23. Juli 2016

Roseanne – Season One

Now I want you two to fight to the death.

Die Sitcom Family hat im US-Fernsehen eine lange Tradition, von Serien wie Leave It to Beaver und The Brady Bunch über Family Ties bis hin zu Modern Family in der Gegenwart. Mitte der 1980er Jahre eroberte The Cosby Show die Fernsehgeräte der Amerikaner und erzielte von 1985 bis 1988 die besten Quoten. Die Show fokussierte sich auf die in New York lebende schwarze Oberschichtsfamilie um den Gynäkologen Heathcliff Huxtable und seine Anwaltsgattin Clair. Vier Jahre später würden die Cosby-Produzenten Marcy Carsey und Tom Werner eine neue Familienserie ins Leben rufen: Roseanne. Ihres Zeichens eine Art Gegenentwurf zur The Cosby Show – und schon in ihrem ersten Jahr nach den Cosbys das meistgesehene Programm.

Im fiktionalen Lanford, Illinois lebt die Arbeiterfamilie der Conners. Mutter Roseanne (Roseanne Barr) ist als Bandarbeiterin einer Plastikbesteck-Firma der finanzielle Ruhepol der Familie, während Gatte Dan (John Goodman) zu Beginn der Staffel als Bauunternehmer auf Jobsuche ist. Roseanne und Dan, beide Anfang/Mitte 30, stammen aus der bürgerlichen Mitte und begegnen ihrem Alltag und dessen Problemen sowie der Erziehung ihrer drei Kinder Becky (Lecy Goranson), Darlene (Sara Gilbert) und D.J. (Michael Fishman) teils mit Ironie und mitunter auch mal mit Sarkasmus. Den materiellen Luxus der Huxtables konnten sich die Conners allerdings nicht leisten. Was beide Familien jedoch einte, war ihr Zusammenhalt untereinander.

Liebevoll, aber prinzipiell bestimmt wirkt da die Erziehung von Heathcliff Huxtable auf der einen Seite (z.B. in der Pilotfolge, wenn Cliff seinem Sohn Theo eine Wirtschaftslehrstunde mittels Monopoly-Spielgeld erteilt). Roseanne begegnet ihrem Nachwuchs weitaus liberaler und grundsätzlich mit einem gewissen Unernst, der auf seine Weise Spannungen beerdigt. Aufgrund der unterschiedlichen sozialen Welten vermochte Roseanne andere Themenaspekte zu behandeln wie The Cosby Show. Angefangen von der finanziellen Instabilität durch Dans Arbeitslosigkeit in der Pilotfolge Life and Stuff, die sich auch später noch in Episoden wie Mall Story niederschlägt, wenn Becky ein neues Kleid möchte, das Roseanne nicht bezahlen kann.

Aber auch zwischenmenschliche Konfliktherde tauchen in Lanford eher auf. So thematisiert die Serie früh in der vierten Folge Language Lessons Dans Probleme mit der steten Anwesenheit von Roseannes Schwester und Arbeitskollegin Jackie (Laurie Metcalf) in seinem Haus. Auch zu seinem Vater Ed (Ned Beatty), der mit der Berufswahl seines Sohnes unglücklich ist, hat Dan wie in Father’s Day zu sehen ein schwieriges Verhältnis. Gattin Roseanne geht es da – wie die Folge Dear Mom und Dad zeigt – wenig besser. Auch die pubertäre Becky und der rebellische Tomboy Darlene reiben sich bisweilen zuvorderst an ihrer Mutter. Die nimmt im Vergleich zu ihrem Mann als berufstätige Hausfrau eine sehr viel zentralere Rolle ein.

Eben dies war auch der Ansatz der Show, die Carsey und Werner um eine arbeitende Mutter bauen wollten. Wie geschaffen wirkte da Stand-up-Comedienne Roseanne Barr, die in ihrem Programm die Idee von der häuslichen Göttin pflegte. Eine ebensolche ist auch Roseanne Conner dann, die nach der täglichen Arbeit noch das Haus putzen, die Wäsche waschen und das Essen kochen muss. Die Sitcom selbst nutzt all dies jedoch weniger als vordergründige Problembildung, sondern lässt es stets als comic relief Running Gag im Hintergrund als Fußnote einer Szene laufen. Stattdessen behandelt Roseanne im ersten Jahr mitunter den Aspekt der Connerschen Ehe zweier High-School-Sweethearts, die womöglich zu früh Eltern wurden.

Wo The Cosby Show ein gereifteres Elternpaar präsentiert, fehlt es Roseanne und Dan nicht nur an der finanziellen Absicherung, sondern auch Erfahrung. Mit Mitte 30 leben sie nun nicht gerade das Leben, das sie sich womöglich einst ausgemalt haben. So träumte Roseanne einst von einer Karriere als Schriftstellerin und Radio Days thematisiert Dans Faible als Musiker. Wiederholt hebt die Show hervor, wie stark die Beziehung ihrer Hauptfiguren ist. So zählen sie in D-I-V-O-R-C-E zu den wenigen Paaren ihrer Schulzeit, die noch verheiratet sind und in The Memory Game kann auch ein vergangener Fehltritt das Familienbild nicht ins Wanken bringen. Weitaus mehr hadert Roseanne da schon mit den Verhältnissen an ihrem Arbeitsplatz.

Seien es Überstunden wie in Workin’ Overtime oder Anforderung an die Sollerfüllung wie in Let’s Call It Quits, die Bandarbeiterinnen um Roseanne haben es nicht leicht mit ihrer Firma, die zumeist durch Vorarbeiter Booker (George Clooney) repräsentiert wird. Zuhause warten dann noch erste Monatsblutungen der Tochter (Nightmare on Oak Street), Wirbelstürme (Toto, We’re Not in Kansas Anymore) und plötzlich versterbende Handelsvertreter (Death and Stuff). Roseanne erzählt weitestgehend Geschichten aus dem Leben, mit denen sich der durchschnittliche Zuschauer wohl etwas mehr identifizieren konnte als den Erlebnissen der Huxtables. Immerhin 21 Millionen Haushalte schalteten in der ersten Staffel ein.

Die Serie lebt dabei primär von den witzigen und innovativen Dialogen zwischen den Figuren, die in der Regel von einer ironischen Bemerkung Roseannes beendet werden. Auch die Dynamik und Chemie zwischen dem Ensemble ist vorzüglich. Barr und Goodman harmonieren exzellent, auch Goranson und Gilbert fügen sich neben Metcalf exzellent ein. Das Fishman, der nach dem Piloten Sal Barone ersetzte, abfällt, mag man durch sein junges Alter entschuldigen. Bis 1994 sollte Roseanne zu den fünf populärsten Fernsehprogrammen gehören, insgesamt lief die Show, die John Goodman zum Durchbruch verhalf, über neun Staffeln und 222 Episoden. Und gehört fraglos zum Pantheon der  Family Sitcoms wie den Cosbys und Bundys.

7/10

16. Juli 2016

Dark Night: A True Batman Story

The feel-good story of the year!

Wer ein Trauma erlebt, muss es wohl oder übel überwältigen – oder wird andererseits selbst von seinem Trauma überwältigt. Dazu gehört sicher auch die Vorstellung, nachts unterwegs überfallen und zusammengeschlagen zu werden. Ein Erlebnis, das ein Leben verändern wird. In welche Richtung, bestimmt aber immer noch die Person selbst. So wie im Falle von Paul Dini, dem Ende Januar 1993 eben dies widerfuhr. Zwei Straßen von seiner Wohnung entfernt wurde der Autor solcher Warner-Bros.-Zeichentrickserien wie Tiny Toon Adventures und Batman: The Animated Series von zwei Männern überrascht und verprügelt. “It took my surgeon several hours to rebuild the bones”, berichtet Dini in Dark Night: A True Batman Story.

Publiziert von Vertigo, einem Imprint von DC Comics, verarbeitet der heute 58-Jährige jenen Abend von vor 23 Jahren und die Narben, die er sowohl sinnbildlich als auch buchstäblich bei ihm hinterlassen hat. Eine Batman-Geschichte über Batman in gewisser Weise oder eben ein Erfahrungsbericht eines Opfers, dem der dunkle Ritter nicht zu helfen wusste. “This is not the story I’m known for”, stellt Dini, selbst eine Figur in diesem autobiografischen Comic, eingangs klar. “Though I guess it includes little bits of all of them.” Angefangen mit einer Art Prolog, in dem die Leser Paul Dini als unscheinbares Kind kennenlernen, das die Aufmerksamkeit mied. “The thing that made me visible was my imagination”, erzählt ein 8-jähriger Paul.

Seine Liebe für Geschichten, von The Junge Book über Paddington bis hin zu James Bond und Batman führte Dini schließlich als Autor zu Warner Bros. Animation. Hier arbeitete er unter anderem mit Steven Spielberg für Tiny Toon Adventures zusammen – und gewann mit seinen Kollegen einen Emmy –, ehe er zum Autorenstab von Batman: The Animated Series dazu stieß. Für den eingefleischten Fan des Verbrechensbekämpfers ein wahr gewordener Traum. Er hatte alles, was einen „Nerd“ wohl faszinierte. Nahezu alles. Ein Privatleben war nicht wirklich darunter. Seine versuchten Beziehungen zu aufstrebenden Starlets und zweitklassischen Schauspielerinnen scheiterten alle. Ein solches Rendezvous führte ihn im Januar 1993 auch aus dem Haus.

Auf dem Heimweg wurde aus Fiktion dann Realität als wenige Straßen von Beverly Hills entfernt zwei Männer Dini überfielen. Ein Jochbeinbruch und eine gebrochene Nase sowie mehrere Prellungen waren das Ergebnis jener Nacht, weitaus schwerer wiegten jedoch die psychischen Schmerzen. “What hurt the most was knowing that when I finally reached home no one would be there to say ´Oh my God!’” Zugleich fiel es dem damals 35-Jährigen schwer, weitere Helden-Geschichten für Batman zu schreiben, wenn das wahre Leben einen Ordnungshüter wie Bruce Wayne vermissen ließ. “Somehow writing about Batman seems real pointless right now”, gesteht Dini. Und versinkt mit den Wochen mehr und mehr im Selbstmitleid.

“People must have heard. And locked their doors”, rekapituliert er jene Nacht immer wieder. Kein Batman, der ihm zur Seite sprang – weder der fiktive, noch ein realer. Ab hier, wenn Dini sich auf den Konflikt mit dem Überfall und seinen Folgen fokussiert, erhalten verstärkt Figuren aus dem Batman-Universum Einzug in Dark Night: A True Batman Story. Ob Joker, Two-Face oder Poison Ivy, als charakterliche Personifikationen für Dinis innere Monologe stoßen sie nun zu den Panels dazu. Nehmen Gegenpositionen ein und sprechen das aus, wofür es dem damals geschundenen 35-Jährigen an Mut und Kraft fehlte. Auch Batman ist darunter, allerdings weniger um seinen „Schöpfer“ zu trösten als diesen eher auf vergangene Fehler hinzuweisen.

Vermeidbar sei der Vorfall gewesen, allen voran durch die Auswahl seiner Damenbekanntschaften, die eher an Kontakten zu Steven Spielberg als ihm interessiert waren. “You could have escaped them”, meint Batman da an einer Stelle lapidar. “Didn’t have to look like a target” an einer anderen. Wahrheiten, die Dini nur bedingt hören will. Weshalb er sich verstärkt dem Alkohol widmet und in seiner Wohnung einschließt, womit er Figuren wie Joker und Co. die Pforte öffnet. Insofern erzählt Dark Night durchaus, wie Kevin Smith nach einem Auftritt Dinis in seinem Podcast Fatman on Batman resümiert, in gewisser Weise die Geschichte eines Überlebenden. Von jemand, der scheinbar alles hatte und drohte, es an ein Trauma zu verlieren.

Visuell unterstützt wird Dini dabei von Zeichner Eduardo Risso, zuvorderst bekannt durch die Vertigo-Reihe 100 Bullets von Brian Azzarello. Allerdings wirken Rissos Zeichnungen durchwachsen, Gesichter und Gestalten variieren von Panel zu Panel, wirklich konsistent wirken diese nicht immer. Eher so, als hätte er mit anderen Künstlern kollaboriert. Eine gestalterische Offenbarung ist das Comic folglich nicht, wenn auch nur im Vergleich zu solchen opulenten Konkurrenten wie beispielsweise Fiona Staples’ Saga. Dafür gelingen die Überblendungen zwischen Realität und Phantasie durchweg vorzüglich, wenn die verschiedenen Batman-Widersacher nacheinander bei „ihrem“ Autoren vorbeischauen und nach dem Rechten sehen wollen.

Generell bietet Dini einen interessanten und intimen Perspektivenwechsel, jenseits der langlebigen Verbrechensbekämpfung von Batman. Der appelliert an den Autor, sein eigener Held zu sein, anstatt diese auf dem Papier zu suchen. “A stirring tale of resilience and redemption”, spöttelt Joker später. “The feel-good story of the year!” Was es nicht ganz trifft, aber auch nicht vollends falsch ist. “I could put up with any sort of mindless torture in public as long as I could let my imagination run wild in private”, erzählte Paul Dini über seine Schulzeit. Und untermauert mit Dark Night: A True Batman Story, dass sich daran 50 Jahre später wenig geändert hat. Er überwand sein Trauma und ließ es in seine Arbeit einfließen. Bruce Wayne wäre stolz.

8/10

9. Juli 2016

Popstar: Never Stop Never Stopping

Boom, parent trap!

Branchenkomödien können eine delikate Angelegenheit sein, da sie Dinge karikieren, die in der Regel bereits für sich oft nah an der Lächerlichkeit sind. Insofern eint Popstar: Never Stop Never Stopping, der zweite Kinofilm von The Lonely Island, relativ viel mit Ben Stillers Zoolander. Beide setzen eine ziemlich minderbemittelte, aber nichtsdestotrotz (oder gerade deswegen) von der Öffentlichkeit geliebte Figur in ein narzisstisches Medienumfeld. Wo Stiller das männliche Model Derek Zoolander mimte, schlüpft SNL-Veteran Andy Samberg in die Rolle des Popstars Conner4real, der nach einem Zwist mit seiner lange Jahre erfolgreichen Band The Style Boyz ein Solo-Projekt startete, dessen zweites Album inzwischen sehnsüchtig erwartet wird.

Die Co-Stars Akiva Schaffer und Jorma Taccone inszenieren Popstar: Never Stop Never Stopping dabei als Mockumentary, die sich vom Stil her weniger an This Is Spinal Tap orientiert als vielmehr an Andy Sambergs HBO-Kurzfilm 7 Days In Hell aus dem vergangenen Jahr. Der Film folgt dabei als Dokumentation den Wochen vor Conners Album-Release sowie der kurz danach beginnenden Tournee und all den Widrigkeiten, die sich für den Musik-Star in der Folge ergeben. Unterfüttert wird dieses „Archivmaterial“ mit Talking Heads anderer Musikgrößen, von Usher über Questlove bis hin zu RZA oder Carrie Underwood sowie Conners engerem Zirkel, darunter Band-Manager Harry (Tim Meadows) und Publizistin Paula (Sarah Silverman).

Conner selbst lebt dabei das Leben eines durchweg gepamperten Stars, der von Ja-Sagern umgeben ist. Ein Großteil der Entourage, wie sie im Trailer auftauchte (u.a. Will Forte als privater Dudelsack-Spieler), fiel dem Schnitt zur Last. Kurz erwähnt wird Roadie Zippy (Bill Hader), am prominentesten kommt noch Privatkoch Tyrus Quash (Justin Timberlake) daher. Im Zentrum steht jedoch Conner und sein drohender Album-Flop. Der bahnt sich bereits an, als der Star einen Deal mit einem Küchenwaren-Hersteller eingeht, der das Album des Künstlers automatisch in all seine Applikationen herunterlädt. Das “Songs of Innocence”-Debakel von U2 und iTunes lässt grüßen. Aber auch mit dem Album-Inhalt selbst tut sich Conner keinen Gefallen.

Mit 100 Produzenten arbeitete er zusammen, um lauter Hits zu garantieren. Doch zünden wollen die Songs nicht. Sei es seine Gleichberechtigungshymne Equal Rights, in der Conner zwar die Ehe von Homosexuellen befürwortet, sich selbst von dieser Gruppe jedoch distanziert (“Not gay”). Die Folge sind “mixed reviews”, wie es Conner kurz darauf selbst bei der Lektüre der Kritiken nennt, die von Negativwertungen bis hin zu Shit-Emojis reichen. Da hilft auch nicht Conners fingierte Beziehung zu einem britischen Film-Starlet (Imogen Poots), weshalb Harry kurzerhand die Reißlinie zieht. Er engagiert den aufstrebenden Rapper Hunter (Chris Redd) als Opening Act für die Tour – nur entwickelt sich der daraufhin verstärkt zum eigentlichen Star.

Vom umjubelten VIP gerät Conner immer mehr ins Abseits. Als einziger Freund, wenn auch nicht gewürdigt, erweist sich sein DJ Owen (Jorma Taccone), mit dem er einst bei den Style Boyz auftrat. Bis zu dem Moment, wo er Lawrence (Akiva Schaffer), das dritte Mitglied, durch seinen Egoismus verprellte. Der lebt seither auf einer Farm, während Owen alles daran setzt, die beiden ehemaligen Freunde getreu dem Lindsay-Lohan-Film The Parent Trap in einen Raum zu bringen, um sich auszusöhnen. Denn eine Reunion der Style Boyz geht nur als Trio, wie Lawrence später erläutert. “Like a tricycle. You take one wheel away, what do you got? Nothing!” Insofern ist die Richtung – und das Ende – des Films weitestgehend vorgegeben.

Von seiner Geschichte her will Popstar: Never Stop Never Stopping nur bedingt funktionieren, zu inkohärent ist diese inszeniert. So amüsant die namhaften Cameos auch sind, wirkt ihr Input zur musikalischen Bedeutung der Style Boyz oder von Conners Catchphrases (“Doinkdedoink”) nicht allzu glaubwürdig. Eine mehr interaktive Herangehensweise à la Entourage wäre hier überzeugender gewesen. Insofern hangelt sich der Film ein wenig von Vignette zu Vignette, die mal mehr und mal weniger zünden. Zugleich sollte man schon ein Fan von The Lonely Island und deren Humor sein, wie in Hot Rod oder den SNL Digital Shorts zu sehen. Der heimliche Star, so erklärt sich wohl auch die Herangehensweise an den Film, sollen aber die Songs sein.

Schließlich waren es Lieder wie Jizz In My Pants (153 Millionen Aufrufe) oder Like a Boss (142 Mio.), mit denen The Lonely Island sich auf YouTube einen Namen gemacht haben. Und eines kann man der Gruppe wahrlich nicht vorwerfen: dass es an guten Beats mangelt. Egal ob I’m So Humble mit YOLO-Co-Star Adam Levine oder Mona Lisa (“You’re an overrated piece of shit”), die Tracks gehen ins Ohr – auch wenn sie nicht zu den unsterblichen Stücken von The Lonely Island avancieren werden. Aber egal ob es die Hologramm-Show zu I’m So Humble ist oder der genial choreografierte Bühnenauftritt zu The Finest Girl (“Fuck Bin Laden”) – The Lonely Island wissen, wie sie sich und ihre infantil-vulgäre Musik amüsant inszenieren.

Im Gegensatz zu Hot Rod brennen sie allerdings nicht gerade ein Gag-Feuerwerk ab, etwas mehr Arbeit hätten sie also durchaus in ihre Charaktere stecken können. So ist Popstar: Never Stop Never Stopping eine leidlich gelungene Persiflage auf den modernen Pop-Zirkus, jenseits hier und da auftauchender Verballhornung von Branding und Selbstvermarktung. Ein Blick hinter die Kulissen wie im vergangenen Jahr Beyond the Lights will der Film sicher auch nicht sein, eine vollends überzeugende Branchenkomödie ist er allerdings ebenso wenig. “It’s the thought that counts”, erklärt Conner in einer späteren Szene einen Fauxpas gegenüber Owen. Und in gewisser Weise ließe sich dies auch über Popstar: Never Stop Never Stopping sagen.

6.5/10

2. Juli 2016

Game of Thrones – Season Six

It’s only tits and dragons.
(Ian McShane)


Schließlich war es soweit: das Kind musste auf eigenen Beinen stehen. Keine Windel mehr, keine Stützräder, kein Dach über dem Kopf im Elternhaus. Im Laufe des Lebens ist immer wieder Eigenständigkeit gefragt – und solche war, mit Abstrichen, dieses Jahr auch von David Benioff und D.B. Weiss gefordert. Beide Männer sind ihres Zeichens Showrunner und Autoren der populären HBO-Serie Game of Thrones, die in ihren ersten fünf Staffeln auf Buchmaterial von George R.R. Martins Reihe A Song of Ice and Fire basierte. Nur, dass der jüngste Roman The Winds of Winter bisher noch nicht erschien. Insofern tasteten sich Benioff und Weiss in der sechsten Staffel der Show vor in unbekannte Gefilde. Was man Game of Thrones deutlich anmerkte.

Zugleich hatten nun Kenner der Bücher keinen Wissensvorsprung, erlebten die meisten Ereignisse des sechsten Jahres so unbefleckt wie Romanlaien seit Beginn der Serie. So oder so dürfte es wohl für die wenigsten Zuschauer ein Schock gewesen sein, zu erfahren, dass Serienheld Jon Snow (Kit Harrington) zwar in der Tat tot war, es aber im Verlauf der jüngsten Staffel keineswegs blieb. Ohnehin kann sich Game of Thrones dieses Jahr nicht wirklich rühmen, besonders innovativ oder überraschend gewesen zu sein. Vielmehr wirkt das sechste Jahr wie ein kurzes Durchatmen, um sich auf den baldigen Schlussakt vorzubereiten. In zwei Jahren ist nämlich Schluss in Westeros, mit der achten Staffel als Finale für das Fantasy-Ränkespiel.

Vielleicht auch im Wissen, das Ende der geplanten siebenteiligen Buchreihe ohnehin nicht zu erleben, wo die Publikation des fünften Bands noch aussteht. Und auch wenn sich Benioff und Weiss im Vorfeld mit Martin zusammensetzten, wirkt es doch so, als wisse Game of Thrones nicht so wirklich, was es erzählen soll, ohne sich auf einen Zielort in A Song of Ice and Fire berufen zu können. So fiel mancher lahme Handlungsstrang dieses Jahr schlicht unter den Tisch, andere wurden gnädiger Weise zum Ende der Staffel hin wiederum eingestellt, nachdem sie zwei Jahre lang auf der Stelle traten. Allen voran der wenig ertragreiche Ausflug von Arya Stark (Maisie Williams) nach Braavos zum Auftragskiller-Training der Faceless Men.

Zwei Staffeln lang verdingte sich die jüngste Stark-Tochter hier als Azubi von Jaqen H’ghar (Tom Wlaschiha), ohne dass dies wirklich einem Zweck folgte, außer Beschäftigungstherapie für die Figur zu sein. Ähnlich wirkt der Handlungsstrang von Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), die nochmals die Reise vom Dothrakischen Meer nach Meereen bestreiten darf. Dort erwarten ihr Berater Tyrion Lannister (Peter Dinklage) und Konsorten ihre Rückkehr und versuchen derweil, den Frieden aufrecht zu erhalten. Wenn Game of Thrones im Staffelfinale The Winds of Winter buchstäblich die Segel setzt und Essos hinter sich lässt, nimmt das Geschehen endlich Fahrt auf. Selbst wenn der Zuschauer davon erst etwas in den finalen beiden Staffeln hat.

Die Krux liegt sicher auch mit am umfangreichen Ensemble der Serie. Entsprechend dienen die Staffelauftakt-Folgen wie The Red Woman nahezu ausschließlich dazu, den aktuellen Stand der zentralen Figuren abzuhaken. Eine wirklich flüssige Narration vermag sich da nicht einzustellen, so unstet wie die Episoden oft ausfallen. Da gerät ein inhaltlich eigentlich bedeutender Handlungsstrang wie Dorne nach dem Prinzessinen-Mord im Vorjahresfinale ins Hintertreffen. Stattdessen begleiten wir vereinzelt Samwell Tarly (John Bradley) und seine Freundin Gilly (Hannah Murray) auf ihrer ereignislosen Reise zur Bibliothekshauptstadt Oldtown. Ähnlich unterbeschäftigt sind auch Petyr Baelish (Aidan Gillen) und Brienne of Tarth (Gwendoline Christie).

Ersterer taucht nur sporadisch auf, Letztere erledigt primär Botengänge. Irgendwie ein solcher ist auch der Ausflug von Bran Stark (Isaac Hempstead Wright) jenseits der Mauer, wo er wie seine Schwester eine Ausbildung antritt – hier beim Seher Three-eyed Raven (Max von Sydow) –, die er dann nicht beendet. Hauptsächlich schickt sich die sechste Staffel an, die Charaktere in Position zu bringen für die Dinge, die da nahen. Es kommt zu neuen Bündnissen und Wiedersehen. Der königlose Ritter Ser Davos (Liam Cunningham) und Hexe Melisandre (Carice van Houten) scharen sich nun um Jon Snow, der mit Schwester Sansa (Sophie Turner) an seiner Seite die Konfrontation mit Winterfell-Besetzer Ramsay Bolton (Iwan Rheon) sucht.

In Bewegung kommen auch die Iron Islands, wo Rückkehrer Theon Greyjoy (Alfie Allen) sich mit seiner Schwester Yara (Gemma Whelan) ebenfalls einem Usurpator in Person ihres Onkels Euron (Pilou Asbæk) gegenüber sieht. Stagnation zelebriert derweil King’s Landing, wo sich Cersei (Lena Headey) und Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) nebst den Tyrells um Königin Margaery (Natalie Dormer) weiterhin mit der Sekte des High Sparrows (Jonathan Pryce) auseinandersetzen müssen. Die Hintergründe der Situation – die beiden mächtigsten Familien Westeros’ sind Geiseln von zwei Dutzend Fundamentalisten – arbeiten Benioff und Weiss dabei nicht heraus. Was zum großen Bedauern auf fast jeden der Handlungsstränge zutrifft.

Getreu klassischer HBO-Manier entwickeln sich die meisten Figuren nicht weiter (Jaime Lannister ist eine der wenigen Ausnahmen), reflektieren auch nicht ihre eigene Vergangenheit und Taten. In der Folge wirken Charaktere wie Jon Snow oder Cersei Lannister enorm eindimensional, wenn sie schlicht über ihre Handlungen definiert werden, aber mit oft fehlender Motivation. Die Figuren in der Serie hinterfragen sich nicht. Wenn Petyr Baelish da in The Winds of Winter wiederholt, sein Ziel sei es, auf dem Iron Throne zu sitzen, lässt Game of Thrones die Frage im Raum stehen: wieso? Selbiges ließe sich im Prinzip auch über Daenerys Targaryen sagen, die Show propagiert Macht um der Macht willen, ohne dass sich von ihr etwas versprochen wird.

Gleichzeitig stellt die sechste Staffel auch wiederholt die Generationen einander gegenüber. Wie bereits in früheren Staffeln wird Daenerys da der Vergleich zu ihrem Vater, dem Mad King, vor Augen geführt. Auch die übrigen Nachkommen, von König Tommen (Dean-Charles Chapman) über Ramsay Bolton bis hin zu den Greyjoys und Jon sowie Sansa, müssen sich dem Erbe ihrer Väter und Häuser stellen. Eine wirkliche Wahl in ihrem Handeln haben sie dabei allerdings nicht. “Fire and blood”, spricht da im Staffelfinale eine Figur das Motto eines der Häuser aus. “What is dead may never die”, hieß es im Vorfeld bereits anderswo in Westeros. Ein Königreich, dessen gemeinsame Sprache Blut, Mord und Gewalt ist. Auch dieses Jahr.

Den Blick zurück wagen lediglich Arya als Zuschauerin einer Show innerhalb der Show sowie ihr Bruder Bran als designierter Seher – welche Bedeutung diese Rolle auch immer im Kontext der Geschichte einnimmt. Als Folge bedient sich Game of Thrones bisweilen Rückblenden, um bislang offene Fragen mit Antworten zu versehen. Was nicht bedeutet, dass auch hierbei auf Gewalt verzichtet werden muss. Gut zwei Dutzend bekannter Figuren verabschieden sich von der Serien-Gehaltsliste – das Feld dünnt sich aus. Wohl auch, weil sich Benioff und Weiss des aufgeblähten Ensembles bewusst sind. Und in den ausbleibenden Episoden, die weniger als die üblichen zehn pro Staffel sein werden, voll auf die “key player” fokussieren wollen.

Insofern verdient sich die jüngste Staffel zumindest über weite Teile den Status als Füllmittel. Wenn in drei Jahren auf alle acht Staffeln zurückgeblickt wird, dürfte man zu dem Schluss kommen, dass das Alles auch in weniger Folgen hätte erzählt werden können. Und dabei insbesondere auf die Staffeln 5 und 6 blicken. Was nicht bedeutet, dass dieses Jahr nicht seine Momente gehabt hätte. Zwar baute die zweite Hälfte der Staffel merklich ab, dennoch wusste die Serie gerade mit der Bran-lastigen Episode The Door sowohl narrativ wie von der Inszenierung her einen der wenigen Höhepunkte ihrer Geschichte abzuliefern. Was sicher auch mit daran gelegen haben mag, dass Lost-Veteran Jack Bender hier erstmals die Regie übernommen hatte.

Auch Book of the Stranger wusste zu gefallen, wohingegen The Battle of the Bastards nicht nur, aber auch wegen des renommierten Status’ als neunte Folge stark enttäuschte. Weniger von ihrem Umfang und Umsetzung her, als dem, was sie erzählte. Selten war eine Fernseh-Episode wohl vorhersehbarer gewesen als hier. Nahezu eine Ohrfeige für eine Serie, die zuvorderst dadurch funktionieren will, indem sie ihre Zuschauer überrascht und schockiert. Letzteres war ebenfalls die Intention des Staffelfinales The Winds of Winter, doch auch jene Episode wartete zum einen mit Twists auf, die sich erahnen ließen. Und vermochte zum anderen wie ihre zahlreichen Vorgänger die Motivation hinter den Handlungen der Charaktere nicht zu erklären.

Abseits der Drehbuchautoren verdient sich Game of Thrones jedoch ohne Zweifel seinen Ruf als Qualitätsfernsehen. Ob Ausstattung oder Kostüme, von der Maske bis hin zu den Special Effects – noch nie sah die Show so gut aus wie im sechsten Jahr. Lob, das sich auch das umfangreiche Ensemble verdient, welches seine Figuren – so weit es die Drehbücher eben zulassen – zum Leben erweckt. Oft sind es die kleinen Momente und stillen Blicke, in denen Schauspieler wie Alfie Allen, Maisie Williams, Carice van Houten oder auch einmalige Gast-Darsteller wie Ian McShane ihre Klasse abrufen. Hinzu kommen herrliche Neunankömmlinge wie die kecke Lady Mormont (Bella Ramsey) sowie lieb gewonnene Legenden wie Olenna Tyrell (Diana Rigg).

Wer damit leben kann, dass Benioff und Weiss mit der sechsten Staffel von Game of Thrones primär den Tisch decken für das noch ausstehende Zwei-Gänge-Menü – oder wer generell mit den Grundprämissen der Show, von Ian McShane wunderbar als “tits and dragons” umschrieben, schon zufrieden genug ist –, für den hält die Serie erneut alles bereit, was das Herz begehrt. Als kurzweilige und opulent inszenierte Unterhaltung geht dieses sechste Jahr in Ordnung, selbst wenn sich die Serie gegenüber anderen Shows mit den Jahren nicht sonderlich weiter entwickelt hat. Insofern sind die Showrunner trotz fehlender Buchvorlage immer noch so etwas wie Nesthocker im Hause George R.R. Martins. Ausgezogen wird nächstes Jahr.

7/10

25. Juni 2016

Diarios de motocicleta [Die Reise des jungen Che]

This isn’t a tale of heroic feats.

Das Time Magazin zählt ihn als eine der 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts. Einem Jahrhundert, in dem er von den meisten Menschen als der Freiheitskämpfer schlechthin angesehen wird. Ernesto Guevara de la Serna ging gemeinsam mit seinem Freund Fidel Castro in die Geschichtsbücher ein, als Begründer der heutigen Republik Kuba. Alberto Kordas Guerrillero Heroico, ein Konterfei von Guevara, gilt seit Jahrzehnten als politisches Symbol unter Jugendlichen. Schon lange ist Guevara, der von seinen Anhängern nur liebevoll „Che“ genannt wurde, zu einer Marke geworden. Einer Legende, einem Märtyrer, einem Symbol. Um zu verstehen, wer „Che“ Guevara wirklich war, muss man in seine Vergangenheit blicken.

Gut ein Dutzend Filme beschäftigen sich mit Guevara, darunter Steven Soderberghs siebenstündige Biographie Che, die in zwei Teilen im Kino erschien. Die ganze politische Ära des Guerilla-Führers wollte sich dagegen der brasilianische Regisseur Walter Salles nicht antun. Er konzentriert sich in Diarios de motocicleta vielmehr auf ein besonderes Kapitel des jungen Argentiniers. Ende Dezember des Jahres 1951 machte sich der 23-jährige Ernesto (Gael García Bernal) gemeinsam mit seinem Freund Alberto Granado (Rodrigo de la Serna) auf einer reparierten 500er Norton namens „La Poderosa II“ (dt. die Mächtige II) auf, eine siebenmonatige Reise anzutreten, die den Medizinabsolventen bis nach Miami, Florida treiben sollte.

Salles hält sich akribisch an die veröffentlichten Tagebücher von Guevara und Granado und arbeitet ihre Reise Station für Station ab. Der lobenswerteste Faktor ist sicher, dass der Brasilianer den Film einfach für sich selbst sprechen lässt, ohne ihn in ein größeres Ganzes einzuordnen. Mit Diarios de motocicleta analysiert er folglich das ganzheitliche System „Che“ anhand des Teilsystems der 1952er Südamerika-Reise. Und doch begeht Salles den Fehler, seinen Guevara teils durchaus als „Mini-Che“ zu zelebrieren. Als hätte der Freiheitskämpfer damals bereits in Guevara geschlummert und sei durch die Reise aufgewacht. Sicher veränderte die Reise ihn, ist aber weniger Revoluzzer-Prolog denn Frühstadium (s)einer Persönlichkeitsentwicklung.

Guevara, damals Fuser (dt. der rasende Serna) gerufen, hatte sich zu Beginn der 1950er Jahre weniger mit dem Marxismus als mit Gandhi beschäftigt. Im Film selbst schlägt lediglich sein „Raidismus“ durch. Geographisch arbeitet Salles das Itinerar der Argentinier punktgenau ab. Vom ersten Aufenthalt bei Ernestos Freundin María del Carmen Ferreyra, genannt „Chichina“ (Mía Maestro), bis hin zum alkoholträchtigen Abgang in Lautaro, Chile. Eine gewisse Ernsthaftigkeit gewinnt Diarios de motocicleta dann, als Ernesto und Alberto Zeugen der Bergbauarbeiter-Bedingungen in Antofagasta werden. Ohnehin ist es fraglos der Aufenthalt in Peru, der dem damals noch jungen Guevara von seiner Reise am eindringlichsten in Erinnerung bleiben wird.

Hier wird er mit der Vergänglichkeit des Lebens und dem Verhalten der Menschen untereinander konfrontiert, als er mit Alberto in San Pablo bei einer Lepra-Krankenstation angestellt ist. Die Erlebnisse in San Pablo werden Guevara formen und gemeinsam mit seinen anderen Erlebnissen, speziell dem Rassismus der Peruaner gegenüber den Ureinwohnern und der Diskriminierung der Kommunisten sowie der gesellschaftlichen Schere von Arm und Reich die Initialzündung für jenen Charakter bilden, der als „Che“ in die Geschichte eingehen sollte. Leider zeigt Walter Salles nicht allzu viel von diesen Punkten, abgesehen von der Lepra-Station, mit der er eventuell den Bruch Guevaras mit seiner medizinischen Karriere aufzeigen wollte.

Neben den wunderschönen Landschaftsaufnahmen beeindruckt im Film jedenfalls auch die musikalische Untermalung von Gustavo Santaollala und Jorge Drexler. In seiner Gesamtheit betrachtet ist Diarios de motocicleta durchaus mehr Road Movie als tatsächliche Che-Biographie. Der bisweilen starke Einschlag der biographischen Züge, die selbstverständlich aufgrund des herrschenden Vorwissens retrospektiv gesehen werden, wirkt dennoch mitunter als Störfaktor. Trotz alledem ist Salles’ Film überzeugend in seiner Botschaft und weitestgehend glaubwürdig und authentisch von Bernal und de la Serna gespielt. Für alle Fans von Motorradreisen sollte dies ebenso ein Muss sein, wie für Fans und Interessierte von Ernesto „Che“ Guevara.

7/10

18. Juni 2016

Voltron: Legendary Defender – Season One

This is the worst team-building exercise ever!

Manche Dinge ändern sich nie. Darunter wohl auch die Tatsache, dass Dinosaurier und humanoide Roboter eine gewisse Anziehungskraft für Kinder beziehungsweise Jungen haben. So mag sich der Erfolg und Kultfaktor solcher Serien wie Transfomers oder Saber Rider and the Star Sheriffs erklären. Oder auch konkret der Power Rangers, jener Truppe Jugendlicher, die in den 1990ern mit individuellen Waffen und Zord-Robotern als Team gegen feindliche Mächte kämpften. Und in der Not mit ihrem Megazord einen humanoiden Riesenroboter bildeten. Sentai heißt jenes Subgenre einer Gruppe, die mit Robotervehikeln gegen Aliens kämpft, zu dem auch Netflix’ und DreamWorks’ neue Animationsserie Voltron: Legendary Defender gehört.

Dabei baut die 11-teilige erste Staffel auf Voltron: Defenders of the Universe auf, die Mitte der 1980er Jahre entstand und zu deren Erben sicher auch die Power Rangers gehören. Den Einstieg bildet eine Weltraummission eines dreiköpfigen Teams, das auf dem Pluto-Mond Kerberos nach Anzeichen von Leben außerhalb der Erde forscht. Und sich plötzlich einem Raumschiff von Aliens gegenüber sieht. Ein Jahr später gelingt Crew-Mitglied Shiro (Josh Keaton) die Flucht aus seiner Gefangenschaft Richtung Erde. Dort trifft er auf die Weltraumprogramm-Kadetten Lance (Jeremy Shada), Hunk (Tyler Labine) und Pidge (Bex Taylor-Klaus) sowie den Piloten Keith (Steven Yeun), der zuvor aus ebenjenem Weltraumprogramm ausgeschieden war.

Shiro erinnert sich nicht an die Ereignisse des vergangenen Jahres, weiß jedoch, dass die Aliens auf dem Weg zur Erde sind, um dort in den Besitz einer Waffe namens „Voltron“ zu gelangen. Gemeinsam stößt die Gruppe auf einen riesigen Löwenroboter, der sie nach einer Attacke des Alien-Schiffs per Wurmloch zum Planeten Arrus bringt. In einem Schloss erwachen dort Prinzessin Allura (Kimberly Brooks) und ihr Gefolgsmann Coran (Rhys Darby) aus dem Kälteschlaf. Und berichten, dass 10.000 Jahre zuvor der diabolische Zarkon (Neil Kaplan) ihren Planeten Altea zerstörte, König Alfor tötete und das Universum unterjochte. Stoppen kann ihn nur Voltron – der Zusammenschluss von insgesamt fünf Löwen-Roboter und ihrer Paladine.

Als solche werden nun Shiro und Co. auserkoren, die in der mehr als einstündigen Pilotfolge The Rise of Voltron erst ihre individuellen Löwen auf verschiedenen Planeten finden und aktivieren müssen. Eingangs ein zusammengewürfelter Haufen müssen die fünf jungen Helden in der Folge getreu dem Sentai-Genre lernen, als Team zu funktionieren. Was in den Anfangsepisoden für etwas Missstimmung sorgt. Nicht nur, weil Lance und Keith einen kleinen Konkurrenzkampf untereinander ausfechten (“You know, Lance and Keith, neck and neck”), sondern auch, weil Pidge mehr daran interessiert ist, herauszufinden, was mit seinem Vater und Bruder vor einem Jahr geschah, als sie Shiro auf der Kerberos-Mission begleitetet hatten.

Der Team-Gedanke durchzieht die ersten Episoden der Neuauflage, sei es, wenn Lance, Hunk und Pidge eingangs bei einer Missionssimulation versagen oder später die um Shiro und Keith erweiterte Gruppe wiederholt aneinander gerät. Hier spielen auch die unterschiedlichen Charaktere der Figuren eine Rolle, vom selbstüberzeugten Lance, zum rebellischen Keith, über den überlegten Pidge, geborenen Anführer Shiro bis hin zum gutmütigen Hunk. Der will mit all dem Tohuwabohu eigentlich möglichst wenig am Hut haben (“For someone in a space exploration program you don’t have much of a sense of adventure”, wirft ihm Lance in der Auftaktfolge vor), bis jedoch auch er in Tears of the Balmera einen Motivationsschub erhält.

Für Allura gilt es wiederum, das Erbe ihres Vaters zu bewahren und Zarkon zurück in seine (alten) Schranken zu verweisen. Nach anfänglicher Charakterzeichnung beschränkt sich Voltron: Legendary Defender jedoch in seiner zweiten Hälfte verstärkt auf den nahenden Konflikt mit Zarkon und die Tatsache, dass Shiro und Co. für diese Konfrontation noch nicht geübt genug zu sein scheinen. Was etwas schade ist, da die einzelnen Figuren so nicht vollends mit Leben gefüllt werden. So wird Lance kurz als Familienmensch skizziert, die Abwesenheit von jener Familie und zur Erde aber nicht thematisiert. Auch Keiths Innenleben und Motivation – er schied als bester Pilot wegen Disziplinlosigkeit aus – sind in dieser ersten Staffel noch unklar.

Schön(er) wäre es gewesen, hätte sich die Serie die Zeit genommen, jede der sieben zentralen Figuren in einer Folge in den Vordergrund zu stellen. Immerhin ist die erste Staffel mit ihrer Laufzeit von rund fünf Stunden relativ kurz geraten und wartet gegen Ende mit Crystal Venom noch mit einer Folge auf, die wenig zum größeren Ganzen beiträgt. So werden die meisten Figuren (außer vielleicht Pidge) über ihre stärkste Charaktereigenschaft definiert, was im Kontext der Handlung sicher ausreicht, aber sie bisweilen etwas eindimensional geraten lässt. Selbiges ließe sich natürlich auch über Gegenspieler Zarkon sagen, dessen Hintergründe erst in den Schlussfolgen wie dem Finale The Black Paladin zumindest leicht angerissen werden.

Generell gefällt jedoch die Dynamik zwischen den Figuren, allen voran der primär von Lance ausgehende Konkurrenzkampf mit Keith sowie sein stetes Balzverhalten sind ein willkommener Running Gag. Allgemein überzeugt Voltron: Legendary Defender durch geschickt eingepflegten Humor, teils sogar von subtiler Natur. Des Öfteren bringen Dialoge, Einzeiler oder auch detaillierter Zeichenstil den Zuschauer zum Lachen, zugleich weiß die Serie nuanciert mitunter ernste Töne anzusprechen, ohne deswegen jedoch ins über-Seriöse abzudriften. Narrativ und von der Chemie ihrer Charaktere ist den Machern dieses Reboots somit wenig vorzuwerfen – und was die visuelle Umsetzung der 2D-Animationsserie angeht, sogar noch weniger.

Hinter Voltron – dass die Original-Hierarchie in der Gruppe übrigens etwas umordnet – stecken mit Joaquim Dos Santos und Lauren Montgomery zwei Showrunner, die schon in die erfolgreichen Serien Avatar: The Last Airbender sowie The Legend of Korra involviert waren. An deren Zeichenstil, der Anleihen an Animes nimmt, orientiert sich auch Voltron: Legendary Defender. Mit Liebe zum Detail werden da die designierten Paladine schon im Piloten mit ihren zukünftigen Farben assoziiert, lediglich in der äußerlichen Darstellung der Löwen-Roboter gerät die Zeichnung bisweilen leicht klobig. Visuell zwar ganz nett, aber mit der Dauer – auch wegen fehlender Variation – redundant fällt derweil das Verbindungsszenario der Löwen zu Voltron aus.

Ansonsten ist die Serie jedoch überaus gelungen, nicht zuletzt aufgrund des überzeugenden Voice Casts rund um The Walking Dead-Alumnus Steven Yeun (die Besetzung der deutschen Synchro wirkt nicht ganz so rund, dafür ist die Übersetzung selbst solide). Hätten Dos Santos und Montgomery auf Crystal Venom verzichtet und dafür mit ein paar zusätzlichen Folgen noch die übrigen Figuren stärker beleuchtet, wäre Voltron: Legendary Defender eine runde Sache gewesen. Hier liegt noch Potential, das die Showrunner in der kommenden Staffel abrufen sollten. Aber auch so vermag die Serie ihrem Original sowie dem Sentai-Erbe prinzipiell gerecht zu werden. Wer Letzterem nicht abgeneigt ist, wird gern zur Gruppe der Voltron-Fans dazu stoßen.

7/10

11. Juni 2016

Warcraft

Have a good look around?

Er hat es versucht – vergeblich. Nachdem er bereits die Videospiele Dungeon Siege und Far Cry verfilmte, wollte Regisseur Uwe Boll auch bei der Adaption von Warcraft hinter die Kamera. Doch Entwickler Blizzard habe abgelehnt, die Filmrechte an Boll zu vergeben. Insbesondere an Boll. Zu wichtig sei ein gut umgesetzter Warcraft-Film, nicht zuletzt da bislang noch keine Videospielverfilmung wirklich überzeugen konnte. Von Super Mario Bros. über Street Fighter bis zu Hitman und Prince of Persia – immerhin die Resident Evil-Reihe erweist sich als langlebig. Nun also Warcraft, eine Adaption des populären Online-Multiplayer-Rollenspiels von Duncan Jones, die jedoch bei den Kritikern nicht besser abschnitt als andere Game-Filme.

Weil ihre Welt, Dreanor, im Sterben liegt, führt ihr Anführer Gul’dan (Daniel Wu) Kämpfer der verschiedenen Orc-Clans, darunter Clan-Führer Durotan (Toby Kebbell) und Halb-Orc Garona (Paula Patton), über ein Portal in die menschliche Welt von Azeroth. Dort ziehen sie plündernd durchs Land, um ihrer dunklen Zaubermacht The Fel menschliche Geiseln für eine erneute Portalöffnung zu opfern, sodass ihre ganze Horde nachfolgen kann. Etwas, worauf der abtrünnige Magier-Lehrling Khadgar (Ben Schnetzer) aufmerksam wird und Azeroth-Heerführer Anduin Lothar (Travis Fimmel) warnt. König Llane Wrynn (Dominic Cooper) schickt beide zum Schützer des Reichs, Magier Medivh (Ben Foster), um aus der Situation schlauer zu werden.

Als jemand, der noch nie etwas mit Warcraft zu tun hatte (die legendäre South Park-Folge ausgenommen), ließen mich die ersten 20 Minuten etwas verwirrt zurück. Wer ist genau wer und muss wieso wohin? Als Nicht-Kenner der Materie müssen derartige Lücken quasi „unterwegs“ teils selbst gefüllt werden – was angesichts ausufernder erklärender Filme des Marvel Cinematic Universe und Co. im Grunde sogar relativ erfrischend ist. Und zugleich ein Zeichen dafür, dass Warcraft auch solche Zuschauer im Stande sieht, aus der Handlung Sinn zu machen, die mit der Vorlage unbekannt sind. Was nicht bedeutet, dass sich das Publikum zwingend auf alles einen Reim machen kann. Ohne dass dies dem Film zum Nachteil gereicht.

Zum Beispiel wieso Khadgar sich von seiner Magier-Ausbildung verabschiedet hat und was es mit dieser eigentlich genau auf sich hat. Am verstörendsten ist da noch, dass das menschliche Ensemble erstaunlich jung geraten ist. Egal ob König, Heerführer oder Chef-Magier – hier scheint niemand älter als Mitte 30 zu sein. Was überrascht, wenn Lothar plötzlich einen Sohn in seinen Reihen weiß, der kaum älter aussieht als er selbst. Womöglich jung gezeugt, vielleicht altern Menschen in der Warcraft-Welt auch nur langsamer, im Fantasy-Genre sollte man wohl die Dinge nicht allzu genau nehmen. Und als Beitrag jenes Genres funktioniert Warcraft die meiste Zeit ganz gut, auch aufgrund Anleihen von The Lord of the Rings oder Game of Thrones.

Erfreulich ist da zudem, dass Jones das ursprüngliche klischeebehaftete Drehbuch derart umschrieb, dass die Orcs statt bloße Gegenspieler zu sein auch etwas Kontur erhalten. In Person von Durotan wird an den Aktionen von Gul’dan gezweifelt, das Sterben der eigenen Welt und die Hintergründe hinterfragt. Neben seinem besten Freund Orgrim (Robert Kazinsky) ist er allerdings die Ausnahme von der Regel, agieren Gul’dan oder Heerführer Blackhand (Clancy Brown) doch sonst als das, was die Orcs im Prinzip sind: kaltherzige Invasoren einer friedliebenden Welt. Eine Dualität, die auf der Gegenseite keineswegs so ausgewogen stattfindet, wo die Geschichte unterdessen Garona als eine Mittlerin beider Welten in den Zwiespalt schickt.

Während die eine Seite angetrieben von einem übermächtigen Anführer und im Angesicht der eigenen Auslöschung auf Konflikt aus ist, bemüht sich Llane Wrynn um eine rationale Lösung. In der Folge ereignen sich Abläufe, die man als erfahrener Zuschauer durchaus kommen sieht. Aber Warcraft hält auch – zumindest für Materie-Laien wie mich – Ereignisse parat, die angesichts der Tatsache, dass der Film ein Kino-Property starten soll, unerwartet sind. Und gerade deswegen eine Fortführung der Geschehnisse auf Basis dessen, was in diesem Teil – der bei uns entsprechend als Warcraft: The Beginning vertrieben wird – passiert, umso interessanter und spannender macht. Wird doch genug Fundament für eine zukünftige dramatische Vertiefung gelegt.

Für einen Fantasy-Blockbuster fallen die darstellerischen Leistungen solide aus. Vikings-Veteran Travis Fimmel scheint zwar bisweilen Channing Tatum nachzueifern, Dominic Cooper ruft sein Standard-Programm ab, Ben Foster kämpft mit dem Overacting und Paula Patton erweist sich praktisch als heimlicher Star. Auf der Gegenseite wirken die Synchronsprecher der Orcs sehr viel überzeugender als das sie zum Leben erweckende CGI. Wohl auch aufgrund des eher „moderaten“ Budgets von 160 Millionen Dollar wirken die Effekte von Warcraft die meiste Zeit ziemlich unrund und erinnern eher an eine gut animierte Zwischenszene eines Videospiels als dass sie den Ansprüchen von (pseudo-)realistischem Fantasy-Kino gerecht werden.

Für das, was er sein will, funktioniert Warcraft trotz einiger Längen in seiner zweiten Hälfte jedoch erstaunlich gut. Da passen die negativen Kritiken, die schon mit ähnlichen Blockbuster-Filmen wie Speed Racer, John Carter oder The Lone Ranger einhergingen, im Grunde ins Bild. Ob Fans der Vorlage mit diesem Warcraft glücklich werden, kann der Laie schwer beurteilen, wer jedoch Spaß an Fantasy-Filmen hat, dürfte das Kino weitestgehend zufrieden verlassen. Nach dem zuvor eher enttäuschenden Source Code als Nachfolger seines starken Debüts Moon hat Duncan Jones mit seiner dritten Regiearbeit jedenfalls sein Talent untermauert. Vielleicht ist für gelungene Videospiel-Adaptionen also die Hoffnung doch noch nicht vollends verloren.

7/10

4. Juni 2016

A Life Less Ordinary [Lebe lieber ungewöhnlich]

I thought we agreed there’d be no cliches.

Für europäische Regisseure ist der Schritt nach Amerika oft eher ein Schritt zurück als nach vorne. Der Norweger Ole Bornedal kehrte 1997 in seine Heimat heim, als er mit dem Remake zu seinem Nattevagten scheiterte. Sein schwedischer Kollege Mikael Håftström zog es dagegen durch, selbst wenn sein Debüt Derailed durchwachsen ausfiel. Hollywood lockt europäische Regisseure durch ihre innovativen Arbeiten zu sich, wo diese Innovation dann aber nicht gefragt ist, da zu riskant zu vermarkten. Stattdessen müssen sie sich an den Konsummarkt anpassen, Zuschauerfreundliche Geschichten inszenieren. Das klappt mal mehr, mal weniger. Immerhin schaffte es Danny Boyle nach Shallow Grave und Trainspotting, in seinem US-Debüt A Life Less Ordinary noch seine eigene Note einzubringen.

Drehbuchautor John Hodge liefert hier eine Stockholm-Syndrom-Komödie ab, in der sich Ewan McGregor als stylisch fragwürdiger Entführer um eine verwöhnte Cameron Diaz kümmert. Speziell in der ersten Hälfte bedient sich der Film gängiger Entführungsklischees als comic relief. Da fragt McGregor, wie er sich den so schlägt als Entführer, während Diaz erzählt, wie ihr dasselbe bereits mit zwölf Jahren passierte. “God, that’s terrible”, befindet McGregor bestürzt, während er sein Opfer an einen Stuhl fesselt. Ohnehin gibt der Schotte keinen grandiosen Entführer ab, kann weder Blut sehen, noch richtige Lösegeldforderungen an den Vater des Opfers (Ian Holm) stellen. “You’re the worst kidnapper I’ve ever met”, entgegnet Diaz – und nimmt ihre Entführung kurzerhand einfach selbst in die Hand.

Dabei bezieht A Life Less Ordinary natürlich viel von seinem Humor aus den unterschiedlichen Hauptfiguren. So spielt Ewan McGregor mit Robert eine Putzkraft, die es danach sehnt, einen Trash-Roman über die uneheliche Tochter von John F. Kennedy und Marilyn Monroe zu schreiben. Da wird er unerwartet ein Opfer der fortschreitenden Technologisierung und buchstäblich durch einen Roboter ersetzt. Sogar einen, der seine Arbeit besser und zuverlässiger macht als Robert selbst. Des Unheils nicht zu wenig macht am selben Tag auch gleich noch seine Freundin mit ihm Schluss. Grund genug für Danny Boyle, sich ein wenig zu profilieren: Der erklärte Fan von Francis Ford Coppola nutzt hier nun den Moment, um jene Szene des Ausdrucks von Unheil in Coppola-typischem Rot-Ton zu halten.

Der Grundstein für die Entführung der Tochter des Chefs und das hieraus folgende Road Movie der beiden Figuren ist nunmehr gelegt. Im krassen Gegensatz zu Robert steht dabei Diaz’ Figur der reichen Celine. Diese leidet unter dem Patriarchat ihres Vaters, der von ihrer zur Schau gestellten Inkompetenz nicht sonderlich erfreut ist. Das Verhältnis der beiden Charaktere wird am deutlichsten, wenn Celine ihrem Entführer Robert erzählt, dass ihr Vater damals sechs Wochen gewartet hatte, ehe er sie mit dem Lösegeld befreite. Liebe sieht irgendwie anders aus, entsprechend ist es also keine herzliche Beziehung zwischen Vater und Tochter. Dies wiederum erklärt auch, weshalb Celine im weiteren Verlauf der Geschichte Robert unentwegt dazu anspornt, das Szenario ihrer Entführung durchzuziehen.

Typisch für einen Danny Boyle ist in A Life Less Ordinary der Soundtrack, der im Vergleich zum Vorgänger Trainspotting jedoch sehr viel dezenter gerät. Auch die Bilder wirken ruhiger und zurückhaltender als sie der Brite in Trainspotting oder The Beach – die Filme, die A Life Less Ordinary flankieren – inszenierte. Somit ist dieses Werk, für das er damals seine Beteiligung an Alien: Resurrection absagte, im boyleschen Verständnis weder Fisch noch Fleisch. Zu zahm für einen richtigen Film des Briten, zu schräg für die konventionelle Hollywood-Komödienromanze. Mitunter wirkt die Handlung leicht konfus, einige Wendungen nicht immer plausibel und das Filmtempo gerät ins Stocken. Ohnehin ist A Life Less Ordinary vielleicht Danny Boyles schwächster Film – aber deswegen nicht zwingend ein schlechter.

Die Chemie zwischen McGregor und Diaz stimmt, auch Delroy Lindo und Holly Hunter spielen als Engel munter auf, während Holm etwas unter seiner geringen Präsenz leidet. Für ein US-Debüt ist das aber ordentlich, wobei der Film mit The Beach deutlich macht, dass der amerikanische Mainstream-Markt Danny Boyle nicht so recht liegen mag (welch Ironie, dass Slumdog Millionaire dafür so ein Aufsehen bei US-Filmkritikern erregte). Boyles Platz ist und bleibt nun mal abseits des Geschehens, wo er sich frei entfalten und verwirklichen kann. Dass er ein Großer seiner Zunft ist, das merkt man daran, dass selbst einer seiner schwächeren Filme seinen Charme besitzt. A Life Less Ordinary erzählt eine absurde, irrationale Geschichte. Wieso glauben wir sie also? “Because we’re dreamers”, würde der Film sagen.

7/10

28. Mai 2016

James White

What am I supposed to do?

Krebs ist inzwischen eine Volkskrankheit. Jede/r vierte verstorbene Deutsche erlag in den letzten Jahren einem Krebsleiden. Jährlich erkrankt eine halbe Million Menschen neu, beinahe halb so hoch ist die Zahl der Todesopfer. Kaum jemand dürfte nicht jemand aus dem Familien- oder Bekanntenkreis kennen, der an Krebs erkrankte oder verstarb. So auch die Mütter von Josh Mond und Cynthia Nixon – Letztere besiegte die Krankheit sogar selbst. Der Produzent Mond verarbeitete den Tod seiner Mutter in seinem Regiedebüt James White, in welchem Cynthia Nixon den Part der todkranken Mutter übernimmt, die Krebs im Endstadium hat. Hierunter leidet nicht nur sie, sondern auch ihr Sohn, der sein Leben der Pflege der Mutter widmet.

Monds Film beginnt dabei mit einer Beerdigung oder genauer gesagt Shiv’a in der Wohnung von Gail White (Cynthia Nixon), allerdings der ihres Ex-Mannes und Vaters von Sohn James (Christopher Abbott). Der kommt direkt aus einem Nachtclub zur Trauerveranstaltung, die ihn mit der Zweitfamilie des Vaters zusammenführt. Ein Szenario, das Mutter und Sohn überfordert, schließlich haben sie mit der Krankheit und Pflege von Gail bereits genug Sorgen. Um etwas abzuschalten, besucht James seinen Freund Nick (Scott Mescudi) in einem Hotel in Mexiko, wo dieser als Animateur arbeitet. Und lernt dort die urlaubende Jayne (Makenzie Leigh) kennen. Da bekommt er einen Anruf aus New York, dass sich Gails Zustand verschlechtert hat.

James White ist ein kurzweiliger Film weniger Worte. Oftmals muss man sich Zusammenhänge selbst erschließen – was einerseits durchaus erfreulich ist, zugleich aber auch vieles vage lässt. So verwundert die Abhaltung der Shiv’a in den Räumen von Gail, wenn doch der Großteil der angeheirateten Verwandtschaft asiatischer Abstammung ist. Dass diese nicht selbst die Gedenkfeier ausrichten, mag sich durch Gails Krankheitszustand erklären. Wird aber nicht eigens thematisiert. Genauso wenig die Beziehung von Nick zu Mutter und Sohn. Ist er nur ein guter Freund von James oder eher ein Ziehsohn von Gail, so liebevoll und herzlich wie diese mit ihm umgeht? Josh Mond überlässt solche Interpretationen ganz seinem Zuschauer.

Vorausgesetzt wird eingangs auch die Historie des Krebs- und Pflegeverlaufs. James sagt, er kümmere sich seit vier Jahren um Gail, sie erwidert, er würde ihr seit zwei Jahren auf der Tasche liegen. Ben (Ron Livingston), ein Freund seines Vaters, bietet dem scheinbar schriftstellerisch talentierten James ein Bewerbungsgespräch bei seinem Magazin an. Zuvor will der junge Mann um die 30 jedoch erstmal in Mexiko durchatmen. “When I come back I will be ready for life”, verspricht er. James ist selbst ebenfalls ein Opfer der Umstände, scheint sein Leben für die Pflege seiner Mutter auf Eis gelegt zu haben. “All you do is take breaks”, wirft Gail ihm vor. Und schreibt die Reise nach Mexiko selbstsüchtigen Gründen zu. Was nicht so falsch ist.

Wie schwer die Krankheit der Mutter auf James wiegt, zeigt sich nur in wenigen Szenen. Und ist oft verbunden mit emotionalen Zusammenbrüchen, die ihn letztlich auch seine nach New York gerettete Beziehung zu Urlaubsflirt Jayne kosten. “She may die any day”, presst der Sohn da in einer Szene in all seiner Ohnmacht hervor. Während er im Krankenhaus versucht, ein Bett für Gail zu bekommen, die unterdessen in ihren eigenen Fäkalien liegt, oder telefonisch von einem Hospiz Anweisungen erbittet, wie er mit Fieberschüben der Mutter klarkommen soll. “What am I supposed to do?”, fragt sich die Figur nicht nur einmal – und ist offensichtlich mit der Situation ebenso, wenn nicht vielleicht sogar noch mehr, überfordert als ihr krankes Elternteil.

Die Geschichte wird dabei getragen von ihren Darstellern, allen voran dem soliden Christopher Abbott und der stark aufspielenden Cynthia Nixon. Gerade Nixon gibt alles in einer offenlegenden Darbietung. So kraftlos wie sich ihre Gail äußerlich gibt, scheint wiederum James innerlich zu sein. Auch wenn die Einblicke in die Figur da bereits aufhören. Dennoch ist James White auch dank seiner kurzen Laufzeit von knapp anderthalb Stunden ein starkes Charakter-Drama. Als Krebsfilm fühlt sich der Film zugleich authentischer, jedoch auch tragischer, an als Genrevertreter wie Me and Earl and the Dying Girl oder The Fault in Our Stars. Enden tun alle drei Geschichten letztlich gleich. Da unterscheidet sich die Fiktion also nicht so sehr vom Leben.

6.5/10

21. Mai 2016

Uncharted 4: A Thief's End

I am a Man of Fortune, and I must seek my Fortune.

Manchmal heißt es Loslassen, wenn einem das eigene Wohl am Herzen liegt. “Let it go“, appellierte da Henry Jones, Sr. (Sean Connery) am Ende von Indiana Jones and the Last Crusade an seinen Grabräubernden Sohn Indy (Harrison Ford), als dieser inmitten einer einstürzenden Tempelruine nach dem Heiligen Gral greifen wollte. Lass gut sein – so das Motto. Ein solches wäre auch Naughty Dog zu empfehlen gewesen, ehe sie für dieses Jahr mit einem weiteren Sequel zu ihrer erfolgreichen Spielreihe Uncharted um die Ecke kamen. Nach Drake’s Fortune und dem starken Among Thieves geriet die Reihe vor fünf Jahren mit Drake’s Deception aus der Bahn. Was damals verbockt wurde, verschlimmert der Hersteller nun mit A Thief’s End noch.

Loslassen ist auch eines der Themen in diesem vierten Teil der Serie. Nathan Drake (Nolan North) hat seine Tage als schießwütiger Grabräuber hinter sich gelassen und geht jetzt – auch seiner Frau Elena Fisher (Emily Rose) zuliebe – einer geregelten Arbeit nach. Wirklich erfüllen vermag ihn diese jedoch nicht, weshalb es Nate nicht ganz ungelegen kommt, als plötzlich sein verstorben geglaubter älterer Bruder Sam (Troy Baker) vor der Tür steht. Einst jagten beide den Schatz des Piraten Henry Avery, doch der bei der Mission totgeglaubte Sam landete für 15 Jahre im Gefängnis. Ein südamerikanischer Drogenboss half ihm, zu fliehen. Verlangt nun jedoch den Schatzfund Averys als Ausgleich – ansonsten kostet es Sam das Leben.

“Just when I though I was out… they pull me back in”, mag sich Nate da im Stile von Michael Corleone (Al Pacino) aus The Godfather – Part III denken. Elena wird in der Folge mit einem Jobauftrag im Ausland angelogen, Ex-Partner und Ziehvater Sully (Richard McGonagle) kontaktiert. Über Monte Carlo und Schottland zieht das Trio schließlich nach Madagascar, immer auf den Fersen von Nate und Sams ehemaligen Partner Rafe Adler (Warren Kole) und dessen umfangreicher Söldnertruppe um Nadine Ross (Laura Bailey). Es gilt, die von Henry Avery hinterlassenen Rätsel und Hinweise zu lösen, die auf den größten Piratenschatz aller Zeiten hindeuten. Während gleichzeitig Gattin Elena in der Heimat weiterhin angelogen und vertröstet wird.

Über weite Strecken zwingt Uncharted 4: A Thief’s End somit Emily Roses Elena auf die Ersatzbank, als Frauchen, das Zuhause bleiben muss, während die Männer ihrem Abenteuerdrang nachgeben. Naturgemäß findet die Figur im Verlauf des Spiels aber heraus, was gespielt wird, was wieder mal zu einem Konfliktszenario mit Nate führt. Der, so das Urteil, vermag nicht loszulassen von jenem Leben, das ihn und sie bereits mehrfach beinahe das Leben gekostet hat. Nate wiederum bekommt keine rechte Chance, um zu erklären, dass die Suche nach Averys Schatz weniger um des Schatzes Willen geschieht, sondern um seinen Bruder zu retten. Jenen Bruder, von dessen Existenz sowohl Elena als auch der Spieler erst hier erfahren.

Mit der Integration von Sam tut sich Naughty Dog keinen wirklichen Gefallen. Vor allem dann nicht, wenn Rückblenden, in denen Nate und Sam als Jugendliche auf erste Beutezüge gehen, sich mit Rückblenden beißen, die es zuvor in Drake’s Deception zu spielen gab. Dort traf ein 15-jähriger Nate in Kolumbien auf Sully, hier nun sehen wir ihn weitaus jünger eine Karriere mit seinem Bruder beginnen. Von dem wiederum war in vorheriger Rückblende nichts zu sehen oder zu hören. Das Drama in der Drakeschen Bruderbeziehung ist dabei auch keineswegs derart, dass es sich verboten hätte, seiner Ehefrau von ihm zu erzählen, was A Thief’s End im Verlauf als vermeintliche Ausrede für die Figur – und zugleich Hersteller – anführt.

Aber Sam musste natürlich zum Bruder werden, wo ein guter Freund wohl als Motivation nicht ausgereicht hätte. Für den Spieler ergibt sich kein Unterschied, da die brüderliche Beziehung hier bestenfalls auf Hörensagen basiert. Großartig wird es dann, wenn Elena Nates Lügen auf die Schliche kommt und Sam seinem Bruder versichert, die Gattin werde sich wieder beruhigen. Dabei kennt er sie gar nicht. Zuvor warf Elena ihrem Mann den Blick in seinen Augen vor, als er von einer Hinweis-Schnitzeljagd zurückkehrt – allerdings hatte sie ihm den Rücken zugewandt gehabt. Es sind Details wie diese, die verdeutlichen, wie unsauber das Drehbuch von Neil Druckmann und Josh Scherr (immerhin auch die Autoren von Among Thieves) ist.

Lächerlich wird es schließlich gegen Ende des Spiels, wenn die Figuren in Afrika auf einen von Piraten gegründeten Stadtstaat stoßen, der derart pompös und nobel gestaltet daherkommt, als hätte hier Louis XIV. persönlich gehaust. Die Frage, wie Piraten derartige Paläste gebaut haben und das Material hierfür nach Afrika beschafften, wie viele Jahre all das gedauert haben muss – Naughty Dog opfert jegliche Rationalität für einige hübsche Set Pieces. Immerhin, wenn schon von Rationalität gesprochen wird, kommt A Thief’s End im Gegensatz zu früheren Teilen ohne übernatürliche Elemente wie Zombies oder Yeti-Monster aus. Ansonsten wird sich jedoch freizügig bei den drei Vorgängern wie auch Square Enix’ Tomb Raider bedient.

Das Ergebnis ist vom Gameplay her wenig originell, außer dass die Locations variieren. Gespielt hat man das alles jedoch schon anderswo. Und vor allem: besser. Die Sequenz in Monte Carlo mit Sam ist nahezu identisch mit dem Türkei-Raub aus Among Thieves (dort unterstützt von Harry Flynn), eine spätere motorisierte Verfolgungsjagd, in der Nate unterwegs die Fahrzeuge wechseln muss, gab es zuvor schon in Drake’s Deception zu spielen. Auf Madagascar wiederum klaut Naughty Dog visuelle Gestaltungen direkt von Tomb Raider, aus dem das Gameplay nun auch eine Kletteraxt übernommen hat, mittels der sich Nate teils an Felsvorsprüngen festhaken kann. Weitere Neuerungen: ein Seil, mit dem sich unentwegt schwingen lässt.

Besonders ärgerlich ist, dass auch A Thief’s End wie zuvor Drake’s Deception in seinem Schlussakt jegliche Narration beiseite legt, um von Adventure-Game zum banalen Third-Person-Shooter zu mutieren. Unentwegt fliegen Dinge hoch, schleudern Nate in die Luft, während eine nicht abebben wollende Armee mehrerer Hundert Gegner auf einen losballert. Die zuvor offerierte Option, im Stealth-Modus derartige Szenarien zu vermeiden – oder wie in Naughty Dogs The Last of Us gänzlich Konflikten aus dem Weg zu gehen –, bleibt hier aus. Nicht das einzige was begrenzt ist, so abgesteckt wie die Welt von Uncharted 4 ist. Hingehen lässt sich nur, wo man darf. Und Türen öffnen sich erst dann, wenn das Spiel es plötzlich für nötig hält.

Frustrierend gerät auch, wenn Interaktionen manuell weitergeführt werden müssen. Eine Option, die Naughty Dog in The Last of Us einführte, für diejenigen, die die Beziehung zwischen Joel und Ellie vertiefen wollten. Wenn hier jedoch eigens zu einer Spielfigur gerannt werden muss, um einen Dialog weiterzuführen, der notwendig ist, damit ein Hinweis aufblinkt, der das Fortführen der Handlung ermöglicht, ist dies ebenso ärgerlich, wie wenn Nate alle möglichen Dinge selbst durchführen muss, selbst wenn andere Figuren dies genauso gut könnten. Der Frustfaktor bei der Gestaltung des Spiels, vom großen Ganzen wie der Handlung bis zu kleinen Details wie dem Warten eines Dialogendes, um eine Tür öffnen zu können, ist somit groß.

Dabei hat A Thief’s End durchaus auch positive Dinge zu bieten, allen voran natürlich eine überzeugende Grafik mit hervorragenden Bildern. Wie weit die Entwicklung hier vorangeschritten ist, zeigt sich allein bei der Gestaltung und Mimik von Elena, aber auch die Ausflüge in den matschigen Dschungel Madagascars sowie einer Insel- und Meerlandschaft beeindrucken optisch durch ihre Farbgestaltung und Detailreichtum. Gerade die erste Hälfte – des in der Summe ausufernd langen – Madagascar-Segments weiß zu gefallen, auch die Rätsel, die primär in der ersten Hälfte des Spielverlaufs auftauchen (später wird ja nur noch geschossen) sind ganz nett, obschon grundsätzlich relativ simpel. Letztlich ist das alles jedoch zu wenig, um zu überzeugen.

Das Gameplay ist prinzipiell dasselbe der Vorgänger, somit keineswegs schlecht, aber eben schlicht nichts Neues, wie A Thief’s End generell als ein Best of daherkommt. Es enthält wenig bis nichts, was nicht bekannt ist, was den vierten Uncharted-Teil wie Naughty Dogs Pendant zu uninspirierten Filmfortsetzungen à la Star Wars – Episode VII: The Force Awakens oder Jurassic World macht. Filme, die primär funktionieren, weil sie sich auf ein ihnen vorausgehendes Erbe stützen und dieses wie ein Echo wiederholen. Wer jedoch derart uninspiriert zu Werke geht, sollte es besser gleich lassen oder seine Energie in originärere Projekte stecken. In diesem Sinne, Naughty Dog, rate ich euch bezüglich Uncharted getreu Henry Jones, Sr.: Let it go.

6/10

14. Mai 2016

X-Men: Apocalypse (3D)

Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht.
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.
(Peter Fox, Alles Neu)


„Ich verbrenn mein Studio, schnupfe die Asche wie Koks“, singt Peter Fox in seinem Lied „Alles Neu“. Und fährt fort mit Verszeilen wie „Ich jag meine Bude hoch, alles was ich hab lass ich los“. Insofern passt das Lied ganz gut zur jüngeren Generation von Comicverfilmungen, die im großen Stil Städte pulverisieren und Destruktion zelebrieren. Dieses Jahr beschäftigten sich dann mit Batman V Superman: Dawn of Justice und Captain America: Civil War zwei Studiofilme mit den Folgen dieser Zerstörungsorgien und der Verantwortung der Superhelden an dieser. Auch in X-Men: Apocalypse werden Städte buchstäblich zu Asche gemacht und Menschen sterben en Masse. So sehr, dass Roland Emmerich mit der Zunge schnalzen würde.

Ähnlich formulierte es ein Filmkritiker nach der Pressevorführung, was vielleicht auch ganz passend ist, da Regisseur Bryan Singer seinen vierten X-Men-Film mit einer Quasi-Hommage an Stargate beginnen lässt. Im Ägypten des Jahres 3600 vor Christus ist der als Gott verehrte erste Mutant En Sabah Nur gerade dabei, sein Bewusstsein in einen jüngeren Körper (Oscar Isaac) zu transferieren, als eine Revolution die Prozedur stoppt. Erst Jahrtausende später, im Jahr 1983, wird er wiederauferstehen – unter den Augen von CIA-Agentin Moira MacTaggert (Rose Byrne). Ein weltweit spürbares Ereignis, auch für Charles Xavier (James McAvoy) und Hank McCoy (Nicholas Hoult) in ihrem Internat für junge Mutanten wie Scott Summers (Tye Sheridan).

Dort sieht Studentin Jean Grey (Sophie Turner) das Ende der Welt voraus, welches durch die Rückkehr von En Sabah Nur – der dankenswerter Weise nie „Apocalypse“ genannt wird – eingeleitet wird. Der schart wiederum erstmal andere Mutanten als Gefolgsleute um sich, zuvorderst die junge Diebin Storm (Alexandra Shipp), später auch noch Psylocke (Olivia Munn), Angel (Ben Hardy) und schließlich Erik Lehnsherr (Michael Fassbender). Der hat sein Dasein als Magneto eigentlich hinter sich gelassen, doch ein tragisches Unglück befeuert seinen Hass auf die Menschheit. Ein Vorfall, den auch Mystique (Jennifer Lawrence) mitbekommt, nachdem sie einen jungen Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) aus der Gefangenschaft befreit.

So simpel die eigentliche Handlung des Films – En Sabah Nur will die Reset-Taste der Menschheit drücken –, so umfangreich gerät die Exposition, bis diese Handlung startet. Die erste halbe Stunde von X-Men: Apocalypse gerät zum konstanten Szenenwechsel, während Singer mit allen bislang und noch nicht eingeführten Figuren auf dem neuesten Stand ist. Was bei einem umfangreichen Ensemble wie es die X-Men sind dauern kann. Zu Beginn des zweiten Akts haben sich dann – wie bei X-Men-Filmen üblich – die zwei Lager rund um Professor X und Magneto gebildet. Auch wenn Letzterer über weite Strecken eine passive Handlanger-Rolle im Konflikt von Xavier und En Sabah Nur einnimmt. Ein Schicksal, das er sich mit Storm, Psylocke und Angel teilt.

Hier zeigt sich eines der (Genre-)Probleme des Films: die unausgearbeiteten Antagonisten. Egal ob sie nun Lex Luthor oder Helmut Zemo heißen, Bolivar Trask oder En Sabah Nur – wie diese Personen wirklich ticken, wird nie wirklich klar. Was auch daran liegt, dass Comicverfilmungen – und eben auch die X-Men-Filme – immer aufgeblähter geraten was ihre Figuren angeht. Da haben die Helden Priorität und unter ihnen die Hollywood-Stars noch mehr. Rudimentär gerät da die Motivation von Figuren wie Storm und Angel, sich En Sabah Nur zu fügen, im Fall von Psylocke existiert gar kein Anlass. Und auch wenn sich Magnetos abermalige Abwendung nachvollziehen lässt, sie resultiert wie in den Vorgängern immer aus demselben Anlass.

Auch En Sabah Nur, als Apocalypse einer der profiliertesten X-Men-Gegner, wirkt eindimensional. Das klassische (und immer noch tolle) Xavier-Intro-Voice-over muss ausreichen, um seine umfangreiche Macht als Auslöser von Größenwahn zu erklären. Von dieser Menschheit voll mit Nuklearwaffen und Supermächten will er jedenfalls nicht als Gott verehrt werden. Also alles auf neu – oder angesichts der geplanten Zerstörungsorgie eher: zurück zu den Wurzeln. Erfreulicherweise mittendrin statt nur dabei sind die jüngeren Versionen der aus X-Men und X2 bekannten Figuren um Nightcrawler, Jean Grey und Scott Summers – ebenfalls hier noch nicht Cyclops getauft. Gerade die letzten Beiden hadern jedoch noch mit den Ausmaß ihrer Mutation.

Gegenüber X-Men: Days of Future Past hat Apocalypse den Vorteil, dass Singer nicht versuchen muss, alle Beiträge zum Franchise irgendwie unter einem Dach zu vereinen. Abgesehen von den schwach ausgearbeiteten Antagonisten existiert somit ein etwas flüssigerer Handlungsverlauf. Und dennoch kann dieser neueste Eintrag in die Serie durchaus auch als eine Art Best of verstanden werden. Die Rückkehr von Quicksilver (Evan Peters) geschieht mit einer ähnlichen Szene wie im Vorgänger, was ihr – bei allem Vergnügen, das sie bereitet – etwas ihres Effekts beraubt. Auch sonst gibt es Rückgriffe zu X-Men und X-Men: First Class, wenn En Sabah Nur mit Magneto einen (leicht geschmacklosen) Ausflug nach Auschwitz unternimmt.

Insgesamt – und in diesem Absatz sind Spoiler enthalten – gefallen jedoch gerade die Referenzen zum Comic und den TV-Serien. Und zeugen von den cojones Singers, derartig populäre Stränge in diesen bereits umfangreichen Film zu integrieren. Von dem Verweis auf X-Men/X2 und der Einbettung von Barry Windsor-Smiths Weapon X mit dem Gastauftritt von Wolverine (Hugh Jackman) – ungeachtet der Frage, wie er vom Ende von Days of Future Past hier landete –, über die Zugabe der Dark Phoenix-Storyline im Finale bis hin zum Post-Credit-Stinger, der auf Mr. Sinister verweist. Mit Zitaten und visuellen Verweisen auf die Apocalypse-Storys der TV-Serien X-Men und X-Men: Evolution bis hin zu Storms Mohawk – hier geht dem Fan das Herz auf.

Inwiefern sich die Welt nun tatsächlich geändert hat seit den Ereignissen am Ende von Days of Future Past, bleibt offen. Außer, dass es Schulthema ist und Mystique in der Mutanten-Community zur Legende wurde. Ähnlich verhält es sich mit dem destruktiven Finale, das zwar die ganze Welt betrifft, aber sich dennoch auf unser Dutzend Protagonisten in Kairo konzentriert. Immerhin muss sich hier niemand im nächsten Teil für Kollateralschäden entschuldigen, weiß Bryan Singer doch im Gegensatz zu den anderen Franchises seine X-Men nicht pseudo-seriös auf dem Boden der Tatsachen zu verankern, sondern inszeniert seine Geschichte als das, was sie ist: ein Superhelden-Action-Film, der sich zuvorderst an die X-Men-Fans richtet.

Wer mit Comic-Filmen wenig anfangen kann, ist hier gnadenlos verloren, auch DC- und MCU-Fans dürften Probleme kriegen. Belebte Bryan Singer vor 16 Jahren mit X-Men das heute florierende Genre neu, inszeniert er nun primär für ein exklusives Klientel. Das wiederum wird es ihm danken, selbst wenn Oscar Isaacs En Sabah Nur mit seiner Aufmachung in einem Power Rangers-Film besser aufgehoben scheint. Im Vergleich zu Leuten wie Zack Snyder, Joss Whedon und den Russo-Brüdern hat Singer jedoch verstanden und verinnerlicht, was einen Comic-Film ausmacht. Gespannt darf man da auf das nächste X-Men-Abenteuer warten. „Bereit die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist“, würde Peter Fox dazu wohl sagen.

7/10