18. Mai 2015

Mad Max: Fury Road

What are you doing? – Praying. – To who? – Anyone who’s listening.

Der Motor brummt, die Landschaft saust vorbei, während ein schwarzer V8 Interceptor über die Straßen rast. Dicht gefolgt von drei weiteren Fahrzeugen. Als ein Verkehrsunfall die Straße blockiert, kann der Interceptor gerade noch ausweichen, die Verfolger ebenso. Da piepst es plötzlich, ein rotes Licht weist darauf hin, dass der Benzintank beinahe leer ist. Und wer in der Welt von Mad Max: The Road Warrior auf der Strecke bleibt, wird nie wieder Gas geben. Dies wiederum ist ein Problem, mit welchem sich Ex-Cop und nunmehriger Söldner der Straße Max Rockatansky in Mad Max: Fury Road nicht rumschlagen muss. Im vierten Teil der Reihe existiert Benzin im Überfluss. Muss es auch, da alle paar Minuten etwas explodieren soll.

Drei Jahrzehnte sind seit Mad Max: Beyond Thunderdome ins Land gezogen, immer mal wieder gab es laue Gerüchte, Regisseur George Miller würde mit Mel Gibson einen vierten Teil der Reihe drehen. Als der dann genehmigt wurde, war Gibson schon zu alt, die Rolle wird nun Tom Hardy in Fury Road zuteil. Der ist wohl Sequel und Reboot zugleich. Tom Hardys Max wird zu Beginn von einer Straßenbande gefangen genommen, die dem Clan-Führer Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) angehört. Der mobilisiert seine Truppe, als er erfährt, dass Furiosa (Charlize Theron), eine seiner Anführerinnen, seinen Harem (u.a. Rosie Huntington-Whiteley, Zoë Kravitz) befreit hat und mit einem Tanklaster gen Horizont braust. Eine Verfolgungsjagd beginnt.

Als Gefangener einer von Immortan Joes Männern, namentlich Nux (Nicholas Hoult), wird auch Max in das Geschehen mitgerissen. Ihm gelingt schließlich die Flucht und gemeinsam mit Nux schließt er sich Furiosa und den Haremsdamen an, um mit dem Tanklaster in ein ominöses grünes Land zu fahren, von dem Furiosa aus ihren Kindheitserinnerungen berichtet. Derweil wächst die Entourage von Immortan Joe immer mehr an. So gesehen ist Mad Max: Fury Road abgesehen von seiner ersten halben Stunde ein einziges Road Movie, das selten die Handbremse anzieht, um seine Figuren oder das Publikum zur Ruhe kommen zu lassen. Und zum Auftanken schon gar nicht, denn die Fahrzeuge in Fury Road fahren praktisch wie von selbst.

Eine Kehrtwende also zur kraftstoffarmen Welt der beiden Vorgänger, wo mühevoll um Benzin gekämpft oder Methangas gewonnen wurde. In Fury Road ist Wasser dagegen eine Rarität, nicht, dass das für den Filmverlauf eine Rolle spielt. Andernfalls liefe der Film schließlich Gefahr, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, was wiederum zu Lasten von ein, zwei Actionszenen ginge. Und Action, das scheint auch George Miller zu wissen, ist inzwischen das einzige, was in der Kinolandschaft der Gegenwart noch zählt. Möglichst viel davon und – das ist, je nach Betrachtung, eine gute wie schlechte Nachricht – sie muss nicht einmal sonderlich originell sein. Infolgedessen wiederholt Miller hier rund 90 Minuten lang ein und dasselbe Set Piece.

Das eint den Film mehr mit Man of Steel als mit seinen Mad Max-Vorgängern, ist vermutlich auf diese Weise überlegter, was sich nicht zuletzt an den sich überschlagenden Kritiken abzeichnet. Da passt es ins Bild, das von dem charismatischen Antihelden Gibsonscher Prägung im Jahr 2015 wenig übrig geblieben ist. Dieser Max ist ein zum Mensch gewordener Eber, der sich die meiste Zeit durchs Geschehen grunzt als würde man Tim Allens Figur aus Home Improvement in die Apokalypse begleiten. Max sagt wenig und tut nur bedingt mehr, ist damit ohnehin nur eine Randfigur für einen Film, dem er mit seinem Namen einen Merchandise-Faktor verleihen soll. Die übrigen Charaktere in Fury Road sind nicht weniger eindimensional geraten.

Zwar ist Immortan Joe von Kostüm und Maske her der eindrucksvollste Widersacher seit Lord Humungus, in der Summe jedoch sehr viel blasser als dieser oder Toecutter (damals ebenfalls von Keays-Byrne gespielt) und Aunty Entity. Charlize Therons Furiosa kriegt noch am ehesten Luft zum Atmen, verkommt aber ebenfalls mit einer halbgaren Erlösungs-Storyline eher zur Asthmatikerin. Der Harem wiederum ist lediglich Eye Candy, besetzt mit Unterwäschemodels wie Huntington-Whiteley oder Promi-Sprößlingen wie der Tochter von Lenny Kravitz und dem Enkelkind von Elvis Presley. Und weil Fury Road ein Blockbuster ist, muss auch eine Liebelei her, weshalb Nux mit einer der Haremsmädels – es ist dabei egal mit welcher – anbandelt.

Die Mädchen selbst sind austauschbar und frei von jedweder Persönlichkeit. Unterscheidbar sind sie lediglich aufgrund ihrer Haut- und Haarfarbe, dem Filmverlauf dienen sie als reiner MacGuffin, dem der Antagonist nacheifert (und damit zugleich eines der vielen Logiklöcher aufreißt). Was in Fury Road passiert und wieso, sollte der Zuschauer besser nicht hinterfragen, es ist nur Staffage für all die Schießereien und Explosionen, mit denen Furiosas Tanklaster immer wieder erschüttert wird. Wie das letzte Mammut, das sich nicht der Auslöschung beugen will. Dabei gelingt Miller in 90 Minuten trotz all der darin integrierten Action um den Tanker kein Set Piece, das auch nur im Ansatz so unterhaltsam ist wie die Fluchtszene zum Ende von Thunderdome.

Verschiedene Männer von Immortan Joe sowie dieser selbst kommen dem Tanker mal näher, mal besteigen sie diesen sogar, es wird geschossen und mit Sprengsätzen geworfen, die Verfolger abgeschüttelt, bis sie wieder aufschließen. Dies alles in der Endlosschleife, weshalb ich nach 45 Minuten Mühe hatte, die Augen offen zu halten und mit dem Schlaf kämpfte. Es hilft auch nicht, dass Fury Road in seinem Mischmasch aus digitalem Film und CGI wohl einer der visuell hässlichsten Filme ist, die ich seit langem gesehen habe. Weg ist der staubig-dystopische Look der Vorgänger, die übersaturierte Farbpalette erinnert mehr an Zack Snyders 300 als an Mad Max. Lächerliche Fast-Forward-Szenen und krude Traumsequenzen tun ihr Übriges dazu.

Miller unterliegt dem Diktat des “the bigger the better”, was in The Road Warrior – dem meist geschätzten Teil der Trilogie – funktionierte, wird hier ins Extreme übersteigert. Die Bösewichte erhalten schrille Kostüme und absonderliche genetische Defekte, wahnwitziger Höhepunkt des Ganzen ist dann ein Party-Wagen in Immortan Joes Entourage, der aus riesigen Boxen besteht, die einen von Joes Männern umrahmen, der auf einer Elektro-Gitarre gegen das Knarzen der Motoren und die Explosionen anspielt. Und der – natürlich – auch Flammen aus seinem Instrument schießt. In dieser hanebüchenen Figur kulminiert der Wahnsinn von Fury Roads Hybris, ein Film, der wiederum selbst nur einen sinnlosen Augenreiz repräsentiert.

Das Scheitern von Mad Max: Fury Road liegt bereits in seinem Ansatz und seinem verkehrten Selbstverständnis. Die Welt, die Miller hier wie schon in den Vorgängern zeichnet, dient ihm bloß als Kulisse, ein Matte Painting für seine explosive Stunt-Show. Die Idee, dass statt Benzin nur Wasser eine Ware ist (man denke an Hydra aus Waterworld), besitzt durchaus Potential – dieses muss jedoch auch genutzt werden. Der Film ist jedoch nicht daran interessiert, selbst wo er mal so etwas wie einen Handlungsfaden aufgreift, lässt er diesen sogleich wieder fallen. Selbst wenn die Mad Max-Filme stets durch ihre Auto-Stunts beeindruckten, so machten diese immer nur einen Teil des Films selbst aus – und stellten nicht den gesamten Film dar.

Man mag es damit entschuldigen, dass Miller lediglich dem Mantra folgt: „Gib dem Affen Zucker.“ In Zeiten von The Avengers: Age of Ultron und Co. ist die Masse am ehesten befriedigt, wenn das Auge statt das Hirn gefüttert wird. Im Irrglauben, dass nur, weil viel auf der Leinwand passiert, sich auch wirklich eine Geschichte abspielt. In gewisser Weise repräsentiert Fury Road also auch die heutige Kinolandschaft: eine karge Welt, in der der Wahnsinn Blüte trägt. Da passt es ins Bild, dass Fashion Models wie Abbey Lee und Courtney Eaton über die Leinwand tänzeln, Seite an Seite mit talentfreien Stiernacken wie Tom Hardy, der mit Mad Max: Fury Road sein desaströses Portfolio nach Inception, The Dark Knight Rises und Locke weiter ergänzt.

Bedauernswert ist das, da dem Film trotz aller Mängel durchaus positive Aspekte abzugewinnen wären. Die Musik von Junkie XL verleiht Mad Max: Fury Road hin und wieder etwas von jenem epischen Abenteuer, das Miller sonst abgeht. Teils finden sich auch interessante Bildmotive, naturgemäß in den wenigen Szenen, wenn nicht gerade etwas in die Luft fliegt. So wie in einer Nachtszene, wenn der Tanker ein Sumpfgebiet durchfährt und man, wenn auch nur kurz, Figuren auf Stelzen durchs Wasser waten sieht. Die sind auch in ihrer Kürze noch das Spannendste in einem überlangen Film, der vielleicht als Stunt-Show in einem Themenpark funktioniert, als Beitrag fürs Kino jedoch völlig deplatziert ist. It’s a mad, mad, mad, mad world.

3/10

12. Mai 2015

Maggie

Say your goodbyes.

Wer aus der Masse herausragen will, muss anders als die Masse sein. Das ist im Filmfach nicht anders als in der menschlichen Soziologie. Gerade in Genre-Werken kann Individualismus zum Alleinstellungsmerkmal führen. Im Falle eines Zombie-Films heißt das, eben nicht so zu sein, wie jeder andere Zombie-Film. Auch wenn man dadurch womöglich die Fans jenes Genres vergrätzt, die besonders dessen klassische Elemente schätzen. Henry Hobson, der für die Titelsequenz des geschätzten PlayStation-Spiels The Last of Us verantwortlich ist, hat mit Maggie nun einen Zombie-Film abgeliefert, der durchaus anders ist als der klassische Zombie-Film. Und das nicht nur, weil Arnold Schwarzenegger eine der Hauptrollen in diesem übernimmt.

Was in den 80er Jahren vermutlich ein feuchter Traum jedes Filmfans gewesen wäre, ist in Zeiten der Post-Gouverneur-Phase des Österreichers eher ein Nischenprodukt. Schwarzenegger spielt Wade, einen Farmer, der zu Beginn in die Stadt fährt, um seine Tochter Maggie, gespielt von Abigail Breslin, abzuholen, nachdem diese von einem Zombie gebissen wurde. Wider den Genre-Gepflogenheiten mutieren die Menschen hier nicht sofort oder über Nacht in die wandelnden Toten, sondern schleichend über Wochen. “Quarantine is eight weeks in”, gibt Maggies Arzt ihrem Vater mit auf dem Weg als er sie entlässt. Mit dem Hinweis: ”Say your goodbyes.” Was folgt, ist also ein Abschied auf Raten. Im Wissen um das, was die Zukunft bringt.

Vorbei an brennenden Feldern, leeren Straßen und verlassenen Tankstellen geht es für Wade und Maggie zurück nach Hause. Dort werden die beiden kleinen Halbgeschwister bis zum Tod der Schwester zur Tante weitergereicht. Die Zombie-Epidemie wird als solche in Maggie nur angerissen. Ein Junge in seiner Klasse sei ebenfalls infiziert gewesen, berichtet Maggie ihr kleiner Bruder. “I didn’t like him much, but I didn’t think he deserved to die”, sagt er, ehe er sich verabschiedet. Weitaus schwerer als Wade tut sich Maggies Stiefmutter (Joely Richardson) mit dem Familiengast auf Zeit. Man arrangiert sich, alle drei. Auch dann, als die Infektion ins nächste Stadium übergeht und Maggie scheinbar ein Finger abstirbt. Und diese ihn daraufhin amputiert.

Wie sich die Jugendliche infizierte wird nicht genauer erklärt, genauso wenig ihre Vorgeschichte mit ihrer Familie. Sie muss sich nun mit ihrem Schicksal arrangieren, was umso schwerer fällt, als sie sich abends mit ihren alten Freunden an einem Lagerfeuer trifft. Die Folgen des Virus nimmt Hobson quasi im Vorbeigehen mit. Kaum eine Figur, die nicht Menschen verloren hat. Dabei sind Zombies selbst eine eher unscheinbare Präsenz im Film. Aber wenn, eine gewichtige. So als Wade eines Tages seinem Nachbarn begegnet. “Nathan… say something”, fleht Schwarzenegger fast um einen Rest von Menschlichkeit in seinem Gegenüber, dessen Tochter er einst beaufsichtigte. Zugleich bietet ihm der Nachbar einen Blick in die Zukunft von Maggie.

Drei Optionen habe Wade für seine Tochter, klärt Wade sein Hausarzt auf. Die Quarantäne ist für den Vater dabei außen vor, das macht er auch dem befreundeten Sheriff klar, der ab und an das Gelände besucht. “I promised your mother that I’d protect you”, sagt Wade zu Maggie – im Wissen, dass er im Grunde schon versagt hat. Alternativ zu Option Eins könne Wade seiner Tochter selbst den tödlichen Cocktail verabreichen, der enorm schmerzvoll sei – selbst für Infizierte, die keinen Schmerz mehr spüren. “What’s option three?”, fragt Wade und scheint die Antwort bereits zu kennen. Unterdessen verschlechtert sich Maggies Zustand, ihre Augen werden immer milchiger, Maden nisten sich langsam in ihrer Wunde ein, die zu verwesen beginnt.

Im weitesten Sinne ist Maggie weniger Zombie-Horror als ein Familiendrama. Hobson erzählt seine Geschichte in überaus ruhigen Bildern, ein Tempo, dem sich auch Breslin und Schwarzenegger in ihrem Spiel anpassen. Gerade der alternde Hollywood-Star hinterlässt dabei einen starken Eindruck durch ein enorm nuanciertes Spiel, in dem Hobson oftmals darauf verzichtet, dem Österreicher überhaupt Dialogzeilen zu schenken. In der Regel greift Schwarzenegger also schlicht auf sorgenvolle Blicke zurück, umspielt seine Lippen mit einem leichten Lächeln, schenkt seinem Gegenüber einen warmen Händedruck. Schauspielerisch hat man Arnold Schwarzenegger selten besser gesehen, das ist auch einer von Henry Hobsons Verdiensten in Maggie.

Abigail Breslin und Joely Richardson stehen dem in nichts nach und komplettierten eine überzeugende Leistung des Ensembles. Beeindruckend gerät auch die ganze Atmosphäre des Films, die durchaus an The Last of Us erinnert, nicht nur weil John Scott hier die Geschichte einer Jugendlichen und ihres väterlichen Begleiters in einer Zombie-infizierten Welt erzählt. In David Wingos musikalischem Theme schwingt jene Melancholie mit, die die Welt in Maggie heimgesucht hat. Lukas Ettlins Bilder wiederum fangen genug Postapokalypse ein, um dem Zuschauer einen Eindruck von dieser zu geben, kontrastiert dies gleichzeitig aber geschickt mit warmen Bildern von Wades Farm, die eine Idee von einer besseren, glücklicheren Zeit vermitteln.

Im Grunde könnte Maggie statt von einem Zombie-Virus – der im Film “Necro-Ambulant” betitelt wird – genauso gut ein Aids- oder sonstigen Viren-Drama sein. Eine unheilvolle Infektion, die das Leben des Betroffenen aus den Fugen reißt und auf lange Sicht nur im Tod enden kann, was wiederum eine Trauerstimmung über Freunde und Familie legt. Dies macht sich Hobson hier zum Thema, für den Zombie an sich interessiert sich sein Film nahezu kaum. Stattdessen geht es um das Zwischenmenschliche und welche Folgen die Epidemie für Infizierte und designierte Hinterbliebene hat. So wie im Falle von Wades Sohn und dessen Schulkamerad, Nachbar Nathan oder einem von Maggies Freunden, der ebenfalls wie sie zu den Infizierten gehört.

Fans des klassischen Zombie-Films, die womöglich gehofft hatten, dass Schwarzenegger in bester 80er-Jahre-Arnie-Manier hier Zombie-Herden mit dem MG niedermäht und Gehirn mittels Baseballschlägen, die auf Schädel treffen, an die Wände verteilt, werden sicherlich nur wenig Gefallen an Maggie finden (nicht, dass es keine Arnold-Zombie-Konfrontationen gibt). Maggie ist kein gewöhnlicher Zombie-Film, sondern außergewöhnlich. Als Folge dessen ragt Hobsons Film aus seinem Genre heraus und gewinnt obendrein eine Strahlkraft, die ihn auch über die Genregrenzen hinaus auszeichnen. Insofern ist Maggie nicht nur ein besonders starker Vertreter des Zombie-Films, sondern auch des filmischen Jahrgangs 2015 allgemein.

7.5/10

6. Mai 2015

Appropriate Behavior

No homo.

Man könnte meinen, wenn eine Schauspielerin eine gute Rolle haben will, muss sie sich diese selber schreiben. So handhabten es zuvor bereits Brit Marling (Another Earth) und Greta Gerwig (Frances Ha), Lena Dunham (Tiny Furniture, Girls) übernimmt in ihren Werken sogar gleich noch die Regie. Ein Höchstmaß an Einfluss sicherte sich auch Desiree Akhavan in ihrem Debüt Appropriate Behavior (Deutschlandstart: 14. Mai), in dem sie die bisexuelle Shirin spielt, eine amerikanische Endzwanzigerin mit iranischen Wurzeln, die nach ihrem Beziehungsende mit Freundin Maxine (Rebecca Henderson) in ein Loch fällt. Während in Rückblenden ihre Liaison mit Maxine reflektiert wird, versucht Shirin in der Gegenwart wieder auf die Beine zu kommen.

Inhaltlich eint Akhavans Debüt dabei viel mit Noah Baumbachs Frances Ha – nur mit lesbischem Einschlag. In beiden Fällen muss die bislang ziellos durch New York wandelnde Hauptfigur sich nach einer neuen WG-Bleibe umsehen, nachdem ihr Wohnverhältnis mit einer Frau zu Ende ging. Den Fokus legt Akhavan jedoch durchaus stärker auf die Beziehung der beiden zentralen Frauen in der Geschichte, wie diese zueinander fanden, woran die Partnerschaft letztlich scheiterte und wie Shirin versucht, nach der Trennung mit dieser umzugehen. “I’m dead inside”, klagt sie da ihrer besten Freundin Crystal (Halley Feiffer), nachdem Shirin nach der Trennung von Maxine noch den alten gemeinsamen Strap-on-Dildo aus dem Müll geklaubt hat.

Die eingeschobenen Rückblenden zeigen uns, wie beide Frauen in einer Silvesternacht zueinander fanden. “I find your anger incredibly sexy”, sagt Shirin zu Maxine als diese sich über eine alte Liebschaft aufregt. “I hate so many things too.” Bald schon ziehen beide zusammen, was wiederum erste Konflikte birgt, da Shirin sich immer noch nicht vor ihren Eltern (Anh Duong, Hooman Majd) als bisexuell geoutet hat. “They know I know they know”, behauptet die Tochter zwar, fürchtet sich aber dennoch vor einer möglichen Stigmatisierung ihrer persischen Familie. “She’s not easy”, urteilt die Mutter in einer Szene, als Shirins erfolgreicher Urologen-Bruder Sorgen um die Schwester äußert. Shirins Bisexualität ist aber nur ein Teil des Ganzen.

Im Grunde könnte die bisexuelle Figur auch eine heterosexuelle sein, beispielsweise eine junge Frau mit persischen Wurzeln, die entgegen der Erwartung der Eltern einen nicht-persischen Mann anschleppt. Aus dem Konflikt, ihrer Familie ihre Sexualität verheimlichen zu müssen, macht Akhavan wenig in Appropriate Behavior. Vielmehr ist die Bisexualität ein Detail, beispielsweise wenn sich Shirin in einer einsamen Nacht einer Ménage-à-trois mit einem Pärchen hingibt oder Maxine auf einer Party mit einem apathischen Hipster eifersüchtig machen will. Grundsätzlich dreht sich die Handlung aber darum, dass die Hauptfigur mit einer alten Beziehung abschließt und ihr Leben wieder aufnimmt. Mund abwischen, weitermachen.

Keine neue Geschichte, wie generell der Filme wenig originell daherkommt, sondern sich verschiedener Elemente und Motive der Indie- und Mumblecore-Szene der jüngeren Vergangenheit bedient. Was für ein Debüt sicher nicht verwerflich ist. So entschuldigt sich, dass Akhavan in manchen Szenen etwas steif in ihrem Spiel wirkt. Hier wirken ihre Zeilen weniger glaubwürdig, eher vorgetragen. Nutzt sie zu Beginn zudem oft Schuss-Gegenschuss-Verfahren, um Dialogszenen zu drehen, rückt sie davon im Verlauf dankenswerter Weise mehr in die Halbtotale ab. “Really, all you have to do is show them how to hold a camera”, lautet da ironischerweise ein Rat an Shirin, als sie später die Leitung einer Film-AG für Fünfjährige übernimmt.

Zugleich gelingt es Appropriate Behavior aber durchaus, bisweilen Akzente zu setzen. Wie in einer Rückblende, wenn sich Shirin und Maxine eines Rollenspiels bedienen, um ihr stagnierendes Sexleben wieder anzukurbeln und Maxine als allzu umgängliche Finanzbeamte jegliches Flair zerstört. Unterschwellig schiebt Akhavan auch bisweilen leichte Sozialkritik in ihren Film unter, wenn ein Sexualstraftäter seine Vorstrafe dadurch erklärt, dass sein Freund damals eben etwas jünger war als er oder eine Dessous-Verkäuferin versucht, Shirin sich ob ihrer geringen Brustweite besser fühlen zu lassen. Erfrischend ist Appropriate Behavior also durchaus, selbst wenn Desiree Akhavans Debüt in seiner Summe nicht allzu originell ausfällt.

6.5/10

1. Mai 2015

Filmtagebuch: April 2015

THE ABCS OF DEATH 2
(USA/NZ/IL/CDN/J 2014, Chris Nash u.a.)
1/10

ACTRESS
(USA 2014, Robert Greene)
5.5/10

ADIEU AU LANGAGE [GOODBYE TO LANGUAGE]
(CH/F 2014, Jean-Luc Godard)

1/10

ALI
(USA 2001, Michael Mann)
6/10

AVENGERS: AGE OF ULTRON
(USA 2015, Joss Whedon)
3.5/10

THE BABADOOK
(AUS/CDN 2014, Jennifer Kent)
5.5/10

BANDITS [BANDITEN!]
(USA 2001, Barry Levinson)

5/10

BETTER CALL SAUL – SEASON 1
(USA 2014, Colin Bucksey u.a.)
7.5/10

CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER
(USA 2014, Anthony Russo/Joe Russo)
6/10

DAREDEVIL [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2003, Mark Steven Johnson)

6.5/10

MARVEL’S DAREDEVIL
(USA 2015, Phil Abraham u.a.)
7.5/10

GHOSTBUSTERS
(USA 1984, Ivan Reitman)
8.5/10

GHOSTBUSTERS II
(USA 1989, Ivan Reitman)
7.5/10

A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT
(USA 2014, Ana Lily Amirpour)
7/10

GOING OVERBOARD
(USA 1989, Valerie Breiman)
1/10

GROWN UPS [KINDSKÖPFE]
(USA 2010, Dennis dugan)

4.5/10

INTERSTELLAR
(USA/UK/CDN 2014, Christopher Nolan)
3.5/10

JACK AND JILL
(USA 2011, Dennis Dugan)
3.5/10

JIAO YOU [STRAY DOGS]
(RC/F 2013, Tsai Ming Liang)

4/10

JUST GO WITH IT [MEINE ERFUNDENE FRAU]
(USA 2011, Dennis Dugan)

6/10

KITCHEN NIGHTMARES (U.S.) – SEASON 4
(USA 2011, Jay Hunter u.a.)
8/10

MEN, WOMEN & CHILDREN [#ZEITGEIST]
(USA 2014, Jason Reitman)

2/10

MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL
(USA/UAE/CZ 2011, Brad Bird)
6/10

PAYCHECK
(USA/CDN 2003, John Woo)
4/10

THE PHANTOM
(USA/AUS 1996, Simon Wincer)
5.5/10

STARRY EYES
(USA/B 2014, Kevin Kölsch/Dennis Widmyer)
1.5/10

TAKERS
(USA 2010, John Luessenhop)
6/10

THAT’S MY BOY [DER CHAOS-DAD]
(USA 2012, Sean Anders)

7.5/10

V/H/S: VIRAL
(USA 2014, Justin Benson u.a.)
1/10

THE WEDDING SINGER [EINE HOCHZEIT ZUM VERLIEBEN]
(USA 1998, Frank Coraci)

7.5/10

Retrospektive: The Fast & the Furious


THE FAST AND THE FURIOUS
(USA/D 2001, Rob Cohen)
7/10

2 FAST 2 FURIOUS
(USA 2003, John Singleton)
5.5/10

THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT
(USA/D 2006, Justin Lin)
5.5/10

FAST & FURIOUS
(USA/J 2009, Justin Lin)
6.5/10

FAST FIVE [FAST & FURIOUS FIVE]
(USA 2011, Justin Lin)

7.5/10

FAST & FURIOUS 6
(USA 2013, Justin Lin)
6.5/10

FURIOUS 7 [FAST & FURIOUS 7]
(USA/J 2015, James Wan)

6/10

26. April 2015

A Girl Walks Home Alone At Night

Don’t count the things you’ve lost. Let’s count what’s still left.

Es gibt Genres, die wenig dankbar sind, weil man sich in ihnen kaum auszeichnen kann, da der generelle Output enorm ist. Beispielsweise im Vampirfilmgenre, das zwar weiterhin mal mehr (Twilight) und mal weniger (Byzantium) beachtete Vertreter ins Rennen schickt und dementsprechend über die Jahre hinweg beinahe ausgelutscht ist. Selbst ein Jim Jarmusch vermag sich da mit einem Beitrag wie Only Lovers Left Alive nur marginal hervorzuheben, schaffte es jedoch, mit Detroit als atmosphärischer Location und einer unterschwelligen Punkrockattitüde seinem Beitrag eine eigene Stimme zu verleihen. Dies gelingt auch Ana Lily Amirpour mit ihrem Debüt A Girl Walks Home Alone At Night, einer Schwarz-Weiß-Vampir-Romanze.

Der Ton und Look des Films erinnern streckenweise ironischerweise durchaus an Jarmusch, so als hätte dieser seinen Only Lovers Left Alive mehr mit seinem Dead Man verquickt. Amirpour erzählt von der fiktiven iranischen Stadt Bad City, in der James-Dean-Verschnitt Arash (Arash Marandi) über die Runden zu kommen versucht. Wenn ihm nicht grad der Dealer (Dominic Rains) seines Drogensüchtigen Vaters Hossein (Marshall Manesh) wegen dessen Schulden sein geliebtes Auto wegnimmt. “Business is business”, sagt Dealer Saeed lapidar. Eigentlich sollte Arash das wissen, ist er doch selbst ein Dieb, stiehlt zu Beginn des Films eine Katze, später Ohrringe der Tochter seines Arbeitgebers und einen Koffer voll Drogen und Geld von Saeed.

Doch auch der neue Reichtum vermag Arashs Leben nicht zum Besseren zu wenden. Bei den Frauen hat er kein Glück, der Ärger mit dem Vater lässt auch nicht nach. Immerhin endet eine Drogeninduzierte Kostümparty, die Arash als Dracula besucht, wider Erwarten in einem unbekannten Stadtteil. “This doesn’t look like Bad City. Does it?”, fragt Arash da die einzige zweite Seele auf der Straße, eine in einen Tschador gekleidete und auf einem Skateboard fahrende Fremde (Sheila Vand). Die wurde zuvor dem Publikum gegenüber bereits als Vampir eingeführt, scheint in Arash jedoch weniger den nächsten Durstlöscher zu sehen als vielmehr einen Gleichgesinnten. Hier, nachts in einer einsamen Straße, ist Bad City plötzlich gar nicht so bad.

Wenn das Vampir-Girl dann mit dem kostümierten Dracula nach Hause geht, ist das natürlich eine amüsante Metapher. Im Stehtanz hören sie Indierock von White Lies’ “Death”, ehe sie den Kopf absenkt und seinem Herzschlag lauscht, der die Musik zu übertönen beginnt. Mehr Indie als hier kann sich Amirpours Film nicht anfühlen, darin liegt die individuelle Stimme von A Girl Walks Home Alone At Night. Skateboardende iranische Vampire, die Tschador und Kajal tragen, White Lies hören und kleine Jungs daran erinnern, dass sie auch schön brav sein sollen. Und ihnen vor Augen führen, was passiert, wenn sie es nicht sind. Dass Bad City eine scheinbar verlassene Stadt und doch zugleich Industriestandort ist, passt da ins (Schwarz-Weiß-)Bild.

Der Look und die Verortung des Films sind originell – zumindest für sein spezielles Genre – und auch die musikalische Untermalung, die bisweilen Trompetenelemente integriert, die an Ennio Morricone erinnern, fügen sich vorzüglich ein. Die sicher lediglich angerissenen Charaktere sind trotz allem interessant, selbst der etwas nervige Vater. Vorwerfen lässt sich dem Film allenfalls, dass er in seinem letzten Akt für eine dramaturgische Zuspitzung die Aufmerksamkeit zu sehr auf Hossein und eine Prostituierte lenkt, die der Vampir bisweilen begleitet. Wünschenswerter wäre gewesen, wenn Amirpour die Beziehung zwischen Arash und Hossein sowie dem Mädchen noch etwas besser herausgearbeitet hätte, da Hossein alleine wenig interessant ausfällt.

Insgesamt ist A Girl Walks Home Alone At Night jedoch eine runde Sache und insbesondere für einen Debütfilm überaus gelungen. Auch oder gerade, weil sich Ana Lily Amirpour kein einfaches Genre ausgesucht hat. Ihre Umsetzung, von den bereits angesprochenen Details bis hin zur Tatsache, dass der Film in persisch daherkommt, obschon er aus den USA stammt, gibt ihm eine ganz eigene Aura und Stimmung, die den Zuschauer in den Bann zieht. Damit gelingt diesem Indie-Vampir-Werk etwas, das in Zeiten lebloser Action-Blockbuster eine Seltenheit geworden ist. Was A Girl Walks Home Alone At Night trotz seiner kalten Protagonistin weitaus wärmer daher kommen lässt. Und ihn zu einem der besseren Filme des Jahres macht.

7/10

22. April 2015

Avengers: Age of Ultron

I know you mean well. But you just didn’t think it through.

Befragt nach Avengers: Age of Ultron soll Regisseur Joss Whedon gemeint haben, der Film werde “smaller” und “not just a rehash of what worked the first time”. Anhand dieser Äußerungen muss das jüngste Action-Fest aus dem Hause Marvel als gescheitert betrachtet werden. Kleiner ist das so genannte Marvel Cinematic Universe hier keineswegs, vielmehr folgt Whedon der Blockbuster-Marschrichtung: The bigger, the better. Das heißt mehr Action, mehr Figuren, mehr, mehr, mehr. Und im Umkehrschluss vermutlich auch mehr Einnahmen an den Kinokassen als das 1,5-Milliarden-Dollar-Baby The Avengers. Am Vorgänger orientiert sich das Sequel speziell in seinem finalen Set Piece teils 1:1, was Age of Ultron entsprechend langweilig macht.

Hilfreich für die Spannung ist ebenso wenig, dass Marvel im Vorfeld groß sein Line-up bis 2019 ankündigt, inklusive dem Benennen, welche Figuren in welchen Filmen auftauchen werden. Wer sich also mit der Materie auseinandersetzt, weiß schon vorab, wer am Ende des Films ins Gras beißen und um wen man sich keine Sorgen machen muss. Dass zahlreiche Trailer und TV Spots die Handlung vorwegnehmen, ist derweil schon seit Jahren Gang und Gebe in Hollywood. Insofern ist Age of Ultron ein ziemlich ermüdender Film, der ohne wirkliche Höhepunkte daherkommt. Die Action ist belanglos und die Charaktermomente verschenkt, weil die Mehrheit der Figuren – auch aufgrund ihrer Anzahl – wenig bis nichts zu tun bekommt.

Die Handlung des Films setzt dabei einige Zeit nach den Ereignissen von Captain America: The Winter Soldier ein. Obschon S.H.I.E.L.D. de facto nicht mehr existiert, da von HYDRA unterwandert, sind die Avengers scheinbar immer noch in Aktion, wie das Opening Set Piece in medias res zeigt. Captain America (Chris Evans) hat die Suche nach seinem alten Kameraden Bucky Barnes in die Hände von Falcon (Anthony Mackie) gelegt, kämpft stattdessen mit Black Widow (Scarlett Johansson) sowie Hawkeye (Jeremy Renner), Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth) und Hulk (Mark Ruffalo) gegen die Schergen von HYDRA-Bösewicht Baron von Strucker (Thomas Kretschmann) im fiktiven osteuropäischen Land Sokovia.

Schnell erledigt man sich der hier aufgefundenen Probleme und hat HYDRA scheinbar endgültig besiegt. Für die Figuren von Downey Jr. und Ruffalo Anlass, mit Hilfe von Lokis geborgenem Zepter und dem darin enthaltenen Infinity Stone ihr Projekt der künstlichen Intelligenz Ultron zu perfektionieren. Diese soll auf lange Sicht die Avengers obsolet machen und selbstständig die Erde vor (außer-)irdischer Bedrohung schützen. Nur hat Ultron (James Spader) andere Pläne, strebt vielmehr danach, die Avengers und die Menschheit auszulöschen, weil sie in ihrer Evolution stagniert seien. Helfen sollen ihm dabei die aus Sokovia stammenden Mutanten-Zwillinge Quicksilver (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch (Elizabeth Olsen).

Die haben mit Tony Stark noch ein Hühnchen zu rupfen, weil ihr Haus einst von einer Rakete zerstört wurde, die Stark Industries hergestellt und verkauft hat. Nunmehr Waisen stellten sie sich in den Dienst von HYDRA und Baron von Strucker. Für die Avengers gilt es also, Frankensteins Monster zu eliminieren, ehe es Schaden anrichtet. Eine Mission, die die Helden vom fiktiven afrikanischen Staat Wakanda zum real existierenden Staat Südkorea über eine Zwischenstation in den USA zurück nach Sokovia führt. Mittendrin gibt es viel Krawall und Remmidemmi, in dessen Verlauf die Avengers quasi zu Terroristen avancieren, selbst wenn Ex-S.H.I.E.L.D.-Agentin Maria Hill (Cobie Smulders) dies charmant zum Social Media Trend euphemisiert.

Wirklicht thematisiert wird allerdings nicht, dass Iron Man und Hulk Anfang des zweiten Akts in Wakanda eine halbe Stadt in Schutt und Asche legen, bei der mehrere Gebäude beschädigt oder sogar zerstört werden. Womöglich sterben auch Menschen, was in diesen Disney-Marvel-Filmen schwer zu sagen ist. Später wird Joss Whedon diese innerstädtische Zerstörungsorgie noch zwei Mal wiederholen und damit Man of Steel toppen, der dies nur in zwei Städten wagte. Hier zeigt sich – zumindest für mich – eines der großen Probleme der Superhelden-Filme der Gegenwart, die glauben, großes Drama lässt sich nur dort inszenieren, wo es die Leute mitbekommen: mitten in der Stadt. Problematisch wird es, wenn ein Film hierbei redundant ausfällt.

Dass weniger manchmal mehr ist, haben Ang Lee und Bryan Singer vor zwölf Jahren in ihren Comic-Adaptionen unter Beweis gestellt. Dort wird in Hulk nicht halb San Francisco in Schutt und Asche gelegt, lediglich eine Straße aufgerissen und sowohl in X-Men als auch in X2 spielt sich der Konflikt zwischen Helden und Antagonisten außerhalb Bevölkerungsansammlungen ab. Wenn Whedon dann im Finale von Age of Ultron eine gesteigerte Neuauflage von The Avengers abliefert, spricht das Bände ob der fehlenden Ideen für dieses Sequel. Zugleich zeigen sich hier nochmals verstärkt die Probleme, die dem Film schon in seinen anderthalb Stunden zuvor die meiste Zeit über innewohnten: Er weiß mit seinen Figuren (zu) wenig anzufangen.

Denn zu den bereits angesprochenen Helden gesellen sich im Verlauf noch Nick Fury (Samuel L. Jackson), War Machine (Don Cheadle) und der Android The Vision (Paul Bettany). Der Film beherbergt derart viele Figuren, dass er nie Zeit findet, sich wirklich um sie zu kümmern. Allenfalls Tony Stark bekommt eine richtige Handlung auf den Leib geschrieben, als moderner Dr. Frankenstein, dem seine Schöpfung abhanden kommt. Bezeichnend ist, wenn Thor Mitte des zweiten Akts kurzzeitig die Gruppe verlässt, um sich um eine Nebenhandlung zu kümmern, die sich im Off abspielt, für die aus unerfindlichen Gründen aber dennoch Stellan Skarsgård kurzzeitig zurück ins Franchise gezerrt wird. Alles im Dienste des Marvel Cinematic Universe.

Rechnet man die kleinen Nebenrollen von Andy Serkis als Ulysses Klaw (vorausschauend für Black Panther in zwei Jahren eingeführt) und Claudia Kim als Genetikerin Helen Cho dazu, plus Cameos von Idris Elba und Haley Atwell, beinhaltet Age of Ultron beinahe zwei Dutzend Figuren. Nahezu dankbar muss man sein, dass da die Helden-Freundinnen Gwyneth Paltrow und Natalie Portman nur in zwei Halbsätzen erwähnt werden. Und dennoch opfert Whedon Zeit, um zwei der übrigen Figuren mit einer aus heiterem Himmel ins Geschehen geschriebenen Romanze, der jegliches Fundament fehlt, auszustatten. Ironischerweise sind dies dann noch die dankbareren Momente, weil die Charaktere hier zumindest etwas zu tun kriegen.

Zumindest der Ansatz, den Joss Whedon mit Age of Ultron verfolgt, ist vielversprechender als noch im Vorgänger die beliebig erscheinende Alien-Invasion. Ultron als ultimativer Avenger ist nachvollziehbar gedacht, seine augenblicklich eintretende Abkehr vom Schöpfer wirkt aber so überhastet, wie sein finaler Plan in sich selbst unsinnig. Er ist, wie so vieles in diesem Film, bloß Mittel zum Zweck und Aufhänger für die nächste Actionszene. Das Potential der Handlung wird ebenso verschenkt wie seine Figuren in dieser, von denen der im Vorgänger blass gebliebene Hawkeye vermeintlich etwas mehr Tiefe bekommt – nur macht diese den langweiligen Bogenschützen, trotz aller im Film geäußerten Beteuerungen, nicht wirklich interessanter.

Ein Urteil, das auf die meisten hier zutrifft. Wirklich spannend ist lediglich die Beziehung von Stark und Ultron, ohne dass Whedon sie vollends ins Zentrum stellt. Sie wird angerissen, wie so vieles, darunter auch die Folgen, die das Treiben von Iron Man und Avengers auf die Menschheit haben (siehe Quicksilver und Scarlet Witch oder Wakanda/Sukovia). Beiläufig erwähnt, weil: keine Zeit. Wirklich Leben bekommen die Mutanten nicht eingehaucht, genauso wenig wie The Vision. Und der eigentlich vielschichtige Ultron verkommt schnell zum 0815-Maniac, der mit seinem Weltzerstörungsplan ebenso gut der Widersacher von James Bond wie den Avengers sein könnte. Etwas mehr Auseinandersetzung mit sich selbst wäre nett gewesen.

Etwas, was man Whedon und Marvel generell als Rat mitgeben möchte. Denn irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, keine Stadt mehr zerstörbar, auch die letzte Minute der zweieinhalbstündigen Laufzeit mit am Computer gerenderter Action ausgefüllt. Dass man mit wenig auch viel, wenn nicht sogar mehr erreichen kann, zeigte zuletzt Marvels auf Netflix exportierte Serie Daredevil. Hier ist der Bösewicht eine reale Figur mit Persönlichkeit und der Held ein mit sich hadernder Weltverbesserer, beide sich nicht unähnlich und doch mit unterschiedlichen Ansätzen. Ihr Konflikt ist spannend und steht im Fokus des Geschehens. Manchmal ist weniger mehr. Zumindest an den Kinokassen wird das für Age of Ultron aber irrelevant sein.

3.5/10

15. April 2015

Better Call Saul – Season One

Can you keep a secret? Because I really shouldn’t be telling you this.

Irgendwann ist für jede Serie Schluss, egal wie erfolgreich sie läuft. Das unterscheidet Friends nicht von Breaking Bad. Und dennoch bietet sich natürlich stets die Möglichkeit, auf eine Art und Weise dennoch zumindest zu versuchen, die Kuh noch weiter zu melken. So erhielt seinerzeit Matt LeBlanc mit Joey ein Spin-off zur vielleicht amüsantesten Figur des New Yorker Freundeskreises und auch der Comic Relief von Breaking Bad, Bob Odenkirks Saul Goodman, durfte sich zu Beginn des Jahres in Better Call Saul auf Netflix austoben. Das Ergebnis ist sicher nicht so gut wie die letzten Staffeln Breaking Bad, behauptet sich aber dennoch souveräner als es Joey vor neun Jahren tat (selbst wenn Joey Ratings hatte, von denen BCS nur träumt).

Die Frage war, ob die Nebenfigur aus Vince Gilligans schon Kult gewordener Serie eine eigene Handlung tragen kann. Und was in dieser eigentlich erzählt werden soll. Was das betrifft, dreht sich Better Call Saul darum, wie Saul Goodman die Figur wurde, die sie ist. Wo in Breaking Bad Walter White zu Heisenberg mutierte, gilt es also auf lange Sicht auch für Jimmy McGill (Bob Odenkirk), eine Transformation abzuschließen. Vince Gilligan und Peter Gould zeigen in Better Call Saul eine ehrbarere Version jenes Winkeladvokaten, den wir aus Breaking Bad kennen. Jimmy, im Hinterzimmer eines Nagelstudios hausend, kämpft mehr um als für Klienten – und allen voran um den Respekt seiner Kollegen darunter den seines Bruders Chuck (Michael McKean).

Der ist Co-Partner seiner eigenen respektablen Anwaltskanzlei, allerdings seit einem Jahr krankgeschrieben, weil er unter einer elektromagnetischen Allergie zu leiden vorgibt. In Rückblenden dröselt die Serie die Ursprünge von Jimmy auf, der einst als Slippin’ Jimmy in seiner Heimatstadt Gaunereien betrieb, ehe er im Gefängnis landete. Einen Neuanfang mit Chuck in Albuquerque wagend, strebt Jimmy nach dem Beispiel seines Bruders. Funktionieren will es aber nicht so recht. Und so schlägt sich Jimmy im Kampf um Mandanten mit Chucks Partner Howard Hamlin (Patrick Fabian) herum oder mit Kriminellen wie Nacho (Michael Mando) und dem pedantischen Mautstellen-Bediener und Ex-Cop Mike (Jonathan Banks).

Ein übergreifendes Thema besitzt Better Call Saul in seiner zehn Episoden umfassenden ersten Staffel nicht. Vielmehr verschiedene Subplots, die sich teils überlappen. Beispielsweise ein Ehepaar, das Millionengelder veruntreut haben soll und Justizbeistands bedarf. Oder ein Seniorenheimunternehmen, das seine Klienten finanziell ausbeutet. Auch Mike, die zweite aus Breaking Bad bekannte Figur, hat ihren eigenen kleinen Subplot rund um eine Polizeiermittlung alter Kollegen als Folge eines Mordes an Mikes Sohn. Immer wieder kommen Gilligan und Gould jedoch zurück auf den Konflikt zwischen Jimmy und Howard Hamlin, in dessen Schussfeld mit Kim (Rhea Seehorn) auch jemand steht, der mit Jimmy befreundet ist, aber für Hamlin arbeitet.

Und dennoch funktioniert die Show trotz des nur bedingt vorhandenen roten Fadens die meiste Zeit ganz gut. Immerhin ist der Fall der Figur das eigentliche Thema, selbst wenn die Serie dieses sehr gemächlich verfolgt. Manche offene Baustelle, wie Hamlins Animosität gegenüber Jimmy, wird zum Ende der ersten Staffel sogar geklärt, andere derweil (noch) nicht. Ist Kim eine Ex-Freundin von Jimmy oder doch nur gute Bekannte und was genau sieht sie in einem Mann, der augenscheinlich keine sozialen Kontakte zu haben scheint, aber dennoch – und dies wird als eine seiner Stärken beschrieben – als sozial sehr umgänglich gilt? Wirklich hinter die Fassade von Saul Goodman beziehungsweise Jimmy McGill können wir nicht blicken.

Zuvorderst lebt Better Call Saul daher vom vorzüglichen Spiel Bob Odenkirks, der bereits in Fargo in einer Nebenrolle auftrumpfte. Odenkirk versteht und beherrscht seine Figur, macht sie sich zu eigen und haucht ihr folglich Authentizität ein. Das übrige Ensemble macht seinen Job ebenfalls sehr gut, allen voran Michael McKean in einer bisweilen doch auch nervigen Rolle. Jonathan Banks’ Spiel wiederum ist weitaus zurückgenommener als das seiner Kollegen, ähnlich wie Odenkirk profitiert er von der Tatsache, dass ihn mit seiner Figur schon eine Jahrelange Geschichte verbindet. Allerdings wirkt die Beziehung zwischen Jimmy und Mike noch etwas unreif, zumindest nicht so harmonisch wie manch andere Verbindung zu Breaking Bad.

Eindrucksvoll ist die Serie auch aufgrund ihrer Inszenierung. Nicht nur der Look kann mit den HBO-Pendants mithalten, gerade die Locations und Mise-en-scene – der sich manche Filmseite wie IGN sogar sehr detailliert und analytisch widmet – heben Better Call Saul von anderen Network-Serien ab. Getreu dem Motto: Ist das noch Fernsehen oder schon Kino? Visuell-ästhetisch und darstellerisch kommt Gilligans und Goulds Spin-off folglich weitaus besser weg als von seinem Inhalt. Ob es für diesen wirklich zehn Folgen gebraucht hat oder es nicht auch acht getan hätten (wie in der zweigeteilten fünften Staffel von Breaking Bad) sei dahingestellt. Nach gutem Start flachte die Serie etwas ab, fing sich jedoch kurz nochmal.

Neben Mijo (mit einer Gastrolle eines weiteren Breaking Bad-Alumni) überzeugten dabei im ersten Jahr am meisten noch Five-O und RICO, während das Staffelfinale zwar einerseits seine Stärken hat, jedoch in seinem Schluss etwas unausgegoren wirkt. Zumindest ist der Ansatz, die Korruption einer im Kern guten Figur zu zeigen, etwas interessanter als in Breaking Bad. Dies mag auch daran liegen, dass Jimmy weitaus mehr hadert und Widerstand leistet als Walter White. In welche Richtung die zweite Staffel geht, lässt sich nicht sagen. Klar ist jedoch, dass Better Call Saul kaum mehr Luft haben dürfte, um über ein zweites, im besten Fall drittes Jahr hinaus zu bestehen. Denn irgendwann ist für jede Serie Schluss.

7.5/10

6. April 2015

Furious 7 [aka Fast & Furious 7]

Do whatever it is you do.

Wer wissen will, wie weit das Fast&Furious-Franchise seit 2001 gekommen ist, muss nur in den Abspann schauen. Keine sieben Minuten betrug jener von Rob Cohens The Fast and the Furious seinerzeit. Und das auch nur, weil sich der Film damals Zeit ließ. Kein Vergleich zu James Wans Furious 7, der beinahe Lord of the Ring’sche Ausmaße annimmt – und wen wundert’s, selbst Weta liefert inzwischen die Effekte. Produzent Neal H. Moritz hätte sich vor 14 Jahren wohl selbst nicht träumen lassen, dass aus seinem Quasi-Point-Break-Remake mal ein Billion-Dollar-Franchise entwachsen würde. Mit Budgets der Größenordnung von Skyfall und Avengers: Age of Ultron. Und einem Starteinspiel, rund doppelt so hoch wie das Budget des Vorgängers.

Insofern übertrumpft Furious 7 nochmals Fast & Furious 6, der bereits Fast Five in den Schatten stellte. Jene jüngsten drei Teile, die einer bis dahin eher milde belächelten und an den Kinokassen nur bedingt beachteten Filmreihe plötzlich ihren Stempel aufdrückten. Schlicht, weil man sich von Schlichtheit verabschiedete und dem Eskapismus mehr und mehr frönte. Der Erfolg der Reihe spiegelt sich daher auch in der Konzeption der Filme wider. Getreu dem Motto: The bigger, the better. Was folgerichtig in Fast Five eine ganze Reihe neu ausrichtete – nachdem Fast & Furious schon mit einigen Elementen hierzu spielte –, drückt seither verstärkt aufs Gaspedal. Und lässt dabei (leider) einige vergangene Vorzüge verstärkt im Rückspiegel zurück.

Inzwischen wird The Fast and the Furious eher müde belächelt, dabei ist das Original – zumindest für mich – neben Fast Five der beste Teil der Reihe. Ein Abklatsch von Point Break, sicher. Aber viel mehr wollte der Film auch nie sein. Und steht in einer Reihe mit Werken wie Drop Zone oder Terminal Velocity – zweitklassiges Actionkino um Extremsportler. Der Film verbarg das nicht und drehte sich dennoch um Werte wie Vertrauen, Loyalität, Freundschaft und Familie. Es ging letztlich um eine Handvoll Figuren und ihre Interaktion – die schnellen Autos waren Mittel zum Zweck. Ein Element, das naturgemäß in 2 Fast 2 Furious eher in den Hintergrund rückte, das aber durch die Integration von Tyrese Gibson abgeschwächt bewahrt wurde.

Das familiäre Element ist es, dass die Reihe seit Teil 5 ununterbrochen propagiert. So auch in Furious 7, indem die Bedrohung dieser Familie zum zentralen Thema wird. “The sins of London followed us back home”, sagt Vin Diesels Dominic Toretto in einer Szene mit Verweis auf Fast & Furious 6. Der Bruder des Antagonisten aus jenem Film sinnt nun nach Rache – und dient im Nachhinein als Bindeglied für The Fast and the Furious: Tokyo Drift und dem Franchise. War Fast Five im Kern ein reiner Heist-Film und Teil 6 schon eine Art Spy-Thriller, geht es nun ums reine Überleben. Jason Statham bleibt als Bösewicht dabei so blass wie seine Vorgänger, ist aber schon allein dadurch ernst zu nehmen, da er Dwayne Johnson ins Krankenhaus schickt.

Obschon inzwischen alle Figuren Multimillionäre sind (siehe Fast Five), heißt es für sie getreu Shakespeares Henry V: “Once more unto the breach, dear friends, once more.“ Und auch weil sie die Gejagten sind, will sie Kurt Russell in einer Nebenrolle als Regierungsstrippenzieher Mr. Nobody zu den Jägern machen. Schlichtweg damit der Film etwas zu erzählen hat. Hackerin Ramsey (Nathalie Emmanuel) hat ein Überwachungsprogramm entwickelt, nun müssen Dom und seine Crew um Freundin Letty (Michelle Rodriguez), Familienvater Brian (Paul Walker), Lebemann Roman (Tyrese Gibson) und Tech-Guy Tej (Ludacris) jene Hackerin aus Feindeshand befreien, das Programm sichern und sich zugleich Stathams Bösewicht vom Leib halten.

Auch das wiederum ist nur ein Vorwand, um jenen Vehikel-Eskapismus zu zelebrieren, der die Reihe spätestens nach Teil 5 ausmacht. Zugleich funktionieren das Franchise und seine Figuren gerade dann am besten, wenn sie in hanebüchenen Actionszenen wie ein Rad ins andere greifen müssen. Egal ob man mit Autos aus Flugzeugen schanzt oder von einem Hochhaus ins andere. Der Wahnsinn als Programm eint “Fast & Furious” dabei mit der Mission: Impossible-Reihe, nicht nur, da das Set Piece des zweiten Akts in Abu Dhabi spielt. Und in der Tat sind die Ähnlichkeiten hier ziemlich evident, wenn Diesel den Cruise, Walker den Renner (Wortwitz unbeabsichtigt) und Ludacris den Pegg gibt. James Wan reüssiert dabei genauso wie Brad Bird.

Über allem steht jedoch das Familienthema, gerade in den Beziehungen zwischen Dom und Letty (die weiterhin an Amnesie leidet) sowie Brian und Mia (Jordana Brewster). Selbst Johnsons Agenten-Hüne Hobbs kriegt eine altkluge Tochter ans Krankenbett geschrieben – eine Beziehung, die weitaus ausgefeilter wirkt als die zwischen Stathams Deckard Shaw und seinem kleinen Bruder. Beide Figuren, Diesels und Stathams, sind durch ihren Familieninstinkt motiviert – leider geht der Film nicht sonderlich darauf ein. Vielmehr verkommt Statham lediglich zu einem roten Faden, der Furious 7 einen Vorwand für seine Handlung geben soll. Dass der Film in Djimon Hounsou und Tony Jaa weitere blasse Gegenspieler einführt, hilft auch nicht.

Genauso thematisiert die Reihe nur unzureichend, welche Folgen der Lebensstil der Figuren auf die so hoch gehaltene Familie hat. Jesse starb bereits in Teil 1, Letty vermeintlich in Teil 4, Vince in Teil 5 und Han (zumindest für das Publikum) sowie Giselle schließlich in Teil 6. Da ist es einerseits so unsinnig wie zugleich nachvollziehbar, dass Mia stets ihren Mann mit ihrem Bruder ins Gefecht schickt. Selbst wenn (oder vielleicht weil) gerade das eigene Zuhause in die Luft gesprengt wurde. In gewisser Weise macht es sich der Film in seiner Handlung unnötig schwer, was womöglich aber auch bloß der Tatsache geschuldet ist, da man den Tod von Paul Walker während der Dreharbeiten berücksichtigend einarbeiten musste.

Grundsätzlich macht Furious 7 über den Großteil seiner Dauer durchaus Spaß, auch wenn der erst gegen Ende des ersten Akts einsetzt, indem die eigentliche Handlung rund um den MacGuffin startet (obschon auch Stathams Rache ein solcher ist). Beide zentralen und schon in den Trailern angeteaserten Action Set Pieces sind innovativ und ansprechend inszeniert. Wie schon in Mission: Impossible – Ghost Protocol bewährt sich Abu Dhabi als visuell unverbrauchte Location – und gefällt schon allein deswegen mehr als das Finale in Los Angeles. Auch wenn der Film wohl hier mehr als anderswo nach Musikvideo aussieht. Die ersten zwei Drittel seiner Laufzeit funktioniert Furious 7 relativ gut – und dann gerät der Motor ins Stottern.

Nicht nur, weil der Film sich letztlich eingesteht, dass die fast 90 Minuten Handlung zuvor wenig Bedeutung hatten, sondern weil Wan und Co. hier den Blockbuster-Fehler machen, zu glauben, man muss immer mehr bieten als der Vorgänger. Was Furious 7 in seinen finalen 30 Minuten vom Stapel lässt, ist eine Krawallorgie, die innerhalb des Films selbst – sicherlich ironisch gewollt – als “vehicular warfare” bezeichnet wird. Bei allem Wahnwitz aus Fast Five und selbst der unendlichen Landebahn in Fast & Furious 6 spottet dieser wirre Mix aus Live Free or Die Hard und GTA V nahezu jeder Beschreibung. Wo sich die früheren Teile fürs Finale meist zurückzogen, reiht sich Furious 7 ein neben solche Filme wie The Avengers und Man of Steel.

Kein Wunder also, dass Dominic, Hobbs und Co. in den Kritiken selbst als Universals ganz eigenes Superhelden-Franchise tituliert werden. Und wer weiß, vielleicht ist dies auch die einzige Art und Weise, wie sich die Reihe an den Kinokassen mit dem Marvel- und DC-Gehabe behaupten kann. Grundsätzlich machen jedoch hier, wie auch bei den Kollegen, die Figuren den Film aus. Man muss Letztere nicht vermeintlich ins Jenseits gleiten oder Gebäude zusammenstürzen lassen, um Spannung oder Gefühle zu erzeugen. Wie es wenn schon nicht richtig dann zumindest besser geht, beweist Furious 7 in seiner überaus emotionalen und zutiefst berührenden Schlussszene, die sich mehr von Paul Walker als seiner Figur verabschiedet, sogleich selbst.

So ist der Film in seiner Summe sicher konsequent weitergedacht, vermag dabei aber nicht alle seine alten Eigenschaften mitzutragen. Vielleicht auch nur, weil alte Figuren wie Vince, Han und Giselle nicht mehr vorhanden sind. Zugleich macht sich Furious 7 aber auch keine Mühe, selbst jemanden wie Sean Boswell (Lucas Black) bis auf einen Cameo zu integrieren. Ganz seinen ursprünglichen Charme hat sich der siebte Teil also nicht bewahrt, was umso deutlicher ist, wenn der Film zum Abschluss nochmal die Vergangenheit Revue passieren lässt (ähnlich wie im Opening zu Teil 6, aber mit Fokus auf Paul Walker). Auch in dieser Bilderschau sieht man, wie weit das Franchise in 14 Jahren gekommen ist. So weit, wie es die meisten erst gar nicht schaffen.

6/10

1. April 2015

Filmtagebuch: März 2015

APPROPRIATE BEHAVIOR
(UK 2014, Desiree Akhavan)
6.5/10

THE BIG SLEEP [TOTE SCHLAFEN FEST]
(USA 1946, Howard Hawks)

5.5/10

CHEF [KISS THE COOK: SO SCHMECKT DAS LEBEN]
(USA 2014, Jon Favreau)

2.5/10

CLIFFHANGER
(USA/I/F 1993, Renny Harlin)
7.5/10

DIVERGENT [DIE BESTIMMUNG – DIVERGENT]
(USA 2014, Neil Burger)

5.5/10

FOUR BROTHERS
(USA 2005, John Singleton)
5.5/10

FOXCATCHER
(USA 2014, Bennett Miller)
5.5/10

HALLOWEEN H20: 20 YEARS LATER
(USA 2008, Steve Miner)
4/10

TO HAVE AND HAVE NOT [HABEN UND NICHTHABEN]
(USA 1944, Howard Hawks)

6/10

IDENTITY [IDENTITÄT]
(USA 2003, James Mangold)

4/10

THE INTERVIEW
(USA 2014, Evan Goldberg/Seth Rogen)
6.5/10

JACK THE GIANT SLAYER [JACK AND THE GIANTS]
(USA 2013, Bryan Singer)

2.5/10

THE PRESTIGE
(USA/UK 2006, Christopher Nolan)
5.5/10

REAL STEEL
(USA/IND 2011, Shawn Levy)
6.5/10

SHOOTER
(USA 2007, Antoine Fuqua)
5.5/10

Retrospektive: Rocky


ROCKY
(USA 1976, John G. Avildsen)
9/10

ROCKY II
(USA 1979, Sylvester Stallone)
8/10

ROCKY III
(USA 1982, Sylvester Stallone)
6.5/10

ROCKY IV
(USA 1985, Sylvester Stallone)
5.5/10

ROCKY V
(USA 1990, John G. Avildsen)
5.5/10

ROCKY BALBOA
(USA 2006, Sylvester Stallone)
6.5/10

Werkschau: Adam Sandler


AIRHEADS
(USA 1994, Michael Lehmann)
6/10

BILLY MADISON
(USA 1995, Tamra Davis)
6.5/10

HAPPY GILMORE
(USA 1996, Dennis Dugan)
9/10

BULLETPROOF
(USA 1996, Ernest R. Dickerson)
5/10

THE WATERBOY
(USA 1998, Frank Coraci)
6.5/10

BIG DADDY
(USA 1999, Dennis Dugan)
8.5/10

LITTLE NICKY
(USA 2002, Steven Brill)
1.5/10

PUNCH-DRUNK LOVE
(USA 2002, Paul Thomas Anderson)
6/10

MR. DEEDS
(USA 2002, Steven Brill)
5.5/10

ANGER MANAGEMENT [DIE WUTPROBE]
(USA 2003, Peter Segal)

6/10

50 FIRST DATES
(USA 2004, Peter Segal)
6.5/10

SPANGLISH
(USA 2004, James L. Brooks)
5.5/10

THE LONGEST YARD [SPIEL OHNE REGELN]
(USA 2005, Peter Segal)

6/10

CLICK [KLICK]
(USA 2006, Frank Coraci)

4.5/10

REIGN OVER ME [DIE LIEBE IN MIR]
(USA 2007, Mike Binder)

7.5/10

I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK AND LARRY
[CHUCK & LARRY – WIE FEUER UND FLAMME]
(USA 2007, Dennis Dugan)
2.5/10

YOU DONT MESS WITH THE ZOHAN [LEG DICH NICHT MIT ZOHAN AN]
(USA 2008, Dennis Dugan)
5.5/10

BEDTIME STORIES
(USA 2008, Adam Shankman)
4.5/10

HOTEL TRANSYLVANIA
(USA 2012, Genndy Tartakovsky)
5.5/10

24. März 2015

Die Top 5: Friends

When it hasn’t been your day, your week, your month, or even your year…
I’ll be there for you. (The Rembrandts, “I’ll Be There for You”)


Wenn von den großen Sitcoms der Fernsehgeschichte die Rede ist, geht es um Shows wie Cheers, Seinfeld, aber auch Friends. Die 1994 von David Crane und Martha Kauffman ins Leben gerufene Sitcom sollte das popkulturelle Leben seiner Zuschauer bestimmen. Zur “water-cooler” Show werden, über die man am nächsten Tag im Büro sprach. Martha Kauffmans Rabbi fragte sie damals, ob Rachel und Ross je zusammenkommen würden und Matt LeBlanc wird noch heute auf eine Reunion angesprochen, wie zum Beispiel von den britischen Thronfolgern. Über zehn Jahre und 236 Episoden fanden diese sechs Figuren Einzug in das Herz der Zuschauer – und in das von einander. Denn die Friends wurden auch im echten Leben zu Freunden.

Dabei startete die Serie nicht vom Start weg durch, erst im zweiten Jahr, als Wiederholungen der ersten Staffel ausgestrahlt wurden. Und selbst wenn Friends selten die Quoten von Cheers oder Seinfeld erreichte, gehörte die Show doch stets zu den Top-5-Programmen und erreichte über 20 Millionen Menschen. Über zehn Jahre begleitete sie das Coming of Age ihrer sechs Figuren, die von mit dem (Berufs-)Leben hadernden Twens zu im Leben stehenden Erwachsenen Anfang 30 avancierten. Manche mehr als andere. Außer ihrer Freundschaft stand dabei selten etwas im Mittelpunkt. “What emerged was a wonderful set of characters that loved each other, touched each others lives”, sagt der damalige NBC-Präsident Warren Littlefield.

Egal ob Paläontologe Ross (David Schwimmer) von seiner Frau verlassen wird, weil sie homosexuell ist, Schauspieler Joey (Matt LeBlanc) mal wieder eine Rolle nicht bekam oder die verzogene Rachel (Jennifer Aniston) vor ihrer Hochzeit nach New York flieht, immer war jemand von ihren Freunden für sie da. Versorgte sie Köchin Monica (Courtney Cox) mit Essen, Masseuse Phoebe (Lisa Kudrow) mit einem selbstgeschriebenem Gitarrensong oder der… Transponster Chandler (Matthew Perry) mit einem sarkastischen Kommentar. Über die Jahre begleiteten sie einander bei der Geburt ihrer Kinder, bei ihren Hochzeiten, Ross’ Scheidungen und ihren Umzügen und Berufswechseln. Einander waren sie dabei viel mehr als nur Freunde – sondern eine Familie.

“You put those six people together and there was magic”, sagt Regisseur James Burrows über seine Darsteller. Und so wurden die Friends auch für eine Generation von Zuschauern zu Freunden und einer Art Familie – wenn auch nur einmal in der Woche für 22 Minuten. Entsprechend kam es nicht so sehr darauf an, was genau in einer Folge passierte, sondern dass man sie mit diesen sechs Figuren verbringen konnte. “It always seemed to me that the best episodes were ones with them in a room, at each other (…) because the six of them are what you want to see”, beschreibt es Martha Kauffman korrekt. Auch wiederkehrende Nebenfiguren wie Maggie Wheelers Janice (“Oh…my…God!”) oder Gunther (James Michael Tylor) wuchsen ans Herz.

Über allem schwebte stets die Frage, ob Rachel und Ross zusammenkommen würden, schlicht da die Macher mehr Potential in diesem Konflikt sahen, als wenn beide Figuren in einer gemeinsamen Beziehung wären. Wobei wohl jedem Zuschauer klar war, dass dies letzten Endes der Fall sein würde (schließlich wusste bereits Phoebe: “He’s her lobster”). Der Gegensatz ihrer Beziehung fand sich ab der fünften Staffel dann in der Romanze zwischen Chandler und Monica, deren Beziehungsentwicklung die kommenden drei Jahre bestimmen würde, vom Zusammenzug über ihre Verlobung bis hin zu ihrer Hochzeit – ehe der Fokus in der achten Staffel mehr auf Rachels Schwangerschaft und ihr Liebesleben zwischen Ross und Joey gelegt wurde.

Grundsätzlich war Friends jedoch eine Show über Konstanz. Egal ob es Joeys Naivität war (“I have two words for you: threesome”), Ross’ Hang zu übereilten romantischen Entscheidungen (“Oh my God, you did it already! You married her, didn’t you?”), Phoebes schrullig-kauzige Art, Rachels Unbeholfenheit, Chandlers Flucht in sarkastische Kommentare oder Monicas Kontrollwahn. Als Folge war über zehn Jahre hinweg überdurchschnittliche Unterhaltung gesichert, selbst wenn sich immer wieder verzichtenswerte Clip-Show-Folgen einschlichen. Die Episoden, die herausstachen, verdankten dies oft der betonten Darstellung von Charakteristika der Figuren oder auch dem prägnanten Spiel eines besonders auftrumpfenden Episoden-Gastes.

Wie Jon Lovitz’ Auftritt als hoffnungslose Verabredung von Rachel in The One with the Blind Dates (S9E14) oder dem von Brad Pitt in The One with the Rumor (S8E9) als Rachel-Hasser, der an Thanksgiving bei den Freunden vorbeischaut. Generell waren speziell die Folgen zu Thanksgiving qualitativ eine Nummer für sich, sei es das von der restlichen Gruppe erst geforderte, dann aber vernachlässigte Essen in The One with the Late Thanksgiving (S10E8), die in die Kochvorbereitung eingeschobene Football-Partie, die Ross’ und Monicas Wettkampfstreben im Zentrum hatte in The One with the Football (S3E9) oder der Klassiker, als Rachel in The One Where Ross Got High (S6E9) versehentlich ihr Rezept eines English Trifle misslingt.

In ihrer Summe ist Friends eine Serie, die auch nach einem Jahrzehnt nichts von ihrem Humor und ihrer Qualität eingebüßt hat, deren meiste Folgen unwahrscheinlichen Wiederholungswert haben. Eine Serie, die einen stets zum Lachen brachte und zugleich in wohl dosierten Abständen auch zum Rühren verführte. Und trotz 236 Folgen fiel es nicht schwer, die fünf gelungensten davon zu suchen, selbst wenn der Abstand zu den nächsten fünf Episoden nicht allzu groß ist. YouTube sei Dank kann sich jeder ob der beschriebenen Szenen mittels Titeleingabe selbst ein Bild machen, wieso die Wahl für mich auf diese Folgen fiel. Ansonsten bleibt mir im Zusammenhang mit Friends nur zu sagen: I’ll be there for you, ’cuz you’re there for me too.


5. The One with Joey’s Fridge (Season 6, Episode 19, Ben Weiss): Weder Ross’ Sorge, dass seine College-Freundin Elizabeth (Alexandra Holden) sich beim Spring Break verlustiert, noch das Konkurrenzgebaren zwischen Phoebe und Monica & Chandler über einen Date-Kandidaten für Rachel zeichnen diese Folge aus, sondern Joeys unermüdliches und vergebliches Bestreben, nacheinander von jedem seiner Freunde – außer Monica – eine finanzielle Beteiligung für einen neuen Kühlschrank zu fordern. Zum Beispiel von Chandler: “Suppose we were a divorced couple and I got custody of the kid, right? Now suppose the kid dies and I gotta buy a new kid… give me $400!”

4. The One Where Everybody Finds Out (Season 5, Episode 14, Michael Lembeck): Während Ross der Nachmieter von Ugly Naked Guy werden will, erfährt Phoebe von Monica und Chandlers Beziehung. Was sie und Rachel dazu nutzen, um beide in Verlegenheit zu bringen. Sehr zum Missfallen von Joey, der all die Geheimniskrämerei satt hat und dennoch von beiden Parteien involviert wird. Bis das Spiel, in dem Phoebe Chandler Avancen macht, ausartet (“They don’t know that we know they know we know”). Am Ende steht eine berührende Liebesgeste von Chandler an Monica – und Ross kriegt zwar eine neue Wohnung, verliert aber endgültig seinen alten Job.

3. The One Where No One’s Ready (Season 3, Episode 2, Gail Mancuso): Um Kosten zu sparen, begannen Crane und Kauffman damit, Bottle Episodes zu produzieren, in denen die sechs Freunde die gesamte Folge über in einem Raum verhaftet bleiben. Meisterhaft veranschaulicht in diesem ersten Vertreter, wenn Ross alle seine Freunde in Echtzeit für eine Veranstaltung in ihre Kleider kriegen will. Während Monica durch eine alte Nachricht von Richard auf ihrem AB durcheinander gerät und Rachel nach einer Anfuhr von Ross zu schmollen beginnt, fechten Joey und Chandler eine Privatfehde aus, die – wie so oft – eskaliert. Oder: “Could I BE wearing any more clothes?”

2. The One with the Embryos (Season 4, Episode 12, Kevin S. Bright): Gilt gemeinhin als der Höhepunkt der Seriengeschichte, was zuvorderst an dem wohl besten Sketch der Show liegt. Eine harmlose Wette zwischen Joey, Chandler, Monica und Rachel schaukelt sich zu einem von Ross organisierten Identitätsquiz hoch, in dessen Verlauf das Apartment der Mädchen auf dem Spiel steht. Unterdessen wird Phoebe mit Embryos befruchtet, um für ihren Bruder und seine Frau als Leihmutter zu fungieren. Was zwar berührt, aber hinter dem brillant-komischen Spiel des Ensembles beim Quiz zurücksteht. Highlight ist fraglos Chandlers angeblicher Job: “He’s a… transponster!”

1. The One with the Jellyfish (Season 4, Episode 1, Shelley Jensen): Den Spitzenplatz nimmt jedoch – wenn auch nur hauchdünn – der Auftakt zur vierten Staffel ein, als Ross und Rachel wieder zusammengekommen. Nur um sich am Ende erneut zu trennen, weil Ross die Schuld am Scheitern ihrer ersten Beziehung auf sich nehmen soll. Phoebe lernt derweil ihre biologische Mutter kennen, Höhepunkt ist jedoch das Strandtrauma, das Chandler, Joey und Monica ereilt, als Letztere von einer Qualle gestochen wird. “If I had to, I’d pee on anyone of you!”, versichert Joey seinen Freunden, doch Chandler ist es, der zur Schmerzbehandlung von Monicas Fuß auf diesen uriniert.

18. März 2015

Foxcatcher

Do you have a problem with me?

Die besten Geschichten, heißt es so schön, schreibt immer noch das Leben. Das wurde nicht zuletzt dieses Jahr bei den Oscar-Nominierten für den Besten Film deutlich. Da tummelten sich Storys um Alan Turing (The Imitation Game) über Chris Kyle (American Sniper) bis hin zu Martin Luther King Jr. (Selma) und Stephen Hawking (The Theory of Everything). Selbst Richard Linklaters Boyhood wurde im Laufe seiner zwölfjährigen Entstehung von seinem Hauptdarsteller beeinflusst, erzählt somit auch Teile von seiner Biografie. Nicht unter den Nominierten war Foxcatcher, der ebenfalls auf dem Leben und Erlebten von wahren Figuren basierte. Sich hier aber wie alle Filmbiografien auch reichlich Freiheit in der kreativen Darstellung nahm.

Erzählt wird die Geschichte von Ringer Mark Schultz (Channing Tatum), der 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles die Goldmedaille gewann. “This is more than just a piece of metal. It’s about what the medal represents”, erklärt Schultz zu Beginn zwei Jahre nach seinem Olympiasieg einer Schulklasse für einen Vortragslohn von $20. Es wird klar: mit der Karriere hakt es zur Zeit. Begehrt ist nur Marks älterer Bruder Dave (Mark Ruffalo), ebenfalls Olympiasieger und von den beiden der talentiertere. Nichtsdestotrotz erhält Mark die Anfrage von Multimillionär John E. du Pont (Steve Carell), dessen privates Ringer-Team Foxcatcher zu trainieren, damit es für die USA zwei Jahre später bei Olympia 1988 in Seoul antreten kann.

Im Kern dreht sich Foxcatcher wiederum um zwei Männer, die aus dem auf sie geworfenen Schatten heraustreten wollen. “You have been living in your brother’s shadow your entire life”, konstatiert du Pont in einer Szene korrekterweise gegenüber Mark. Zugleich lebt aber auch der Millionär selbst, trotz seiner Philanthropie, im Schatten seiner Mutter (Vanessa Redgrave) und seiner Familie. Seine Unterstützung des Ringer-Sports ist für ihn ein Weg, auf sich aufmerksam zu machen. “I’m giving America hope”, ist du Pont überzeugt. Und will deshalb die Goldmedaille wieder nach Hause holen – mit der Hilfe von Mark und Dave Schultz. Letzterer will jedoch nicht auf die Foxcatcher-Farm ziehen, der Familie zuliebe. So bleibt Mark also allein.

In dieser von beiden Männern gelebten Einsamkeit finden sie schließlich einander. Mark rutscht allerdings bald in ein Abhängigkeitsverhältnis und in Drogensucht, als Folge dessen beteiligt sich Dave dann doch irgendwann bei Foxcatcher. Nur was genau zwischen du Pont und Mark vorfiel und was alle drei Figuren antreibt, vermag Regisseur Bennett Miller nie wirklich hervorzuheben. Entzweite die Drogensucht von Mark ihn und seinen Gönner? Und wie bewog dieser am Ende doch Dave dazu, für ihn zu trainieren, nachdem der Ältere zuvor mehrmals ablehnte? Die Kluft zwischen Mark und du Pont ist jedenfalls derart groß geworden, dass das gemeinsame Projekt vor dem Scheitern steht. Und damit auch die Existenzen beider Männer.

Dem Film fehlt folglich ein Zugang zu seinen Figuren und ihren Motivationen, zudem eine rechte Struktur. Schließlich kulminiert Foxcatcher in einem Ereignis aus der biografischen Realität, versäumt es jedoch, auf dieses wirklich hinzuarbeiten. Eher schludrig schneidet Miller am Ende einige Bilder aneinander, die wohl Resultat der vorherigen zwei Stunden sein sollen, es aber in der Realität nur bedingt so waren. Die Frage stellt sich, was Foxcatcher uns eigentlich erzählen will: von einem bestimmten Ereignis, und wie dieses zustande kam, oder von den Figuren, deren Weg letztendlich zu diesem Ereignis führte? Keiner dieser Herangehensweisen wird der Film dabei vollends gerecht. Was bedauerlich ist, angesichts des Themas.

Zuvorderst lebt der Film neben seiner soliden technischen Inszenierung von dem Spiel seiner Darsteller. Wieso Carell dabei als Bester Hauptdarsteller nominiert wurde, bleibt offen, steht seine Figur doch hinter Mark – oder über Strecken auch Dave – Schultz zurück. Tatums Leistung ist es auch, die am ehesten im Gedächtnis bleibt, während Ruffalo gewohnt überzeugt, Carell wiederum du Pont nicht wirklich zu fassen kriegt und mit lebloser Mimik durch die Szenerie wandelt. Am Ende ist der Zuschauer so alleingelassen, wie es Mark Schultz und John du Pont die meiste Zeit des Films über waren. Als Charakterstudie versagt Foxcatcher somit genauso wie als Biografie-Drama. Und dabei schreibt das Leben doch immer die besten Geschichten.

5.5/10