen Finale geopfert oder fiel vielleicht auch nur dem Schnitt zum Opfer. Dabei begeht das Filmende nicht den Fehler, zum vollkommenen Happy End zu geraten. Dass Shoop am Ende aber seine Biologie-Kollegin Robin Bishop (Kirstie Alley) aus den Fängen von Vize-Rektor Gills rettet, versteht sich in diesem Genre praktisch von selbst. Zugleich steht die Romanze jedoch hinter der Beziehung zurück, die Shoop während des Films zu seiner Klasse entwickelt.

Die Figuren sind dabei allesamt sympathisch, ihre Weiterentwicklung im Rahmen des Films glaubhaft. Witzlos ist Summer School zudem keineswegs, man darf eben nur nicht humorlos sein. Wenn im ersten Akt ein Charakter verschwindet, um im Finale wieder aufzutauchen, ist das ein kleines Highlight für sich. Aber auch eine Szene, in der eine Aushilfslehrerin mittels gorigem Make-up à la Stan Winston aus eigener Schule von den Schülern verschreckt werden soll, ist wie zuvor ein Monty Python-Zitat derselben Sparte einer der Höhepunkte dieses Films. Der wird die meiste Zeit problemlos von Mark Harmons lässig-liebevollen Shoop allein geschultert, allerdings fügen sich auch die übrigen (Jung-)Darsteller überzeugend ein.

Man könnte sagen, der Erfolg gab Carl Reiners Film – der Regisseur hat zu Beginn einen, die Handlung auslösenden, Cameo – Recht. Denn Summer School ist eine locker-leichte Schulkomödie, die im Vergleich zu heutigen Genrevertretern (beispielsweise Superbad) natürlich sehr viel handzahmer daherkommt. Aber auch das macht eben ihren Charme aus, wie ihn die (Schul-)Komödien der Achtziger à la The Sure Thing und Just One of the Guys eben besaßen. Sicherlich mit einer gewissen Portion Nostalgiebonus, aber eben auch, weil die Erinnerungen der Kindheit 15 Jahre später bestätigt wurden, ist Summer School mit Mark Harmons Shoop ein Film, den ich nicht missen will. Zumindest für mich ist das Existenzberechtigung genug.

9.5/10

12. Juni 2014

The Last Days on Mars

Oh, for fuck’s sake.

Ein Weltall-Film wäre kein Weltall-Film, wenn nicht irgendetwas schief gehen würde. Seien es Schäden am Raumschiff, gefährliche außerirdische Organismen oder durchgeknallte Crew-Mitglieder. Und gerne auch mehrere Komponenten zusammen. Insofern ist Ruairí Robinsons Sci-Fi-Horror The Last Days on Mars fraglos ein Weltall-Film. Allerdings kein sonderlich guter, andererseits jedoch auch kein wirklich schlechter. Wenn Variety’s Justin Chang resümiert, dass es sich letztlich um nichts anderes als “Red Planet of the Dead” handelt, trifft dies den Nagel im Grunde auf den Kopf. Und dennoch vermag Robinsons Debütfilm zumindest in seiner ersten Hälfte alles andere als zu enttäuschen. Nur ist da eben auch noch die zweite Hälfte.

Am Anfang steht der Abschied. Nach sechs Monaten auf der Mars-Oberfläche darf eine achtköpfige internationale Crew die Heimreise zur Erde antreten. Für manche sicherlich nicht früh genug, während andere wie Vincent Campbell (Liev Schreiber) aufgrund von Missstimmungen mit Kollegen wie Kim Aldrich (Olivia Williams) eher vom Regen in die Traufe kommen. Noch 19 Stunden verbleiben, als zwei Mann nochmals eine Expedition wagen. Den Grund finden die Übrigen schnell raus: entgegen der Ergebnisse des letzten halben Jahres scheint der Kollege doch bakterielles Leben entdeckt zu haben. Nur: Vor Ort passiert ein Unfall und als Teamleiter Brunel (Elias Koteas) nach draußen geht, will kurz darauf etwas anderes in die Mars-Station rein.

Wie dem Variety-Fazit zu entnehmen, ist The Last Days of Mars im Prinzip ein Zombie-Film auf unserem Nachbarplaneten. Durch die Bakterien wird einer der Astronauten infiziert, entwickelt sich zum aggressiven lebenden Toten. Die Seuche greift um sich und schon bald sehen sich die Figuren dezimierter und dezimierter. Und wie das so ist mit Zombie-Pandemien, wird sich um die Ursache nicht sonderlich viel geschert. Dabei handelt es sich bei diesen Mars-Zombies um wahrlich außergewöhnliche Exemplare. Die nicht nur gezielt ihren Weg finden, sondern auch Türen öffnen können – notfalls halt per Explosion. Für Campbell, Brunel, Aldrich, Rebecca Lane (Romola Garai) und Robert Irwin (Johnny Harris) beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Gerade in den ersten 45 Minuten gerät das Ergebnis durchaus spannend, atmosphärisch dicht und in gewisser Weise auch persönlich. Robinson nimmt sich Zeit, die Charaktere ein wenig vorzustellen. Zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, sei es zwischen Campbell und Lane oder Campbell und Aldrich. Auch andere Figuren werden grob angerissen, ihre Dynamik gezeigt. Aber erscheint der erste Zombie auf der Matte, ist das alles plötzlich dahin. Das Rennen und Schlagen steht im Vordergrund. Zwar nimmt sich der Film zu Beginn des finalen Akts nochmals kurz Zeit, die Figuren wieder hervorzuheben, doch folgt er bald wieder dem altbekannten Schema. Ein gewöhnlicher Zombie-Film in einem ungewöhnlichen Setting. Was schade ist.

Schade, weil irgendwann wieder nur gerannt, geschlagen und getreten wird, statt sich einfach mal Zeit zu nehmen und anders zu sein als der Einheitsbrei. Und sei es auch nur einen, in diesem Fall: den zweiten Akt, lang. Es muss ja nicht gleich in Panspermie-Sülze ausarten wie in Mission to Mars, aber etwas Neues hätte Robinson schon auftischen dürfen. So folgt The Last Days on Mars dem klassischen Abzählreim-Schema des Genres, was ihn dank der Exposition und Figurenzeichnung anschließend entsprechend vorhersehbar macht. Dass die Handlung dabei auf dem Mars spielt, ist auch relativ irrelevant und dient lediglich als Auslöser für einige Widrigkeiten, denen sich Campbell, Lane und Co. im Laufe des Films ausgesetzt sehen.

Dabei ist das Ensemble interessant zusammengestellt, rund um Schreiber, Garai, Williams und Koteas. Der Film hätte durchaus Potential gehabt, mit einer derartigen Besetzung in einem derartigen Genre und einer derartigen Location. Nur hätte er sich hierfür mehr an The Thing und weniger an Europa Report orientieren müssen. So wirkt Ruairí Robinsons Debüt etwas verschenkt, dabei startet der erste Langspielfilm des Iren vielversprechend. Bis die gefährlichen außerirdischen Organismen zu durchgeknallten Crew-Mitgliedern führen. Und damit zu zwei Komponenten des klassischen Weltall-Films. Hätte The Last Days on Mars stattdessen eine neue hinzugeführt, wäre er außergewöhnlich. So ist er aber nur ein weiterer Genre-Zombie.

5.5/10

6. Juni 2014

Fando y Lis | El Topo | The Holy Mountain

Er wird geführt als Theaterkünstler, Autor, Regisseur, Schauspieler, Musiker, schreibt Comics, sieht sich als spiritueller Guru, Zen-Meister, Pantomime und beherrscht Tarot. Für seine Fans ist Alejandro Jodorowsky kurz: ein Kult-Regisseur. Sie vergöttern seine Filme El Topo und The Holy Mountain (in Deutschland als Montana Sacra – Der heilige Berg vertrieben) – und mehr hat sich der Regisseur, so ist seinem Audiokommentar zu The Holy Mountain zu entnehmen, auch nie gewünscht. Verehrt zu werden und Filme zu erschaffen, „um die Menschheit zu verändern“. Die Menschheit hat er zwar nicht verändert, dafür aber – so lassen es positive Besprechungen vermuten – das Leben mancher Zuschauer. Gerade die hatten nun Grund zur Freude.

Denn im Frühjahr 2014 erschienen mit El Topo und The Holy Mountain endlich seine beiden größten Filme auf Blu-ray, hierzulande in einer beachtenswerten Box gemeinsam mit Jodorowskys Erstling Fando y Lis vom Label Bildstörung vertrieben. Frisch vom Index genommen zeigt sich El Topo von seiner vermeintlich besten Seite, da passt es, dass – zumindest im Ausland (und damit als Import-Option) mit The Dance of Reality nicht nur nach vielen Jahren ein neuer Film des chilenischen Surrealisten auf der Bildfläche erschien (und mit ihm das Versprechen auf ein El Topo-Sequel), sondern auch die Dokumentation Jodorowsky’s Dune Einblicke gibt, wie die Adaption von Frank Herberts Kultroman aus Jodorowsys Geist gewirkt hätte.

Fando y Lis

Nachdem Jodorowsky in Frankreich in Zusammenarbeit mit Marcel Marceau 1957 den Pantomimen-Kurzfilm La cravate gedreht hat (der ebenfalls der Bildstörung-Box beiliegt), versuchte er sich ein Jahrzehnt später mit Fando y Lis an seinem ersten Spielfilm. Dieser war wiederum eine Adaption eines Stücks von Fernando Arrabal, mit dem Jodorowsky an Performance Art arbeitete. Das Drehbuch des Auteurs war jedoch nur eine Seite lang – was Bände für den Inhalt des Films sprechen dürfte. Eine richtige Handlung ist in diesem nur rudimentär vorhanden, wenn Fando (Sergio Klainer) mit seiner halbseitig gelähmten Freundin Lis (Diana Mariscal) auf der Suche nach der sagenumwobenen Stadt Tar ist. Eine Odysee im wahrsten Sinne des Wortes.

„Falls es Tar nicht gibt, werden wir es erfinden müssen“, realisiert Lis früh, während ihre Reise das junge Paar in einen Steinbruch treibt, der zugleich Dantes Inferno und ein Spiegelbild der Welt ist. Hier trifft Fando auf Transvestiten und alte lüsterne Frauen, die mit eingelegten Pfirsichen Poker spielen. Zugleich aber auch auf seine Eltern und die Traumata, die deren Beziehung bei ihm einst hinterlassen hat. Lis bleibt dabei oftmals buchstäblich auf der Strecke, während Fando auszieht, um Erfahrungen zu machen. Er ist „fasziniert von der Verdorbenheit der Welt“, klärt Jodorowsky im Audiokommentar auf. Und diese Verdorbenheit ergreift infolgedessen auch immer mehr Besitz von Fando selbst, mit dramatischen Konsequenzen.

Jodorowsky inszeniert Fando y Lis – für den man ihm laut Audiokommentar beim Filmfestival in Acapulco töten wollte – dabei wie eben das: Performance Art. Untermalt von anachronistischer Musik herrschen surreale Bildelemente vor. Eine Jazz-Session in einer Bauruine, nur echt mit brennendem Piano als Hommage an Dalí. Für seine beiden Figuren bietet der Film quasi eine Reise zu sich selbst, dem Leiden der eigenen Kindheit. Dabei lässt der Film viel Spielraum zur Interpretation, ist eben voll und ganz Kunst, weniger Unterhaltung. Der Zuschauer wird insofern selbst zum Suchenden. „Ist das der Weg nach Tar?“, fragt Fando an einer Stelle einen Mann im Steinbruch. „Wenn du glaubst, dass er es ist, dann ist er es“, lautet dessen Antwort.

El Topo

Bereits zwei Jahre später würde der Chilene seinen bis heute berühmtesten Film drehen. Für El Topo wählte er „ein Genre, das jeder gern haben und verstehen würde“: den Western. In diesem ist die Hauptfigur ein in schwarz gekleideter Westernheld (gespielt von Jodorowsky selbst), der mit seinem nackten Sohn für Gerechtigkeit sorgt. Laut Regisseur ist El Topo ein rachsüchtiger Gott, „eine Mischung aus jüdischen Rabbis, Zorro und Elvis Presley“. Zu Beginn stößt er auf ein wahres Blutbad in einem kleinen Dorf und bringt im Alleingang die verantwortliche Mörderbande zur Strecke. Zugleich befreit er auch eine junge Frau (Mara Lorenzio), für die er seinen Sohn verstößt und die ihn schließlich in sein Verderben reißen wird.

Angeheizt, vier Meister in der Wüste zu finden und zu töten, beginnt El Topo seinen Niedergang. „Damit ich dich lieben kann, musst du der Beste sein“, sagt ihm die Geliebte. Und so merzt El Topo jene Meister aus, um schließlich selbst zum Opfer der Liebe zu werden. Nach einer spirituellen Katharsis kehrt er in einer messianischen Mission zurück – nur um erneut zu Scheitern. In El Topo vermengt Jodorowsky religiöse Elemente mit Motiven der Alchemie und des Tarot. Kabbala trifft auf C.G. Jung, mit einer Prise Jean-Luc Godard. Sinn und Zweck ist die Zerstörung des hollywoodschen Konzepts von Gut und Böse, und so wurden für die Produktion echte Pferde ausgeweidet, Raben erschossen, Insekten gegessen und Kaninchen zum Herzkollaps getrieben.

Kunst fordert eben Opfer, würde Jodorowsky vermutlich argumentieren. Und auch wenn sich sein Film offiziell in zwei Teile teilt und inoffiziell als vier Kurzfilme gedreht wurde (um die Gewerkschaft zu bescheißen), folgt er im Grunde doch einer Drei-Akt-Struktur. Zu Beginn am ehesten klassischer Western mit El Topo als Rächer, beginnt im zweiten Akt sein durch die Frau herbeigeführter Niedergang, ehe im Schlussakt die Erlösung angestrebt wird. Zugleich wird El Topo als Figur messianisch verklärt, sei es, wenn er bitteres Wasser süß macht, die Stigmata Jesu erleidet oder schließlich nach seiner „Wiederauferstehung“ auf einem Esel in die Stadt reitet. „Ich bin kein Gott, ich bin ein Mann“, rezitiert der nun bekehrte Pistolero-Christus.

Jahrelang in Deutschland indiziert wegen seiner „verrohenden Wirkung“ auf die Jugend, ist El Topo vielmehr ein surreal-spiritueller Western, der gänzlich unbedenklich ist. Der Film bietet manches nette Bild, so wie einen Armlosen, der einen Beinlosen trägt – „zwei Krüppel ergeben einen John Wayne“, wie es Jodorowsky im Audiokommentar nennt. Sein Kuddelmuddel aus Alchemie, Tarot Pantomime und Religion ist ganz nett, bisweilen jedoch etwas zäh. Vielleicht auch, weil er sich nie ganz eines seiner Elemente hingibt. „Du schießt, um dich selbst zu finden“, sagt der zweite Meister zu El Topo. „Ich, um mich zu verlieren.“ Und der Regisseur hält es vermutlich so, wie seine Figur an einer Stelle selbst resümiert: „Zu viel Perfektion ist ein Fehler.“

The Holy Mountain

Auch wenn Alejandro Jodorowsky für El Topo wohl am bekanntesten ist, gilt The Holy Mountain als sein Magnum Opus. Mit finanzieller Unterstützung von seinen Gönnern John Lennon und Yoko Ono schien es dem Film zumindest finanziell an nichts zu fehlen. Zu diesem Zeitpunkt war der Chilene bereits im New Yorker Szene-Untergrund ein gefeierter Visionär, was sein bereits ausgereiztes Ego noch weiter zu befeuert haben schien. „In meinen Filmen wollte ich immer Gott sein“, verriet der Auteur im Audiokommentar zu Fando y Lis. Sein The Holy Mountain sollte nun kein gewöhnlicher Film werden, auch nicht wirklich Kunst, vielmehr eine eigene Religion, um die Menschheit wachzurütteln, „die seit dem Mittelalter krank ist“, so der Regisseur.

Eine unverstellbare Bürde, möchte man meinen, einen Film zu erschaffen, der all das korrigiert, was die menschliche Zivilisation in einem halben Jahrhundert verbockt hat. Inspirieren ließ sich Jodorowsky erneut von der Alchemie, von Tarot, aber auch von René Daumals Mount Analogue sowie dem Konsum von LSD und halluzinogenen Pilzen. Die Handlung ist erneut frei zur Interpretation, zu Beginn wird ein christusähnlicher Dieb (Horacio Salinas) – nur echt mit zwölf Huren als Apostel inklusive einem Schimpansen – in einen Turm entsandt, wo ein Alchemist (Jodorowsky) mit ihm aus Scheiße Gold herstellen will. Denn Gold sei „das Material des Lebens“. Gesagt getan, und dennoch nur der Anfang einer spirituellen Reise.

Gemeinsam mit sieben anderen – augenscheinlich Vertretern der Planeten des Solarsystems – wird der Dieb zu einem Schüler des Alchemisten, auf ihrem Weg fernab von materiellem Besitz hin zur Erleuchtung und zur Unsterblichkeit. Der gesamte zweite Akt widmet sich dabei der Vorstellung der sieben Planetenvertreter, die bemerkenswert schräg gerät. So plant Saturn, Krieg gegen Peru zu führen und Neptun ist aus irgendwelchen Gründen ein faschistischer Polizeistaat. Wirklich klar wollen die Symbole und Metaphern einem aber auch mit dem Audiokommentar nicht recht werden, auch wenn die erschossenen Studenten zu Beginn auf eine Militärjunta und begeistert mitfilmende Touristen auf ignorante Amerikaner hindeuten.

Die Handlung steht jedoch in The Holy Mountain hinter der Kraft seiner Bilder zurück – da sind sich die überschwänglichen Kritiken fast unisono einig. Diese loben den von der Leine gelassenen Wahnsinn, die Opulenz und bei ihnen scheint Jodorowsky das erreicht zu haben, was er eigentlich mit Dune bezwecken wollte: eine LSD-Erfahrung zu erzeugen, ohne LSD nehmen zu müssen. Für Fans von visuellen Spielereien bietet der Film dann auch genug und ist dahingehend weitaus experimenteller und prätensiöser als seine beiden Vorgänger. „Es ist leicht, eine andere Welt zu betreten, wenn man es nur fest genug will“, sagt Alejandro Jodorowsky im Audiokommentar von The Holy Mountain. Was im Grunde auch sehr gut sein Schaffen beschreibt.

Blu-Ray
Fando y Lis ist nur als DVD in der Box enthalten, entsprechend fällt die Bild- und Tonqualität aus. Ein scharfer Transfer ist dagegen bei der Blu-Ray zu El Topo gelungen, allerdings auf Kosten des Filmkorns. Dennoch: So gut sah und klang der Film vermutlich noch nie. Dies lässt sich prinzipiell sicher auch über The Holy Mountain sagen, wo das Bild nicht ganz so scharf und detailreich gerät, dafür aber auch das Filmkorn nicht ausmerzt. Als Extras warten ein Doku-Feature zu Jodorowskys Person, ein Mini-Feature zu Tarot, geschnittene Szenen zu The Holy Mountain sowie die Soundtracks zu El Topo und The Holy Mountain und in zwei Booklets ein Interview-Exzerpt aus den 1970ern plus ein gut geschriebener Essay von Claus Loeser.

Darüber hinaus sind zu allen drei Filmen Audiokommentare enthalten, die fast unterhaltsamer als die eigentlichen Filme ausfallen. Und die viel über Jodorowsky Selbstverständnis aussagen. In ihrer Quintessenz wiederholen sie sich allerdings, wenn der Chilene mal um mal berichtet, wer ihn alles wegen seiner Filme lynchen wollte oder was er alles lange vor seiner Zeit voraus gesehen hat (unter anderem die Glaubenskriege unserer Zeit, Roboter und das Internet). Amüsant ist es aber allemal, wenn er Sigmund Freud und Buddha (!) als „Idioten“ bezeichnet und davon erzählt, wie er als Kind in Chile den Penis eines toten Matrosen beerdigte oder über Supermans Sexleben sinniert. Für Jodorowsky-Fans ist diese Bildstörung-Box fraglos ein Muss.

1. Juni 2014

Filmtagebuch: Mai 2014

24 - SEASON 1
(USA 2001/02, Stephen Hopkins u.a.)
7/10

AVATAR (3D)
(USA/UK 2009, James Cameron)
7.5/10

AVENGERS CONFIDENTIAL: BLACK WIDOW & PUNISHER
(USA/J 2014, Shimizu Kenichi)
5.5/10

BAIT [BAIT 3D - HAIE IM SUPERMARKT] (3D)
(AUS/SGP 2012, Kimble Rendall)

4.5/10

THE BIG BANG THEORY - SEASON 7
(USA 2014, Mark Cendrowski u.a.)
7/10

CABIN FEVER: PATIENT ZERO
(USA 2014, Kaare Andrews)
1.5/10

CASA DE MI PADRE
(USA 2012, Matt Piedmont)
6/10

THE CRASH REEL
(USA 2013, Lucy Walker)
7.5/10

FANDO Y LIS
(MEX 1968, Alejandro Jodorowsky)
4.5/10

GODZILLA (3D)
(USA/J 2014, Gareth Edwards)

4/10

GOJIRA [GODZILLA]
(J 1954, Honda Ishirô)

8/10

THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY
[DER HOBBIT – EINE UNERWARTETE REISE]
(USA/NZ 2012, Peter Jackson)

0.5/10

THE HOBBIT: THE DESOLATION OF SMAUG
[DER HOBBIT – SMAUGS EINÖDE]
(USA/NZ 2013, Peter Jackson)

0/10

THE HOLY MOUNTAIN [DER HEILIGE BERG]
(MEX/USA 1973, Alejandro Jodorowsky)

2.5/10

HULK
(USA 2003, Ang Lee)
7/10

I KNOW THAT VOICE
(USA 2013, Lawrence Shapiro)
5/10

THE INSTITUTE
(USA 2013, Spencer McCall)
5.5/10

KIDS FOR CASH
(USA 2014, Robert May)
6/10

KISS OF DEATH
(USA 1995, Barbet Schroeder)
5.5/10

MOEBIUSEU [MOEBIUS, DIE LUST, DAS MESSER]
(ROK 2013, Kim Ki-duk)

4/10

MONONOKE-HIME [PRINZESSIN MONONOKE]
(J 1997, Miyazaki Hayao)

8/10

MONSTERS
(USA 2010, Gareth Edwards)
5.5/10

MOSURA TAI GOJIRA [GODZILLA UND DIE URWELTRAUPEN]
(J 1964, Honda Ishirô)

6.5/10

OMAR
(PSE 2013, Hany Abu-Assad)
6.5/10

THE PUNISHER [EXTENDED VERSION]
(USA/D 2004, Jonathan Hensleigh)

5.5/10

PUNISHER: WAR ZONE
(USA/CDN/D 2009, Lexi Alexander)
3.5/10

SAN DAIKAIJŪ: CHIKYŪ SAIDAI NO KESSEN
[FRANKENSTEINS MONSTER IM KAMPF GEGEN GHIDORAH]
(J 1964, Honda Ishirô)

4/10

SCARY MOVIE 2
(USA/CDN 2001, Keenen Ivory Wayans)
6/10

SPIDER-MAN 2
(USA 2004, Sam Raimi)
8.5/10

SPIDER-MAN 3
(USA 2007, Sam Raimi)
7/10

TONARI NO TOTORO [MEIN NACHBAR TOTORO]
(J 1988, Miyazaki Hayao)

9.5/10

EL TOPO
(MEX 1970, Alejandro Jodorowsky)
6/10

THE TRIP TO ITALY
(UK/I 2014, Michael Winterbottom)
7.5/10

TURISTAS
(USA 2006, John Stockwell)
4.5/10

Retrospektive: X-Men


X-MEN
(USA 2000, Bryan Singer)
7/10

X2 [X-MEN 2]
(USA/CDN 2003, Bryan Singer)

8/10

X-MEN: THE LAST STAND [X-MEN – DER LETZTE WIDERSTAND]
(USA/CDN/UK 2006, Brett Ratner)

4/10

X-MEN ORIGINS: WOLVERINE
(USA/CDN/UK 2009, Gavin Hood)
3/10

X-MEN: FIRST CLASS [X-MEN: ERSTE ENTSCHEIDUNG]
(USA/UK 2011, Matthew Vaughn)

5.5/10

THE WOLVERINE [WOLVERINE: WEG DES KRIEGERS]
(USA/UK 2013, James Mangold)

6/10

X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST (3D)
[X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT]
(USA/UK 2013, Bryan Singer)

6.5/10

27. Mai 2014

Saga – Vol. I-III

Hush. Let them geek out.
(Chapter 14)


Sequels, Prequels, Reboots – die Filmlandschaft scheint verseucht vom Wahn, Franchises zu melken, bis sie nur noch Haut und Knochen sind. Besonders populär sind Comicverfilmungen, weshalb es irgendwie nicht verwundern mag, dass die Seuche auch im Printbereich grasiert. So produziert Marvel aktuell parallel Uncanny Avengers, Mighty Avengers und Avengers, ebenso wie ein Wolverine-Comic, ein Wolverine & the X-Men-Comic sowie X-Men, Amazing X-Men und Uncanny X-Men. Fans von X-Men wird es freuen, wer gerne etwas Originäres hätte, kann zumindest auf das pop-kulturelle Sci-Fi-Fantasy-Werk Saga zurückgreifen, die aktuelle Comic-Serie von Y: The Last Man-Schöpfer Brian K. Vaughan und Fiona Staples.

Darin vermischt Vaughan nach eigener Aussage Elemente von Star Wars und The Lord of the Rings mit einem Drama, das an Romeo and Juliet erinnert. Geflügelte Wesen des Planeten Landfall befinden sich in einem Krieg mit gehörnten Bewohnern ihres Mondes Wreath. Ausgefochten wird der Konflikt fernab in anderen Sternsystemen, beispielsweise auf dem Planet Cleave (dt. spalten). Dort trifft die Landfall-Gefreite Alana in einem Internierungscamp auf den inhaftierten Wreath-Krieger Marko, beide verlieben sich, flüchten, heiraten und zeugen in Hazel eine gemeinsame Tochter. Ein Umstand, den keine der beiden Seiten öffentlich bekannt wissen will. Weswegen die beteiligten Parteien jeweils Jagd auf Alana, Marko und ihr Kind machen.

Landfall schickt vom Kriegskoalitionspartner Prince Robot IV, der eigentlich lieber daheim bei seiner schwangeren Gemahlin wäre. Wreath hingegen hat mehrere Kopfgeldjäger angeheuert, allen voran The Will inklusive Sidekick Lying Cat. Aber auch die kaltblütige The Stalk, die wie es der Zufall so will The Will’s Ex-Partner ist. In doppelter Hinsicht. Alana und Marko läuft die Zeit davon, Cleave zu verlassen, ehe sie ihre Gegner ausfindig machen. Ihr Weg soll sie auf den Planeten Quietus führen, wo in D. Oswald Heist jener Autor lebt, dessen Pulp-Romanze das ungleiche Paar im Kriegsgefangenenlager vereinte: “A Night Time Smoke”. Dumm nur, dass sich plötzlich nicht nur Markos Eltern einschalten, sondern in Gwendolyn auch seine Ex-Verlobte.

Damit wäre im Groben die Handlung umrissen, welche die ersten drei komprimierten Bände von Saga ausmacht. In deren Mittelpunkt steht dabei die junge Elternschaft von Alana und Marko - und das nicht von ungefähr. Denn auch wenn Vaughan das Konzept von Saga bereits in seiner Jugend erdachte, entwickelte er die eigentliche Geschichte des Comics erst, als seine Frau mit ihrer zweiten Tochter schwanger war. Insofern erzählt Saga eine Geschichte von Elternschaft – als Teil eines großen Ganzen. “If there’s an opposite of a honeymoon”, schreibt Vaughan über Alana und Marko in Chapter 2, “it’s the week after a couple’s first child is born”. Aber natürlich ist die Belastung des ersten gemeinsamen Kindes nicht genug.

“It was a time of war”, erklärt Hazel zu Beginn. “Isn’t it always?” Sie begleitet die Handlung gelegentlich als Erzählerin und verrät uns: “I started out as an idea, but I ended up something more”. Immerhin könnte sie, das Produkt der Liebe zwischen zweier verfeindeter Parteien, doch als Symbol für einen möglichen Frieden gelten. Insofern mag hinter dem Bestreben beider Rassen, die junge Familie auszumerzen, mehr stecken, als in den ersten Bänden von Saga durchscheint. Familien jedenfalls stehen bislang im Fokus, nicht nur die rund um Hazel. Auch Einblicke in Markos Kindheit werden geschenkt, während die sich anbahnende Familie von Prince Robot IV bereits angesprochen wurde. Auch The Will hat mit zerrütteten Familien zu tun.

Denn statt mit seinem eigentlich Auftrag verliert er sich relativ bald in einem Nebenplot, der ihn auf die Amüsiermeile Sextillion verschlägt, wo er eine minderjährige Prostituierte namens Slave Girl befreit. Der Umgang mit und die Fürsorge um das Mädchen verleihen sowohl The Will als auch Lying Cat (eine Katze, die Lügen identifiziert) einen sympathischen Touch, ebenso wie die verblichene Romanze zwischen dem Kopfgeldjäger und The Stalk Letztere etwas menschlicher macht. Was angesichts ihres Daseins als armlose Spinnenfrau umso beachtlicher ist. Derartige Identifikationsmöglichkeiten haben sich für den bislang stoisch-kalten Prince Robot IV nicht aufgetan. Wie generell die Beteiligung seines Königshauses am Kriegskonflikt offen bleibt.

Vermutlich hat Vaughan viele Elemente von Saga bisher nur grob angerissen, darunter eine unlängst eingeführte Nebenhandlung um das homosexuelle Journalistenpaar Upsher und Doff vom Planet Jetsam, die wider Willen tiefer in ihre Story um Alana und Marko hineingezogen wurden als ihnen lieb ist. Rassismus, Diskriminierung, Militarismus – alles Themen, die unterschwellig Bestandteil von Saga sind. Doch das Sci-Fi-Fantasy-Element steht fraglos im Vordergrund. Dessen Stärke liegt gerade in Vaughans kontemporärer Darstellung von diesem. Denn wenn hier gehörnte “moonies” Zaubersprüche in den Himmel jagen, schickt sich Saga dennoch an, viele Elemente aus unserer Gegenwart zu integrieren. Von Romanen bis zur High School.

So erinnert der Kopf von Prince Robot IV und Co. an alte Röhrenfernseher, während die Figuren auch mal Hoodies, Beanies oder ähnliche Klamotten auftragen. Quasi als wäre unsere Realität ins Fantastische pervertiert. Was Vaughan Raum für pop-kulturelle Anspielungen lässt, die zum Glück nicht derart nervtötend ausufern wie in Y: The Last Man der Fall. Vielmehr ist sie ziemlich erfrischend, diese Welt, die Vaughan in Saga erschafft. Auch, weil sein narrativer Ideenfluss kongenial kreativ im Visuellen von Fiona Staples umgesetzt wird. Als Ergebnis ist The Stalk so erschreckend wie schön, haben Riesen mit hängenden Hodensäcken zugleich etwas absurd-lächerliches und dennoch bedrohliches. Sagas Stil jedenfalls ist originär. Und ordinär.

Denn Sex spielt hier immer eine Rolle, egal ob im Sterben liegende humanoide Roboter ihre Emotionen in Fellatio (“dying sucks”?) auf den Bildschirm schicken oder mal eben ein von der Mutter beobachteter Blowjob einige Spannungen lösen soll. Auch hierin wohnt dem Comic sein Humor und seine Atmosphäre inne, in dieser totalen Vermischung verschiedener Genres und Tonalitäten. Erquicklich ist auch die Interaktion verschiedener Spezies und die Selbstverständlichkeit ihrer Beziehungen. Egal ob The Will nun eine Spinnenfrau mit dezimierten Torso liebt oder Robotermenschen auf dem Kriegsfeld von Sanitäter-Feldmäusen gerettet werden. Umso überraschender erscheint dann jedoch der (Rassen-)Hass zwischen Landfall und Wreath.

Alles in allem ist Saga ein totaler Genuss, superb gezeichnet, unterhaltsam geschrieben. Zudem mit Wendungen, die man nicht erwartet – und umso mehr zu schätzen weiß. Die Charaktere dominieren den Comic, mit Lying Cat als klarem Highlight. Insofern ist Brian K. Vaughans und Fiona Staples’ Werk jedem ans Herz zu legen, der etwas für Comic oder Fantasy übrig hat. Die beiden Schöpfer haben bereits kundgetan, dass Saga nicht adaptiert werden soll. Und referieren jene Ausschlachtungsseuche, von der ich eingangs sprach, scheinbar selbst, wenn Marko in einem Panel aus A Night Time Smoke zitiert: “There are two kinds of people left in this world, consumers and destroyers. We used to have creators, but they all ran away.”

9/10