6. Februar 2016

Ōkami Kodomo no Ame to Yuki

Pinky promise, promise kept.

Ein Kind ist eine Herausforderung für sich für ein (junges) Elternpaar. Von zwei Kindern ganz zu schweigen. Und wenn dann auch noch der Vater das Bild verlässt, kann die Erziehung des Nachwuchses eine alleinerziehende Mutter schnell an ihre Grenzen bringen. Mit Ōkami Kodomo no Ame to Yuki (in Deutschland als Ame & Yuki – Die Wolfskinder vertrieben) erzählt Regisseur Hosoda Mamoru eine solche Geschichte einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder als Märchen. Ein streckenweise berührendes Schauspiel, dass sich im weiteren Verlauf zu einem Stück über Selbstfindung entwickelt. Selbst wenn Hosoda-san mit dem Film nicht ganz die Klasse seiner Vorgänger Samā Wōzu und vor allem Toki o Kakeru Shōjo erreicht.

Im Fokus der ersten Hälfte von Ōkami Kodomo no Ame to Yuki steht Hana (Aoi Miyazaki), die an der Universität die Bekanntschaft eines jungen Mannes (Takao Osawa) macht, aus der sich eine Liebesbeziehung entwickelt. Auch sein Geständnis, dass er halb Mensch und halb Wolf ist, weiß Hana nicht zu erschüttern. So zieht das junge Paar zusammen und hat alsbald in Yuki und Ame zwei kleine Kinder. Bis deren Vater eines Tages in Wolfsgestalt bei einem Verkehrsunfall stirbt. Mit den Jahren wird Hana nicht nur mit der Erziehung von Yuki und Ame an ihre Grenzen gebracht, sondern auch mit der Befürchtung, ihr Status als Wolfskinder könnte den Kleinen zum Verhängnis werden. Ein Umzug von der Stadt aufs Land soll ihnen Sicherheit bringen.

Dort verfügen Yuki (Momoka Ono) und Ame (Amon Kabe) über genügend Freiraum, um ihre noch unkontrollierte Transformation zwischen Mensch und Wolf ausleben zu können. Und zugleich über einen Bezug zur Natur, der für sie entscheidend sein könnte. Denn wie ihnen Hana bereits in frühen Jahren aufzeigte, müssen die Geschwister im Laufe der Zeit entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen: als Mensch oder als Wolf. Ein Aspekt, der nach einem Zeitsprung im zweiten Teil von Ōkami Kodomo no Ame to Yuki an Bedeutung gewinnt. Während Yuki (Haru Kuroki), einst die Naturverbundenere der beiden, nun den Anschluss in der Schule sucht, orientiert sich der vormals zögerliche Ame (Yukito Nishii) verstärkt in den Wald und ins Tierreich.

In seiner ungewöhnlichen Struktur bietet Hosoda Aspekte für jeden Zuschauer. Von den ganz Kleinen über Heranwachsende bis hin zu ihren Eltern. Nicht wenige von ihnen dürften sich in der Darstellung von Hanas Erziehung wiederfinden. Die ausgelaugte Müdigkeit, wenn man nachts mal wieder aufstehen und schreiende Kinder beruhigen muss. Oder auf diese ein stetes Auge haben, ehe sie die Wohnung in ein Schlachtfeld verwandeln und sich dabei selbst verletzen. Hana meistert ihre Aufgaben mit Bravur, ihr eigenes Wohlbefinden und Leben hinten anstellend. Fortan lebt sie nur noch für ihre Kinder und damit letztlich durch ihre Kinder. Eine so erwachsene wie authentische Darstellung, die man in Animationsfilmen nur selten sieht.

Speziell im dritten Akt rückt Hana dann etwas in den Hintergrund, wenn Yuki und Ame nun im schulpflichtigen Alter sich mehr in die Gesellschaft eingliedern müssen. Was seiner Schwester – wie so vieles – weitaus leichter gelingt, will beim introvertierten Ame weniger gut funktionieren. Er hadert mit der Dualität seiner Herkunft und ist insbesondere irritiert, welchen Platz er für sich finden soll. “Why is the wolf always the bad guy?”, fragt er an einer Stelle seine Mutter, basierend auf dem Rollenbild des Wolfes in menschlichen Erzählungen. Sowohl er als auch Yuki müssen sich im Verlauf der Geschichte für eine Seite ihrer Abstammung entscheiden und sich infolgedessen selbst finden. Was der Film aber nur bedingt hervorhebt.

In das Innenleben der Kinder respektive Jugendlichen erhält der Zuschauer kaum Einblicke. Wieso sich Ame für die Natur und Yuki für die Gesellschaft entscheidet, mag sich durch ihre Extro- und seine Introvertiertheit erklären. Dennoch wäre eine stärkere Auseinandersetzung begrüßenswert gewesen, um den Reifeprozess zu untermauern. Stattdessen inszeniert Hosoda-san im Finale des Films ein Unwetter, das hochdramatisiert, aber nicht unterfüttert wird. Es dient nur dem Zweck, etwas Spannung in zwei verschiedene Settings zu bekommen, wenn Ame plötzlich in den Wald aufbricht, woraufhin ihm Hana folgt. Während sich Yuki gegenüber Mitschüler Sōhei (Takuma Hiraoka) in ähnlicher Weise offenbart, wie ihr Vater einst ihrer Mutter.

Obschon in seiner Umsetzung teils etwas ärgerlich naiv – Ames Flucht in den Wald dient letztlich keiner konkreten Konfliktlösung, sondern beschwört eher einen herauf, während Yuki und Sōhei tatsächlich sinnieren, ob sie den Rest ihres Lebens in der verlassenen Schule bleiben müssen –, gelingt es Hosoda aber auch hier wieder, sein Finale auf einer hochemotionalen Note enden zu lassen (“I'm not crying, these are drops of rain”, sagt Yuki passenderweise). Selbst wenn die Schlussszene, in der Hana schließlich völlig sich selbst überlassen wird, zumindest für mich weniger einen warmen als einen betrübenden Charakter hat. Nun, mit den Kindern, denen sie ihr Leben widmete, aus dem Haus, was bleibt da noch von und für Hana?

Aber so ist eben das Schicksal von Eltern, welche die Schlussszene sicherlich etwas zufriedener einschätzen würden als ein Single wie ich. Und auch wenn Ōkami Kodomo no Ame to Yuki mit zwei Stunden etwas zu langatmig geraten ist und mich der Schlussakt nicht vollends narrativ überzeugen mag, ist die emotionale Stärke des Films – nicht zuletzt dank Takagi Masakatsus stimmiger Musik – gemeinsam mit seinen erwachsenen und zugleich jugendlichen Themen hinreichend genug. Insofern unterstreicht Hosoda Mamoru seine Stellung als legitimer Anime-Nachfolger Japans nach Miyazaki-sans Rente und stimmt hoffnungsvoll für eine diesjährige Veröffentlichung seines eigenen, jüngsten Film-Kindes in den Kinos: Bakemono no ko.

7.5/10

31. Januar 2016

Leaving Las Vegas

Like the kling klang king of the rim ram room.

In wenigen Wochen geht sie wieder los, die Sehnsucht der Stars nach einem Oscar. Allen voran Leonardo DiCaprio lechzt nach fünf erfolglosen Anläufen nach der Goldstatue als Bestätigung seines Schaffens und Status’ – dabei ist der Oscar oft weniger Segen denn Fluch. Was wurde aus Adrien Brody und Roberto Benigni oder aus Halle Berry und Jennifer Hudson nach ihrem Gewinn? Jüngere Zuschauer erinnern sich vermutlich gar nicht einmal daran, dass Nicolas Cage auch zum erlesenen Kreis der Prämierten zählt. Der Schauspieler, der sich heuer primär auf dem DTV-Markt in flachen B-Movies – neben Kollegen wie Hayden Christensen und Veronica Ferres– wiederfindet, reckte die Statue vor rund 20 Jahren für Leaving Las Vegas in die Höhe.

Darin spielt er Ben, einen Drehbuchautor in seinen Dreißigern, der beruflich wie körperlich am Ende angelangt ist – dem Alkohol sei Dank. Frau und Kind haben ihn bereits verlassen, ob Bens Alkoholismus dafür der Auslöser war oder umgekehrt ist der Figur selbst nicht mehr klar. Als er schließlich von seinem Filmstudio gekündigt wird, bildet dies den letzten Anreiz für einen wohl schon länger unterbewusst gefassten Plan: sich ins Jenseits zu trinken. Mit seiner Abfindung im Gepäck macht sich Ben auf nach Las Vegas, wo er auf die Prostituierte Sera (Elisabeth Shue) trifft. Jeder für sich eine gebrochene und vom Leben gebeutelte Seele, entwickeln beide über die nächsten Tage und Wochen eine romantische Beziehung zueinander.

Über die Hintergründe der Figuren verrät Regisseur und Drehbuchautor Mike Figgis (in beiden Kategorien seinerzeit ebenfalls Oscar-nominiert) dem Publikum nicht viel. Die Umstände für Bens Alkoholismus bleiben offen, genauso die für Seras Profession. Dabei schneidet Leaving Las Vegas gerade im Fall von Letzterer bisweilen zu Psychiaterterminen, die von der Figur wahrgenommen werden, in denen sie aber nicht auf ihre Vorgeschichte eingeht. So wandelt Sera Abend für Abend über die Straßen von Vegas und bietet ihren Körper für 30 Minuten à $300 (und $500 im Anschluss daran) an. “I’m an equation most of the time”, erläutert sie ihrem Psychiater, der vermutlich in einer ähnlichen Preisklasse wie die Prostituierte arbeitet.

Die Beziehung zwischen Ben und Sera wird mit kleinen Momenten erklärt. So sehnt er sich weniger nach Sex mit ihr, sondern begnügt sich mit ihrer Gesellschaft. Eine simple Geste, die bei der von ihrem Zuhälter Yuri (Julian Sands) misshandelten Frau emotional viel bewirkt. “The only thing I have to come home to is a bottle of mouthwash to get the taste of cum out of my mouth”, fasst Sera es selbst zusammen. Und gesteht: “I’m tired of being alone. So tired.” Es ist ihre Einsamkeit, die Ben und Sera zusammenführt. Er akzeptiert ihren Beruf und besteht darauf, ihre Miete zu übernehmen, als sie ihn bei sich einquartiert. Und sie wiederum toleriert nicht nur seinen Alkoholismus, sondern schenkt ihm zum Einzug obendrein einen Flachmann.

“It looks like I’m with the right girl“, meint Ben da als Kompliment. Dabei lässt Sera später durchaus durchblicken, dass sie die Hoffnung hegt, ihre Beziehung könnte Ben von seinem Suizidplan abbringen. Doch Ben hat seinen Entschluss bereits gefasst. Figgis lässt beide in seinem etwas unharmonisch wirkenden Schlussakt kurz getrennte Wege gehen und spart hierbei den von Cage sogar ganz aus. Es ist ein etwas unsauberer Abschluss einer Geschichte, die grundsätzlich nie vollends stimmig gerät. Angefangen mit Seras visuell wenig berauschend überblendeten Therapiesitzungen bis hin zu einem müden Subplot mit polnischen Gangstern, die zum Ende des ersten Akts des Films Seras Zuhälter Yuri aus der Handlung befördern.

Sie hatte Ben zuvor auf seinem Weg nach Las Vegas ebenso an einer Tankstelle getroffen wie Yuri in einem Pfandhaus. Zufallsbegegnungen, die völlig irrelevant sind, wie auch Yuri als Figur – er kriegt sowohl gewalttätige wie fürsorgliche Szenen mit Sera – luftleer im Raum hängen bleibt. Hinzu kommen offene Fragen wie die, wie sich Sera einen Psychiater leisten kann. Oder warum Ben mit Ausgaben von $300 pro Tag kalkuliert in vier Wochen zu sterben (inklusive seiner Abfindung und dem Verkauf seiner Uhr und seines Wagens besäße er dann keine $9,000). Weitaus ärgerlicher als die unfertige Figurenzeichnung und das etwas überrumpelnde Ende des Films gerät allerdings die musikalische Untermalung von Leaving Las Vegas.

Figgis, zugleich Komponist seines Films, steuerte zahlreiche Jazz-Stücke zu Bens Geschichte bei. Nur will Jazz als musikalische Begleitung eines Alkoholiker-Zerfalls in Las Vegas nicht wirklich passen und reißt mehr aus dem Geschehen raus als dass es einen in dieses hineinzieht. Gerät zumindest der Soundtrack zuerst erfreulich stimmiger, greift Figgis in der Folge fast ausschließlich auf melancholische Stücke von Sting zurück. Eine ärgerliche Entscheidung, die zumindest akustisch die Unstimmigkeit untermauert, die dem Film auch narrativ an mancher Stelle innewohnt. Zumindest darstellerisch überzeugt Leaving Las Vegas jedoch fast über seine gesamte Laufzeit hinweg dank der Leistung von Nicolas Cage und Elisabeth Shue.

Cage legte jedoch bereits hier wieder verstärkt seine Ticks solcher Filme wie Vampire’s Kiss an den Tag (nach Werken wie Guarding Tess), die er später zu seinem universellen Markenzeichen ausweiten sollte. Dennoch sind die Darbietungen der Hauptdarsteller fraglos das Qualitätsmerkmal eines Films, der inhaltlich nicht immer zu überzeugen weiß. Ungeachtet dessen, dass er seine Momente hat, beispielsweise wenn sich Ben und Sera miteinander verabreden, während im Hintergrund zwei Nonnen versuchen, mit Flyern die Sünder von ihren Vergehen abzubringen. Nach einer kurzen Karriere-Hochphase ist es um Cage nun wieder etwas ruhiger geworden. Aber der Mann braucht auch keinen Oscar, um zu den Stars seiner Zunft zu gehören.

6/10

23. Januar 2016

Speed 2: Cruise Control

Let’s not split hairs.

Ist ein Film erfolgreich genug, entsteht schnell Druck, diesem eine Fortsetzung zu schenken. In der Regel machen es sich diese dann einfach, indem sie sich ziemlich stark an ihrem Vorgänger orientieren und von diesem viel kopieren (siehe Terminator 2: Judgment Day). Dass jemand wie Polizist John McClane immer wieder im Alleingang Terroristen bekämpfen muss, ist dabei ein kaum erwähnenswerter Umstand. Und auch als 1997 mit Speed 2: Cruise Control ein Sequel zu Jan de Bonts Überraschungshit Speed ins Kino kam, erwartete das Publikum ein weiteres Action-Fest mit Tempo. Allerdings war Cruise Control nicht der erwartete Film und wurde schnell abgestraft. Teilweise durchaus berechtigt, aber in der Summe doch zu harsch.

Zuvorderst ist Speed 2: Cruise Control eine Fortsetzung der anderen Art. Größer und spektakulärer will sie sein, aber auch weniger ernst und mehr verspielt. Und “Speed” trägt sie zwar noch im Namen, aber eher als Branding, denn als Inhaltsvorgabe. Dem Film geht es nicht darum, seine Figuren in ein Verkehrsvehikel zu platzieren, dass in steter Beschleunigung durch die Handlung braust. Was nicht bedeutet, dass im Film kein Tempo aufgenommen wird. Allein für seinen fünfminütigen klimatischen Schiffsunfall verwendete de Bont gut ein Viertel seines 110-Millionen-Dollar-Budgets, wenn der Luxusdampfer des Films in einen eigens gebauten Dock mit Gebäuden drum herum rast. Seinerzeit der teuerste Stunt aller Zeiten.

Zugleich die erinnerungswürdigste Action-Szene des Films, während der Rest weitestgehend in Vergessenheit gerät. Eben auch, weil er wenig inspiriert inszeniert wurde. Stieg Speed mit einer Geiselnahme unter Hochspannung ein, verfolgt die Polizistenfigur Alex (Jason Patric) hier nun einen Lieferwagen mit gestohlenen Computern. Erhielt der Zuschauer im Original eine Idee von seinem Protagonisten und der Art seines Handelns, dient die Action-Szene in der Fortsetzung eher einem humorvollen Charaktermoment. Denn ungeplant erfährt Alex’ Freundin Annie (Sandra Bullock) nunmehr, dass er einer Spezialeinheit angehört. Dabei war ihre Beziehung zu Keanu Reeves’ Jack gerade deswegen gescheitert, weil er sich immer in Gefahr begeben hat.

Wie sich zeigt, ist es jedoch Annie, die ein besonderes Faible für gefährlich Situationen hat. Wenn auch der Tatsache geschuldet, dass Reeves an der Fortsetzung kein Interesse hatte, ist der Umstand, Annie zur Hauptfigur zu machen, ein begrüßenswerter. Etwas irritierend – erneut nur dem Humor dienend – ist jedoch, wieso der Film sie eingangs zu einer inkompetenten Fahrerin macht, während sie ihren Führerschein wiederholt. Implizierte doch Speed lediglich, dass Annie gerne mal zu schnell fährt. Aus der Konfrontation der Figuren folgt das Überleiten zur neuen Prämisse: eine Schifffahrt in der Karibik. Auf dieser plant Alex, der wegen Annies Vergangenheit mit Jack wohlweislich seine Jobbeschreibung herunterspielte, einen Heiratsantrag.

Offen bleibt, wie Alex sich mit Polizistengehalt sowohl Verlobungsring als auch den Luxusurlaub leisten kann (er kauft Annie an Bord sogar ein neues Kleid). So wirken er und Annie etwas deplatziert auf dem Schiff, das kurz darauf zum Spielball gerät im Racheplan von Willem Dafoes John Geiger. Ähnlich wie Howard Payne ein verstörter Ex-Angestellter, der jedoch die Passagiere des Schiffs nicht als Geiseln nimmt, sondern es auf Schmuck an Bord abgesehen hat. In der Folge ist Speed 2: Cruise Control weniger ein temporeicher Action-Thriller, sondern mutiert zu einer Art Schiffsdisasterfilm, wie ihn die Zuschauer im Jahr 1997 ein halbes Jahr später in Form von James Camerons Titanic zum Kassenknüller avancieren lassen sollten.

In Szenen wie dieser rudert der Film bewusst in etwas bescheuertere Gewässer (wie zumindest Roger Ebert seinerzeit erkannte), wenn ein Polizist aus Los Angeles sich in der Karibik aufspielt. Hier merkt man dem Skript auch an, dass es ursprünglich für Die Hard With a Vengeance konzipiert wurde (der dann wiederum eine verworfene Lethal Weapon-Fortsetzungsidee übernahm). Derweil chargiert Dafoe mit aufgerissenen Augen seinen überdrehten Geiger, der zeitliche Computereingaben mit “now” eingibt und perfekt besetzt für diese Art von Widersacher ist. Und im Gegensatz zu Speed partizipieren hier mit dem Ersten Offizier Juliano (Temuera Morrison) und Fotograf Dante (Royale Watkins) Nebenfiguren stärker an der Handlung.

Die verfügt zwar über reichlich Actionszenen, wirklich berauschend geraten diese allerdings nicht. Die Rettungsboot-Evakuierung ist beispielsweise nur deswegen interessant, weil Komponist Mark Mancina sie kongenial musikalisch unterlegt. Auch hier gebührt Mancina Lob, dass er nicht einfach nur den Score zu Speed kopierte (wie bei Bad Boys), sondern weitestgehend etwas Neues schuf, das sich der Stimmung und Richtung der Fortsetzung anpasste. Speed 2: Cruise Control versucht viel richtig zu machen, reüssiert dabei jedoch zugegebenermaßen nur bedingt. Eines der Hauptprobleme ist dabei wohl mit auch die Tatsache, dass die Beteiligten nicht wirklich vollends bei der Sache gewesen waren. Und das nahezu durch die Bank hinweg.

So kam Sandra Bullock nur an Bord, weil 20th Century Fox ihr Folgeprojekt Hope Floats absegnete (ihre Gage von elf Millionen Dollar war sicher auch nicht zu verachten). Und Jan de Bont selbst war wenig überzeugt von einer Speed-Fortsetzung – jedoch vertraglich gebunden, eine solche zu inszenieren. Dass der Film in der Folge etwas humorvoller – man könnte auch sagen: trashiger – daherkam, mag dieser Tatsache geschuldet sein. “It should have been a much smaller concept”, blickte de Bont in einem Gespräch mit Hitfix auf das Sequel zurück. Denn in der Tat ist eines der Probleme der Fortsetzung, dass diese etwas außer Kontrolle und schlichtweg zu lang geriet. Genauso, wie sie tonlich nicht vollends harmonisch ausfiel.

Jan de Bont hat Recht, wenn er sagt, dass nicht jede Szene missraten ist. Manche Entscheidung in Speed 2: Cruise Control war begrüßenswert, viel allerdings nicht vollends durchdacht oder ausgereift. Und manches, wie die weitestgehend inhaltliche Abkehr gegenüber dem Vorgänger – auch Reeves verriet, dass ihn das Konzept einer Fortsetzung auf einem Kreuzfahrtschiff nicht überzeugte (siehe Hitfix-Artikel) –, war vielleicht schlicht zu mutig. So ist Speed 2 keineswegs ein würdiger Nachfolger für das Original, aber auch nicht das Desaster, zu dem er gerne gemacht wird. “Hey, it could be worse”, sagt Temuera Morrisons Figur Juliano da gegen Ende fast schon in einer Art Meta-Kommentar. “I’m not sure how exactly, but it could be worse.”

4/10

16. Januar 2016

Speed

Relationships that start under intense circumstances, they never last.

Mit Bussen ist es immer so eine Sache: Entweder sie fahren zu früh oder – weitaus häufiger – sie kommen zu spät. Vielleicht sollte der Busfahrer einfach etwas stärker aufs Gaspedal treten; und sich vorstellen, dass er eine Bombe unter seinen Füßen hat. Wie ein unaufhaltbarer Bus, der den Fuß auf dem Gas hat, schickte sich 1994 auch Jan de Bonts Regiedebüt Speed an. Für moderate Kosten (30 Millionen Dollar) gedreht, avancierte der Action-Thriller seinerzeit zu einem Kassenknüller, der das Zehnfache seiner Kosten einspielte und zum fünfterfolgreichsten Film seines Jahrgangs aufstieg. Dabei entwickelte sich Speed zum von Benzingetriebenen Action-Kracher, mehr als zwei Jahrzehnte vor George Millers überschätztem Mad Max: Fury Road.

Entstanden in einer Zeit, in der Action-Kino noch nicht bierernst war (im selben Jahr starteten True Lies und Beverly Hills Cop III), schanzt zu Beginn Polizistenheld Jack (Keanu Reeves) in die Handlung. Inszeniert in einem visuellen Motiv, dass de Bont in zwei späteren Szenen nochmals wiederholen würde. Ohnehin dient die Auftaktsequenz mit der Fahrstuhl-Geiselnahme dem Einführen verschiedener wiederkehrender Elemente. Vom “pop quiz”-Spruch über die Beziehung von Polizist und Geisel bis hin zur Präsentation von Gegenspieler Howard Payne (Dennis Hopper) mit Indizien zu dessen Identifikation. Wir erleben Reeves’ Jack als wagemutigen Entscheider, der gut von Jeff Daniels als mitdenkender Bombenexperte Harry begleitet wird.

Mit Glück kommen die beiden Helden als auch die Geiseln mit dem Leben davon. “Guts will get you so far, then they’ll get you killed”, gibt Harry nach einer Auszeichnung durch den Bürgermeister später seinem jüngeren Kollegen mit. Erst jetzt beginnt der eigentliche Film mit seiner halsbrecherischen Prämisse, die so spannend da simpel ist. Die Bombe im Bus führt dazu, dass Speed als Film kontinuierlich in Bewegung bleiben muss. Und dabei dennoch die Zeit findet, dem Zuschauer die Figuren näher zu bringen. Allen voran Sandra Bullocks Aushilfs-Busfahrerin Annie, die buchstäblich das Ruder an sich reißen muss, als der eigentliche Fahrer nach einer Auseinandersetzung im Bus angeschossen und schwer verletzt wird.

Nur widerwillig fährt Annie überhaupt mit dem Bus. “I love my car. I miss my car”, verrät sie einer Mitfahrerin seufzend. Auf den Bus ist sie nur deswegen angewiesen, weil sie ihren Führerschein verloren hat. Der Grund: Geschwindigkeitsübertretung. Mit einem Augenzwinkern serviert einem der Film diese Dialoge, die aus der Feder von Joss Whedon stammen, der jedoch keine Nennung als Autor erhalten hat. Für ähnlich humorvolle Auflockerungen stehen Alan Rucks einfallsloser Tourist (“We’re at the airport. I’ve already seen the airport”), ebenfalls von Whedon umgeschrieben, oder Glenn Plummer als “Tune Man”. Dabei ist die Exposition des Busdramas keineswegs fehlerfrei, angefangen mit Annies Platzierung in diesem.

De Bont impliziert eine Freund- oder zumindest Bekanntschaft zwischen Annie und Fahrer Sam (Hawthorne James), die unwahrscheinlich erscheint, wenn Annie meist mit dem Auto fährt. Simpler wäre es gewesen, hätte der Film die Busfahrer-Figuren von Sam und Bob (John Capodice) verschmelzen lassen, sodass es ausschließlich Jack ist, der eine Bekanntschaft mit einem Fahrer hat. Auch sonst macht es sich Speed bisweilen einfach. So wenn Annie einen Kinderwagen überfährt, in dem sich dann jedoch nur Dosen befanden (selbst wenn ein Hollywood-Film wohl kaum so authentisch-düster sein wird, ein Kind als Kollateralschaden zu präsentieren). Oder wenn es um eine der zentralen, aber unnötigen Actionszenen geht: den Freeway Jump.

Kurz vor diesem filmt Jan de Bont eine Luftaufnahme des leerstehenden Freeways, die eine Abbiegung aufzeigt, sodass unklar ist, wieso der Bus überhaupt auf seiner nicht fertiggestellten Spur zu bleiben hat. All das nur, um wie auch im Finale im Fall der U-Bahn das Schanzen-Motiv zu Beginn zu wiederholen. Einfacher und weniger übertrieben wäre es gewesen, direkt zur Flughafenszene überzugehen. Die wiederum fühlte sich für mich schon als Elfjähriger damals im Kino wie das eigentliche Finale an, in dessen Folge die U-Bahn-Sequenz mit der direkten Konfrontation zwischen Jack und Howard als drittes eigenständiges Set Piece beinahe schon etwas langatmig wirkt. Nicht zuletzt daher, weil auch hier erneut die Linie nicht fertiggestellt ist.

In seiner Summe funktioniert Speed jedoch sehr gut, was sich auch Mark Mancinas energetischem Soundtrack verdankt, der quasi zusätzlich aufs Tempo drückt und aus dem der Komponist im Jahr darauf für seine Musik zu Michael Bays Bad Boys viel übernahm. De Bont konzentriert seine Geschichte fast kammerspielartig auf eine sich bewegende Bühne, mit soliden Schauspielleistungen seines weitgehend unpopulären Ensembles. So drehte Bullock zuvor eine humorvolle Nebenrolle in Demolition Man und Reeves kam vom Set von Little Buddha. Während Reeves anschließend in der enttäuschenden William-Gibson-Verfilmung Johnny Mnemonic spielte, geriet Bullocks Romantik-Komödie While You Were Sleeping zum moderaten Erfolg.

Jan de Bont wiederum sollte zwei Jahre später mit dem Katastrophenfilm Twister seinen Höhepunkt erreichen. Auf den zweiterfolgreichsten Film von 1996 folgte schließlich Speed 2: Cruise Control. Die mehr als dreimal so teuere Fortsetzung (110 Millionen Dollar) brachte lediglich Sandra Bullock – und Glenn Plummer – zurück (ihr Gehaltsscheck war nun 18-fach höher als noch 1994), entwickelte sich allerdings zum Box Office Flop, der in den USA nicht mal die Hälfte seines Vorgängers einspielte. Der Misserfolg des Sequels (mit acht Razzie-Nominierungen) konnte jedoch dem Original keinen Schaden zufügen. Speed ist ein würdiger Vertreter des überragenden Action-Kinos der 90er Jahre, das so in der Form leider heute nicht mehr existiert.

7.5/10

3. Januar 2016

Filmjahresrückblick 2015: Die Top Ten

Used properly, cinema is the coolest thing in the world.
(Jacques Audiard)

Besser spät als nie erfolgt nun auch auf diesem kleinen bescheidenen Blog ein Rückblick zum bereits vergangenen Filmjahr. Die Verzögerung war der Tatsache geschuldet, dass 2015 ein ausgesprochen wenig berauschender Jahrgang war, in der Folge suchte ich bis kurz vor knapp nach einigen verbliebenen Perlen – und war zum Abschluss dankenswerter Weise nochmal erfolgreich. Aber es soll beim Filmjahresrückblick nicht nur ein persönliches Fazit mit Bestenliste gezogen werden, sondern auch ein Ausblick auf den internationalen Kinokonsum geben. Die treuen Blogleserinnen und -leser kennen das Spiel ja zur Genüge aus den Vorjahren. Wer es nicht abwarten kann oder will, darf nach unten zur Top Ten scrollen. Der Rest folge mir.

Wer sich erinnert, ich beklagte schon 2014 die zurückgehende Qualität der Kinofilme. Daran hat sich auch in diesem Jahr nichts geändert, eher das Gegenteil. Dass ich dennoch mit 150 Filmen aus 2015 in etwa so viele gesehen hab wie vergangenes Jahr, habe ich oben bereits kurz erklärt. Ursprünglich hätte ich gar nicht (mehr) mit einem derartigen Konsum gerechnet. Meine Kinobesuche sind dabei wieder mal zurückgegangen: von zuletzt 19 auf nur noch 16. Also quasi ein Kinobesuch alle drei Wochen. Auch die Pressevorführungen sind lediglich ein kleiner werdender Anteil an dieser Zahl, sechs Sichtungen verdanken sich diesem Zugang. 135 Filme – zwei mehr als 2014 – basierten unterdessen auf Heimkinosichtungen.

Für Fans von Originalfassungen respektive Synchronisationsablehner wie mich stellen die Mediatheken von Netflix und iTunes dabei eine Bereicherung dar – obschon es natürlich schön wäre, die Möglichkeit zu haben, alle diese Filme auf der großen Leinwand zu sehen. Die ist jedoch meist den Blockbustern vorbehalten, allen voran Star Wars: The Force Awakens, dem Remake-Sequel aus dem Hause Disney. Mit einer Wertung von 8.4/10 (Stand: 3. Januar 2016) stand der Film in der Gunst der Nutzer der Internet Movie Database (IMDb) am höchsten. Auf Platz 2 landete einer der wenigen originell(er)en Blockbuster dieses Jahr: Pixars Inside Out mit einem Wert von 8.3/10. Bronze geht derweil aufgrund einer 8.1/10 an Mad Max: Fury Road.

Weniger eindeutig ist (noch) das Bild bei den erfolgreichsten Filmen des Jahres, da es seit Lord of the Rings Tradition geworden ist, vermeintliche Box Office Giganten kurz vor Weihnachten von der Leine zu lassen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt jedoch, dass sich Star Wars: The Force Awakens im Laufe der nächsten Wochen noch vor Jurassic World auf Platz 1 der weltweiten Kinojahrescharts vorarbeiten wird. Immerhin bricht J.J. Abrams’ jüngste Franchise-Frischzellenkur auch sonst die erst im Sommer aufgestellten Rekorde von Colin Treverrows Jurassic World. Beide Filme eint, ihre Originalfilme nachzuäffen, ohne mit eigenständigen Ideen aufzuwarten. In gewisser Weise ließe sich auch Furious 7 auf Platz 3 Repetition vorwerfen.

Weitere Franchise-Werke folgen auf den nächsten Plätzen: von The Avengers: Age of Ultron über Spectre und Mission: Impossible – Rogue Nation bis hin zu The Hunger Games: Mockingjay – Part II. Umso löblicher, dass mit Ridley Scotts The Martian ein verhältnismäßig verkopfter Sci-Fi-Film in die Top Ten vordringen konnte, die von den Animationsfilmen Inside Out und Minions komplettiert wird. Trotz aller Rekorde setzte sich das neueste Star Wars-Abenteuer dabei (bislang) nur in den USA und Ozeanien an die Spitze der Jahrescharts. Stattdessen regieren international im Grunde die Minions als Despicable Me-Spinoff. Von Argentinien und Chile über Mexiko, Russland, Portugal, Spanien bis Frankreich waren die gelben Tic-Tacs der Hit.

In eigenen Sphären spielte Spectre im 007-Reich von Großbritannien. Aber auch Griechenland, die Schweiz, Kroatien und die Niederlande waren James Bond hörig im vergangenen Jahr. Cineastische Außenseiter finden sich dagegen in Kolumbien (The Hunger Games: Mockingjay – Part II), Rumänien und Finnland (beide Furious 7) sowie Brasilien (Age of Ultron). In Japan trieb wohl der Frozen-Wahn(sinn) aus dem Vorjahr die Menschen in Kenneth Branaghs Cinderella – der dennoch Jurassic World am Ende den Vorzug lassen musste. Das Land der aufgehenden Sonne hat eben eine Tradition mit vor Riesenechsen davonlaufenden Menschen. Die Italiener interessierten sich derweil für Kinderemotionen und schenkten Inside Out ihr Interesse.

In Deutschland gab sich das Volk unterdessen mal wieder patriotisch: Bora Dagtekins Fack Ju Göhte 2 lockte mit 7,6 Millionen Besuchern dabei gut 200.000 mehr Menschen in die Kinos als der Vorgänger zwei Jahre zuvor. Ebenfalls einheimische Ware zogen die Chinesen (Monster Hunt, knapp vor Furious 7), Südkoreaner (Beterang) und Norweger (Bølgen) vor – genauso wie Polen (Listy do M. 2), Dänen (Klovn Forever) und Türken (Dügün Dernek 2), wo wie in Deutschland nationale Sequels das Rennen machten. Knapp am Chartplatz 1 scheiterten letztlich Fifty Shades of Grey in Schweden – En man som heter Ove zog zum Jahresende noch vorbei – und The Last Witch Hunter in Tschechien, wo ebenfalls die Minions aufzutrumpfen vermochten.

Geht es um die Gewinner des Jahres, zählt dazu wohl die Filmindustrie mit gleich fünf Filmen, die 2015 mit Leichtigkeit die Milliarden-Dollar-Marke übersprangen. Lange an der Spitze war Colin Treverrow, der vom Indie-Film Safety Not Guaranteed zum Rekordbrecher avancierte – und zum Dank Star Wars – Episode IX inszenieren darf. Geht es um reine Präsenz, führte dieses Jahr irgendwie wenig an Alicia Vikander, Domhnall Gleeson und Oscar Isaac vorbei – alle drei zudem vereint in Alex Garlands Ex Machina. Weniger Glück hatte Max Landis, der mit American Ultra und Victor Frankenstein auf der Nase landete. Genauso wie Josh Tranks Fantastic Four, Cameron Crowes Aloha, Brad Birds Tomorrowland und Jupiter Ascending der Wachowskis.

Ähnlich wie die Kinolandschaft verlebte auch das Medium Fernsehen ein etwas ruhiges Jahr. Noch im Vorjahr kleine Giganten, bauten die zweiten Staffeln von Fargo (etwas weniger) und True Detective (enorm) ab. Dagegen war Game of Thrones – Season 5, mein erster voller Ausflug nach Westeros, semi-solide – speziell im Vergleich zu den Vorgängerstaffeln. Überraschend positiv fiel das Breaking Bad-Spinoff Better Call Saul aus, der Titel der besten Serie des Jahres geht allerdings an den finalen Abschied von Parks and Recreation, die im 7. Jahr nochmal ein Feuerwerk abbrannte. Nicht nur Kino und TV hadern derzeit, auch der Videospielmarkt. So war das beste Game des Jahres passend mit Uncharted 2 ein PlayStation-4-Remaster.

Nach vielen Jahren hatte ich mir diesmal die Oscars gespart. Nicht zuletzt, da die Gewinner bereits im Vorfeld klar sind und die Veranstaltung längst keine Reize mehr versprüht. Wie so oft drängen sich dieses Jahr nicht gerade männliche Schauspieler auf, die besonderen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Am ehesten wohl noch Peyman Moaadi als renitenter Guantanamo-Insasse in Camp X-Ray an der Seite einer erneut starken Kristen Stewart. Schauspielerin des Jahres ist für mich jedoch Rinko Kikuchi in Kumiko, the Treasure Hunter als Frau auf der Suche nach Reichtum, buchstäblich verspult dank Fargo. Und Arielle Holmes avancierte als den Drogen und der Liebe verfallenes Mädchen in Heaven Knows What zum Newcomer des Jahres.

Ansonsten bleibt, dasselbe Leid wie immer zuletzt zu klagen. Sequels und Franchises dominieren den Markt – was weniger wild wäre, wenn sie zumindest Originalität an den Tag legen würden. So kopieren die beiden erfolgreichsten Filme des Jahres, Star Wars: The Force Awakens und Jurassic World, lediglich ihre Originalfilme, Avengers: Age of Ultron wiederum seinen direkten Vorgänger. Gehyped bis zum geht nicht mehr stellt selbst George Millers Mad Max: Fury Road lediglich eine einzige überlange Actionszene ohne Inhalt dar. Kreativität ist gewagt, da nicht gefragt – so scheint es. Das mussten die Wachowskis mit ihrem Sci-Fi-Mashup Jupiter Ascending ebenso erfahren wie Brad Birds filmischer Appell ans Erfindertum Tomorrowland.

Entsprechend frustrierend war jedenfalls für mich oft der Filmkonsum und das Finden von Beiträgen, die eine exponierte Stellung verdienen. Wehmütig erinnere ich mich da an 2008, wo es ein Vicky Cristina Barcelona mit 8.5/10-Bewertung nicht in die Top Ten schaffte (nebst zwei weiteren Filmen). Da sind die Ansprüche heutzutage sehr viel niedriger. Qualität muss man – zumindest ich – vermehrt abseits in Indie-Nischen oder im asiatischen Kino suchen. Auf lobenswerte Filme stieß ich dennoch, daher nun ohne weitere Umschweife zu meinen persönlichen zehn liebsten Filmen des Jahres. Eine ausführliche Liste mit Ranking aller 150 Werke gibt es bei Letterboxd, Runner Ups sowie meine Flop Ten finden sich wie gewohnt in den Kommentaren:


10. Beyond the Lights (Gina Prince-Bythewood, USA 2014): Der Film zum Filmjahr 2015 quasi, zeigt uns Gina Prince-Bythewood doch eine Welt, in der es Produkte zu vermarkten und Originalität klein zu halten gilt, wenn Pop-Sternchen Noni (wunderbar gespielt von Gugu Mbatha-Raw) in Beyond the Lights unter der Künstlichkeit ihrer Branche zu zerbrechen droht. Der Auftakt für eine zarte Romanze zwischen ihr und Nate Parkers sympathischem Politik-affinen Polizisten Kaz. Bodyguard trifft auf eine Meta-Pop-Reality.

9. Omoide no Mânî (Yonebayashi Hiromasa, J 2014): Den Wert von etwas weiß man dann zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist. Im Fall von Studio Ghibli kannte man ihn seit jeher. Im Zuge von Miyazaki-sans Rente zieht sich auch Ghibli erstmal zurück – und feuert mit Omoide no Mȃnî nochmal aus allen Rohren. In dem visuell wie narrativ schönsten Animationsfilm des Jahres muss die Hauptfigur ihre Selbstzweifel überwinden, um wieder zu sich selbst zu finden (“I’ll be fine on the outside”, singt Priscilla Ahn da am Ende.

8. Maggie (Henry Hobson, USA 2015): Wer aus der Masse herausragen will, muss anders als die Masse sein – gerade bei Genrefilmen. Wie es richtig geht, bewies Henry Hobson in Maggie, ein zurückgenommenes, fast schon privates Zombie-Drama. In diesem fängt Arnold Schwarzenegger auf seine alten Tage noch das Schauspielen an, wenn er sich mit der Infektion seiner von Abigail Breslin kongenial gespielten Tochter abfinden muss. Das Ergebnis ist außergewöhnlich und der wohl meist unterschätzte Film des Jahres.

7. Sicario (Denis Villeneuve, USA 2015): Die Summe, die von den USA jedes Jahr in den Kampf gegen Drogen gepumpt wird, entspricht in etwa dem Umsatz der Kartelle. Ein vermeintlich aussichtsloser Kampf, weshalb sich Emily Blunts FBI-Agentin in Denis Villeneuves atmosphärisch-dichtem Thriller Sicario auf eine so riskante wie ungewisse Allianz einlässt. Eine angespannte Situation folgt – für die Hauptfigur wie den Zuschauer. Auch dank dem heimlichen Star des Films: der Musik von Komponist Jóhann Jóhannsson.

6. Amy (Asif Kapadia, UK/USA 2015): Irgendwie hatte man es kommen sehen, bis es dann wirklich passierte – der Eintritt von Amy Winehouse in den Club 27. Nach drei Jahren Auf und Ab mit Drogen- und Beziehungsproblemen sowie vieler abgesagter Konzerte. Ein Leben und eine Karriere, der sich Regisseur Asif Kapadia wie im brillantem Senna mittels Archiv- und Privataufnahmen widmet. Amy bietet intime Einblicke ins Leben einer Frau, die geschaffen war für die Musik, aber nicht für den resultierenden Erfolg.

5. Fort Tilden (Sarah-Violet Bliss/Charles Rogers, USA 2014): Eigentlich wollen Bridey Elliot and Claire McNulty lediglich einen Tag am Strand verbringen – und vielleicht dabei einen heißen Kerl abschleppen. Doch ihr Rad-Ausflug gerät in der Folge vom Regen in die Traufe, während die Freundschaft der beiden Frauen strapaziert wird. Was dramatisch klingt, ist die wohl lustigste Komödie des Jahres – mit dem besten Soundtrack –, wenn Sarah-Violet Bliss und Charles Rogers in Fort Tilden der Generation Y ein Denkmal setzen.

4. The Look of Silence (Joshua Oppenheimer, USA/UK/RI u.a. 2014): Nochmals widmet sich Joshua Oppenheimer nach The Act of Killing dem Massenmord an Kommunisten im Indonesien der Jahre 1965/1966 – nur macht er dieses Mal richtig, was er seinerzeit falsch machte. Der Bruder eines damals Ermordeten konfrontiert die Täter von einst mit ihren Gräueltaten, im Bestreben, weniger eine Entschuldigung zu erhalten als Einsicht zu erzeugen. The Look of Silence ist ein beklemmender Ausflug in die menschliche Psyche.

3. Mistress America (Noah Baumbach, USA 2015): Geht es um feingeschliffene und pointierte Dialoge, macht Noah Baumbach niemand etwas vor. Ebenso wenig darin, sich in die Welt von Menschen zu versetzen, die um die 30 sind – und auf dem Weg vom einst erhofften hin zum realen Lebensentwurf. Mistress America ist dabei Baumbachs Meisterstück Frances Ha eine Spur weitergedacht, wenn Lola Kirke das Dilemma von Greta Gerwigs zu Scheitern drohendem Restaurant für das eigene literarische Profil ausnutzt.

2. Tu dors Nicole (Stéphane Lafleur, CDN 2014): Ähnlich wie die Damen in Fort Tilden hat sich auch die bezaubernde Julianne Côté ihren Sommer etwas anders vorgestellt, als sie nach ihrem Studium eigentlich nur die Ruhe des verlassenen Elternhauses genießen will. Stéphane Lafleur skizziert in Tu dors Nicole das Porträt einer planlosen jungen Frau, die im Gegensatz zu ihrer unmittelbaren Umwelt noch keine Zielrichtung für ihr Leben entdeckt hat, als pointierte Repräsentation einer ganzen Generation im Wartestand.

1. Umimachi Diary (Koreeda Hirokazu, J 2015): Authentischer als in Umimachi Diary lässt sich das Leben wohl kaum auf die Leinwand bannen. Koreeda-san untermauert mit seiner Manga-Adaption seinen Ruf als filmgeistiger Nachfolger von Ozu Yasujirō, wenn er einen Haushalt von vier Schwestern und ihr Zusammenleben über mehr als ein Jahr lang begleitet. Das Ergebnis ist dann ein weiteres (be-)ruhig(end)es Meisterstück von Koreeda, so lebendig und wunderschön wie eine Allee voller Kirschblütenbäume.

25. Dezember 2015

Magic Mike XXL

It’s not bro time. It’s show time.

Fleischbeschau kennt man in der Regel ja nur mit Frauen als Objekten, etwas ungewöhnlich war da, dass Steven Soderbergh 2012 eine Stripper-Komödie rund um Channing Tatum ankündigte. Magic Mike avancierte zum moderaten Erfolg, der wie so oft Gerüchte um eine Fortsetzung nach sich zog. Die erschien nun dieses Jahr in den Kinos – wenn auch relativ wenig beachtet. Zumindest in Nordamerika, wo Magic Mike XXL nur etwa die Hälfte seines Vorgängers einspielte. Bei den Kritikern fand die Fortsetzung dafür erneuten Anklang, obschon es in dem Film, bei dem nunmehr Gregory Jacobs Regie führte, nicht mehr allzu viel gibt, was wirklich eindrucksvoll gerät. Allen voran die Handlung – oder besser gesagt: die Abwesenheit einer solchen.

Ging es in Magic Mike um eine Katharsis der Hauptfigur, muss diese nun für eine Weiterführung der vorangegangenen Prämisse wieder ignoriert werden. So ist Mikes (Channing Tatum) Beziehung zu seiner Freundin Brooke in die Brüche gegangen – in einem müden Halbsatz erklärt – und auch sein Möbelunternehmen schlittert dem Abgrund entgegen. Da passt es, dass seine alten Stripper-Kollegen um Big Dick Richie (Joe Manganiello), Tarzan (Kevin Nash), Tito (Adam Rodríguez) und Ken (Matt Bomer) auf dem Weg nach Myrtle Beach zu einer Stripper Convention sind. Club-Besitzer Dallas ist mit Protegé Adam nach Macau abgehauen, weshalb auch sie ihrer Profession Adieu sagen wollen. Aber nicht vor einem letzten gemeinsamen Hurra.

In der Folge beschränkt sich Magic Mike XXL darauf, ein Road Movie sein zu wollen, in dem die Figuren und ihre Beziehung zueinander das Fehlen einer Geschichte übertünchen sollen. Was mal mehr und mal weniger funktioniert, aber grundsätzlich bereits am prinzipiellen Rezept dieses Films scheitert. Das Loslösen von entscheidenden Figuren des Vorgängerfilms geschieht dabei reichlich lieblos, indem sowohl Brooke (Cody Horn) als auch Dallas (Matthew McConaughey) lediglich mit einem Satz verabschiedet werden. Zumindest eint sie, dass sie beide Dinge wollten, die sie in Mike nicht (mehr) fanden. Und weil Mikes Geschäft aus unerklärten Gründen ohnehin schon schlecht läuft, kann auch dieses ruhigen Gewissens sich selbst überlassen werden.

Das Strippen und die Freundschaft zu den Kollegen bereitet Mike einfach zu viel Spaß. So die Botschaft, die der Film ans Publikum übertragen will. Nur kriegt das Publikum von der Freundschaft der Männer selbst wenig mit. Etwaige plötzlich existierenden Animositäten zwischen Mike und Ken werden bei – oder eher: nach – einem Alkoholgeschwängerten Lagerfeuer-Abend aus der Welt geräumt, Tito kriegt nicht mal einen Subplot und Tobias (Gabriel Iglesias) wird alsbald aus dem Film geschrieben. Tarzan darf immerhin in einer Szene erwähnen, dass er Kriegsveteran ist. Etwas, dass auch Mike nicht wusste; da es aber auch nicht weiter thematisiert wird, ist es ohnehin so unerheblich wie eigentlich alles, was in Magic Mike XXL geschieht.

Außer Mike kriegt nur Big Dick Richie etwas Luft zum Atmen – darunter in der Highlight-Szene des Films, wenn er zu den Backstreet Boys versucht, eine Tankstellenangestellte zum Lächeln zu strippen –, letztlich bleibt er wie alle anderen aber erneut im Schatten von Mike selbst. Der darf mit Amber Heards Fotografin Zoe flirten, die immer dann auftaucht, wenn sie der Film gebrauchen kann. Im Vergleich zu Cody Horns Brooke ist aber auch sie nur eine eindimensionale Figur als Staffage eines Films, der sich schlussendlich zum Selbstzweck gereicht. Ging es in Magic Mike noch um Figuren und darum, wie ihre Wünsche und ihr Alltag miteinander kollidierten, geht es in Magic Mike XXL um gar nichts. Allenfalls um den Spaß am Strippen.

Vielleicht scheitert deswegen der Versuch, so etwas wie eine Handlung zu installieren, die so halbgar ist, wie die neuen Figuren, die in sie geworfen werden. Elizabeth Banks als Convention Promoterin und Andie MacDowell als sexuell vernachlässigte Mutter sind verschenkt, Jada Pinkett-Smith als weibliches Dallas-Pendant und Donald Glover als Poetry-Slam-Stripper nur schwer erträglich. Selbst das Strippen verliert irgendwann seinen Reiz, wenn Gregory Jacobs ein halbstündiges Finale vom Stapel lässt, dass bis auf Mikes Tanzeinlage (wen wundert’s?) reichlich einfallslos choreografiert ist und auf Dauer ermüdend gerät. Und irgendwie kann man sich dann doch denken, wieso Brooke und Dallas dem Ganzen längst den Rücken gekehrt haben.

5.5/10

18. Dezember 2015

Tu dors Nicole

Bon retour.

Die Dinge waren auch schon einfacher – das merken auch die Charaktere in Stéphane Lafleurs Tu dors Nicole. Egal ob es um Minigolf, Babysitten oder das erste Auto geht. “Everything’s under control”, behauptet Hauptfigur Nicole (bezaubernd: Julianne Côté) da anfangs zwar, als ihre urlaubenden Eltern telefonisch nach dem rechten sehen. Wie sich zeigt, ist jedoch wenig in Nicoles Leben unter Kontrolle. Vielmehr befindet sich die junge Frau plan- und orientierungslos im Leerlauf. Was Lafleurs Film – nicht zuletzt deswegen, weil er in Schwarzweiß gedreht wurde – wie eine frankokanadisches Prequel zu Noah Baumbachs brillantem Frances Ha wirken lässt. Denn zwischen dessen Protagonistin und der von Tu dors Nicole existieren einige Parallelen.

Die Geschichte spielt während der Sommerferien. Nicoles Eltern sind verreist und ihre beste Freundin Véronique (Catherine St-Laurent) soll ihr einige Tage in dem leerstehenden Haus Gesellschaft leisten. Bis plötzlich Nicoles großer Bruder Rémi (Marc-André Grondin) mit seiner Band im Wohnzimmer steht, um dort ihr Album aufzunehmen. Im Gepäck dabei – mal wieder – einen neuen Schlagzeuger: den ruhigen JF (Francis La Haye). Während sich Nicole und Véronique durch die warmen Tage hangeln, gilt es zugleich den Avancen des jungen Martin (Godefroy Reding) aus dem Weg zu gehen, den Nicole früher als Babysitterin beaufsichtigte. Obendrein kommt dann noch hinzu, dass Nicole seit längerer Zeit nachts nicht mehr richtig schlafen kann.

Ähnlich wie Greta Gerwig in Frances Ha wirkt Nicole etwas verloren. Der Ex-Freund, einst ein Kiffer, ist nun verlobt. Véronique wiederum hat es in eine eigene kleine Wohnung geschafft und geht einer Arbeit nach. Nicole selbst lebt in den Tag hinein und arbeitet ein paar Stunden in einem Second Hand Shop, dessen Angestellte zum Großteil Menschen mit Handicap sind. Dort steckt sie hin und wieder Kleidungsstücke ein, die sie dann an Véronique weitergibt. Ein Lächeln zaubert derzeit nur ihre neu eingetroffene Kreditkarte auf ihre Lippen. Mit ihr buchen die Mädchen später auch eine Reise nach Island. Was sie in Island machen wollen, fragt sie JF daraufhin. “Nothing somewhere else”, lautet Nicoles so simple wie akkurate Antwort.

“Life… goes by fast”, hat zuvor bereits der zehnjährige Martin in einem Anflug von Ferris Bueller’s Day Off philosophiert, nachdem Nicole und Véronique feststellten, dass ihre bisherigen Fluchtpunkte vor dem Alltag inzwischen längst nicht mehr so viel Spaß machen wie früher. So ist für Nicole nur das wirklich interessant, was neu ist. Egal ob dies JF ist oder ein Familienvater, dem sie bei einem nächtlichen Spaziergang begegnet. “Are you lost?”, fragt sie diesen, da er mit seinem Auto immer wieder um den Block fährt. Er versuche lediglich seinen Sohn zum Einschlafen zu bringen, erklärt dieser. Nicht nur zu dem kleinen Knirps zeichnet sich eine Parallele zu Nicole ab; eigentlich ist es sie, die verloren im Kreis ihres Lebens fährt.

Nicht die einzige Spiegelung. So ist Véroniques Auto Ladybug mal wieder in der Werkstatt. “I can’t just abandon her”, erklärt sie – und könnte damit genauso gut über Nicole reden. Umso bezeichnender, dass dieses Gespräch in einer Szene stattfindet, in der beide Mädchen ziellos ihre Fahrräder über eine Wiese schieben, weil jede von ihnen der anderen folgte. “When the heat and pressure builds up it finally blows”, beschreibt Nicoles Ex-Freund Tommy ihr bei einer späteren Begegnung die Geysire Islands. Auch diese selbst repräsentieren letztlich die junge Frau Anfang 20, deren Sommer einen ganz anderen Verlauf nimmt, als von ihr erhofft. Was ist mit einem Leben anzufangen, das selbst von Zehnjährigen und Kiffern abgehängt wird?

Insofern funktioniert Tu dors Nicole zum einen als Porträt einer planlosen jungen Frau, die noch keine Zielrichtung für ihr Leben entdeckt hat. Zum anderen auch schlicht als Film über einen etwas langweiligen Sommer, wie ihn wohl die meisten schon einmal erlebt haben. Locker und leicht mit sehr feinsinnigem Humor ausgestattet gelang Stéphane Lafleur ein Werk, das mit jeder Sichtung runder wirkt und dessen Nuancen man mehr zu schätzen weiß. Heimlicher Star neben der hinreißenden Julianne Côté ist dabei der altkluge Martin, der dank vorzeitigem Stimmbruch glaubt, bei der doppelt so alten Nicole eine Chance zu haben. “The heart has no age”, schwadroniert der Knabe, der von einem Erwachsenen nachsynchronisiert wurde.

Zum Vorteil gereicht dem Film dabei auch der Entschluss, in Schwarzweiß zu drehen. Vielleicht zum einen als Sinnbild von Nicoles grau-tristem Alltag, vielleicht um bewusst die Nähe zum Arthouse-Kino und seinen Vertretern wie Frances Ha oder Alonso Ruizpalacios’ Güeros zu suchen. In Kombination mit Sara Misharas überzeugender Kameraarbeit und unterstützt von einem harmonischen Soundtrack, der sich zwischen Electro und Rock bewegt, kommt zumindest die technische Aufmachung von Tu dors Nicole tadellos daher. Auch das Darstellerensemble um die starke Julianne Côté und den charmanten Godefroy Reding gibt sich keine Blöße. Stéphane Lafleurs Film ist insofern also eine durchweg runde Sache geworden – très bien.

Die besondere Qualität von Tu dors Nicole ist allerdings seine Hauptfigur, die trotz ihrer teils etwas schroffen Art aufgrund ihrer Verlorenheit ungemein sympathisch wirkt. Sei es, wenn sie sich zu Beginn von einem One-Night-Stand wegschleicht oder in einem Running Gag verstärkt Probleme hat, ihr Fahrradschloss zu öffnen. Côtés Nicole wirkt aufrichtig und lebendig, eine dreidimensionale Repräsentantin einer ganzen Generation im Wartestand. Wer zu dieser Generation gehört oder an Filmen wie Frances Ha und Mistress America bereits Gefallen gefunden hat, ist hier bestens aufgehoben. “This was fun”, sagt Nicole zu ihrem One Night Stand und lässt unklar, ob sie es aufrichtig meint. In Bezug auf Tu dors Nicole bestehen da keine Zweifel.

7.5/10

12. Dezember 2015

Best of Enemies

Argument is sugar and the rest of us are flies.

Freunde hält man sich nah, Feinde näher – das wusste bereits der chinesische Militärstratege Sūnzǐ. Eine etwas andere Motivation hatten im Jahr 1968 die Herren William F. Buckley und Gore Vidal, die einander verabscheuten und dennoch gemeinsam vors Fernsehen traten. In zehn Debatten sollten sie für den Sender ABC die Nationalversammlungen der Republikaner und Demokraten analysieren. Auf der einen Seite der konservative Buckley, auf der anderen Seite der liberale Vidal. Die Debatten avancierten zum Ereignis, dass das Fernsehen revolutionieren sollte. In Best of Enemies rekapitulieren die Regisseure Robert Gordon und Morgan Neville die Umstände, Hintergründe und Folgen der Buckley-Vidal-Debatten.

Die waren eher aus der Not geboren. Denn mit den Nachrichtenformaten der Konkurrenten NBC und CBS konnte ABC nicht mithalten. “ABC was the third of the three networks”, sagt Richard Wald, ehemaliger Präsident von NBC News. “Would have been fourth, but there were only three.” Über den Ruf des Senders wurden sogar Witze gemacht. Wie lasse sich der Vietnam-Krieg beenden? Man strahlt ihn auf ABC aus und er wird nach drei Monaten eingestellt. Als es um die Nationalversammlungen des Jahres 1968 ging, brauchte es ein provokantes Medienexperiment, um gegen die Konkurrenz um Walter Cronkite bestehen zu können. “A shot in the dark” nennt Wald die ABC-Debatten rückblickend. Und gesteht: “It changed television. Forever.”

Geht es nach Best of Enemies lag dies weniger am Politdiskurs zwischen beiden Männern über die Kandidaten der Nationalversammlungen als am Diskurs über sich selbst. “Their debate was about lifestyles”, so einer der Talking Heads. “What kind of people should be we?” Der Schriftsteller und Drehbuchautor Vidal wollte Buckley im Fernsehen bloßstellen, Buckley sah im flamboyanten Vidal wiederum den Teufel. “Everything that was going to moral hell“, wie Vidal-Biograf Fred Kaplan sagt. Jeder dachte vom anderen, dass er sehr gefährlich sei, so der Autor Christopher Hitchens. Entsprechend ging es für die beiden Intellektuellen darum, ihr Gegenüber zu demaskieren. Etwas, dass geradezu nach einer möglichen TV-Kontroverse schrie.

“Networks – did they deal in controversy? No”, erklärt Richard Wald. “Did they invite controversy? No.” Und dennoch schalteten im Verlaufe der ABC-Übertragungen laut NY Times-Journalistin Ginia Bellafonte acht von zehn Amerikaner die Berichterstattung zur Republikaner-Convention in Miami ein. Die Einschaltquote von ABC stieg – und sollte andere Debattennachahmer später begünstigen. Für Buckley und Vidal ging es derweil weniger darum, ob Nixon oder Humphrey der kommende Präsident der Vereinigten Staaten würden. Es ging um Egos und Idealismus. Den in der Dokumentation ausgewählten Ausschnitten zufolge bearbeiteten sie sich Runde für Runde wie Boxer mit Worten statt Schlägen. Jeder auf seine Chance wartend.

Die Herangehensweise ist unterschiedlich, wo Vidal immer wieder die Deckung herunternimmt und Buckley lockt, gibt sich dieser zurückhaltender, vorsichtiger. Der Austausch der beiden ist bisweilen fraglos unterhaltsam, was inhaltlich unterfüttert wird mit den biografischen Hintergründen von Biografen wie Kaplan (Vidal) oder Sam Tanenhaus (Buckley). Best of Enemies steuert dabei gezielt auf jene berüchtigte neunte Debatte hin, während deren Auswirkungen und konkret die letzte Debatte etwas unter den Tisch fallen. Auch die Folgen für die Fernsehlandschaft als direkte Folge der ABC-Berichterstattung hätten die beiden Regisseure noch etwas stärker in den Mittelpunkt rücken können, anstatt dies nur am Rande anzusprechen.

Es wäre ebenso interessant gewesen, ein paar tatsächliche Einschätzungen von Buckley und Vidal zur Situation der USA von 1968 zu erhalten. Hier und da spricht Vidal zwar Punkte Buckleys an, dennoch fokussiert sich die Dokumentation zuvorderst auf die Animositäten zwischen den beiden. So wird Best of Enemies eher von seinen Charakteren als seiner medienpolitischen Bedeutung bestimmt, wobei das Thema durchaus noch etwas ausdehnbarer gewesen wäre, wie Clips von Personen wie Jon Stewart und Bill O’Reilly am Schluss zeigen. Aber auch in seiner finalen Form ist Best of Enemies ein über weite Strecken aufschlussreicher und amüsanter Einblick in eine vier Jahrzehnte zurückliegende Polit-, Kultur- und Medienlandschaft.

7/10

6. Dezember 2015

Mistress America

Five feet to the left and unhappy.

Wenn etwas die Figuren von Noah Baumbachs Filmografie eint, dann ihr Status als Außenstehende am Rande der Gesellschaft. Beobachter des Lebens, Zuschauer des Alltags. Ob in Kicking and Screaming, Greenberg, Frances Ha oder While We’re Young – überall finden sich Charaktere, die ihren Platz in der Welt suchen. Und damit in gewisser Weise auch sich selbst. Figuren, die etwas verloren wirken. Überwältigt von den Möglichkeiten und den daraus resultierenden Erwartungen an sich selbst. Da macht Baumbachs jüngster Film, Mistress America, den er mit seiner Hauptdarstellerin und Freundin Greta Gerwig geschrieben hat, keine Ausnahme. Denn auch er wird bestimmt von solchen Themen wie Unsicherheit und Selbstfindung.

Frisch an die Universität nach New York gewechselt, misslingt der Literaturstudentin Tracy (Lola Kirke) der Anschluss. Ihre Mutter ermutigt sie, sich bei ihrer designierten Stiefschwester Brooke (Greta Gerwig) zu melden. Die lebensfrohe Fitnesstrainerin, die derzeit plant, ein innovatives Restaurant zu eröffnen, hat es Tracy sofort angetan. Als Brooke jedoch ihr Lebensstil in die Parade fährt und ihr die Finanzierung ihres Lebensprojekts abhanden kommt, muss sie sich auf einen Road Trip in die Vergangenheit begeben. Begleitet wird sie dabei von Tracy, die die Situation als Vorlage einer Kurzgeschichte nutzt, sowie von Tracys Kommilitonen Tony (Matthew Shear) und seiner eifersüchtigen Freundin Nicolette (Jasmine Cephas Jones).

Der Einstieg in Mistress America gerät dabei etwas holpriger als der zu Frances Ha. Ein Zugang zu Tracy fällt schwer, ihr Außenseiterstatus wird mehr durch Bilder als Szenen kommuniziert. So isst sie beispielsweise in der Unimensa zu Pizza noch Cheerios. Auch Gerwigs Brooke ist anfangs eine zwiespältige Figur. Enorm von sich selbst vereinnahmt muss der Zuschauer sich ihrem Charakter gegenüber erst erwärmen. Zugleich ist nachvollziehbar, wieso die verloren wirkende Tracy sogleich von Brookes Lebensstil beeindruckt ist. “I could only agree with her”, läutet sie den Film ein. “It was too much fun to agree with her.” Hat man sich jedoch erstmal in die Geschichte eingefunden, läuft diese rund wie ein Schweizer Uhrwerk.

Schnell zeigt sich, dass der Film weniger Tracy als Brookes Geschichte erzählt. Wie bereits Frances in Frances Ha will Brooke etwas Eigenes für sich auf die Beine stellen. “I’ve spent my whole life chasing after things and knocking at doors”, erklärt sie. “I’m tired of running towards people. I want to be the place that people come to.” Dumm nur, dass ihr Lebensgefährte ihr die finanzielle Unterstützung entzieht, nachdem er sieht, dass sie fremdgegangen ist. Nun bleibt Brooke nur ihre Nemesis Mamie-Claire (Heather Lind) um Hilfe zu bitten, nachdem diese ihr einst nicht nur eine Geschäftsidee, sondern auch Freund Dylan (Michael Chernus) ausgespannt hat. “She was the last cowboy”, schwärmt Tracy. “All romance and failure.”

Gerade im zweiten Akt läuft Mistress America zur Höchstform auf, wenn die verschiedenen Lebensentwürfe von Tracy, Tony und Nicolette mit denen von Brooke, Mamie-Claire und Dylan kontrastiert werden. Mit unbekümmertem Unverständnis begegnet die 30-jährige Brooke da den Eifersüchteleien von Nicolette. “There’s no cheating when you’re 18”, klärt sie die Jugendliche auf. “You should all be touching each other all the time.” Für die jungen Leute sind die Älteren zugleich abschreckendes Beispiel und potentielles Spiegelbild einer zehn Jahre entfernten Zukunft. Die hat sich selbst in besonders guter Erinnerung. “I saw Nirvana live”, erklärt Dylan an einer Stelle stolz. Und ergänzt später: “I was the people, people make television shows about.”

Baumbach skizziert eine Welt, in der jeder den Fokus zuerst auf sich selbst richtet. So pflegt Brooke ihre sozialen Netzwerke, um sich selbst anzupreisen und zu bewerben. Welche Ironie, dass ihr Freund gerade dadurch im Ausland mitbekommt, dass sie mit einem anderen rumgemacht hat. Und als ihr eine ehemalige Schulkameradin in einem Bistro vorhält, Brooke hätte sie früher gemobbt, tut diese das als Nichtigkeit ab. “Everyone’s an asshole in high school.” Auch Tracy hat weniger Altruismus als vielmehr Material für ihre Geschichte im Kopf. Schließlich will sie in einen elitären Kreis eines Literaturclubs ihrer Universität aufgenommen werden. In Mistress America gilt über weite Strecken das Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste.

“You can’t really know what it is to want things until you’re at least 30. And then with each passing year it gets bigger because the want is more and the possibility is less. Like how each passing year of your life seems faster because it’s a smaller portion of your total life. Like that. But in reverse.”

Am meisten zeigt sich diese Haltung bei Tracy, die ihre Umwelt mehr und mehr ihren Plänen unterwirft. “You used to be so nice”, hält ihr Tony in einer Szene vor. “I’m just the same in another direction now”, entgegnet die ihm. Womöglich färbte auf sie nur das Verhalten ihrer baldigen angeheirateten Schwester ab, und der Wunsch, von der Zuschauerin zur Teilnehmerin zu avancieren. Immerhin bemüht sich Tracy durchaus, den wahnwitzigen Projektwunsch von Brooke, ein Restaurant mit einem Friseursalon und einem Stadtteilzentrum zu kreuzen, am Leben zu erhalten. Nichts so sehr als Basis für ihre Geschichte als aus Zuneigung zu Brooke. Denn selbst wenn sie diese in gewisser Weise als Versagerin sieht, blickt sie aber auch zu ihr auf.

Etwas unrund gerät wiederum der Schluss, der sich zurück auf das Level der ersten 20 Minuten einpendelt. Gut möglich, dass sich diese Kritikpunkte bei Wiederholungssichtungen jedoch auflösen. Ungeachtet dessen vermag Mistress America aber trotz seines Screwball-Charakters mit seinem spritzigen Humor und zahlreichen genüsslichen Dialog- und Monologzeilen nicht ganz so gelungen den Zeitgeist einzufangen wie Frances Ha vor ihm. Dessen Charaktere wirkten zugleich etwas dreidimensionaler als hier der Fall, wo sie bisweilen prosaisch daher kommen. Als Schwesternfilm zu Frances Ha und While We’re Young funktioniert Mistress America aber durchaus vorzüglich, genauso wie als einer der besten Einträge des Filmjahres 2015.

7.5/10

1. Dezember 2015

Filmtagebuch: November 2015

APPROACHING THE ELEPHANT
(USA 2014, Amanda Wilder)
6.5/10

BEST OF ENEMIES
(USA 2015, Robert Gordon/Morgan Neville)
7/10

BIG EYES
(USA/CDN 2014, Tim Burton)
4/10

THE END OF THE TOUR
(USA 2015, James Ponsoldt)
6/10

FRIDAY THE 13TH [FREITAG DER 13.]
(USA 2009, Marcus Nispel)

2.5/10

GAME OF THRONES – SEASON 3
(USA 2013, Daniel Minahan/David Nutter u.a.)
5.5/10

GIRLS GONE DEAD [BIKINI SPRING BREAK MASSAKER]
(USA 2012, Michael Hoffman Jr./Aaron T. Wells)
4.5/10

THE GREAT BRITISH BAKE OFF – SEASON 5
(UK 2014, Andy Devonshire)
7/10

GÜEROS
(MEX 2014, Alonso Ruiz Palacios)
6/10

JONGENS [BOYS]
(NL 2014, Mischa Kamp)

5.5/10

THE MAN FROM U.N.C.L.E. [CODENAME: U.N.C.L.E.]
(USA/UK 2015, Guy Ritchie)
5.5/10

MARVEL’S JESSICA JONES
(USA 2015, S. J. Clarkson u.a.)
3.5/10

MAGGIE
(USA 2015, Henry Hobson)
7.5/10

MASTERCHEF – SEASON 6
(USA 2015, Brian Smith)
7/10

MISTRESS AMERICA
(USA 2015, Noah Baumbach)
7.5/10

OMOIDE NO MĀNĪ [ERINNERUNGEN AN MARNIE]
(J 2014, Yonebayashi Hiromasa)

7.5/10

SPACEBALLS
(USA 1987, Mel Brooks)
6/10

TANGERINE
(USA 2015, Sean Baker)
6/10

VICTORIA
(D 2015, Sebastian Schipper)
6/10

YOUTH [EWIGE JUGEND]
(I/F/CH/UK 2015, Paolo Sorrentino)

6.5/10

Retrospektive: Star Wars


STAR WARS [KRIEG DER STERNE]
(USA 1977, George Lucas)

9.5/10

THE EMPIRE STRIKES BACK [DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK]
(USA 1980, Irvin Kershner)

9/10

THE RETURN OF THE JEDI [DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER]
(USA 1983, Richard Marquand)

8/10

STAR WARS – EPISODE I: THE PHANTOM MENACE
[STAR WARS – EPISODE I: DIE DUNKLE BEDROHUNG]
(USA 1999, George Lucas)

3/10

STAR WARS – EPISODE II: ATTACK OF THE CLONES
[STAR WARS – EPISODE II: ANGRIFF DER KLONKRIEGER]
(USA 2002, George Lucas)

3.5/10

STAR WARS – EPISODE III: THE REVENGE OF THE SITH
[STAR WARS – EPISODE III: DIE RACHE DER SITH]
(USA 2005, George Lucas)

2/10

24. November 2015

Tangerine

You didn’t have to Chris Brown the bitch.

Bereits Kant wusste, dass Sparsamkeit in allen Dingen die vernünftige Handlung eines rechtdenkenden Menschen ist. Das mag Regisseur Sean Baker vielleicht trösten, auch wenn er sein jüngstes No-Budget-Projekt Tangerine eher umsetzte, weil ihm für eine größere Produktion die Mittel fehlten. Vielleicht auch ganz gut so, erregte sein $100,000 teuerer und mit drei iPhone-5-Smartphones gedrehter Film schließlich unter anderem wegen seiner Umsetzung beim Sundance Filmfestival Aufmerksamkeit. Wie ich immer gerne zu sagen pflege: Manchmal ist weniger mehr und nach einem etwas holprigen Start schickt sich auch Tangerine an, diese Haltung mit einer solide gespielten und durchweg kurzweiligen Geschichte zu untermauern.

Die spielt am Heiligabend in Los Angeles, als die transsexuelle Prostituierte Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) von ihrer gleichgearteten Freundin Alexandra (Mya Taylor) erfährt, dass ihr Freund und Zuhälter Chester (James Ransone) sie mit einer Frau betrogen hat als sie eine vierwöchige Haftstrafe verbüßte. Kurz darauf stürmt Sin-Dee durch die Stadt auf der Suche nach jener Frau. Alexandra wiederum muss sich buchstäblich mit widerspenstigen Kunden herumschlagen, wo sie doch eigentlich nur einen Gesangauftritt von sich am Abend bewerben möchte. Nicht minder leicht hat es der armenische Taxifahrer Razmik (Karren Karagulian), der eine illustre Gesellschaft durch die Stadt fährt, um seiner Schwiegermutter aus dem Weg zu gehen.

Wirkt Tangerine zu Beginn noch etwas steif, wenn Baker die Eröffnungsszene in einem Donut-Laden im Shot-Reverse-Shot-Verfahren dreht, gewinnt der Film glücklicherweise Dynamik, als Sin-Dee ihre persönliche Odyssee beginnt. Baker dreht das Ganze anfangs im Wechsel zwischen kurzer Dialogszenen und von Trap Music unterlegten Sequenzen, in denen Sin-Dee den Handlungsort wechselt. Zumindest audiovisuell muss der Zuschauer also erst reinfinden in dieses iPhone-Experiment, ehe einen irgendwann Bakers cinematografische Welle erfasst und mitnimmt. In gewisser Weise ist Tangerine dabei eine Art fußläufiger Road Trip, der die beiden Transsexuellen auf ihren individuellen Missionen begleitet und wieder zusammenführt.

Ähnlich wie Sean Bakers Vorgängerfilm Starlet lebt sein jüngstes Projekt dabei von seinen Figuren und ihrer Interaktion, die Geschichte bildet eher den Rahmen, um ihren jeweiligen Charakter zu betonen. Sin-Dee offenbart sich dabei als Mensch mit explosivem Temperament – speziell wenn es darum geht, dass ihr Freund sie mit einer Frau betrügt. Es wird nicht das einzige Geheimnis bleiben, dass im Verlaufe von Tangerine aufgedeckt wird. “Shit floats to the surface”, kommentiert eine Figur gegen Ende passend. Grundsätzlich fokussieren sich Baker und sein Co-Autor Chris Bergoch auf Sin-Dee und Alexandra, die übrigen Figuren, darunter auch Chesters Affäre Dinah (Mickey O’Hagan) sowie Chester selbst, bleiben Mittel zum Zweck.

Etwas bedauerlich ist das lediglich im Falle von Razmik, dessen Geschichte lediglich als ein Nebenplot erscheint, um einerseits Bakers regelmäßigen Kollaborateur Karagulian einzubinden und die Laufzeit auf knapp 90 Minuten zu strecken. Völlig frei von Fehlern ist der Film also keineswegs. Fragt Sin-Dee beispielsweise in einer Szene einen Passanten nach Feuer für eine gestohlene Zigarette, präsentiert sie später plötzlich eine Crackpfeife – für die sie aber kein Feuerzeug mitgenommen hat. Auch Alexandras abendlicher Gesangauftritt steht etwas für sich, ohne dass seine Bedeutung für die Figur eine stärkere Einbindung erhält. Es handelt sich hierbei allerdings eher um Kleinigkeiten eines größeren Ganzen, das an sich durchaus zu gefallen weiß.

Nicht zuletzt dank dem überzeugenden Spiel von Rodriguez und Taylor, beides Laiendarsteller. Es ist nachvollziehbar, wieso Tangerine ähnlich wie Me and Earl and the Dying Girl zu Jahresbeginn in Sundance das Publikum begeisterte. Unterm Strich ist Baker ein Independent-Hit aus dem Bilderbuch gelungen. So nett das Gimmick der iPhone-Fotografie ist, hätte es dem Film sicher besser zu Gesicht gestanden, wenn etwas mehr Geld und Arbeit in ihn geflossen wäre. Die Kameraarbeit wäre runder dahergekommen, das Drehbuch ebenfalls. Vielleicht verhilft das positive Feedback zu Tangerine nun Baker dazu, dass er sich nach vielen Independent-Filmen einer größeren Produktion zuwenden kann. Er wäre da nicht der erste Indie-Regisseur.

6/10