19. August 2014

Under the Skin

N-N-Nuh-- N-N-Nuh-- N-N-Nuh-- No.

Ist es ein Raumschiff? Ist es eine Iris? Am Anfang von Jonathan Glazers Sci-Fi-Adaption Under the Skin, lose basierend auf dem gleichnamigen Roman von Michel Farber, fällt es schwer, die Bilder richtig zu interpretieren. Sie erinnern entfernt an die visuellen Spielereien eines 2001: A Space Odyssey und zeugen von der Ankunft eines Aliens, welches für den restlichen Filmverlauf von Scarlett Johansson gespielt wird. Untermalt werden die Eingangsbilder von gutturalen Lauten, wenn sich das Alien bemüht, unsere Sprache nachzuahmen. In einem Raum aus weiß streift es sich die Klamotten eines regungslosen Mädchens über, dessen Erscheinungsform es übernommen hat. The Terminator lässt grüßen, war aber weniger kunstvoll.

Jonathan Glazer, der im Trailer zum Film das Standardsiegel des „visionären“ Regisseurs erhält, inszeniert Under the Skin in der Tat zuvorderst über seine Bilder. Auf das eindrucksvolle Opening folgen Bilder des Aliens, welches in einem Van durch Glasgow fährt, auf der Suche nach Single-Männern, deren Verschwinden niemandem sofort auffallen würde. Mit schwarzer Perücke und dickem roten Lippenstift wird flirtender Small Talk geführt. Bis tatsächlich Männer in die Venusfalle tappen. “Gorgeous” sei sie, hört das Scarlett-Johansson-Alien dabei immer wieder. “Cheers.” In leerstehenden Häusern lockt das Alien die Männer in einen schwarzen Raum, in welchem der Boden sich verflüssigt bis die nackten Opfer unter ihm verschwinden.

Da war sie wieder, die immer mal wieder auftauchende visuelle Genialität des Films, die brillant von der atmosphärisch-mystischen Musik von Mica Levi untermalt wird. Die Welt des Aliens, zu der es hier und da inmitten der unsrigen Einblicke gibt, ist zweifelsohne faszinierend. So auch, wenn wir in der Mitte des Films bildlich erzählt bekommen, was Sinn und Zweck der Männerjagd des Aliens ist. Dieses mutiert in Form von Scarlett Johansson zum buchstäblichen “Maneater”, auf fast schon anmutige Weise erzählt durch die Bildsprache von Daniel Landin. Hier sehen wir den Auslöser und das Motiv der Filmhandlung, die eigentliche Prämisse ist jedoch eine andere. Denn Ende des zweiten Akts setzt bei dem Alien eine Wandlung ein.

Dieser widmet sich Michel Farber in seinem Roman ausführlich, während sie in Jonathan Glazers Film wiederum weitestgehend untergeht. Wo das Alien im Buch realisiert, dass hinter dem Mensch mehr steckt als das, wozu es auf die Erde gekommen ist, wird das Interesse seines Filmpendants nicht wirklich deutlich. Plötzlich kehrt es seiner Tätigkeit den Rücken und versucht sich im dritten Akt an einem integrativen Prozess. Was heißt das eigentlich, Mensch zu sein – und nicht nur wie einer auszusehen? Eine gute Frage, der sich viele Denker gewidmet haben. Jonathan Glazer ist keiner von ihnen. Mensch sein heißt in Under the Skin Torte zu essen und Sex zu haben. Auch wenn beides aufgrund der außerirdischen Anatomie nicht geht.

Das Drehbuch, es ist des Films größter Widersacher. Fragen, die sich einem in den ersten beiden Akten stellen (warum „jagt“ das Alien Männer mitten in Wohngegenden, anstatt wie im Roman auf Anhalter zurückzugreifen?), erscheinen spätestens dann der Vernachlässigung wert, wenn im dritten Akt die Humanisierung des Außerirdischen thematisiert wird. Wirklich interessant gerät diese nicht, was auch daran liegen mag, dass sie oberflächlicher kaum geraten könnte. Visuell wird zeitgleich wenig geboten, die kreative Bildsprache wird weitestgehend zurückgestellt, allenfalls einige schöne Landschaftsaufnahmen der schottischen Provinz wissen zu gefallen. Und so sehnt man als Zuschauer irgendwann nur noch das Ende herbei.

Was etwas schade ist, da Under the Skin keinesfalls ein schlechter Film ist. Genau genommen sogar Jonathan Glazers bester, nach dem eher belanglosen britischen Krimi Sexy Beast und dem völlig missratenen Drama Birth. Wie in diesen zeigt sich auch hier, dass Glazer nicht wirklich eine Figurenzeichnung versteht, allenfalls deren schablonenhafte Skizzierung. Immerhin kommt hier zu Gute, dass der Protagonist ein Alien ist, welches von Scarlett Johansson mit jener stoischen Selbstverständlichkeit gespielt wird, wie es zuvor schon anderen Kollegen wie David Bowie oder Keanu Reeves pflegten. Sie ist im Grunde die einzige Schauspielerin in einem Film, der zum Großteil mit Laiendarstellern auskommt. Und das auch sehr gut.

Die eindrucksvollste Szene in Under the Skin ist jene, in der das Alien nachts in einem Vorort einen Mann anspricht und in sein Auto lockt, dessen Gesicht von Tumoren entstellt ist. Wenn das Alien in freundlicher Manier seinen üblichen Small Talk startet (gibt es Freunde oder eine Freundin, die ihn vermissen würde?) und der entstellt Mann das verneint, wirkt das zum einen wie gehässiges In-die-Wunde-reiben und zugleich wie aufrichtiges Interesse. “Don’t you get lonely then?”, fragt das Alien den Mann und sieht womöglich in diesem letztlich auch in gewisser Weise eine Spiegelung seiner selbst. Ein Wesen ohne Freunde und Partner. Es ist die entscheidende Szene vor seiner scheinbaren Katharsis und mit den visuellen Ideen des Films sein Highlight.

Was es jedoch letztlich von seiner Mission abbringt und zum Menschsein hinzieht, bleibt im Film außen vor. Ein wirkliches Thema besitzt Glazers Film dabei nicht, interessiert ihn doch weder der eine noch der andere Aspekt seiner Handlung. Die positive Resonanz von Under the Skin – Glazer wird bereits als Erbe Kubricks geadelt – erklärt sich wohl zuvorderst ob der erschaffenen Atmosphäre des Films, der sich weniger Worte bedient und mit ungewöhnlichen Bildkompositionen dient. Style over Substance, wenn man so will. Dass das eine das andere nicht ausschließt, zeigt ein Terrence Malick mit seinen Werken, zum Problem wird es in Under the Skin, da der Film zum Schluss doch Substanz erschaffen will, ohne diese zu etablieren.

Das Ergebnis ist dann dennoch Jonathan Glazers bis dato reifster und bester Film, auf jeden Fall eine Steigerung gegenüber dem missratenen Birth und sicherlich auch so manchem anderen Genrevertreter wie Nicolas Roegs lahmen The Man Who Fell to Earth weit überlegen. Ähnlich wie dieser könnte Under the Skin dabei zu einer Art Kultfilm avancieren, nicht zuletzt aufgrund seines limitierten Release (hier in Deutschland erscheint er Direct-to-DVD), der danach schreit, als Geheimtipp die Runde zu machen. Etwas schöner – und befriedigender – wäre allerdings gewesen, wenn man unter der Oberfläche von Under the Skin tatsächlich etwas vorgefunden hätte. Wie im Falle seines Aliens zeigt sich jedoch, dass der Schein trügen kann.

6.5/10

12. August 2014

Guardians of the Galaxy

We’re just like Kevin Bacon.

Ungeachtet dessen, zu was sich Hollywoods Blockbuster-Maschine entwickelt hat, ist ein interessanter Trend zu beobachten: große Filme werden kleinen Regisseuren anvertraut. Egal ob Colin Trevorrow (Safety Not Guaranteed) nun Jurassic World inszeniert, Gareth Edwards (Monsters) zuvor Godzilla, Josh Trank (Chronicle) in Kürze Fantastic Four oder wie in Guardians of the Galaxy der Fall James Gunn (Slither) hinter der Kamera Platz nimmt. Oftmals unverbrauchte Kreative mit frischen Ideen – vielleicht das einzige Zugeständnis einer Branche, die sich schon lange von kreativen frischen Ideen verabschiedet hat. Und so gerät auch Marvels jüngstes Werk vom Produktionsband: streckenweise frisch, grundsätzlich aber konventionell.

Als Ausgangsbasis dient eine Comic-Serie von 2008 um eine Gruppe merkwürdiger außerirdischer Typen, die zum Heldenteam und Schützern der Galaxie avancieren. Wie man das gewohnt ist, weicht die Filmadaption an den Stellen vom Original ab, wo es aus besseren Vermarktungsgründen empfehlenswert ist. Im Mittelpunkt des Films steht ein mysteriöses Artefakt, dessen sich der Kleinkriminelle Peter Quill aka Star-Lord (Chris Pratt) bemächtigt, hinter dem aber auch der Soziopath Ronan (Lee Pace) her ist. Er will das Artefakt für Bösewicht Thanos (Josh Brolin) besorgen, damit dieser wiederum für Ronan den Planet Xandar ausmerzt. Helfen soll Ronan dabei die Attentäterin Gamora (Zoe Saldana), eine von Thanos’ Adoptivtöchtern.

Zugleich ist Peters Ex-Team rund um Space-Pirat Yondu Udonta (Michael Rooker) wegen des Artefakts hinter ihm her, genauso wie ein Kopfgeldjäger-Duo. Das Zusammentreffen von Waschbär Rocket (Bradley Cooper) und Baumwesen Groot (Vin Diesel) mit Peter und Gamora verläuft jedoch suboptimal, weswegen sich das Quartett bald im Gefängnis wiederfindet. Dort lernen sie Drax (Dave Bautista) kennen, der eine eigene Rechnung mit Ronan und Thanos offen hat. Jetzt gilt es nur noch, gemeinsam auszubrechen, sich das Artefakt zu sichern und es zu dem ominösen Käufer The Collector (Benicio del Toro) zu bringen. Und das am besten, bevor die zwei Parteien rund um Ronan und Yondu mit ihnen aufgeschlossen haben.

Jede Menge Figuren – zu denen sich Nebula (Karen Gillan), eine weitere Adoptivtochter Thanos’, und die Xandar-Beamten Nova Prime (Glenn Close) und Rhomann Dey (John C. Reilly) gesellen –, weshalb es nicht verwundert, dass Guardians of the Galaxy sich keiner von ihnen wirklich widmet. Randbemerkungen müssen als Charakterisierung ausreichen (Ronan tötete die Familie von Drax, Thanos die Familie von Gamora, Peter verlor seine Mutter an Krebs und Rocket ist ein wissenschaftliches Experiment), was zwar als lose Motivation ausreicht, einem die Figuren allerdings nicht näher bringt. Noch schlechter schneiden da nur die Antagonisten ab, deren Handeln – und Rolle – sich der Film nicht einmal die Mühe macht, wirklich zu erläutern.

Ronan will kaputt machen, der Collector will sammeln, Thanos will das Artefakt und Nebula will irgendwas (oder auch nichts) – weitere Infos gibt es wohl in den Comics. Da verwundert es nicht, dass es für die hier erzählte Geschichte des Collectors und Thanos’ nicht bedarf, sondern diese wohl eher als Marvel-Bindeglied zu Thor: The Dark World und The Avengers dienen. Vielleicht dient Ronan auch nur als MacGuffin, um eben unsere Heldengruppe zusammenzuführen. Deren Interaktion ist das szenische Highlight eines Films, der ähnlich wie The Avengers zuvorderst von dem Zusammenspiel seiner unterschiedlichen Figuren lebt. Seien es ironiefreie Straight Player wie Gamora und Drax oder sarkastische Einzeiler von Peter und Rocket.

Allerdings weiß James Gunn auch hier nicht, wann es zuviel ist, weshalb manches letzte Wort oder mancher letzte Blick als Pointe nicht vollends überzeugen. Generell hätte der Film etwas mehr Zeit mit den Figuren im Gefängnis verbringen können, um diese sich tatsächlich kennenlernen zu lassen. Opferungswürdige Szenen hierfür gibt es anschließend noch genug. Grundsätzlich stimmt jedoch die Atmosphäre von Guardians of the Galaxy, als sich nicht ernst nehmendes Space-Fantasy-Abenteuer voller illustrer Figuren. Die sind zwar in der Regel nur bunt angemalt und nicht so liebevoll zelebriert wie von Guillermo del Toro in Hellboy II, dennoch macht die Alien-Truppe rund um einen Waschbär und wandelnden Baum oft (genug) Spaß.

Hierbei können sich an sich auch die Effekte sehen lassen, selbst wenn diese im – wie man es von Marvel leider inzwischen gewohnt ist – überfrachteten Finale ins Comic-hafte abzurutschen drohen. Bei Rocket und Groot gibt es jedoch wenig zu meckern, womöglich hat man auch aufgrund gleich zweier wichtiger CGI-Charaktere auf die Ausstaffierung weiterer Statistenfiguren verzichtet. Für zusätzlichen Charme neben Chris Pratt als überzeugenden Space-Söldner sorgt der von Gunn zusammengestellte Soundtrack voller Evergreens, die im Film selbst eine ganz eigene Rolle spielen – allerdings zugleich ein paar Fragen aufwerfen. An diesen ist Guardians of the Galaxy keineswegs arm, immerhin handelt es sich um einen Blockbuster.

Als swashbuckling Weltraum-Abenteuer kann der Film trotz Überlänge und nur angerissener Figuren(-dynamik) aber überzeugen. Wenn man so will eine Art Mischung aus Star Wars und Firefly, weshalb der Film bei Marvels Christopher-Nolan-Pendant Joss Whedon sicher auf Anklang stößt. So ist Guardians of the Galaxy zwar einerseits erfrischend anders im Vergleich zu seinen Marvel- und Genre-Geschwistern, zugleich aber in Struktur und Aufbau wieder ziemlich konventionell. James Gunn macht folglich viel richtig und manches genauso „falsch“ wie seine Kollegen. Zumindest hat Guardians of the Galaxy ein eigenes Flair und eine eigene Geschichte, muss also nicht Wegbereiter für einen anderen Film sein – außer für sein eigenes Sequel.

6/10

6. August 2014

Dawn of the Planet of the Apes

Das Affentheater geht in die nächste Runde, folgt auf den Rise of the Planet of the Apes unweigerlich der Dawn of the Planet of the Apes. Hierzulande heißt das Planet der Affen: Revolution – selbst wenn der Titel kaum Sinn ergibt. Handlungstechnisch müssen in diesem Teil Mensch (Jason Clarke) und Affe (Andy Serkis) mit Aggressionspotential in ihrer jeweiligen Gruppe klarkommen, wo sie doch nur Frieden wollen. Thematisch wie strukturell backt Regisseur Matt Reeves dabei den Vorgänger wieder auf, zumindest die Pixel-Affen aus dem Computer sehen besser aus als zuvor (aber eben immer noch wie Pixel-Affen aus dem Rechner). Im ruhigen Mittelteil gefällt Dawn of the Planet of the Apes sogar, ehe das dann für ein unsinniges Action-Finale geopfert wird. Mein vollständiges Review lässt sich beim Manifest nachlesen.

6/10

1. August 2014

Filmtagebuch: Juli 2014

BIG
(USA 1988, Penny Marshall)
7.5/10

DRAGNET [SCHLAPPE BULLEN BEISSEN NICHT]
(USA 1987, Tom Mankiewicz)

4.5/10

THE GOONIES
(USA 1985, Richard Donner)
9/10

GUARDIANS OF THE GALAXY (3D)
(USA 2014, James Gunn)

6/10

JODOROWSKY’S DUNE
(USA/F 2013, Frank Pavich)
8/10

JOE VERSUS THE VULCANO [JOE GEGEN DEN VULKAN]
(USA 1990, John Patrick Shanley)

4.5/10

JUST GO WITH IT [MEINE ERFUNDENE FRAU]
(USA 2011, Dennis Dugan)

6/10

KALEVET [RABIES – A BIG SLASHER MASSACRE]
(IL 2010, Aharon Keshales/Navot Papushado)

2.5/10

A LEAGUE OF THEIR OWN [EINE KLASSE FÜR SICH]
(USA 1992, Penny Marshall)

7.5/10

LIFE ITSELF
(USA 2014, Steve James)
7/10

LOST – SEASON 1
(USA 2004/05, Jack Bender u.a.)
7.5/10

LOST – SEASON 2
(USA 2005/06, Stephen Williams u.a.)
8/10

MONTY PYTHON LIVE (MOSTLY)
(UK 2014, Aubrey Powell)
7.5/10

PARTICLE FEVER
(USA 2013, Mark Levinson)
6/10

SABOTAGE
(USA 2014, David Ayer)
5/10

SCARY MOVIE 5
(USA 2013, Malcolm D. Lee)
2/10

THE UNKNOWN KNOWN
(USA 2013, Errol Morris)
5.5/10

Werkschau: Frank Darabont


THE SHAWSHANK REDEMPTION [DIE VERURTEILTEN]
(USA 1994, Frank Darabont)

8/10

THE GREEN MILE
(USA 1999, Frank Darabont)
5.5/10

THE MAJESTIC
(USA/AUS 2001, Frank Darabont)
6/10

THE MIST [DER NEBEL]
(USA 2007, Frank Darabont)

6.5/10

“THE WALKING DEAD”: DAYS GONE BYE
(USA 2010, Frank Darabont)
8/10

27. Juli 2014

Sabotage

Look at you, with your 48 percent body fat!

Früher wollten Jungs später mal Lokführer oder Feuerwehrmann werden. David Ayer wiederum hat ein Faible für die Polizei von Los Angeles und das dortige Viertel South Central entwickelt. Quasi alle seine Filme drehen sich um Polizisten des LAPD, die ihrer Tätigkeit in South Central nachgehen. Zuletzt durften Jake Gyllenhaal und Michael Peña für Ayer in End of Watch auf Streife gehen, in seinem jüngsten Film Sabotage ließ er Arnold Schwarzenegger die Marke tragen. Wie sich zeigt, hat es die Zeit nicht gut gemeint mit dem Hünen aus der Steiermark, avancierte Sabotage mit einem Einspielergebnis von nur 5 Millionen Dollar am Startwochenende doch zu einem der größten Flops in der Karriere des gebürtigen Österreichers.

In Sabotage gibt Schwarzenegger den alten Haudegen John “Breacher” Wharton, Kopf einer Spezialeinheit von Undercover-DEA-Agenten. Zu Beginn des Films nehmen diese ein mexikanisches Drogenkartell hops und unterschlagen dabei 10 Millionen Dollar auf eigene Rechnung. Dumm nur, dass diese später nicht da sind, wo sie sein sollen. Noch dümmer ist, dass plötzlich ein Mitglied nach dem anderen aus der Einheit umgebracht wird. Dies ruft FBI-Ermittlerin Caroline Brentwood (Olivia Williams) auf den Plan, während Breacher und seine Truppe auf eigene Faust dem Spuk ein Ende setzen wollen. Die große Frage ist: Holt die Spezialeinheit ihre Vergangenheit ein oder haben sie vielmehr einen Verräter in den eigenen Reihen?

Als das Projekt vor ein paar Jahren angekündigt wurde, klangt die Prämisse des Films auf dem Papier relativ interessant, auch angesichts des Ensembles, welches Sabotage letztlich besitzt. Dieses gibt sich als schräg-schrille Gruppe, vom eher schweigsamen Schwarzen Sugar (Terrence Howard) über Redneck Neck (Josh Holloway) bis hin zum vielversprechenden Grinder (Joe Manganiello) und dem durchgeknallten Ehepaar Monster (Sam Worthington) und Lizzy (Mireille Enos). Ihr Auftreten als bessere Karnevalstruppe wird vermutlich durch ihren Status als Undercover-Cops erklärt, auch wenn zu Beginn lediglich die drogenabhängige Lizzy in dieser Rolle tätig und zu sehen ist. So werden die Figuren zuvorderst auf ihr Äußerliches reduziert.

Die Dynamik des Teams lernen wir somit nicht wirklich kennen und das vermeintliche Thriller-Element, wer nun der Verräter sein könnte, wird im Verlauf mehr und mehr für Action geopfert. Scheinbar geschah dies auf Wunsch des Studios, weshalb manche Szenen ahnen lassen, dass mehr Handlung vorhanden war. Angesichts des wenig überzeugenden Endes muss man dem Entscheid des Studio weg vom Mystery-Thriller zum Action-Film jedoch fast dankbar sein. Denn es zeigt sich, dass Sabotage nach hinten raus verstärkt die Luft ausgeht. Was ihn zu einem Vertreter der Sparte „Hier wäre mehr drin gewesen“ macht. Ganz einfach, indem Ayer mit den illustren Figuren eine paranoide Dirty Cop-Variante von The Thing inszeniert hätte.

Immerhin ist das Figurendesign interessant, vom glatzköpfigen Sam Worthington hin zu Joe Manganiello mit Cornrows. Mireille Enos wirkt etwas überdreht, spannend wäre gewesen, wie geplant Malin Akerman in der Rolle zu sehen. Arnold Schwarzenegger hat man mit seinem an einen Nazi erinnernden Seitenscheitel allerdings keinen Gefallen getan und die Rolle des toughen Gruppenführers wirkt für den inzwischen 66-Jährigen etwas zu viel des Guten. Sofern also Potential vorhanden ist und es der Film im ersten Akt auch nutzt, macht Sabotage am Ende zu wenig daraus. Der aufgesetzt wirkende und vom Studio gewünschte Schluss setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Die Schuld hierfür fällt an sich dabei auch auf Schwarzenegger.

Der Governator müsste sich neu erfinden, anstatt zu versuchen, an seine Erfolge vor 20 Jahren anzuknüpfen. Somit pendelt sich Sabotage letztlich auf demselben Level ein wie seine jüngsten Kassen-Misserfolge The Last Stand und Escape Plan. Keine wirklichen Rohrkrepierer, aber auch qualitativ weder Fisch noch Fleisch. Immerhin aber besser als Werke wie The 6th Day oder End of Days. Für Fans des Genres oder Schwarzeneggers ist Sabotage also durchaus eine Sichtung wert, selbst wenn der Film hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Seine Lektion scheint zumindest David Ayer gelernt zu haben, mit Fury inszeniert der Regisseur aktuell zur Abwechslung keinen Polizei-Thriller. Irgendwann wird also wohl jeder mal erwachsen.

5/10

19. Juli 2014

Life Itself

I’ll see you at the movies.

Für viele ist er der größte Filmkritiker aller Zeiten – diesen inoffiziellen Titel verdiente sich Roger Ebert aufgrund seiner speziellen Art, Filme zu rezipieren. Im vergangenen Jahr verlor der 70-Jährige seinen Kampf gegen Schilddrüsenkrebs und hinterließ ein großes Loch bei seiner Zeitung Chicago Sun-Times. Über 45 Jahre war er für sie als Filmkritiker tätig, gewann 1975 sogar den Pulitzer Preis für seine Arbeit. Bevor sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, plante Ebert mit Regisseur Steve James seine Autobiografie Life Itself als Dokumentation umzusetzen. In ihr werden seine journalistischen Anfänge reflektiert sowie seine Hass-Liebe zu Kollege Gene Siskel, mit dem er gemeinsam zum Filmkritiker-Gesicht der USA avancierte.

Bereits in der Schulzeit fand Ebert zum Journalismus, arbeitete als Sportreporter für die News-Gazette. “It was unspeakably romantic“, erinnert sich Ebert. Später wechselte er 1967 mit 25 Jahren an die Universität in Chicago und schrieb für die dortige Sun-Times. “And then, five months later, the film critic retired and they gave me the job“, erzählt er. Eher zufällig also kam er zu seiner größten Leidenschaft im Leben: den Filmen. “He really, really loved films“, berichtet auch Martin Scorsese, einer der Talking Heads und zugleich Produzenten von Life Itself. Ähnlich wie Werner Herzog und Errol Morris profitierte er besonders von Eberts Kritiken, ernannte dieser doch Scorseses Debüt Who’s That Knocking at My Door zum Instant Classic.

Landesweit bekannt wurde Roger Ebert aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Gene Siskel, die gemeinsam in einer Sendung neue Filmstarts besprachen. Eine interessante Konstellation, war Siskel doch der Filmkritiker von Eberts Konkurrenzblatt: der Chicago Tribune. “We were professional enemies“, erzählt Ebert. Und, dass die zwei Männer in den ersten fünf Jahren, die sie sich kannten, kaum miteinander sprachen. Dennoch stimmten beide später zu, gemeinsam vor die Kamera zu treten. Dabei konnten sie sich auch dort lange Zeit nicht riechen, wurden aber dann zu Amerikas go-to Filmkritikern, ihre “two thumbs up“ zum begehrten Qualitätssiegel. Bis Gene Siskel 1999 an einem Hirntumor starb, von dem ausschließlich seine Familie wusste.

Drei Jahre später würde bei Ebert selbst ebenfalls Krebs diagnostiziert werden, in dessen Verlauf er seinen Unterkiefer verlor. Als Folge blieb ihm ein herabhängender Hautlappen, der ihm irgendwie ein stetes Lächeln ins Gesicht zaubert. Seine Fernsehauftritte wurden danach seltener, nicht aber seine Arbeit als Kritiker. “When I am writing I am the same person I always was“, verrät er. Und Werner Herzog nennt ihn in seiner so typischen herzogschen Art “a soldier of cinema“. Ob Ebert in seinen späteren Jahren so viel weiser wirkte, weil seine Worte nun einem Sprachcomputer entstammten, sei dahingestellt. Und auch wenn Steve James’ Film nah dran am großen Filmkritiker ist, macht Life Itself ihn leider nicht wirklich greifbar.

Was genau sah er in Filmen und wie sah er sie? Was bedeutete ihm seine Beziehung zu Siskel und zu seiner großen Liebe, Ehefrau Chaz? Genauere Einblicke verschafft der Film nicht, reißt sie allenfalls an. So wird Eberts Faible für die Filme von Russ Meyer mit dessen großbrüstigen Darstellerinnen erklärt. Zu Beginn heißt es – nach einer klassischen Rekapitulation der Journalisten-Truppe, die nach Feierabend durch die Kneipe zog – plötzlich, dass Ebert im August 1979 mit dem Trinken aufhörte. “I couldn’t take it anymore.“. Wieso er Alkoholiker war und wie sich die Krankheit auf seine Arbeit oder Persönlichkeit auswirkte – man müsste es wohl wie so vieles in seiner Biografie nachlesen. Aber ob diese tatsächlich Antworten bietet?

Steve James scheint sie darin nicht gefunden zu haben. Dass Life Itself ein detaillierter Blick auf Eberts Leben und Schaffen fehlt – ein Großteil fokussiert sich ausschließlich auf Siskel & Ebert & the Movies –, könnte der gesundheitlichen Verschlechterung und dem folgenden Ableben seines Protagonisten geschuldet sein. Vollends gerecht wird die Dokumentation diesem aber nicht, auch wenn sie durchweg über ihre zweistündige Laufzeit unterhält. Dennoch ist sie zu oberflächlich, um lebendig zu werden, selbst dann, wo sie Konflikte wie zwischen Ebert und Siskel oder Richard Corliss vom Time Magazine behandelt. Im Film leiht Stephen Stanton Eberts Worten teilweise seine Stimme. Wirklich hörbar wird diese in Life Itself aber nicht.

7/10

12. Juli 2014

A League of Their Own

There’s no crying in baseball.

Im Mai dieses Jahres war es soweit. Kai Traemann, Sportchef von Bild.de, hat Frauen-Fußball geschaut – genauer: das Champions League-Finale, dass der VfL Wolfsburg gegen Tyresö gewann. „Aus Versehen“, schiebt er sogleich nach. Es kam nichts besseres im Fernsehen, auch nicht auf Eurosport, das beim Sportchef von Bild.de auf Programmplatz 51 landet. Für Traemann scheint Frauen-Fußball irgendwie ein Sport, aber halt kein richtiger. Eine Haltung, die über Fußball hinausgeht. Man jubelt, wenn die Lisicki ins Wimbledon-Finale kommt, aber dasselbe wie Djokovic gegen Nadal ist das nicht. Auf professionellen Frauen-Sport blickt man(n) seit jeher etwas herab. Mit langer Geschichte, wie Penny Marshalls A League of Their Own zeigt.

Ihren Spielfilm von 1992 basierte Marshall auf der All-American Girls Professional Baseball League, die von1943 bis 1954 in den USA bestand. Philip K. Wrigley, Kaugummi-Magnat und Besitzer der Chicago Cubs, hatte sie während des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen, weil die männlichen Baseballspieler an der Front kämpften. “The show must go on“, dachte sich Wrigley, der zugleich das mögliche Aussterben der Sportart befürchtete. Rund 600 Spielerinnen waren in den nächsten elf Jahren aktiv, in einer der ersten Profi-Sportligen für Frauen, die eine Mischung aus Baseball und Softball praktizierte. Adrett in Röcken und mit Benimmkursen ausgestattet, trugen die Damen ihren Teil zur Bewältigung der Kriegsereignisse bei.

In A League of Their Own (in Deutschland heißt der Film Eine Klasse für sich) wird aus dem Kaugummi-Magnat Wrigley der Schoko-Millionär Harvey. Er beauftragt seinen Manager Ira Lowenstein (David Strathairn) mit der Gründung einer Frauen-Baseballliga. Für diese werden die Schwestern Dottie Hinson (Geena Davis) und Kit Keller (Lori Petty) ausgewählt. Gemeinsam mit anderen Frauen wie Mae Mordabito (Madonna) und Doris Murphy (Rosie O’Donnell) bilden sie das Team der Rockford Peaches. Trainieren soll sie Jimmy Dugan (Tom Hanks), ein versoffener Ex-Profi der Cubs, der aufgrund einer selbstverschuldeten Verletzung seine Karriere beenden musste. Dugan zeigt sich allerdings wenig begeistert von seiner neuen Aufgabe.

“Girls are what you sleep with after the game, not, not what you coach during the game“, bringt dieser seine Skepsis zum Ausdruck. Ähnlich wie Kai Traemann wird Jimmy Dugan eher widerwillig mit dem Frauensport konfrontiert. Und muss, wie auch die Zuschauer, erst dessen Vorzüge erkennen. Dies geschieht über die meiste Zeit des Films hinweg mittels der Figur von Dottie. Sie ist in doppelter Hinsicht ein echter “peach“ – ein richtiger Hingucker und obendrein noch die talentierteste Spielerin im Team. Dabei ist sie nur um ihrer Schwester willen in der Liga aktiv, erwartet eigentlich sehnsüchtig die Rückkehr ihres Mannes Bob (Bill Pullman) von der Front. Damit ist sie, wie sich zeigt, nicht die einzige Spielerin.

Die Frauen lernen, mit dem Sport nicht nur für die Bevölkerung da zu sein, sondern auch füreinander. Zu einer Gemeinschaft zu werden. A League of Their Own widmet sich solcher Momente immer hier und da am Rande, ignoriert sie nicht, verliert sich jedoch auch nicht in ihnen. Da wird nebenbei der Analphabetin Shirley Baker (Ann Cusack) von Mae auf einer Fahrt zum Auswärtsspiel das Lesen beigebracht. Und die jungenhafte Marla Hooch (Megan Cavanagh) darf sich ausgerechnet über einen „Männersport“ als Frau entdecken. Dass jenseits des Atlantik ein Krieg herrscht, wird ebenfalls nicht vergessen. Dottie erwähnt in einer Szene, dass ihr Bob seit Wochen nicht geschrieben hat. Und dann gibt es plötzlich ein Kriegstelegramm.

Penny Marshall gelang mit A League of Their Own ein erfrischend „altbackener“ Film in bester Hinsicht. Heutzutage würde Hollywood Dottie wohl in ein Liebesdreieck mit Jimmy und Bob drängen, hier beschränkt sich die Beziehung von Coach und Spielerin jedoch auf gegenseitige Bewunderung. Der Fokus liegt dabei sicher auf Dottie und ihr Verhältnis zu Kit, die sie stets in den Schatten drängt. Nicht alle Peaches treten in den Vordergrund, selbst Madonna wird eher spärlich eingesetzt. Dennoch fühlt sich der Film nicht wie eine One-Woman-Show von Geena Davis an, gerade der Konflikt mit Lori Pettys Figur wirkt glaubwürdig und spannend. Im Grunde hätte man ihn sogar noch mehr in den Mittelpunkt rücken können.

Eigentlicher Star des Films – und das ist fast das Zynische – ist jedoch Tom Hanks als versiffter Verlierer, der um keinen dummen Spruch verlegen ist und am Ende wieder zu dem Mann wird, der er irgendwann mal war. Hanks zeigt seine komödiantische Klasse, die ihn in den 80ern zum Star hat werden lassen. Auch Jon Lovitz bereitet in einer Nebenrolle als sarkastischer Scout jede Menge Spaß, abseits vom Humor überzeugt A League of Their Own jedoch aufgrund seiner Emotionen. Ergreifend gerät da der Schluss, wenn die Gruppe greiser Frauen die alte Hymne ihrer Liga anstimmt, umgeben von einander und von Erinnerungsstücken, die selbst den kleinen Stilwell (Mark Holton) beim Anblick eines Fotos seiner verstorben Mutter berühren.

Wenn Jimmy Ende des zweiten Akts Dottie vom Baseball überzeugen will, ließe sich dies im Grunde auch auf das Leben an sich münzen: “It’s supposed to be hard. If it wasn’t hard, everyone would do it. The hard... is what makes it great.“ Ein Satz, der selbst auf die Qualität des Films zutrifft, auch wenn seine Umsetzung und Inszenierung vermutlich nicht allzu schwer war (selbst wenn die divenhafte Madonna seinerzeit anders darüber dachte). A League of Their Own ist eine “old school“ Sportkomödie, die unterhält und berührt. Nicht, weil ihre Figuren Frauen sind, sondern Menschen. Und wenn sich diese Sichtweise verstärkt durchsetzt, schalten Machos vielleicht irgendwann auch nicht mehr nur „aus Versehen“ Frauen-Sport-Übertragungen ein.

7.5/10

5. Juli 2014

Tim’s Vermeer

This better fucking work.

Leonardo da Vinci sagte einst, dass geniale Menschen große Werke beginnen würden, „fleißige Menschen vollenden sie“. Dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt, musste bis vergangenes Jahr auch Tim Jenison erfahren. Der US-Erfinder setzte sich 2008 in den Kopf, die Maltechnik des niederländischen Barock-Malers Jan Vermeer van Delft (1632-1675) zu untersuchen – indem er Vermeers Bild Die Musikstunde (1662-1665) unter den Voraussetzungen und mit den Mitteln des 17. Jahrhunderts reproduzieren würde. Fünf Jahre würde dieser Prozess dauern, den die beiden amerikanischen Trickkünstler und Entertainer Penn Jillette und Raymond Teller (aka Penn & Teller) in ihrer Dokumentation Tim’s Vermeer rund ein Jahr lang begleitet haben.

“I don’t know if I can do it“, gesteht Tim Jenison zu Beginn des Films. “It would be pretty remarkable if I can. Because I’m not a painter.“ Das sei wiederum nicht sonderlich dramatisch, wie Penn Jillette – der als Erzähler und Gesprächspartner fungiert, während Raymond Teller die Regie übernahm – berichtet. Denn Jenison “always had a talent to figure out how things work“. Rätsel und offene Fragen sind folglich stets eine willkommene Abwechslung, beispielsweise die, wie Jan Vermeer eigentlich seine Bilder gemalt hat. Ein wirklicher Meister für seine Ausbildung ist nicht bekannt, Röntgenbilder, so die Dokumentation, hätten zudem gezeigt, dass Vermeer seinen Bildern keine Zeichnungen zugrunde legte. Wie also hat er gemalt?

Der Forschung zufolge mittels einer Camera Obscura, also einer Lochkamera, die reelle Umgebungsbilder erzeugte. Für Tim Jenison jedoch nicht Antwort genug. Jenison, Mitbegründer der Video-Softwarefirma NewTek, glaubt, der Niederländer habe sich optische Instrumente zu Eigen gemacht. Eine Theorie, die er dadurch bestätigen will, dass er ein Bild Vermeers rekonstruiert. Und hierfür wiederum bedarf es derselben Voraussetzungen wie rund 350 Jahre zuvor. Von den 37 bekannten Bildern Vermeers wählte Jenison hierfür ein Stück aus dessen Genremalerei, die Szenen aus dem Alltag zeigten. Also nicht das populäre Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, sondern vielmehr das eher weniger bekannte Werk Die Musikstunde.

Hierzu baut Jenison den Raum nach, der die Kulisse für Vermeers Bild gab. Vom Tonkrug über die Linse für die Camera Obscura bis hin zu den Stuhlbeinen. “You just can’t buy these stupid chairs anymore“, erklärt der Amerikaner. “And I need one.“ Ein Haufen Arbeit, der sieben Monate Zeit in Anspruch nehmen und Jenison an seine Grenzen bringen wird. “This better fucking work“, zischt jener Mann an einer Stelle, der alles andere als ein gelernter Maler ist. Wichtiger als die Perfektion der Voraussetzungen ist jedoch der Beleg der Maltechnik. Jenison glaubt, Vermeer habe neben der Camera Obscura auch mit Spiegeln gearbeitet, welche die Detailschärfe verstärkten. Eine These, die in Tim’s Vermeer Stand zu halten scheint.

Die Faszination (zur Perfektion) von Jenison geht dabei durchaus auch aufs Publikum über, selbst wenn die etwas selbstgefällige Art des Protagonisten gegen Ende leicht enervierend ist. Auch wird seine Hingabe an Vermeer nicht vollends aufgedröselt. Interessiert ihn mehr die offene Frage hinter dessen Maltechnik als dessen Bilder? Generell hätten Penn & Teller mehr über den Barock-Maler erzählen können, zu dessen Bewunderern auch Salvador Dalí zählte. So bleibt es bei einem kurzen Einwurf – der nicht unterfüttert wird – zu Beginn, dass er „für manche der größte Maler aller Zeiten“ sei. Zudem hätte Tim’s Vermeer auf viele Szenen mit Penn Jillette verzichten können, da der zumindest vor der Kamera wenig beizutragen hat.

Mit welcher Präzision und Genauigkeit Tim Jenison in der Lage ist, nicht nur die Ausstattung zu bauen, sondern anschließend auch zu malen, verwundert nicht nur aufgrund seiner Aussage, nicht malen zu können. Da wohl nur wenige Menschen ebenfalls hierzu in der Lage wären, darf der Amerikaner in gewisser Weise getrost als Genie bezeichnet werden. Bedauerlich, dass er sich dessen irgendwo tief drinnen durchaus gewahr zu sein scheint, was ihm bisweilen Sympathie raubt. Dennoch ist Tim’s Vermeer eine über weite Strecken sehr gelungene Dokumentation von Tim Jenisons fünf Jahre dauernder Obsession, der es allerdings gut getan hätte, genauer auf deren Ursprünge einzugehen. So bleibt die Kunst an sich etwas auf der Strecke.

7/10

1. Juli 2014

Filmtagebuch: Juni 2014

THE 6TH DAY
(USA 2000, Roger Spottiswoode)
3.5/10

BILL AND TED’S EXCELLENT ADVENTURE
[BILL UND TED’S VERRÜCKTE REISE DURCH DIE ZEIT]
(USA 1989, Stephen Herek)

9.5/10

THE BROTHERS GRIMM
(USA/CZ/UK 2005, Terry Gilliam)
5.5/10

CABIN FEVER (3D)
(USA 2002, Eli Roth)

1.5/10

CABIN FEVER 2: SPRING FEVER
(USA 2009, Ti West)
1.5/10

CHEAP THRILLS
(USA 2014, E.L. Katz)
5/10

COLLATERAL DAMAGE
(USA 2002, Andrew Davis)
5.5/10

COMMANDO [PHANTOM-KOMMANDO]
(USA 1985, Mark L. Lester)

7.5/10

COSMOS: A SPACETIME ODYSSEY
(USA 2014, Brannon Braga u.a.)
7.5/10

END OF DAYS
(USA 1999, Peter Hyams)
2.5/10

ERASER
(USA 1996, Chuck Russell)
6/10

FARGO
(USA/UK 1996, Joel Coen/Ethan Coen)
8/10

FARGO
(USA 2014, Adam Bernstein u.a.)
7.5/10

HELL’S KITCHEN
(D 2014, N/A)
8/10

THE INCREDIBLE BURT WONDERSTONE
(USA 2013, Don Scardino)
5.5/10

JUST ONE OF THE GUYS [ALS JUNGE IST SIE SPITZE]
(USA 1985, Lisa Gottlieb)

7.5/10

THE KING OF KONG: A FISTFUL OF QUARTERS
(USA 2007, Seth Gordon)
8/10

LAST ACTION HERO
(USA 1993, John McTiernan)
6.5/10

THE LAST SAMURAI
(USA/NZ/J 2003, Edward Zwick)
6/10

THE PURGE
(USA/F 2013, James DeMonaco)
1.5/10

SPECIES
(USA 1995, Roger Donaldson)
4.5/10

SUMMER SCHOOL
(USA 1987, Carl Reiner)
9.5/10

THE SURE THING
(USA 1985, Rob Reiner)
8.5/10

TIM’S VERMEER
(USA 2013, Raymond Teller)
7/10

TWINS
(USA 1988, Ivan Reitman)
8/10

THE UNBELIEVERS
(USA 2013, Gus Holwerda)
5.5/10

VEEP – SEASON 3
(USA 2014, Chris Addison/Becky Martin u.a.)
7/10

WANTED
(USA/D 2008, Timur Bekmambetov)
0.5/10

WARGAMES [WAR GAMES – KRIEGSSPIELE]
(USA 1983, John Badham)
7/10

THE WEDDING SINGER [EINE HOCHZEIT ZUM VERLIEBEN]
(USA 1998, Frank Coraci)
6.5/10

Themenpunkt: Mars


AELITA
(SU 1924, Yakov Protazanov)
5/10

DOOM
(USA/UK/D/CZ 2005, Andrzej Bartkowiak)
5.5/10

GHOSTS OF MARS
(USA 2001, John Carpenter)
2.5/10

JOHN CARTER (3D)
(USA 2012, Andrew Stanton)

8.5/10

THE LAST DAYS ON MARS
(UK/IRL 2013, Ruairi Robinson)
5.5/10

MISSION TO MARS
(USA 2000, Brian De Palma)
5.5/10

RED PLANET
(USA/AUS 2000, Antony Hoffman)
3/10

ROBINSON CRUSOE ON MARS [NOTLANDUNG IM WELTRAUM]
(USA 1964, Byron Haskin)

3.5/10

SPECIES II
(USA 1998, Peter Medak)
3.5/10

TOTAL RECALL
(USA 1990, Paul Verhoeven)
8.5/10

26. Juni 2014

Fargo

What if you’re right and they’re wrong?

Wenn tatsächlich Filme mal einen TV-Ableger produzieren, dann in Regel einen in Animationsform. Aber auch Hits wie Ferries Bueller’s Day Off oder Highlander erhielten Fernsehformate, dass es aber eine TV-Version eines Films von Joel und Ethan Coen geben würde, war so nicht vorhersehbar. Immerhin sind die Werke der Brüder oft weitestgehend in sich abgeschlossen. Und dennoch schickte sich dieses Jahr Noah Hawley – der seine Meriten zuvor als Autor und Produzent bei Bones verdient hat – an, das coensche Kult-Meisterwerk Fargo als Miniserie umzusetzen. Die zehnteilige Serie ist nun einerseits ziemlich referentiell an den 1987er Film angelegt, zu dem sie ein Spin-off darstellt. Sie weicht jedoch auch ausreichend genug ab.

Spielte die Originalgeschichte in Minneapolis und Brainerd, Minnesota im Jahr 1987, wo der Autoverkäufer Jerry Lundegaard seine Ehefrau von zwei Schmalspurganoven aus Fargo, North Dakota entführen ließ, nur um von der schwangeren Polizeichefin Marge Gunderson überführt zu werden, setzt die Serie 19 Jahre später ein. Im Jahr 2006 treffen sich zufällig der maliziöse Verbrecher Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) und der duckmäuserische Versicherungskaufmann Lester Nygaard (Martin Freeman) in einer Krankenhaus-Notaufnahme. Und treten aufgrund von Misskommunikation eine Lawine von Ereignissen los, die in den nächsten zwölf Monaten zahlreiche Menschen – schuldige wie unschuldige – das Leben kosten wird.

Plötzlich sind Lesters nervige Ehefrau und der Polizeichef von Bemidji, Minnesota tot – und Lester der Hauptverdächtige. Zumindest wenn es nach Polizistin Molly Solverson (Allison Tolman) geht. Von deren Thesen will der neue schusselige Polizeichef Oswalt (Bob Odenkirk) aber nichts wissen. Währenddessen ist Lorne Malvo bereits weitergezogen, zu seinem nächsten Opfer. Der bibeltreue Supermarkt-Magnat Stavros Milos (Oliver Platt) wird erpresst – für Malvo der Beginn eines perfiden Psychospiels. Seine Schatten wirft er jedoch auch auf den Straßenpolizisten Gus Grimly (Colin Hanks), der einen Fehler begeht und diesen wieder korrigieren will. Und auch an Fargo und dem dortigen Mafia-Kartell gehen die Ereignisse nicht spurlos vorbei.

Die Handlung ist somit weitestgehend eine andere zwischen Fargo, der Serie und Fargo, dem Film. Dafür ähneln sich einige Figuren ziemlich stark. So ist Martin Freemans Lester Nygaard ebenso deutlich an Jerry Lundegaard angelegt wie Allison Tolmans Molly Solverson an Frances McDormands Marge Gunderson. Und wenn später zwei Auftragskiller in Person von Adam Goldberg und Russell Harvard auf den Plan treten, wirken die wie weniger schusselige Versionen von Steve Buscemi und Peter Stormare. Bob Odenkirks Polizeichef erinnert derweil mehrfach an den armen Officer Lou aus dem Original, während Billy Bob Thorntons Lorne Malvo am ehesten in Anton Chigurh aus No Country for Old Men wohl sein Vorbild findet.

Wie dieser wirkt Malvo wie das wandelnde Böse, allerdings weniger als naturell denn willentlich. Lorne Malvo ist durchtrieben und bösartig – und auch deshalb das eigentliche Highlight von Noah Hawleys Fargo. Da darf er in Tieranekdoten seinen Gegenübern subversiv drohen oder diese in teils semantische Diskussionen verwickeln (Letztere erinnern erneut an Chigurh). Billy Bob Thornton spielt die Figur dabei bis zur Perfektion, was allerdings nicht allzu bemerkenswert ist. Denn generell agiert das Ensemble von Fargo am Limit, was auch der wie so oft brillante Martin Freeman veranschaulicht. Hinzu kommen starke Leistungen aus der zweiten Reihe, seien sie von Bob Odenkirk oder Kate Walsh als verwitwete, alkoholabhängige Ex-Stripperin.

Wirkt Fargo in den ersten Folgen noch ziemlich nah – fast zu nah – am Kinofilm, beginnt sich die Show ab der Mitte glücklicherweise verstärkt zu emanzipieren. Besonders in Person von Freemans Lester Nygaard, der in bester Nietzsche-Manier solange in den Abgrund geblickt hat, bis der sich in ihm selbst breit macht. Seine Entwicklung dürfte selbst Walter White zur Pastorentochter werden lassen, wenn er mehr und mehr zu einer Art Frankensteins Monster mutiert. Hawley selbst ordnet seine Serie einem klaren Gut-Böse-Schema unter, dessen helle Seite von den Gutmenschen wie Molly Solverson, ihrem Vater und Ex-Polizisten Lou (Keith Carradine) sowie Gus Grimly und dessen Tochter Greta (Joey King) verkörpert werden.

Man kann der Serie nun durchaus vorwerfen, dass die Nebenhandlungen mit Oliver Platt sowie Adam Goldberg und Russell Harvard nicht wirklich irgendwohin führen und dafür wiederum das Ende etwas überhastet abgespult wird. Dafür gewinnen die finalen Episoden enorm an Spannung, da zwar der Ausgang an sich in gewisser Weise vorhersehbar ist, nicht jedoch,wie er zustande kommt. Bemängeln ließen sich natürlich auch die zahlreichen Referenzen und Hommagen an die Werke der Coens. Diese stören mal mehr, mal weniger. So wird Marge Gundersons Finalpredigt wiederholt wie es auch Zitate zur Restaurant- und Parkhausszene gibt. Selbst das Schlussbild hat Noah Hawley eins-zu-eins für seine Serie übernommen.

Amüsanter sind dagegen die etwas subtileren Querverweise. Beispielsweise, wenn Malvo im Finale Morton’s Fork einen Gebrauchtwagen entwendet und dessen Kennzeichen (“DLR“) mit der Kamera eingefangen wird. Oder wenn das Haus von Lesters Bruder von seinem Schnitt her an das der Lundegaards angelehnt ist. Hinzu kommt eine geniale Plansequenz in Who Shaves the Barber? – selten wurde besser veranschaulicht, dass weniger in den meisten Fällen tatsächlich mehr ist. So unterhaltsam Billy Bob Thorntons Figur aber ist, zeigen sich gerade zu Beginn bereits erste Abnutzungserscheinungen seiner Charakterzüge. Glücklicherweise emanzipiert er sich jedoch wie Lester und Molly im Verlauf der Serie etwas von ihren coenschen Vorlagen.

Insofern ist Noah Hawleys Fargo im besten Sinne coenesk, wird die Serie doch von ihren Figuren bestimmt und von deren Widrigkeiten. Zu den besten Folgen zählen wohl Who Shaves the Barber? und A Fox, a Rabbit and a Cabbage, generell ist wie angesprochen die zweite Hälfte der Serie der ersten überlegen. Fargo ist dabei nicht nur etwas für Fans der Coens und des 1987er Films, die ganzen Zitate sind allerdings eindeutig für die Coen-Heads. In seiner Summe also kann die Fernsehverwertung des zweifachen Oscarpreisträgers somit als gelungen erachtet werden. Ob es allerdings wirklich einer zweiten Staffel – die wie True Detective neu strukturiert werden soll – bedarf, sei dahingestellt. Sehenswert ist Fargo aber allemal.

7.5/10