22. Juni 2018

Jurassic World: Fallen Kingdom

I say we shut this whole thing down.

Es gibt in Jurassic World eine Szene mit Genetiker Henry Wu (BD Wong), die exemplarisch das Problem des Jurassic Park-Franchises auf den Punkt bringt. “You didn’t ask for reality, you asked for more teeth”, sagt Wu darin in Bezug auf den amoklaufenden Hybrid-Dino Indominus Rex. Versuchte die Filmreihe um rebellierende Riesenechsen zuerst in The Lost World noch, den Erfolgsdruck einer Fortsetzung mit einem Mehr an Kreaturen aufzufangen (mehr Tyrannosaurier, mehr Raptoren), ging Jurassic Park III mit seinem Spinosaurier bereits dazu über, den Fokus eher auf einen neuen, „Supersaurier“ zu legen. Wo Stephen Sommers’ Trilogieabschluss scheiterte, reüssierte Colin Trevorrow 2015 mit Jurassic World – zumindest finanziell.

“Life finds a way”, sinnierte Ian Malcolm (Jeff Goldblum) da im Original – und könnte genauso für jeden Kino-Blockbuster sprechen, der bei ausreichend Erfolg eine Sequel-Lawine lostritt. Bei einem Einspiel von über 1,6 Milliarden Dollar war absehbar, dass Jurassic World zurück auf die Leinwand kehrt. Immerhin bleibt der Park dieses Mal geschlossen – was nicht bedeutet, dass J.A. Bayona, der Trevorrow als Regisseur ersetzt, aber nicht dieselben Fehler wie sein Vorgänger macht. Jurassic World: Fallen Kingdom erzählt so im Grunde zwei Geschichten in einem Film – wobei die erste angelehnt ist an The Lost World und die zweite im Prinzip der Handlung des Vorgängers folgt. Dies aber zumindest in einer neuen und eher ungewöhnlichen Umgebung.

Ein Vulkanausbruch droht, die auf Isla Nublar verbliebenen Dinos auszulöschen. Für die Tiere ein kataklystisches Déjà-vu, welches Milliardär Benjamin Lockwood (James Cromwell), der mit John Hammond (Richard Attenborough) einst das Dino-Klonen anstieß, gemeinsam mit Claire (Bryce Dallas Howard), vormals Park-Leiterin von Jurassic World, verhindern will. Elf Spezies können auf eine andere Insel Lockwoods verlagert werden, klärt Lockwoods Assistent Eli (Rafe Spall) auf. Darunter auch Velociraptor Blue. Nur: Um diese im verwahrlosten Park ausfindig zu machen, müssen Claire, ihr IT-Kollege Franklin (Justice Smith) sowie Ex-Freund und Raptor-Trainer Owen (Chris Pratt) aber erst das Tracking-System des Parks rebooten.

Während Ian Malcolm in einem Cameo vor dem US-Senat eine Intervention der natürlichen Ereignisse ablehnt, veranstaltet der Film ein großes Bohei um eine letzten Endes reduzierte Rettungsaktion. Selbst wenn ein Dutzend Exemplare gerettet werden, bleibt der Großteil doch zur Auslöschung verdammt. Sprich: Um die vorhandenen Tiere geht es weniger als um den Gedanken eines zweiten Aussterbens. Die Szenen auf Isla Nublar ähneln dabei denen aus The Lost World, wenn sich die Dino-Aktivisten einer Schar Söldner um ihren Anführer Wheatley (Ted Levine) gegenübersehen, die sich nicht um das Wohl der Echsen scheren, sondern ihren Gehaltscheck. Der Kommerz steht über allem – sogar über dem Überleben unserer Helden.

Ein Thema, das Colin Trevorrow und Derek Connolly – die beide erneut das Drehbuch schrieben – schon in Jurassic World faszinierte. Obwohl der Dino-Park finanziell ertragreich war, verkam die Genese des Indominus Rex da primär zum Wirtschaftsfaktor. Weshalb es irritieren muss, dass Jurassic World trotz allem auf Isla Nublar gebaut wurde, obwohl dort ein aktiver Vulkan brodelt. Wäre der Park nicht am Ende des letzten Films geschlossen worden, wäre er nun sowieso dahin – und müsste woanders komplett neu gebaut werden. So hätte man vielleicht rückwirkend die Erschaffung des Indominus Rex erklärt – als finanzielle Rechtfertigung für kommende rote Zahlen. Sei es drum, der liebe Schotter bestimmt die zweite Filmhälfte.

Trevorrow, Connolly und Bayona verlagern das Geschehen von draußen nach drinnen, wenn die geretteten Dinosaurier in einer illegalen Auktion an die meistbietenden Oligarchen, Waffenhändler und Co. verscherbelt werden sollen. Reine Geldmacherei, ätzt in einer Szene Claire – kriegt aber von dem Antagonisten des Films postwendend den Spiegel vorgehalten. Jurassic World: Fallen Kingdom folgt hier dem Denkansatz der Privatisierung, die Vincent D’Onofrio im Vorgänger angestoßen hat. Bleibt jedoch vage. Fraglich, was jemand mit einem Stegosaurus mit achtstelligem Preisschild anfangen will. Genauso wie die angedeutete Dino-Kriegsführung nur Sinn ergibt, wenn die Käufer per Gen-Splicing danach selbst zu Dr. Frankenstein mutieren.

Allzu viel hinterfragen sollten Zuschauer ohnehin nicht in Fallen Kingdom. Warum vor Lava fliehende Dinosaurier plötzlich Menschen angreifen, statt ihrem Überlebensinstinkt zu folgen? Wenn es nur um das Retten einiger Dinos geht, anstatt aller Tiere, könnte man es doch bei den Exemplaren auf Isla Sorna belassen? Wieso soll Raptor Blue auf einmal eine Empathie-Prinzessin sein, nachdem sie im letzten Teil genauso rücksichtslos wie ihre Artgenossen mordete? Hinzu kommen verschiedene als Twist verkaufte Offenbarungen in der zweiten Hälfte, die keinerlei wirkliche Relevanz für die Story des Films besitzen. Eher weitere Fragen nach sich ziehen, am Ende aber wie das Gros des Rests ohnehin in der Belanglosigkeit versinken.

Die Handlung des Films ist im Grunde nicht mehr als eine Entschuldigung, ein CGI-Action-Set-Piece an das nächste zu reihen. Teils in einer derartigen Frequenz, dass es nah am Overkill ist, wenn Bayona zwischen zwei dramatische Momente kurzerhand noch einen dritten quetscht. Zur selben Zeit ist der Regisseur immerzu bemüht, visuelle Referenzen zum 1993er Original einzubauen. War dies in Jurassic World bisweilen noch nostalgisch, wirkt es hier mehr und mehr ermüdend. Angefangen vom röhrenden T-Rex in Snapchat-Gedächtnispose – ein Motiv, so ikonisch, dass es Fallen Kingdom gleich vier Mal abspult. Dass Bayona zudem ein enormer Fan der Raptoren-Küche-Szene aus dem Original ist, zeigt er in gleich mehreren Einstellungen.

Trotz alledem gelingt es dem Film, einige überzeugende Momente zu kreieren – selbst inmitten seines Hommage-Wusts. Wenn der T-Rex während eines Angriffs zwischen der Dunkelheit und Scheinwerferlicht wandelt, verstärkt dies nochmals die Bedrohlichkeit der Echsenkönigin. Und auch das Geisterhaus-Stalking des neu erschaffenen Indorapters im Schlussakt inszeniert Bayona bisweilen geschickt im Mondlicht. Beinahe gelingt es dem Film gar, den Zuschauer zu berühren, wenn ein Dino langsam zur Silhouette in einer Lavawolke verkommt. Rar gesäte Einstellungen in einem zwar unterhaltsamen, aber nicht wirklich erinnerungswürdigen Film. Dafür hapert es zu sehr an einer durchdachten Handlung oder sympathischen Figuren.

Diese bleiben größtenteils eindimensionale Karikaturen – einschließlich der Charaktere, die wir bereits aus dem letzten Teil kennen. So zehrt Chris Pratt von seinem natürlichen Charisma, das die klischeebehaftete Macho-Figur aber nicht ausreichend füllt. Völlig frei von Chemie sind dabei all jene Szenen, in denen der Film die romantische Flamme zwischen Owen und Claire wieder entfachen will. Rafe Spall macht wenig aus seinem gelackten Assistenten, Ted Levine ist seinerseits ein lebloser Arschloch-Hybrid aus Vincent D’Onofrios und Pete Postlethwaites Vorgänger-Figuren. Justice Smith mimt den verängstigten Comic-Relief-Nerd und Daniella Pineda gibt eine vorlaute Paläo-Veterinärin, die ursprünglich wohl homosexuell sein durfte.

Wenn einem die Handlung und Figuren schon nichts bieten, dann muss es eben der aus dem Rechner stammende CGI-Bombast tun. So ähnlich mag man sich das bei Universal gedacht haben. Dass dabei für Nahaufnahmen tatsächlich Animatronics eingesetzt wurden, geht im VFX-Wust fast unter. Die Action ist nur leidlich spannend, ihr Ausgang vorhersehbar. Sterben dürfen im Blockbuster-Kino der Gegenwart eh nur noch die Bösen, wieso da Zeit aufgewandt wird, um einen von Lava umströmten, gelähmten Chris Pratt zu zeigen, bleibt offen. Zumal inzwischen Gang und Gäbe ist, Sequels vorab bereits anzukündigen (Trevorrow kommt nach seiner Star Wars-Entlassung wieder selbst zum Zug), und Filme in Gänze in Trailern zu spoilern.

Selbst nach 25 Jahren können sich die meisten Effekte aus Jurassic Park behaupten – auch, weil die Dinos spärlich auftauchten. Wenn in Jurassic World: Fallen Kingdom eine digitale Herde von ihnen vor digitaler Lava flieht, bleibt das Illusion. Selbst wenn Bayona im Finale versteht, dass nicht gleich eine ganze Insel in die Luft fliegen muss, zieht sich die Klimax doch zu sehr. Der Film verkommt zwar nie zum Ärgernis – ungeachtet der Logikfehler und uninteressanten Figuren. Gute Unterhaltung sieht aber anders aus. Am Ende bleibt so Durchschnitt, dessen lebloses Skelett wohl wie hier im Falle des Indominus Rex in der Auftaktszene herhalten wird für ein neues (Film-)Exemplar. Das Franchise scheint noch nicht vom Aussterben bedroht.

5/10

15. Juni 2018

Filmjahresrückblick 1983: Die Top Ten

I live in cinema. I feel I’ve lived here forever.
(Agnès Varda)

1983 – das Jahr in dem ich Kontakt aufnahm. Dieses Wochenende ist praktisch die Hälfte meines Lebens – zumindest dem der voraussichtlich besten Gesundheit – vorbei, da mein 35. Geburtstag ansteht. Grund genug, einmal zurückzublicken auf eine Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war: die Achtziger. Genauer gesagt eben 1983, mein Geburtsjahr. War früher (wirklich) alles besser? Allen voran natürlich die Filme? Oder verklärt die Nostalgie doch einiges? Wir werden es erfahren, hier und jetzt in meinem Filmjahresrückblick zu 1983. Wer hier öfters (sprich: die letzten elf Jahre) vorbeischaut, kennt meinen traditionellen Jahresrückblick. Dieser wird in diesem Fall etwas anders, zumindest reduzierter, ausfallen als üblich.

Logischerweise standen vor 35 Jahren noch keine Kinobesuche oder Filmsichtungen an. Zumindest keine bewusst wahrgenommenen (vielleicht lief ja mal beim Stillen ein Film nebenher). Die 1980er Jahre waren zudem noch eine Zeit, in der die wöchentlichen Filmstarts überschaubar blieben. Keine acht bis zehn konkurrierenden Filme unterschiedlicher Qualität – oder anders gesagt: Weniger Filme in der Summe, die sich eine Sichtung verdient hätten. Entsprechend knapp fällt auch die Liste jener Werke aus, die mir aus dem Jahr 1983 bekannt sind. „Lediglich“ 47 Filme habe ich gesehen – für 1983 nicht so wenige und doch so viele wie ich teils bereits allein im Dezember schaue, auf der Suche nach letzten Filmperlen des Jahres.

Alle diese 47 Sichtungen entfallen somit auf das Heimkino, seiner Zeit noch primär VHS oder Fernsehausstrahlungen. Wobei ich die vergangenen Monate hinweg 20 Filme – und damit fast die Hälfte – eigens nachgeholt habe. Dennoch setzt sich die Top Ten nahezu ausschließlich aus Werken zusammen, die ich bereits kannte – verpasst habe ich somit all die Jahre über nicht viel. Meinungen haben sich verfestigt, nicht zuletzt durch etwaige Mehrfachsichtungen. Den Test der Zeit überstanden hat da auch der Star-Wars-Trilogieabschluss The Return of the Jedi, wohl der Film schlechthin für das Jahr 1983. Bei den Nutzern der Internet Movie Database (IMDb) stellt er mit einer Wertung von 8.3/10 den beliebtesten Film aus 1983 dar.

Ebenso hoch bewerteten die User mit 8.3/10 – aber weniger Abstimmungen – Oliver Stones Remake Scarface, das in Deutschland aber erst im März 1984 anlief. International ist der Dritte im Bund, liegt Ingmar Bergmans Fanny och Alexander in Relation zu den Stimmzahlen mit einer Wertung von 8.1/10 auf Rang 3. Finanziell konnten aber weder das schwedische Drama noch Stones Kultfilm mit den Jedi-Rittern mithalten, avancierte The Return of the Jedi in 1983 zum weltweit erfolgreichsten Film des Jahres. Gar nicht einmal so weit dahinter – und als einziger anderer Film mit einem Einspiel über 200 Millionen Dollar – markierte wiederum Adrian Lynes Flashdance trotz schlechter Kritiken den zweiterfolgreichsten Film des Jahres weltweit.

Weniger ungewöhnlich: Das damalige James-Bond-Abenteuer Octopussy verdiente sich Bronze – und setzte sich damit zugleich gegen den zweiten James-Bond-Film aus 1983, Never Say Never Again mit Ur-007 Sean Connery, durch. Jener „inoffzielle“ Bond startete erst im Januar 1984 in deutschen Kinos, vermochte dort aber ebenfalls nicht die Besucherzahlen des Roger-Moore-Vertreters vom Vorjahr zu erreichen. Zwischen die beiden Bond-Filme schob sich noch Sydney Pollacks Travestie-Komödie Tootsie, während Filme wie An Officer and a Gentleman, Gandhi, Staying Alive, First Blood [Rambo] und Terms of Endearment die zehn erfolgreichsten Filme weltweit abschlossen (hier fallen einige Filme aus ´82 und ´83 zusammen).

Startet heutzutage zumindest jeder größere Film international weitestgehend zeitgleich, war dies früher anders. So liefen Tootsie oder First Blood in Amerika bereits Ende 1982 und in Deutschland kamen Terms of Endearment oder Sudden Impact [Dirty Harry IV] erst in 1984 raus. Gleichermaßen stark in Westdeutschland und den USA war jedenfalls die Macht, lockte The Return of the Jedi doch in beiden Ländern die meisten Menschen in die Kinos. Während einige Vertreter der US-Top-Ten wie Mr. Mom oder Risky Business ebenso wie Sudden Impact erst im Verlauf von 1984 bei uns starteten, war dafür das deutsche Interesse an dem TV-Film The Day After (Platz 5) oder auch Carlos Sauras Musical Carmen (Platz 10) überraschend groß.

Mit rund 106 Millionen Zuschauern stellte M*A*S*H’s Serienfinale einen TV-Rekord auf.
Erfolgreich unterwegs waren auch Thomas Gottschalk und Mike Krüger mit Die Supernasen, der etwa 2,7 Millionen Besucher anlockte. Ein Gewinner von 1983 war ebenso Eddie Murphy, der mit Filmen wie 48 Hrs. [Nur 48 Stunden] und Trading Places [Die Glücksritter] den Durchbruch zum Star schaffte. Ebenfalls nicht beklagen dürfte sich Paramount Pictures, die mit Flashdance, Terms of Endearment, Trading Places sowie Staying Alive und An Officer and a Gentleman ordentlich Kasse machten. Von jenem Glanz ist man inzwischen doch etwas entfernt, lebt das Studio quasi primär von Sequels der Transformers- und Mission: Impossible-Franchises. Ein Quoten-Gewinner war damals aber auch die CBS-Fernsehserie M*A*S*H.

Nach elf Jahren fand die TV-Adaption des Robert-Altman-Films ihr Ende, das Serienfinale schauten dabei derart viele Amerikaner an, dass es nur die Super-Bowl-Ausstrahlungen seit 2010 an Hawkeye und Co. vorbeigeschafft haben. Es war nicht die einzige Serie, die sich 1983 vom Bildschirm verabschiedete, auch James L. Brooks’ Taxi sagte nach fünf Jahren „Goodybe“, genauso wie Little House on the Prairie, das neun Jahre auf dem Buckel hatte. Neu startete derweil The A-Team um Hannibal, Face, Murdock und B.A. Baracus – auch mit enormen Quoten-Erfolg. Der verblasste jedoch nach drei Jahren bereits wieder. Länger hielten sich da schon die Mario Bros. von Nintendo, die im Jahr 1983 ihr erstes Arcade-Game eroberten.

Erfahrung hat seither auch Meryl Streep was Oscarnominierungen angeht. 21 Mal ist die gute Frau für ihre Darstellungen bedacht worden – und holte bei ihrer 4. Nominierung 1983 direkt den 2. Oscar. Seltenheitswert hat da auch, dass sich meine Anerkennung der beiden besten Schauspiel-Leistungen des Filmjahres mit denen der Academy deckt. So missglückt Alan J. Pakulas Mix aus Liebes- und Holocaust-Drama in Sophie’s Choice auch ausfiel, so stark war die Darbietung von Meryl Streep darin. Auch Ben Kingsley, der für Gandhi den Oscar erhielt, vereinnahmt ganz seine Rolle und macht sie sich zu Eigen. Ein auffälliger Newcomer (bzw. eine Newcomerin) war Ally Sheedy, die mit WarGames und Bad Boys direkt zwei Filmeinträge erhielt.

Nicht nur sie war 1983 gleich doppelt tätig, lieferte Pakula neben Sophie’s Choice noch den ebenso müden Rollover ab. Auch Sidney Lumet hatte mit The Verdict und Prince of the City kein Glück, finanziell erfolgreicher war da schon John Badham mit WarGames und Blue Thunder [Das Fliegende Auge]. Und obschon ich jedes Jahr lamentiere, die Qualität der Filme nimmt ab, zeigt 1983, dass damals ebenfalls nicht jedes Werk ein Knaller war. Eher gab sich der Durchschnitt die Klinke in die Hand. Sodass vielleicht weniger die Filmqualität abnimmt als dass ich im Alter zu anspruchsvoll werde. Natürlich gibt es dennoch wie jeher im Jahresrückblick mit meiner persönlichen Top Ten eine Vorstellung der zehn besten Filme – diesmal rückblickend aus 1983:


10. Koyaanisqatsi (Godfrey Reggio, USA 1982): Eindringlicher als die – meist in Zeitraffer gefilmten – Bilder gerät Philip Glass’ hypnotischer Soundtrack, der Godfrey Reggios Koyaanisqatsi begleitet. Die intendierte Botschaft des unruhigen Lebens – so die Hopi-Übersetzung des Titels – und der Auswirkungen der menschlichen Zivilisation auf die Natur vermag ich selbst in den wahllos zusammengeschnittenen Bildern eher weniger zu erkennen, audiovisuell einnehmend ist dieser Experimentalfilm aber dennoch allemal.

9. Sasame-yuki (Ichikawa Kon, J 1983): Von einem Generationenkonflikt und unterschiedlichen Lebensentwürfen handelt Ichikawa Kons Adaption Sasame-yuki über vier verwaiste Schwestern und Erbinnen eines Kimono-Imperiums. Speziell die jüngeren Beiden sehen sich gefangen in konservativen Erwartungen, denen das eigene Lebensglück zu Lasten fällt. Angetrieben von der Suche nach einem Gatten für die Drittälteste Yukiko inszeniert Ichikawa-san seinen Film dabei mit viel Gespür für Humor und Mise en Scène.

8. The Return of the Jedi (Richard Marquand, USA 1983): Die Rettung Han Solos im ersten Akt gerät derart unterhaltsam, dass die narrativen Löcher kaum als Störfaktor auffallen. Es folgt ein dem Merchandise geschuldeter langer Ausflug in die Welt der Ewoks, ehe Richard Marquand in The Return of the Jedi das Finale von Star Wars nochmals nacherzählt. Die Verlagerung auf drei Handlungsebenen gelingt da nur bedingt, der atmosphärische Konflikt zwischen den Skywalkers und dem Emperor tröstet aber über viel hinweg.

7. Pauline à la plage (Éric Rohmer, F 1983): Kaum eine Nation befasst sich vermutlich so geschickt mit den Leiden der Liebe(enden) wie Frankreich. Éric Rohmer berichtet in Pauline à la plage von den unglücklichen Romanzen zweier Cousinen während eines Sommerurlaubs in der Normandie. Getragen wird die fast episodenhafte Geschichte von der bezaubernden Newcomerin Amanda Langlet, deren eigenes Leben plötzlich zum emotionalen Spielball in der Dreiecksbeziehung ihrer Cousine zu zwei Männern verkommt.

6. An Officer and a Gentleman (Taylor Hackford, USA 1982): Oberflächlich betrachtet erzählt Taylor Hackford von der turbulenten Romanze und Ausbildung eines eigenbrötlerischen Marine-Offiziers. An Officer and a Gentleman ist dabei weniger Liebesschnulze als ein Film über Verlassenheit, Sinnsuche und Zugehörigkeit einer Gruppe Mittzwanziger, die Angst haben, so zu enden wie ihre Eltern. Es geht um die Emanzipation des Rollenbilds der Vorgänger-Generation, um Selbstverwirklichung – und um Romantik, okay.

5. Trading Places (John Landis, USA 1983): Kleider machen Leute und Geld auch nicht glücklich wie Dan Aykroyd und Eddie Murphy in vertauschten Rollen inmitten eines sozialen Experiments erleben. Die Auswirkungen dieses Tauschs sind in Trading Places sicher etwas überspitzt, so wie Jamie Lee Curtis und der wunderbare Denholm Elliott unterbeschäftigt. Unterhaltsam ist das Ergebnis aber allemal, auch wenn der Schlussakt mit dem großen Börsencoup und seinem Vorgeplänkel im Zug eher uninteressant ausfällt.

4. First Blood (Ted Kotcheff, USA 1982): Seinen Platz in der Welt sucht auch John J. Rambo in Ted Kotcheffs First Blood. Der Film behandelt im Kern den Kampf eines Soldaten gegen seine Kriegsdämonen sowie den der zivilen Gesellschaft gegen den Dämon Krieg. Geschickt führt Kotcheff die Survival-Action-Elemente mit subtiler Kritik an der Post-Vietnam-Kultur der USA zusammen. Der ach so starke Held wird demaskiert als ein Geplagter und Verstoßener. Als verlorener Sohn, den man nicht heimkehren lassen will.

3. 48 Hrs. (Walter Hill, USA 1982): Grundsolide ist kein überschwängliches Lob per se, im Fall von Walter Hills Buddy-Cop-Film 48 Hrs. dann aber doch. Dieser speist sich somit zuvorderst aus der Beziehung zwischen seinen beiden charismatischen Hauptdarstellern, die er geschickt in einer eher simplen Handlung agieren lässt. Diese ordnet sich ohne viel Tamtam dabei den Figuren unter, was Eddie Murphy seiner Zeit zum Hollywood-Durchbruch verhalf. Heimlicher Star ist aber fast eher James Horners jazziger Score.

2. Gandhi (Richard Attenborough, UK/IND/USA 1982): Richard Attenboroughs Passions-Projekt erzählt wenig über den Menschen Gandhi und widmet sich primär der politischen Person. Das Ergebnis ist anstelle eines Biopics mehr ein „Best of“ von Gandhis Bemühen um Indiens Selbstverwaltung. Naturgemäß etwas zu hagiografisch bietet Gandhi aber einen guten Einblick in das Schaffen und die Philosophie seiner Figur. Hierbei funktioniert der Film vor allem dank Ben Kingsley, der mit seiner legendärsten Rolle verschmilzt.

1. The Meaning of Life (Terry Jones, UK 1983): Nach ihren beiden – thematisch stringenteren – Filmen kehrten die Pythons für The Meaning of Life wieder zu ihrem Sketch-Format des Flying Circus zurück. Die einzelnen Segmente hängen nicht wirklich miteinander zusammen, dennoch gelingt es der Truppe, nuanciert und pointiert das Leben und seine vielen Facetten zu persiflieren (z.B. in den Kapiteln “Birth” oder “Live Organ Transplants”). Ein herrlicher Spaß, humorvoll und reflektiert – like Christmas in Heaven.

8. Juni 2018

The Rider

We don’t talk about that.

Oscar Wilde vertrat die Ansicht, dass das Leben öfter die Kunst imitiere als umgekehrt. Und stand damit konträr zu Aristoteles’ Prinzip der Mimesis, in welcher die Kunst im Zuge einer kathartischen Aufarbeitung das Leben nachahmt. Dabei jedoch eine gewisse Distanz wahrt. So gesehen stellt Chloé Zhaos The Rider eine Art Mittelding aus Mimesis und Anti-Mimesis dar, ist der jüngste Film der Regisseurin doch einerseits vom wahren Leben inspiriert, entfernt sich jedoch nicht allzu sehr von den darin vertretenen Darstellern. Die wiederum mögen in dem Werk, das in seiner Form beinahe schon ein Doku-Drama ist, dennoch durchaus eine Katharsis für sich entdecken, indem sie vergangene persönliche Traumata durch den Film verarbeiten.

In The Rider spielt der junge Rodeo-Cowboy Brady Jandreau quasi eine fiktionalisierte Version seiner selbst. Als Brady Blackburn erleidet die Figur vorab im Off bei einem Rodeoabwurf eine schwere Kopfverletzung. Die folgende Genesung wird überschattet von Zweifeln an der möglichen Zukunft im Rodeo-Sport. Brady weist motorische Störungen auf, ist damit aber dennoch besser gestellt als sein Kumpel Lane (Lane Scott). Der ist inzwischen mit schweren Hirnschäden Patient in einer Vorsorge-Rehaklinik, die Brady wiederholt besucht. Zhao suggeriert dabei in ihrem Film, dass der hierfür verantwortliche Unfall ebenfalls dem Rodeo entstammt, während der echte Lane Scott seine Verletzungen bei einem Autocrash erlitten hat.

Für Brady soll Lane als warnendes und potentiell abschreckendes Beispiel fungieren. So schlimm wie dem Freund erging es ihm selbst nicht, und doch droht auch Bradys Kopftrauma, seiner Rodeo-Karriere ein jähes Ende zu bereiten. Über die potentielle Gefahr ihres Hobbys fachsimpeln eingangs der Geschichte auch Bradys Kumpels, als sie ihn eines Abends aus seinem Zuhause ins Freie locken. Von zehn erlittenen Gehirnerschütterungen berichtet da Bradys Kollege Cat (Cat Clifford). “By NFL standards I should be dead”, referiert er die im US-Football seither für viele Fälle von chronisch-traumatischer Enzephalopathie (kurz: CTE) verantwortlich gemachte Kopfverletzung. Dem Risiko zum Trotz üben sie alle weiter den Sport aus.

“You can’t be rodeoing forever, right?”, fragt da später ein Pfandleiher rhetorisch Brady, als dieser im Begriff ist, seinen Sattel zu verpfänden. Hierin findet sich für die Figur – und wohl auch den Darsteller selbst – die Krux des Problems. Was bleibt ihm schon, außer das Rodeo? Brady besitzt weder einen Schulabschluss, noch hat er eine Ausbildung zu Ende gebracht. Zwar verdingt er sich über weite Strecken als zähmender Pferdeflüsterer, doch ist dies nicht die berufliche Zukunft, die er sich erträumt hat. “I’m not gonna end up like you”, wirft er da seinem Vater Wayne (Tim Jandreau) an den Kopf, der mehr schlecht als recht eine Pferdefarm betreibt. “Sometimes dreams aren’t meant to be”, versucht der den Sohn derweil aufzuklären.

Die schwierige Akzeptanz seiner neuen Situation, die im Widerspruch zu seinem vormaligen Status sowie den eigenen Wünschen und Ansprüchen steht, markiert den Kern von Zhaos Geschichte. Diese wirkt oftmals wie eine gekonnte Mischung aus The Horse Whisperer und The Wrestler, wenn die Regisseurin zwischen den ruhigen, empathischen Momenten der Zähmung hinüber zu einem ungelenk im Leben stehenden Brady wechselt. Wie Mickey Rourkes Herzschwacher Wrestler Randy “The Ram” landet Brady letzten Endes als Aushilfe im lokalen Supermarkt. Das einzige, was von seiner vielversprechenden Karriere bleibt, sind hier und da Gedächtnis-Fotos mit jungen Fans und die Erinnerung an vergangene, bessere, schönere Zeiten.

Randy und Brady leb(t)en beide für ihren Sport. Und als ihre Gesundheit droht, ihnen diesen Sport zu nehmen, kann sie im Grunde auch gleich ihr ganzes Leben ergreifen. Beide Figuren widersetzen sich dabei dem ärztlichen Rat und gehen ihrem Hobby wieder nach. Im Fall von Darren Aronofskys Film am Ende vermutlich mit finalen, tödlichen Folgen. In The Rider muss der Rodeo-Cowboy für sich selbst entscheiden, ob sein Leben ohne seinen Sport nichts wert ist oder er ihm auch abseits davon eine Bedeutung zuteilwerden lassen kann. Dabei ist es bemerkenswert, mit welcher Ruhe die Figur ansonsten durch das Leben geht und ihrer Umwelt begegnet. Die sie jedoch angesichts ihrer eigenen neuen Umstände in sich selbst nicht findet.

So behutsam wie Brady mit dem aufreibenden Temperament der Pferde umgeht, so einfühlsam agiert er auch, wenn er sich mit Lane alte (reale) YouTube-Videos aus besseren Zeiten ansieht. Genauso im Umgang mit Lilly (Lilly Jandreau), seiner jüngeren autistischen Schwester. Auch wenn man hier mitunter in den direkten Szenen zwischen den drei Jandreau-Mitgliedern doch recht deutlich dem Film seine Laiendarsteller anmerkt, gelingt es Brady Jandreau ansonsten recht gut, die Zweifel und Ängste sowie Liebe der Figur zu ihrem Sport einzufangen. Insbesondere in den Momenten, wenn Brady und Lane im Krankenhaus aufeinander treffen und sich physisch wie psychologisch dabei im Verlauf mehr und mehr auf Augenhöhe begegnen.

Die sozialen Hintergründe der Badlands und seiner Bewohner, jener Welt in South Dakota, in der The Rider spielt, dröselt Chloé Zhao vielleicht etwas unzureichend auf. Wieso bleibt den jungen Männern hier nur das Rodeo als einziger Ausweg? Derart so, dass sie buchstäblich ihr Leben aufs Spiel setzen? Vielleicht hätte hier ein Einblick oder mehr Präsenz von Cat Clifford den Film noch etwas runder gemacht. Aber auch so stellt The Rider eine gelungene und schön fotografierte Nachahmung des Lebens seiner Darsteller dar. In einer Tragödie, so Aristoteles, gehe es weniger um die Nachahmung von Menschen, als um die einer Handlung und Lebenswirklichkeit. Insofern hat Chloé Zhao die aristotelische Mimesis dann wohl doch sehr gut getroffen.

7/10

1. Juni 2018

Visages Villages [Augenblicke: Gesichter eine Reise]

Art is meant to surprise us, right?

Kunst bewegt – im Fall von Visages Villages nicht nur ihre Betrachter, sondern auch ihre Erschaffer. Die französische Filmemacherin Agnès Varda und der französische Streetart-Wandmaler JR machen sich in ihrer Dokumentation, die in Deutschland unter dem – zwar treffenden, aber wenig poetischen – Namen Augenblicke: Gesichter einer Reise erscheint, auf eine Reise durch das ländliche Frankreich. An verschiedenen Stationen platziert JR immer wieder seine auf Fotografien basierenden riesigen Wandtapeten, während Varda die Geschichte hinter den Motiven dokumentiert. Genauso wie ihre sich entwickelnde Freundschaft zu JR. Die inzwischen 90-Jährige und der Mann, der ihr Enkel sein könnte, verbindet mehr als nur die Kunst.

JR hat ein Faible für ältere Menschen, schätzt Varda später, ehe sich beide aufmachen, die 100 Jahre alte Großmutter des Künstlers zu besuchen. Mit seiner Sonnenbrille, die stets seine Augen verdeckt, erinnere er sie an ihren Freund und Kollegen Jean-Luc Godard, merkt Varda mehrmals an. Und ärgert sich verstärkt, warum JR ihre diesen finalen Einblick in seine Seele verwehrt, wo doch ihre Bindung aneinander immer stärker wird. Im Austausch miteinander merkt man dabei Visages Villages seine Inszenierung an, gerade in den Momenten, wenn sich die alte Frau mitunter vergisst, ob der Erregung hinsichtlich des Verhaltens des Jüngeren. In diesen Momenten verlässt der Film die Pfade der beobachten Dokumentation und wirkt gestellt.

Weitaus faszinierender als die Begegnung zwischen Agnès Varda und JR ist ohnehin die der beiden Künstler auf ihrer Reise mit der normalen Bevölkerung und deren Alltag. Wenn die Tochter eines alten Minenarbeiters berichtet, wie sich ihr Vater früher eine Stulle mit unter Tage genommen hat, oder sich ein Postbote erinnert, wie ihm früher auf seiner Tour die Leute von ihrer Farm Gemüse und Obst zugesteckt haben, liefert Visages Villages interessante und vor allem menschliche Einblicke in die ländlichen Regionen Frankreichs. Varda und JR erzählen von Schichtarbeitern, die ihre Kollegen nur zum Arbeitswechsel sehen, und von Ziegen, denen die Hörner abgebrannt werden, damit sie sich bei ihrer Rauferei nicht verletzen können.

In diesen zwischenmenschlichen Momenten liegt die Stärke des Films, mit der Varda auf ihre eigene Weise die Schönheit des Augenblicks einfängt, während JR den Beteiligten eher mit seinen Bildplakaten ans Herz greift. So avanciert die Fotografie einer Kellnerin in einem kleinen Ort praktisch derart selbst zur Attraktion, dass die zweifache Mutter immerzu Selfies mit Touristen über sich ergehen lassen muss. Eher persönlich bewegend gerät derweil, wenn Varda an einem Küstenort aus ihrer Vergangenheit einem ehemaligen Weggefährten Tribut zollt. Generell sind die Einblicke der 90-Jährigen in ihre Biografie dabei intensiver als die des 35-Jährigen, der ähnlich einem Kollegen wie Banksy ein gewisses Mysterium um sich aufbaut.

Auf gewisse Art erinnert Visages Villages an Lucy Walkers Film Waste Land. Auch dort diente die künstlerische Abbildung von Menschen, denen man im Alltag wenig Beachtung schenkt, dazu, deren Persönlichkeiten Raum zur Entfaltung zu bieten. Der fiel bei Walker etwas größer aus als hier bei Varda der Fall, da diese sich selbst als Künstlerin gemeinsam mit JR zum einen mehr in den Vordergrund stellt und zum anderen von Ort zu Ort und damit von Person zu Person springt. Was all diese Segmente eint, ist ein Gefühl der Verlassenheit – sei es der zerstörte Bunker an einem Strand der Normandie, eine unvollendete Dorfsiedlung oder die Tochter des Minenarbeiters, die sich als einzige in ihrem Viertel weigert, für einen Neubau umzuziehen.

Das Ergebnis hätte man sich auch gut als Mini-Serie vorstellen können, wie sie heute inflationär auf den Streaming-Plattformen landen. Zum Beispiel als 10-teilige Serie à 25 Minuten, die auch die Vorbereitung von JRs Team, die Schwierigkeiten der Umsetzung und den Prozess selbst beleuchten würde. Hier hätten die Objekte im Fokus gestanden, der immerhin kurzweilige Film dagegen nutzt lieber die etwas gekünstelt wirkende Beziehung der beiden Personen als roten Faden. Nur widmet er sich dieser auch nie ausführlich, sondern eher sporadisch. Kulminierend in einem aufgesetzt wirkenden Finale, das eher die Augen rollen lässt, als so ergreifend zu geraten, wie von den Machern erhofft. Ein netter Ausflug ist Visages Villages aber allemal.

6.5/10

25. Mai 2018

An Officer and a Gentleman

And don’t you eyeball me, boy.

In der Natur versuchen sich Jungtiere so viel wie möglich von ihren Eltern abzuschauen, um mit deren Wissen und Kenntnissen das eigene Überleben sicherzustellen. Beim homo sapiens liegt die Sache etwas anders, hier wollen sich die Jungtiere in der Regel so weit wie möglich von ihren Erzeugern emanzipieren. Und bloß nicht so enden wie diese. Ähnlich ergeht es den Figuren in Taylor Hackfords Film An Officer and a Gentleman (bei uns: „Ein Offizier und Gentleman“). Oberflächlich erzählt dieser von einer Offiziersausbildung der US-Marine, gewürzt mit einer turbulenten Romanze. Im Kern dreht sich das Drehbuch von Douglas Day Stewart jedoch vielmehr um Kinder, die versuchen, sich vom Rollenbild ihrer Eltern zu lösen.

Im Mittelpunkt steht dabei Zack Mayo (Richard Gere), der quasi als Vollwaise aufwächst, nachdem seine Mutter Selbstmord begeht. Sein Vater Byron (Robert Loggia) ist für die Navy auf den Philippinen stationiert, jedoch charakterschwach und abhängig von Alkohol sowie Prostituierten. Eine klassische Erziehung genoss Zack somit nicht, obschon wir immerhin zu Beginn sehen, dass er ein College besucht hat. Die Figur trifft eingangs die überraschende Entscheidung, eine Ausbildung zum Offizier als Marinepilot anzustreben. Vielleicht, um sich selbst – und letztlich auch seinem Vater – zu beweisen, dass man(n) mehr Charakter haben kann als dieser, ungeachtet dessen, dass das eigene Leben in den Dienst des Landes gestellt wird.

Mayo ist jemand, der stets auf sich allein gestellt gewesen ist. Was erklären mag, wieso er sich über weite Strecken während seiner Ausbildung auf sich selbst fokussiert. Zwar freundet er sich mit Zimmernachbar Sid (David Keith) an, doch einen Teamgedanken verfolgt er nicht wirklich. “You don’t give no shit about anybody than yourself”, wirft ihm später sein Ausbilder Foley (Louis Gossett Jr.) zurecht an den Kopf. “You oughta be good at this, Mayo. Something you can do alone”, stachelt er ihn im Verlauf während einer Solo-Simulationsübung an. Mayo ist sich selbst am nächsten – damit aber nicht unbedingt im Militär ideal aufgehoben. Der Film nutzt dies natürlich geschickt, um am Ende die Katharsis der Figur zu unterstreichen.

Wenn Mayo zum Abschluss seiner Ausbildung den Rundenrekord der Akademie opfert, um Kameradin Seeger (Lisa Eilbacher) das Bestehen zu sichern, ist der ehemalige Einzelgänger scheinbar endlich angekommen. Dabei ist Mayo keineswegs ein Außenseiter, vielmehr besitzt die Rolle respektive Gere ausreichend Charme, um trotz seines sozialen Status bei seinen Kameraden wie Sid, Seeger oder Daniels (David Caruso) ein gewisses Ansehen zu besitzen. Die Reife, die ihm fehlt, wird er über die zweistündige Laufzeit von An Officer and a Gentleman erhalten – mit allen Höhen und Tiefen. Darunter, wenn er kurz vor dem Rauswurf durch Foley steht, aber diesem dann unter Tränen erklärt, er wisse sonst nicht, wohin mit sich.

All diese Momente sind natürlich überaus plakativ und mitunter mit dem Holzhammer ans Publikum kommuniziert. Etwas subtiler gibt sich der Film da schon in der Ausarbeitung seiner Nebenfiguren. Paula (Debra Winger) ist dabei in gewisser Weise das Spiegelbild von Mayo, entstammt genauso wie dieser einer Affäre der Mutter mit einem Soldaten, ohne dass der im Anschluss Interesse an einer Familie gehabt hätte. Kein gewöhnlicher Soldat, sondern wie Mayo ein Offiziersanwärter für die Marine. So lebt Paula nun in derselben Stadt wie ihre Mutter Esther (Grace Zabriskie), arbeitet sogar in derselben Fabrik wie diese zusammen mit ihrer Freundin Lynette (Lisa Blount). Wie die Mutter, so die Tochter, scheint sich zu bewahrheiten.

Für die Frauen des Ortes, so skizziert es zumindest der Film, bilden die Offiziersanwärter die einzige Möglichkeit zur Flucht und zum sozialen Aufstieg. Entsprechend „warnt“ Foley die Kadetten eingangs, sich nicht in einer Babyfalle zu verirren, deren Personifikation – wie wir aber erst später lernen – in Paula dargestellt wird. Lynette ist es, die über Andeutungen zu ähnlichen Mitteln greift, um in Sid ihr Ticket für ein besseres Leben zu finden. Der hat wiederum seine eigenen Probleme mitgeschleppt, die wie bei den anderen Charakteren in der Beziehung zu den Eltern ihren Ursprung finden. Aus einer Militärfamilie entstammend, hadert Sid mit jener Rolle, die ihm zugeschrieben wird, nachdem sein älterer Bruder in Vietnam stirbt.

Fortan ist er kaum mehr als ein Ersatzsohn – und kein sonderlich geschätzter obendrein. Die Ausbildung als Marinepilot ist weniger auf seinem Mist gewachsen, als die Fortführung des Karriereplans seines verstorbenen Bruders. Hinzu kommt, dass Sid auch gleich dessen Verlobung übernahm, mit einer Frau, die zwar toll sei, die er selbst sich aber nicht ausgesucht hat. “I was here for everybody but me”, gesteht sich Sid am Ende ein, als er dem Druck nicht mehr Stand hält und kurz vor dem Abschluss aus der Akademie ausscheidet. Der Moment der seelischen Freiheit währt aber nur kurz, als er realisiert, dass sich Lynettes Träume mit ihm letztlich mit den Berufsplänen seiner Eltern für ihn gedeckt haben (“I want to marry a pilot”).

Mit Mitte 20 hat keine dieser Figuren, von Mayo über Paula hin zu Sid und Lynette, wirklich eine Idee, wer sie sein könnte. Höchstens, wer sie nicht sein will. “Lord, lift us up where we belong / Far from the world we know, up where the clear winds blow”, heißt es passend im Refrain von Will Jennings’ Lyrics zum Oscarprämierten Schmachtfetzen “Up Where We Belong”. Gemeinsam mit dem romantischen Happy End, wie es acht Jahre später auch Pretty Woman – ironischer Weise ebenfalls mit Richard Gere – inszenieren sollte, könnte sich der Eindruck aufdrängen, An Officer and a Gentleman sei eine Liebesschnulze, die der Film mit seinen Themen von Verlassen- und Orientierungslosigkeit sowie Suizid keineswegs ist.

Liebe spielt natürlich dennoch eine große Rolle. Jene Liebe, die Mayo und Paula ineinander finden, und die auch Sid sucht in seinem Leben. Die Figuren ersehnen eine gewisse Form der Geborgenheit, die Mayo sowohl in emotionaler (Paula) als auch moralischer (Foley) Person zuerst abzulehnen scheint. Zum Schluss von An Officer and a Gentleman haben Mayo und Paula den vermeintlichen Absprung geschafft – bei Sid und Lynette dagegen hat es nicht gereicht. Dass sich der Kreislauf weiter dreht, beobachtet Mayo kurz vor seinem Abschied von der Akademie, wenn Foley den nächsten Jahrgang begrüßt. Sie könnten sich von ihm, den ehemaligen Einzelgänger, eigentlich einiges abschauen. Emanzipieren müssen sie sich letztlich aber allein.

7/10

18. Mai 2018

Gandhi

I thought you’d be bigger.

So viele bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte es gibt, so wenige haben die Geschichte davon wirklich geprägt. Mohandas Gandhi zählte nicht dazu, war er nicht nur ein essentieller Bestandteil für die Unabhängigkeit von (Britisch-)Indien im Jahr 1947, sondern mit seiner friedvollen Satyagraha-Bewegung als Form des nichtkooperativen zivilen Ungehorsams zugleich Inspiration für andere historische Personen wie Reverend Dr. Martin Luther King Jr., Nelson Mandela, den Dalai Lama und Barack Obama. Ein Charakter, wie geschaffen für eine epische Filmbiografie, auch wenn es einige Jahre dauern sollte, ehe Regisseur Richard Attenborough schließlich im Jahr 1982 endlich mit Gandhi sein filmisches Denkmal in die Kinos bringen konnte.

Der Lohn waren stolze acht Oscars, darunter als Bester Film sowie verdientermaßen für Ben Kingsley, der in die großen Fußstapfen des Mannes, der sich später den Zunamen „Mahatma“ verdiente, trat. Wie viele klassische Biopics beginnt Gandhi seine Geschichte dabei am Ende und läutet den Film mit dem tödlichen Attentat auf Mohandas Gandhis (Ben Kingsley) Leben am 30. Januar 1948 ein. Die eigentliche Erzählung steigt kurz darauf 55 Jahre zuvor ein, als Gandhi während einer Zugreise im südafrikanischen Pietermaritzburg aufgrund seiner Hautfarbe der ersten Klasse und letztlich des Zuges verwiesen wird. Die erste Begegnung mit einer Diskriminierung der indischen Bevölkerung, die den Stein zum Anstoß für sein Handeln gibt.

Vor Ort schließt sich Gandhi mit dem Indischen Nationalkongress zusammen, protestiert gegen unterdrückende Gesetze und legt sich mit dem Regierungsapparat an. Ein Einsatz für sein Volk, der sich bei seiner viele Jahre später erfolgenden Rückkehr 1914 nach Indien bezahlt macht. Die Partei um ihre Mitglieder wie Jawaharlar Nehru (Roshan Seth) schickt Gandhi auf eine Reise durch das Land, um ein Gefühl für das Anliegen der Bevölkerung zu gewinnen. “You will see what needs to be said. What we need to hear”, kriegt der damals 45-jährige Heimkehrer mit auf den Weg. Gandhi soll zu diesem Zeitpunkt bereits Swaraj, die Selbstverwaltung der Inder, angestrebt haben – auch wenn Attenborough das nicht betont.

Über seine Laufzeit von mehr als drei Stunden hinweg geriert sich Gandhi dabei im Kern als eine Art „Best of“ auf dem Weg zu dieser Selbstverwaltung. Neben den ersten aktivistischen Bemühungen in Südafrika und der Reise-Montage durch Indien hangelt sich Attenborough neben den etwaigen Inhaftierungen Gandhis über das Massaker von Amritsar in 1919 hin zum berühmten Salzmarsch in 1930 und letztlich der Unabhängigkeit Indiens im Verbund mit den Unruhen zwischen hinduistischer und arabischer Bevölkerung, die in der Gründung Pakistans gipfeln. Hierbei fällt der Film – was vermutlich nur konsequent ist – mitunter etwas zu hagiografisch aus, mit wenig Raum für Kritik an der Heiligen-Legende von Mahatma Gandhi.

Attenborough zeichnet das Bild der politischen Figur und nicht des Menschen Gandhi. In dessen Persönlichkeit erhalten wir nur wenig Einblick, seine Familie um die vier Kinder spart der Film beispielsweise nahezu ganz aus. Dabei hatte Gandhi gerade zu seinem ältesten Sohn Haribal ein schwieriges Verhältnis, aber auch positive Auswirkungen auf seine Enkel wie Ramchandra Gandhi, Arun Gandhi oder dessen Schwester Ela Gandhi, die allesamt ebenfalls als Aktivisten auftraten und -treten. Genauso drängt der Film bisweilen Gandhis Frau Kasturba (Rohini Hattangadi) und ihre Beziehung in den Hintergrund, trotz der streckenweise turbulenten Ehe, welche die beiden mit 13 Jahren zwangsverheirateten Liebenden ihr Leben lang einte.

Für Richard Attenborough war Gandhi ein Passions-Projekt, dessen Umsetzung ihn viele Jahre kostete. Dies mag entschuldigen, wieso sich der Film nicht allzu sehr für Kritik an seiner Figur interessiert, insofern der britische Regisseur überhaupt bereit gewesen wäre, diese einzugestehen. Im Fokus steht das Erreichen der Unabhängigkeit mittels Ahimsa, dem hinduistischen Prinzip der Gewaltlosigkeit, der sich Gandhis Satyagraha verschreibt. “Through our pain we will make them see their injustice”, lautete seine Botschaft, angelehnt an das christliche Hinhalten der anderen Backe (Mt 5, 39). Inwieweit diese als universell angesehen werden kann und nicht vielleicht eher ein Ideal ist, bleibt bei Attenborough außen vor.

So war Gandhi seiner Zeit der Ansicht, die Juden hätten im Holocaust den Märtyrertod sterben sollen, um damit auf die Ungerechtigkeit ihrer Täter hinzuweisen. Und schrieb selbst Hitler, um an ihn zu appellieren. Im Fall der Nazis mag man dies als naiv erachten, für die Methoden von Gandhi in Südafrika und Indien sowie in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung eines Dr. King waren sie durchaus zielführend. “Why should we not walk on the pavement like other men?”, fragt ein junger Gandhi da eingangs in Südafrika – und findet darin die Geburt jenes Mannes, von dem sie später sagen würden: “He bows to all and despises none.” Auf seine Weise zeichnet Attenborough jenes Heiligenbild von Gandhi, das dieser anstrebte.

Der Film gerät dabei trotz etwaiger Auslassungen wie Gandhis Rolle im 2. Burenkrieg oder seines Studiums in England eine Spur zu lang. Da mag es etwas irritieren, dass die Handlung zusätzlich durch Auftritte von Figuren wie der Fotografin Margaret Bourke-White (Candice Bergen) oder dem (fiktiven) Journalisten Vince Walker (Martin Sheen) aufgebläht wird, die der Film prinzipiell nicht nötig hätte. Außer, das zum Großteil aus Indern bestehende Ensemble mit ein paar bekannten weißen Gesichtern aufzupeppen. Obwohl wir von diesen mit britischen Charakteren wie dem Pfarrer Charles F. Andrews (Ian Charleson) oder Brigade-General Reginald Dyer (Edward Fox), jenem „Schlächter von Amritsar“, eigentlich doch ausreichend sehen.

Aus heutiger Sicht lassen sich in Gandhi zudem einige Parallelen zu anderen historischen Ereignissen erkennen. “Without a paper, a journal of some kind, you cannot unite a community”, hatte Gandhi in Südafrika einst die Rolle einer Zeitung für das Anliegen der Inder vor Ort hervorgehoben. In gewisser Weise mag man in der Bedeutung von Social-Media-Diensten wie Twitter für den Arabischen Frühling von 2010 eine ähnliche Funktion von Medien sehen. Auch Ähnlichkeiten zu Jesus Christus, der wie Gandhi – sowie später auch Nelson Mandela – für seinen friedvollen, aber grundsätzlich revolutionären, Einsatz einer unterdrückten Bevölkerungsschicht inhaftiert wurde, sind neben dessen Satyagraha-Ansatz praktisch offensichtlich erkenntlich.

In seiner Summe bietet Gandhi somit einen guten, wenn auch nicht umfassenden (oder absolut authentischen) Einblick in das Schaffen Gandhis. Auch wenn wir der Person selbst nicht wirklich näher kommen. Gekonnt von Richard Attenborough inszeniert und überzeugend vom Ensemble gespielt, funktioniert der Film vor allem aufgrund des aufopferungsvollen und starken Spiels von Ben Kingsley, der ganz in seiner Rolle verschwindet. „Ich weiß, daß ich einen schwierigen Weg vor mir habe. Ich muss mich selbst zur Null machen“, diktierte der inhaftierte Gandhi 1924 seinem Vertrauten Charles F. Andrews als seine Autobiografie. Jene Demut war es, die Mohandas Gandhi auszeichnete und andere große Persönlichkeiten später inspirieren würde.

8/10

11. Mai 2018

48 Hrs. [Nur 48 Stunden]

Some of us citizens are behind you all the way, officer.

Einen ungeschliffenen Diamanten findet man nicht oft, erkennt ihn aber leicht. So wie im Fall von Eddie Murphy, der in jungen Jahren Anfang der 1980er Jahre über Saturday Night Live zum aufstrebenden Hollywood-Star aufsteigen sollte. Mit Hits wie Trading Places, Coming to America und Beverly Hills Cop zementierte Murphy seinen Status innerhalb der Branche, seinen Anfang als Schauspieler nahm er dabei 1982 mit seinem Debüt in Walter Hills 48 Hrs. [Nur 48 Stunden]. Gerade 21 Jahre alt geworden, drückte Murphy dem “buddy cop”-Thriller derart seinen Stempel auf, dass seine Karriere anschließend sicher schien. 48 Hrs. avancierte zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres – angesichts seines R-Ratings nicht selbstverständlich.

Die Story ist dabei relativ simpel: Als der dank seinem Partner Billy Bear (Sonny Landham) entflohene Häftling Ganz (James Remar) zwei Polizisten ermordet, ermöglicht der ermittelnde Polizist Jack Cates (Nick Nolte) einen 48-Stunden-Freigang für Ganz’ ehemaligen Komplizen Reggie Hammond (Eddie Murphy). Dieser soll ihm helfen, Ganz zu überführen, der auf eine Beute in Höhe von einer halben Million Dollar aus ist, die Hammond und er einst bei einem Drogencoup bei Seite geschafft haben. Hierzu machen sie zuerst Luther (David Patrick Kelly), einen weiteren Komplizen, ausfindig, während die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Eigenbrötler Cates und dem extrovertierten Reggie in der Folge wiederholt aneinander geraten.

48 Hrs. speist sich somit zuvorderst aus der Beziehung zwischen seinen beiden Hauptdarstellern, weniger durch die sehr rudimentäre Handlung. Immer wieder arbeiten sich Reggie und Cates am jeweiligen Gegenüber ab, bemerkenswert ist dabei, dass der Häftling hier stets mit dem Polizisten mithalten darf. Hill und das Drehbuch, das unter anderem von Steven E. de Souza (Die Hard, Commando) stammt, lassen Murphys Figur hier erfreulich viel Raum zur Entfaltung. Den Höhepunkt bildet dabei vermutlich die Szene in Torchy’s Bar, in welcher Cates sich buchstäblich zurücknimmt, während Reggie einer Gruppe Rednecks die Leviten liest (“I’m your worst fuckin’ nightmare”), auf der Suche nach Informationen zu Billy Bears Aufenthaltsort.

“Attitude and experience get you through”, hat Cates zuvor Reggie eingebläut, wie ein derartiger Konflikt zu lösen ist. Und in gewisser Weise könnte man es auch als Ratschlag von Nick Nolte an Eddie Murphy deuten, hatte Nolte doch seinem Kollegen seiner Zeit zehn Jahre Filmerfahrung voraus. Ähnlich wie in anderen “buddy cop”-Filmen wie Lethal Weapon lernen die Figuren in der Folge, dass sie sich aufeinander verlassen können, woraus sich freundschaftlicher Respekt entwickelt. Ungeachtet jener Keilerlei, in der Cates dann doch so überraschend wie unnötig einen subtilen Rassismus an den Tag legt – was der Film anschließend aber nicht weiter verfolgt. Dabei zeigt sich 48 Hrs. über weite Strecken sogar erstaunlich offen und liberal.

So ist Cates’ Vorgesetzter ein schwarzer Captain und mit Frank McRae so geschickt besetzt, dass er die Rolle später in Last Action Hero und Loaded Weapon 1 persiflieren würde. Zuvor sehen wir eine Gerichtsmedizinerin asiatischer Abstammung im Gespräch mit Cates, während Sonny Landham als Billy Bear einen Nachfahren amerikanischer Ureinwohner spielt. Abgesehen davon ist die Welt von 48 Hrs. – die Gerichtsmedizinerin außen vor – aber eine von Männern dominierte. Frauen werden reduziert auf sexuelle Objekte, seien es die Damen, die zur Befriedigung von Ganz, Billy und Reggie dienen, oder Cates’ Freundin Elaine (Annette O’Toole). Das mag dem Genre und jener Zeit – sowie dem Genre jener Zeit – geschuldet sein.

Neben den Hauptdarstellern überzeugt speziell James Horners Musik, die oft die für den Komponisten bekannten jazzigen Töne annimmt. In Kombination mit den vielen Nacht-Szenen gibt die Symbiose aus Bild und Musik 48 Hrs. nochmals eine ganz eigene Note. Erfreulich ist auch, dass das Finale relativ reduziert ausfällt, ohne große Verfolgungsjagd oder Brimborium vielmehr Bezug nimmt auf das erste Treffen von Cates und Ganz zu Beginn. Walter Hill endet die Geschichte naturgemäß mit den zwei Hauptfiguren, die sich trotz des Erfolgs von 48 Hrs. erst acht Jahre später wiedersehen sollten. Zu dem Zeitpunkt war Eddie Murphy bereits einer von Hollywoods größten Stars. Selbst wenn dieser Stern im Lauf der 90er schließlich zu verglühen begann.

7.5/10

4. Mai 2018

Paper Girls – Volume Four | Doomsday Clock #3-4

Gut Ding will Weile haben, heißt es ja so schön. Das gilt insbesondere auch, wenn es um die Wartezeiten zwischen Comic-Ausgaben geht. Erst jüngst hat Geoff Johns angekündigt, dass statt wie geplant einmal im Monat nun neue Ausgaben von Doomsday Clock alle acht Wochen erscheinen. Immerhin erhalten die Leser hier ein Update, während derzeit Kelly Sue DeConnicks Bitch Planet weiterhin AWOL ist. Rund ein Jahr ist es her, seit #10 über die Ladentheke wanderte. Wann oder ob eine elfte Ausgabe ansteht, wurde bislang nicht kommuniziert. Gut, dass zumindest Brian K. Vaughans Paper Girls mit Volume 4 einen neuen Sammelband auf die Wege gebracht hat. Aber hat sich das Warten auf Paper Girls und Doomsday Clock gelohnt?

Paper Girls – Volume Four

All shall be done and forgotten.

“Context is king”, hatte dieses Jahr Captain Lorca (Jason Isaacs) in der jüngsten Star Trek-Serie Discovery einmal gesagt. Nach etwas kryptischem Beginn in seinem ersten Band sowie auch den Folgenden hat Brian K. Vaughan nun in Volume 4 von Paper Girls etwas mehr Fleisch an den narrativen Knochen gepackt. Zumindest was in etwa die Prämisse betrifft – selbst wenn dies nun nichts ist, was sich in den letzten Bänden nicht bereits abzeichnete oder hat entsprechend interpretieren lassen. Grundsätzlich unterscheidet sich Volume 4 dabei gar nicht einmal wirklich von den Vorgängern, tritt die Handlung doch etwas auf der Stelle, während sich der Autor wieder mal zu sehr in seinen pop-kulturellen Referenzen verliert.

Angekommen am Silvesterabend des Jahres 1999 und inmitten der Y2K-Befürchtungen sind die Mädels um Erin, Mac, KJ und Tiffany erneut getrennt. Ein Schema, das inzwischen wohl nur dazu dient, parallel Handlungsstränge abspielen zu lassen. So trifft Tiffany in ihrem alten Elternhaus wider Erwarten den Goth-Ehemann ihres (buchstäblichen) Alter Egos und Erin, Mac und KJ sind auf der Suche nach ihr. Die führt das Trio kurzzeitig zu einer lokalen Cartoonistin, die verdeckt Informationen zu den bisherigen Vorgängen des Konflikts zwischen Alt und Jung der Generationen aus der Zukunft in ihre Arbeit einfließen lässt. In wenigen Panels vertieft Vaughan zudem den Einblick in die Person und die Vergangenheit des mysteriösen Grand Father.

Als “The Battle of the Ages” erhält der seit vier Bänden schwellende Konflikt der Generationen nun schließlich einen Namen. Die jugendlichen Nachfahren des Grand Father und seiner treuen Anhängerin Prioress “declared war on the entire timeline”, so das Oberhaupt. Mit der Erfindung der Zeitreise sah sich die Jugend in einer gesellschaftlichen Pflicht, das Wohl der Menschen in der Vergangenheit zu verbessern. So referiert die Cartoonistin an der Schwelle zum Jahr 2000 bereits durch ihre Quellen aus der Zukunft die Anschläge des 11. September oder den aktuellen Smombie-Wahn. Als Puristen der 4. Dimension spielen sich wiederum die Vorfahren dieser jungen Generation auf: Mit der Vergangenheit ist nicht zu spaßen, so das Motto.

Mit Pandoras Box des Zeitreise-Paradoxes hält sich Paper Girls zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf. Selbst wenn Vaughan wieder fleißig auf Filme wie The Terminator, 12 Monkeys und Star Trek IV: The Voyage Home verweist, ebenso wie auf den TV-Klassiker Quantum Leap. Die Einschübe wirken immer noch so unpassend und gekünstelt, der Autor wird sie sich aber wohl auch nicht mehr abgewöhnen. Dass auch Volume 4 nicht wirklich von der Stelle kommen will, ist da schon etwas bedauerlicher. Nach Erin in Volume 2 ist es nun Tiffany, die einer älteren Version von sich begegnet. Und auch sie muss wie Erin erkennen, dass ihr Alter Ego im Erwachsenenalter nicht wirklich an einem Punkt im Leben angelangt ist, der sie zufrieden stellt.

Insofern ist absehbar, dass das Comic wohl das Hin- und Hergespringe durch die Zeit dazu nutzt, um die Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes mit sich selbst zu konfrontieren. Somit dürften Begegnungen der KJs und Macs in kommenden Bänden noch ausstehen – zugleich aber auch etwas interessanter ausfallen. Erneut wird kurz Macs Leukämie-Tod angesprochen, ebenso wie KJs Homosexualität in Kontrast zu Macs Homophobie in den Fokus rückt. Zwei „Probleme“, die in der Aufarbeitung da doch interessanter ausfallen dürften, als Tiffanys Adoption – die hier quasi ohne Relevanz ist – oder Erins Hintergrund. Nett ist zudem, dass Terry – falls sich überhaupt noch jemand an ihn erinnert – aus Volume 1 einen kleinen Cameo erhält.

Selbst wenn die Handlung teils etwas stagniert, inszeniert Vaughan doch so schnelllebig, wie die Mädchen die Zeitlinien wechseln. Ähnlich wie Dr. Braunstein in Volume 3 werden auch hier frisch eingeführte Charaktere direkt wieder ins Jenseits verabschiedet. Was natürlich in einer Geschichte, die von Zeitreisen(den) handelt, letztlich nichts heißen muss und künftige Auftritte nicht ausschließt. Als Leser ist man Paper Girls einerseits dankbar, dass das Kind des Konflikts beim Namen genannt ist, andererseits wirkt es dadurch aber weiter nicht unbedingt so, als ließe sich erahnen, dass das Comic weiß, in welche Richtung es sich bewegt. Jetzt geht es erstmal zurück in die Zukunft – eine Referenz, die Vaughan sicher in Volume 5 einbaut.

7.5/10


Doomsday Clock #3-4

What page are you on?

Die Geschehnisse vergangener Tage bestimmen auch die Handlung in den jüngsten beiden Ausgaben von Geoff Johns’ Doomsday Clock. Nahezu ausnahmslos alle Figuren hadern mit den Geistern, die sie riefen – allen voran natürlich Ozymandias. Getreu dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ muss Veidt in Walk on Water (#4) erkennen, dass der durch seinen Massenmord initiierte Weltfrieden nur eine kurze Halbwertszeit hatte. Direkt zu Beginn von Not Victory Nor Defeat (#3) begegnet ihm dabei im Büro von Lex Luthor in Person des von den Toten auferstandenen The Comedian ein weiteres Verbrechen seiner Vergangenheit. Der Pfad der Vergebung ist kein leichter, wie Veidt schmerzhaft im Verlauf von Ausgabe #3 feststellen wird.

Es war eine nachvollziehbare Entscheidung, in der vergangenen Ausgabe Veidt mit Luthor und Batman mit Rorschach zu konfrontieren, handelt es sich doch jeweils um Brüder im Geiste. Hier die leicht soziopathischen Oligarchen, dort die vom Waisentrauma geplagten maskierten Verbrechensbekämpfer. Das Aufeinandertreffen von Batman und Rorschach dient Johns für eine willkommene humorvolle Auflockerung, die jedoch alsbald vorhersehbare narrative Wege beschreitet. Ungeachtet Walter Kovacs Tagebuch nimmt Bruce Wayne sein Gegenüber nicht für voll – Ozymandias hätte das Anliegen vielleicht etwas geschickter vorgebracht. Der ist selbst jedoch ebenso wenig erfolgreich, auf der intendierten Suche nach der Spur von Dr. Manhattan.

Die Handlung wird in Not Victory Nor Defeat und Walk on Water fürs Erste leicht entschleunigt. Sogar so weit, dass sich in Ausgabe #3 ein Nebenhandlungsstrang um den von seiner Familie im Seniorenheim vergessenen Mr. Thunder einer Geschichte-in-der-Geschichte widmet. In der Tradition von Dashiell Hammett ermittelt in dem fiktiven Film noir The Adjournment der ermordete Hollywood-Star Carver Coleman als hard-boiled detective einen Doppelmord. Ob sich der Film als Kommentar auf das Geschehen ähnlich wie in Watchmen die Comic-Story Tales of the Black Freighter durch die übrigen Ausgaben ziehen wird, steht momentan noch aus. Wirklich viel beizutragen zur Einordnung hat der Film aber (noch) nicht.

Offen bleibt auch, welche Rolle dem öffentlichen Aufruhr um die Superhelden im DC-Universum zukommt. Wieder wird die Anti-Metahuman-Position erwähnt, mit Bezug auf von Luthor entwickelte Metagen-Detektoren, die Menschen mit speziellen Fähigkeiten ermitteln. “We’re God-knows-where doing God-knows-what”, kommentiert The Marionette relative treffend die noch ungenaue Richtung der Entwicklungen. Ihr und The Mime gehört dabei in Not Victory Nor Defeat der imposanteste Moment, wenn beide unwissentlich das Hoheitsgebiet des Jokers betreten und sich dort auf blutige Weise seinen Handlangern vorstellen. “I can see the noose around your neck from here”, heißt es an einer Stelle, was quasi für alle Figuren gelten könnte.

Noch mehr Tempo reduziert hier Walk on Water, konzentriert sich die Ausgabe nahezu in Gänze dem Trauma von Reggie Long, das ihn zur zweiten Inkarnation von Rorschach werden ließ. Johns verdoppelt dabei die Watchmen-Referenz, wenn nicht nur die Verwandtschaft des neuen Rorschach zu Kovacs Psychiater Malcolm Long bestätigt wird, sondern indem Reggie nach Zeugnis des Massakers von New York in einer Nervenheilanstalt auch noch von Byron ‘Mothman’ Lewis unter die Fittiche genommen wird. “All this anger inside me… it’s got nowhere to go”, fasst Reggie sein Kernproblem zusammen, das – eben ähnlich wie bei Bruce Wayne mit dem Trauma des Elterntodes der Fall – letztlich in seiner Heldengeburt kanalisiert wird.

Wirklich Einblicke in die Figur schenkt diese ausgiebige Charakterisierung jedoch nicht. Der Leser lernt nichts, was er sich nicht bereits hätte denken können. Zumal die aus seinem Überlebensschuld-Syndrom geborenen Rachegelüste dann – wie die erste Ausgabe ohnehin vorweg nahm – schlussendlich ziemlich schnell wieder abgekühlt sind. Insofern wirkt Walk on Water angesichts der nur noch verbliebenen acht Ausgaben wie ein wenig verschenkte Mühe, um eine Figur dreidimensionaler zu gestalten, die dies erstens nicht bedurfte und zweitens bereits greifbar genug gewesen ist. Bleibt nur zu hoffen, dass Doomsday Clock und Geoff Johns in der nächsten Ausgabe wieder etwas mehr Tempo gewinnen. Die Uhr tickt schließlich.

7.5/10

27. April 2018

Only the Brave [No Way Out: Gegen die Flammen]

Act like we’ve done it before.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Beratungsunternehmen Gallup mit dem „Engagement Index“ eine Studie, nach der 85 Prozent der Arbeitnehmer kaum eine Bindung zu ihrem Arbeitsgeber haben. Die Folge ist Dienst nach Vorschrift. Buchstäblich Feuer und Flamme für seinen Job sein und dabei Dienst nach Vorschrift verrichten – das schließt sich nicht aus, wie die Waldbrandbekämpfer in Joseph Kosinskis Only the Brave deutlich machen. In Deutschland kommt das auf wahren Begebenheiten beruhende Drama unter dem Titel No Way Out in die Kinos. Mit dem bilingualen Zusatz „Gegen die Flammen“, um wohl die Verwechslungsgefahr mit dem gleichnamigen Spionage-Thriller von Roger Donaldson aus dem Jahr 1987 zu minimieren.

Kosinski erzählt in seinem dritten Film nach den Sci-Fi-Ausflügen Tron: Legacy und Oblivion von Feuerwehrmann Eric Marsh (Josh Brolin) und seinen Bemühungen, seinen Trupp als Spezialeinheit für Waldbrandbekämpfung – in den USA “Hotshots” genannt – zertifiziert zu bekommen. Als Neuling im Team stößt der drogensüchtige Taugenichts Brendan McDonough (Miles Teller) zum Team, der nach einem One-Night-Stand mit Kindesfolge seine Tochter finanziell unterstützen will.  Gemeinsam mit Duane Steinbrink (Jeff Bridges), dem Chef der lokalen Feuerwehr und Marshs Vorgesetztem, hadern die designierten Waldbrandbekämpfer mit dem Tribut, den sie ihrem Job zollen, während das Familienleben daheim darunter zu leiden droht.

Die Geschichte von Marsh und seinem Team der Granite Mountain Hotshots nahm am 30. Juni 2013 ein tragisches Ende, als fast die gesamte Einheit beim Yarnell Hill Waldbrand ums Leben kam. Das seiner Zeit insgesamt zwölf Tage währende Feuer zerstörte eine Fläche von 34 km2 und das Leben von 19 der Hotshots aus Prescott, Arizona – womit es der tödlichste Waldbrand für Feuerwehrleute in 90 Jahren war. Vom Aufbau und der Struktur her erinnert Only the Brave somit an die jüngeren Werke eines Peter Berg, der in Filmen wie Patriot’s Day, Deepwater Horizon oder Lone Survivor zuletzt gerne reale Tragödien um menschliche Helden inszenierte. Ein Gespür für dieses Genre, das Sci-Fi-Mann Kosinski noch nicht ganz zu besitzen scheint.

Only the Brave erstreckt sich über einen Zeitraum von acht Jahren, ohne dass dies dem Zuschauer wirklich bewusst würde. Das narrative Konstrukt macht dabei durchaus für sich Sinn, wenn wir Marsh sowie seine Männer um Jesse Steed (James Badge Dale) und Christopher MacKenzie (Taylor Kitsch) erstmals im Jahr 2005 begegnen, wo sie noch als Aufräum-Trupp für richtige Hotshots tätig sind. Was folgt, ist in gewisser Weise eine Underdog-Story, die sich jedoch nicht mit vermeintlichen Widrigkeiten für die Feuerwehrleute aufhält. Wie wenig Fleisch die Geschichte im Kern am Knochen hat, zeigt sich schon dadurch, dass Kosinski sie mit allerlei Nebenhandlungen unterfüttert, die für den Verlauf der eigentlichen Geschichte nicht von Relevanz sind.

So ist eines der wiederkehrenden Motive das der Familie und der Opfer, die sie für den Job der Männer zu bringen hat. Man muss seinen Gatten eben mit dem Feuer teilen, weist da eine unterbeschäftigte Andie MacDowell als Marvel Steinbrink ihr Gegenüber Amanda Marsh (Jennifer Connelly) hin. Letztere will eigentlich Kinder, auch wenn ihr Mann von Beginn an deutlich gemacht haben will, dass er sich nicht nach welchen sehnt. Ein emotionales Drama, das sich auch in der intendierten Katharsis von Brendan McDonough widerspiegelt. Wie es mit dem (Familien-)Leben anderer Männer wie dem Familienvater Steed oder auch MacKenzie aussieht, lässt Only the Brave außen vor. Womöglich, um nicht zu viele Bälle gleichzeitig zu jonglieren.

Nicht jede Entscheidung lässt sich hierbei aber gänzlich nachvollziehen. So ist Amanda zu einem Zeitpunkt in einen Autounfall verwickelt und Brendan wird irgendwann während der Arbeit von einer Klapperschlange gebissen. Beide Ereignisse führen nicht wirklich irgendwo hin, legen kein narratives oder charakterliches Fundament. Sie bieten im besten Fall einen kurzen Einblick in den aktuellen Familienstatus der betroffenen Figuren. In der Folge blähen sie den Film, der eigentlich nur auf die dramatische Entwicklung des Yarne Hill Fires hinarbeitet, aber unnötig auf über zwei Stunden auf. Jener Brand, der damals mit der höchsten Gefahrenstufe als Großschadensbrand und als Naturkatastrophe eingestuft wurde, geht unterdessen etwas unter.

Manche Elemente und Metaphern funktionieren sehr gut, zum Beispiel wenn Amanda auf ihrer Farm ein geplagtes Pferd mit Vorgeschichte aufnimmt, während Eric zur selben Zeit Brendan eine neue Chance bietet. Andere Szenen, wie ein in Brand stehender Bär als bebilderte Anekdote, fallen wiederum eher unglücklich aus. Das Ensemble gibt sich immerhin bemüht, von Brolin und Teller über Connelly bis hin zu Hintergrunddarstellern wie Geoff Stults und Ben Hardy. Wäre nur die Handlung etwas runder und packender, die in ihrer jetzigen Form wenig mehr beim Publikum hängen bleibt als der Plot des fiktiven und thematisch ähnlichen Films “Smoke Jumpers” aus der fünften Staffel von HBOs Meta-Hollywood-Serie Entourage.

“Sooner or later, the fire… she’s gonna come a-knocking”, prognostiziert Eric Marsh da an einer Stelle im Film, der durchaus mitunter in Klischeegefilde abdriftet. Kosinski kommt so nicht umhin, nach einem erfolgreich bekämpften Brand eine Krankenschwester schmachtend seufzen zu lassen, wie heldenhaft die Granite Mountain Hotshots seien. Ebenso heldenhaft darf Brendan später wie ein VIP in die lokale Bar eintreten, aus der er zu Beginn noch von den Türstehern gewaltsam entfernt werden musste. Etwas mehr Tiefgang hätte Only the Brave in solchen Momenten nicht geschadet. “What can I live with and what can I die without?”, stellt Duane Steinbrink einmal in den Raum. Eine Antwort auf die Frage liefert der Film aber leider nicht.

Der Zuschauer müsse die Verletzlichkeit der Figur spüren, die den Kern ihres Dilemmas bildet. “Like an onion. Without a core, there’s no layers”, weist Regisseur Verner Vollstedt (Stellan Skarsgård) in der Entourage-Folge Playing With Fire am Set von “Smoke Jumpers” seinen Star Vincent Chase (Adrian Grenier) hin. Ähnlich wie dieser Film liefert Only the Brave auf der einen Seite zwar Brand-Spektakel, dreht sich jedoch im Kern um Menschen mit verschiedenen Ebenen. Und ähnlich wie Verner im „Dienst nach Vorschrift“ von Vincent Chase vermag man als Zuschauer dies in Kosinskis Film nicht ausreichend in Handlung und Charakteren zu erkennen. Selbst wenn die sie spielenden Darsteller für ihren Job Feuer und Flamme sind.

5.5/10

20. April 2018

First Blood [Rambo]

Have a Coke and smile.

Wie kaum ein anderer Krieg hat sich der Konflikt der USA von 1964 bis 1975 in Vietnam ins kollektive cineastische Gedächtnis gebrannt. Keine glühende heroische Verehrung wie es sie zum 2. Weltkrieg gibt herrschte hier in der filmischen Aufarbeitung vor. Vielmehr widmen sich Filme wie Apocalypse Now und Platoon eher dem Wahnsinn des Krieges als solchen, während Werke wie The Deer Hunter, Coming Home, Jacob’s Ladder und Born on the Fourth of July sich mit den psychologisch-sozialen Folgen für die US-Soldaten und der Gesellschaft in der Heimat befassten. Auch Ted Kotcheffs First Blood – in Deutschland unter dem Titel Rambo vermarktet – zählt zu diesen Post-Vietnam-Filmen, obgleich die Thematik hier eher subtil behandelt wird.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von David Morrell von 1972 erzählt First Blood von dem Kampf eines Soldaten gegen seine Kriegsdämonen sowie dem der zivilen Gesellschaft gegen den Dämon Krieg. “Wearing that flag on that jacket, looking the way you do, you’re asking for trouble around here”, lässt Sheriff Will Teasle (Brian Dennehy) eingangs den plötzlich in seiner Kleinstadt Hope auftauchenden Vietnam-Veteranen John Rambo (Sylvester Stallone) wissen. Der ist eigentlich bloß auf der Durchreise, aber eben jemand, der nur von Armee-Vorgesetzten Befehle annimmt. Rambo ist nicht Willens, nachzugeben, als ihn Teasle am Ortsausgang absetzt. Teasle wiederum kann und will sein Gesicht nicht verlieren, als Rambo dann bockt.

Beide Figuren repräsentieren exemplarisch den generellen Konflikt zwischen Vietnam-Veteran und Zivilist. “Most of them had been warned to expect a hostile reception”, zitiert David K. Shipler in einem Artikel des New Yorker den Autoren James E. Wright. Der Zwiespalt der Gesellschaft, die erstmals einen Krieg ihrer Nation von zuhause am Fernseher verfolgen konnte, übertrug sich auf diejenigen, die ihn für sie durchführten. Statt auf diejenigen, die ihn verantworteten. Auch Rambo klagt im Finale des Films gegenüber seinem ehemaligen Vorgesetzten Trautman (Richard Crenna), dass er bespuckt und als „Baby-Mörder“ bezeichnet worden sei. Statt einer Unterstützung erfährt er nur Misstrauen und Gleichgültigkeit ob des Erlebten.

“I didn’t do anything”, wird Rambo mehrmals und zweideutig in First Blood reklamieren – selbst als die Lage bereits eskaliert ist. “Why you pushing me?”, fragt er da eingangs noch keck Teasle, als der ihn nicht einmal etwas essen lassen will. Der versteckt sich hinter dem vermeintlichen Vorwurf der Landstreicherei. Es handele sich um ein ruhiges, ja, langweiliges Städtchen, das keinen Ärger sucht. Hoffnung ist für Rambo in Hope also keine zu finden – ein geradezu zynisches Statement. Inwieweit die Gemeinde durch Rambos Präsenz hätte beunruhigt werden können, bleibt offen, ein wirkliches Bild zeichnet Kotcheff von Hope vor der Eskalation nicht. Ganz haltlos mag der Verdacht von Teasle grundsätzlich dabei gar nicht einmal gewesen sein.

Etwa vier von zehn Vietnam-Veteranen waren mit finanziellen Problemen und Arbeitslosigkeit konfrontiert. Speziell unter den Minderheiten und ärmeren, ungebildeten Schicht, wie Ron Suskind in der New York Times schon 1985 schrieb. Von Rambo hören wir im Finale ähnliche Vorwürfe. “Back there (…) I was in charge of million dollar equipment”, echauffiert er sich, “back here I can’t even hold a job parking cars.” Das Gefühl der Alleingelassenheit wird zu Beginn noch dadurch verstärkt, dass Rambos letzter überlebender Kamerad seiner Einheit von acht Mann ohne sein Wissen ebenfalls verstorben ist. Und das auch noch an den Folgen von chemischer Kriegsführung in einem Konflikt, der nun öffentlich als verachtenswert gesehen wird.

Ein Verständnis erwartet die Figur nicht – nicht einmal wirklich von Trautman selbst, der einen gebrochenen Rambo zum Schluss in seine Arme nimmt. Vom Militärapparat fallen gelassen, von der Gesellschaft verstoßen. Etwas bedauerlich gerät da, dass First Blood in Teasle einen weiteren Kriegsveteranen präsentiert, dies die Figur aber selbst gar nicht wahrnimmt. Teasle kämpfte im Korea-Krieg, ist dabei wie Rambo selbst hochdekoriert – das zeigt ein Medaillen-Trio in einer späteren Szene in seinem Büro. Woher die sofortige Animosität von Teasle gegenüber Rambo stammt, bleibt somit unklar. Vielleicht ist es der leise Vorwurf des verlorenen Krieges, womöglich auch der über die dort teilweise verübten unmenschlichen Verbrechen.

Spannend gerät in First Blood dabei die Reinszenierung des Vietnam-Kriegs unter verkehrten Vorzeichen. Getriezt bis ihn seine posttraumatische Belastungsstörung in die Defensive drängt, sucht Rambo das Weite und verschwindet in den umliegenden Wäldern. Hier mutiert er selbst zu einer Ein-Mann-Version des Vietcong, wenn er überall und nirgendwo ist, sich das Terrain zu eigen macht und in scheinbar übermenschlicher Art und Weise die Eindringlinge der US-amerikanischen Exekutive aus dem Verkehr zieht. “Like bringing the pigeons to the cat”, unkt Col. Trautman nach seiner Ankunft angesichts der vergeblichen Bemühungen der städtischen Polizei und der sie unterstützenden – sowie aus Zivilisten bestehenden – Nationalgarde.

“You sure picked one hell of a guy to mess around with”, wird Teasle von einem seiner Beamten vorgehalten, als Rambos Identität geklärt ist. Als “war hero”, bezeichnet er diesen aufgrund seiner Medal of Honor – der höchsten militärischen Auszeichnung. Wenn Trautman über Rambo spricht, so tut er dies weniger als Held, denn als Werkzeug. Als Kriegsmaschine und Ein-Mann-Armee, für die das Ende des Krieges zugleich das Ende ihrer Verwertbarkeit bedeutet. “Don’t push it”, macht Rambo seinem Gegenüber Teasle da später nochmals klar. “Let it go! Let it go.” Zu dem Zeitpunkt ist mit dem Tod von Teasles Untergebenen und Freund Art Galt (Jack Starrett) aber die Brücke eines Auswegs bereits abgebrannt, die Hoffnung in Hope erloschen.

Gerade die Szene auf der Polizeistation spiegelt dabei weniger die Abneigung gegenüber Vietnam-Veteranen wider, als dass sie ein frühes Statement zur Polizeigewalt darstellt. In Galt und dem jungen Beamten Mitch (David Caruso) zeichnet Kotcheff ebenfalls Gegenentwürfe voneinander. Ersterer kennt nur rohe Gewalt, die sich vielleicht gerade deshalb Bahn bricht, weil die „langweilige“ Stadt Hope – so der O-Ton von Teasle – ihm sonst wenig Gelegenheit zur übertriebenen Ausübung seiner Staatsgewalt bietet. Mitch hingegen gibt sich verständiger und dient im Verlauf noch am ehesten als Identifikationsfigur des Zuschauers, ehe Caruso in der zweiten Filmhälfte nicht mehr am Geschehen teilnimmt, nachdem ihn Rambo im Wald attakiert.

First Blood ist ungeachtet all dessen jedoch vordergründig kein Kommentar auf die Lage der Nation oder den Vietnam-Krieg. Im Kern handelt es sich um einen Action-Film, der dem Subgenre des „Einer-gegen-Alle“ zuzuordnen ist, das später noch Vertreter wie Die Hard hervorbringen sollte. Kotcheff vermag aber durchaus, den Krieg als solchen nicht unter den Teppich zu kehren, ohne sich deswegen gleich in unsäglichen Rückblenden zu verlieren. Die sind kurz und prägnant inszeniert, um als Erklärung für Rambos vermeintliche Überreaktion zu dienen. Im Fokus steht aber die Hauptfigur als Getriebener, mitunter buchstäblich, sei es wenn Rambo auf dem Motorrad vor Teasle flieht oder sich vor dem auf ihn schießenden Galt in einen Abgrund stürzt.

Stallone spielt den Part physisch sehr überzeugend, auch wenn sein finaler und tränenreicher Schlussmonolog etwas zu theatralisch ausfällt. Wie erwähnt wäre es schön gewesen, First Blood wäre noch etwas mehr auf die Beziehung von Teasle zu Rambo eingegangen bzw. hätte diese zu einem Zeitpunkt einmal reflektiert. Dass beide Charaktere im Gegensatz zu Morrells Vorlage überleben, mag die gelungenere, wenngleich romantischere, Botschaft sein. Optional hätte auch die Medienberichterstattung im Film selbst das Problem der vergessenen Kriegs-Veteranen aufgreifen können, was in der dreistündigen Rohfassung der Fall gewesen sein mag, mit seinen nun 90 Minuten reizt der Film dafür sein Spannungsmoment nicht aus.

“I learned in war the price that is paid when diplomacy fails”, hat John Kerry, US-Außenminister unter Präsident Obama und seines Zeichens selbst Vietnam-Veteran, einmal gesagt. Ähnlich ergeht es Teasle in First Blood – auch wenn er es, ähnlich wie Rambo, nicht einsehen mag. “People start fucking around with the law and all hell breaks loose”, ätzt der Sheriff später. Der von Trautman unternommene Versuch eines Dialogs mit Rambo scheitert, für die Beteiligten scheint Diplomatie keine Lösung. “They drew first blood, not me”, jammert Rambo in der Manier eines Kleinkindes, auch wenn ihn das nicht zum Schuldigen macht. Letztlich, das mag die Botschaft des Films sein, kennt ein Krieg eben immer nur Verlierer – auf beiden Seiten.

7.5/10