1. März 2015

Filmtagebuch: Februar 2015

BATMAN: ASSAULT ON ARKHAM
(USA 2014, Jay Oliva/Ethan Spaulding)
5.5/10

BEYOND THE LIGHTS
(USA 2014, Gina Prince-Bythewood)
7/10

BIRDMAN
(USA/CDN 2014, Alejandro González Iñárritu)
6/10

FRIENDS – SEASON 9
(USA 2002/2003, Gary Halvorson u.a.)
7.5/10

FRIENDS – SEASON 10
(USA 2003/2004, Gary Halvorson u.a.)
7.5/10

GREEN LANTERN [EXTENDED CUT]
(USA 2011, Martin Campbell)

6/10

HAYWIRE
(USA/IRL 2014, Steven Soderbergh)
4/10

HONEY, I SHRUNK THE KIDS
[LIEBLING, ICH HAB DIE KINDER GESCHRUMPFT]
(USA 1989, Joe Johnston)

6.5/10

I LOVE YOU, MAN [TRAUZEUGE GESUCHT!]
(USA 2009, John Hamburg)

6.5/10

JOHN WICK
(USA/CDN/CN 2014, Chad Stahelski)
7/10

TO KILL A MOCKINGBIRD [WER DIE NACHTIGALL STÖRT]
(USA 1962, Robert Mulligan)

9/10

LAST DAYS IN VIETNAM
(USA 2014, Rory Kennedy)
6/10

LEVIAFAN [LEVIATHAN]
(RUS 2014, Andrey Zvyagintsev)

7/10

THE LOSERS
(USA 2010, Sylvain White)
6.5/10

MAGIC MIKE
(USA 2012, Steven Soderbergh)
5.5/10

THE OVERNIGHTERS
(USA 2014, Jesse Moss)
4/10

PARKS AND RECREATION – SEASON 7
(USA 2015, Dean Holland u.a.)
8/10

PERSON OF INTEREST – SEASON 1
(USA 2011/12, Richard J. Lewis u.a.)
7/10

SEN TO CHIHIRO NO KAMIKAKUSHI [CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND]
(J 2001, Miyazaki Hayao)

8.5/10

TRADING PLACES [DIE GLÜCKSRITTER]
(USA 1983, John Landis)

7/10

WHIPLASH
(USA 2014, Damien Chazelle)
2.5/10

25. Februar 2015

To Kill a Mockingbird [Wer die Nachtigall stört]

What kind of man are you?

Jahr(zehnt)elang habe ich geglaubt, Robert Mulligans To Kill a Mockingbird – in Deutschland: Wer die Nachtigall stört – wäre ein Gerichtsdrama. Ich kannte die Prämisse des Films, dass Gregory Pecks Anwalt Atticus Finch einen Schwarzen vertritt – mehr aber auch nicht. Entsprechend schob sich eine Sichtung immer wieder und wieder auf, da ein Gerichtsdrama grundsätzlich wie das nächste ist. Nun wurde diese filmhistorische Lücke doch endlich geschlossen und umso größer war meine Überraschung, dass ich dem Film seit jeher Unrecht getan habe. Sicher, To Kill a Mockingbird ist auch ein Gerichtsdrama, allerdings nur gut ein Viertel seiner Zeit. Rund die Hälfte des Films, wenn nicht sogar mehr, fokussiert sich auf Atticus’ Kinder.

Die beiden Halbwaisen Jem (Phillip Alford) und Scout (Mary Badham) lernen während der Sommerferien Dill (John Megna), den Neffen ihrer Nachbarin kennen. Gemeinsam versuchen sie, einen Blick auf Boo Radley, einen weiteren, sehr zurückgezogenen lebenden Nachbarsjungen, zu erhaschen. Gleichzeitig weckt aber auch Atticus’ jüngster Fall ihre Aufmerksamkeit – wie auch die der ganzen Stadt. Immerhin wurde der Anwalt vom örtlichen Richter gebeten, den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson (Brock Peters) zu verteidigen, dem vorgeworfen wird, er habe eine weiße Frau vergewaltigt. Aus nächster Nähe können Jem und Scout lernen, was es heißt, tolerant zu sein. Und sehen zudem, wie rassistisch ihre Gesellschaft in Wirklichkeit ist.

Atticus Finch wird dabei als der Gutmensch schlechthin dargestellt – falls es jemals einen gegeben hat. Wenn seine Klienten ihn nicht bezahlen können, gibt er sich auch mit ein paar Lebensmitteln zufrieden. Schließlich liegt die Weltwirtschaftskrise – der Film spielt Anfang der 1930er Jahre – erst ein paar Jahre zurück und seine Klienten seien Farmer vom Land. “Crash hit them the hardest”, erklärt Atticus seiner Tochter. Die ruft wie ihr Bruder den Vater beim Vornamen, was so ungewohnt wie amüsant ist. Ohnehin sorgen die Kinder für allerlei humorvolle Auflockerung. Beispielsweise wenn Tomboy Scout zu ihrem ersten Schultag ein Kleid tragen soll. Und in der Pause gleich in eine Rauferei gerät. Dennoch ist der Respekt vor ihrem Vater enorm.

Insofern ist To Kill a Mockingbird ein Film über Werte und infolgedessen auch über Erziehung. Man müsse lernen, die Welt aus der Sicht der anderen zu sehen, sagt Atticus seiner Tochter. “There just didn’t seem to be anyone or anything Atticus couldn’t explain”, verrät uns die Erzählstimme der älteren Scout zugleich. Egal ob es die biestige alte Nachbarin oder ein tollwütiger Hund in der Straße ist, Attticus weiß, wie man sich zu verhalten hat. Auch, wenn ein Schwarzer in den Südstaaten der USA in den Dreißiger Jahren eines Verbrechen gegen eine Weiße beschuldigt wird. Zumindest denkt so die städtische Bevölkerung. Aber anstatt dem Lynchmobgedanken nachzugeben, setzt sich der Anwalt und Witwer für seinen Gerechtigkeitsglauben ein.

Auch hier gibt es wie in Stanley Kramers The Defiant Ones eine Szene mit einem Lynchmob, die de-eskaliert werden muss. Die Art und Weise wie dies in Harper Lees Roman und Robert Mulligans Adaption geschieht, wirkt obschon etwas konstruierter im selben Moment jedoch innerhalb der Handlung glaubwürdiger. Dasselbe Urteil muss man auch für den Verlauf des Gerichtsfalls fällen, ist der Prozess wie hier gezeigt doch in seiner Zeit verhaftet und könnte so heutzutage keinesfalls mehr funktionieren. Sein Ausgang kommt dennoch unerwartet, wie auch der der Schlusssequenz. Sicher ist nicht alles völlig rund in To Kill a Mockingbird, aber grundsätzlich dient die Handlung auch nur dem Verbreiten einer moralischen Botschaft.

Zuvorderst lebt der Film aber von seinen zwei Kinderdarstellern, besonders Mary Badham als altkluge Scout ist eine echte Sympathieträgerin mit ihrer gewinnenden Art. Zugleich inszeniert Mulligan seinen Film überraschend modern, sei es das Credit-Intro (das mich entfernt an Wes Anderson erinnerte) oder auch so manche Kameraeinstellung. In seiner Summe ist diese Harper-Lee-Adaption ein stets unterhaltsamer, oftmals amüsanter und speziell gegen Ende auch bewegender Film, der zurecht als Klassiker gilt. Wieso ich eine Sichtung so lange vor mich her geschoben habe, Gerichtsdrama hin oder her, mag sich mir nicht erklären. Ich weiß jedoch, dass ich To Kill a Mockingbird keinesfalls zum letzten Mal gesehen habe.

9/10

19. Februar 2015

Last Days in Vietnam

Those sons of bitches.

Lange galt der langlebige Vietnamkrieg in der US-Gesellschaft als das Trauma der Zeitgeschichte, ein Status, den inzwischen vielleicht die Kriege in Irak und Afghanistan als Folge der Anschläge vom 11. September 2001 streitig machen. Jene Kriege sind es, die in jüngeren Jahren das betreffende Genre in Hollywoods Filmlandschaft bestimmen, von The Hurt Locker über Zero Dark Thirty bis hin zu Lone Survivor. Vielleicht deswegen wurde Rory Kennedys Dokumentation Last Days in Vietnam derart positiv aufgenommen, als Bildnis eines wenig berücksichtigten Kapitels der US-Militärgeschichte: der Evakuierung seiner Botschaft und südvietnamesischen Bevölkerung 1975 als Truppen des Vietcong den Vormarsch auf Saigon forcierten.

Offiziell waren die USA 1965 in den Krieg gegen den Vietcong eingetreten, tatsächlich hatte sie schon zwischen 1956 und 1963 fast 17.000 militärische Berater nach Südvietnam geschickt, um dessen Regierung gegen die Anschläge aus dem Norden zu unterstützen. Und obschon am 27. Januar 1973 in Paris ein Waffenstillstandsabkommen zwischen allen Beteiligten unterzeichnet wurde, ließ der Vietcong nicht ab. Und schaute, wie Last Days in Vietnam betont, wie weit sie gehen konnten, ehe die USA intervenieren würden. Was in der Folge ziemlich weit war, sich immer mehr gen Süden erstreckte und zwei Jahre später vor Saigon führte. “You saw out of control panic”, beschreibt ein damaliger US-Militär rückblickend die Lage.

Der Krieg zwischen den USA und dem Vietcong war faktisch zu Ende, Amerika hatte verloren. Und dem Gegner, das war nach dem Pariser Treffen klar, nichts mehr entgegenzusetzen. Ein militärisches Aufbäumen war unmöglich, es blieb nur, alle Amerikaner und deren Familien – darunter oft Vietnamesen – zu evakuieren. “These people were dead men walking”, heißt es von einem anderen Talking Head im Film von Rory Kennedy, ihres Zeichens die Tochter von Robert F. Kennedy. Entgegen der Anweisungen ihres Botschafters schafften viele US-Soldaten oder Botschaftsmitarbeiter Südvietnamesen in die Botschaft oder schlicht in Sicherheit. Es sei nicht um legal oder illegal gegangen, sagt einer, sondern um richtig oder falsch.

Dass der US-Kongress seinen Präsidenten Gerald Ford damals nicht wie von diesem gewünscht unterstützen wollte (“Those sons of bitches”, soll Ford danach geflucht haben), zeigt von der bereitwilligen Aufgabe eines Konflikts, der zu lange zu viele Opfer gefordert hatte. Am Ende stand also der große Rückzug – nur wie sollte dieser vonstattengehen? Kurz vor dem Einmarsch des Vietcong in Saigon seien noch 5.000 Amerikaner mit ihren vietnamesischen Familien im Land gewesen. Boote waren ebenso überfüllt wie Flugzeuge, hinter denen die Leute beim Abflug hinterher eilten. Das Personal in der Botschaft wurde schließlich in zahlreichen Helikopterflügen nach und nach in Sicherheit gebracht. Eine Rettung, die als „Option 4“ galt.

Kennedy spricht in Last Days in Vietnam mit vielen Beteiligten, mit dem damaligen US-Außenminister Henry Kissinger sowie mit US-Veteranen und ehemaligen CIA-Analysten, aber auch mit südvietnamesischen Soldaten, die teils erst nach Jahren in Erziehungslagern nach der Evakuierung Saigons ihren Weg in die USA fanden. Insofern ist die Dokumentation durchaus umfangreich und informativ in ihren Einblicken in die Schlussphase eines verlorenen Krieges. Aber derart Neues, wie viele der positiven Kritiken hervorheben, weiß ihr Film gar nicht zu erzählen. Bereits vor 20 Jahren hatte Michael Dutfield das Thema in seiner Fernsehdoku The Fall of Saigon verarbeitet, Bilder vom Fall Saigons tauchen auch in Genrefilmen auf.

Wie umfangreich die Evakuierung ausfiel und mit welchem Idealismus die Amerikaner diese vollzogen ist wohl das Entscheidende, was Rory Kennedy in ihrem Film ausdrücken kann. Dennoch wäre dem Ganzen wohl als Magazinbeitrag oder komprimierte 40-minütige Sendung – beispielsweise auf dem History Channel (oder eben PBS) – besser gedient gewesen. Nicht unproblematisch ist zudem, dass – wenn auch thematisch-zeitlich bedingt – all jene Gräuel, die von den USA im Vietnamkrieg ausgingen, hier unerheblich sind. Als Folge sah Amerikas Rolle in jenem dunklen Kapitel der Zeitgeschichte selten positiver aus. Insofern ist Last Days in Vietnam zwar durchaus informativ, aber zugleich auch im Kontext seiner Zeit zu sehen.

6/10

13. Februar 2015

Kurz & Knackig: Justice League

Das hätten sich auch die Nerds nicht träumen lassen, dass Comic-Filme irgendwann die Filmindustrie dominieren. Marvels Output – Spider-Man und X-Men außen vor – hat bislang über sieben Milliarden Dollar eingespielt, mehr als ein Drittel davon allein durch The Avengers und Iron Man 3. DC’s Portfolio baute primär auf Nolans Batman-Filme, die den Löwenanteil der drei Milliarden Einspiel besorgten, wohingegen Green Lantern zum Flop avancierte. Kein Wunder also, dass auch Warner Bros. ein Stück vom Kuchen abhaben will und nächstes Jahr mit Batman v Superman: Dawn of Justice auf ihren eigenen Ensemble-Film hinarbeiten. Dabei ist die Justice League schon seit Jahren im Einsatz – wenn auch bislang nur im Animationsbereich.

Seit 2007 spült DC Comics in regelmäßigen Abständen Filme zu seinen Helden Ensemble-Werke auf den DTV-Markt. Die Filme folgen dabei zu Beginn keiner wirklichen Chronologie. Was sie neben namhaften Voice Casts (Nathan Fillion als Green Lantern!) auszeichnet, sind teils interessante Ideen, Szenen und Momente. Aber auch so manche Stolpersteine. Das Schema ist oft dasselbe: Batman ist der seriöse Leader, Green Lantern meist der comic relief – oft unterstützt von Flash –, während Wonder Woman bzw. Diana Prince etwas steif daherkommt, Cyborg eher ein Militärstratege ist und Superman oft auf seine Stärke reduziert wird. In der Folge sollen einige der jüngeren Justice League-Filme etwas ausführlicher beleuchtet werden.

Justice League: Crisis on Two Earths (2010)

The philosophical implications are tremendous.

Von den vier vorgestellten Filmen entspricht der Zeichenstil von Lauren Montgomerys und Sam Lius Crisis on Two Earths sicher am ehesten dem von Fernseh-Cartoons. Wie im Falle der anderen Filme wird sich aus dem großen Print-Fundus bedient, um eine der populäreren Handlungsstränge zu erzählen. In diesem Fall wird die Justice League von der Ankunft Lex Luthors überrascht, der kundtut, aus einer Paralleldimension zu stammen, wo die Superhelden als Crime Syndicate die Bösewichte geben und die im DC-Universum bekannten Antagonisten rund um Luthor, Joker und Deathstroke wiederum die Justice League stellen. Luthor als letztes überlebendes Mitglied dieser Justice League bittet nun Superman und Co. um Unterstützung.

Den Zuschauer erwartet somit ein “What if”-Szenario, in dem mit großer Macht große Gier einhergeht. Superman (Mark Harmon) wird zu Ultraman, Wonder Woman zu Superwoman, usw. Hierbei wird zugleich die subtile Idiotie der Heldennamen deutlich, wenn in der Alternativwelt Batman (William Baldwin) schließlich zu Owlman (James Woods) mutiert. Gerade letztere beide bestimmen das Geschehen, wenn Owlman eine Superbombe dazu nutzen will, die Ursprungserde zu zerstören, weil in einer Welt mit unzähligen Erden jegliche Entscheidung und somit auch die menschliche Existenz irrelevant sei. Eine Suizidmission, bei der Owlman bereitwillig von seiner bloß aufs Monetäre fixierten Freundin Superwoman unterstützt wird.

Die ist als verruchte Femme fatale einer der Höhepunkte, auch wenn ihre Motivation nur bedingt Sinn macht. Ansonsten gibt es hier wie in den anderen Filmen viele, teils ausufernde Actionszenen, wenn sich unsere Superhelden ohne wirkliche Konsequenzen eins auf die Zwölf geben. Manche Figur wie Green Lantern rückt da in den Hintergrund, was im Falle des Crime Syndicates jedoch noch auffälliger ist. Trotz allem finden die Regisseure Zeit, dem Martian Manhunter eine Liebesgeschichte auf den Leib zu schreiben. Seine Stärken bezieht Crisis on Two Earths jedoch aus der verkehrten Darstellung der gewohnten Verhältnisse, kulminierend in einem spannenden und gut geschriebenen Finale zwischen Batman und Owlman.

6/10

Justice League: The Flashpoint Paradox (2013)

You’re one hell of a messenger.

Dass Jay Oliva als Storyboarder an Bord von Zack Snyders Man of Steel war, sollte man dem Regisseur der The Dark Knight Returns-Adaption nicht zum Vorwurf machen. Zumindest versucht The Flashpoint Paradox in diesem Fall eine Rehabilitation. Was eingangs wie ein gewöhnliches Justice League-Abenteuer beginnt, in dem Flash (Justin Chambers) ein Bombenattentat des Reverse-Flash mithilfe der Justice League abwenden muss, entwickelt sich schnell zu einer alternativen Realität, die buchstäblich keine Gefangenen macht. Hier führen Wonder Womans (Vanessa Marshall) Amazonen Kriegt mit Aquamans Atlanteanern, weil Diana Prince für den Tod von Aquamans Frau Mera verantwortlich ist. Doch das ist nur eine Abwandlung von vielen.

Wie Flash bei einem Besuch in Gotham feststellen muss, ist Batman in dieser Zeitachse Thomas Wayne (Kevin McKidd), nachdem es Bruce war, der seinerzeit starb, statt seiner Eltern. Superman ist in dieser Realität ein geheimes Militärexperiment, das Batman und Flash später mit Cyborg (Michael B. Jordan) befreien müssen und Hal Jordan ist nie zu Green Lantern geworden. Wieder ist es die Umkehr mancher Gewohnheit – auch hier gehören Luthor und Slade Wilson zu den Guten –, die gefällt. Beeindruckend ist zuvorderst jedoch die ernste und sehr gewalthaltige Herangehensweise, wenn unsere bekannten Helden wie Shazam hier teilweise brutale und grausame Tode sterben. Was nicht bedeutet, der Film sei frei von Humor.

Problematisch gerät allerdings die Auflösung des Ursprungs der alternativen Realität, die aus einer einzigen Handlung resultierte. Wieso dies sich wiederum derart auswirkt, dass Bruce Wayne an seiner Eltern statt stirbt oder Superman nie von den Kents aufgezogen wird, will nicht ganz klar werden. Und auch wenn The Flashpoint Paradox auf einer emotionalen Note endet, steht das Konstrukt der Handlung im Nachhinein auf wackeligen Beinen. Die zuvor erschaffene dystopische Welt hingegen wusste zu gefallen, auch wenn manche Figur – wie ein direkt aus Pumping Iron entsprungener Aquaman – etwas befremdlich wirkt. Härter und dreckiger als The Flashpoint Paradox kann man einen Justice League-Film jedoch kaum inszenieren.

6/10

Justice League: War (2014)

You’re not just some guy in a bat costume, are you?

Auch in War führte Jay Oliva wieder die Regie, während der Film erneut eine neue Kontinuität beginnt – die immerhin in Throne of Atlantis fortgesetzt wird –, obschon er am Ende von Flashpoint in einer Post-Credit-Szene angeteasert wurde. Die Hintergründe dieser Realität ergeben sich während der Sichtung, beispielsweise welche der Figuren sich kennen und welche nicht. Darkseid plant in bester The Avengers-Manier mittels beliebiger Alien-Krieger die Invasion der Erde, was zuerst Batman (Jason O’Mara) und Green Lantern (Justin Kirk) in Gotham zusammenführt. Beide suchen in Metropolis daraufhin die Unterstützung durch Superman (Alan Tudyk), während Victor Stone eher widerwillig durch Darkseids Invasions-Pläne zu Cyborg mutiert.

Während verschiedener Angriffe, unter anderem auf Air Force One, werden auch Helden wie Wonder Woman (Michelle Monaghan), Flash (Christopher Gorham) und Shazam (Sean Astin) in das Geschehen involviert. Gemeinsam müssen die sieben Superhelden nun einen Mittel und Weg finden, um Darkseids Plänen ein Ende zusetzen. Und damit wäre auch die Handlung bereits umrissen, die im Gegensatz zu den beiden anderen Filmen relativ wenig tiefgründig gerät. Zuvorderst lebt War von der Konfrontation der verschiedenen Figuren, wobei das Duo Batman und Green Lantern neben der Genesis von Cyborg (zurecht) die meiste Laufzeit in Anspruch nimmt. Der überzeugende Zeichenstil orientiert sich dabei an Olivas Vorgänger-Film.

Letztendlich hätte man das alles jedoch auch auf etwas mehr als die Hälfte der Zeit eindampfen können, da der Film so manchen Leerlauf hat. So sehr Wonder Woman auch auf den Putz haut, ist Diana Prince doch eine unwahrscheinlich steife Figur geworden. Shazam wiederum gerät relativ verzichtenswert und ironischerweise spielt Superman auch hier wieder nur die zweite Geige hinter Batman. Bereitet Darkseid zuerst enorme Probleme, gelingt es den Helden dann auch ohne Batman und Superman später relativ einfach, mit ihm fertig zu werden. Dass manche Figuren wie Wonder Woman hier erneut neu gezeichnet und das Ensemble neue Stimmen erhält (und teils in Throne of Atlantis nochmals) steht War am Ende ein wenig im Weg.

5.5/10

Justice League: Throne of Atlantis (2015)

Journalism is dead.

Obschon Throne of Atlantis die Ereignisse aus War fortführt, warten wieder einige Wechsel bei den Synchronsprechern auf. So wird Superman nun von Jerry O’Connell gesprochen, Wonder Woman von Rosario Dawson und Green Lantern wieder von Nathan Fillion. Ansonsten gehen die Figuren im Grunde ihre eigenen Wege, eine Justice League – wie Cyborg zu Beginn resümiert – existiert de facto nicht wirklich. Natürlich kommt sie hier dennoch wieder zusammen, als ein U-Boot der Armee im Marianengraben verschwindet. Ursache ist eine Attacke der Atlanteaner, die den Tod ihres Königs rächen wollen, der als Kollateralschaden in Darkseids Invasion aus War starb. Nur Arthur Curry (Matt Lanter) kann als Aquaman das Schlimmste verhindern.

Als Folge schickt sich der diesmal von Ethan Spaulding inszenierte Film als Origin-Story für Aquaman an, lernt Arthur Curry doch von seiner wahren Abstammung und designierten Rolle, während sein Halbbruder Orm (Sam Witwer) sich als Kriegstreiber versucht. Die Justice League nimmt sich in Throne of Atlantis etwas zurück, wobei durchaus Plot-Elemente aus War fortgeführt werden. So beginnen Superman und Wonder Woman zu daten wie auch Green Lantern und Batman ihre zotiges Miteinander intensivieren. Für Flash und Shazam bleibt da wenig zu tun, auch Cyborg agiert etwas passiver. Die Handlung gehört zum Großteil Aquamans Origin, der zugleich reichlich hastig abgespult wird, um sich wirklich entfalten zu können.

Bisherige Kritikpunkte finden sich hier wieder. Shazam ist eine überflüssige Figur und Wonder Woman arg steif. Hier kann sie nicht einmal auf den Putz hauen, was dafür Mera (Sumalee Montano) eindrucksvoll zufällt. Throne of Atlantis gerät dabei zwar nicht so blutig wie Flashpoint Paradox, aber der Großteil der Justice League sowie die Atlanteaner machen hier keine Gefangenen. Die Action weiß zu gefallen, auch wenn sie in ihrer Redundanz schnell eintönig wird. Am stärksten ist Throne of Atlantis in seinen ruhigen Momenten, wenn die Charaktere miteinander agieren dürfen. Eine weitere Post-Credit-Szene deutet an, dass im nächsten Justice League-Teil endlich etwas mehr Fleisch an den Knochen kommt. Zu wünschen wäre es.

5.5/10

7. Februar 2015

The Defiant Ones [Flucht in Ketten]

Run, chicken, run.

Zehn Jahre vor dem Civil Rights Act war Rassismus auch das Thema in Stanley Kramers The Defiant Ones – hierzulande als Flucht in Ketten erschienen. Der Film verlieh Sidney Poitiers Karriere kräftigt Schwung und bescherte ihm als ersten Afroamerikaner eine Oscarnominierung als Bester Hauptdarsteller, genauso wie zuvor den Silbernen Bären auf der Berlinale. Gemeinsam mit Tony Curtis spielte Poitier das, was in der Realität noch ein Jahrzehnt entfernt war: dass sich Schwarze und Weiße einander die Hand reichen. Selbst wenn dies in The Defiant Ones zumindest in seinem Beginn eher der Prämisse der Handlung geschuldet war, die einen weißen und einen schwarzen Häftling aneinander gekettet gemeinsam auf die Flucht schickte.

Die Chance hierzu ergibt sich, da eingangs ein Gefangenentransport einen Autounfall baut. An den Händen zusammengekettet treten die beiden Häftlinge Noah Cullen (Sidney Poitier) und John Jackson (Tony Curtis) die Flucht an, während am nächsten Tag der zuständige Sheriff Max Muller (Theodore Bikel) einen Suchtrupp inklusive einiger Bluthunde organisiert. Obschon seine Männer dafür plädieren, die Bluthunde ihre Arbeit machen zu lassen, erinnert Muller an die Menschlichkeit der zwei Häftlinge. Auch wenn deren Flucht dem Gesetzeshüter bald gehörig auf den Zeiger geht. Cullen und Jackson wiederum müssen lernen, zusammenzuarbeiten und ihre Vorurteile und Ressentiments zu überwinden, wenn sie überleben wollen.

Stanley Kramer inszeniert diese Geschichte, die auf einer Vorlage von Nedrick Young basiert, mit relativ simplen Mitteln. Es gibt nur wenige Sets, wenige Charaktere und im Grunde keine Musik. Dies fällt speziell in einer Szene auf, in der Poitier und Curtis einen Bachstrom überqueren. Zugleich nutzt Kramer die Musik, die im Film vorhanden ist, als einen Running Gag, wenn Carl “Alfalfa” Switzer ein Suchtrupp-Mitglied spielt, dass unablässig sein Transistor-Radio laufen lässt. Und trotz seiner zurückgenommen Art weiß The Defiant Ones zu faszinieren – schlicht indem der Film seine Figuren miteinander interagieren lässt. Hier ist es vor allem Jackson, der seine Vorbehalte – gegenüber Cullen als auch der Welt – überwinden muss.

“You gotta take things as they are”, sagt Jackson, der es leid ist, sich für niedere Jobs herzugeben. Er will ein Stück vom Kuchen abhaben, während Cullen zum Opfer seines aufbrausenden Temperaments wurde. Eine Ironie des Schicksals führt dazu, dass beide Männer aneinander gekettet werden – was im Süden der USA auch bei Gefangen nicht üblich war und seinerzeit Robert Mitchum, selbst einst ein Chain-Gang-Häftling, dazu bewog, den Part von Jackson abzulehnen. Als die zwei Männer nachts in einem Dorf von einem Lynchmob gefasst werden, verdanken sie auch hier einem ehemaligen Chain-Gang-Häftling (Lon Chaney) ihr Leben. Während ihnen im Hause einer alleinerziehenden Mutter (Cara Williams) wieder Rassismus begegnet.

Letztere Episode gerät dabei etwas ausufernd, wie auch die Motivation und Entscheidung von Williams’ Figur leicht konstruiert wirkt, nur um bei Jackson eine Katharsis zu bewirken. Diese wird ebenfalls nur minimal unterfüttert, ohne dass Kramer in seinem Film wirklich die vermeintliche Wand des Rassismus einzureißen vermag. Grundsätzlich spricht sicher nichts dagegen, dass sich Cullen und Jackson, auch aufgrund ihrer Persönlichkeiten, anfreunden. Allerdings wirkt die Besetzung von Jackson mit „Schönling“ Curtis – auch wenn dieser sich schauspielerisch nichts zu Schulden kommen lässt – nicht vollends ausgereizt. Mit dem ursprünglich vorgesehenen Marlon Brando als Gegenpart zu Poitier wäre dem Film wohl mehr geholfen.

Sidney Poitier ist es auch, der The Defiant Ones mit seinem starken Spiel die meiste Zeit schultert und seinen Stempel aufdrückt. Leider etwas unter geht Theodore Bikels grundsätzlich interessanter, humaner Sheriff, während eine Anti-Lynch-Rede von Lon Chaney im Mittelteil irgendwie etwas im luftleeren Raum stehen bleibt. Nichtsdestotrotz ist Stanley Kramer ein kurzweiliger und über weite Strecken packender Film gelungen, der zwar nur unterschwellig das Thema Rassismus aufgreift, aber dafür in seiner Besetzung und seinem Umgang mit Poitier – was die Reklame des Films und die finanzielle Gegenleistung angeht – eine Botschaft sendete. In The Defiant Ones sind schwarz und weiß gleich – wenn auch nur auf der Flucht vor dem Gesetz.

7.5/10

1. Februar 2015

Filmtagebuch: Januar 2015

THE AMAZING SPIDER-MAN
(USA 2012, Marc Webb)
5.5/10

THE AMAZING SPIDER-MAN 2
(USA 2014, Marc Webb)
5/10

ART AND CRAFT
(USA 2014, Sam Cullman/Jennifer Grausman/Mark Becker)
5.5/10

BATMAN: UNDER THE RED HOOD
(USA 2010, Brandon Vietti)
7/10

THE BEACH
(USA/UK 2000, Danny Boyle)
6/10

THE BOX
(USA 2009, Richard Kelly)
4/10

BROKEDOWN PALACE
(USA 1999, Jonathan Kaplan)
4.5/10

THE DEFIANT ONES [FLUCHT IN KETTEN]
(USA 1958, Stanley Kramer)

7.5/10

FRIDAY NIGHT LIGHTS – SEASON 1
(USA 2006/07, Jeffrey Reiner u.a.)
7/10

FRIDAY NIGHT LIGHTS – SEASON 2
(USA 2007/08, Jeffrey Reiner u.a.)
6/10

FRIENDS – SEASON 6
(USA 1999/2000, Gary Halvorson u.a.)
7.5/10

FRIENDS – SEASON 7
(USA 2000/2001, Gary Halvorson u.a.)
7.5/10

FRIENDS – SEASON 8
(USA 2001/2002, Gary Halvorson u.a.)
7.5/10

GRUDGE MATCH [ZWEI VOM ALTEN SCHLAG]
(USA 2013, Peter Segal)

5/10

THE IMMIGRANT
(USA 2013, James Gray)
6/10

JACKASS: THE MOVIE
(USA 2002, Jeff Tremaine)
5.5/10

JUMANJI
(USA 1995, Joe Johnston)
5.5/10

JUSTICE LEAGUE: CRISIS ON TWO EARTHS
(USA 2010, Sam Liu/Lauren Montgomery)
6/10

JUSTICE LEAGUE: THE FLASHPOINT PARADOX
(USA 2013, Jay Oliva)
6/10

JUSTICE LEAGUE: THRONE OF ATLANTIS
(USA 2015, Ethan Spaulding)
5.5/10

JUSTICE LEAGUE: WAR
(USA 2014, Jay Oliva)
5.5/10

LAGGIES
(USA 2014, Lynn Shelton)
4.5/10

LOVE IS STRANGE
(USA/F/BR/GR 2014, Ira Sachs)
5.5/10

NEED FOR SPEED
(USA/RP/IRL/UK 2014, Scott Waugh)
3/10

THE OMEN
(USA/UK 1976, Richard Donner)
4/10

PARDÉ [CLOSED CURTAIN]
(IR 2013, Jafar Panahi/Kambuzia Partovi)

3/10

RETURN TO PARADISE [FÜR DAS LEBEN EINES FREUNDES]
(USA 1998, Joseph Ruben)

6.5/10

SPIDER-MAN
(USA 2002, Sam Raimi)
7.5/10

TROPIC THUNDER
(USA/UK/D 2008, Ben Stiller)
6.5/10

VIRUNGA
(UK/CG 2014, Orlando von Einsiedel)
5.5/10

Retrospektive: Top Five 2008


SWEENEY TODD: THE DEMON BARBER OF FLEET STREET
(UK/USA 2007, Tim Burton)
8/10

SOUTHLAND TALES
(USA/F/D 2006, Richard Kelly)
8.5/10

IN BRUGES [BRÜGGE SEHEN... UND STERBEN?]
(UK/USA 2008, Martin McDonagh)

8.5/10

INTO THE WILD
(USA 2007, Sean Penn)
8.5/10

LE SCAPHANDRE ET LE PAPILLON [SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE]
(F/USA 2007, Julian Schnabel)

9.5/10

25. Januar 2015

Art and Craft

I always knew they’d find out. Sooner or later.

Die etwas Älteren werden sich noch an den Namen Konrad Kujau erinnern, der 1983 dem Magazin Stern vermeintliche Tagebücher von Adolf Hitler überließ. Diese waren allerdings von Kujau im großen Stil gefälscht worden, was nicht nur den Rücktritt der Stern-Chefredaktion nach sich zog, sondern auch einen Makel für das Magazin als solche. Niemand sitzt gerne einer Fälschung auf, das gilt für journalistische Medien ebenso wie für Museen. Und dennoch schaffte es in den USA ein Mann über drei Jahrzehnte hinweg, 46 Museen in 20 Bundesstaaten gefälschte Bilder unterzujubeln. Nachdem Mark A. Landis vor einigen Jahren damit aufflog, wird er nun für Sam Cullman und Jennifer Grausman zum Objekt ihres Films Art and Craft.

Dass Landis trotz seiner Kunstfälschungen straffrei ausging, verdankte sich der Tatsache, dass er keinen Profit daraus zog. “He’s not in it for the money”, bestätigt Matt Leininger, ein ehemaliger Kurator, der Landis auf den Leim ging. “He likes to see this stuff on display.” Leininger (Bild unten links) ist quasi die zweite Hauptfigur in dieser Dokumentation, derart obsessiv von Landis besessen, dass selbst seine kleine Tochter den Fälscher inzwischen identifizieren kann. In gewisser Weise erinnert Leininger an Robert Graysmith aus David Finchers Zodiac – ein Mann, dessen Leben an einer Obsession zu scheitern droht. Für Leininger zählt nur, Landis’ Handlungen ein Ende zu setzen und andere Museen vor weiterem Schaden zu bewahren.

Mark Landis selbst präsentiert sich in Art and Craft als ziemlich schrulliger Charakter. Im Alter von drei Jahren habe er angefangen, Bilder aus Museumskatalogen in seinem Hotelzimmer nachzumalen, während seine Eltern abends ausgingen. Große Teile seiner Biografie, darunter dass Landis sich mit 17 nach dem Tod seines Vaters wegen Schizophrenie behandeln ließ oder er Kunstkurse besuchte, erwähnen Cullman und Grausman wiederum nicht. Genauso wie sie sich nur oberflächlich dafür interessieren, wie Landis seine Fälschungen vornimmt. Zwar sehen wir ihn, wie er mit gewöhnlichen Buntstiften ein Kruzifix-Bild malt und es anschließend einer Bibliothek als Nachlass einer fiktiven Schwester vermacht, aber tiefer geht der Film nicht.

Dabei wäre es sicherlich interessant zu wissen und zu sehen, inwiefern es Unterschiede macht, ob Landis nun ein Bild von Paul Signac oder René Magritte fälscht und was es ausmacht, einen Brief von Thomas Jefferson nachzumachen. Stattdessen schwenken die Regisseure immer wieder zu Leininger, der praktisch zu Landis’ Nemesis hochstilisiert wird. “That guy is a skilled artist”, erkennt Leininger dabei das Talent von Landis durchaus an. Man merkt, dass es ihm weniger darum geht, Landis aus dem Verkehr zu ziehen als vielmehr sich selbst in gewisser Weise zu rehabilitieren. Etwas weiter ist da Aaron Cowan (Bild unten rechts), ein Galerist aus Cincinnati, der dem Werk und der Person Mark A. Landis mehr mit Interesse begegnet.

Cowan ist es, der für die Filmemacher im Gespräch mit Landis mehr biografischen Hintergrund aus ihm kitzelt. Und der für den dritten Akt der Dokumentation eine Ausstellung mit Landis’ Fälschungen in einer Galerie organisiert. Dort darf dann auch Leininger erneut auftreten, sodass es zur Begegnung zwischen den beiden Personen kommt. Keine wirklich spannende Entwicklung und auch wenn sich Art and Craft thematisch als Double Bill mit Tim’s Vermeer eignet, ist Letzterer der weitaus gelungenere Film, da er Einblicke in die Motivation seines Protagonisten gibt und zugleich aufzeigt, wie dieser in seiner Arbeit vorgeht. Er verfolgt in seinem Film keine banal-gewöhnliche Narration wie es Cullman und Grausman hier versuchen.

Angesichts der Persönlichkeit von Mark Landis und seinem unverkennbaren Talent ist es schade, dass Art and Craft sein Potential nicht vollends ausschöpft. Interessant ist der Film zwar allemal, zusammengehalten von der Schrulligkeit der Hauptfigur, die sich bisweilen auch als Priester verkleidete, um ihre Werke an die Wand zu bringen. Landis’ Bilder-Spenden erachtet ein FBI-Agent als “ego satisfaction” – jenes Ego wäre wichtiger gewesen, in den Vordergrund zu stellen. So ist diese Dokumentation letztlich weniger gelungen als die Werke seiner Hauptfigur. Als Folge werden auch die Älteren wohl in 30 Jahren mit dem Namen Mark A. Landis wenig anzufangen wissen. Ausgenommen vermutlich die Nachfahren von Matt Leininger.

5.5/10

17. Januar 2015

Return to Paradise vs. Brokedown Palace

Für viele Rucksack-Touristen ist Asien der Hotspot schlechthin. Das Leben ist für westliche Verhältnisse nicht sonderlich teuer und zugleich dank Sonne, Strand und Meer paradiesisch. Allerdings liegen in den träumerischen Ländern Fernosts Paradies und Hölle bisweilen nah beieinander. Denn wenn es um Drogen geht, versteht das asiatische Justizsystem meist keinen Spaß. Fälle von Backpackern, die wegen Drogen im Gepäck zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden, sind keine Seltenheit. Auch in Hollywood war das Thema Ende der 90er Jahre aktuell, zuerst in Joseph Rubens Return to Paradise (dt. Für das Leben eines Freundes) von 1998, ein Jahr später dann in Jonathan Kaplans Brokedown Palace. Beide Filme liefen wenig erfolgreich.

Im Gegensatz zu A Bug’s Life/Antz oder Snow White & the Huntsman/Mirror, Mirror handelt es sich allerdings nicht um Schwesternfilme. Zwar ähneln sich die Werke von Ruben und Kaplan darin, dass ihre US-amerikanischen Figuren aus Spaßzwecken nach Asien kamen, ehe sie wegen des Besitzes von Drogen ins Gefängnis wandern, dennoch geraten sie in ihrer Struktur unterschiedlich. Während Brokedown Palace seine Figuren als Opfer zeichnet, denen Unrecht getan wurde, gelingt es Return to Paradise, über weite Strecken ein interessantes moralisches Dilemma zu zeichnen, das der Zuschauer auf sich selbst übertragen kann. Aufgrund des ähnlichen Themas sollen beide Filme an dieser Stelle  etwas genauer betrachtet werden.

Return to Paradise [Für das Leben eines Freundes]

It’s like God’s own bathtub.

Manchmal kann eine unbedachte Handlung ein ganzes Leben verändern. “So, the plan was to party till we ran out of cash in Malaysia”, berichtet Vince Vaughns Figur Sheriff zu Beginn von Return to Paradise. “It was a paradise of rum, girls and cheap hash.” Gemeinsam mit seinem Kumpel Tony (David Conrad) lernt Sheriff vor Ort den „Öko“ Lewis (Joaquin Phoenix) kennen. Das Trio verbringt fortan seinen Urlaub gemeinsam, mit Alkohol und Haschisch. Leiht ein Fahrrad und entsorgt es dann einfach im Dschungel, als es nach einem Unfall nicht mehr fahrtauglich ist. Am nächsten Tag verabschieden sich Sheriff und Tony zurück nach New York. Dort erhalten sie zwei Jahre später Besuch von Anwältin Beth (Anne Heche), die um Lewis’ Leben kämpft.

Denn als der Fahrradbesitzer mit der Polizei vorstellig wurde, fanden sie das verbliebene Haschisch der Jungs in Lewis’ Besitz. Vier Gramm über der Toleranzgrenze gilt Lewis nun als Schmuggler. Worauf in Malaysia die Todesstrafe steht. Nachdem alle Einsprüche abgeschmettert wurden, bleibt ihm nur noch eine Woche Zeit. Wenn sich Sheriff und Tony bereit erklären, für jeweils drei Jahre ins Gefängnis zu gehen oder alternativ einer der beiden für sechs Jahre, wird die Todesstrafe für Lewis ausgesetzt. Ein moralisches Dilemma, dem sich die beiden Männern in den Folgetagen stellen müssen. Sind sie bereit, für das Leben eines Freundes das eigene hintenanzustellen und es womöglich sogar im Gefängnis eines fremden Landes zu gefährden?

Es ist diese zentrale Frage, die im Grunde die Handlung von Return to Paradise darstellt. Und auch, wenn der Film bisweilen Tonys Abwägung berücksichtigt, steht Sheriff doch im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu Tony, der einen respektableren Job und eine Verlobte (Vera Farmiga) hat, blickt Sheriff auf ein eher nutzloses Leben zurück. Die Wohnung macht wenig her, tagsüber verdingt er sich als Limousinenfahrer. Entsprechend hebt auch sein Vater hervor, dass es eigentlich die sinnigere Entscheidung sei, zurückzugehen. Auch wenn ihm natürlich klar ist, dass Sheriffs Persönlichkeit dies nicht hergibt. “Who’s kiddin’ who?”, meint dessen alter Herr süffisant. Und auch Sheriff betont immer wieder die Schwäche in seinem Charakter.

“It isn’t in me”, gesteht er da an einer Stelle Beth, wie auch vor Jahren bereits ihrem Bruder. In Malaysia hatte Lewis Sheriff gefragt, ob er mit ihm in Borneo Orang-Utans retten wolle. “I don’t have that kind of stuff in me”, lehnte Sheriff den Vorschlag dankend ab. Erst in der Erkenntnis, dass sein Leben in der jetzigen Form kein lebenswertes ist – schon gar nicht, wenn Lewis hierfür sein eigens Leben lassen muss –, setzt bei Sheriff allmählich ein Umdenken ein. Dabei reitet Ruben gar nicht mal so sehr auf der Tatsache herum, dass es Sheriff war, der einerseits das Fahrrad weggeworfen und andererseits Lewis das Haschisch überlassen hat. Von der Schuldfrage her sollte Sheriffs Rückkehr als Hauptverursacher kaum Überwindung kosten.

Zugleich postuliert Return to Paradise die Frage, die sich Sheriff und Tony stellen müssen, auch an sein Publikum. Wie würde der Zuschauer selbst reagieren, wenn das Leben eines Freundes von seiner Entscheidung abhinge? Hier macht es sich der Film im Grunde sogar so leicht, dass Lewis weniger Freund als Urlaubsbekanntschaft ist. Dennoch wird seine Persönlichkeit zumindest für die übrigen Figuren derart etabliert, dass diese ihn als guten Menschen beschreiben. Womöglich als einen besseren als sie selbst es sind. Dass Sheriff und Tony dabei voneinander abhängig sind, ob sie „nur“ drei oder doch sechs Jahre ins malaysische Gefängnis müssen, führt bei der jeweiligen Entscheidungsfindung der beiden zu weiteren Spannungen.

Dennoch winkt der Film teils etwas arg mit dem Zaunpfahl, beispielsweise wenn Sheriff in New York an einem Werbeplakat für Malaysia vorbeiläuft. Auch der Subplot mit Jada Pinkett-Smiths egoistischer und destruktiver Klatschreporterin sowie die etwas unnötig in die Handlung geschriebene Romanze zwischen Sheriff und Beth (die sich obendrein als Lewis’ Schwester entpuppt) ziehen einen von seiner Intention ausgesprochen starken Film etwas herunter. Gerade, da das eigentliche Thema die Wandlung von Sheriff darstellt. “I knew you was coming back”, sagt Lewis da zum Schluss. “Even if you didn’t.” Das hätte trotz der Ereignisse in aller Tragik als „Happy“ End gereicht. Schade, dass der Film dennoch die Abfahrt nach Hollywood nimmt.

6.5/10

Brokedown Palace

No matter how I look at this, you didn’t deserve this.

Der Habitus, nach dem Schulabschluss erstmal um die Welt zu reisen, ist inzwischen Gang und Gäbe. So entschließen sich auch die Freundinnen Alice (Claire Danes) und Darlene (Kate Beckinsale) in Brokedown Palace dazu, nach dem High-School-Abschluss einen kurzen Trip zu unternehmen. Statt nach Hawaii, wie ursprünglich geplant, geht es heimlich doch lieber nach Thailand. “It hat to be amazing”, sagt Alice später. “Memorable.” In Thailand ist das Leben billiger und aufregender, zwischen alten Tempeln und gefälschten Souvenirs. Als sich die Mädchen in ein Luxushotel schleichen und dabei erwischt werden, Cocktails auf Kosten anderer Gäste zu trinken, springt ihnen der nette Australier Nick (Daniel Lapaine) rettend zur Seite.

Wo Return to Paradise das Beziehungsdrama bis zum Schlussakt aufspart, präsentiert es Jonathan Kaplan im ersten Akt. Sowohl Alice als auch Darlene finden Gefallen an Nick, der beide Mädchen zu einem kostenlosen Flug nach Hong Kong einlädt. Beim Einchecken taucht jedoch plötzlich die Polizei auf und findet bei den Amerikanerinnen Heroin im Gepäck. In ihrer Naivität unterschreibt Darlene unwissentlich ein in Thai verfasstes Geständnis, vor Gericht werden sie und Alice daraufhin zu je 33 Jahren Gefängnis verurteilt. Lag ihnen soeben noch ihre ganze Zukunft offen, scheint ihr Leben nunmehr dahin. Die Frage, ob eine von ihnen dabei für Nick die Drogen schmuggelte, stellt Kaplan gar nicht, etabliert lieber die Unschuld der zwei Mädchen.

Seinerzeit schlug Brokedown Palace Wellen, weil sich Hauptdarstellerin Claire Danes negativ über die Philippinen äußerte, wo der Film wegen seiner kritischen Darstellung des thailändischen Justizsystems gedreht wurde. Anschließend wurde sie dort zur Persona non grata ernannt – nicht gerade die beste Werbung. Ein Problemkind ist auch ihre Figur, wie Darlenes Vater später etabliert. Nicht zuletzt war es Alices Idee, statt nach Hawaii gen Asien zu reisen. Wenn also eine der beiden das Heroin in die Tasche gepackt hätte, wäre es wohl unweigerlich Alice gewesen. Insofern ist die Entscheidung, beide als Opfer der Umstände zu zeichnen, nachvollziehbar. “They don’t give a shit in this third world country”, echauffiert sich Alice entsprechend.

Insofern geht Kaplan in seinem Film einen anderen Weg als Kollege Ruben, auch wenn Brokedown Palace am Ende mit Alices Entschluss, beide Haftstrafen abzusitzen und somit ihre Freundin seit Kindestagen in die Freiheit zu entlassen einen ähnlichen Verlauf nimmt. Der wiederum ist selbst jedoch nicht Thema, obschon Alices Entscheidung, statt 33 Jahren 66 Jahre – und damit den Rest ihres Lebens – in dem thailändischen Gefängnis zu verbringen, weitaus dramatischer ist, als Sheriffs Akzeptanz von sechs Jahren (die schlussendlich ohnehin zu sechs Monaten verkürzt werden). Dass den Zuschauer dennoch Sheriffs Entschluss mehr berührt, obschon die Tragweite für Alice größer ist, zeugt vom Scheitern von Brokedown Palace.

Vielmehr ist Kaplans Beitrag ein Drogen-Drama mit Kritik am Justizsystem von Thailand im Speziellen wie Asien im Allgemeinen. Berücksichtigt man beide Filme, erscheinen die Strafen in der Tat übertrieben hart, angesichts dessen, wie leicht und billig die Drogen in den Ländern erhältlich sind. Auch derartige Haftstrafen scheinen sie nicht wirklich von der Straße zu halten. Im Gegensatz zu Return to Paradise (wo vier läppische Gramm den Unterschied zwischen Konsum und Handel ausmachten) ist der Drogenfund bei Alice und Darlene alles andere als ein Kavaliersdelikt, dem man fehlendes Fingerspitzengefühl nachsagen kann. Und das trotzdem wie bei Sheriff, Lewis und Tony am Ende schlicht auf westliche Naivität zurückzuführen ist.

In seiner zweiten Hälfte driftet der Film dann durch die Integration des in Thailand tätigen Anwalts “Yankee” Hank Green (Bill Pullman), der die Verteidigung von Alice und Darlene übernimmt, etwas mehr in Justizdrama-Gefilde, was aber nicht allzu spannend gerät. Auch, weil Nachforschungen zu Nick, die nicht so schwierig sein sollten, im Sand verlaufen. Dass Kaplan den Film von Anfang bis Ende mit Pop-Gedudel der Marke PJ Harvey unterlegt, sollte ihn wohl der MTV-Generation nahebringen, lässt ihn jedoch eher fiktionaler erscheinen, als seine Geschichte eigentlich ist. Wo sich Return to Paradise letztlich also trotz seiner guten Prämisse zu sehr Hollywood-Klischees bedient, ist Brokedown Palace nicht mehr als ein ebensolches.

4.5/10

12. Januar 2015

Saga – Volume Four

Are you lady folk?

Eigentlich sollte es in heutigen Zeiten kein Problem sein, mit mehrmonatigen Pausen in Unterhaltungsmedien klarzukommen. Da liegen zwischen den Finals und Starts von Serienstaffelfn vier bis fünf Monate und zwischen Teil X und Y von Hunger Games bis Hobbitses in der Regel gar ein Jahr. Irgendwo dazwischen lag mit neun Monaten die Wartezeit für Volume Four von Brian K. Vaughans und Fiona Staples Geniestreich Saga. Klar, einzelne Ausgaben gab es dazwischen, aber das macht das Warten auch nicht leichter. Und die neuesten Entwicklungen im Leben von Vaughans und Staples Figuren in einem Rutsch zu verfolgen, ist doch gleich viel intensiver und befriedigender. Erneut halten die Macher für die Leser einige Überraschungen bereit.

Wie der erste Band beginnt auch der vierte mit einer Geburt – in diesem Fall der des Sohns von Prince Robot IV. Der wird immer noch von der königlichen Familie vermisst, verlustiert sich derweil unter einer Amnesie leidend auf Sextillion. Alana, Marko und Hazel haben nun wiederum Unterschlupf auf Gardenia gefunden, einem entfernt ihre Heimatplaneten Landfall und Wreath umkreisenden Trabanten. Während Marko sich um die Erziehung seiner inzwischen sehr vitalen Tochter kümmert, schlägt sich Alana mehr schlecht als recht als Soap-Darstellerin im Piratensender Open Circuit durch. Und versucht die Monotonie ihres Schaffens bald mit Drogen zu betäuben. Ein Umstand, der zu Spannungen zwischen ihr und ihrem Ehemann führt.

Bereits zum Ende des 19. Kapitels – also des ersten des vierten Bands – hält Vaughan einen der für Saga nicht ungewöhnlichen unerwarteten Schläge in die Magengrube bereit. Wenn auch einer, der sich vier Kapitel später als etwas anders darstellt wie erwartet. Aber auch später beweist Vaughan, dass er seine kompromisslose Linie, die schon im ersten Band für überraschende Wendungen sorgte, durchaus gewillt ist, beizubehalten. Von einer heilen Welt ist in Saga keine Spur und auch wenn die Situation für unsere Familie auf Gardenia alltäglich erscheint, ist sie dies – spätestens zum Ende des Bandes – alles andere als das. Vielmehr werden die Karten neu gemischt, nachdem ein weiterer, unberechenbarer Spieler zum Deck gestoßen ist.

Dieses Mal verbringen die Leser weniger Zeit mit Gwendolyn, Sophie und Lying Cat und auch das homosexuelle Reporter-Duo Upsher und Doff bleibt meist außen vor, dafür gibt es einen tieferen Einblick in das Königreich der Roboter. War in den vorherigen Bänden nicht ganz klar, wieso die TV-Hybridwesen sich an dem Konflikt zwischen Landfall und Wreath beteiligen, erhalten wir nun das Motiv – wenn auch aus dritter Hand –, dass Landfall dem Königreich Schutz vor Wreath versprach. Was etwas seltsam anmutet, wenn man die tragende Rolle der königlichen Mitglieder im Krieg betrachtet. Zumindest wissen wir nun, dass auch im Roboterreich der Schein trügen kann. Und die schlimmsten Feinde in den eigenen Reihen sitzen können.

Eine Umkehr der bisherigen Ereignisse droht dort, ähnlich wie sie Hazels Existenz für Landfall und Wreath darstellen könnte. Gleichzeitig verknüpft Saga aber auch hier das unterschwellige Thema einer sich anbahnenden Revolution mit dem über-Thema Elternschaft und Erziehung. Genauer gesagt, mit Vätern. So ist die Beziehung zwischen Prince Robot IV zu seinem Sohn ähnlich vorbelastet wie die zu seinem eigenen Vater, dem König. Und auch der neueste Antagonist kommt aus zerrütteten Familienumständen. Für Marko wiederum ist weniger sein Elterndasein ein Problem, als die verstärkte Entfremdung zu seiner Frau. Kündigte er zuvor noch an, sich nicht daran zu stören, für Hazel daheim zu bleiben, scheint sich das gewandelt zu haben.

Nun ist Marko froh, wenn das Töchterchen sich tagsüber so verausgabt, dass sie nachts hoffentlich mal durchschläft. Und hofft, mehr von seiner Frau zu sehen als zuletzt. “She’s been putting in crazy hours all month“, klagt er da einer Einheimischen, die sich als Tanzlehrerin für Hazel anbietet. Und in den wenigen Momenten, wo sich Alana und Marko im vierten Band sehen, kommt es oft zum Streit. “We’re going to be okay, right?“, äußert Alana da zwar. Doch letztlich wird die Realität etwas anders aussehen. Izabel und Klara rücken ebenso in den Hintergrund wie die übrigen Figuren, Letztere sich der übrigen Werke des verstorbenen Autors D. Oswald Heist hingebend. Dafür lernen wir neue Charaktere kennen – darunter Heists zweite Ex-Frau Yuma.

Die arbeitet als Set-Designerin im Open Circuit und weiß als einzige Person um Alanas und Markos Hintergrund. Was sie nicht nur zu einer Verbündeten, sondern zugleich zu einer Gefahr macht. Während das Familiendrama in Volume Four überwiegt, nutzt Vaughan den Open Circuit aber auch subtil als Medienkritik. Ironischerweise spiegelt eine der Szenen von Alanas Figur in ihrem kitschigen Melodrama da sogar einen späteren in der Realität stattfindenden Moment wider. Beziehungsdramen dominieren die Produktion des Senders, von Product Placement abgesehen. Da macht es gleichzeitig Sinn und Unsinn als der aktuelle Antagonist zum Schluss dann das Netzwerk für seine Botschaft der Revolution an die Massen missbrauchen will.

“Once you start ranting about politics, ninety percent of your audience is just going to change the channel“, macht ihm Yuma klar. “If you want people to pay attention to you, you have to talk about sex.“ Eine Botschaft, die in der heutigen Medienwelt keine Unbekannte ist. Sex sells – passender Weise auch in Saga, selbst wenn Vaughan und Staples das Obszöne dieses Mal etwas zurückfahren im Vergleich zu den bisherigen Bänden. Die wirkten wiederum in ihrer Summe runder als Volume IV. Dem merkt man an, dass es eher eine Verschnaufpause darstellt, zwischen der Ereignisse auf Quietus zum Schluss des dritten Bandes und dem, was nun folgt. Zudem vermochten die neuen Figuren wie Yuma und Ginny nicht an die bisherigen heranzureichen.

Da verwundert es nicht, dass Vaughan Platz findet, um auch The Stalk und The Will kurz zu integrieren. Vielleicht tat er sich keinen Gefallen, beide früh aus dem Geschehen zu nehmen. Unerwartet – und umso erfreulicher – gibt es auch ein Wiedersehen mit Ghüs und einen neuerlichen amüsanten Dialog zwischen ihm und einem fremden Besucher. In diesem Fall The Brand. Auch sie muss noch zeigen, dass sie sich im Dienste von Saga entwickeln kann. Gefällig ist der vierte Band des Weltraumepos’ aber allemal geraten, wenn auch nicht ganz so stark wie die bisherigen Bände. Die konnte ich damals in einem Rutsch lesen, was seine ganz eigenen Vorteile hat. Jetzt heißt es dagegen auf Volume Five zu warten. Es handelt sich ja nur um Monate.

8/10

6. Januar 2015

Filmtagebuch: Dezember 2014

20,000 DAYS ON EARTH
(UK 2014, Iain Forsyth/Jane Pollard)
3/10

E AGORA? LEMBRA-ME [WHAT NOW? REMIND ME]
(P 2013, Joaquim Pinto)

5/10

ALL THIS MAYHEM
(UK/AUS 2014, Eddie Martin)
6.5/10

BLENDED [URLAUBSREIF]
(USA 2014, Frank Coraci)
8/10

BOOMERANG
(USA 1992, Reginald Hudlin)
6.5/10

THE CASE AGAINST 8
(USA 2014, Ben Cotner/Rob Reiner/Ryan White)
5.5/10

CITIZENFOUR
(USA/D 2014, Laura Poitras)
7.5/10

CLOUDS OF SILS MARIA [DIE WOLKEN VON SILS MARIA]
(F/CH/D 2014, Olivier Assayas)

6.5/10

THE CRASH REEL
(USA 2013, Lucy Walker)
7/10

EL CUERPO [THE BODY – DIE LEICHE]
(E 2012, Oriol Paulo)

5/10

LE DERNIER DES INJUSTES [DER LETZTE DER UNGERECHTEN]
(F/A 2013, Claude Lanzmann)

4/10

THE EXPENDABLES 3 [DIRECTOR’S CUT]
(USA/F 2014, Patrick Hughes)

3/10

FRIENDS – SEASON 4
(USA 1997/98, Peter Bonerz u.a.)
8/10

FRIENDS – SEASON 5
(USA 1998/99, Gary Halvorson/Kevin S. Bright u.a.)
7.5/10

THE GRAND SEDUCTION [DIE GROSSE VERSUCHUNG]
(CDN 2013, Don McKellar)

6/10

GUARDIANS OF THE GALAXY
(USA 2014, James Gunn)
6.5/10

THE GUEST
(USA 2014, Adam Wingard)
7.5/10

HOME ALONE [KEVIN – ALLEIN ZU HAUS]
(USA 1990, Chris Columbus)

10/10

HOME ALONE 2: LOST IN NEW YORK [KEVIN – ALLEIN IN NEW YORK]
(USA 1992, Chris Columbus)

7.5/10

HOW TO TRAIN YOUR DRAGON 2 (3D)
[DRACHENZÄHMEN LEICHT GEMACHT 2]
(USA 2014, Dean DeBlois)

6.5/10

HROSS Í OSS [OF HORSES AND MEN]
(IS/D/N 2013, Benedikt Erlingsson)

5/10

IL ÉTAIT UNE FORÊT [DAS GEHEIMNIS DER BÄUME]
(F 2013, Luc Jacquet)

5.5/10

JODOROWSKY’S DUNE
(USA/F 2013, Frank Pavich)
8.5/10

K2: SIREN OF THE HIMALAYAS
(USA 2012, Dave Ohlson)
6/10

KAGUYAHIME NO MONOGATARI [DIE LEGENDE DER PRINZESSIN KAGUYA]
(J 2013, Takahata Isao)

6.5/10

KILL ZONE USA
(D 2014, Helmar Büchel)
5.5/10

KIŞ UYKUSU [WINTERSCHLAF]
(TR/F/D 2014, Nuri Bilge Ceylan)

5.5/10

KREUZWEG
(D 2014, Dietrich Brüggemann)
6/10

LET’S BE COPS
(USA 2014, Luke Greenfield)
4/10

LISTEN UP PHILIP
(USA 2014, Alex Ross Perry)
4.5/10

LOCKE [NO TURNING BACK]
(UK/USA 2013, Steven Knight)

0/10

MAGIC IN THE MOONLIGHT
(USA/UK 2014, Woody Allen)
3/10

MR. TURNER
(UK/F/D 2014, Mike Leigh)
7/10

NEXT GOAL WINS
(UK 2014, Mike Brett/Steve Jamison)
6/10

NIGHTCRAWLER
(USA 2014, Dan Gilroy)
8.5/10

THE NORMAL HEART
(USA 2014, Ryan Murphy)
7/10

NYMPH()MANIAC [DIRECTOR’S CUT]
(DK/D/B/UK/F 2013, Lars von Trier)

6/10

THE RAID: BERANDAL
(RI/USA 2014, Gareth Evans)
2.5/10

THE RETURN TO HOMS
(SYR/D 2013, Talal Derki)
5/10

RICH HILL
(USA 2014, Andrew Droz Palermo/Tracy Droz Tragos)
7.5/10

SACRO GRA
(I/F 2013, Gianfranco Rosi)
6/10

SONS OF ANARCHY – SEASON 7
(USA 2014, Paris Barclay u.a.)
7/10

SOUTH PARK – SEASON 18
(USA 2014, Trey Parker)
7/10

A SPELL TO WARD OFF THE DARKNESS
(F/EST/D 2013, Ben Rivers/Ben Russell)
4/10

THE THEORY OF EVERYTHING [DIE ENTDECKUNG DER UNENDLICHKEIT]
(UK 2014, James Marsh)

7/10

TIMBUKTU
(F/RIM 2014, Abderrahmane Sissako)
7/10

TRACKS [SPUREN]
(AUS 2013, John Curran)

6/10

TURIST [HÖHERE GEWALT]
(S/F/N 2014, Ruben Östlund)

7/10

ZULU
(F/ZA 2013, Jérôme Salle)
4/10

31. Dezember 2014

Filmjahresrückblick 2014: Die Top Ten

Cinema is not an art which films life: the cinema is something between art and life.
(Jean-Luc Godard)


Während die internationalen Filmkritiker/innen teils schon seit Wochen ihre Bestenlisten für das Kinojahr 2014 publizieren, geschieht dies auf diesem bescheidenen Blog wieder mal erst kurz vor knapp. Immerhin wird der traditionelle Filmjahresrückblick auf Symparanekromenoi noch dieses Jahr und nicht wie 2013 erst am Neujahrstag über die Bühne gehen. Die alten Hasen unter meinen Lesern wissen wie es abläuft: es soll nicht nur ein persönliches Fazit mit Bestenliste gezogen werden, sondern auch ein Ausblick auf den internationalen Kinokonsum geben. Wer daran wenig Interesse hat, kann auch direkt nach unten zu meinen zehn favorisierten Filmen in diesem Jahr scrollen. Für alle anderen gilt derweil: Buckle up!

Ursprünglich hatte ich erwartet, dass sich mein Filmkonsum dieses Jahr auf dem Niveau von 2007 oder 2008 einpendelt. Was einerseits beruflich und andererseits mit der steigenden Frustration ob der Qualität der Kinofilme zu tun hat. Am Ende wurden es dann dennoch 152 Filme aus dem aktuellen Filmjahr, was in etwa so viele waren wie 2011. Immerhin 27 Filme weniger als im Vorjahr, was speziell den Kinosichtungen geschuldet ist. Waren es 2013 noch 40 Kinobesuche, so halbierte sich diese Zahl dieses Jahr. 133 der 152 Filme habe ich im Heimkino gesehen, also rund 87 Prozent. Von den 19 Kinobesuchen – im Grunde waren es 20, da ich Nightcrawler als einzigen Film dort zweimal sah – entfielen wiederum 12 auf Pressevorführungen.

In einer solchen sah ich auch jenen Film, der viele Kritiker spaltete und dennoch – insbesondere beim Publikum – sehr gut wegkam. Christopher Nolans jüngster Streich Interstellar hält in der Internet Movie Database (IMDb) zum Jahresende eine 8.9/10-Wertung (Stand: 31. Dezember) und liegt damit nun zwischen seinen anderen Filmen Inception und The Dark Knight. Mit leichtem Abstand folgt dann der absolute Kritikerliebling und Oscarfavorit Boyhood von Richard Linklater, der sich mit einer 8.4/10 vom Kinojahr 2014 verabschiedet. Knapp auf dem dritten Platz landete mit David Finchers Gone Girl der noch beste dieser drei Filme dank einer 8.3/10-Einstufung. Wie auch schon im Vorjahr liefen jedoch drei andere Filme weitaus erfolgreicher.

Auch wenn es sich stets nie jemand wirklich erklären kann, lockte Michael Bay erneut mit seinen sich prügelnden Riesenrobotern die Massen ins Kino. Wie bereits mit Dark of the Moon gelang es ihm auch mit Transformers: Age of Extinction die Milliarde-Dollar-Marke zu überschreiten. Damit war das vierte Hasbro-Abenteuer der einträglichste Film des Jahres. Mit etwas Abstand näherte sich über den Jahreswechsel gesehen Peter Jacksons neuerlicher Trilogieabschluss The Hobbit: The Battle of the Five Armies, während Marvels wenig bekannte Comicserie Guardians of the Galaxy zum überraschend erfolgreichen Space-Abenteuer avancierte, das in den USA erst im Nachhinein von The Hunger Games: Mockingjay – Part I überholt wurde.

Überraschend war auch der Erfolg des Märchenfilms Maleficent, der gerade bei den Südamerikanern aus Brasilien, Ecuador und Venezuela zum Jahressieger wurde, ebenso in Mexiko und in Italien. Derweil zeigten sich Bolivianer und Kolumbianer von Transformers: Age of Extinction beeindruckt, der ansonsten auch auf dem asiatischen Kontinent sehr gut lief und sowohl bei Russen wie Chinesen, aber auch in Thailand und Südafrika auf Platz Eins landete. In Japan rollte wiederum Frozen dieses Jahr wie eine Lawine durch die Kinosäle und spielte im Land der aufgehenden Sonne dreimal so viel ein wie der Zweitplatzierte. Von alledem unbeeindruckt blieb sich Südkorea treu und huldigte stattdessen mit Myeong-ryang einem einheimischen Film.

Dies wird seit Jahren auch traditionell in vielen europäischen Ländern so gehandhabt. Beispielsweise in der Türkei, wo sich Recep Ivedik 4 von der Konkurrenz absetzte. Nationale Filme liefen auch in Argentinien (Rotatos salvajes), Dänemark (Fasandraeberne), Finnland (Mielensäpahoittaja), den Niederlanden (Gooische Vrouwen II), Norwegen (Børning), Peru (A los 40), Polen (Bogowie) Serbien (Montevideo, vidimo se!), Spanien (Ocho apellidos vascos) und der Ukraine (Viy) am besten. In Frankreich begeisterte Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu? (hierzulande: Monsieur Claude und seine Töchter) die Massen, der nicht nur auch in der Schweiz die Nummer Eins ist, sondern es bis vor wenigen Wochen bei uns in Deutschland ebenso war.

Zumindest solange Peter Jacksons Trilogieabschluss The Hobbit: The Battle of the Five Armies nicht in wenigen Wochen über fünf Millionen Deutsche in die Lichtspielhäuser trieb. Ein erster Platz, der dem Film auch in Tschechien und bei den Briten gelang (die Australier zogen The Hunger Games: Mockingjay – Part I vor), wo kurz vor dem Ende noch The Lego Movie übertrumpft wurde. Ein anderer Animationsfilm lockte die Slowaken am häufigsten ins Kino: How to Train Your Dragon 2, was sie wiederum mit den Kollegen aus Ungarn gemein haben. Die Schweden solidarisierten währenddessen mit Japan und krönten Frozen zum Sieger, heißer her ging es in Kroatien und Uruguay, wo Rio 2 am Jahresende der König im Kino war.

Wer sich schon immer fragte, was Belgien und Österreich gemein haben (außer Fällen von Kindesentführung) findet in ihrer Begeisterung für Martin Scorseses The Wolf of Wall Street dieses Jahr die Antwort. Und da Ägypten kurzerhand Ridley Scotts Exodus nicht in den Kinos haben wollte, bleibt dort eben der neueste Godzilla-Film an der Jahresspitze. In alten Zeiten schwelgten dafür die Griechen, die sich von 300: Rise of an Empire vereinnahmen ließen. „Historisches“ stand auch in Bulgarien und Slowenien hoch im Kurs, wo die Konkurrenz gegen Darren Aronofskys Bibelepos Noah absoff. Stirnrunzeln rufen die ersten Plätze in Portugal und Nigera hervor, wo Lucy und Think Like a Man Too die Gunst des Publikums genossen.

Der unangefochtene Gewinner des Jahres ist wohl ohne Zweifel Matthew McConaughey, der sich vom RomCom-Schauspieler zum Oscarpreisträger gewandelt hat. Sein jüngster Wandel erhielt inzwischen sogar eine eigene Wortschöpfung (McConnaisance). Auch Christopher Miller und Phil Lord untermauerten mit The Lego Movie und 22 Jump Street ihren guten Ruf in Hollywood. Etwas schwerer hatte es dagegen Sony, die nicht nur trotz des veritablen Erfolgs von The Amazing Spider-Man 2 scheinbar das Vertrauen in das Reboot verloren haben, sondern im Zuge des Starts von The Interview auch noch einem Hacker-Angriff zum Opfer fielen. Damit befanden sie sich in guter Gesellschaft, was Jennifer Lawrence und Co. bestätigen können.

Und wo wir schon bei Matthew McConaughey waren, seine HBO-Serie True Detective avancierte zurecht zur TV-Show des Jahres, obgleich auch die Fernsehversion von Fargo überraschend überzeugen konnte. Dass sich dies auch von ihren beiden zweiten Staffeln sagen lässt, muss sich noch zeigen. Im Nachbeben der neuen Konsolen gab es derweil auf dem Videospielmarkt nichts, was mich wirklich gereizt hat in diesem Jahr, weshalb eine entsprechende Kür diesmal ausfällt. Ersatzweise kann ich an dieser Stelle Brian K. Vaughans und Fiona Staples Comicreihe Saga zum Comic des Jahres küren, dessen vierter Band schon bei mir bereitliegt und Anfang des neuen Jahres in einer ausführlichen Besprechung beleuchtet werden wird.

War auch die diesjährige Oscarverleihung vorhersehbar und langweilig wie selten zuvor, konnte ich mich dennoch mit vielen Preisträgern arrangieren. Trotz seines variablen Spiels in drei Rollen habe ich mich entschlossen, am Ende doch Jared Leto für seine gewinnende Leistung in Dallas Buyers Club den Vorzug vor Jake Gyllenhaal zu geben. Und so vergnüglich Tilda Swinton in ihren Darbietungen in den sonst enttäuschenden Snowpiercer und The Zero Theorem auch war, beeindruckte mich letzten Endes Dorothy Atkinson als Mauerblümchen in Mike Newells Mr. Turner doch eine Spur mehr. Bei den Newcomern geht meine persönliche Auszeichnung an Stacy Martin, für ihren mutigen und herausfordernden Einsatz in Lars von Triers Nymph()maniac.

Ansonsten setzte sich in diesem Jahr fort, was seit Jahren Trend ist: Sequels dominieren den Markt – siehe acht der zehn erfolgreichsten Filme in 2014 – und nach dem Erfolg von Guardians of the Galaxy steht eine noch größere Welle an Comicverfilmungen bevor. Während die an den Kinokassen abräumen, dominieren bei den Kritikern kleinere Filme wie Birdman oder Boyhood. Ein Art Zwei-Klassen-Gesellschaft, was zumindest hoffen lässt, dass trotz generischer Blockbuster auch Kreativität noch einen Platz findet. Und damit ohne weitere Umschweife nun zu meinen persönlichen zehn liebsten Filmen des Jahres – eine ausführliche Liste gibt es bei Letterboxd –, mit Runner Ups und der Flop Ten wie gewohnt in den Kommentaren:


10. Blended (Frank Coraci, USA 2014): Inzwischen regiert US-Comedian Adam Sandler nach eigenen Gesetzen wie seine Anarcho-Komödien à la That’s My Boy belegen. Was Blended von den meisten Sandler-Werken unterscheidet und ihn zugleich auszeichnet, sind die hier immer wieder eingestreuten kleinen emotionalen Momente in dieser vergnüglichen Patchwork-Safari. Unterm Strich handelt es sich um eine unterschätzte Komödie, die zugleich die Lachmuskeln zu bewegen und auf die Tränendrüse zu drücken vermag.

9. Citizenfour (Laura Poitras, D/USA 2014): Anderthalb Jahre ist es her, seit Edward Snowden der Öffentlichkeit offenbarte, dass die NSA im großen Stil unsere Kommunikation überwacht. Selbst vor Angela Merkel wird da kein Halt gemacht. Laura Poitras war im Juni 2013 mit der Kamera dabei, als Snowden in einem Hotelzimmer in Hong Kong zu dem wohl berühmtesten Whistleblower der Geschichte wurde. Trotz des bereits bekannten Ausgangs gelingt Poitras in Citizenfour einer der spannendsten Thriller des Jahres.

8. Borgman (Alex van Warmerdam, NL/B/DK 2013): Alex van Warmerdam macht sich in Borgman keine wirkliche Mühe, seine Filmhandlung für die Zuschauer näher zu erklären. Vielmehr lässt er in seiner Dekonstruktion eines beschaulichen Familienidylls die Bilder für sich sprechen und Fragen bereitwillig im Raum stehen. In gewisser Weise ist dieser Film ein modern-düsteres Märchen, dabei weder Thriller, noch Drama, Horror oder Fantasy. Sondern von allem eine Melange, die zu überzeugen und gefallen weiß.

7. Rich Hill (Andrew Droz Palermo/Tracy Droz Tragos, USA 2014): Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fristen die jugendlichen Protagonisten in Rich Hill zwischen Energy Drinks und Zigaretten ein trostloses Dasein am Rande der Gesellschaft. Dabei schaffen es Andrew Droz Palermo und Tracy Droz Tragos gekonnt, das White-Trash-Stigma für ihre Figuren zu umschiffen und sie mit würdevoller Zuneigung in ihrer Gesellschaftsnische zu begleiten. Am Ende bleibt ein intimer Einblick in das toughe Leben von drei Außenseitern.

6. The Guest (Adam Wingard, UK 2014): Nach dem enttäuschenden You’re Next liefert Adam Wingard nun mit The Guest nicht nur den genialsten Soundtrack des Jahres ab, sondern zugleich einen Mix aus Home-Invasion-Thriller und Actionfilm, der sich bei mehrmaligem Sehen als wahres Brett entpuppt. Die Coolness seiner charismatischen Hauptfigur überträgt Adam Wingard mit einer erstaunlichen Lockerheit auf den gesamten Film, dessen so stylisches wie ironisches Finale ihm das Prädikat zum Kultfilms offen hält.

5. Schnee von gestern (Yael Reuveny, D/IL 2013): Die Rückkehr ins Land der Täter ist wohl für wenige Shoa-Überlebende und deren Familie erträglich. Zu groß ist der Schmerz, den der Verlust von geschätzt 5,6 Millionen Opfern hinterließ. Auch für die Familie der Israelin Yael Reuveny. Umso größer war deren Unverständnis als sie erfahren, dass der Großonkel nach dem Krieg in Deutschland blieb. Reuveny gelingt mit Schnee von gestern eine bewegende Reise in die Vergangenheit, die gleichzeitig Hoffnung für die Zukunft macht.

4. Finding Vivian Maier (John Maloof/Charlie Siskel, USA 2013): In ihrer Dokumentation über ein Kindermädchen, das sich erst nach seinem Tod als eine der besten Straßenfotografinnen des 20. Jahrhunderts entpuppt, gelingt John Maloof und Charlie Siskel ein faszinierender Einblick in eine schwer zu greifende Persönlichkeit. Für die Künstlerin Vivian Maier aber bekommen die Zuschauer dagegen ein besseres Gespür. Maiers Bilder zeugen dabei von einer künstlerischen Qualität, die auch Finding Vivian Maier selbst innewohnt.

3. Enemy (Denis Villeneuve, CDN/E 2013): In der Folklore gilt ein Doppelgänger als Vorbote von Unglück und als Todesomen für die Person, die ihn sieht. In Enemy adaptierte Denis Villeneuve den Roman „Der Doppelgänger“ von José Saramago – allerdings von Villeneuve weitaus mystischer aufgeladen und mit viel Interpretationsspielraum. Kryptische Traumsequenzen bitten den Zuschauer um Wiederholungssichtungen, aber eine definitive Antwort auf alle offenen Fragen werden auch diese vermutlich nicht bereithalten.

2. Jodorowsky’s Dune (Frank Pavich, USA/F 2013): Wer schon mal Alejandro Jodorowsky in einem Audiokommentar gehört hat, weiß, dass dieser Mann geboren wurde, um Geschichten zu erzählen. Und welche eignet sich besser als die jenes Films, der zum Prophet einer eigenen Religion werden sollte. Frank Pavich vermittelt hier einen Eindruck, wie Jodorowskys Adaption von Frank Herberts „Dune“ ausgesehen hätte. Und wie Jodorowsky’s Dune zeigt, wurde diese auch ohne ihre Entstehung zu einer Art von Kino-Prophet.

1. Nightcrawler (Dan Gilroy, USA 2014): Eine fast ähnlich große Ambition wie Alejandro Jodorowsky in seinem Dune-Projekt legt der scharfzüngige Lou Bloom in Dan Gilroys Debütfilm Nightcrawler an den Tag. Jake Gyllenhaal liefert als soziopathisch veranlagter Unfallreporter die Darbietung seines Lebens ab, während seine Figur um sich herum einen für ihre Umwelt destruktiven Malstrom erschafft. Dan Gilroy gelingt ein mitreißender Urban-Media-Thriller, der im Finale nochmals die Spannungsschraube andreht.