20. Februar 2017

Billy Lynn’s Long Halftime Walk

Just another normal day in America.

„Kennst du einen, kennst du alle“ ist eines der Sprichwörter, das man nur ungern auf einen Genre-Film anwendet. Gerade im Kriegsfilm begegnet einem jedoch immer wieder der Aspekt, dass der oder die heimkehrenden Soldaten aus einem Krieg sich nicht mehr mit dem Land identifizieren können, das sie im Ausland verteidigen. Und sich einfach wieder zurück an die Front sehen, welche die Daheimgebliebenen froh sind, allenfalls in den Nachrichten erblicken zu müssen. Ang Lees Adaption Billy Lynn’s Long Halftime Walk nach dem gleichnamigen Roman von Ben Fountain macht da keine Ausnahme, wenn die Geschichte einen Tag im Leben einer Infanterie-Einheit in der Heimat zwischen zwei Diensttouren im Irakkrieg begleitet.

Als er im Gefecht seinem Staff Sergeant rettend zur Seite springt und die Kamera einer Gruppe Journalisten dies festhält, wird Specialist Billy Lynn (Joe Alwyn) mit dem Silver Star ausgezeichnet und seine Einheit zu einer zweiwöchigen Propaganda-Tour in die Heimat geholt. “Right now, by the grace of God and the media, we’re the face of the American military”, fasst es Sergeant Dime (Garrett Hedlund) zusammen. Zum Abschluss ihrer Tournee sollen Billy und seine Einheit in der Halbzeit-Show eines Footballspiels an Thanksgiving mit Destiny’s Child auftreten. Zur selben Zeit versucht Hollywood-Produzent Albert (Chris Tucker), die Filmrechte der heldenhaften Mission zur finanziellen Absicherung der Jungs zu verkaufen.

Billy und seine Kameraden sind sichtlich irritiert ob des Lärms, der um sie gemacht wird. Dass sie als Helden gefeiert werden, während das betreffende Gefecht ihren Vorgesetzten Staff Sergeant Shroom (Vin Diesel) das Leben kostete. Bezeichnend, dass ihre Tournee weniger ein Ausflug von der Front ist, als eher eine Art weitere Mission. Zum einen stehen die acht jungen Männer repräsentativ für die Armee und dürfen sich nichts zu Schaden kommen lassen. Zugleich sehen sie in der Aufmerksamkeit die Chance, einen finanziellen Vorteil für sich ziehen zu können, zeigt laut Albert doch Hilary Swank Interesse daran, Billy in einer Filmadaption des Gefechts zu spielen. Was ihm und den anderen jeweils eine Beteiligung von $100,000 brächte.

Die Hauptfigur sieht sich jedoch einem anderen Konflikt gegenüber, treibt ihn doch seine ältere Schwester Kathryn (Kristen Stewart) dazu an, sich einer zweiten Diensttour in Irak zu verweigern. Er habe seine Schuldigkeit getan, sogar ausgezeichnet mit dem Silver Star. Im Verbund mit einem Arzt will sie, dass Billy zum Ende der Halbzeit-Show mit Verweis auf PTSD seinen Kriegsdienst verweigert. Dass der 19-Jährige im Stadion die liebenswerte Cheerleaderin Faison (Makenzie Leigh) kennengelernt hat, befeuert seine Zweifel nur noch, während Ang Lee immer wieder zu Rückblenden in den Irak schneidet, in denen insbesondere die Beziehung zwischen der gutmütigen Vaterfigur Shroom und seinen Männern um Billy im Fokus steht.

Im Kern erzählt Billy Lynn’s Long Halftime Walk dabei keine schlechte Geschichte. Ganz im Gegenteil, blitzen immer wieder die guten Ansätze der Handlung auf. Nur: Ang Lee weiß sie nicht wirklich zu nutzen, verliert sich stattdessen in einem pathetischen Schwulst romantischer Verklärung, gipfelnd in einer Rückblende, in der Shroom vor einem Gefecht jedem Kamerad seine Liebe gesteht. Lees Film will alles gleichzeitig haben: romantisches Drama sein und Anti-Kriegsfilm, aber ein solcher, der Respekt vor der Kameradschaft der Soldaten hat, während das alles in eine perfide Satire eingebettet ist. Leider ist der Film nichts davon wirklich respektive nicht genug von dem, was er sein sollte: ein satirischer Anti-Kriegsfilm.

Fountains Roman, den ich selbst nicht kenne, führt Wikipedia als eine solche Satire. Und jener Aspekt, dass Dime und Billy gemeinsam mit Albert versuchen, jemanden zu finden, der ihnen während ihrer 15 Minuten Ruhm die $900,000 für die Filmrechte zahlt, wäre der bedeutendste für Billy Lynn’s Long Halftime Walk gewesen. Dafür hätte Ang Lee den Film jedoch weg von The Hurt Locker und mehr in Richtung Wag the Dog steuern müssen. Was nicht bedeutet, die absurden Momente sind im fertigen Produkt nicht vorhanden – nur eben eher subtil eingestreut. Zum Beispiel wenn Billy und Kamerad Montoya (Arturo Castro) einen Joint mit einem Stadionmitarbeiter rauchen, der ihnen anvertraut, er überlege, sich ebenfalls zu verpflichten.

Es erwarte ihn dafür eine Prämie von $6,000 – was $6,000 mehr sind, als Billy und Montoya bekommen haben. Sowieso zeichnet die Infanterie aus, dass sie all jene anzieht, die es in der normalen Gesellschaft nicht weiterbringen. So will der Stadionangestellte mit seinem Militärdienst seine Familie unterstützen – aus einem ähnlichen Grund trat auch Billy ein. Kathryn hatte einst einen Autounfall, der ihr Gesicht entstellte, woraufhin sie ihr Verlobter verließ. Billy ramponierte dessen Wagen und kam um eine Anzeige nur herum, indem er sich zur Armee meldete. Dort, so macht Dime in einer Rückblende deutlich, scheint er gut aufgehoben. Hier hat er eine Bestimmung, die ihm in seiner Kleinstadt zuhause wohl verwehrt bliebe.

Über die anderen Männer der Einheit erfahren wir wenig bis nichts, auch Dime wird eher über seine Autorität als neuer Leader nach Shrooms Ableben charakterisiert. Shroom hingegen kommt im Film beinahe hagiographisch verklärt daher, stets lächelnd und spirituell angehaucht ist Diesels Figur schwer verdaulich. Genauso wie die Rückblenden zum Irakkrieg unnötig sind, da Lee in ihnen kaum den Konflikt vor Ort bebildert. Was der Krieg mit den sieben jungen Männern um die 20 angestellt hat, wird im Film abseits von Shrooms Tod nicht deutlich. Weshalb es gereicht hätte, davon zu reden, statt es mit leblosen Bildern zu untermalen. Vielmehr hätte Lee es für seinen Film und den Aspekt des verfolgten Films im Film sogar verklären können.

Was wirklich passiert wäre, bliebe ein Mysterium, da es Billy, Dime und Albert bei jedem Pitch variieren würden. Getreu dem Vorwurf, die Menschen daheim interessiert der Krieg im mittleren Osten gar nicht wirklich. Wie es ist, jemanden zu töten, wird Billy da in einer Szene vom Football-Team gefragt und auch Tim Blake Nelson stellt beim Mittagessen eine ähnliche Frage an die Soldaten. “If we didn’t enjoy killing people then what would be the point?”, erwidert Dime zynisch. “You might as well send the Peace Corps in to fight the war.” Die Dissonanz zwischen Soldat und Zivilist ist aber wie das meiste in Billy Lynn’s Long Halftime Walk nur eine Randnotiz. Und verpufft wie Kathryns Bestrebung, ihren Bruder aus der Armee zu lotsen.

Es bleibt somit offen, was Ang Lee letztlich seinen Zuschauern mitgeben möchte. Wir erfahren nicht genug von den Gräueln des Kriegs, als dass der Kontrast zwischen der alltäglichen Normalität daheim im Kontrast dazu stünde. Genauso wenig wie wir sehen, dass das Militär den jungen Männern eine Form von Stabilität und Halt gibt, die ihnen zuhause abging. Auch die Perversität, die Männer für das schlimmste Erlebnis ihres Lebens zu Helden zu stilisieren, während diese unter diesem Umstand versuchen, finanzielles Kapital daraus zu schlagen, indem sie Football-Besitzern wie Norm Oglesby (Steve Martin) die Filmrechte an ihrer Geschichte verkaufen wollen, geht letztlich in dem 0815-Kriegsheimkehrer-Schmalz von Lees Film unter.

Der behandelt die etwas aus dem nichts kommende Liebes-Romanze zwischen Billy und Faison etwas übertrieben aufrichtig, was konterkariert wird von Momenten, wenn die junge Frau ernsthaft vom spirituellen Aspekt des Cheerleadings faselt. Billy Lynn’s Long Halftime Walk ist somit weder Fisch noch Fleisch, von allem ein wenig, aber von nichts genug. Was etwas schade ist, da sich gerade Newcomer Joe Alwyn, Garrett Hedlund und die wie immer starke Kristen Stewart sichtlich Mühe geben, ihren teils flachen Charakteren ausreichend Leben einzuhauchen. Das übrige Ensemble schlägt sich ordentlich, vielmehr sind es gerade die namhafteren unter ihnen wie Chris Tucker, Steve Martin und Vin Diesel, die eher negativ auffallen.

Dass der neue Film von Ang Lee floppte, verwundert nicht wirklich. Nicht nur ist die Handlung zu unausgegoren und unfokussiert, der Taiwanese scheint sich zu sehr auf das Visuelle versteift zu haben. Von den 120 FPS und 3D ist in meiner Heimkino-Sichtung nichts geblieben, Sinn und Zweck würde ich aber auch aufgrund des Filmmaterials in Frage stellen wollen. Der digitale Look der F65 CineAlta von Sony trägt seinen Teil zur leblosen Künstlichkeit des Konstrukts bei. Billy Lynn’s Long Halftime Walk atmet kein Leben und wirkt nicht authentisch – dabei wäre das alles prinzipiell in den Händen der richtigen Leute vermeidbar gewesen. Was bleibt ist ein Werk, das man nicht gesehen haben muss. Auch das sagt man eher ungern über einen Film.

5.5/10

13. Februar 2017

Classic Scene: When Harry Met Sally... – “That’s it?”

DIE SZENERIE: Die beiden Freunde Harry (Billy Crystal) und Sally (Meg Ryan) treffen sich an einem Nachmittag in New York City zu einem gemeinsamen Museumsbesuch. Eines der Konversationsthemen ist dabei Harrys Bericht über einen erotischen Traum, den er hatte, in welchem seine sexuelle Leistung von drei Punktrichtern, darunter seine Mutter, bewertet wurde. Sally erzählt daraufhin von einem ihrer eigenen erotischen Träume.

EXT. CENTRAL PARK ARBOR – DAY

HARRY and SALLY walk through the park on a gorgeous fall day.

SALLY: Basically it’s the same one I’ve had since I was twelve.

HARRY: What happens?

SALLY: You know… it’s too embarrassing.

HARRY: Don’t tell me.

SALLY: Okay. There’s this guy.

HARRY: What’s he look like?

SALLY: I don’t know. He’s just kind of faceless.

HARRY: A faceless guy. Okay. Then what?

SALLY: He rips off my clothes.

HARRY: Then what happens?

SALLY: That’s it.

Both stop in their walk.

HARRY: That’s it? A faceless guy rips off your clothes. And that’s the sex fantasy you’ve been having since you were twelve? Exactly the same?

SALLY: Well, sometimes I vary it a little.

HARRY: Which part?

SALLY: What I’m wearing.

HARRY turns and keeps on walking.

SALLY: What?

HARRY: Nothing.

6. Februar 2017

Voltron: Legendary Defender – Season Two

Is that a cow?

Im zweiten Jahr hat eine Serie oft die Chance, vieles, für das in der ersten Staffel keine Zeit war, besser zu machen, indem man sie vertieft. So waren die meisten Figuren in Netflix’ Animationsserie Voltron: Legendary Defender noch etwas eindimensional gezeichnet, primär durch ein, zwei Eigenschaften charakterisiert, während die Sentai-Serie um fünf Erdlinge, die als Paladine eines Megazords das Universum vor einem außerirdischen Despoten beschützen müssen, auf den Konflikt mit ebendiesem Bösewicht hinarbeitete. Etwas enttäuschend ist also, dass Voltron: Legendary Defender auch in ihrer zweiten Staffel dem wenig hinzuzufügen hat – und stattdessen dem Comic-Film-Genre getreu quasi lediglich die Repeat-Taste des Vorjahres drückt.

Mit Ach und Krach entkamen Shiro (Josh Keaton), Keith (Steven Yeun), Lance (Jeremy Shada), Hunk (Tyler Labine) und Pidge (Bex Taylor-Klaus) dem Kampf gegen Zarkon (Neil Kaplan) aus dem Vorjahresfinale. In Across the Universe taumeln die Paladine und das Schiff von Prinzessin Allura (Kimberly Brooks) und Coran (Rhys Darby) derweil durch ein Wurmloch, das die Figuren unterwegs nach und nach verliert. Es gilt also, einander im Universum wiederzufinden und sich neu zu positionieren, für ein nächstes und besser durchdachtes Wiedersehen mit Zarkon. Dies erfordert ein verstärktes Teamwork sowie unterwegs der ein oder anderen Zivilisation zu helfen, während das Voltron-Team nach bestimmten Elementen sucht.

Alles wie gehabt also. An der Formel aus der ersten Staffel wird wenig geändert, erneut verwendet Voltron: Legendary Defender seine gesamte Episodenzahl darauf auf, die Charaktere in der finalen Folge Blackout gegen Zarkon und Konsorten antreten zu lassen. In die Tiefe ihrer Psyche dringt die Show dabei nur bedingt vor. Nach etwas familiären Einblicken in Pidges Vita ist es dieses Mal Keith, der in einer Folge näher beleuchtet wird. Um die vermeintliche Auflösung – der sich ohnehin nicht eindringlich gewidmet wird – machen die anderen Figuren dabei weitaus mehr Tamtam als es beim Zuschauer der Fall sein dürfte. Wo Keith etwas mehr Aufmerksamkeit erhält, spart sich die Show diese was Lance und Hunk angeht derweil (noch?) auf.

Das ist sicherlich nur bedingt tragisch, da die Figuren weiterhin sehr gut über ihre vordergründige Charakterzeichnung funktionieren. Selbst wenn wir nach nun fast acht Stunden immer noch sehr wenig über die meisten von ihnen wissen. Enorm repetitiv ist weiterhin die ausführliche Darstellung des Voltron-Zusammenschluss’, welche die Show stets aufs Neue zeigt. Der Sinn und Zweck will mir nicht ganz klar werden, außer, dass die Macher wahrlich verliebt in die Szene sind – und davon ausgehen, dass es die Zuschauer auch sind. Nur wenig einfallsreicher sind zugleich die Kampfszenen von Voltron, sodass es fasst ins Bild passt, dass in einer Folge ein Widersacher wartet, gegen den das Team bereits im vergangenen Jahr in den Ring gestiegen ist.

Ihre Stärken ruft die zweite Staffel ab, wenn das Team in Nebenmissionen aufgeteilt wird. Zum Beispiel wenn eingangs in Across the Universe und The Depths die Paladine in zwei Fraktionen wieder zueinander finden müssen oder später in Folgen wie Space Mall oder Escape from Beta Traz jeder für sich eigene Sub-Abenteuer erlebt. Auch der Humor funktioniert wieder gut, insbesondere im Staffelauftakt, wenn Coran während der Wurmloch-Reise immer jünger wird – vom Adoleszenten zum Pubertierenden und später Kleinkind. Ansonsten sind es wie gewohnt der narzisstisch-überhebliche Lance und der lethargisch-naive Hunk, die als Basis für wiederkehrende Gags dienen, wohingegen Shiro und Keith eher für nüchterne Momente stehen.

Etwas merkwürdig wird es dann, wenn in Greening the Cube plötzlich eine Art “The Force”-Äquivalent eingeführt wird, dem sich die Serie aber später nicht mehr widmet. Auch wie die verstärkte Beziehung zwischen Paladin und Zord genau funktioniert, wird nur oberflächlich thematisiert. Insofern gibt es in der zweiten Staffel von Voltron: Legendary Defender wenig Neues, was der Show Qualität zuführt. Vielmehr Bekanntes, was ihr durch Eintönigkeit etwas Wertigkeit nimmt. Immerhin lässt sich hoffen, dass nach diesem Finale die nächste Staffel andere Figuren und Aspekte eingehender beleuchtet. Aber das ist ja so eine Hoffnung, die man in diesem Genre des Öfteren mal hat – nur um dann doch wieder das Gleiche aufgetischt zu bekommen.

6.5/10

30. Januar 2017

Christine

Yes, but...

Gleich zwei Filme befassten sich vergangenes Jahr mit dem Fernseh-Suizid der Reporterin Christine Chubbuck aus dem Jahr 1974. Während Robert Greene mit Kate Plays Christine eine avantgardistische Mockumentary-Annäherung wählte, folgt Antonio Campos’ Spielfilm-Drama Christine der klassischen Herangehensweise. Letztendlich versagen beide Werke jedoch darin, dem Mysterium hinter Chubbucks Selbsttötung während einer Live-Fernsehübertragung ein paar Antworten zu entlocken. Was genau die damals 29-jährige Journalistin aus Sarasota bewegte und in den Tod trieb, vermag Christine in seiner zweistündigen Laufzeit nicht wirklich auszuarbeiten. Dafür bewegt sich Campos’ Film die meiste Zeit viel zu sehr an der Oberfläche.

Christine Chubbuck soll von enormen Selbstzweifeln geplagt gewesen sein, sie war depressiv und hatte Probleme, sich sozial zu integrieren. Ihre Depressionen und Suizidgedanken kamen nicht von heute auf morgen, sondern waren ihrer Mutter bekannt, wie auch Chubbuck selbst seit jungen Jahren in psychotherapeutischer Behandlung war. Aspekte, für die sich Christine nicht allzu sehr interessiert, vielmehr manövriert sich Campos’ Film teils gefährlich in ein Fahrwasser, das versucht, den Suizid von Chubbuck mit dem verstärkten Sensationalismus im Fernsehjournalismus zu erklären. Was den Hintergründen für die tragische Entscheidung Chubbucks nicht nur nicht gerecht wird, sondern sie im Prinzip ohne gebührenden Respekt behandelt.

So sehen wir Christine Chubbuck (Rebecca Hall) zu Beginn als Reporterin, die von einem Interview mit Präsident Nixon träumt. Stattdessen schickt sie ihr Chef (Tracy Letts) zu einem Unfall, getreu dem Motto “if it bleeds, it leads”. Das eigene Nachrichtenprogramm kämpfe mit den Quoten, “we gotta lighten things up around here”. Christine dagegen will jedoch “issue orientated, character based pieces” produzieren – ihre Kollegen haben dies so oft gehört, sie sprechen es unisono mit ihr mit. Im Lauf der Wochen fügt sich Christine schließlich den neuen Wünschen ihres Sendeleiters. Auch, weil der Besitzer des Lokalsenders eine neue Nachrichtensendung in Baltimore plant und hierfür Moderatoren aus dem Sarasota-Sender sucht.

Christine lauscht nun nachts dem Polizeifunk, filmt Brandopfer und opfert ihre “positive think pieces” für “darker, juicier stories”. Alles für die Quote, alles für die Beförderung. Als dies alles nichts hilft, folgt dann eben der Ausweg zum Live-übertragenen Selbstmord. “In living color, you are going to see another first”, wie es Chubbuck 1974 selbst formulierte, ehe sie den Abzug drückte. Die Sensationsgier der Zuschauer, die “juicier stories” wollen und mit ihren Einschaltquoten Einfluss auf die journalistische Arbeit nehmen, wird so zum stillen Komplizen für Chubbucks Selbsttötung. Dass die 29-Jährige suizidal war, Wochen vorher bereits Selbstmordmethoden recherchierte, wird in Christine nicht thematisiert – und so letztlich negiert.

Was nicht heißt, es gibt keinen sozialen Einblick. Wir sehen Christines Besuche und Puppenspiele für Krankenhauskinder, wir erfahren von ihrer Schwärmerei für den Moderatoren-Kollegen George Peter Ryan (Michael C. Hall). Können uns ihren stillen Wunsch nach einer Beziehung denken und den Frust und Ärger verstehen, wenn ihre Mutter (J. Smith-Cameron), mit der sie zusammen lebt, einen Mann kennenlernt – während sie selbst Single ist. Aber selbst wenn George Peter Ryan mal Interesse an ihr zeigt, reagiert Christine abweisend-brüsk, ohne dass wir erfahren, wieso. Die Beziehung zu ihrer Umwelt und Kollegen (Maria Dizzia, Timothy Simons) bleibt unklar, noch sehr viel unklarer bleibt die Beziehung der Figur jedoch zu sich selbst.

Hinzu kommt, dass das Sensationalismus-Element selbst nicht wirklich fokussiert wird. Inwiefern das Programm boulevardesker gerät, welche Bestrebungen im Sinne der Quotenerhöhung erfolgen – der Film lässt den Zuschauer im Dunkeln. Bis auf Christines Bemühungen scheint sogar alles seinen bisherigen Verlauf zu nehmen, was es umso unverständlicher macht, wieso Campos dem Film eine derartige Richtung für Christines mögliche Motivation gibt. Ratsamer wäre es gewesen, die Depressionen Chubbucks mehr hervorzuheben, ihre Geschichte und ihr Ausmaß zum Beispiel mit ein, zwei Szenen bei ihrem Psychiater zu beleuchten. Genauso wie die zum Ende hin fortschreitenden Planungen für den bevorstehenden Selbstmord.

Über all diese Kritik erhaben ist Rebecca Hall, die eine starke Leistung abliefert, selbst wenn sie nur unmerklich mehr physikalische Ähnlichkeit mit Chubbuck besitzt als Kate Plays Christine’s Kate Lyn Scheil. Halls hingebungsvolles Spiel hält die Aufmerksamkeit hoch und ist letzten Endes das Haupt- wenn nicht sogar das einzige Kriterium für eine Sichtung von Antonio Campos’ Christine. Dass der als intensive Depressionsstudie weniger zugänglich für ein Massenpublikum wäre, ist klar, aber dieser subtile Ansatz einer Medienkritik à a Nightcrawler funktioniert irgendwie noch weniger. Somit sind die Zuschauer auch nach zwei Filmen und fast vier Stunden nicht schlauer, wer Christine Chubbuck war. Das Mysterium bleibt bestehen.

6/10

23. Januar 2017

Nein zu Amazon Prime – Ein Fazit

Kurz vor Weihnachten gab es bei der Geschenk-Order eine gute Nachricht: Amazon bot mir nochmals einen Probemonat zur Prime-Mitgliedschaft an. Meine Weihnachtspräsente wurden also alle noch rechtzeitig geliefert und obendrein bot sich als Bonus die Chance, mal die Bibliothek von Amazon Prime Video auszutesten. Nun, 30 Tage später, ist das Ergebnis relativ ernüchternd bzw. war es das im Grunde schon zuvor. Insbesondere die Film-Bibliothek von Amazon Prime Video empfand ich als sehr enttäuschend. Wenig interessante Titel, Franchise-Filme oft beliebig zusammengestellt. Zwar alle Transformers-Teile, aber bei den Hunger Games nur Mockingjay: Part II, alle Jaws-Filme, aber nur die ersten beiden mit Originaltonspur.

Zwar bin ich von Netflix bereits eine traurige deutsche Filmbibliothek gewohnt (obwohl ich als deutsches Netflix-Mitglied so viel zahle wie meine US-Kollegen, aber nur einen Bruchteil von deren Angebot nutzen kann), aber Amazon Prime Video liegt da doch noch mal etwas drunter. Auch wenn die Auswahl an vielen kleinen obskuren Titeln (B- und C-Movies) hier durchaus größer ist. Es war also erst einmal schwierig, überhaupt Filmtitel zu finden, die mich für eine Wiederholungssichtung reizten. Waren diese wie im Fall von Lasse Hallströms The Shipping News dann mal gefunden, war die Freude von kurzer Dauer: Denn der Film wird, zumindest für Prime-Mitglieder, nicht mit der Originaltonspur angeboten. Und das ist bei Amazon leider kein Einzelfall.

Insofern musste ich passende Titel erst über die Suchfunktion filtern. Welche Filme Amazon mit der OV-Option ausstattet und nicht erschien mir ziemlich willkürlich. Und teils wenig durchdacht. So gibt es zwar die originale Tonspur zu Låt den rätte komma in (So finster die Nacht) – aber keine Untertitel, weder in Deutsch noch Englisch. Womit sich das OV-Angebot nur an in Deutschland lebende Schweden richtet, was – so vermute ich mal – ein kleinerer Markt sein dürfte als Deutsche, die den Film auf Schwedisch mit Untertiteln sehen würden. Ein weiteres Problem der Prime-Bibliothek: Hatte ich dann doch mal interessante Filme mit Originalton gefunden, zum Beispiel Sean Penns The Pledge, wurden diese nicht in HD wiedergegeben.

Die passende Film-(Sub-)Bibliothek erfordert das große Filtern.
Auch hier ist die Zusammenstellung wieder sehr willkürlich gewählt. Während ich also Brian Levants The Flintstones (1994) und Beethoven (1992) sowie Robert Zemeckis’ Death Becomes Her (1992) in HD sehen konnte, blieb für The Pledge aus dem Jahr 2001 nur die Standardauflösung. Die wird bei Amazon zwar mit DVD-Qualität verglichen, entspricht aber doch eher einem unterdurchschnittlichen VHS-Transfer. Damit jedoch nicht genug, leider springt die Bildauflösung während der Wiedergabe bisweilen, weshalb ich nach rund einer Stunde meine Sichtung von John Frankenheimers Ronin abbrach, da der Film unentwegt zwischen der Standardauflösung, High Definition (720p) sowie High Definition (1080p) hin und her sprang.

Ein Problem, das ich zuletzt auch bei Batman V Superman: Dawn of Justice in der Extended Edition hatte (kein Bestandteil der Prime-Mitgliedschaft, sondern eine Ausleihe). Nun mag dies auch an meiner Internetverbindung liegen – ich zahle für bis zu 50 Mbit/s, kriege aber meist nur ca. 15 Mbit/s –, dennoch ist die HD-Wiedergabe bei Netflix vergleichsweise konstanter und besser. Hinzu kommt das Abspielen von Filmen in anderen Formaten, wie auch der geschätzte Kollege bullion bereits feststellte. Ähnlich wie bei seiner Sichtung von Anomalisa wird auch Batman V Superman bei Amazon in 16:9 (2.40:1) statt dem Originalformat 2.35:1 wiedergegeben. Falsche Formate, variierende Qualität, wenig Originalton: Liebe zum Film sieht anders aus.

So enttäuschend das Filmangebot ist, die Serienauswahl ist etwas besser. Zumindest wie ich es einschätzen konnte, gab es die meisten „jüngeren“ Serie mit der Option des englischen Originaltons. Obendrein lässt sich gegenüber Netflix natürlich auf das originäre Angebot von Amazon zugreifen. Nur, wirklich überzeugen vermochte das zumindest mich nicht. The Man in the High Castle verfolgte ich nur drei Episoden lang, selbst wenn ich Dick-Fan bin und die Vorlage mochte. Ganz gesehen habe ich die ersten Staffeln von Halt and Catch Fire (keine Amazon-, sondern eine AMC-Serie) sowie die hochgelobte Mr. Robot, empfand beide jedoch als sehr durchschnittlich, generisch und mit eindimensionalen Figuren versehen. Alles nicht so meins.

Fazit: Im direkten Vergleich fühle ich mich bei Netflix besser aufgehoben als bei Amazon Prime Video. Sicher sind Serien wie The Crown oder Orange is the New Black ebenfalls nicht die hohe Kunst, aber dennoch interessanter. Das Netflix-Filmangebot ist zwar anders und nicht zwingend größer, immerhin jedoch – nach meiner Einschätzung jedenfalls – quasi durchgängig im Originalton erhältlich (was bei nicht-englischsprachigen Filmen bedeutet: deutsche Untertitel!) und mit konstanterer HD-Wiedergabe. Zumindest bei bezahlten Ausleihen und Käufen wäre es bei Amazon schön, wenn wie im Fall von AppleTV/iTunes gesichert wäre, dass die Wiedergabe auch durchweg HD 1080p ist. Denn wenn ich für HD zahle, will ich es auch bekommen.

16. Januar 2017

Personal Shopper

R u alive or dead ?

Klassischer Weise bekunden Menschen ihr Missfallen im Theater oder Kino, indem sie Werke statt mit Applaus mit Buhrufen beschenken. Viel Aufhebens wurde gemacht, als vergangenes Jahr Olivier Assayas’ neuer Film Personal Shopper bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Cannes ausgebuht wurde. Dabei sind Buhrufe speziell in Cannes kein wirklich schlechtes Zeichen – das Gegenteil ist sogar fast der Fall. Schließlich wurden seiner Zeit auch schon Martin Scorseses Taxi Driver und Terrence Malicks The Tree of Life auf dem französischen Filmfest ausgebuht und gewannen am Ende doch die Palme d’Or. Für die reichte es am Ende zwar bei Personal Shopper nicht, dafür wurde Assayas für seine Regie des Geister-Thrillers ausgezeichnet.

Dieser dreht sich um die titelgebende persönliche Einkäuferin Maureen (Kristen Stewart), die für das Model Kyra (Nora von Waldstätten) in Paris Modeartikel und Accessoires verschiedener Boutiquen ausleiht. Ein Job, der Maureen wenig Freude bereitet, es ihr aber immerhin ermöglicht, vorerst in der französischen Hauptstadt zu bleiben. Dort wartet sie auf ein spirituelles Zeichen ihres drei Monate zuvor verstorbenen Zwillingsbruders Lewis, der wie sie ein Medium war. Die Geschwister versprachen sich, das derjenige, der zuerst stirbt, dem anderen ein Zeichen aus dem Jenseits gibt. Zwar erhält Maureen kurz darauf Rückmeldungen, allerdings von einem Unbekannten via iMessage. Ein Kontakt, der bald immer intensivere Ausmaße annimmt.

An sich besteht Personal Shopper aus drei Akten, angefangen mit Maureens Suche nach einer Botschaft von Lewis. Der erlag einem angeborenen Herzleiden, das auch seinen Zwilling befallen hat. Was erklären mag, wieso diese so auf eine Antwort des verstorbenen Bruders fixiert ist. Derweil sind dessen Freunde interessiert an Lewis’ Haus, das dieser renoviert hat. Wollen aber zuvor von Maureen wissen, wie es um einen Geist auf dem Anwesen bestellt ist. “We need to know if it’s benevolent or not”, so ihre Intention. Der Tod von Lewis ist offensichtlich etwas, mit dem auch sein Bekanntenkreis und seine Freundin (Sigrid Bouaziz) abschließen müssen. “I just need to see it to the end”, gesteht Maureen ihrem eigenen Freund Gary (Ty Olwin).

Die Geister-Story des ersten Akts weicht dann im zweiten einem sich langsam entwickelnden Thriller-Element, wenn Maureen auf einer Geschäftsreise nach London erstmals von einem vermeintlich Unbekannten per iMessage kontaktiert wird. Obschon für den Zuschauer keine Zweifel an der Identität von Maureens Gegenüber bestehen und sie selbst im Grunde auch keine haben sollte, inszeniert Assayas die Sequenz so, als wäre Maureen im Ungewissen, ob sie mit Lewis schreibt oder jemand anderem. Ärgerlich wird es dann, wenn der Film im Folgenden immer wieder zu Maureens iPhone zurückschneidet, während diese ein persönliches Frage-Antwort-Spiel mit ihrem Gegenüber beginnt, in dem sie sich verstärkt öffnet.

Stewarts Figur will jemand anderes sein, weiß aber nicht genau wer. Es reizt sie, all die Kleidung anzuprobieren, die sie für Kyra organisiert, was diese ihr jedoch untersagt hat. Von Waldstätten ist die meiste Zeit nicht präsent, über ihre Kyra wird mehr geredet als diese selbst zu Wort kommt. Als “pain in the ass” beschreibt sie Maureen gegenüber Kyras Liebhaber Ingo (Lars Eidinger), vom Ruf als “monster” berichtet eine Fotografin bei einem bevorstehenden Shooting. “No desire if it’s not forbidden”, neckt ihr Chat-Partner Maureen später, sodass diese sich in voller Montur in Kyras Outfit wirft, während die Szene von Conradin Kreutzers „Hobellied“ unterlegt wird. Der Geister-Aspekt und Lewis sind zu diesem Zeitpunkt bereits in den Hintergrund gerückt.

Das zuvor eher seichte Thriller-Element nimmt in der ersten Hälfte des Schlussaktes dann zu, ehe die Anspannung gelöst wird und Personal Shopper in seinen Epilog übergeht, der wieder zu dem spiritualistischen Thema zu Beginn zurückkehrt. Olivier Assayas versucht in seinem jüngsten Werk (zu) viele Ideen und Genre-Aspekte zu vermengen, was an sich interessant ist und gerade im ersten und dritten Akt weitestgehend funktioniert, nur verheddert er sich dabei bisweilen auch derart, dass manches auf der Strecke bleibt. Getragen wird der Film dabei durchweg von der wie immer überzeugenden Kristen Stewart, die aus dem Material das Maximum herausholt. Zumindest sie wird wohl keine Buhrufe befürchten müssen.

7/10

9. Januar 2017

The Flintstones

In my cave I reign supreme!

Fünf der elf erfolgreichsten Filme des vergangenen Kinojahres waren Comicverfilmungen aus dem Hause Disney/Marvel, Warner Bros. und Fox. Ein sich verstärkender Trend, aber nicht unbedingt ein junger. Bereits Anfang des Jahrtausends gaben sich an den Kinokassen Spider-Man, X-Men, Blade und Batman die Klinke in die Hand. Genauso wie in den Neunzigern Videospieladaptionen wie Super Mario Bros. (1993) und Street Fighter (1994) oder ebenjene Comic-Filme in Form von Teenage Mutant Ninja Turtles (1990) und The Flintstones. Letzterer war eine 1994 von Steven Spielrock produzierte Realverfilmung des gleichnamigen Hanna-Barbera-Cartoons, der 1960 als erster seiner Art im Abendprogramm von ABC ausgestrahlt wurde.

Im Fokus steht der Steinbruchangestellte Fred Flintstone (John Goodman), ein Mitglied der Arbeiterklasse in der Steinzeit-Gemeinde von Bedrock. Fred führt ein simples Leben mit Gattin Wilma (Elizabeth Perkins) und ihrer Tochter Pebbles sowie seinem Nachbarn, Freund und Arbeitskollegen Barney Rubble (Rick Moranis). Weil Fred ihm und seiner Frau Betty (Rosie O’Donnell) Geld geliehen hat, damit diese einen Sohn adoptieren können, tauscht Barney bei einem Karrieretest in der Arbeit sein Ergebnis mit dem von Fred aus. Als Testsieger ist es Fred, der daraufhin vom Steinbruch-Vizepräsident Cliff Vandercave (Kyle MacLachlan) in den Vorstand befördert wird. Nichtsahnend, dass hinter all dem ein maliziöses Schema steckt.

The Flintstones, bei dem Brian Levant die Regie übernahm, ist eine Comicverfilmung wie man sie heutzutage nicht mehr zu sehen bekommen wird. Ein Film, der sich ähnlich wie Super Mario Bros., Street Fighter, Mortal Kombat und die anderen Vertreter der 1990er – hier könnte man auch die Batman-Filme von Joel Schumacher dazuzählen – primär verspielt und unernst gibt. Vorrangig ist da speziell die Mimikry des Originals, von den liebevoll gestalteten Kostümen bis zu den vielen Details im Production Design des Studiofilms. Einige wenigen CGI-Ausnahmen wie Dino und Baby Puss ausgenommen regieren hier die praktischen Effekte, was erfrischend altmodisch ist, auch wenn es natürlich oft etwas Cartoonhaftes hat.

Den Anspruch, authentisch zu sein, hat Levants Film natürlich keineswegs, und dennoch macht er es sich nicht immer leicht, wenn er seine inhärente Logik etwas ad absurdum führt. So gibt es viele nette visuelle prähistorische Ideen für moderne Technologien, vom Krabben-Rasenmäher über den Schweine-Müllschlucker hin zum Anzünden von Kerzen als Straßenlaternen oder wie Fred jeden Morgen geweckt wird. Gleichzeitig führt The Flintstones aber auch das Autoradio ein, zu dem Fred und Barney auf dem Heimweg mitsingen, genauso wie Fernsehapparate auftauchen und The B-52’s in einer der Szenen tatsächlich in ein aus Stein gehauenes Bühnenset ihre Pop-Lieder trällern. Nicht die einzigen misslungen Rückrufe auf die moderne Welt.

So verweist eine Flugbegleiterin eingangs beim Überflug über Bedrock auf den Grand Canyon, der in einigen tausend Jahren dort entstehen wird. Und im Schlussakt bricht der von Harvey Korman gesprochene Dictabird wie im zweiten Akt bereits MacLachlans Vandercave die vierte Wand für einen schwachen Verweis-Witz auf Disney. Diese Aspekte sind umso ärgerlicher, da sie nicht nötig gewesen wären und auch wenn die Fernsehapparate Bestandteil des Original-Cartoons sind, zerstören sie etwas das Bild dieses Steinzeit-Pendants unserer heutigen Welt. Auch das Drehbuch wirkt weitaus konstruierter als für das intendierte Handlungsgerüst erforderlich gewesen wäre. Und wirft infolgedessen wie die Fernsehapparate eher Fragen auf.

Zwar geht Barney derselben Arbeit nach wie Fred, fährt ein kleineres Auto und hat weder Kind noch Haustiere, dennoch muss er sich von den Flintstones Geld leihen, um die Adoption von Bamm-Bamm durchführen zu können. Was im Widerspruch zu einem weiteren Running Gag steht, in welchem es Fred ist, der sich stets von Barney Geld leiht. Die Verschuldung dient als Hintergrund für den Austausch des Karrieretests, widersprüchlich ist hierbei aber, wieso Vandercave gerade den intelligentesten Angestellten zum Sündenbock für seine Veruntreuung machen will. Dafür hätte sich Fred weitaus besser geeignet, wenn er für seine Dummheit ausgewählt würde. Nur ginge dann natürlich der Konflikt der Entlassung von Barney flöten.

Einfacher wäre gewesen, dass der Test für Vandercave dazu dient, in Fred den idealen Kandidaten als Sündenbock für die Veruntreuung zu finden. Einen Keil zwischen die Freundschaft mit Barney hätte dann die steigende Arroganz des nun neureichen Freds treiben können, wie sie der Film auch propagiert. Zugleich hätte dabei Vandercave dennoch Barney entlassen können, indem zugleich so die smartesten Mitarbeiter des Steinbruchs aus diesem befördert würden, damit der Plan der Massenentlassung durch den anstehenden Automatisierungsprozess – durchaus ein spannender Subplot – nicht aufgedeckt wird. In der Ausarbeitung des Plots zeigt sich aber zugleich, dass dieser für einen Familienfilm generell wohl etwas überfrachtet ist.

Der Aspekt der Automatisierung des Steinbruchs ist ein durchaus interessanter, auch wenn nicht ganz klar ist, wieso sich Vandercave so um ihn bemüht, wo sein eigener Verbleib in der Firma doch aufgrund der Unterschlagung ein befristeter sein dürfte. Amüsant gerät dafür der Vorgriff auf den Center-for-Ants-Gag aus Zoolander, wenn Fred in Frage stellt, ob die Modellhäuser der Präsentation groß genug für ihre Bewohner sein werden. Eine reduziertere Handlung wäre aber wohl empfehlenswerter gewesen, wobei jedoch keineswegs alles schlecht ist in The Flintstones. Die eingangs angesprochene Mimikry insbesondere macht die Adaption der Cartoon-Serie sehenswert und hält den (nostalgischen) Spaß an der Sichtung aufrecht.

Die visuelle Umsetzung mit den vielen praktischen Effekten, realen Sets und Kostümen wurde bereits angesprochen, aber auch die Darsteller verleihen ihren Figuren Leben. Roseanne-Veteran John Goodman, die einzige Wahl Spielbergs für die Hauptrolle, wird der Präsenz von Fred gerecht, auch Rick Moranis überzeugt als Barney. Elizabeth Perkins und Rosie O’Donnell sind zwar für die Handlung nicht zentral, gefallen aber gerade mit ihrem aus der Serie übernommenen Referenzlachen. Aufgrund ihres nuancierten Spiels und 90er-Sexappeals ein Highlight für sich ist Halle Berry als Sharon Stone, Freds laszive Sekretärin und Vandercave-Komplizin, wofür sich der Film trotz des müden (und nicht einzigen) “Stone”-Gags einen halben Bonuspunkt verdient.

Dank der Gewichtung auf praktische Effekte ist der über 20 Jahre alte The Flintstones relativ gut gealtert, auch wenn er heutzutage kaum mehr präsent im Bewusstsein scheint. Dabei war er gar nicht mal ein Flop, landete in den Kinocharts der USA im Jahr 1994 auf dem fünften Rang und weltweit auf Platz 6 mit einem Einspiel über 340 Millionen Dollar. Das macht Brian Levants Film sicher nicht zum Meisterwerk, nicht einmal zu einem sonderlichen guten Film, aber The Flintstones besitzt Charme und viel Liebe zu seinem Original mit einem gut aufgelegten Ensemble, das es aufgrund seiner buchstäblichen cartoonhaften Figuren nicht leicht hat. Und was das anbelangt, dürften sich die vielen heutigen Comicverfilmungen ruhig eine Scheibe abschneiden.

5.5/10

2. Januar 2017

Filmjahresrückblick 2016: Die Top Ten

There are no rules in filmmaking. Only sins. And the cardinal sin is dullness.
(Frank Capra)


Wieder mal ist ein Jahr zu Ende gegangen und hat ein neues begonnen. Wie so viele Jahre zuvor und noch viele zukünftige Jahre. Nicht minder zur Tradition ist es anderswo wie hier geworden, zurückzuschauen auf das, was uns das vergangene Filmjahr beschert hat. Was wie bereits in den Jahren zuvor leider immer weniger zu werden scheint, baute das Filmjahr 2016 gegenüber dem bereits müden Vorjahr nochmals qualitativ etwas ab. Sequels, Spin-Offs, Remakes und Reboots, aber vor allem Superhelden- und Franchise-Filme bestimmen unsere Zeit. Und natürlich Animationsfilme über sprechende Tiere. Vor der Vorstellung meiner zehn Favoriten gibt es wie hier im Blog üblich zuvor einen Ausblick auf den internationalen Kinokonsum.

Vielleicht auch wegen meiner großen Unzufriedenheit markierte 2016 ein neues Rekordjahr für mich mit 185 Filmen. Was insofern erstaunlich ist, da nach dem Geoblocking der internationalen (und umfangreicheren) Bibliothek von Netflix, auf die ich in 2015 noch ausgiebig zugriff, mein Heimkino-Konsum verstärkt auf das US- und UK-Angebot von iTunes auswich. Auch gegen den jüngsten Trend entwickelte sich die Zahl meiner Kinobesuche, die von 16 auf 30 anstieg und sich damit fast verdoppelte. 76 Prozent dieser Kinobesuche waren dabei regulär und keine Pressevorführungen (sieben derer besuchte ich), was sich primär dadurch erklärt, dass nach einem Arbeitsplatzwechsel mein OV-Kino nun quasi auf dem Heimweg liegt.

Nur ins Heimkino schaffte es die herrliche Komödie Popstar: Never Stop Never Stopping.
Aber auch in diesem werden nicht immer alle Filme gezeigt, die insbesondere mein Interesse wecken, sondern eben in der Regel das, was massentauglich ist. Grundsätzlich erfreulich ist dabei sicherlich, dass ein etwas „intellektuellerer“ Film wie Arrival zumindest in meinem kleinen OV-Kino zum ausverkauften Kassenschlager wurde. Aber auch in der Gunst der Nutzer der Internet Movie Database (IMDb) avancierte Denis Villeneuves Sci-Fi-Adaption mit einer Wertung von 8.2/10 zum Spitzenreiter (Stand: 2. Januar 2017). Ebenso überraschend sind die Plätze 2 und 3 in dieser Hinsicht, die mit Lenny Abrahamsons Room (8.2/10) und Tom McCarthys Spotlight (8.1/10) mit ruhigeren Dramen und gewichtigen Missbrauchsthemen bestückt sind.

Naturgemäß sind jedoch die drei bestbewerteten Filme selten diejenigen, die an den Kinokassen die meisten Zuschauer anlockten. Dieses Podest bleibt den bereits oben umrissenen Werken vorbehalten, sodass es wenig überraschen dürfte, dass der internationale Spitzenreiter in dieser Hinsicht ein Franchise-Film ist. Genauer: der überfrachtete Captain America: Civil War, eigentlich weniger der dritte Teil der Captain America-Saga als vielmehr der The Avengers-Reihe. Als Folge spielte er weltweit über 1,1 Milliarden Dollar ein – weitaus mehr als DC-Konkurrent Batman v Superman: Dawn of Justice. Ebenfalls die Milliarden-Dollar-Grenze überschritten Pixars müde Fortsetzung Finding Dory auf Rang 2, dahinter kam dann Disneys Zootopia.

Superhelden- und Franchise-Filme dominierten das Kinojahr 2016.
Die Top Ten der erfolgreichsten Filme des Jahres wird dann von Franchise- und Superhelden-Beiträgen komplettiert. Disney setzte sein starkes Jahr mit der überzeugenden Realfilm-Adaption von The Jungle Book fort, und auch wenn DC mit Batman v Superman und Suicide Squad nicht in Marvelsche Sphären vordringen konnte, erzielte Warner Bros. respektable Ergebnisse. Ganz zu Schweigen von Fox’ Deadpool-Hit, einer R-Rated-Zoten-Komödie, die locker X-Men: Apocalypse desselben Studios hinter sich ließ. Zwar kein The Force Awakens klettert aber auch das nächste Star Wars-Remake Rogue One in den Charts munter nach oben, vorbei am durchschnittlichen Harry Potter-Spin-Off Fantastic Beasts and Where to Find Them von Warner Bros.

Der einzige originäre Beitrag unter diesen Top Ten ist neben Zootopia dabei Universals The Secret Life of Pets, eine tierische Version der Toy Story-Filme. Sowohl in Österreich als auch in Russland, Portugal, Ungarn und Uruguay eroberte der Haustier-Spaß die Jahrescharts. Unterdessen zeigten sich Deutsche und Amerikaner eins und strömten am liebsten in Finding Dory. Genauso wie Argentinier, Australier, Belgier und Südafrikaner. Und während Zootopia in keinem größeren Land den Spitzenplatz einnahm, gelang dies immerhin Ice Age: Collision Course in Südamerikas Chile, wohingegen der fünfte Teil der prähistorischen Sony-Reihe ansonsten weltweit ziemlich auf der Strecke blieb und weniger als die Hälfte seines Vorgängers einnahm.

Jahressieger der deutschen Kino-Charts: die Pixar-Fortsetzung Finding Dory.
Ansonsten regierten die Superhelden, so landete Captain America: Civil War in Brasilien und Mexiko, aber auch in Malaysia und Singapur auf Rang 1, der ging in Bolivien und Kolumbien dafür an Batman v Superman. Rumänen und Ukrainer bevorzugten hier wiederum Suicide Squad und in Kroatien ging in 2016 scheinbar nichts über Deadpool. Davon wollten Schweizer und Griechen nichts wissen, wo man lieber Leonardo DiCaprio beim Leiden in The Revenant zusah. Sehr viel obskurer ging es in den Niederlanden zu, wo Bridget Jones’s Baby das Herz der Masse eroberte – was jedoch nichts ist im Vergleich zu Venezuela, wo es scheinbar innerhalb weniger Wochen Office Christmas Party schaffte, zum absoluten Kassenknaller zu werden.

In Großbritannien begaben sich die Zuschauer auf eine Reise in Rudyard Kiplings indischen Dschungel mit The Jungle Book, andere Länder besonnen sich auf Produktionen, die sich etwas mehr an der eigenen Kultur orientierten. So lachten die Franzosen über Les Tuche 2 und die Italiener über Quo vado?, während in China Stephen Chows Öko-Fantasy-Komödie Mei ren yu (The Mermaid) die Charts eroberte. Dies gelang in Japan dem Anime-Film Kimi no na wa (Your Name), während man sich in Südkorea vor Zug-Zombies gruselte in Busan-haeng (Train to Busan). In Spanien folgte das Volk wieder mal J.A. Bayona – diesmal mit dem phantasievollen A Monster Calls, patriotisch hielten es jedoch auch noch einige andere Nationen.

Beste Serie des Jahres: die 2. Staffel von Marvels Netflix-Produktion Daredevil.
Das Kriegsdrama Dag 2 überzeugte die Menschen in der Türkei, Polen gefiel der nächste Teil der Pitbull-Reihe Niebezpieczne Kobiety. In Dänemark war die Verfilmung von Jussi Adler Olsens Flaskepost fra P (Erlösung) ein Publikumsmagnet, wie auch in den anderen skandinavischen Ländern – Finnland (Risto Räppääjä ja yöhaukka), Norwegen (Kongens nei), Schweden (En man som heter Ove) – nationale Filme die Spitzenreiter waren. Ebenfalls keine Ausnahme machten da Tschechen (Andel Páne 2) und Isländer (Eiðurinn) und zumindest in seinem Produktionsland Neuseeland war der bei Film-Fans ungemein beliebte Hunt for the Wilderpeople unangefochtener Jahressieger. Gewinner fanden sich aber auch hinter Film-Produktionen.

Allen voran dürfen die Entscheider im Hause Disney das Glas heben, die mit dem Mouse House, ihren Marvel-Filmen, Star Wars und Pixar großen Reibach gemacht haben. Jemand, der immer öfter auf der Leinwand auftaucht, war nach Gaspar Noés Love von 2015 dieses Jahr Karl Glusman (Nocturnal Animals, The Neon Demon, Embers) und Isabelle Huppert bewies in gleich drei Filmen (Elle, Valley of Love, L’avenir), dass sie zu den besten Darstellerinnen ihrer Generation gehört. Angesichts der Erfolge ihrer Filme dürfen sich auch Jon Favreau (The Jungle Book) und Ryan Reynolds (Deadpool) auf die Schulter klopfen. Ebenso wie Emmanuel Lubezki (The Revenant) für seinen bereits dritten Kamera-Oscar nacheinander.

Bestes Videospiel des Jahres: der dystopische 2D-Sidescroller Inside von Playdead.
Im Fernsehen kann sich wieder mal HBO über seinen Output nicht beklagen, die Faszination der Zuschauer mit den Serien des Pay-TV-Senders ist ungebrochen, sei es die sechste Staffel von Game of Thrones oder Neuzugang Westworld. Auch Netflix verstärkt seine Bemühungen mit eigenem Material, neben House of Cards und Orange is the New Black unter anderem mit The Get Down und The Crown. Und auch wenn mir die vierte Staffel von SundanceTVs ruhiger Dramaserie Rectify so gut gefiel wie keine der Staffeln zuvor, so geht mein Titel des gefälligsten und unterhaltsamsten Titels in 2016 an die Marvel-Netflix-Produktion der zweiten Staffel von Daredevil mit der tollen Komplettierung um Jon Bernthals Punisher.

Nicht nur das Kinojahr enttäuschte, auch in der Welt der Videospiele gab es wenig Neues und Tolles. So kochte Naughty Dog mit Uncharted 4: A Thief’s End erneut die Vorgängerspiele von Nathan Drake auf, genauso wie Rise of the Tomb Raider lediglich die Pfade des tollen Vorläufers neu betrat. Als echte Reinfälle erwiesen sich No Man’s Sky und der vielgepriesene Firewatch und auch wenn ABZÛ im Grunde nur das Spielerlebnis von Journey unters Wasser verlegte, gehörte es doch zu den wenigen erfreulichen Games des Jahres. Knapp den Sieg sicherte sich in dieser Kategorie jedoch Playdeads reduziertes, aber deswegen nicht minder packendes Inside, ein simpler 2D-Sidescroller über einen kleinen Jungen in einer düsteren Dystopie.

Beste Darsteller des Jahres: Vincent Lindon, Royalty Hightower, Kristen Stewart.
Wie bereits im Vorjahr hatte ich mir erneut die Oscarverleihung gespart – auch, da meine eigene Würdigung von Schauspielleistungen ohnehin mit der Show nicht d’accord geht. Die männliche Darstellerriege macht es einem aber auch Jahr für Jahr nicht leicht, sodass aus Mangel an Alternativen die beste Leistung eines Darstellers von Vincent Lindon für La loi du marché stammt. Schwieriger machen es einem traditionell die Darstellerinnen, wo sich die tolle Kristen Stewart mit durchweg überzeugenden Leistungen von Personal Shopper über Certain Women bis hin zu Café Society und Equals den Titel verdankt. Meine Newcomerin des Jahres ist derweil Royalty Hightower für The Fits, knapp vor Anya Taylor-Joy (The VVitch, Barry).

Ansonsten war 2016 ein Jahr der cineastischen Enttäuschungen. Sowohl Denis Villeneuve mit Arrival als auch Jeff Nichols mit Midnight Special lieferten nach zuletzt starken Filmen plötzlich wahren Murks ab, den ist man von Steven Spielberg zwar schon länger gewöhnt, mit The BFG erreichte der einstige König von Hollywood dennoch einen neuen Tiefpunkt. Wenige Filme vermochten mich zu beeindrucken (geschweige zu begeistern), lobenswerte Vertreter fand ich aber trotzdem. Daher nun ohne weitere Umschweife zu meinen persönlichen zehn liebsten Filmen des Jahres. Eine ausführliche Liste mit Ranking aller 185 Werke gibt es bei Letterboxd, Honorable Mentions sowie meine Flop Ten finden sich wie gewohnt in den Kommentaren:


10. Fuocoammare (Gianfranco Rosi, I/F 2016): Lampedusa gilt als Symbol für das Elend der Flüchtlingskrise – die Insel, die Afrika näher ist als dem ihr zugehörigen Italien und deren Zahl an Flüchtlingen auch schon mal die der Einwohner überstieg. Gianfranco Rosi hält das Drama der ankommenden Flüchtlinge fest, von denen nicht alle lebend die Insel erreichen, zeigt jedoch auch das Leben und den Alltag auf Lampedusa abseits der Flüchtlingskrise. Das Ergebnis ist keine Dokumentation mit Fakten, sondern mit Eindrücken.

9. L’avenir (Mia Hansen-Løve, F/D 2016): Wie Gianfranco Rosi im Frühjahr bei der Berlinale ausgezeichnet, präsentiert Mia Hansen-Løve einen reifen, sehr erwachsenen und rationalen Film über eine Philosophielehrerin um die 50, deren privates Leben im Wandel ist. Trotz verschiedener Umwälzungen wirkt L’avenir fast ereignislos, so ruhig und bedacht inszeniert Hansen-Løve den Film. Der wird im Alleingang getragen von einer wie so oft starken Isabelle Huppert, die gekonnt von überzeugten in verletzliche Momente wechselt.

8. Bakemono no ko (Hosoda Mamoru, J 2015): In seinem jüngsten Film erzählt Hosoda Mamoru wieder mal eine Coming-of-Age-Geschichte, in der sich der Halbwaise Ren in eine Parallelwelt verirrt, wo er im Tiermonster Kumatetsu einen sturen Freund und Vaterersatz findet. Humorvoll und gerade in seinem Schlussakt stellenweise ergreifend liefert Hosoda ein weiteres Meisterstück ab, das sich bei Bedarf auch als schwache Sozial-Allegorie auf die immer häufiger auftretenden Vorfälle von Amokläufen und Anschlägen lesen lässt.

7. Anomalisa (Charlie Kaufman, USA 2015): Einsamkeit, Beziehungen, Liebe und personelle Leere ziehen sich als Thema durch das Œuvre von Charlie Kaufman – das ist auch bei seiner zweiten Regie-Arbeit nach Synecdoche, New York nicht anders. In seinem Stop-Motion-Werk Anomalisa schickt Kaufman einen am Fregoli-Syndrom leidenden Motivationsredner in eine Sinnsuche, während er sich in einem Hotel mal wieder verliebt. Ein düsteres Beziehungsbild mit absurdem Humor – nicht das einzige des Filmjahres.

6. Weiner (Josh Kriegman/Elyse Steinberg, USA 2016): Mit Weiner lieferten Josh Kriegman und Elyse Steinberg so unterhaltsame wie intime Einblicke in das Leben des ehemaligen New Yorker Kongressabgeordneten Anthony Weiner, der 2011 über einen Sexting-Skandal stolperte und sich zwei Jahre später im Big Apple als Bürgermeister zur Wahl stellte. Was als Dokumentation von Weiners Wahlkampf begann, hält in der Folge nicht nur den Verfall von Medien und Qualitätsjournalismus fest, sondern auch den der Person Weiner.

5. The Neon Demon (Nicolas Winding Refn, USA/DK/F 2016): Mit seinem jüngsten filmischen Fiebertraum gelang es Nicolas Winding Refn erneut, das Publikum und Feuilleton gleichermaßen zu spalten. Wie eine träumerische Schein- oder Parallelwelt inszeniert er seine in pinken und blauen Neontönen gehaltene sleazige Horror-Satire auf die Modewelt, als würden Lust und Kälte eine Affäre miteinander eingehen, während der pochend-pulsierende Score von Komponist Cliff Martinez einen The Neon Demon nicht vergessen lässt.

4. Kimi no na wa. (Shinkai Makoto, J 2016): Das Körpertausch-Genre ist nicht mehr ganz so populär wie früher, doch Shinkai Makoto weiß ihm in seinem Kassen-Hit Kimi no na wa. dennoch neues Leben zu verleihen. Zugleich verknüpft der Japaner seine Komödie mit einem tragischen Subplot, der nach der Hälfte der Laufzeit dem zuvor bereits gelungenen Film nochmals qualitativ etwas hinzufügt. Was bleibt ist eine visuell hinreizende, amüsante und bewegende Geschichte, wie sie nur japanische Animes erzählen können.

3. The Lobster (Yorgos Lanthimos, GR/UK/F/NL/IRL 2015): Im wohl fraglos originellsten Film des Jahres hat sich der griechische Auteur Yorgos Lanthimos (Kynodontas) in seiner Zukunfts-Dystopie das Für und Wider von Beziehungen zum Thema gemacht. The Lobster eruiert, welches Verständnis von Partnerschaft das menschliche Denken bestimmt – und dabei gleichzeitig einschränkt. Wie in seinen Vorgängern verpackt Lanthimos seine Sozialmetapher in ein absurd-komisches Gewand. Der perfekte Date-Film.

2. Paterson (Jim Jarmusch, USA/F/D 2016): Mit der Geschichte eines Poesie schreibenden Busfahrers liefert Jim Jarmusch ein weiteres Meisterwerk ab und die gelungenste Komödie des Jahres. Ähnlich wie die jüngeren Werke Terrence Malicks besitzt Jarmuschs Ode an Gewohnheiten durch die quasi inhaltsleeren Bilder einen meditativen Charakter – wenn sich der Zuschauer in diesen einfinden kann. Für Fans des Regisseurs ist Paterson folglich ein Muss und empfehlenswert für Freunde ruhiger, bedachter Charakterporträts.

1. O.J.: Made in America (Ezra Edelman, USA 2016): Ezra Edelman gelingt es auf brillante Weise, nicht nur ein interessantes und spannendes Porträt über den ehemaligen Football-Star O.J. Simpson zu inszenieren, O.J.: Made in America arbeitet zugleich detailliert den Mordfall von Nicole Brown Simpson und das Gerichtsverfahren gegen O.J. auf und sagt im selben Atemzug in seiner Rekapitulation der Rassenunruhen und Analogie zum Leben von O.J. viel über die USA und ihr Verhältnis zu ihrer schwarzen Bevölkerung aus.

31. Dezember 2016

Gratitudes & Goodbyes: Adieu, 2016!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und ehe Anfang kommender Woche der traditionelle Jahresrückblick über das Filmjahr 2016 ansteht, wollte ich mich separat nochmals bei meinen Leserinnen und Lesern bedanken. Zwar sind die Zeiten der regen Bloggersphäre bereits seit ein paar Jahren vorbei, entsprechend geht ein Großteil meiner täglichen rund 200 Seitenaufrufe allein auf Google-Bildersuche zurück, aber es gibt dennoch einige wenige „Gallier“, die hier weiterhin wacker vorbeischauen, mitlesen und bisweilen einen Kommentar hinterlassen. Bei 51 Beiträgen (diesen nicht mitgerechnet) waren dies 42 Kommentare. Rund 48 Prozent und damit im Grunde jeder zweite Kommentar stammt vom Kollegen bullion von Tonight is gonna be a large one. Für so viel Fleiß, gab's einen Preis. Mein Dank geht auch an Jochen von Sutter Cains Filmblog, der immerhin für 20 Prozent und damit jeden fünften Kommentar verantwortlich war. Das Triumvirat meiner Treuesten wird abgeschlossen von Okami Itto von Kozure Okami, dessen Teilnahme gut 10 Prozent ausmachen. Sprich: Diese drei Blogger waren für 80 Prozent der getätigten Kommentare zuständig – vielen Dank dem Trio!

Aber ich bedanke mich auch bei denjenigen, die hier mit- bzw. reinlesen, aber nicht kommentieren. In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen schönen und feuchtfröhlichen Jahreswechsel. Wir lesen uns hier 2017 wieder.

25. Dezember 2016

City of Gold

Like the fat man’s version of the Bourne Identity.

Die Aufgabe des Kritiker ist es, Dinge prüfend zu beurteilen, um damit anderen Menschen bei ihrer Entscheidungsfindung zu helfen. Oder wie es Restaurantkritiker Anton Ego in Pixars Ratatouille formuliert: “We risk very little, yet enjoy a position over those who offer up their work and their selves to our judgment.” In Zeiten von Online-Bewertungen und Yelp verwischen jedoch immer mehr die Grenzen zwischen Experte und Laie. Insofern fragt sich Restaurantkritikerin Carolina Miranda in City of Gold von Regisseurin Laura Gabbert sicher zurecht: “What is the role of the critic?” Was bringt der oder die Kritker/In mit? Hintergrundwissen zum einen, Jargon zum anderen. Oder wie Jonathan Gold einen Pulitzer Preis für seine Restaurantkritken.

Der 56-jährige Journalist der Los Angeles Times erhielt die renommierte Auszeichnung im Jahr 2007 und gilt in seiner Heimatstadt als Connaisseur erster Güte. “Jonathan changed the food writing world”, berichtet eingangs die Chefköchin Nancy Silverton. Denn der Angeleno war einer der ersten Restaurantkritiker, die kleine, zurückgezogene Lokalitäten aufsuchten. “Mom & Pop places where generations of tradition were passed down”, wie sie Carolina Miranda beschreibt. Von solchen gibt es in der 4-Millionen-Metropole Kaliforniens mehr als genug, gerade in den vielen ethnischen Vierteln wie Koreatown oder Tehrangeles. Gold kennt sie wie seine Westentasche und kann sie mit einer Restaurantkritik auf die kulinarische Landkarte hieven.

Für Jonathan Gold sind die Restaurants von Los Angeles mehr als nur reine Speiselokale, sie repräsentieren die Kultur der Pazifik-Metropole und damit im Grunde diese selbst. Von chinesischem, koreanischem und japanischem über indisches Essen bis ihn zu mexikanischen Spezialitäten und mehr – wer sich auf die exotische Küche in den Straßen von L.A. einlässt, nimmt dadurch zugleich den multiethnischen Charakter der Stadt auf. Gold erachtet somit seine Kritiken nicht nur als reines Empfehlungsschreiben für ein gelungenes Abend- oder Mittagessen, sondern auch als eine Einladung, sich anderen Kulturen zu öffnen und über deren einheimische Cuisine mehr über den Hintergrund seiner mittel- und unmittelbaren Nachbarn zu lernen.

Das Bild, das Gabberts Dokumentation von dem 56-Jährigen zeichnet, wirkt dabei so, als würde sich Gold mit Verrissen gar nicht aufhalten. Wohl auch, weil dies nicht seine Intention ist. “You want these guys to succeed”, verrät Gold im Trailer zum Film. Idealerweise geht der Kritiker an sein zu prüfendes Objekt mit der Erwartung heran, dass das Ergebnis überzeugend ausfällt. Sei dies eine Meeresfrüchte-Speise, ein Musikalbum oder eine Filmproduktion. “His empathy level is higher than anybody else”, weiß Chefkoch David Chang zu berichten. Als Folge schreibt Gold keine leichtfertigen Kritiken, sondern verfasst eine solche erst dann, wenn er mehrere Male in derselben Lokalität gespeist hat, um sich von ihr und ihrer Küche ausreichend zu überzeugen.

Über den eigentlich Arbeitsvorgang von Gold verrät City of Gold leider jedoch nicht genug. Was zeichnet nun genau jene Lokale, die der Journalist im Film besucht, so aus? Vereinzelt werden Auszüge aus früheren Kritiken aus dem Off verlesen, aber was genau jenen Taco-Foodtruck vom nächsten unterscheidet, bleibt offen. Genauso, welche Rolle Gold für die Restaurants der Stadt spielt, auch wenn wir vereinzelt Stimmen hören, dass eine positive Kritik schon mal durch das daraus resultierende Interesse das Lokal vor dem Bankrott bewahrt hat. So bleibt es teils bei Bonmots über Einweg-Handys, mit denen er seine Reservierungen tätigt, um seine Anonymität zu schützen für ein möglichst authentisches, natürliches Geschmackserlebnis.

Nett ist, dass wir auch Einblicke in die Privatperson Gold erhalten, von seiner kulturell geprägten Kindheit über seine beruflichen Anfänge bis hin zu seiner Ehe mit einer Kollegin und der Erziehung ihrer Kinder. Prinzipiell bewegt sich City of Gold aber zumeist nur an der Oberfläche seiner Materie, was sich bedauerlicher Weise für so viele Dokumentationen dieses Jahr sagen lässt. Auch die Tatsache, dass der Film auf einer Digitalkamera gedreht wurde, macht ihn nicht gerade zur Schönheit, obschon die Kameraarbeit von Jerry Henry ansonsten recht ansehnlich ist. Und auch wenn Jonathan Gold etwas schüchtern wirkt, so ist er doch eine faszinierende Persönlichkeit, deren Liebe zum Essen nur noch von der Liebe zu Los Angeles übertroffen wird.

6.5/10

17. Dezember 2016

Rectify

We are what we don’t throw away.
(“Act as If”, Season 2, Episode 5)


Aller Anfang ist schwer, heißt es im Volksmund. Pustekuchen, mag man sich da angesichts Rectify denken, der ersten selbstproduzierten Drama-Serie des US-Fernsehsenders SundanceTV. Der fokussierte sich zuvor primär auf die Ausstrahlung von Dokumentationen und Independent-Filmen, ehe er vor drei Jahren mit Rectify aus der Feder von Deadwood-Darsteller Ray McKinnon eine kleine TV-Perle ablieferte. Über vier Staffeln und 30 Episoden lief die Serie um einen zum Tode verurteilten Mörder, der nach 19 Jahren wieder freigelassen wird, die unter der Woche ihr (geplantes) Ende fand. Dass die Serie insgesamt über vier Staffeln lang lief, ist in Anbetracht ihrer geringen Einschaltquote keine Selbstverständlichkeit, aber zugleich umso schöner.

Im Schnitt sahen Rectify rund 150.000 Amerikaner, während SundanceTV über 60 Millionen Haushalte erreicht. Nur ein Zuschauer von 400 schaltete also ein, wenn es darum ging, wie Hauptfigur Daniel Holden (Aden Young) versucht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Im Vergleich dazu schalten Woche für Woche durchschnittlich 11,8 Millionen Menschen bei The Walking Dead ein, der Hit-Show des Senders AMC, zu dem auch SundanceTV gehört. Da AMC gut 95 Millionen Haushalte erreicht, sieht also jeder achte Zuschauer des Senders die Ausstrahlung von The Walking Dead. Und selbst bei HBO mit zirka halb so großer Reichweite wie SundanceTV liegt der interne Marktanteil einer Serie wie Westworld noch bei etwa fünf Prozent.

Kurzum: Selbst bei der Mehrheit der SundanceTV-Zuschauer fand Rectify keine wirkliche Aufmerksamkeit, bei den Kritikern war sie dafür umso geschätzter. Auf Metacritic belegt die vierte und finale Staffel mit 99 von 100 möglichen Punkten derzeit Platz 1 der besten Fernsehserien des Jahres (Westworld landet auf Rang 65). Aber wie das mit Kritikern so ist, spiegelt deren Meinung eher selten die der breiten Masse wieder, entsprechend erklärt sich der durchschnittliche Zuschauerschnitt von neun Millionen Haushalten für Kevin James’ aktuelle Sitcom Kevin Can’t Wait. Aber Rectify ist auch per se keine effekthascherische Show, vielmehr ist es eine fast schon meditative Charakterstudie, die Ray McKinnon vier Jahre lang erzählte.

Neue DNS-Befunde waren es, die Daniel Holden, einst als 18-Jähriger für die Vergewaltigung und den Mord an seiner Jugendfreundin Hanna Dean zum Tode verurteilt, nach 19 Jahren im Todestrakt wieder auf freien Fuß setzten. Fortan beschäftigte sich die Serie damit, wie Daniel nach zwei Jahrzehnten auf engem Raum mit der Weite einer fortgeschrittenen Welt zurechtkam. Und diese Welt, allen voran die Einwohner seiner Kleinstadt Paulie, für die er Hanna Deans Mörder bleibt, auf ihn. Das Leben, das Daniel einst führte, hat er längst hinter sich gelassen. Seither ist seine kleine Schwester Amantha (Abigail Spencer) inzwischen eine erwachsene Frau und ihre Mutter Janet (J. Smith-Cameron) nach dem Tod ihres Mannes wieder verheiratet.

Rectify thematisierte eingangs vor allem den Schock, den die Prämisse der Show bei allen Beteiligten auslöste. Daniels Freilassung ist ein Einschnitt im Leben einer ganzen Gemeinde, von der Familie des Opfers bis hin zu der des vermeintlichen Täters. Plötzlich begegnen Janets neuer Mann Ted (Bruce McKinnon) und sein Sohn Teddy (Clayne Crawford) einem Familienmitglied, das sie nie kannten und mit dem sie eigentlich von vornherein immer schon abgeschlossen hatten. Gerade Teddy gibt sich reserviert, zweifelt an der angeblichen Unschuld seines Stiefbruders und beäugt misstrauisch die Sympathien, die seine christlich-engagierte Ehefrau Tawney (Adelaide Clemens) plötzlich für den Ex-Häftling und Schwager zu hegen beginnt.

Befassten sich die ersten beiden Staffeln noch mit der Anpassung der Hauptfigur an ihr altes Leben unter neuen Voraussetzungen sowie ihrer Umgebung an sie, sind die letzten beiden Staffeln etwas ruhiger und entschleunigter. Der Versuch von Judikative und Exekutive, den wegen eines Formfehlers freigelassenen Daniel wieder zurück in den Todestrakt zu kriegen, wurde letztlich geopfert für eine scheinbare Akzeptanz der Situation. So nimmt im Verlauf Daniel zwar erneut die Schuld für die Tat auf sich, er darf diese jedoch durch seine bisherige Haftstrafe als verbüßt ansehen – wenn er seine Heimatstadt und Familie für immer verlässt. Bezeichnend, dass sich die gesamte dritte Staffel nur Zeit für dieses drohende Exil nimmt.

Es war eine der großen Stärken von Rectify, dass sich die Serie – und ihre Figuren – nie vollends dafür zu interessieren schien, ob Daniel nun wirklich schuldig oder unschuldig war. Und wenn er es war, wer wirklich Hanna Dean seinerzeit tötete. Vielmehr zelebrierte McKinnon jene Ambiguität, indem wir Nebenfiguren wie dem schmierigen Trey Willis (Sean Bridgers) begegnen, einst ein Schulkamerad von Daniel und Hanna, der gegen diesen bei dessen Gerichtsverhandlung aussagte. Passend dazu wusste nicht einmal der Protagonist selbst, ob er in jener Nacht die Tat begangen hat oder nicht. Zu sehr glaubt er inzwischen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, sodass seine echte und die indoktrinierte Erinnerung seither ineinander übergehen.

Letztlich war Rectify dabei nie Crime Procudural, keine Show wie die HBO-Serien True Detective oder The Night Of, die sich mit der Aufklärung eines Verbrechens befasst. Was in jener Nacht von Hanna Deans Tod wirklich geschah, spielte weniger eine Rolle wie die Folgen, die sich aus dieser Nacht ergaben. Was es bedeutet, nach 20 Jahren Einsamkeit auf engstem Raum wieder von einem sozialen – und teilweise asozialen – Umfeld umgeben zu sein. In diesem wollen alle Charaktere eigentlich nur, dass das Leben so weitergeht, wie bisher. So schön es für Daniels Familie sein mag, dass er nun wieder frei ist, so irritiert sind sie ob seines Verhaltens. Denn der Daniel, der das Gefängnis verließ, ist naturgemäß nicht der Daniel, der es betrat.

Auch in der vierten Staffel ist Aden Youngs Figur weiterhin dabei, sich und ihren Platz in dieser Welt (wieder) zu finden. Und in gewisser Weise schließt sich im finalen Jahr der Kreis, ist Daniel aufgrund seines Exils doch erneut nicht körperlich in Paulie anwesend, aber zugleich doch stets präsent im Leben seiner Quasi-Hinterbliebenen. Will ihn seine Mutter sehen, muss sie zu ihm auf einen Besuch fahren oder das Telefon in die Hand nehmen. Insofern ähnelt das vierte Jahr von Rectify dem Leben, das die Figuren vor der ersten Staffel geführt haben – nur eben mit den Konsequenzen aus Daniels kurzer Anwesenheit lebend. Ray McKinnon widmet sich daher vor allem auch den Spannungen innerhalb der verschiedenen Familien-Beziehungen.

Allen voran der praktisch in Scherben liegenden Ehe zwischen Teddy und Tawney, aber auch der strauchelnden Partnerschaft von Janet und Ted Sr. Die Beziehungsprobleme von Amantha, sie begann vor einiger Zeit eine Affäre mit Daniels Verteidiger Jon (Luke Kirby), sind derweil eher ihrem eigenen Charakter geschuldet. Amantha hadert vor allem mit der Leere, die Daniels Entscheidung und der nun nicht mehr existente Kampf um seine Freilassung respektive Freispruch bei ihr hinterlassen hat. Rectify, auf gut Deutsch etwa „bereinigen“ oder „gerade rücken“, erzählt einerseits von dem Bereinigen dessen, was Daniel angetan wurde, fast mehr noch aber von dem Bereinigen dessen, was Daniels überraschende Freilassung mit seiner Familie anstellt.

Trotz seiner neuen Umgebung ist der Neuanfang für Daniel dabei kein leichter. Zu schwer wiegt das Trauma der Vergangenheit, auch wenn ihm die Bekanntschaft mit der bohemehaften Künstlerin Chloe (Caitlin FitzGerald) im vierten Jahr bei seiner Bewältigung des Vergangenen und Resozialisierung hilft. Die Crux der finalen Staffel ist, wenn man so will, dass in Hinblick auf das Ende Ray McKinnon nun verstärkt den Fokus zurück auf den Mordfall Hanna Dean lenkt. Sowohl Jon intensiviert seine Suche nach der Wahrheit, aber auch Sheriff Daggett (J.D. Evermore) ist bestrebt, mit den in Staffel 3 gefundenen Indizien den wahren Täter des damaligen Verbrechens zu finden. Nur ist diese Suche nach der angeblichen Wahrheit wenig interessant.

Zwar gibt es keine definitive Aufklärung der Ereignisse jener tragischen Nacht, in der Hanna Dean ihr Leben verlor, aber dafür mehr als genug Andeutungen zu Figuren, die wir im Verlauf der letzten Jahre allenfalls sporadisch oder gar nicht kennengelernt haben. Es scheint so, als habe sich McKinnon verpflichtet gefühlt, dem Zuschauer zumindest so etwas wie einen befriedigenden Abschluss des Mordfalls zu liefern, gänzlich gelingen will es aber nicht, da sich die Serie hierzu nie genug Zeit nahm. Denn ähnlich wie in Twin Peaks spielte die Demaskierung des Täters in Rectify immer eine untergeordnete Rolle gegenüber den Charakteren, ihren Interaktionen sowie der generellen Atmosphäre ihres Umfelds, in dem sie sich bewegen.

“Finding peace in the not knowing seems strangely more righteous than the peace that comes from knowing”, hatte Daniel selbst in Plato’s Cave (Staffel 1, Episode 4) gesagt. Und insofern recht, dass die Stärke der Erzählung von Rectify, nicht unähnlich der von John Patrick Shanleys Doubt, letztendlich im Unklaren ob der tatsächlichen (Un-)Schuld seiner Figur lag. Zumindest lässt sich McKinnon diese Option im Serienfinale All I’m Sayin’ offen, wenn auch nicht in dem Maße, wie es das Finale der zweiten Staffel getan hatte. Im Bestreben, die Serie im Reinen zu verlassen, überstürzen sich die Ereignisse für Rectify-Verhältnisse dabei fast schon in den zwei finalen Episoden, nur um sich nach vier Jahren möglichst versöhnlich verabschieden zu können.

Dies ist etwas schade, da speziell der Auftakt der vierten Staffel den Höhepunkt der Serie darstellt. Umso bezeichnender ist es irgendwie, dass gerade die zweite Folge Yolk nicht nur die beste Episode in der Geschichte von Rectify ist, sondern mit einer Einschaltquote von 102.000 Haushalten zugleich die am wenigsten verfolgte. Mit dem starken Auftakt A House Divided, aber auch der fünften Folge Pineapples in Paris, war McKinnons Serie so gut wie selten zuvor. Dass trotz einer leicht enttäuschenden dritten Staffel sich diese dennoch sehr gut verfolgen ließ, liegt an der großen meditativen Klasse von Rectify, angefangen von den wunderbaren Dialogen über die herrlichen Bilder bis zum durchweg überzeugenden Ensemble.

Im Grund ist es da ein Treppenwitz, wenn für Emmy, Golden Globe und SAG Awards seit 2013 keine Berücksichtigung für die Leistungen von Aden Young, Abigail Spencer und allen voran Clayne Crawford gefunden wurde. Die Darsteller von Rectify perfektionieren ihre Kunst in jeder Folge aufs Neue, aber aller Kritikergefälligkeit zum Trotz fehlt es wie beim Publikum scheinbar auch hier hinsichtlich einer Anerkennung schlicht an der entsprechenden Aufmerksamkeit. Umso mehr ist die Serie ein Kleinod, das es zu schätzen gilt. Wer sich ihm widmet, wird nicht enttäuscht. Dasselbe lässt sich wohl nicht zu SundanceTVs zweiter und bereits eingestellter Serie The Red Road sagen. Manchmal ist der zweite Schritt also doch schwerer als der erste.

Season 1: 7/10
Season 2: 7/10
Season 3: 6.5/10
Season 4: 8/10