15. April 2015

Better Call Saul – Season One

Can you keep a secret? Because I really shouldn’t be telling you this.

Irgendwann ist für jede Serie Schluss, egal wie erfolgreich sie läuft. Das unterscheidet Friends nicht von Breaking Bad. Und dennoch bietet sich natürlich stets die Möglichkeit, auf eine Art und Weise dennoch zumindest zu versuchen, die Kuh noch weiter zu melken. So erhielt seinerzeit Matt LeBlanc mit Joey ein Spin-off zur vielleicht amüsantesten Figur des New Yorker Freundeskreises und auch der Comic Relief von Breaking Bad, Bob Odenkirks Saul Goodman, durfte sich zu Beginn des Jahres in Better Call Saul auf Netflix austoben. Das Ergebnis ist sicher nicht so gut wie die letzten Staffeln Breaking Bad, behauptet sich aber dennoch souveräner als es Joey vor neun Jahren tat (selbst wenn Joey Ratings hatte, von denen BCS nur träumt).

Die Frage war, ob die Nebenfigur aus Vince Gilligans schon Kult gewordener Serie eine eigene Handlung tragen kann. Und was in dieser eigentlich erzählt werden soll. Was das betrifft, dreht sich Better Call Saul darum, wie Saul Goodman die Figur wurde, die sie ist. Wo in Breaking Bad Walter White zu Heisenberg mutierte, gilt es also auf lange Sicht auch für Jimmy McGill (Bob Odenkirk), eine Transformation abzuschließen. Vince Gilligan und Peter Gould zeigen in Better Call Saul eine ehrbarere Version jenes Winkeladvokaten, den wir aus Breaking Bad kennen. Jimmy, im Hinterzimmer eines Nagelstudios hausend, kämpft mehr um als für Klienten – und allen voran um den Respekt seiner Kollegen darunter den seines Bruders Chuck (Michael McKean).

Der ist Co-Partner seiner eigenen respektablen Anwaltskanzlei, allerdings seit einem Jahr krankgeschrieben, weil er unter einer elektromagnetischen Allergie zu leiden vorgibt. In Rückblenden dröselt die Serie die Ursprünge von Jimmy auf, der einst als Slippin’ Jimmy in seiner Heimatstadt Gaunereien betrieb, ehe er im Gefängnis landete. Einen Neuanfang mit Chuck in Albuquerque wagend, strebt Jimmy nach dem Beispiel seines Bruders. Funktionieren will es aber nicht so recht. Und so schlägt sich Jimmy im Kampf um Mandanten mit Chucks Partner Howard Hamlin (Patrick Fabian) herum oder mit Kriminellen wie Nacho (Michael Mando) und dem pedantischen Mautstellen-Bediener und Ex-Cop Mike (Jonathan Banks).

Ein übergreifendes Thema besitzt Better Call Saul in seiner zehn Episoden umfassenden ersten Staffel nicht. Vielmehr verschiedene Subplots, die sich teils überlappen. Beispielsweise ein Ehepaar, das Millionengelder veruntreut haben soll und Justizbeistands bedarf. Oder ein Seniorenheimunternehmen, das seine Klienten finanziell ausbeutet. Auch Mike, die zweite aus Breaking Bad bekannte Figur, hat ihren eigenen kleinen Subplot rund um eine Polizeiermittlung alter Kollegen als Folge eines Mordes an Mikes Sohn. Immer wieder kommen Gilligan und Gould jedoch zurück auf den Konflikt zwischen Jimmy und Howard Hamlin, in dessen Schussfeld mit Kim (Rhea Seehorn) auch jemand steht, der mit Jimmy befreundet ist, aber für Hamlin arbeitet.

Und dennoch funktioniert die Show trotz des nur bedingt vorhandenen roten Fadens die meiste Zeit ganz gut. Immerhin ist der Fall der Figur das eigentliche Thema, selbst wenn die Serie dieses sehr gemächlich verfolgt. Manche offene Baustelle, wie Hamlins Animosität gegenüber Jimmy, wird zum Ende der ersten Staffel sogar geklärt, andere derweil (noch) nicht. Ist Kim eine Ex-Freundin von Jimmy oder doch nur gute Bekannte und was genau sieht sie in einem Mann, der augenscheinlich keine sozialen Kontakte zu haben scheint, aber dennoch – und dies wird als eine seiner Stärken beschrieben – als sozial sehr umgänglich gilt? Wirklich hinter die Fassade von Saul Goodman beziehungsweise Jimmy McGill können wir nicht blicken.

Zuvorderst lebt Better Call Saul daher vom vorzüglichen Spiel Bob Odenkirks, der bereits in Fargo in einer Nebenrolle auftrumpfte. Odenkirk versteht und beherrscht seine Figur, macht sie sich zu eigen und haucht ihr folglich Authentizität ein. Das übrige Ensemble macht seinen Job ebenfalls sehr gut, allen voran Michael McKean in einer bisweilen doch auch nervigen Rolle. Jonathan Banks’ Spiel wiederum ist weitaus zurückgenommener als das seiner Kollegen, ähnlich wie Odenkirk profitiert er von der Tatsache, dass ihn mit seiner Figur schon eine Jahrelange Geschichte verbindet. Allerdings wirkt die Beziehung zwischen Jimmy und Mike noch etwas unreif, zumindest nicht so harmonisch wie manch andere Verbindung zu Breaking Bad.

Eindrucksvoll ist die Serie auch aufgrund ihrer Inszenierung. Nicht nur der Look kann mit den HBO-Pendants mithalten, gerade die Locations und Mise-en-scene – der sich manche Filmseite wie IGN sogar sehr detailliert und analytisch widmet – heben Better Call Saul von anderen Network-Serien ab. Getreu dem Motto: Ist das noch Fernsehen oder schon Kino? Visuell-ästhetisch und darstellerisch kommt Gilligans und Goulds Spin-off folglich weitaus besser weg als von seinem Inhalt. Ob es für diesen wirklich zehn Folgen gebraucht hat oder es nicht auch acht getan hätten (wie in der zweigeteilten fünften Staffel von Breaking Bad) sei dahingestellt. Nach gutem Start flachte die Serie etwas ab, fing sich jedoch kurz nochmal.

Neben Mijo (mit einer Gastrolle eines weiteren Breaking Bad-Alumni) überzeugten dabei im ersten Jahr am meisten noch Five-O und RICO, während das Staffelfinale zwar einerseits seine Stärken hat, jedoch in seinem Schluss etwas unausgegoren wirkt. Zumindest ist der Ansatz, die Korruption einer im Kern guten Figur zu zeigen, etwas interessanter als in Breaking Bad. Dies mag auch daran liegen, dass Jimmy weitaus mehr hadert und Widerstand leistet als Walter White. In welche Richtung die zweite Staffel geht, lässt sich nicht sagen. Klar ist jedoch, dass Better Call Saul kaum mehr Luft haben dürfte, um über ein zweites, im besten Fall drittes Jahr hinaus zu bestehen. Denn irgendwann ist für jede Serie Schluss.

7.5/10

6. April 2015

Furious 7 [aka Fast & Furious 7]

Do whatever it is you do.

Wer wissen will, wie weit das Fast&Furious-Franchise seit 2001 gekommen ist, muss nur in den Abspann schauen. Keine sieben Minuten betrug jener von Rob Cohens The Fast and the Furious seinerzeit. Und das auch nur, weil sich der Film damals Zeit ließ. Kein Vergleich zu James Wans Furious 7, der beinahe Lord of the Ring’sche Ausmaße annimmt – und wen wundert’s, selbst Weta liefert inzwischen die Effekte. Produzent Neal H. Moritz hätte sich vor 14 Jahren wohl selbst nicht träumen lassen, dass aus seinem Quasi-Point-Break-Remake mal ein Billion-Dollar-Franchise entwachsen würde. Mit Budgets der Größenordnung von Skyfall und Avengers: Age of Ultron. Und einem Starteinspiel, rund doppelt so hoch wie das Budget des Vorgängers.

Insofern übertrumpft Furious 7 nochmals Fast & Furious 6, der bereits Fast Five in den Schatten stellte. Jene jüngsten drei Teile, die einer bis dahin eher milde belächelten und an den Kinokassen nur bedingt beachteten Filmreihe plötzlich ihren Stempel aufdrückten. Schlicht, weil man sich von Schlichtheit verabschiedete und dem Eskapismus mehr und mehr frönte. Der Erfolg der Reihe spiegelt sich daher auch in der Konzeption der Filme wider. Getreu dem Motto: The bigger, the better. Was folgerichtig in Fast Five eine ganze Reihe neu ausrichtete – nachdem Fast & Furious schon mit einigen Elementen hierzu spielte –, drückt seither verstärkt aufs Gaspedal. Und lässt dabei (leider) einige vergangene Vorzüge verstärkt im Rückspiegel zurück.

Inzwischen wird The Fast and the Furious eher müde belächelt, dabei ist das Original – zumindest für mich – neben Fast Five der beste Teil der Reihe. Ein Abklatsch von Point Break, sicher. Aber viel mehr wollte der Film auch nie sein. Und steht in einer Reihe mit Werken wie Drop Zone oder Terminal Velocity – zweitklassiges Actionkino um Extremsportler. Der Film verbarg das nicht und drehte sich dennoch um Werte wie Vertrauen, Loyalität, Freundschaft und Familie. Es ging letztlich um eine Handvoll Figuren und ihre Interaktion – die schnellen Autos waren Mittel zum Zweck. Ein Element, das naturgemäß in 2 Fast 2 Furious eher in den Hintergrund rückte, das aber durch die Integration von Tyrese Gibson abgeschwächt bewahrt wurde.

Das familiäre Element ist es, dass die Reihe seit Teil 5 ununterbrochen propagiert. So auch in Furious 7, indem die Bedrohung dieser Familie zum zentralen Thema wird. “The sins of London followed us back home”, sagt Vin Diesels Dominic Toretto in einer Szene mit Verweis auf Fast & Furious 6. Der Bruder des Antagonisten aus jenem Film sinnt nun nach Rache – und dient im Nachhinein als Bindeglied für The Fast and the Furious: Tokyo Drift und dem Franchise. War Fast Five im Kern ein reiner Heist-Film und Teil 6 schon eine Art Spy-Thriller, geht es nun ums reine Überleben. Jason Statham bleibt als Bösewicht dabei so blass wie seine Vorgänger, ist aber schon allein dadurch ernst zu nehmen, da er Dwayne Johnson ins Krankenhaus schickt.

Obschon inzwischen alle Figuren Multimillionäre sind (siehe Fast Five), heißt es für sie getreu Shakespeares Henry V: “Once more unto the breach, dear friends, once more.“ Und auch weil sie die Gejagten sind, will sie Kurt Russell in einer Nebenrolle als Regierungsstrippenzieher Mr. Nobody zu den Jägern machen. Schlichtweg damit der Film etwas zu erzählen hat. Hackerin Ramsey (Nathalie Emmanuel) hat ein Überwachungsprogramm entwickelt, nun müssen Dom und seine Crew um Freundin Letty (Michelle Rodriguez), Familienvater Brian (Paul Walker), Lebemann Roman (Tyrese Gibson) und Tech-Guy Tej (Ludacris) jene Hackerin aus Feindeshand befreien, das Programm sichern und sich zugleich Stathams Bösewicht vom Leib halten.

Auch das wiederum ist nur ein Vorwand, um jenen Vehikel-Eskapismus zu zelebrieren, der die Reihe spätestens nach Teil 5 ausmacht. Zugleich funktionieren das Franchise und seine Figuren gerade dann am besten, wenn sie in hanebüchenen Actionszenen wie ein Rad ins andere greifen müssen. Egal ob man mit Autos aus Flugzeugen schanzt oder von einem Hochhaus ins andere. Der Wahnsinn als Programm eint “Fast & Furious” dabei mit der Mission: Impossible-Reihe, nicht nur, da das Set Piece des zweiten Akts in Abu Dhabi spielt. Und in der Tat sind die Ähnlichkeiten hier ziemlich evident, wenn Diesel den Cruise, Walker den Renner (Wortwitz unbeabsichtigt) und Ludacris den Pegg gibt. James Wan reüssiert dabei genauso wie Brad Bird.

Über allem steht jedoch das Familienthema, gerade in den Beziehungen zwischen Dom und Letty (die weiterhin an Amnesie leidet) sowie Brian und Mia (Jordana Brewster). Selbst Johnsons Agenten-Hüne Hobbs kriegt eine altkluge Tochter ans Krankenbett geschrieben – eine Beziehung, die weitaus ausgefeilter wirkt als die zwischen Stathams Deckard Shaw und seinem kleinen Bruder. Beide Figuren, Diesels und Stathams, sind durch ihren Familieninstinkt motiviert – leider geht der Film nicht sonderlich darauf ein. Vielmehr verkommt Statham lediglich zu einem roten Faden, der Furious 7 einen Vorwand für seine Handlung geben soll. Dass der Film in Djimon Hounsou und Tony Jaa weitere blasse Gegenspieler einführt, hilft auch nicht.

Genauso thematisiert die Reihe nur unzureichend, welche Folgen der Lebensstil der Figuren auf die so hoch gehaltene Familie hat. Jesse starb bereits in Teil 1, Letty vermeintlich in Teil 4, Vince in Teil 5 und Han (zumindest für das Publikum) sowie Giselle schließlich in Teil 6. Da ist es einerseits so unsinnig wie zugleich nachvollziehbar, dass Mia stets ihren Mann mit ihrem Bruder ins Gefecht schickt. Selbst wenn (oder vielleicht weil) gerade das eigene Zuhause in die Luft gesprengt wurde. In gewisser Weise macht es sich der Film in seiner Handlung unnötig schwer, was womöglich aber auch bloß der Tatsache geschuldet ist, da man den Tod von Paul Walker während der Dreharbeiten berücksichtigend einarbeiten musste.

Grundsätzlich macht Furious 7 über den Großteil seiner Dauer durchaus Spaß, auch wenn der erst gegen Ende des ersten Akts einsetzt, indem die eigentliche Handlung rund um den MacGuffin startet (obschon auch Stathams Rache ein solcher ist). Beide zentralen und schon in den Trailern angeteaserten Action Set Pieces sind innovativ und ansprechend inszeniert. Wie schon in Mission: Impossible – Ghost Protocol bewährt sich Abu Dhabi als visuell unverbrauchte Location – und gefällt schon allein deswegen mehr als das Finale in Los Angeles. Auch wenn der Film wohl hier mehr als anderswo nach Musikvideo aussieht. Die ersten zwei Drittel seiner Laufzeit funktioniert Furious 7 relativ gut – und dann gerät der Motor ins Stottern.

Nicht nur, weil der Film sich letztlich eingesteht, dass die fast 90 Minuten Handlung zuvor wenig Bedeutung hatten, sondern weil Wan und Co. hier den Blockbuster-Fehler machen, zu glauben, man muss immer mehr bieten als der Vorgänger. Was Furious 7 in seinen finalen 30 Minuten vom Stapel lässt, ist eine Krawallorgie, die innerhalb des Films selbst – sicherlich ironisch gewollt – als “vehicular warfare” bezeichnet wird. Bei allem Wahnwitz aus Fast Five und selbst der unendlichen Landebahn in Fast & Furious 6 spottet dieser wirre Mix aus Live Free or Die Hard und GTA V nahezu jeder Beschreibung. Wo sich die früheren Teile fürs Finale meist zurückzogen, reiht sich Furious 7 ein neben solche Filme wie The Avengers und Man of Steel.

Kein Wunder also, dass Dominic, Hobbs und Co. in den Kritiken selbst als Universals ganz eigenes Superhelden-Franchise tituliert werden. Und wer weiß, vielleicht ist dies auch die einzige Art und Weise, wie sich die Reihe an den Kinokassen mit dem Marvel- und DC-Gehabe behaupten kann. Grundsätzlich machen jedoch hier, wie auch bei den Kollegen, die Figuren den Film aus. Man muss Letztere nicht vermeintlich ins Jenseits gleiten oder Gebäude zusammenstürzen lassen, um Spannung oder Gefühle zu erzeugen. Wie es wenn schon nicht richtig dann zumindest besser geht, beweist Furious 7 in seiner überaus emotionalen und zutiefst berührenden Schlussszene, die sich mehr von Paul Walker als seiner Figur verabschiedet, sogleich selbst.

So ist der Film in seiner Summe sicher konsequent weitergedacht, vermag dabei aber nicht alle seine alten Eigenschaften mitzutragen. Vielleicht auch nur, weil alte Figuren wie Vince, Han und Giselle nicht mehr vorhanden sind. Zugleich macht sich Furious 7 aber auch keine Mühe, selbst jemanden wie Sean Boswell (Lucas Black) bis auf einen Cameo zu integrieren. Ganz seinen ursprünglichen Charme hat sich der siebte Teil also nicht bewahrt, was umso deutlicher ist, wenn der Film zum Abschluss nochmal die Vergangenheit Revue passieren lässt (ähnlich wie im Opening zu Teil 6, aber mit Fokus auf Paul Walker). Auch in dieser Bilderschau sieht man, wie weit das Franchise in 14 Jahren gekommen ist. So weit, wie es die meisten erst gar nicht schaffen.

6/10

1. April 2015

Filmtagebuch: März 2015

APPROPRIATE BEHAVIOR
(UK 2014, Desiree Akhavan)
6.5/10

THE BIG SLEEP [TOTE SCHLAFEN FEST]
(USA 1946, Howard Hawks)

5.5/10

CHEF [KISS THE COOK: SO SCHMECKT DAS LEBEN]
(USA 2014, Jon Favreau)

2.5/10

CLIFFHANGER
(USA/I/F 1993, Renny Harlin)
7.5/10

DIVERGENT [DIE BESTIMMUNG – DIVERGENT]
(USA 2014, Neil Burger)

5.5/10

FOUR BROTHERS
(USA 2005, John Singleton)
5.5/10

FOXCATCHER
(USA 2014, Bennett Miller)
5.5/10

HALLOWEEN H20: 20 YEARS LATER
(USA 2008, Steve Miner)
4/10

TO HAVE AND HAVE NOT [HABEN UND NICHTHABEN]
(USA 1944, Howard Hawks)

6/10

IDENTITY [IDENTITÄT]
(USA 2003, James Mangold)

4/10

THE INTERVIEW
(USA 2014, Evan Goldberg/Seth Rogen)
6.5/10

JACK THE GIANT SLAYER [JACK AND THE GIANTS]
(USA 2013, Bryan Singer)

2.5/10

THE PRESTIGE
(USA/UK 2006, Christopher Nolan)
5.5/10

REAL STEEL
(USA/IND 2011, Shawn Levy)
6.5/10

SHOOTER
(USA 2007, Antoine Fuqua)
5.5/10

Retrospektive: Rocky


ROCKY
(USA 1976, John G. Avildsen)
9/10

ROCKY II
(USA 1979, Sylvester Stallone)
8/10

ROCKY III
(USA 1982, Sylvester Stallone)
6.5/10

ROCKY IV
(USA 1985, Sylvester Stallone)
5.5/10

ROCKY V
(USA 1990, John G. Avildsen)
5.5/10

ROCKY BALBOA
(USA 2006, Sylvester Stallone)
6.5/10

Werkschau: Adam Sandler


AIRHEADS
(USA 1994, Michael Lehmann)
6/10

BILLY MADISON
(USA 1995, Tamra Davis)
6.5/10

HAPPY GILMORE
(USA 1996, Dennis Dugan)
9/10

BULLETPROOF
(USA 1996, Ernest R. Dickerson)
5/10

THE WATERBOY
(USA 1998, Frank Coraci)
6.5/10

BIG DADDY
(USA 1999, Dennis Dugan)
8.5/10

LITTLE NICKY
(USA 2002, Steven Brill)
1.5/10

PUNCH-DRUNK LOVE
(USA 2002, Paul Thomas Anderson)
6/10

MR. DEEDS
(USA 2002, Steven Brill)
5.5/10

ANGER MANAGEMENT [DIE WUTPROBE]
(USA 2003, Peter Segal)

6/10

50 FIRST DATES
(USA 2004, Peter Segal)
6.5/10

SPANGLISH
(USA 2004, James L. Brooks)
5.5/10

THE LONGEST YARD [SPIEL OHNE REGELN]
(USA 2005, Peter Segal)

6/10

CLICK [KLICK]
(USA 2006, Frank Coraci)

4.5/10

REIGN OVER ME [DIE LIEBE IN MIR]
(USA 2007, Mike Binder)

7.5/10

I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK AND LARRY
[CHUCK & LARRY – WIE FEUER UND FLAMME]
(USA 2007, Dennis Dugan)
2.5/10

YOU DONT MESS WITH THE ZOHAN [LEG DICH NICHT MIT ZOHAN AN]
(USA 2008, Dennis Dugan)
5.5/10

BEDTIME STORIES
(USA 2008, Adam Shankman)
4.5/10

HOTEL TRANSYLVANIA
(USA 2012, Genndy Tartakovsky)
5.5/10

24. März 2015

Die Top 5: Friends

When it hasn’t been your day, your week, your month, or even your year…
I’ll be there for you. (The Rembrandts, “I’ll Be There for You”)


Wenn von den großen Sitcoms der Fernsehgeschichte die Rede ist, geht es um Shows wie Cheers, Seinfeld, aber auch Friends. Die 1994 von David Crane und Martha Kauffman ins Leben gerufene Sitcom sollte das popkulturelle Leben seiner Zuschauer bestimmen. Zur “water-cooler” Show werden, über die man am nächsten Tag im Büro sprach. Martha Kauffmans Rabbi fragte sie damals, ob Rachel und Ross je zusammenkommen würden und Matt LeBlanc wird noch heute auf eine Reunion angesprochen, wie zum Beispiel von den britischen Thronfolgern. Über zehn Jahre und 236 Episoden fanden diese sechs Figuren Einzug in das Herz der Zuschauer – und in das von einander. Denn die Friends wurden auch im echten Leben zu Freunden.

Dabei startete die Serie nicht vom Start weg durch, erst im zweiten Jahr, als Wiederholungen der ersten Staffel ausgestrahlt wurden. Und selbst wenn Friends selten die Quoten von Cheers oder Seinfeld erreichte, gehörte die Show doch stets zu den Top-5-Programmen und erreichte über 20 Millionen Menschen. Über zehn Jahre begleitete sie das Coming of Age ihrer sechs Figuren, die von mit dem (Berufs-)Leben hadernden Twens zu im Leben stehenden Erwachsenen Anfang 30 avancierten. Manche mehr als andere. Außer ihrer Freundschaft stand dabei selten etwas im Mittelpunkt. “What emerged was a wonderful set of characters that loved each other, touched each others lives”, sagt der damalige NBC-Präsident Warren Littlefield.

Egal ob Paläontologe Ross (David Schwimmer) von seiner Frau verlassen wird, weil sie homosexuell ist, Schauspieler Joey (Matt LeBlanc) mal wieder eine Rolle nicht bekam oder die verzogene Rachel (Jennifer Aniston) vor ihrer Hochzeit nach New York flieht, immer war jemand von ihren Freunden für sie da. Versorgte sie Köchin Monica (Courtney Cox) mit Essen, Masseuse Phoebe (Lisa Kudrow) mit einem selbstgeschriebenem Gitarrensong oder der… Transponster Chandler (Matthew Perry) mit einem sarkastischen Kommentar. Über die Jahre begleiteten sie einander bei der Geburt ihrer Kinder, bei ihren Hochzeiten, Ross’ Scheidungen und ihren Umzügen und Berufswechseln. Einander waren sie dabei viel mehr als nur Freunde – sondern eine Familie.

“You put those six people together and there was magic”, sagt Regisseur James Burrows über seine Darsteller. Und so wurden die Friends auch für eine Generation von Zuschauern zu Freunden und einer Art Familie – wenn auch nur einmal in der Woche für 22 Minuten. Entsprechend kam es nicht so sehr darauf an, was genau in einer Folge passierte, sondern dass man sie mit diesen sechs Figuren verbringen konnte. “It always seemed to me that the best episodes were ones with them in a room, at each other (…) because the six of them are what you want to see”, beschreibt es Martha Kauffman korrekt. Auch wiederkehrende Nebenfiguren wie Maggie Wheelers Janice (“Oh…my…God!”) oder Gunther (James Michael Tylor) wuchsen ans Herz.

Über allem schwebte stets die Frage, ob Rachel und Ross zusammenkommen würden, schlicht da die Macher mehr Potential in diesem Konflikt sahen, als wenn beide Figuren in einer gemeinsamen Beziehung wären. Wobei wohl jedem Zuschauer klar war, dass dies letzten Endes der Fall sein würde (schließlich wusste bereits Phoebe: “He’s her lobster”). Der Gegensatz ihrer Beziehung fand sich ab der fünften Staffel dann in der Romanze zwischen Chandler und Monica, deren Beziehungsentwicklung die kommenden drei Jahre bestimmen würde, vom Zusammenzug über ihre Verlobung bis hin zu ihrer Hochzeit – ehe der Fokus in der achten Staffel mehr auf Rachels Schwangerschaft und ihr Liebesleben zwischen Ross und Joey gelegt wurde.

Grundsätzlich war Friends jedoch eine Show über Konstanz. Egal ob es Joeys Naivität war (“I have two words for you: threesome”), Ross’ Hang zu übereilten romantischen Entscheidungen (“Oh my God, you did it already! You married her, didn’t you?”), Phoebes schrullig-kauzige Art, Rachels Unbeholfenheit, Chandlers Flucht in sarkastische Kommentare oder Monicas Kontrollwahn. Als Folge war über zehn Jahre hinweg überdurchschnittliche Unterhaltung gesichert, selbst wenn sich immer wieder verzichtenswerte Clip-Show-Folgen einschlichen. Die Episoden, die herausstachen, verdankten dies oft der betonten Darstellung von Charakteristika der Figuren oder auch dem prägnanten Spiel eines besonders auftrumpfenden Episoden-Gastes.

Wie Jon Lovitz’ Auftritt als hoffnungslose Verabredung von Rachel in The One with the Blind Dates (S9E14) oder dem von Brad Pitt in The One with the Rumor (S8E9) als Rachel-Hasser, der an Thanksgiving bei den Freunden vorbeischaut. Generell waren speziell die Folgen zu Thanksgiving qualitativ eine Nummer für sich, sei es das von der restlichen Gruppe erst geforderte, dann aber vernachlässigte Essen in The One with the Late Thanksgiving (S10E8), die in die Kochvorbereitung eingeschobene Football-Partie, die Ross’ und Monicas Wettkampfstreben im Zentrum hatte in The One with the Football (S3E9) oder der Klassiker, als Rachel in The One Where Ross Got High (S6E9) versehentlich ihr Rezept eines English Trifle misslingt.

In ihrer Summe ist Friends eine Serie, die auch nach einem Jahrzehnt nichts von ihrem Humor und ihrer Qualität eingebüßt hat, deren meiste Folgen unwahrscheinlichen Wiederholungswert haben. Eine Serie, die einen stets zum Lachen brachte und zugleich in wohl dosierten Abständen auch zum Rühren verführte. Und trotz 236 Folgen fiel es nicht schwer, die fünf gelungensten davon zu suchen, selbst wenn der Abstand zu den nächsten fünf Episoden nicht allzu groß ist. YouTube sei Dank kann sich jeder ob der beschriebenen Szenen mittels Titeleingabe selbst ein Bild machen, wieso die Wahl für mich auf diese Folgen fiel. Ansonsten bleibt mir im Zusammenhang mit Friends nur zu sagen: I’ll be there for you, ’cuz you’re there for me too.


5. The One with Joey’s Fridge (Season 6, Episode 19, Ben Weiss): Weder Ross’ Sorge, dass seine College-Freundin Elizabeth (Alexandra Holden) sich beim Spring Break verlustiert, noch das Konkurrenzgebaren zwischen Phoebe und Monica & Chandler über einen Date-Kandidaten für Rachel zeichnen diese Folge aus, sondern Joeys unermüdliches und vergebliches Bestreben, nacheinander von jedem seiner Freunde – außer Monica – eine finanzielle Beteiligung für einen neuen Kühlschrank zu fordern. Zum Beispiel von Chandler: “Suppose we were a divorced couple and I got custody of the kid, right? Now suppose the kid dies and I gotta buy a new kid… give me $400!”

4. The One Where Everybody Finds Out (Season 5, Episode 14, Michael Lembeck): Während Ross der Nachmieter von Ugly Naked Guy werden will, erfährt Phoebe von Monica und Chandlers Beziehung. Was sie und Rachel dazu nutzen, um beide in Verlegenheit zu bringen. Sehr zum Missfallen von Joey, der all die Geheimniskrämerei satt hat und dennoch von beiden Parteien involviert wird. Bis das Spiel, in dem Phoebe Chandler Avancen macht, ausartet (“They don’t know that we know they know we know”). Am Ende steht eine berührende Liebesgeste von Chandler an Monica – und Ross kriegt zwar eine neue Wohnung, verliert aber endgültig seinen alten Job.

3. The One Where No One’s Ready (Season 3, Episode 2, Gail Mancuso): Um Kosten zu sparen, begannen Crane und Kauffman damit, Bottle Episodes zu produzieren, in denen die sechs Freunde die gesamte Folge über in einem Raum verhaftet bleiben. Meisterhaft veranschaulicht in diesem ersten Vertreter, wenn Ross alle seine Freunde in Echtzeit für eine Veranstaltung in ihre Kleider kriegen will. Während Monica durch eine alte Nachricht von Richard auf ihrem AB durcheinander gerät und Rachel nach einer Anfuhr von Ross zu schmollen beginnt, fechten Joey und Chandler eine Privatfehde aus, die – wie so oft – eskaliert. Oder: “Could I BE wearing any more clothes?”

2. The One with the Embryos (Season 4, Episode 12, Kevin S. Bright): Gilt gemeinhin als der Höhepunkt der Seriengeschichte, was zuvorderst an dem wohl besten Sketch der Show liegt. Eine harmlose Wette zwischen Joey, Chandler, Monica und Rachel schaukelt sich zu einem von Ross organisierten Identitätsquiz hoch, in dessen Verlauf das Apartment der Mädchen auf dem Spiel steht. Unterdessen wird Phoebe mit Embryos befruchtet, um für ihren Bruder und seine Frau als Leihmutter zu fungieren. Was zwar berührt, aber hinter dem brillant-komischen Spiel des Ensembles beim Quiz zurücksteht. Highlight ist fraglos Chandlers angeblicher Job: “He’s a… transponster!”

1. The One with the Jellyfish (Season 4, Episode 1, Shelley Jensen): Den Spitzenplatz nimmt jedoch – wenn auch nur hauchdünn – der Auftakt zur vierten Staffel ein, als Ross und Rachel wieder zusammengekommen. Nur um sich am Ende erneut zu trennen, weil Ross die Schuld am Scheitern ihrer ersten Beziehung auf sich nehmen soll. Phoebe lernt derweil ihre biologische Mutter kennen, Höhepunkt ist jedoch das Strandtrauma, das Chandler, Joey und Monica ereilt, als Letztere von einer Qualle gestochen wird. “If I had to, I’d pee on anyone of you!”, versichert Joey seinen Freunden, doch Chandler ist es, der zur Schmerzbehandlung von Monicas Fuß auf diesen uriniert.

18. März 2015

Foxcatcher

Do you have a problem with me?

Die besten Geschichten, heißt es so schön, schreibt immer noch das Leben. Das wurde nicht zuletzt dieses Jahr bei den Oscar-Nominierten für den Besten Film deutlich. Da tummelten sich Storys um Alan Turing (The Imitation Game) über Chris Kyle (American Sniper) bis hin zu Martin Luther King Jr. (Selma) und Stephen Hawking (The Theory of Everything). Selbst Richard Linklaters Boyhood wurde im Laufe seiner zwölfjährigen Entstehung von seinem Hauptdarsteller beeinflusst, erzählt somit auch Teile von seiner Biografie. Nicht unter den Nominierten war Foxcatcher, der ebenfalls auf dem Leben und Erlebten von wahren Figuren basierte. Sich hier aber wie alle Filmbiografien auch reichlich Freiheit in der kreativen Darstellung nahm.

Erzählt wird die Geschichte von Ringer Mark Schultz (Channing Tatum), der 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles die Goldmedaille gewann. “This is more than just a piece of metal. It’s about what the medal represents”, erklärt Schultz zu Beginn zwei Jahre nach seinem Olympiasieg einer Schulklasse für einen Vortragslohn von $20. Es wird klar: mit der Karriere hakt es zur Zeit. Begehrt ist nur Marks älterer Bruder Dave (Mark Ruffalo), ebenfalls Olympiasieger und von den beiden der talentiertere. Nichtsdestotrotz erhält Mark die Anfrage von Multimillionär John E. du Pont (Steve Carell), dessen privates Ringer-Team Foxcatcher zu trainieren, damit es für die USA zwei Jahre später bei Olympia 1988 in Seoul antreten kann.

Im Kern dreht sich Foxcatcher wiederum um zwei Männer, die aus dem auf sie geworfenen Schatten heraustreten wollen. “You have been living in your brother’s shadow your entire life”, konstatiert du Pont in einer Szene korrekterweise gegenüber Mark. Zugleich lebt aber auch der Millionär selbst, trotz seiner Philanthropie, im Schatten seiner Mutter (Vanessa Redgrave) und seiner Familie. Seine Unterstützung des Ringer-Sports ist für ihn ein Weg, auf sich aufmerksam zu machen. “I’m giving America hope”, ist du Pont überzeugt. Und will deshalb die Goldmedaille wieder nach Hause holen – mit der Hilfe von Mark und Dave Schultz. Letzterer will jedoch nicht auf die Foxcatcher-Farm ziehen, der Familie zuliebe. So bleibt Mark also allein.

In dieser von beiden Männern gelebten Einsamkeit finden sie schließlich einander. Mark rutscht allerdings bald in ein Abhängigkeitsverhältnis und in Drogensucht, als Folge dessen beteiligt sich Dave dann doch irgendwann bei Foxcatcher. Nur was genau zwischen du Pont und Mark vorfiel und was alle drei Figuren antreibt, vermag Regisseur Bennett Miller nie wirklich hervorzuheben. Entzweite die Drogensucht von Mark ihn und seinen Gönner? Und wie bewog dieser am Ende doch Dave dazu, für ihn zu trainieren, nachdem der Ältere zuvor mehrmals ablehnte? Die Kluft zwischen Mark und du Pont ist jedenfalls derart groß geworden, dass das gemeinsame Projekt vor dem Scheitern steht. Und damit auch die Existenzen beider Männer.

Dem Film fehlt folglich ein Zugang zu seinen Figuren und ihren Motivationen, zudem eine rechte Struktur. Schließlich kulminiert Foxcatcher in einem Ereignis aus der biografischen Realität, versäumt es jedoch, auf dieses wirklich hinzuarbeiten. Eher schludrig schneidet Miller am Ende einige Bilder aneinander, die wohl Resultat der vorherigen zwei Stunden sein sollen, es aber in der Realität nur bedingt so waren. Die Frage stellt sich, was Foxcatcher uns eigentlich erzählen will: von einem bestimmten Ereignis, und wie dieses zustande kam, oder von den Figuren, deren Weg letztendlich zu diesem Ereignis führte? Keiner dieser Herangehensweisen wird der Film dabei vollends gerecht. Was bedauerlich ist, angesichts des Themas.

Zuvorderst lebt der Film neben seiner soliden technischen Inszenierung von dem Spiel seiner Darsteller. Wieso Carell dabei als Bester Hauptdarsteller nominiert wurde, bleibt offen, steht seine Figur doch hinter Mark – oder über Strecken auch Dave – Schultz zurück. Tatums Leistung ist es auch, die am ehesten im Gedächtnis bleibt, während Ruffalo gewohnt überzeugt, Carell wiederum du Pont nicht wirklich zu fassen kriegt und mit lebloser Mimik durch die Szenerie wandelt. Am Ende ist der Zuschauer so alleingelassen, wie es Mark Schultz und John du Pont die meiste Zeit des Films über waren. Als Charakterstudie versagt Foxcatcher somit genauso wie als Biografie-Drama. Und dabei schreibt das Leben doch immer die besten Geschichten.

5.5/10

12. März 2015

Beyond the Lights

They say I’m a masterpiece.

Schon Britney Spears sang “there’s only two types of people in the world: The ones that entertain, and the ones that observe.” Eine Erfahrung, die auch das Pop-Sternchen Noni (Gugu Mbatha-Raw) in Gina Prince-Bythewoods Romantik-Drama Beyond the Lights macht. Frisch prämiert mit einem Billboard Music Award hadert die junge Sängerin mit ihrer Karriere, die ihre Mutter und Managerin Macy (Minnie Driver) seit Jahren durchgeplant hat. Gerade rechtzeitig kann sie Polizist Kaz Nicol (Nate Parker) vor einem Sprung vom Balkon abhalten. Der junge Mann sieht hinter die gekünstelte Fassade der Musikerin und zwischen beiden entwickeln sich Gefühle. Was weitreichende Konsequenzen auf das Berufsleben beider haben könnte.

Im vergangenen Jahr galt Beyond the Lights unter US-Filmkritikern als eine Art kleiner Geheimfavorit, der sich auf die ein oder andere Bestenliste am Jahresende schlich. Das Motto: Der Schein trügt. Und in der Tat werden Inhaltsbeschreibung und Trailer dem Film nicht vollends gerecht. Ohne das zugleich nicht etwas an den evozierten Bildern dran wäre. Prince-Bythewood würzt hier etwas Moderne mit Bodyguard, dabei muss ihr Film nicht zwingend als Kommentar auf Lady Gaga, Katy Perry, Rita Ora, Rihanna, Nicki Minaj und Co. gelesen werden. Vielleicht eher auf einen Künstler wie Michael Jackson. Früh kristallisiert sich Nonis Gesangstalent heraus. Für Macy vielleicht der einzige Ausweg aus ihrem ärmlichen Leben in Brixton.

Zu Beginn sehen wir beide an einem Talentwettbewerb teilnehmen, für eine junge Noni ist es ihr erster. Umso mehr freut sie sich über den zweiten Platz – im Gegensatz zu ihrer Mutter. “You wanna be a runner up or you wanna be a winner?”, gibt die alleinerziehende Mutter fortan die Richtung vor. Wenn wir anschließend dann Noni, die eingangs noch a ccapella Nina Simones Blackbird sang, in einem Synthpop-Video mit ihrem Rap-Partner Kid Culprit (Machine Gun Kelly) sehen, zeigt dies den Weg, den beide Frauen hinter sich haben. Noni ist inzwischen ein Produkt, ein Kunstprojekt, mit glatten, gefärbten Haaren und Extensions, lasziv-erotisch die Kamera verführend. Für den Mensch dahinter scheint kein Platz, existent ist dieser aber dennoch.

“I see you”, macht ihr Kaz wiederum wiederholt klar. Er sieht nicht das Pop-Sternchen, sondern den Mensch dahinter. Das kleine Mädchen, das einst durch Nina Simone zur Musik fand. Für Macy und Nonis Label ist Kaz’ Anwesenheit ein Dorn im Auge, gilt es doch, ihr Debütalbum zu vermarkten. Aber auch der Karriere des jungen Polizisten, dessen Vater (Danny Glover) ihn in die Politik drängt, ist die Romanze mit der Prominenten nicht zuträglich – so denkt zumindest sein Umfeld. Beide, Noni und Kaz, leben folglich ein Leben, das ihre Eltern für sie geplant haben, damit es die Kinder leichter haben als ihre Erzeuger. “You just go get your own life”, macht Kaz seinem Vater später klar. “So you don’t have to worry so much about mine.”

Er ist damit schon etwas weiter als Noni, wurde von seinem Vater aber vermutlich auch mehr mit Liebe und Wärme versehen. Generell erzählt Beyond the Lights aber auch nicht seine, sondern Nonis Geschichte. Und von ihrer Selbstfindung. Gegen Ende wird Noni dies in einem kurzen Fernsehinterview nochmals geschickt zusammenfassen, nachdem die Figur schließlich ihr Coming of Age erreicht hat. Gugu Mbatha-Raw schultert diese Rolle zwischen verängstigtem Mädchen und stylisiertem Vamp durchweg gelungen, auch Minnie Driver überzeugt als wandelndes und mit Make-up bemaltes Skelett auf dem Karrieretrip. Die Musik – unter anderem von Nicki Minaj und Rita Ora – passt sich dabei dem Genre seiner Hauptfigur an.

Entsprechend wirkt Beyond the Lights auch weniger wie ein Indie- oder Mumblecore-Film, ohne deswegen gleich Hollywood zu sein. Von seiner Handlung und Prämisse sollte man sich nicht abschrecken lassen, der Film unterhält sehr gut. Auch, weil beide Hauptfiguren sympathisch sind und eine Chemie erkennen lassen. Ihre Zuneigung ist glaubhaft und nachvollziehbar, wenn Gina Prince-Bythewood beispielsweise in einer kurzen Einstellung zeigt, welche Bedeutung ein kurzer Händedruck haben kann. “No one cares what I have to say”, klagt Noni im Mittelteil als sich Kaz über die von Dritten gestifteten Lyrics ihrer Songs amüsiert. Dabei wird gegen Ende klar, dass eben das Nonis Fans zu schätzen lernen. Dass sie kein Fließbandprodukt ist.

7/10

6. März 2015

Parks and Recreation – Season 7

Get on with it. I can’t hold this smile forever. I look ridiculous.

Es ist eher die Ausnahme von der Regel, dass eine Serie mit den Jahren an Qualität zulegt. Und sich damit quasi auf dem Höhepunkt ihres Schaffens verabschiedet. Zuletzt war dies Vince Gilligans Breaking Bad gelungen, eine Dramaserie, die speziell in ihren letzten drei Jahren einen qualitativen Sprung machte. Ähnliches vollbrachte auch Michael Schur mit Parks and Recreation, einer Show, die vor sieben Jahren von Greg Daniels als Variation seiner Show The Office ins Leben gerufen wurde. Und die Ende Februar nach sieben Staffeln ihr Ende fand – nachdem sie in 13 Folgen nochmals ein kleines Feuerwerk abbrannte. Was den Abschied der wohl besten TV-Serie des Jahres für Fans und Kritiker nur noch schmerzlicher machen dürfte.

Dabei traf Schurs Sitcom ein in den USA nicht unübliches Schicksal: der jährliche Quoten-Kampf für eine Staffelverlängerung. So lobend die Kritiken – speziell ab der dritten Staffel – für Parks and Recreation ausfielen, so fielen auch mit jedem Jahr die Zuschauerzahlen. Schauten in der ersten Staffel noch bis zu sechs Millionen Menschen rein, waren es in den letzten beiden Jahren nur noch um die vier Millionen. Die finale siebte – und ironischerweise zugleich beste – Staffel dagegen fiel zuletzt sogar unter drei Millionen Zuschauer. Umso erstaunlicher ist es dann, dass es die Serie dennoch auf 125 Episoden brachte, die zwar nicht immer alle ins Schwarze trafen, aber wenn sie es denn taten, in der US-Fernsehlandschaft ihresgleichen suchten.

Allerdings fand Parks and Recreation nicht sofort ihren Rhythmus, sondern musste sich erst finden. Das erste Jahr mit seinen sechs Episoden war (zu) nah am Vorbild The Office orientiert – vermochte aber dennoch Akzente zu setzen. Das zweite Jahr scheiterte wiederum an seiner plötzlich vierfachen Episodenzahl, was generell viel zu viel ist, um ausreichend Handlung und Witz verteilen zu können. Mit einer reduzierten Staffel und den Ensemble-Ergänzungen von Rob Lowe und Adam Scott schaffte die Show im dritten Jahr dann den Schritt in die richtige Richtung. So konnte in den folgenden drei Jahren trotz wieder erhöhter Folgenanzahl die Qualität gehalten werden. Um nun mit 13 Episoden glorreich in den Sonnenuntergang zu reiten.

Welchen Weg die Show hinter sich hat, zeigt sich auch in meiner persönlichen Rezeption. Noch in der zweiten Staffel beschrieb ich Andy (Chris Pratt) aufgrund seiner infantilen Art und Naivität als „nervtötend“, ähnlich charakterisierte ich in der dritten Staffel die sich damals vertiefende Beziehung zwischen ihm und April (Aubrey Plaza). Heute will ich Andy nicht mehr missen, der gemeinsam mit Nick Offermans misanthropischem Ron Swanson das wöchentliche Highlight in Pawnee, Indiana war. Gleichzeitig spricht dies jedoch auch für die Klasse der Serie, Figuren wie Andy, April oder Tom (Aziz Ansari) einem ans Herz wachsen zu lassen, genauso wie es mögliche Wiederholungssichtungen der ersten Jahre zum Anreiz macht.

Man mag es NBC nicht vorwerfen, dass sie Parks and Recreation in ihrem letzten Jahr im Midseason Replacement Spot in Doppelfolgen „verheizten“. Die Tatsache, dass 13 Folgen Zeit sind, um sich zu verabschieden, spielte der Show dabei in die Karten. Wirkliche Handlungsstränge gibt es höchstens zu Beginn, wenn die inzwischen in der Zukunft spielende Serie eine Animosität zwischen Leslie (Amy Poehler) und Ron anteasert. Die Figuren haben sich weiterentwickelt, so wie auch die Zukunft. In Gryzzl gibt es zwar eingangs eine Art von Antagonist, der jedoch bald zu den Akten gelegt wird. Stattdessen werden die einzelnen Charaktere auf ihren Weg gebracht, wie im Falle von Bens (Adam Scott) Kandidatur als Kongressabgeordneter.

Auch Figuren wie April und Donna (Retta) bekommen eine neue berufliche Herausforderung, aber allen voran Momente, in denen sich das Publikum von ihnen verabschieden kann. Genauso wie von zahlreichen Nebenfiguren, egal ob sie Jamm, Tammy Two, Ron Dunn, Jean-Ralphio oder Perd Hapley heißen. Dass sich Parks and Recreation die Zeit für alle seine Figuren nehmen kann, gereicht der siebten Staffel zum Vorteil. Speziell die ersten vier Folgen legen die Messlatte mit Episoden wie Ron & Jammy und Leslie & Ron hoch. Im Falle von Letzterer darf Nick Offermans Figur ausnahmsweise ihre verletzlichere Seite zeigen – und obendrein den eingangs so befremdlich wie amüsant wirkenden Konflikt zwischen den beiden Figuren schnell wieder begraben.

Wie sich in einer Abschlussstaffel erwarten lässt, finden sich mehrere Momente für emotionale Einschübe. So auch in The Johnny Karate Super Awesome Musical Explosion Show, die als Abgesang für Andy und zugleich als Zeugnis für seine Liebe und Hingabe zu April gesehen werden kann. Dass Aziz Ansari zeitweise drei Folgen aussetzt, kann man hierbei ebenfalls verschmerzen. Da passt es wiederum, dass das Serienfinale One Last Ride sich voll und ganz seinen Figuren widmet, indem es den Zuschauern für alle von ihnen einen Blick in die Zukunft gewährt. Das Six Feet Under-Ende in lustig quasi, wenn Jean-Ralphio seinen eigenen Tod vortäuscht oder Leslie und Ben sich zum nächsten Schritt in ihrer Karriere entscheiden müssen.

Insofern ist das Finale eines zum Abschiednehmen gewesen, was es sicherlich zurecht zur besten Folge einer jedoch grundsätzlich starken Staffel macht. Etwas schade ist, dass wir vom Familienleben der Wyatt-Knopes kaum etwas mitbekommen, obschon hin und wieder einer der drei Kinder im Hintergrund vorbeirennt. Zumindest einen Subplot in einer der Folgen hätten Schur und Co. jedoch hierfür opfern können. Genauso wie auch Rons Familie ausgespart wird und Chris und Ann praktisch durchweg nichtexistent sind (also nicht einmal erwähnt werden). All das lässt sich jedoch im siebten Jahr Parks and Recreation verschmerzen, da die Serie nicht mit einem Wimmern zu Ende geht, sondern mit einem Knall. Und so muss es schließlich sein.

8/10

1. März 2015

Filmtagebuch: Februar 2015

BATMAN: ASSAULT ON ARKHAM
(USA 2014, Jay Oliva/Ethan Spaulding)
5.5/10

BEYOND THE LIGHTS
(USA 2014, Gina Prince-Bythewood)
7/10

BIRDMAN
(USA/CDN 2014, Alejandro González Iñárritu)
6/10

FRIENDS – SEASON 9
(USA 2002/2003, Gary Halvorson u.a.)
7.5/10

FRIENDS – SEASON 10
(USA 2003/2004, Gary Halvorson u.a.)
7.5/10

GREEN LANTERN [EXTENDED CUT]
(USA 2011, Martin Campbell)

6/10

HAYWIRE
(USA/IRL 2014, Steven Soderbergh)
4/10

HONEY, I SHRUNK THE KIDS
[LIEBLING, ICH HAB DIE KINDER GESCHRUMPFT]
(USA 1989, Joe Johnston)

6.5/10

I LOVE YOU, MAN [TRAUZEUGE GESUCHT!]
(USA 2009, John Hamburg)

6.5/10

JOHN WICK
(USA/CDN/CN 2014, Chad Stahelski)
7/10

TO KILL A MOCKINGBIRD [WER DIE NACHTIGALL STÖRT]
(USA 1962, Robert Mulligan)

9/10

LAST DAYS IN VIETNAM
(USA 2014, Rory Kennedy)
6/10

LEVIAFAN [LEVIATHAN]
(RUS 2014, Andrey Zvyagintsev)

7/10

THE LOSERS
(USA 2010, Sylvain White)
6.5/10

MAGIC MIKE
(USA 2012, Steven Soderbergh)
5.5/10

THE OVERNIGHTERS
(USA 2014, Jesse Moss)
4/10

PARKS AND RECREATION – SEASON 7
(USA 2015, Dean Holland u.a.)
8/10

PERSON OF INTEREST – SEASON 1
(USA 2011/12, Richard J. Lewis u.a.)
7/10

SEN TO CHIHIRO NO KAMIKAKUSHI [CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND]
(J 2001, Miyazaki Hayao)

8.5/10

TRADING PLACES [DIE GLÜCKSRITTER]
(USA 1983, John Landis)

7/10

WHIPLASH
(USA 2014, Damien Chazelle)
2.5/10

25. Februar 2015

To Kill a Mockingbird [Wer die Nachtigall stört]

What kind of man are you?

Jahr(zehnt)elang habe ich geglaubt, Robert Mulligans To Kill a Mockingbird – in Deutschland: Wer die Nachtigall stört – wäre ein Gerichtsdrama. Ich kannte die Prämisse des Films, dass Gregory Pecks Anwalt Atticus Finch einen Schwarzen vertritt – mehr aber auch nicht. Entsprechend schob sich eine Sichtung immer wieder und wieder auf, da ein Gerichtsdrama grundsätzlich wie das nächste ist. Nun wurde diese filmhistorische Lücke doch endlich geschlossen und umso größer war meine Überraschung, dass ich dem Film seit jeher Unrecht getan habe. Sicher, To Kill a Mockingbird ist auch ein Gerichtsdrama, allerdings nur gut ein Viertel seiner Zeit. Rund die Hälfte des Films, wenn nicht sogar mehr, fokussiert sich auf Atticus’ Kinder.

Die beiden Halbwaisen Jem (Phillip Alford) und Scout (Mary Badham) lernen während der Sommerferien Dill (John Megna), den Neffen ihrer Nachbarin kennen. Gemeinsam versuchen sie, einen Blick auf Boo Radley, einen weiteren, sehr zurückgezogenen lebenden Nachbarsjungen, zu erhaschen. Gleichzeitig weckt aber auch Atticus’ jüngster Fall ihre Aufmerksamkeit – wie auch die der ganzen Stadt. Immerhin wurde der Anwalt vom örtlichen Richter gebeten, den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson (Brock Peters) zu verteidigen, dem vorgeworfen wird, er habe eine weiße Frau vergewaltigt. Aus nächster Nähe können Jem und Scout lernen, was es heißt, tolerant zu sein. Und sehen zudem, wie rassistisch ihre Gesellschaft in Wirklichkeit ist.

Atticus Finch wird dabei als der Gutmensch schlechthin dargestellt – falls es jemals einen gegeben hat. Wenn seine Klienten ihn nicht bezahlen können, gibt er sich auch mit ein paar Lebensmitteln zufrieden. Schließlich liegt die Weltwirtschaftskrise – der Film spielt Anfang der 1930er Jahre – erst ein paar Jahre zurück und seine Klienten seien Farmer vom Land. “Crash hit them the hardest”, erklärt Atticus seiner Tochter. Die ruft wie ihr Bruder den Vater beim Vornamen, was so ungewohnt wie amüsant ist. Ohnehin sorgen die Kinder für allerlei humorvolle Auflockerung. Beispielsweise wenn Tomboy Scout zu ihrem ersten Schultag ein Kleid tragen soll. Und in der Pause gleich in eine Rauferei gerät. Dennoch ist der Respekt vor ihrem Vater enorm.

Insofern ist To Kill a Mockingbird ein Film über Werte und infolgedessen auch über Erziehung. Man müsse lernen, die Welt aus der Sicht der anderen zu sehen, sagt Atticus seiner Tochter. “There just didn’t seem to be anyone or anything Atticus couldn’t explain”, verrät uns die Erzählstimme der älteren Scout zugleich. Egal ob es die biestige alte Nachbarin oder ein tollwütiger Hund in der Straße ist, Attticus weiß, wie man sich zu verhalten hat. Auch, wenn ein Schwarzer in den Südstaaten der USA in den Dreißiger Jahren eines Verbrechen gegen eine Weiße beschuldigt wird. Zumindest denkt so die städtische Bevölkerung. Aber anstatt dem Lynchmobgedanken nachzugeben, setzt sich der Anwalt und Witwer für seinen Gerechtigkeitsglauben ein.

Auch hier gibt es wie in Stanley Kramers The Defiant Ones eine Szene mit einem Lynchmob, die de-eskaliert werden muss. Die Art und Weise wie dies in Harper Lees Roman und Robert Mulligans Adaption geschieht, wirkt obschon etwas konstruierter im selben Moment jedoch innerhalb der Handlung glaubwürdiger. Dasselbe Urteil muss man auch für den Verlauf des Gerichtsfalls fällen, ist der Prozess wie hier gezeigt doch in seiner Zeit verhaftet und könnte so heutzutage keinesfalls mehr funktionieren. Sein Ausgang kommt dennoch unerwartet, wie auch der der Schlusssequenz. Sicher ist nicht alles völlig rund in To Kill a Mockingbird, aber grundsätzlich dient die Handlung auch nur dem Verbreiten einer moralischen Botschaft.

Zuvorderst lebt der Film aber von seinen zwei Kinderdarstellern, besonders Mary Badham als altkluge Scout ist eine echte Sympathieträgerin mit ihrer gewinnenden Art. Zugleich inszeniert Mulligan seinen Film überraschend modern, sei es das Credit-Intro (das mich entfernt an Wes Anderson erinnerte) oder auch so manche Kameraeinstellung. In seiner Summe ist diese Harper-Lee-Adaption ein stets unterhaltsamer, oftmals amüsanter und speziell gegen Ende auch bewegender Film, der zurecht als Klassiker gilt. Wieso ich eine Sichtung so lange vor mich her geschoben habe, Gerichtsdrama hin oder her, mag sich mir nicht erklären. Ich weiß jedoch, dass ich To Kill a Mockingbird keinesfalls zum letzten Mal gesehen habe.

9/10

19. Februar 2015

Last Days in Vietnam

Those sons of bitches.

Lange galt der langlebige Vietnamkrieg in der US-Gesellschaft als das Trauma der Zeitgeschichte, ein Status, den inzwischen vielleicht die Kriege in Irak und Afghanistan als Folge der Anschläge vom 11. September 2001 streitig machen. Jene Kriege sind es, die in jüngeren Jahren das betreffende Genre in Hollywoods Filmlandschaft bestimmen, von The Hurt Locker über Zero Dark Thirty bis hin zu Lone Survivor. Vielleicht deswegen wurde Rory Kennedys Dokumentation Last Days in Vietnam derart positiv aufgenommen, als Bildnis eines wenig berücksichtigten Kapitels der US-Militärgeschichte: der Evakuierung seiner Botschaft und südvietnamesischen Bevölkerung 1975 als Truppen des Vietcong den Vormarsch auf Saigon forcierten.

Offiziell waren die USA 1965 in den Krieg gegen den Vietcong eingetreten, tatsächlich hatte sie schon zwischen 1956 und 1963 fast 17.000 militärische Berater nach Südvietnam geschickt, um dessen Regierung gegen die Anschläge aus dem Norden zu unterstützen. Und obschon am 27. Januar 1973 in Paris ein Waffenstillstandsabkommen zwischen allen Beteiligten unterzeichnet wurde, ließ der Vietcong nicht ab. Und schaute, wie Last Days in Vietnam betont, wie weit sie gehen konnten, ehe die USA intervenieren würden. Was in der Folge ziemlich weit war, sich immer mehr gen Süden erstreckte und zwei Jahre später vor Saigon führte. “You saw out of control panic”, beschreibt ein damaliger US-Militär rückblickend die Lage.

Der Krieg zwischen den USA und dem Vietcong war faktisch zu Ende, Amerika hatte verloren. Und dem Gegner, das war nach dem Pariser Treffen klar, nichts mehr entgegenzusetzen. Ein militärisches Aufbäumen war unmöglich, es blieb nur, alle Amerikaner und deren Familien – darunter oft Vietnamesen – zu evakuieren. “These people were dead men walking”, heißt es von einem anderen Talking Head im Film von Rory Kennedy, ihres Zeichens die Tochter von Robert F. Kennedy. Entgegen der Anweisungen ihres Botschafters schafften viele US-Soldaten oder Botschaftsmitarbeiter Südvietnamesen in die Botschaft oder schlicht in Sicherheit. Es sei nicht um legal oder illegal gegangen, sagt einer, sondern um richtig oder falsch.

Dass der US-Kongress seinen Präsidenten Gerald Ford damals nicht wie von diesem gewünscht unterstützen wollte (“Those sons of bitches”, soll Ford danach geflucht haben), zeigt von der bereitwilligen Aufgabe eines Konflikts, der zu lange zu viele Opfer gefordert hatte. Am Ende stand also der große Rückzug – nur wie sollte dieser vonstattengehen? Kurz vor dem Einmarsch des Vietcong in Saigon seien noch 5.000 Amerikaner mit ihren vietnamesischen Familien im Land gewesen. Boote waren ebenso überfüllt wie Flugzeuge, hinter denen die Leute beim Abflug hinterher eilten. Das Personal in der Botschaft wurde schließlich in zahlreichen Helikopterflügen nach und nach in Sicherheit gebracht. Eine Rettung, die als „Option 4“ galt.

Kennedy spricht in Last Days in Vietnam mit vielen Beteiligten, mit dem damaligen US-Außenminister Henry Kissinger sowie mit US-Veteranen und ehemaligen CIA-Analysten, aber auch mit südvietnamesischen Soldaten, die teils erst nach Jahren in Erziehungslagern nach der Evakuierung Saigons ihren Weg in die USA fanden. Insofern ist die Dokumentation durchaus umfangreich und informativ in ihren Einblicken in die Schlussphase eines verlorenen Krieges. Aber derart Neues, wie viele der positiven Kritiken hervorheben, weiß ihr Film gar nicht zu erzählen. Bereits vor 20 Jahren hatte Michael Dutfield das Thema in seiner Fernsehdoku The Fall of Saigon verarbeitet, Bilder vom Fall Saigons tauchen auch in Genrefilmen auf.

Wie umfangreich die Evakuierung ausfiel und mit welchem Idealismus die Amerikaner diese vollzogen ist wohl das Entscheidende, was Rory Kennedy in ihrem Film ausdrücken kann. Dennoch wäre dem Ganzen wohl als Magazinbeitrag oder komprimierte 40-minütige Sendung – beispielsweise auf dem History Channel (oder eben PBS) – besser gedient gewesen. Nicht unproblematisch ist zudem, dass – wenn auch thematisch-zeitlich bedingt – all jene Gräuel, die von den USA im Vietnamkrieg ausgingen, hier unerheblich sind. Als Folge sah Amerikas Rolle in jenem dunklen Kapitel der Zeitgeschichte selten positiver aus. Insofern ist Last Days in Vietnam zwar durchaus informativ, aber zugleich auch im Kontext seiner Zeit zu sehen.

6/10

13. Februar 2015

Kurz & Knackig: Justice League

Das hätten sich auch die Nerds nicht träumen lassen, dass Comic-Filme irgendwann die Filmindustrie dominieren. Marvels Output – Spider-Man und X-Men außen vor – hat bislang über sieben Milliarden Dollar eingespielt, mehr als ein Drittel davon allein durch The Avengers und Iron Man 3. DC’s Portfolio baute primär auf Nolans Batman-Filme, die den Löwenanteil der drei Milliarden Einspiel besorgten, wohingegen Green Lantern zum Flop avancierte. Kein Wunder also, dass auch Warner Bros. ein Stück vom Kuchen abhaben will und nächstes Jahr mit Batman v Superman: Dawn of Justice auf ihren eigenen Ensemble-Film hinarbeiten. Dabei ist die Justice League schon seit Jahren im Einsatz – wenn auch bislang nur im Animationsbereich.

Seit 2007 spült DC Comics in regelmäßigen Abständen Filme zu seinen Helden Ensemble-Werke auf den DTV-Markt. Die Filme folgen dabei zu Beginn keiner wirklichen Chronologie. Was sie neben namhaften Voice Casts (Nathan Fillion als Green Lantern!) auszeichnet, sind teils interessante Ideen, Szenen und Momente. Aber auch so manche Stolpersteine. Das Schema ist oft dasselbe: Batman ist der seriöse Leader, Green Lantern meist der comic relief – oft unterstützt von Flash –, während Wonder Woman bzw. Diana Prince etwas steif daherkommt, Cyborg eher ein Militärstratege ist und Superman oft auf seine Stärke reduziert wird. In der Folge sollen einige der jüngeren Justice League-Filme etwas ausführlicher beleuchtet werden.

Justice League: Crisis on Two Earths (2010)

The philosophical implications are tremendous.

Von den vier vorgestellten Filmen entspricht der Zeichenstil von Lauren Montgomerys und Sam Lius Crisis on Two Earths sicher am ehesten dem von Fernseh-Cartoons. Wie im Falle der anderen Filme wird sich aus dem großen Print-Fundus bedient, um eine der populäreren Handlungsstränge zu erzählen. In diesem Fall wird die Justice League von der Ankunft Lex Luthors überrascht, der kundtut, aus einer Paralleldimension zu stammen, wo die Superhelden als Crime Syndicate die Bösewichte geben und die im DC-Universum bekannten Antagonisten rund um Luthor, Joker und Deathstroke wiederum die Justice League stellen. Luthor als letztes überlebendes Mitglied dieser Justice League bittet nun Superman und Co. um Unterstützung.

Den Zuschauer erwartet somit ein “What if”-Szenario, in dem mit großer Macht große Gier einhergeht. Superman (Mark Harmon) wird zu Ultraman, Wonder Woman zu Superwoman, usw. Hierbei wird zugleich die subtile Idiotie der Heldennamen deutlich, wenn in der Alternativwelt Batman (William Baldwin) schließlich zu Owlman (James Woods) mutiert. Gerade letztere beide bestimmen das Geschehen, wenn Owlman eine Superbombe dazu nutzen will, die Ursprungserde zu zerstören, weil in einer Welt mit unzähligen Erden jegliche Entscheidung und somit auch die menschliche Existenz irrelevant sei. Eine Suizidmission, bei der Owlman bereitwillig von seiner bloß aufs Monetäre fixierten Freundin Superwoman unterstützt wird.

Die ist als verruchte Femme fatale einer der Höhepunkte, auch wenn ihre Motivation nur bedingt Sinn macht. Ansonsten gibt es hier wie in den anderen Filmen viele, teils ausufernde Actionszenen, wenn sich unsere Superhelden ohne wirkliche Konsequenzen eins auf die Zwölf geben. Manche Figur wie Green Lantern rückt da in den Hintergrund, was im Falle des Crime Syndicates jedoch noch auffälliger ist. Trotz allem finden die Regisseure Zeit, dem Martian Manhunter eine Liebesgeschichte auf den Leib zu schreiben. Seine Stärken bezieht Crisis on Two Earths jedoch aus der verkehrten Darstellung der gewohnten Verhältnisse, kulminierend in einem spannenden und gut geschriebenen Finale zwischen Batman und Owlman.

6/10

Justice League: The Flashpoint Paradox (2013)

You’re one hell of a messenger.

Dass Jay Oliva als Storyboarder an Bord von Zack Snyders Man of Steel war, sollte man dem Regisseur der The Dark Knight Returns-Adaption nicht zum Vorwurf machen. Zumindest versucht The Flashpoint Paradox in diesem Fall eine Rehabilitation. Was eingangs wie ein gewöhnliches Justice League-Abenteuer beginnt, in dem Flash (Justin Chambers) ein Bombenattentat des Reverse-Flash mithilfe der Justice League abwenden muss, entwickelt sich schnell zu einer alternativen Realität, die buchstäblich keine Gefangenen macht. Hier führen Wonder Womans (Vanessa Marshall) Amazonen Kriegt mit Aquamans Atlanteanern, weil Diana Prince für den Tod von Aquamans Frau Mera verantwortlich ist. Doch das ist nur eine Abwandlung von vielen.

Wie Flash bei einem Besuch in Gotham feststellen muss, ist Batman in dieser Zeitachse Thomas Wayne (Kevin McKidd), nachdem es Bruce war, der seinerzeit starb, statt seiner Eltern. Superman ist in dieser Realität ein geheimes Militärexperiment, das Batman und Flash später mit Cyborg (Michael B. Jordan) befreien müssen und Hal Jordan ist nie zu Green Lantern geworden. Wieder ist es die Umkehr mancher Gewohnheit – auch hier gehören Luthor und Slade Wilson zu den Guten –, die gefällt. Beeindruckend ist zuvorderst jedoch die ernste und sehr gewalthaltige Herangehensweise, wenn unsere bekannten Helden wie Shazam hier teilweise brutale und grausame Tode sterben. Was nicht bedeutet, der Film sei frei von Humor.

Problematisch gerät allerdings die Auflösung des Ursprungs der alternativen Realität, die aus einer einzigen Handlung resultierte. Wieso dies sich wiederum derart auswirkt, dass Bruce Wayne an seiner Eltern statt stirbt oder Superman nie von den Kents aufgezogen wird, will nicht ganz klar werden. Und auch wenn The Flashpoint Paradox auf einer emotionalen Note endet, steht das Konstrukt der Handlung im Nachhinein auf wackeligen Beinen. Die zuvor erschaffene dystopische Welt hingegen wusste zu gefallen, auch wenn manche Figur – wie ein direkt aus Pumping Iron entsprungener Aquaman – etwas befremdlich wirkt. Härter und dreckiger als The Flashpoint Paradox kann man einen Justice League-Film jedoch kaum inszenieren.

6/10

Justice League: War (2014)

You’re not just some guy in a bat costume, are you?

Auch in War führte Jay Oliva wieder die Regie, während der Film erneut eine neue Kontinuität beginnt – die immerhin in Throne of Atlantis fortgesetzt wird –, obschon er am Ende von Flashpoint in einer Post-Credit-Szene angeteasert wurde. Die Hintergründe dieser Realität ergeben sich während der Sichtung, beispielsweise welche der Figuren sich kennen und welche nicht. Darkseid plant in bester The Avengers-Manier mittels beliebiger Alien-Krieger die Invasion der Erde, was zuerst Batman (Jason O’Mara) und Green Lantern (Justin Kirk) in Gotham zusammenführt. Beide suchen in Metropolis daraufhin die Unterstützung durch Superman (Alan Tudyk), während Victor Stone eher widerwillig durch Darkseids Invasions-Pläne zu Cyborg mutiert.

Während verschiedener Angriffe, unter anderem auf Air Force One, werden auch Helden wie Wonder Woman (Michelle Monaghan), Flash (Christopher Gorham) und Shazam (Sean Astin) in das Geschehen involviert. Gemeinsam müssen die sieben Superhelden nun einen Mittel und Weg finden, um Darkseids Plänen ein Ende zusetzen. Und damit wäre auch die Handlung bereits umrissen, die im Gegensatz zu den beiden anderen Filmen relativ wenig tiefgründig gerät. Zuvorderst lebt War von der Konfrontation der verschiedenen Figuren, wobei das Duo Batman und Green Lantern neben der Genesis von Cyborg (zurecht) die meiste Laufzeit in Anspruch nimmt. Der überzeugende Zeichenstil orientiert sich dabei an Olivas Vorgänger-Film.

Letztendlich hätte man das alles jedoch auch auf etwas mehr als die Hälfte der Zeit eindampfen können, da der Film so manchen Leerlauf hat. So sehr Wonder Woman auch auf den Putz haut, ist Diana Prince doch eine unwahrscheinlich steife Figur geworden. Shazam wiederum gerät relativ verzichtenswert und ironischerweise spielt Superman auch hier wieder nur die zweite Geige hinter Batman. Bereitet Darkseid zuerst enorme Probleme, gelingt es den Helden dann auch ohne Batman und Superman später relativ einfach, mit ihm fertig zu werden. Dass manche Figuren wie Wonder Woman hier erneut neu gezeichnet und das Ensemble neue Stimmen erhält (und teils in Throne of Atlantis nochmals) steht War am Ende ein wenig im Weg.

5.5/10

Justice League: Throne of Atlantis (2015)

Journalism is dead.

Obschon Throne of Atlantis die Ereignisse aus War fortführt, warten wieder einige Wechsel bei den Synchronsprechern auf. So wird Superman nun von Jerry O’Connell gesprochen, Wonder Woman von Rosario Dawson und Green Lantern wieder von Nathan Fillion. Ansonsten gehen die Figuren im Grunde ihre eigenen Wege, eine Justice League – wie Cyborg zu Beginn resümiert – existiert de facto nicht wirklich. Natürlich kommt sie hier dennoch wieder zusammen, als ein U-Boot der Armee im Marianengraben verschwindet. Ursache ist eine Attacke der Atlanteaner, die den Tod ihres Königs rächen wollen, der als Kollateralschaden in Darkseids Invasion aus War starb. Nur Arthur Curry (Matt Lanter) kann als Aquaman das Schlimmste verhindern.

Als Folge schickt sich der diesmal von Ethan Spaulding inszenierte Film als Origin-Story für Aquaman an, lernt Arthur Curry doch von seiner wahren Abstammung und designierten Rolle, während sein Halbbruder Orm (Sam Witwer) sich als Kriegstreiber versucht. Die Justice League nimmt sich in Throne of Atlantis etwas zurück, wobei durchaus Plot-Elemente aus War fortgeführt werden. So beginnen Superman und Wonder Woman zu daten wie auch Green Lantern und Batman ihre zotiges Miteinander intensivieren. Für Flash und Shazam bleibt da wenig zu tun, auch Cyborg agiert etwas passiver. Die Handlung gehört zum Großteil Aquamans Origin, der zugleich reichlich hastig abgespult wird, um sich wirklich entfalten zu können.

Bisherige Kritikpunkte finden sich hier wieder. Shazam ist eine überflüssige Figur und Wonder Woman arg steif. Hier kann sie nicht einmal auf den Putz hauen, was dafür Mera (Sumalee Montano) eindrucksvoll zufällt. Throne of Atlantis gerät dabei zwar nicht so blutig wie Flashpoint Paradox, aber der Großteil der Justice League sowie die Atlanteaner machen hier keine Gefangenen. Die Action weiß zu gefallen, auch wenn sie in ihrer Redundanz schnell eintönig wird. Am stärksten ist Throne of Atlantis in seinen ruhigen Momenten, wenn die Charaktere miteinander agieren dürfen. Eine weitere Post-Credit-Szene deutet an, dass im nächsten Justice League-Teil endlich etwas mehr Fleisch an den Knochen kommt. Zu wünschen wäre es.

5.5/10

7. Februar 2015

The Defiant Ones [Flucht in Ketten]

Run, chicken, run.

Zehn Jahre vor dem Civil Rights Act war Rassismus auch das Thema in Stanley Kramers The Defiant Ones – hierzulande als Flucht in Ketten erschienen. Der Film verlieh Sidney Poitiers Karriere kräftigt Schwung und bescherte ihm als ersten Afroamerikaner eine Oscarnominierung als Bester Hauptdarsteller, genauso wie zuvor den Silbernen Bären auf der Berlinale. Gemeinsam mit Tony Curtis spielte Poitier das, was in der Realität noch ein Jahrzehnt entfernt war: dass sich Schwarze und Weiße einander die Hand reichen. Selbst wenn dies in The Defiant Ones zumindest in seinem Beginn eher der Prämisse der Handlung geschuldet war, die einen weißen und einen schwarzen Häftling aneinander gekettet gemeinsam auf die Flucht schickte.

Die Chance hierzu ergibt sich, da eingangs ein Gefangenentransport einen Autounfall baut. An den Händen zusammengekettet treten die beiden Häftlinge Noah Cullen (Sidney Poitier) und John Jackson (Tony Curtis) die Flucht an, während am nächsten Tag der zuständige Sheriff Max Muller (Theodore Bikel) einen Suchtrupp inklusive einiger Bluthunde organisiert. Obschon seine Männer dafür plädieren, die Bluthunde ihre Arbeit machen zu lassen, erinnert Muller an die Menschlichkeit der zwei Häftlinge. Auch wenn deren Flucht dem Gesetzeshüter bald gehörig auf den Zeiger geht. Cullen und Jackson wiederum müssen lernen, zusammenzuarbeiten und ihre Vorurteile und Ressentiments zu überwinden, wenn sie überleben wollen.

Stanley Kramer inszeniert diese Geschichte, die auf einer Vorlage von Nedrick Young basiert, mit relativ simplen Mitteln. Es gibt nur wenige Sets, wenige Charaktere und im Grunde keine Musik. Dies fällt speziell in einer Szene auf, in der Poitier und Curtis einen Bachstrom überqueren. Zugleich nutzt Kramer die Musik, die im Film vorhanden ist, als einen Running Gag, wenn Carl “Alfalfa” Switzer ein Suchtrupp-Mitglied spielt, dass unablässig sein Transistor-Radio laufen lässt. Und trotz seiner zurückgenommen Art weiß The Defiant Ones zu faszinieren – schlicht indem der Film seine Figuren miteinander interagieren lässt. Hier ist es vor allem Jackson, der seine Vorbehalte – gegenüber Cullen als auch der Welt – überwinden muss.

“You gotta take things as they are”, sagt Jackson, der es leid ist, sich für niedere Jobs herzugeben. Er will ein Stück vom Kuchen abhaben, während Cullen zum Opfer seines aufbrausenden Temperaments wurde. Eine Ironie des Schicksals führt dazu, dass beide Männer aneinander gekettet werden – was im Süden der USA auch bei Gefangen nicht üblich war und seinerzeit Robert Mitchum, selbst einst ein Chain-Gang-Häftling, dazu bewog, den Part von Jackson abzulehnen. Als die zwei Männer nachts in einem Dorf von einem Lynchmob gefasst werden, verdanken sie auch hier einem ehemaligen Chain-Gang-Häftling (Lon Chaney) ihr Leben. Während ihnen im Hause einer alleinerziehenden Mutter (Cara Williams) wieder Rassismus begegnet.

Letztere Episode gerät dabei etwas ausufernd, wie auch die Motivation und Entscheidung von Williams’ Figur leicht konstruiert wirkt, nur um bei Jackson eine Katharsis zu bewirken. Diese wird ebenfalls nur minimal unterfüttert, ohne dass Kramer in seinem Film wirklich die vermeintliche Wand des Rassismus einzureißen vermag. Grundsätzlich spricht sicher nichts dagegen, dass sich Cullen und Jackson, auch aufgrund ihrer Persönlichkeiten, anfreunden. Allerdings wirkt die Besetzung von Jackson mit „Schönling“ Curtis – auch wenn dieser sich schauspielerisch nichts zu Schulden kommen lässt – nicht vollends ausgereizt. Mit dem ursprünglich vorgesehenen Marlon Brando als Gegenpart zu Poitier wäre dem Film wohl mehr geholfen.

Sidney Poitier ist es auch, der The Defiant Ones mit seinem starken Spiel die meiste Zeit schultert und seinen Stempel aufdrückt. Leider etwas unter geht Theodore Bikels grundsätzlich interessanter, humaner Sheriff, während eine Anti-Lynch-Rede von Lon Chaney im Mittelteil irgendwie etwas im luftleeren Raum stehen bleibt. Nichtsdestotrotz ist Stanley Kramer ein kurzweiliger und über weite Strecken packender Film gelungen, der zwar nur unterschwellig das Thema Rassismus aufgreift, aber dafür in seiner Besetzung und seinem Umgang mit Poitier – was die Reklame des Films und die finanzielle Gegenleistung angeht – eine Botschaft sendete. In The Defiant Ones sind schwarz und weiß gleich – wenn auch nur auf der Flucht vor dem Gesetz.

7.5/10