20. März 2017

Tanna

Listen to the song.

Für die westliche Gesellschaft ist Liebe vermutlich die Kernbasis für eine funktionierende Beziehung und Ehe. Die Menschen heiraten, wen sie lieben, das Gefühl kommt also zuerst. Ganz anders sieht dies im südasiatischen Raum aus. Wie der Nachrichtensender CNN vor einigen Jahren berichtete, sind neun von zehn Ehen in Indien beispielsweise arrangiert – eine gewöhnliche Tradition. Ähnlich sah dies bis Ende der 1980er Jahre auch im Inselstaat Vanuatu aus, wo der lokale Brauch Kastom diktierte, welche Ehen zu Stande kamen. So auch in Martin Butlers und Bentley Deans dieses Jahr Oscarnominierten Film Tanna, der die wahren Begebenheiten eines jungen Liebespaares auf der zu Vanuatu gehörenden Insel Tanna erzählt.

Dort lebt die junge Wawa (Marie Wawa) ein relativ sorgenfreies Leben mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Selin (Marceline Rofit). Bis zu jenem Tag, an dem Wawas Großvater und Dorf-Schamane (Albi Nagia) von Männern des verfeindeten Stamms der Imedin fast getötet wird. Um den Frieden zu erhalten, soll Wawa den Sohn des Imedin-Stammeshäuptlings ehelichen. Dabei ist Wawa in Dain (Mungau Dain) verliebt, den Enkel ihres eigenen Stammeshäuptlings. Das junge Mädchen gibt sich widerspenstig, genauso wie Dain selbst. Nachdem dieser aus dem Dorf verbannt wird, ergreift Wawa in der Nacht vor ihrer Hochzeit die Flucht zu ihrem Geliebten. Was wiederum eine Hetzjagd der Imedin auf das junge Liebespaar lostritt.

“Since the beginning of time the chiefs have arranged marriage (…) but two lovers chose to walk a different path”, informiert zu Beginn des Films eine Texttafel. Tanna erzählt dabei nicht so sehr eine Geschichte über romantische Liebe als eine über gesellschaftliche Rollen, die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Mehrheit und das Erwachsenwerden. “You’re not a child anymore“, teilt da Wawas Mutter (Linette Yowayin) der Tochter mit, als diese lieber mit ihren Freunden spielen möchte, statt mit den anderen Frauen zu arbeiten. Wawas kleine Schwester Selin ist da unbeschwerter, sie kann noch jenes Leben leben, dem die große Schwester entwachsen zu sein scheint. Doch auch ihr Handeln hat Konsequenzen.

Selins unachtsames Verhalten bringt ihren Großvater dazu, das Mädchen zu Yahul zu führen, den Vulkan der Insel, den ihr Stamm als Gottheit erachtet. “You have to start being more responsible”, belehrt der Schamane seine Enkelin. Ihr Ausflug ruft dann zwei Imedin-Krieger auf den Plan, die den Schamanen für ihre missratene Ernte verantwortlich machen. Letztendlich ist es somit das Verhalten von Selin, das eine Ereigniskette lostritt, die das Schicksal von Wawa für immer zu beeinflussen droht. Auf die Folgen des Tuns scheint es keine Alternative zu geben, so sehr sich die Figuren auch dagegen widerstreben. Zusätzliches Drama bringt der Umstand, dass es die Imedin waren, die einst Dains Eltern töteten und ihn zur Waise machten.

Bereits hier scheint absehbar, dass der Stamm unter Dains designierter Führung kaum eine friedliche Zukunft mit den Imedin führen kann, nicht zuletzt ob Wawas arrangierter Ehe. Ein Umstand, den sein Großvater (Charlie Kahla) ahnen müsste. Es ist somit deutlich, dass Dain nicht beim Stamm bleiben kann, Verbannung hin oder her. Ebenfalls keine Wahl scheint Wawa zu haben, bedenkt man die Umstände. “We’ve all experienced what you’re feeling”, weist ihre Großmutter (Dadwa Mungau) sie auf die Historie der arrangierten Ehen hin. Und betont: “This is not about you. This is about all of us.” Von Wawa wird erwartet, ihr eigenes Wohl hinter das des Stammes zu stellen. Doch das Mädchen wählt sein Glück vor dem der anderen.

Die Laiendarsteller machen ihre Sache dabei ordentlich, eindrucksvoller sind jedoch Bentley Deans Bilder der tollen Location Vanuatus sowie des dortigen Vulkans Yasur. Es ist schade, dass Dean und Butler sich für Digitalkameras entschieden, deren Künstlichkeit den Bildern das Cineastische nehmen. Auch wenn die Entscheidung wohl (mit) durch die Handlichkeit der Canon-Kameras begründet sein dürfte. Narrativ wie visuell gerät Tanna in seinem Schlussakt dann zwar etwas pathetisch und an der Grenze zum Kitsch, dies ist angesichts des Settings jedoch sicher verzeihenswert. Zumal natürlich die Botschaft, begründet in ihrer historischen Faktizität, eine schöne ist. Tanna zeigt, dass man eine Wahl hat, selbst wenn man (scheinbar) keine Wahl hat.

6/10

13. März 2017

Taxi Driver

One of these days I’m gonna get organiz-ized!

Ich bin kein Fan von Martin Scorsese. Nicht von seinen vermeintlichen Klassikern und von den Filmen aus diesem Jahrhundert schon gar nicht. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass all seine Werke schlecht sind, nur fehlt mir wohl der rechte Zugang zu ihren Inhalten. So sind die Goodfellas und Co. vielleicht eher auf formaler Ebene die Meisterwerke, als die sie erachtet werden – zu diesen zählt wiederum auch der von Paul Schrader geschriebene Taxi Driver. “One of the best and most powerful of all films”, pries einst Filmkritik-Guru Roger Ebert und hob die Einsamkeit der Figur Travis Bickle, gespielt von Robert De Niro, als Hauptthema des Films hervor. “We have all felt as alone as Travis. Most of us are better at dealing with it”, so Ebert.

Wenn über Taxi Driver gesprochen wird, fällt in der Regel ein Hinweis zum Vietnam-Krieg. Travis hat in ihm gedient und die Narben, um dies zu untermauern. Dies ist abgesehen von einer späteren Szene, in der Travis das Gespräch mit einem Secret Service Agenten sucht aber auch schon der einzige Bezug zum Krieg in Asien. Die Handlung selbst bezieht sich nicht darauf, der zeitliche Kontext allenfalls bedingt. Travis beginnt am Anfang der Geschichte eine Tätigkeit als Taxifahrer. “I just wanna work long hours”, sagt der Veteran. Und erklärt sich bereit “anytime, anywhere” zu fahren. Als Folge deckt er die Stadtteile New Yorks ab, die seine Kollegen gerne meiden. Wo Drogendealer und Prostituierte ihrem nächtlichen Geschäft nachgehen.

“All the animals come out at night”, ätzt Travis und verweist auf die Junkies, Huren und Schwulen in den Straßen. “Some day a real rain will come and wash all this scum of these streets”, hofft er. Die Handlung spielt in einer Phase einer anstehenden Präsidentschaftswahl, New York City ist bepflastert mit Plakaten der Kandidaten Goodwin (mit dem Trumpschen Slogan “A return to greatness”) sowie Senator Palantine (Leonard Harris). Wer auch immer Präsident wird “should clean this city up”, wobei New York wohl pars pro toto für das Post-Vietnam-Amerika stehen soll. Travis’ Interesse an Palantine resultiert aus dem an seiner Wahlkampfhelferin Betsy (Cybill Shepherd), die er kurz darauf zu einem fatalen Pornokino-Date einlädt.

Als eines der Motive des Films wird der Aspekt gesehen, dass Travis es nicht schafft, eine Verbindung zu seiner Umwelt und Mitmenschen aufzubauen. Er ist ein Außenseiter, losgelöst von der übrigen Gesellschaft. Gegenüber Palantine erwähnt Travis, er folge nicht wirklich der Politik, gegenüber Betsy wiederum, er verfolge nicht wirklich Musik. “I believe that someone should become a person like other people”, äußert Travis in einer Szene seine Überzeugung. Vermag ihr jedoch selbst nicht zu folgen. Die Hintergründe bleiben unklar. Travis’ Misanthropie wird von ihm selbst befeuert und zudem nicht einmal wirklich von den Bildern unterfüttert. Inwieweit – und ob überhaupt – New York sein Gesicht gewandelt hat, ist nicht einzuschätzen.

Vielleicht war die Stadt auch schon vor Travis’ Militärdienst so wie sie ist. Drogenkonsum ist wie Prostitution keine Erfindung der 1970er Jahre, zumal die Ablehnung der Figur gegen New York etwas verwundert, da Travis zweifellos in Vietnam schlimmeren Abschaum gesehen haben muss. Von Mord und Vergewaltigung bis hin zur Prostitution in Saigon – wie in nahezu jedem Genrefilm zum Vietnam-Krieg zu sehen. New York muss da nach seiner Rückkehr fast schon geordnet wirken. Auch wenn man sicher argumentieren kann, dass die Erlebnisse in Asien dazu geführt haben, dass die Augen der Figur in der Heimat nun offener für das sind, was wohl schon immer oder zumindest schon länger gegenwärtig war und falsch gelaufen ist.

Die Entfernung dieses gesellschaftlichen Geschwürs schreibt sich die Hauptfigur im Verlaufe des Film nun selbst zu. “I got some bad ideas in my head”, gesteht Travis und macht sein Poster-Motto wahr, von dem er eine Stunde zuvor noch Betsy in einem Diner erzählt hat: One of these days I’m gonna get organiz-ized! Der Körper wird gestählt, ein Waffenarsenal besorgt und modifiziert. Es ist aber keineswegs Travis, der seine eigene Forderung (“clean this city up”) in die Tat umsetzt. Auch wenn die Figur später einen Ladenüberfall tödlich beendet. Travis Bickle verkommt nicht zum Rächer der Straße, belässt den Abschaum wo er ist und arbeitet eher auf ein vermeintliches Attentat an Palantine hin. Offen ist, aus welchem Grund.

Sei es eine Art Trotzreaktion auf Betsys Abweisung oder ein Äußern der Unzufriedenheit des Volksvertreters an die zuständige Politik – das Attentat misslingt jedenfalls und die Motivation der Figur verabschiedet sich so schnell wie sie zuvor auftauchte. Es gibt keine Fixierung auf Palantine als Charakter, der Zuschauer lernt den Senator und seine Politik nicht einmal kennen. So amüsant zwar Travis’ Versuche sind, sich mit dem Secret Service Agenten anzufreunden, der Handlungsstrang, eine Art Nachgeburt aus den Avancen gegenüber Betsy, wirkt etwas halbgar. Runder kommt da schon Travis’ anschließendes Bemühen daher, die Kinderprostituierte Iris (Jodie Foster) aus den Fängen ihres Zuhälters ‚Sport‘ (Harvey Keitel) zu retten.

Mit Iris erhält die Handlung einen gewissen Fokus, nicht zuletzt, da sich Travis ihr intensiver widmet, sodass eine Homogenität entsteht. Seine Versuche, dem Mädchen mit Worten zu helfen, wollen nicht fruchten, eine gewalttätige Intervention scheint angesichts der Psyche des Protagonisten unausweichlich. Das Finale ist kurz und schmerzvoll, von Scorsese desaturiert inszeniert, um trotz des dargestellten Gewaltexzesses ein R-Rating zu erhalten. Der visuelle Wechsel ist überraschend, funktioniert aber ganz gut als Repräsentant der explosiven Klimax. Passend, wenn auch nicht wirklich ausgearbeitet, ist da der Epilog, der Travis zum Helden verklärt – ungeachtet ob dies nun Realität ist oder doch nur Fiebertraum der Figur.

Womöglich würde Taxi Driver – zumindest für mich – besser funktionieren, wenn das Iris-Element den Film zu Lasten der Betsy-Palantine-Passagen stärker durchzogen hätte. Oder alternativ jene Passagen etwas tiefer thematisiert worden wären respektive der Niedergang der Stadt (darunter im Cameo des Regisseurs als stalkender Ehemann). Alles zusammen wirkt jedoch nicht vollends rund und gibt wenig Einblicke in die Figur und ihr Handeln – da helfen auch die halbherzigen Voice-Over-Tagebucheinträge wenig bis gar nichts. Dessen ungeachtet will für mich das alles mit Vietnam wenig zu tun haben, bestenfalls mit dem Isolationsfaktor innerhalb der Gesellschaft und den Folgen von missglückten sozialen Interaktionen.

Was diese Thematik angeht, funktioniert ein Film wie Scorseses Bringing Out the Dead sehr viel besser – sowohl in seinen Charakteren, Motivation und Mise en Scène. Laut der letzten Kritikerumfrage von Sight & Sound gibt es nur 30 Filme in der Geschichte des Kinos, die noch besser sein sollen als Taxi Driver – selbst wenn mir seine kulturelle und narrative Signifikanz nicht gewahr wird. Es ist ein solider Film, vielleicht etwas zu lang, aber mit interessanten Ansätzen, die Martin Scorsese nicht vollends zu einem überzeugenden Ganzen verbindet. Makellos ist dafür das Ensemble, die junge Jodie Foster insbesondere sowie Robert De Niro, als er noch engagiert bei der Sache war. Das kann man schätzen, auch wenn man kein Fan ist.

6/10

6. März 2017

Moonlight

See that? Now you can see everything.

So vorhersehbar die Gewinner der Oscars inzwischen sind – dies schließt die Auszeichnung von Moonlight als besten Film mit ein –, war der Fauxpas zum Abschluss der 89. Academy Awards dann doch überraschend ungewöhnlich. Viel Aufhebens wurde darum gemacht, dass statt dem schnulzigen Musical-Märchen über zwei weiße Künstler nun der Preis für den besten Film an eine Produktion ging, die gänzlich auf weiße Schauspieler verzichtete. Und das ein Jahr nach #OscarSoWhite (oder vielleicht gerade deswegen?). Zumal Barry Jenkins’ Moonlight die Geschichte eines armen schwarzen Jungen erzählt, der sich mit seiner Homosexualität und den harten Reaktionen seiner Umwelt auf diese auseinandersetzen muss. Das sagt zumindest die Inhaltsangabe.

Wirklich viel zu sehen ist davon in Jenkins’ Film aber nicht. Bis auf einen klischeehaft inszenierten Moment wird aus ihm, so würde zumindest ich argumentieren, nicht einmal deutlich, dass es sich um die Coming-of-Age-Geschichte eines schwulen Jungen handelt. Als Kind wird Chiron (Alex Hibbert) von den anderen Kindern durch eine leerstehende Sozialwohnungs-Anlage in Miami gejagt, wo ihn der lokale Drogendealer Juan (Mahershala Ali) findet. Dieser nimmt sich des Jungen an, gibt ihm etwas zu essen und lehrt ihn das Schwimmen. Einen Vater hat Chiron nicht und seine Mutter Paula (Naomie Harris) verbringt ihre Zeit damit, sich zu prostituieren, um ihrer Drogensucht, unterfüttert durch die Produkte von Juan, zu frönen.

Untergliedert in drei Akte folgt Jenkins Chiron im Mittelteil (nun von Ashton Sanders gespielt) in dessen High School. Weiterhin wird der Jugendliche von seinen Altersgenossen gemobbt, die Mutter ist immer noch drogensüchtig. So bleiben dem Teenager nur Teresa (Janelle Monáe), Juans Freundin, und Kevin (Jharrel Jerome), ein Mitschüler. Letzterer hatte schon in jungen Jahren (dargestellt von Jaden Piner) dem introvertierten Chiron geraten, sich gegen die anderen Jungen körperlich zur Wehr zu setzen. Zwischen viel Sex-Talk und “Nigger”-Getöne nähern sich Kevin und Chiron dann während einer nächtlichen Begegnung am Strand an, ehe die Situation kurz darauf eskaliert und Moonlight sich auf den Weg in sein finales Schlusskapitel begibt.

Nun Anfang 20 ist Chiron (Trevante Rhodes) nicht mehr der Hänfling von einst, aber auch nicht mehr so unschuldig wie noch als Kind. An jene Vergangenheit erinnern ihn zwei Anrufe von Paula einerseits und Kevin (André Holland), nun Betreiber eines Diners, anderseits. Letztlich ist der Schlussakt in gewisser Weise Aufarbeitung der beiden vorherigen Kapitel, die inhaltlich wiederum praktisch identisch sind. Moonlight erzählt uns dabei von einem schwarzen Jungen, dem die Liebe seiner drogensüchtigen Mutter fehlte, während er in der Schule und Freizeit von seinen Altersgenossen gehänselt wurde. Dass Chiron homosexuell ist und was diese Homosexualität für ihn bedeutet, macht Jenkins allerdings nicht wirklich zum Thema.

Zwar fällt im ersten Kapitel das Wort „Schwuchtel“, dies lässt sich jedoch genauso gut als simple Beschimpfung unter Cisgender-Jungen verstehen. Unterdrückt Chiron seine sexuelle Ortientierung? Wir erfahren es nicht, weil sich der Film durchweg lediglich an der Oberfläche seiner Figuren bewegt. Welche Rolle Kevin in Chirons Leben einnimmt oder welche Folgen die plötzliche Abwesenheit von Juan auf den Jungen hat, bleiben offen. Dass Moonlight sporadisch in drei Lebensabschnitten seiner Figur vorbeischaut, aber dabei keinerlei Einblicke bietet, bricht ihm schlussendlich das Genick. Der Wandel der Figur im Schlussakt soll womöglich überraschen, ihm fehlt allerdings die Basis und ein Verständnis für die Unruhe des Protagonisten.

Moonlight erzählt seine Geschichte in Momenten. Der eine Moment, in dem Juan dem kleinen Chiron von seiner eigenen Kindheit auf Kuba erzählt. Gefolgt von dem Moment, in dem er ihm das Schwimmen beibringt. Ein Moment, in welchem Chiron erfährt, dass es Juan ist, von dem seine Mutter ihre Drogen erhält sowie mehrere Momente, in denen er die Ablehnung anderer Jungen auf sich zieht. Scheinbar, weil er komisch läuft und er läuft wohl komisch, da er homosexuell ist. Ob das die Figur tatsächlich ist, bleibt unklar. Im ersten Kapitel dürfte Chiron zu jung sein, um sich bereits seiner Sexualität gewahr zu sein. Ihr widmet sich Jenkins dann zwar stärker im Mittelteil, aber die Handlung ist nahezu identisch mit den 35 Minuten zuvor.

Insofern funktioniert Moonlight also auch als ganz „gewöhnlicher“ Film über einen schwarzen heterosexuellen Jungen, der mit seiner drogensüchtigen Mutter in einer Sozialwohnung lebt und von Klassenkameraden gemobbt wird. Die Situation eskaliert, ein Wandel findet statt. Persönlichkeiten ändern sich – wer hart war, wird weich, wer weich war, wird hart. Ein direkter Zusammenhang zu Hetero- oder Homosexualität besteht nicht, höchstens einer zu Männlichkeits-Idealen und Rollenbildern. Moonlight will besonders sein, ein schwarzer LGBT-Film, ist jedoch Letzteres nur ausgesprochen oberflächlich und könnte allgemein nahezu 1:1 in eine ärmliche Trailer-Park-Kleinstadt der Südstaaaten in ein White-Trash-Milieu verlegt werden.

Das Besondere an Jenkins’ Film will mir nicht klar werden. Die Handlung ist ausgesprochen generisch und wenig originell. Mahershala Ali liefert eine gewohnt solide Leistung in seinen wenigen Minuten auf der Leinwand ab, Naomie Harris wiederum verliert sich wie so oft in grenzenlosem Overacting ihrer 0815-Darbietung einer drogensüchtigen Frau. Die sechs Jungdarsteller sind in Ordnung, aber ähnlich wie Ali kaum da und dann bereits wieder weg. Es wäre wohl besser gewesen, sich konkret auf eine bestimmte Lebensphase von Chiron zu fokussieren, genauso wie auf seine Homosexualität. “At some point you got to decide for yourself who you’re gonna be”, sagt Juan zu Chiron. Barry Jenkins hätte sich das mal lieber zu Herzen genommen.

4.5/10

27. Februar 2017

American Movie

Yeah. Now you’re thinking.

Beim diesjährigen Round Table der Regisseure des Hollywood Reporter sprach Mel Gibson in Bezug auf seinen Kriegsfilm Hacksaw Ridge darüber, wie sich die Produktionsumstände über die Jahre in der Filmbranche ändern. Nur 59 Tage hatte der Australier Zeit, seine Szenen in den Kasten zu kriegen – bei Braveheart hatte er Mitte der 1990er Jahre noch doppelt so viel Zeit und ein größeres Budget gehabt. Von solchen Problemen konnte Mark Borchardt seiner Zeit nur träumen. Der damals 30-Jährige war bereits froh, wenn er einen Aufschub bis Wochenende für seine Telefonrechnung bekam, während er versuchte, sein Filmprojekt “Northwestern” nach drei Jahren langwieriger Produktionszeit endlich zu einem Abschluss zu bringen.

“This time I’m not gonna fail”, verspricht er zu Beginn von American Movie, jener Dokumentation von Chris Smith über Borchardts Filmprojekt und seine Filmleidenschaft. Ein Jahr lang begleitete Smith 1997 die Wiederaufnahme der Dreharbeiten zu “Northwestern” und Borchardts private sowie produktionstechnische Umstände. Seien es Küchentüren, die für Action-Szenen nicht präpariert wurden oder Selbstaufnahmen, für welche die eigene Mutter plötzlich zur Kamerafrau avancieren muss. Während Borchardt bemüht ist, seine Schulden im Griff zu haben, verdingt er sich mit Minijobs und erzieht seine vier Kinder. Und dann ist da ja auch noch das Drehbuch, das auf den finalen Feinschliff wartet. Probleme wohin man blickt.

Chris Smith gelang mit American Movie nicht nur ein intimer Einblick in das Leben von Borchardts Familie und der Kultur des Mittleren Westens der USA, sondern auch ein herrlich amüsanter Film über das Filmemachen. “There’s some corny dialogue in here that’d make the Pope weep”, gesteht Borchardt, während er in seinem Auto sitzt und den dritten Entwurf seines Drehbuchs überarbeitet. Zuvor war bereits ein Casting nicht ganz zufriedenstellend verlaufen. “They’re making a mockery out of my words, man”, echauffiert sind Borchardt. “This whole thing has turned into a theatrical mockery. You understand that, Mike?” Mike in dem Fall ist Mike Schank, ein Jugendfreund von Borchardt, der ihm wie seine Familie bei den Dreharbeiten unterstützt.

Und das ist sicher einer der bewundernswertesten Aspekte des Films: die Hilfe, die Borchardt erhält. Wenn die eigene Mutter die Kameraführung übernimmt und der Vater einem $10,000 bereitstellt, genauso wie dessen älterer Bruder, kann man sich nicht beschweren. Auch wenn Borchardt dennoch über Schulden in Höhe von $16,000 klagt. Umso größer die Freude, als er eine Master Card erhält – und damit etwas Luft, wenn auch neuerliche Schulden (man fühlt sich an Kevin Smiths Produktionsgeschichten zu Clerks. erinnert). Doch Borchardt und seine Familie spüren, dass er sein Filmprojekt zu einem Ende bringen muss. Allein aus kathartischen Gründen – selbst wenn seine Mutter nicht an die große Filmkarriere des Sohnes glaubt.

Zum einen gefällt American Movie also aufgrund des Making-of-Elements zu “Northwestern”, sehr viel besser jedoch durch die Vielzahl der famosen Charaktere und ihrer Verbindung zueinander. So sind Mark und Mike Trottel im bestmöglichen Sinne und Borchardts Mutter Monica besitzt als gebürtige Schwedin einen so herrlichen Akzent, dass sie glatt der Feder der Coens entstammen oder eine Nebenfigur aus deren Fargo-Universum sein könnte. In seinen gelungensten und schrägsten Momenten wirkt American Movie so, als hätte Harmony Korine sich an ein in die Filmbranche verlagertes Remake von This is Spinal Tap gewagt, während Borchardt wie eine moderne Version des liebenswerten Regie-Schussels Edward D. Wood Jr. rüberkommt.

American Movie ist gerade in der ersten Hälfte ein spaßiger Blick hinter die Kulissen des Independent-Films, auch wenn sich nach hinten raus Längen einstellen. Verzeihlich ist dafür, dass unklar ist, worum es in “Northwestern” oder “Coven” geht – Letzteres ist ein Kurzfilm-Projekt, dem sich Borchardt im Verlauf stattdessen widmet. Auch die Gründe seiner Filmpassion werden nicht vollends ausgearbeitet, Den Ausschnitten aus “Coven” zufolge, die Smith und seine Produktionspartnerin Sarah Price am Ende zeigen, scheint Borchardt aber nicht völlig talentfrei zu sein. Heute verdingt er sich meist als Schauspieler, plant aber mit “Scare Me” ein neues Regie-Projekt – das aber auch schon seit 2004. Früher war Filmemachen wohl wirklich einfacher.

8.5/10

20. Februar 2017

Billy Lynn’s Long Halftime Walk

Just another normal day in America.

„Kennst du einen, kennst du alle“ ist eines der Sprichwörter, das man nur ungern auf einen Genre-Film anwendet. Gerade im Kriegsfilm begegnet einem jedoch immer wieder der Aspekt, dass der oder die heimkehrenden Soldaten aus einem Krieg sich nicht mehr mit dem Land identifizieren können, das sie im Ausland verteidigen. Und sich einfach wieder zurück an die Front sehen, welche die Daheimgebliebenen froh sind, allenfalls in den Nachrichten erblicken zu müssen. Ang Lees Adaption Billy Lynn’s Long Halftime Walk nach dem gleichnamigen Roman von Ben Fountain macht da keine Ausnahme, wenn die Geschichte einen Tag im Leben einer Infanterie-Einheit in der Heimat zwischen zwei Diensttouren im Irakkrieg begleitet.

Als er im Gefecht seinem Staff Sergeant rettend zur Seite springt und die Kamera einer Gruppe Journalisten dies festhält, wird Specialist Billy Lynn (Joe Alwyn) mit dem Silver Star ausgezeichnet und seine Einheit zu einer zweiwöchigen Propaganda-Tour in die Heimat geholt. “Right now, by the grace of God and the media, we’re the face of the American military”, fasst es Sergeant Dime (Garrett Hedlund) zusammen. Zum Abschluss ihrer Tournee sollen Billy und seine Einheit in der Halbzeit-Show eines Footballspiels an Thanksgiving mit Destiny’s Child auftreten. Zur selben Zeit versucht Hollywood-Produzent Albert (Chris Tucker), die Filmrechte der heldenhaften Mission zur finanziellen Absicherung der Jungs zu verkaufen.

Billy und seine Kameraden sind sichtlich irritiert ob des Lärms, der um sie gemacht wird. Dass sie als Helden gefeiert werden, während das betreffende Gefecht ihren Vorgesetzten Staff Sergeant Shroom (Vin Diesel) das Leben kostete. Bezeichnend, dass ihre Tournee weniger ein Ausflug von der Front ist, als eher eine Art weitere Mission. Zum einen stehen die acht jungen Männer repräsentativ für die Armee und dürfen sich nichts zu Schaden kommen lassen. Zugleich sehen sie in der Aufmerksamkeit die Chance, einen finanziellen Vorteil für sich ziehen zu können, zeigt laut Albert doch Hilary Swank Interesse daran, Billy in einer Filmadaption des Gefechts zu spielen. Was ihm und den anderen jeweils eine Beteiligung von $100,000 brächte.

Die Hauptfigur sieht sich jedoch einem anderen Konflikt gegenüber, treibt ihn doch seine ältere Schwester Kathryn (Kristen Stewart) dazu an, sich einer zweiten Diensttour in Irak zu verweigern. Er habe seine Schuldigkeit getan, sogar ausgezeichnet mit dem Silver Star. Im Verbund mit einem Arzt will sie, dass Billy zum Ende der Halbzeit-Show mit Verweis auf PTSD seinen Kriegsdienst verweigert. Dass der 19-Jährige im Stadion die liebenswerte Cheerleaderin Faison (Makenzie Leigh) kennengelernt hat, befeuert seine Zweifel nur noch, während Ang Lee immer wieder zu Rückblenden in den Irak schneidet, in denen insbesondere die Beziehung zwischen der gutmütigen Vaterfigur Shroom und seinen Männern um Billy im Fokus steht.

Im Kern erzählt Billy Lynn’s Long Halftime Walk dabei keine schlechte Geschichte. Ganz im Gegenteil, blitzen immer wieder die guten Ansätze der Handlung auf. Nur: Ang Lee weiß sie nicht wirklich zu nutzen, verliert sich stattdessen in einem pathetischen Schwulst romantischer Verklärung, gipfelnd in einer Rückblende, in der Shroom vor einem Gefecht jedem Kamerad seine Liebe gesteht. Lees Film will alles gleichzeitig haben: romantisches Drama sein und Anti-Kriegsfilm, aber ein solcher, der Respekt vor der Kameradschaft der Soldaten hat, während das alles in eine perfide Satire eingebettet ist. Leider ist der Film nichts davon wirklich respektive nicht genug von dem, was er sein sollte: ein satirischer Anti-Kriegsfilm.

Fountains Roman, den ich selbst nicht kenne, führt Wikipedia als eine solche Satire. Und jener Aspekt, dass Dime und Billy gemeinsam mit Albert versuchen, jemanden zu finden, der ihnen während ihrer 15 Minuten Ruhm die $900,000 für die Filmrechte zahlt, wäre der bedeutendste für Billy Lynn’s Long Halftime Walk gewesen. Dafür hätte Ang Lee den Film jedoch weg von The Hurt Locker und mehr in Richtung Wag the Dog steuern müssen. Was nicht bedeutet, die absurden Momente sind im fertigen Produkt nicht vorhanden – nur eben eher subtil eingestreut. Zum Beispiel wenn Billy und Kamerad Montoya (Arturo Castro) einen Joint mit einem Stadionmitarbeiter rauchen, der ihnen anvertraut, er überlege, sich ebenfalls zu verpflichten.

Es erwarte ihn dafür eine Prämie von $6,000 – was $6,000 mehr sind, als Billy und Montoya bekommen haben. Sowieso zeichnet die Infanterie aus, dass sie all jene anzieht, die es in der normalen Gesellschaft nicht weiterbringen. So will der Stadionangestellte mit seinem Militärdienst seine Familie unterstützen – aus einem ähnlichen Grund trat auch Billy ein. Kathryn hatte einst einen Autounfall, der ihr Gesicht entstellte, woraufhin sie ihr Verlobter verließ. Billy ramponierte dessen Wagen und kam um eine Anzeige nur herum, indem er sich zur Armee meldete. Dort, so macht Dime in einer Rückblende deutlich, scheint er gut aufgehoben. Hier hat er eine Bestimmung, die ihm in seiner Kleinstadt zuhause wohl verwehrt bliebe.

Über die anderen Männer der Einheit erfahren wir wenig bis nichts, auch Dime wird eher über seine Autorität als neuer Leader nach Shrooms Ableben charakterisiert. Shroom hingegen kommt im Film beinahe hagiographisch verklärt daher, stets lächelnd und spirituell angehaucht ist Diesels Figur schwer verdaulich. Genauso wie die Rückblenden zum Irakkrieg unnötig sind, da Lee in ihnen kaum den Konflikt vor Ort bebildert. Was der Krieg mit den sieben jungen Männern um die 20 angestellt hat, wird im Film abseits von Shrooms Tod nicht deutlich. Weshalb es gereicht hätte, davon zu reden, statt es mit leblosen Bildern zu untermalen. Vielmehr hätte Lee es für seinen Film und den Aspekt des verfolgten Films im Film sogar verklären können.

Was wirklich passiert wäre, bliebe ein Mysterium, da es Billy, Dime und Albert bei jedem Pitch variieren würden. Getreu dem Vorwurf, die Menschen daheim interessiert der Krieg im mittleren Osten gar nicht wirklich. Wie es ist, jemanden zu töten, wird Billy da in einer Szene vom Football-Team gefragt und auch Tim Blake Nelson stellt beim Mittagessen eine ähnliche Frage an die Soldaten. “If we didn’t enjoy killing people then what would be the point?”, erwidert Dime zynisch. “You might as well send the Peace Corps in to fight the war.” Die Dissonanz zwischen Soldat und Zivilist ist aber wie das meiste in Billy Lynn’s Long Halftime Walk nur eine Randnotiz. Und verpufft wie Kathryns Bestrebung, ihren Bruder aus der Armee zu lotsen.

Es bleibt somit offen, was Ang Lee letztlich seinen Zuschauern mitgeben möchte. Wir erfahren nicht genug von den Gräueln des Kriegs, als dass der Kontrast zwischen der alltäglichen Normalität daheim im Kontrast dazu stünde. Genauso wenig wie wir sehen, dass das Militär den jungen Männern eine Form von Stabilität und Halt gibt, die ihnen zuhause abging. Auch die Perversität, die Männer für das schlimmste Erlebnis ihres Lebens zu Helden zu stilisieren, während diese unter diesem Umstand versuchen, finanzielles Kapital daraus zu schlagen, indem sie Football-Besitzern wie Norm Oglesby (Steve Martin) die Filmrechte an ihrer Geschichte verkaufen wollen, geht letztlich in dem 0815-Kriegsheimkehrer-Schmalz von Lees Film unter.

Der behandelt die etwas aus dem nichts kommende Liebes-Romanze zwischen Billy und Faison etwas übertrieben aufrichtig, was konterkariert wird von Momenten, wenn die junge Frau ernsthaft vom spirituellen Aspekt des Cheerleadings faselt. Billy Lynn’s Long Halftime Walk ist somit weder Fisch noch Fleisch, von allem ein wenig, aber von nichts genug. Was etwas schade ist, da sich gerade Newcomer Joe Alwyn, Garrett Hedlund und die wie immer starke Kristen Stewart sichtlich Mühe geben, ihren teils flachen Charakteren ausreichend Leben einzuhauchen. Das übrige Ensemble schlägt sich ordentlich, vielmehr sind es gerade die namhafteren unter ihnen wie Chris Tucker, Steve Martin und Vin Diesel, die eher negativ auffallen.

Dass der neue Film von Ang Lee floppte, verwundert nicht wirklich. Nicht nur ist die Handlung zu unausgegoren und unfokussiert, der Taiwanese scheint sich zu sehr auf das Visuelle versteift zu haben. Von den 120 FPS und 3D ist in meiner Heimkino-Sichtung nichts geblieben, Sinn und Zweck würde ich aber auch aufgrund des Filmmaterials in Frage stellen wollen. Der digitale Look der F65 CineAlta von Sony trägt seinen Teil zur leblosen Künstlichkeit des Konstrukts bei. Billy Lynn’s Long Halftime Walk atmet kein Leben und wirkt nicht authentisch – dabei wäre das alles prinzipiell in den Händen der richtigen Leute vermeidbar gewesen. Was bleibt ist ein Werk, das man nicht gesehen haben muss. Auch das sagt man eher ungern über einen Film.

5.5/10

13. Februar 2017

Classic Scene: When Harry Met Sally... – “That’s it?”

DIE SZENERIE: Die beiden Freunde Harry (Billy Crystal) und Sally (Meg Ryan) treffen sich an einem Nachmittag in New York City zu einem gemeinsamen Museumsbesuch. Eines der Konversationsthemen ist dabei Harrys Bericht über einen erotischen Traum, den er hatte, in welchem seine sexuelle Leistung von drei Punktrichtern, darunter seine Mutter, bewertet wurde. Sally erzählt daraufhin von einem ihrer eigenen erotischen Träume.

EXT. CENTRAL PARK ARBOR – DAY

HARRY and SALLY walk through the park on a gorgeous fall day.

SALLY: Basically it’s the same one I’ve had since I was twelve.

HARRY: What happens?

SALLY: You know… it’s too embarrassing.

HARRY: Don’t tell me.

SALLY: Okay. There’s this guy.

HARRY: What’s he look like?

SALLY: I don’t know. He’s just kind of faceless.

HARRY: A faceless guy. Okay. Then what?

SALLY: He rips off my clothes.

HARRY: Then what happens?

SALLY: That’s it.

Both stop in their walk.

HARRY: That’s it? A faceless guy rips off your clothes. And that’s the sex fantasy you’ve been having since you were twelve? Exactly the same?

SALLY: Well, sometimes I vary it a little.

HARRY: Which part?

SALLY: What I’m wearing.

HARRY turns and keeps on walking.

SALLY: What?

HARRY: Nothing.

6. Februar 2017

Voltron: Legendary Defender – Season Two

Is that a cow?

Im zweiten Jahr hat eine Serie oft die Chance, vieles, für das in der ersten Staffel keine Zeit war, besser zu machen, indem man sie vertieft. So waren die meisten Figuren in Netflix’ Animationsserie Voltron: Legendary Defender noch etwas eindimensional gezeichnet, primär durch ein, zwei Eigenschaften charakterisiert, während die Sentai-Serie um fünf Erdlinge, die als Paladine eines Megazords das Universum vor einem außerirdischen Despoten beschützen müssen, auf den Konflikt mit ebendiesem Bösewicht hinarbeitete. Etwas enttäuschend ist also, dass Voltron: Legendary Defender auch in ihrer zweiten Staffel dem wenig hinzuzufügen hat – und stattdessen dem Comic-Film-Genre getreu quasi lediglich die Repeat-Taste des Vorjahres drückt.

Mit Ach und Krach entkamen Shiro (Josh Keaton), Keith (Steven Yeun), Lance (Jeremy Shada), Hunk (Tyler Labine) und Pidge (Bex Taylor-Klaus) dem Kampf gegen Zarkon (Neil Kaplan) aus dem Vorjahresfinale. In Across the Universe taumeln die Paladine und das Schiff von Prinzessin Allura (Kimberly Brooks) und Coran (Rhys Darby) derweil durch ein Wurmloch, das die Figuren unterwegs nach und nach verliert. Es gilt also, einander im Universum wiederzufinden und sich neu zu positionieren, für ein nächstes und besser durchdachtes Wiedersehen mit Zarkon. Dies erfordert ein verstärktes Teamwork sowie unterwegs der ein oder anderen Zivilisation zu helfen, während das Voltron-Team nach bestimmten Elementen sucht.

Alles wie gehabt also. An der Formel aus der ersten Staffel wird wenig geändert, erneut verwendet Voltron: Legendary Defender seine gesamte Episodenzahl darauf auf, die Charaktere in der finalen Folge Blackout gegen Zarkon und Konsorten antreten zu lassen. In die Tiefe ihrer Psyche dringt die Show dabei nur bedingt vor. Nach etwas familiären Einblicken in Pidges Vita ist es dieses Mal Keith, der in einer Folge näher beleuchtet wird. Um die vermeintliche Auflösung – der sich ohnehin nicht eindringlich gewidmet wird – machen die anderen Figuren dabei weitaus mehr Tamtam als es beim Zuschauer der Fall sein dürfte. Wo Keith etwas mehr Aufmerksamkeit erhält, spart sich die Show diese was Lance und Hunk angeht derweil (noch?) auf.

Das ist sicherlich nur bedingt tragisch, da die Figuren weiterhin sehr gut über ihre vordergründige Charakterzeichnung funktionieren. Selbst wenn wir nach nun fast acht Stunden immer noch sehr wenig über die meisten von ihnen wissen. Enorm repetitiv ist weiterhin die ausführliche Darstellung des Voltron-Zusammenschluss’, welche die Show stets aufs Neue zeigt. Der Sinn und Zweck will mir nicht ganz klar werden, außer, dass die Macher wahrlich verliebt in die Szene sind – und davon ausgehen, dass es die Zuschauer auch sind. Nur wenig einfallsreicher sind zugleich die Kampfszenen von Voltron, sodass es fasst ins Bild passt, dass in einer Folge ein Widersacher wartet, gegen den das Team bereits im vergangenen Jahr in den Ring gestiegen ist.

Ihre Stärken ruft die zweite Staffel ab, wenn das Team in Nebenmissionen aufgeteilt wird. Zum Beispiel wenn eingangs in Across the Universe und The Depths die Paladine in zwei Fraktionen wieder zueinander finden müssen oder später in Folgen wie Space Mall oder Escape from Beta Traz jeder für sich eigene Sub-Abenteuer erlebt. Auch der Humor funktioniert wieder gut, insbesondere im Staffelauftakt, wenn Coran während der Wurmloch-Reise immer jünger wird – vom Adoleszenten zum Pubertierenden und später Kleinkind. Ansonsten sind es wie gewohnt der narzisstisch-überhebliche Lance und der lethargisch-naive Hunk, die als Basis für wiederkehrende Gags dienen, wohingegen Shiro und Keith eher für nüchterne Momente stehen.

Etwas merkwürdig wird es dann, wenn in Greening the Cube plötzlich eine Art “The Force”-Äquivalent eingeführt wird, dem sich die Serie aber später nicht mehr widmet. Auch wie die verstärkte Beziehung zwischen Paladin und Zord genau funktioniert, wird nur oberflächlich thematisiert. Insofern gibt es in der zweiten Staffel von Voltron: Legendary Defender wenig Neues, was der Show Qualität zuführt. Vielmehr Bekanntes, was ihr durch Eintönigkeit etwas Wertigkeit nimmt. Immerhin lässt sich hoffen, dass nach diesem Finale die nächste Staffel andere Figuren und Aspekte eingehender beleuchtet. Aber das ist ja so eine Hoffnung, die man in diesem Genre des Öfteren mal hat – nur um dann doch wieder das Gleiche aufgetischt zu bekommen.

6.5/10

30. Januar 2017

Christine

Yes, but...

Gleich zwei Filme befassten sich vergangenes Jahr mit dem Fernseh-Suizid der Reporterin Christine Chubbuck aus dem Jahr 1974. Während Robert Greene mit Kate Plays Christine eine avantgardistische Mockumentary-Annäherung wählte, folgt Antonio Campos’ Spielfilm-Drama Christine der klassischen Herangehensweise. Letztendlich versagen beide Werke jedoch darin, dem Mysterium hinter Chubbucks Selbsttötung während einer Live-Fernsehübertragung ein paar Antworten zu entlocken. Was genau die damals 29-jährige Journalistin aus Sarasota bewegte und in den Tod trieb, vermag Christine in seiner zweistündigen Laufzeit nicht wirklich auszuarbeiten. Dafür bewegt sich Campos’ Film die meiste Zeit viel zu sehr an der Oberfläche.

Christine Chubbuck soll von enormen Selbstzweifeln geplagt gewesen sein, sie war depressiv und hatte Probleme, sich sozial zu integrieren. Ihre Depressionen und Suizidgedanken kamen nicht von heute auf morgen, sondern waren ihrer Mutter bekannt, wie auch Chubbuck selbst seit jungen Jahren in psychotherapeutischer Behandlung war. Aspekte, für die sich Christine nicht allzu sehr interessiert, vielmehr manövriert sich Campos’ Film teils gefährlich in ein Fahrwasser, das versucht, den Suizid von Chubbuck mit dem verstärkten Sensationalismus im Fernsehjournalismus zu erklären. Was den Hintergründen für die tragische Entscheidung Chubbucks nicht nur nicht gerecht wird, sondern sie im Prinzip ohne gebührenden Respekt behandelt.

So sehen wir Christine Chubbuck (Rebecca Hall) zu Beginn als Reporterin, die von einem Interview mit Präsident Nixon träumt. Stattdessen schickt sie ihr Chef (Tracy Letts) zu einem Unfall, getreu dem Motto “if it bleeds, it leads”. Das eigene Nachrichtenprogramm kämpfe mit den Quoten, “we gotta lighten things up around here”. Christine dagegen will jedoch “issue orientated, character based pieces” produzieren – ihre Kollegen haben dies so oft gehört, sie sprechen es unisono mit ihr mit. Im Lauf der Wochen fügt sich Christine schließlich den neuen Wünschen ihres Sendeleiters. Auch, weil der Besitzer des Lokalsenders eine neue Nachrichtensendung in Baltimore plant und hierfür Moderatoren aus dem Sarasota-Sender sucht.

Christine lauscht nun nachts dem Polizeifunk, filmt Brandopfer und opfert ihre “positive think pieces” für “darker, juicier stories”. Alles für die Quote, alles für die Beförderung. Als dies alles nichts hilft, folgt dann eben der Ausweg zum Live-übertragenen Selbstmord. “In living color, you are going to see another first”, wie es Chubbuck 1974 selbst formulierte, ehe sie den Abzug drückte. Die Sensationsgier der Zuschauer, die “juicier stories” wollen und mit ihren Einschaltquoten Einfluss auf die journalistische Arbeit nehmen, wird so zum stillen Komplizen für Chubbucks Selbsttötung. Dass die 29-Jährige suizidal war, Wochen vorher bereits Selbstmordmethoden recherchierte, wird in Christine nicht thematisiert – und so letztlich negiert.

Was nicht heißt, es gibt keinen sozialen Einblick. Wir sehen Christines Besuche und Puppenspiele für Krankenhauskinder, wir erfahren von ihrer Schwärmerei für den Moderatoren-Kollegen George Peter Ryan (Michael C. Hall). Können uns ihren stillen Wunsch nach einer Beziehung denken und den Frust und Ärger verstehen, wenn ihre Mutter (J. Smith-Cameron), mit der sie zusammen lebt, einen Mann kennenlernt – während sie selbst Single ist. Aber selbst wenn George Peter Ryan mal Interesse an ihr zeigt, reagiert Christine abweisend-brüsk, ohne dass wir erfahren, wieso. Die Beziehung zu ihrer Umwelt und Kollegen (Maria Dizzia, Timothy Simons) bleibt unklar, noch sehr viel unklarer bleibt die Beziehung der Figur jedoch zu sich selbst.

Hinzu kommt, dass das Sensationalismus-Element selbst nicht wirklich fokussiert wird. Inwiefern das Programm boulevardesker gerät, welche Bestrebungen im Sinne der Quotenerhöhung erfolgen – der Film lässt den Zuschauer im Dunkeln. Bis auf Christines Bemühungen scheint sogar alles seinen bisherigen Verlauf zu nehmen, was es umso unverständlicher macht, wieso Campos dem Film eine derartige Richtung für Christines mögliche Motivation gibt. Ratsamer wäre es gewesen, die Depressionen Chubbucks mehr hervorzuheben, ihre Geschichte und ihr Ausmaß zum Beispiel mit ein, zwei Szenen bei ihrem Psychiater zu beleuchten. Genauso wie die zum Ende hin fortschreitenden Planungen für den bevorstehenden Selbstmord.

Über all diese Kritik erhaben ist Rebecca Hall, die eine starke Leistung abliefert, selbst wenn sie nur unmerklich mehr physikalische Ähnlichkeit mit Chubbuck besitzt als Kate Plays Christine’s Kate Lyn Scheil. Halls hingebungsvolles Spiel hält die Aufmerksamkeit hoch und ist letzten Endes das Haupt- wenn nicht sogar das einzige Kriterium für eine Sichtung von Antonio Campos’ Christine. Dass der als intensive Depressionsstudie weniger zugänglich für ein Massenpublikum wäre, ist klar, aber dieser subtile Ansatz einer Medienkritik à a Nightcrawler funktioniert irgendwie noch weniger. Somit sind die Zuschauer auch nach zwei Filmen und fast vier Stunden nicht schlauer, wer Christine Chubbuck war. Das Mysterium bleibt bestehen.

6/10

23. Januar 2017

Nein zu Amazon Prime – Ein Fazit

Kurz vor Weihnachten gab es bei der Geschenk-Order eine gute Nachricht: Amazon bot mir nochmals einen Probemonat zur Prime-Mitgliedschaft an. Meine Weihnachtspräsente wurden also alle noch rechtzeitig geliefert und obendrein bot sich als Bonus die Chance, mal die Bibliothek von Amazon Prime Video auszutesten. Nun, 30 Tage später, ist das Ergebnis relativ ernüchternd bzw. war es das im Grunde schon zuvor. Insbesondere die Film-Bibliothek von Amazon Prime Video empfand ich als sehr enttäuschend. Wenig interessante Titel, Franchise-Filme oft beliebig zusammengestellt. Zwar alle Transformers-Teile, aber bei den Hunger Games nur Mockingjay: Part II, alle Jaws-Filme, aber nur die ersten beiden mit Originaltonspur.

Zwar bin ich von Netflix bereits eine traurige deutsche Filmbibliothek gewohnt (obwohl ich als deutsches Netflix-Mitglied so viel zahle wie meine US-Kollegen, aber nur einen Bruchteil von deren Angebot nutzen kann), aber Amazon Prime Video liegt da doch noch mal etwas drunter. Auch wenn die Auswahl an vielen kleinen obskuren Titeln (B- und C-Movies) hier durchaus größer ist. Es war also erst einmal schwierig, überhaupt Filmtitel zu finden, die mich für eine Wiederholungssichtung reizten. Waren diese wie im Fall von Lasse Hallströms The Shipping News dann mal gefunden, war die Freude von kurzer Dauer: Denn der Film wird, zumindest für Prime-Mitglieder, nicht mit der Originaltonspur angeboten. Und das ist bei Amazon leider kein Einzelfall.

Insofern musste ich passende Titel erst über die Suchfunktion filtern. Welche Filme Amazon mit der OV-Option ausstattet und nicht erschien mir ziemlich willkürlich. Und teils wenig durchdacht. So gibt es zwar die originale Tonspur zu Låt den rätte komma in (So finster die Nacht) – aber keine Untertitel, weder in Deutsch noch Englisch. Womit sich das OV-Angebot nur an in Deutschland lebende Schweden richtet, was – so vermute ich mal – ein kleinerer Markt sein dürfte als Deutsche, die den Film auf Schwedisch mit Untertiteln sehen würden. Ein weiteres Problem der Prime-Bibliothek: Hatte ich dann doch mal interessante Filme mit Originalton gefunden, zum Beispiel Sean Penns The Pledge, wurden diese nicht in HD wiedergegeben.

Die passende Film-(Sub-)Bibliothek erfordert das große Filtern.
Auch hier ist die Zusammenstellung wieder sehr willkürlich gewählt. Während ich also Brian Levants The Flintstones (1994) und Beethoven (1992) sowie Robert Zemeckis’ Death Becomes Her (1992) in HD sehen konnte, blieb für The Pledge aus dem Jahr 2001 nur die Standardauflösung. Die wird bei Amazon zwar mit DVD-Qualität verglichen, entspricht aber doch eher einem unterdurchschnittlichen VHS-Transfer. Damit jedoch nicht genug, leider springt die Bildauflösung während der Wiedergabe bisweilen, weshalb ich nach rund einer Stunde meine Sichtung von John Frankenheimers Ronin abbrach, da der Film unentwegt zwischen der Standardauflösung, High Definition (720p) sowie High Definition (1080p) hin und her sprang.

Ein Problem, das ich zuletzt auch bei Batman V Superman: Dawn of Justice in der Extended Edition hatte (kein Bestandteil der Prime-Mitgliedschaft, sondern eine Ausleihe). Nun mag dies auch an meiner Internetverbindung liegen – ich zahle für bis zu 50 Mbit/s, kriege aber meist nur ca. 15 Mbit/s –, dennoch ist die HD-Wiedergabe bei Netflix vergleichsweise konstanter und besser. Hinzu kommt das Abspielen von Filmen in anderen Formaten, wie auch der geschätzte Kollege bullion bereits feststellte. Ähnlich wie bei seiner Sichtung von Anomalisa wird auch Batman V Superman bei Amazon in 16:9 (2.40:1) statt dem Originalformat 2.35:1 wiedergegeben. Falsche Formate, variierende Qualität, wenig Originalton: Liebe zum Film sieht anders aus.

So enttäuschend das Filmangebot ist, die Serienauswahl ist etwas besser. Zumindest wie ich es einschätzen konnte, gab es die meisten „jüngeren“ Serie mit der Option des englischen Originaltons. Obendrein lässt sich gegenüber Netflix natürlich auf das originäre Angebot von Amazon zugreifen. Nur, wirklich überzeugen vermochte das zumindest mich nicht. The Man in the High Castle verfolgte ich nur drei Episoden lang, selbst wenn ich Dick-Fan bin und die Vorlage mochte. Ganz gesehen habe ich die ersten Staffeln von Halt and Catch Fire (keine Amazon-, sondern eine AMC-Serie) sowie die hochgelobte Mr. Robot, empfand beide jedoch als sehr durchschnittlich, generisch und mit eindimensionalen Figuren versehen. Alles nicht so meins.

Fazit: Im direkten Vergleich fühle ich mich bei Netflix besser aufgehoben als bei Amazon Prime Video. Sicher sind Serien wie The Crown oder Orange is the New Black ebenfalls nicht die hohe Kunst, aber dennoch interessanter. Das Netflix-Filmangebot ist zwar anders und nicht zwingend größer, immerhin jedoch – nach meiner Einschätzung jedenfalls – quasi durchgängig im Originalton erhältlich (was bei nicht-englischsprachigen Filmen bedeutet: deutsche Untertitel!) und mit konstanterer HD-Wiedergabe. Zumindest bei bezahlten Ausleihen und Käufen wäre es bei Amazon schön, wenn wie im Fall von AppleTV/iTunes gesichert wäre, dass die Wiedergabe auch durchweg HD 1080p ist. Denn wenn ich für HD zahle, will ich es auch bekommen.

16. Januar 2017

Personal Shopper

R u alive or dead ?

Klassischer Weise bekunden Menschen ihr Missfallen im Theater oder Kino, indem sie Werke statt mit Applaus mit Buhrufen beschenken. Viel Aufhebens wurde gemacht, als vergangenes Jahr Olivier Assayas’ neuer Film Personal Shopper bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Cannes ausgebuht wurde. Dabei sind Buhrufe speziell in Cannes kein wirklich schlechtes Zeichen – das Gegenteil ist sogar fast der Fall. Schließlich wurden seiner Zeit auch schon Martin Scorseses Taxi Driver und Terrence Malicks The Tree of Life auf dem französischen Filmfest ausgebuht und gewannen am Ende doch die Palme d’Or. Für die reichte es am Ende zwar bei Personal Shopper nicht, dafür wurde Assayas für seine Regie des Geister-Thrillers ausgezeichnet.

Dieser dreht sich um die titelgebende persönliche Einkäuferin Maureen (Kristen Stewart), die für das Model Kyra (Nora von Waldstätten) in Paris Modeartikel und Accessoires verschiedener Boutiquen ausleiht. Ein Job, der Maureen wenig Freude bereitet, es ihr aber immerhin ermöglicht, vorerst in der französischen Hauptstadt zu bleiben. Dort wartet sie auf ein spirituelles Zeichen ihres drei Monate zuvor verstorbenen Zwillingsbruders Lewis, der wie sie ein Medium war. Die Geschwister versprachen sich, das derjenige, der zuerst stirbt, dem anderen ein Zeichen aus dem Jenseits gibt. Zwar erhält Maureen kurz darauf Rückmeldungen, allerdings von einem Unbekannten via iMessage. Ein Kontakt, der bald immer intensivere Ausmaße annimmt.

An sich besteht Personal Shopper aus drei Akten, angefangen mit Maureens Suche nach einer Botschaft von Lewis. Der erlag einem angeborenen Herzleiden, das auch seinen Zwilling befallen hat. Was erklären mag, wieso diese so auf eine Antwort des verstorbenen Bruders fixiert ist. Derweil sind dessen Freunde interessiert an Lewis’ Haus, das dieser renoviert hat. Wollen aber zuvor von Maureen wissen, wie es um einen Geist auf dem Anwesen bestellt ist. “We need to know if it’s benevolent or not”, so ihre Intention. Der Tod von Lewis ist offensichtlich etwas, mit dem auch sein Bekanntenkreis und seine Freundin (Sigrid Bouaziz) abschließen müssen. “I just need to see it to the end”, gesteht Maureen ihrem eigenen Freund Gary (Ty Olwin).

Die Geister-Story des ersten Akts weicht dann im zweiten einem sich langsam entwickelnden Thriller-Element, wenn Maureen auf einer Geschäftsreise nach London erstmals von einem vermeintlich Unbekannten per iMessage kontaktiert wird. Obschon für den Zuschauer keine Zweifel an der Identität von Maureens Gegenüber bestehen und sie selbst im Grunde auch keine haben sollte, inszeniert Assayas die Sequenz so, als wäre Maureen im Ungewissen, ob sie mit Lewis schreibt oder jemand anderem. Ärgerlich wird es dann, wenn der Film im Folgenden immer wieder zu Maureens iPhone zurückschneidet, während diese ein persönliches Frage-Antwort-Spiel mit ihrem Gegenüber beginnt, in dem sie sich verstärkt öffnet.

Stewarts Figur will jemand anderes sein, weiß aber nicht genau wer. Es reizt sie, all die Kleidung anzuprobieren, die sie für Kyra organisiert, was diese ihr jedoch untersagt hat. Von Waldstätten ist die meiste Zeit nicht präsent, über ihre Kyra wird mehr geredet als diese selbst zu Wort kommt. Als “pain in the ass” beschreibt sie Maureen gegenüber Kyras Liebhaber Ingo (Lars Eidinger), vom Ruf als “monster” berichtet eine Fotografin bei einem bevorstehenden Shooting. “No desire if it’s not forbidden”, neckt ihr Chat-Partner Maureen später, sodass diese sich in voller Montur in Kyras Outfit wirft, während die Szene von Conradin Kreutzers „Hobellied“ unterlegt wird. Der Geister-Aspekt und Lewis sind zu diesem Zeitpunkt bereits in den Hintergrund gerückt.

Das zuvor eher seichte Thriller-Element nimmt in der ersten Hälfte des Schlussaktes dann zu, ehe die Anspannung gelöst wird und Personal Shopper in seinen Epilog übergeht, der wieder zu dem spiritualistischen Thema zu Beginn zurückkehrt. Olivier Assayas versucht in seinem jüngsten Werk (zu) viele Ideen und Genre-Aspekte zu vermengen, was an sich interessant ist und gerade im ersten und dritten Akt weitestgehend funktioniert, nur verheddert er sich dabei bisweilen auch derart, dass manches auf der Strecke bleibt. Getragen wird der Film dabei durchweg von der wie immer überzeugenden Kristen Stewart, die aus dem Material das Maximum herausholt. Zumindest sie wird wohl keine Buhrufe befürchten müssen.

7/10

9. Januar 2017

The Flintstones

In my cave I reign supreme!

Fünf der elf erfolgreichsten Filme des vergangenen Kinojahres waren Comicverfilmungen aus dem Hause Disney/Marvel, Warner Bros. und Fox. Ein sich verstärkender Trend, aber nicht unbedingt ein junger. Bereits Anfang des Jahrtausends gaben sich an den Kinokassen Spider-Man, X-Men, Blade und Batman die Klinke in die Hand. Genauso wie in den Neunzigern Videospieladaptionen wie Super Mario Bros. (1993) und Street Fighter (1994) oder ebenjene Comic-Filme in Form von Teenage Mutant Ninja Turtles (1990) und The Flintstones. Letzterer war eine 1994 von Steven Spielrock produzierte Realverfilmung des gleichnamigen Hanna-Barbera-Cartoons, der 1960 als erster seiner Art im Abendprogramm von ABC ausgestrahlt wurde.

Im Fokus steht der Steinbruchangestellte Fred Flintstone (John Goodman), ein Mitglied der Arbeiterklasse in der Steinzeit-Gemeinde von Bedrock. Fred führt ein simples Leben mit Gattin Wilma (Elizabeth Perkins) und ihrer Tochter Pebbles sowie seinem Nachbarn, Freund und Arbeitskollegen Barney Rubble (Rick Moranis). Weil Fred ihm und seiner Frau Betty (Rosie O’Donnell) Geld geliehen hat, damit diese einen Sohn adoptieren können, tauscht Barney bei einem Karrieretest in der Arbeit sein Ergebnis mit dem von Fred aus. Als Testsieger ist es Fred, der daraufhin vom Steinbruch-Vizepräsident Cliff Vandercave (Kyle MacLachlan) in den Vorstand befördert wird. Nichtsahnend, dass hinter all dem ein maliziöses Schema steckt.

The Flintstones, bei dem Brian Levant die Regie übernahm, ist eine Comicverfilmung wie man sie heutzutage nicht mehr zu sehen bekommen wird. Ein Film, der sich ähnlich wie Super Mario Bros., Street Fighter, Mortal Kombat und die anderen Vertreter der 1990er – hier könnte man auch die Batman-Filme von Joel Schumacher dazuzählen – primär verspielt und unernst gibt. Vorrangig ist da speziell die Mimikry des Originals, von den liebevoll gestalteten Kostümen bis zu den vielen Details im Production Design des Studiofilms. Einige wenigen CGI-Ausnahmen wie Dino und Baby Puss ausgenommen regieren hier die praktischen Effekte, was erfrischend altmodisch ist, auch wenn es natürlich oft etwas Cartoonhaftes hat.

Den Anspruch, authentisch zu sein, hat Levants Film natürlich keineswegs, und dennoch macht er es sich nicht immer leicht, wenn er seine inhärente Logik etwas ad absurdum führt. So gibt es viele nette visuelle prähistorische Ideen für moderne Technologien, vom Krabben-Rasenmäher über den Schweine-Müllschlucker hin zum Anzünden von Kerzen als Straßenlaternen oder wie Fred jeden Morgen geweckt wird. Gleichzeitig führt The Flintstones aber auch das Autoradio ein, zu dem Fred und Barney auf dem Heimweg mitsingen, genauso wie Fernsehapparate auftauchen und The B-52’s in einer der Szenen tatsächlich in ein aus Stein gehauenes Bühnenset ihre Pop-Lieder trällern. Nicht die einzigen misslungen Rückrufe auf die moderne Welt.

So verweist eine Flugbegleiterin eingangs beim Überflug über Bedrock auf den Grand Canyon, der in einigen tausend Jahren dort entstehen wird. Und im Schlussakt bricht der von Harvey Korman gesprochene Dictabird wie im zweiten Akt bereits MacLachlans Vandercave die vierte Wand für einen schwachen Verweis-Witz auf Disney. Diese Aspekte sind umso ärgerlicher, da sie nicht nötig gewesen wären und auch wenn die Fernsehapparate Bestandteil des Original-Cartoons sind, zerstören sie etwas das Bild dieses Steinzeit-Pendants unserer heutigen Welt. Auch das Drehbuch wirkt weitaus konstruierter als für das intendierte Handlungsgerüst erforderlich gewesen wäre. Und wirft infolgedessen wie die Fernsehapparate eher Fragen auf.

Zwar geht Barney derselben Arbeit nach wie Fred, fährt ein kleineres Auto und hat weder Kind noch Haustiere, dennoch muss er sich von den Flintstones Geld leihen, um die Adoption von Bamm-Bamm durchführen zu können. Was im Widerspruch zu einem weiteren Running Gag steht, in welchem es Fred ist, der sich stets von Barney Geld leiht. Die Verschuldung dient als Hintergrund für den Austausch des Karrieretests, widersprüchlich ist hierbei aber, wieso Vandercave gerade den intelligentesten Angestellten zum Sündenbock für seine Veruntreuung machen will. Dafür hätte sich Fred weitaus besser geeignet, wenn er für seine Dummheit ausgewählt würde. Nur ginge dann natürlich der Konflikt der Entlassung von Barney flöten.

Einfacher wäre gewesen, dass der Test für Vandercave dazu dient, in Fred den idealen Kandidaten als Sündenbock für die Veruntreuung zu finden. Einen Keil zwischen die Freundschaft mit Barney hätte dann die steigende Arroganz des nun neureichen Freds treiben können, wie sie der Film auch propagiert. Zugleich hätte dabei Vandercave dennoch Barney entlassen können, indem zugleich so die smartesten Mitarbeiter des Steinbruchs aus diesem befördert würden, damit der Plan der Massenentlassung durch den anstehenden Automatisierungsprozess – durchaus ein spannender Subplot – nicht aufgedeckt wird. In der Ausarbeitung des Plots zeigt sich aber zugleich, dass dieser für einen Familienfilm generell wohl etwas überfrachtet ist.

Der Aspekt der Automatisierung des Steinbruchs ist ein durchaus interessanter, auch wenn nicht ganz klar ist, wieso sich Vandercave so um ihn bemüht, wo sein eigener Verbleib in der Firma doch aufgrund der Unterschlagung ein befristeter sein dürfte. Amüsant gerät dafür der Vorgriff auf den Center-for-Ants-Gag aus Zoolander, wenn Fred in Frage stellt, ob die Modellhäuser der Präsentation groß genug für ihre Bewohner sein werden. Eine reduziertere Handlung wäre aber wohl empfehlenswerter gewesen, wobei jedoch keineswegs alles schlecht ist in The Flintstones. Die eingangs angesprochene Mimikry insbesondere macht die Adaption der Cartoon-Serie sehenswert und hält den (nostalgischen) Spaß an der Sichtung aufrecht.

Die visuelle Umsetzung mit den vielen praktischen Effekten, realen Sets und Kostümen wurde bereits angesprochen, aber auch die Darsteller verleihen ihren Figuren Leben. Roseanne-Veteran John Goodman, die einzige Wahl Spielbergs für die Hauptrolle, wird der Präsenz von Fred gerecht, auch Rick Moranis überzeugt als Barney. Elizabeth Perkins und Rosie O’Donnell sind zwar für die Handlung nicht zentral, gefallen aber gerade mit ihrem aus der Serie übernommenen Referenzlachen. Aufgrund ihres nuancierten Spiels und 90er-Sexappeals ein Highlight für sich ist Halle Berry als Sharon Stone, Freds laszive Sekretärin und Vandercave-Komplizin, wofür sich der Film trotz des müden (und nicht einzigen) “Stone”-Gags einen halben Bonuspunkt verdient.

Dank der Gewichtung auf praktische Effekte ist der über 20 Jahre alte The Flintstones relativ gut gealtert, auch wenn er heutzutage kaum mehr präsent im Bewusstsein scheint. Dabei war er gar nicht mal ein Flop, landete in den Kinocharts der USA im Jahr 1994 auf dem fünften Rang und weltweit auf Platz 6 mit einem Einspiel über 340 Millionen Dollar. Das macht Brian Levants Film sicher nicht zum Meisterwerk, nicht einmal zu einem sonderlichen guten Film, aber The Flintstones besitzt Charme und viel Liebe zu seinem Original mit einem gut aufgelegten Ensemble, das es aufgrund seiner buchstäblichen cartoonhaften Figuren nicht leicht hat. Und was das anbelangt, dürften sich die vielen heutigen Comicverfilmungen ruhig eine Scheibe abschneiden.

5.5/10

2. Januar 2017

Filmjahresrückblick 2016: Die Top Ten

There are no rules in filmmaking. Only sins. And the cardinal sin is dullness.
(Frank Capra)


Wieder mal ist ein Jahr zu Ende gegangen und hat ein neues begonnen. Wie so viele Jahre zuvor und noch viele zukünftige Jahre. Nicht minder zur Tradition ist es anderswo wie hier geworden, zurückzuschauen auf das, was uns das vergangene Filmjahr beschert hat. Was wie bereits in den Jahren zuvor leider immer weniger zu werden scheint, baute das Filmjahr 2016 gegenüber dem bereits müden Vorjahr nochmals qualitativ etwas ab. Sequels, Spin-Offs, Remakes und Reboots, aber vor allem Superhelden- und Franchise-Filme bestimmen unsere Zeit. Und natürlich Animationsfilme über sprechende Tiere. Vor der Vorstellung meiner zehn Favoriten gibt es wie hier im Blog üblich zuvor einen Ausblick auf den internationalen Kinokonsum.

Vielleicht auch wegen meiner großen Unzufriedenheit markierte 2016 ein neues Rekordjahr für mich mit 185 Filmen. Was insofern erstaunlich ist, da nach dem Geoblocking der internationalen (und umfangreicheren) Bibliothek von Netflix, auf die ich in 2015 noch ausgiebig zugriff, mein Heimkino-Konsum verstärkt auf das US- und UK-Angebot von iTunes auswich. Auch gegen den jüngsten Trend entwickelte sich die Zahl meiner Kinobesuche, die von 16 auf 30 anstieg und sich damit fast verdoppelte. 76 Prozent dieser Kinobesuche waren dabei regulär und keine Pressevorführungen (sieben derer besuchte ich), was sich primär dadurch erklärt, dass nach einem Arbeitsplatzwechsel mein OV-Kino nun quasi auf dem Heimweg liegt.

Nur ins Heimkino schaffte es die herrliche Komödie Popstar: Never Stop Never Stopping.
Aber auch in diesem werden nicht immer alle Filme gezeigt, die insbesondere mein Interesse wecken, sondern eben in der Regel das, was massentauglich ist. Grundsätzlich erfreulich ist dabei sicherlich, dass ein etwas „intellektuellerer“ Film wie Arrival zumindest in meinem kleinen OV-Kino zum ausverkauften Kassenschlager wurde. Aber auch in der Gunst der Nutzer der Internet Movie Database (IMDb) avancierte Denis Villeneuves Sci-Fi-Adaption mit einer Wertung von 8.2/10 zum Spitzenreiter (Stand: 2. Januar 2017). Ebenso überraschend sind die Plätze 2 und 3 in dieser Hinsicht, die mit Lenny Abrahamsons Room (8.2/10) und Tom McCarthys Spotlight (8.1/10) mit ruhigeren Dramen und gewichtigen Missbrauchsthemen bestückt sind.

Naturgemäß sind jedoch die drei bestbewerteten Filme selten diejenigen, die an den Kinokassen die meisten Zuschauer anlockten. Dieses Podest bleibt den bereits oben umrissenen Werken vorbehalten, sodass es wenig überraschen dürfte, dass der internationale Spitzenreiter in dieser Hinsicht ein Franchise-Film ist. Genauer: der überfrachtete Captain America: Civil War, eigentlich weniger der dritte Teil der Captain America-Saga als vielmehr der The Avengers-Reihe. Als Folge spielte er weltweit über 1,1 Milliarden Dollar ein – weitaus mehr als DC-Konkurrent Batman v Superman: Dawn of Justice. Ebenfalls die Milliarden-Dollar-Grenze überschritten Pixars müde Fortsetzung Finding Dory auf Rang 2, dahinter kam dann Disneys Zootopia.

Superhelden- und Franchise-Filme dominierten das Kinojahr 2016.
Die Top Ten der erfolgreichsten Filme des Jahres wird dann von Franchise- und Superhelden-Beiträgen komplettiert. Disney setzte sein starkes Jahr mit der überzeugenden Realfilm-Adaption von The Jungle Book fort, und auch wenn DC mit Batman v Superman und Suicide Squad nicht in Marvelsche Sphären vordringen konnte, erzielte Warner Bros. respektable Ergebnisse. Ganz zu Schweigen von Fox’ Deadpool-Hit, einer R-Rated-Zoten-Komödie, die locker X-Men: Apocalypse desselben Studios hinter sich ließ. Zwar kein The Force Awakens klettert aber auch das nächste Star Wars-Remake Rogue One in den Charts munter nach oben, vorbei am durchschnittlichen Harry Potter-Spin-Off Fantastic Beasts and Where to Find Them von Warner Bros.

Der einzige originäre Beitrag unter diesen Top Ten ist neben Zootopia dabei Universals The Secret Life of Pets, eine tierische Version der Toy Story-Filme. Sowohl in Österreich als auch in Russland, Portugal, Ungarn und Uruguay eroberte der Haustier-Spaß die Jahrescharts. Unterdessen zeigten sich Deutsche und Amerikaner eins und strömten am liebsten in Finding Dory. Genauso wie Argentinier, Australier, Belgier und Südafrikaner. Und während Zootopia in keinem größeren Land den Spitzenplatz einnahm, gelang dies immerhin Ice Age: Collision Course in Südamerikas Chile, wohingegen der fünfte Teil der prähistorischen Sony-Reihe ansonsten weltweit ziemlich auf der Strecke blieb und weniger als die Hälfte seines Vorgängers einnahm.

Jahressieger der deutschen Kino-Charts: die Pixar-Fortsetzung Finding Dory.
Ansonsten regierten die Superhelden, so landete Captain America: Civil War in Brasilien und Mexiko, aber auch in Malaysia und Singapur auf Rang 1, der ging in Bolivien und Kolumbien dafür an Batman v Superman. Rumänen und Ukrainer bevorzugten hier wiederum Suicide Squad und in Kroatien ging in 2016 scheinbar nichts über Deadpool. Davon wollten Schweizer und Griechen nichts wissen, wo man lieber Leonardo DiCaprio beim Leiden in The Revenant zusah. Sehr viel obskurer ging es in den Niederlanden zu, wo Bridget Jones’s Baby das Herz der Masse eroberte – was jedoch nichts ist im Vergleich zu Venezuela, wo es scheinbar innerhalb weniger Wochen Office Christmas Party schaffte, zum absoluten Kassenknaller zu werden.

In Großbritannien begaben sich die Zuschauer auf eine Reise in Rudyard Kiplings indischen Dschungel mit The Jungle Book, andere Länder besonnen sich auf Produktionen, die sich etwas mehr an der eigenen Kultur orientierten. So lachten die Franzosen über Les Tuche 2 und die Italiener über Quo vado?, während in China Stephen Chows Öko-Fantasy-Komödie Mei ren yu (The Mermaid) die Charts eroberte. Dies gelang in Japan dem Anime-Film Kimi no na wa (Your Name), während man sich in Südkorea vor Zug-Zombies gruselte in Busan-haeng (Train to Busan). In Spanien folgte das Volk wieder mal J.A. Bayona – diesmal mit dem phantasievollen A Monster Calls, patriotisch hielten es jedoch auch noch einige andere Nationen.

Beste Serie des Jahres: die 2. Staffel von Marvels Netflix-Produktion Daredevil.
Das Kriegsdrama Dag 2 überzeugte die Menschen in der Türkei, Polen gefiel der nächste Teil der Pitbull-Reihe Niebezpieczne Kobiety. In Dänemark war die Verfilmung von Jussi Adler Olsens Flaskepost fra P (Erlösung) ein Publikumsmagnet, wie auch in den anderen skandinavischen Ländern – Finnland (Risto Räppääjä ja yöhaukka), Norwegen (Kongens nei), Schweden (En man som heter Ove) – nationale Filme die Spitzenreiter waren. Ebenfalls keine Ausnahme machten da Tschechen (Andel Páne 2) und Isländer (Eiðurinn) und zumindest in seinem Produktionsland Neuseeland war der bei Film-Fans ungemein beliebte Hunt for the Wilderpeople unangefochtener Jahressieger. Gewinner fanden sich aber auch hinter Film-Produktionen.

Allen voran dürfen die Entscheider im Hause Disney das Glas heben, die mit dem Mouse House, ihren Marvel-Filmen, Star Wars und Pixar großen Reibach gemacht haben. Jemand, der immer öfter auf der Leinwand auftaucht, war nach Gaspar Noés Love von 2015 dieses Jahr Karl Glusman (Nocturnal Animals, The Neon Demon, Embers) und Isabelle Huppert bewies in gleich drei Filmen (Elle, Valley of Love, L’avenir), dass sie zu den besten Darstellerinnen ihrer Generation gehört. Angesichts der Erfolge ihrer Filme dürfen sich auch Jon Favreau (The Jungle Book) und Ryan Reynolds (Deadpool) auf die Schulter klopfen. Ebenso wie Emmanuel Lubezki (The Revenant) für seinen bereits dritten Kamera-Oscar nacheinander.

Bestes Videospiel des Jahres: der dystopische 2D-Sidescroller Inside von Playdead.
Im Fernsehen kann sich wieder mal HBO über seinen Output nicht beklagen, die Faszination der Zuschauer mit den Serien des Pay-TV-Senders ist ungebrochen, sei es die sechste Staffel von Game of Thrones oder Neuzugang Westworld. Auch Netflix verstärkt seine Bemühungen mit eigenem Material, neben House of Cards und Orange is the New Black unter anderem mit The Get Down und The Crown. Und auch wenn mir die vierte Staffel von SundanceTVs ruhiger Dramaserie Rectify so gut gefiel wie keine der Staffeln zuvor, so geht mein Titel des gefälligsten und unterhaltsamsten Titels in 2016 an die Marvel-Netflix-Produktion der zweiten Staffel von Daredevil mit der tollen Komplettierung um Jon Bernthals Punisher.

Nicht nur das Kinojahr enttäuschte, auch in der Welt der Videospiele gab es wenig Neues und Tolles. So kochte Naughty Dog mit Uncharted 4: A Thief’s End erneut die Vorgängerspiele von Nathan Drake auf, genauso wie Rise of the Tomb Raider lediglich die Pfade des tollen Vorläufers neu betrat. Als echte Reinfälle erwiesen sich No Man’s Sky und der vielgepriesene Firewatch und auch wenn ABZÛ im Grunde nur das Spielerlebnis von Journey unters Wasser verlegte, gehörte es doch zu den wenigen erfreulichen Games des Jahres. Knapp den Sieg sicherte sich in dieser Kategorie jedoch Playdeads reduziertes, aber deswegen nicht minder packendes Inside, ein simpler 2D-Sidescroller über einen kleinen Jungen in einer düsteren Dystopie.

Beste Darsteller des Jahres: Vincent Lindon, Royalty Hightower, Kristen Stewart.
Wie bereits im Vorjahr hatte ich mir erneut die Oscarverleihung gespart – auch, da meine eigene Würdigung von Schauspielleistungen ohnehin mit der Show nicht d’accord geht. Die männliche Darstellerriege macht es einem aber auch Jahr für Jahr nicht leicht, sodass aus Mangel an Alternativen die beste Leistung eines Darstellers von Vincent Lindon für La loi du marché stammt. Schwieriger machen es einem traditionell die Darstellerinnen, wo sich die tolle Kristen Stewart mit durchweg überzeugenden Leistungen von Personal Shopper über Certain Women bis hin zu Café Society und Equals den Titel verdankt. Meine Newcomerin des Jahres ist derweil Royalty Hightower für The Fits, knapp vor Anya Taylor-Joy (The VVitch, Barry).

Ansonsten war 2016 ein Jahr der cineastischen Enttäuschungen. Sowohl Denis Villeneuve mit Arrival als auch Jeff Nichols mit Midnight Special lieferten nach zuletzt starken Filmen plötzlich wahren Murks ab, den ist man von Steven Spielberg zwar schon länger gewöhnt, mit The BFG erreichte der einstige König von Hollywood dennoch einen neuen Tiefpunkt. Wenige Filme vermochten mich zu beeindrucken (geschweige zu begeistern), lobenswerte Vertreter fand ich aber trotzdem. Daher nun ohne weitere Umschweife zu meinen persönlichen zehn liebsten Filmen des Jahres. Eine ausführliche Liste mit Ranking aller 185 Werke gibt es bei Letterboxd, Honorable Mentions sowie meine Flop Ten finden sich wie gewohnt in den Kommentaren:


10. Fuocoammare (Gianfranco Rosi, I/F 2016): Lampedusa gilt als Symbol für das Elend der Flüchtlingskrise – die Insel, die Afrika näher ist als dem ihr zugehörigen Italien und deren Zahl an Flüchtlingen auch schon mal die der Einwohner überstieg. Gianfranco Rosi hält das Drama der ankommenden Flüchtlinge fest, von denen nicht alle lebend die Insel erreichen, zeigt jedoch auch das Leben und den Alltag auf Lampedusa abseits der Flüchtlingskrise. Das Ergebnis ist keine Dokumentation mit Fakten, sondern mit Eindrücken.

9. L’avenir (Mia Hansen-Løve, F/D 2016): Wie Gianfranco Rosi im Frühjahr bei der Berlinale ausgezeichnet, präsentiert Mia Hansen-Løve einen reifen, sehr erwachsenen und rationalen Film über eine Philosophielehrerin um die 50, deren privates Leben im Wandel ist. Trotz verschiedener Umwälzungen wirkt L’avenir fast ereignislos, so ruhig und bedacht inszeniert Hansen-Løve den Film. Der wird im Alleingang getragen von einer wie so oft starken Isabelle Huppert, die gekonnt von überzeugten in verletzliche Momente wechselt.

8. Bakemono no ko (Hosoda Mamoru, J 2015): In seinem jüngsten Film erzählt Hosoda Mamoru wieder mal eine Coming-of-Age-Geschichte, in der sich der Halbwaise Ren in eine Parallelwelt verirrt, wo er im Tiermonster Kumatetsu einen sturen Freund und Vaterersatz findet. Humorvoll und gerade in seinem Schlussakt stellenweise ergreifend liefert Hosoda ein weiteres Meisterstück ab, das sich bei Bedarf auch als schwache Sozial-Allegorie auf die immer häufiger auftretenden Vorfälle von Amokläufen und Anschlägen lesen lässt.

7. Anomalisa (Charlie Kaufman, USA 2015): Einsamkeit, Beziehungen, Liebe und personelle Leere ziehen sich als Thema durch das Œuvre von Charlie Kaufman – das ist auch bei seiner zweiten Regie-Arbeit nach Synecdoche, New York nicht anders. In seinem Stop-Motion-Werk Anomalisa schickt Kaufman einen am Fregoli-Syndrom leidenden Motivationsredner in eine Sinnsuche, während er sich in einem Hotel mal wieder verliebt. Ein düsteres Beziehungsbild mit absurdem Humor – nicht das einzige des Filmjahres.

6. Weiner (Josh Kriegman/Elyse Steinberg, USA 2016): Mit Weiner lieferten Josh Kriegman und Elyse Steinberg so unterhaltsame wie intime Einblicke in das Leben des ehemaligen New Yorker Kongressabgeordneten Anthony Weiner, der 2011 über einen Sexting-Skandal stolperte und sich zwei Jahre später im Big Apple als Bürgermeister zur Wahl stellte. Was als Dokumentation von Weiners Wahlkampf begann, hält in der Folge nicht nur den Verfall von Medien und Qualitätsjournalismus fest, sondern auch den der Person Weiner.

5. The Neon Demon (Nicolas Winding Refn, USA/DK/F 2016): Mit seinem jüngsten filmischen Fiebertraum gelang es Nicolas Winding Refn erneut, das Publikum und Feuilleton gleichermaßen zu spalten. Wie eine träumerische Schein- oder Parallelwelt inszeniert er seine in pinken und blauen Neontönen gehaltene sleazige Horror-Satire auf die Modewelt, als würden Lust und Kälte eine Affäre miteinander eingehen, während der pochend-pulsierende Score von Komponist Cliff Martinez einen The Neon Demon nicht vergessen lässt.

4. Kimi no na wa. (Shinkai Makoto, J 2016): Das Körpertausch-Genre ist nicht mehr ganz so populär wie früher, doch Shinkai Makoto weiß ihm in seinem Kassen-Hit Kimi no na wa. dennoch neues Leben zu verleihen. Zugleich verknüpft der Japaner seine Komödie mit einem tragischen Subplot, der nach der Hälfte der Laufzeit dem zuvor bereits gelungenen Film nochmals qualitativ etwas hinzufügt. Was bleibt ist eine visuell hinreizende, amüsante und bewegende Geschichte, wie sie nur japanische Animes erzählen können.

3. The Lobster (Yorgos Lanthimos, GR/UK/F/NL/IRL 2015): Im wohl fraglos originellsten Film des Jahres hat sich der griechische Auteur Yorgos Lanthimos (Kynodontas) in seiner Zukunfts-Dystopie das Für und Wider von Beziehungen zum Thema gemacht. The Lobster eruiert, welches Verständnis von Partnerschaft das menschliche Denken bestimmt – und dabei gleichzeitig einschränkt. Wie in seinen Vorgängern verpackt Lanthimos seine Sozialmetapher in ein absurd-komisches Gewand. Der perfekte Date-Film.

2. Paterson (Jim Jarmusch, USA/F/D 2016): Mit der Geschichte eines Poesie schreibenden Busfahrers liefert Jim Jarmusch ein weiteres Meisterwerk ab und die gelungenste Komödie des Jahres. Ähnlich wie die jüngeren Werke Terrence Malicks besitzt Jarmuschs Ode an Gewohnheiten durch die quasi inhaltsleeren Bilder einen meditativen Charakter – wenn sich der Zuschauer in diesen einfinden kann. Für Fans des Regisseurs ist Paterson folglich ein Muss und empfehlenswert für Freunde ruhiger, bedachter Charakterporträts.

1. O.J.: Made in America (Ezra Edelman, USA 2016): Ezra Edelman gelingt es auf brillante Weise, nicht nur ein interessantes und spannendes Porträt über den ehemaligen Football-Star O.J. Simpson zu inszenieren, O.J.: Made in America arbeitet zugleich detailliert den Mordfall von Nicole Brown Simpson und das Gerichtsverfahren gegen O.J. auf und sagt im selben Atemzug in seiner Rekapitulation der Rassenunruhen und Analogie zum Leben von O.J. viel über die USA und ihr Verhältnis zu ihrer schwarzen Bevölkerung aus.