16. Januar 2017

Personal Shopper

R u alive or dead ?

Klassischer Weise bekunden Menschen ihr Missfallen im Theater oder Kino, indem sie Werke statt mit Applaus mit Buhrufen beschenken. Viel Aufhebens wurde gemacht, als vergangenes Jahr Olivier Assayas’ neuer Film Personal Shopper bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Cannes ausgebuht wurde. Dabei sind Buhrufe speziell in Cannes kein wirklich schlechtes Zeichen – das Gegenteil ist sogar fast der Fall. Schließlich wurden seiner Zeit auch schon Martin Scorseses Taxi Driver und Terrence Malicks The Tree of Life auf dem französischen Filmfest ausgebuht und gewannen am Ende doch die Palme d’Or. Für die reichte es am Ende zwar bei Personal Shopper nicht, dafür wurde Assayas für seine Regie des Geister-Thrillers ausgezeichnet.

Dieser dreht sich um die titelgebende persönliche Einkäuferin Maureen (Kristen Stewart), die für das Model Kyra (Nora von Waldstätten) in Paris Modeartikel und Accessoires verschiedener Boutiquen ausleiht. Ein Job, der Maureen wenig Freude bereitet, es ihr aber immerhin ermöglicht, vorerst in der französischen Hauptstadt zu bleiben. Dort wartet sie auf ein spirituelles Zeichen ihres drei Monate zuvor verstorbenen Zwillingsbruders Lewis, der wie sie ein Medium war. Die Geschwister versprachen sich, das derjenige, der zuerst stirbt, dem anderen ein Zeichen aus dem Jenseits gibt. Zwar erhält Maureen kurz darauf Rückmeldungen, allerdings von einem Unbekannten via iMessage. Ein Kontakt, der bald immer intensivere Ausmaße annimmt.

An sich besteht Personal Shopper aus drei Akten, angefangen mit Maureens Suche nach einer Botschaft von Lewis. Der erlag einem angeborenen Herzleiden, das auch seinen Zwilling befallen hat. Was erklären mag, wieso diese so auf eine Antwort des verstorbenen Bruders fixiert ist. Derweil sind dessen Freunde interessiert an Lewis’ Haus, das dieser renoviert hat. Wollen aber zuvor von Maureen wissen, wie es um einen Geist auf dem Anwesen bestellt ist. “We need to know if it’s benevolent or not”, so ihre Intention. Der Tod von Lewis ist offensichtlich etwas, mit dem auch sein Bekanntenkreis und seine Freundin (Sigrid Bouaziz) abschließen müssen. “I just need to see it to the end”, gesteht Maureen ihrem eigenen Freund Gary (Ty Olwin).

Die Geister-Story des ersten Akts weicht dann im zweiten einem sich langsam entwickelnden Thriller-Element, wenn Maureen auf einer Geschäftsreise nach London erstmals von einem vermeintlich Unbekannten per iMessage kontaktiert wird. Obschon für den Zuschauer keine Zweifel an der Identität von Maureens Gegenüber bestehen und sie selbst im Grunde auch keine haben sollte, inszeniert Assayas die Sequenz so, als wäre Maureen im Ungewissen, ob sie mit Lewis schreibt oder jemand anderem. Ärgerlich wird es dann, wenn der Film im Folgenden immer wieder zu Maureens iPhone zurückschneidet, während diese ein persönliches Frage-Antwort-Spiel mit ihrem Gegenüber beginnt, in dem sie sich verstärkt öffnet.

Stewarts Figur will jemand anderes sein, weiß aber nicht genau wer. Es reizt sie, all die Kleidung anzuprobieren, die sie für Kyra organisiert, was diese ihr jedoch untersagt hat. Von Waldstätten ist die meiste Zeit nicht präsent, über ihre Kyra wird mehr geredet als diese selbst zu Wort kommt. Als “pain in the ass” beschreibt sie Maureen gegenüber Kyras Liebhaber Ingo (Lars Eidinger), vom Ruf als “monster” berichtet eine Fotografin bei einem bevorstehenden Shooting. “No desire if it’s not forbidden”, neckt ihr Chat-Partner Maureen später, sodass diese sich in voller Montur in Kyras Outfit wirft, während die Szene von Conradin Kreutzers „Hobellied“ unterlegt wird. Der Geister-Aspekt und Lewis sind zu diesem Zeitpunkt bereits in den Hintergrund gerückt.

Das zuvor eher seichte Thriller-Element nimmt in der ersten Hälfte des Schlussaktes dann zu, ehe die Anspannung gelöst wird und Personal Shopper in seinen Epilog übergeht, der wieder zu dem spiritualistischen Thema zu Beginn zurückkehrt. Olivier Assayas versucht in seinem jüngsten Werk (zu) viele Ideen und Genre-Aspekte zu vermengen, was an sich interessant ist und gerade im ersten und dritten Akt weitestgehend funktioniert, nur verheddert er sich dabei bisweilen auch derart, dass manches auf der Strecke bleibt. Getragen wird der Film dabei durchweg von der wie immer überzeugenden Kristen Stewart, die aus dem Material das Maximum herausholt. Zumindest sie wird wohl keine Buhrufe befürchten müssen.

7/10

9. Januar 2017

The Flintstones

In my cave I reign supreme!

Fünf der elf erfolgreichsten Filme des vergangenen Kinojahres waren Comicverfilmungen aus dem Hause Disney/Marvel, Warner Bros. und Fox. Ein sich verstärkender Trend, aber nicht unbedingt ein junger. Bereits Anfang des Jahrtausends gaben sich an den Kinokassen Spider-Man, X-Men, Blade und Batman die Klinke in die Hand. Genauso wie in den Neunzigern Videospieladaptionen wie Super Mario Bros. (1993) und Street Fighter (1994) oder ebenjene Comic-Filme in Form von Teenage Mutant Ninja Turtles (1990) und The Flintstones. Letzterer war eine 1994 von Steven Spielrock produzierte Realverfilmung des gleichnamigen Hanna-Barbera-Cartoons, der 1960 als erster seiner Art im Abendprogramm von ABC ausgestrahlt wurde.

Im Fokus steht der Steinbruchangestellte Fred Flintstone (John Goodman), ein Mitglied der Arbeiterklasse in der Steinzeit-Gemeinde von Bedrock. Fred führt ein simples Leben mit Gattin Wilma (Elizabeth Perkins) und ihrer Tochter Pebbles sowie seinem Nachbarn, Freund und Arbeitskollegen Barney Rubble (Rick Moranis). Weil Fred ihm und seiner Frau Betty (Rosie O’Donnell) Geld geliehen hat, damit diese einen Sohn adoptieren können, tauscht Barney bei einem Karrieretest in der Arbeit sein Ergebnis mit dem von Fred aus. Als Testsieger ist es Fred, der daraufhin vom Steinbruch-Vizepräsident Cliff Vandercave (Kyle MacLachlan) in den Vorstand befördert wird. Nichtsahnend, dass hinter all dem ein maliziöses Schema steckt.

The Flintstones, bei dem Brian Levant die Regie übernahm, ist eine Comicverfilmung wie man sie heutzutage nicht mehr zu sehen bekommen wird. Ein Film, der sich ähnlich wie Super Mario Bros., Street Fighter, Mortal Kombat und die anderen Vertreter der 1990er – hier könnte man auch die Batman-Filme von Joel Schumacher dazuzählen – primär verspielt und unernst gibt. Vorrangig ist da speziell die Mimikry des Originals, von den liebevoll gestalteten Kostümen bis zu den vielen Details im Production Design des Studiofilms. Einige wenigen CGI-Ausnahmen wie Dino und Baby Puss ausgenommen regieren hier die praktischen Effekte, was erfrischend altmodisch ist, auch wenn es natürlich oft etwas Cartoonhaftes hat.

Den Anspruch, authentisch zu sein, hat Levants Film natürlich keineswegs, und dennoch macht er es sich nicht immer leicht, wenn er seine inhärente Logik etwas ad absurdum führt. So gibt es viele nette visuelle prähistorische Ideen für moderne Technologien, vom Krabben-Rasenmäher über den Schweine-Müllschlucker hin zum Anzünden von Kerzen als Straßenlaternen oder wie Fred jeden Morgen geweckt wird. Gleichzeitig führt The Flintstones aber auch das Autoradio ein, zu dem Fred und Barney auf dem Heimweg mitsingen, genauso wie Fernsehapparate auftauchen und The B-52’s in einer der Szenen tatsächlich in ein aus Stein gehauenes Bühnenset ihre Pop-Lieder trällern. Nicht die einzigen misslungen Rückrufe auf die moderne Welt.

So verweist eine Flugbegleiterin eingangs beim Überflug über Bedrock auf den Grand Canyon, der in einigen tausend Jahren dort entstehen wird. Und im Schlussakt bricht der von Harvey Korman gesprochene Dictabird wie im zweiten Akt bereits MacLachlans Vandercave die vierte Wand für einen schwachen Verweis-Witz auf Disney. Diese Aspekte sind umso ärgerlicher, da sie nicht nötig gewesen wären und auch wenn die Fernsehapparate Bestandteil des Original-Cartoons sind, zerstören sie etwas das Bild dieses Steinzeit-Pendants unserer heutigen Welt. Auch das Drehbuch wirkt weitaus konstruierter als für das intendierte Handlungsgerüst erforderlich gewesen wäre. Und wirft infolgedessen wie die Fernsehapparate eher Fragen auf.

Zwar geht Barney derselben Arbeit nach wie Fred, fährt ein kleineres Auto und hat weder Kind noch Haustiere, dennoch muss er sich von den Flintstones Geld leihen, um die Adoption von Bamm-Bamm durchführen zu können. Was im Widerspruch zu einem weiteren Running Gag steht, in welchem es Fred ist, der sich stets von Barney Geld leiht. Die Verschuldung dient als Hintergrund für den Austausch des Karrieretests, widersprüchlich ist hierbei aber, wieso Vandercave gerade den intelligentesten Angestellten zum Sündenbock für seine Veruntreuung machen will. Dafür hätte sich Fred weitaus besser geeignet, wenn er für seine Dummheit ausgewählt würde. Nur ginge dann natürlich der Konflikt der Entlassung von Barney flöten.

Einfacher wäre gewesen, dass der Test für Vandercave dazu dient, in Fred den idealen Kandidaten als Sündenbock für die Veruntreuung zu finden. Einen Keil zwischen die Freundschaft mit Barney hätte dann die steigende Arroganz des nun neureichen Freds treiben können, wie sie der Film auch propagiert. Zugleich hätte dabei Vandercave dennoch Barney entlassen können, indem zugleich so die smartesten Mitarbeiter des Steinbruchs aus diesem befördert würden, damit der Plan der Massenentlassung durch den anstehenden Automatisierungsprozess – durchaus ein spannender Subplot – nicht aufgedeckt wird. In der Ausarbeitung des Plots zeigt sich aber zugleich, dass dieser für einen Familienfilm generell wohl etwas überfrachtet ist.

Der Aspekt der Automatisierung des Steinbruchs ist ein durchaus interessanter, auch wenn nicht ganz klar ist, wieso sich Vandercave so um ihn bemüht, wo sein eigener Verbleib in der Firma doch aufgrund der Unterschlagung ein befristeter sein dürfte. Amüsant gerät dafür der Vorgriff auf den Center-for-Ants-Gag aus Zoolander, wenn Fred in Frage stellt, ob die Modellhäuser der Präsentation groß genug für ihre Bewohner sein werden. Eine reduziertere Handlung wäre aber wohl empfehlenswerter gewesen, wobei jedoch keineswegs alles schlecht ist in The Flintstones. Die eingangs angesprochene Mimikry insbesondere macht die Adaption der Cartoon-Serie sehenswert und hält den (nostalgischen) Spaß an der Sichtung aufrecht.

Die visuelle Umsetzung mit den vielen praktischen Effekten, realen Sets und Kostümen wurde bereits angesprochen, aber auch die Darsteller verleihen ihren Figuren Leben. Roseanne-Veteran John Goodman, die einzige Wahl Spielbergs für die Hauptrolle, wird der Präsenz von Fred gerecht, auch Rick Moranis überzeugt als Barney. Elizabeth Perkins und Rosie O’Donnell sind zwar für die Handlung nicht zentral, gefallen aber gerade mit ihrem aus der Serie übernommenen Referenzlachen. Aufgrund ihres nuancierten Spiels und 90er-Sexappeals ein Highlight für sich ist Halle Berry als Sharon Stone, Freds laszive Sekretärin und Vandercave-Komplizin, wofür sich der Film trotz des müden (und nicht einzigen) “Stone”-Gags einen halben Bonuspunkt verdient.

Dank der Gewichtung auf praktische Effekte ist der über 20 Jahre alte The Flintstones relativ gut gealtert, auch wenn er heutzutage kaum mehr präsent im Bewusstsein scheint. Dabei war er gar nicht mal ein Flop, landete in den Kinocharts der USA im Jahr 1994 auf dem fünften Rang und weltweit auf Platz 6 mit einem Einspiel über 340 Millionen Dollar. Das macht Brian Levants Film sicher nicht zum Meisterwerk, nicht einmal zu einem sonderlichen guten Film, aber The Flintstones besitzt Charme und viel Liebe zu seinem Original mit einem gut aufgelegten Ensemble, das es aufgrund seiner buchstäblichen cartoonhaften Figuren nicht leicht hat. Und was das anbelangt, dürften sich die vielen heutigen Comicverfilmungen ruhig eine Scheibe abschneiden.

5.5/10

2. Januar 2017

Filmjahresrückblick 2016: Die Top Ten

There are no rules in filmmaking. Only sins. And the cardinal sin is dullness.
(Frank Capra)


Wieder mal ist ein Jahr zu Ende gegangen und hat ein neues begonnen. Wie so viele Jahre zuvor und noch viele zukünftige Jahre. Nicht minder zur Tradition ist es anderswo wie hier geworden, zurückzuschauen auf das, was uns das vergangene Filmjahr beschert hat. Was wie bereits in den Jahren zuvor leider immer weniger zu werden scheint, baute das Filmjahr 2016 gegenüber dem bereits müden Vorjahr nochmals qualitativ etwas ab. Sequels, Spin-Offs, Remakes und Reboots, aber vor allem Superhelden- und Franchise-Filme bestimmen unsere Zeit. Und natürlich Animationsfilme über sprechende Tiere. Vor der Vorstellung meiner zehn Favoriten gibt es wie hier im Blog üblich zuvor einen Ausblick auf den internationalen Kinokonsum.

Vielleicht auch wegen meiner großen Unzufriedenheit markierte 2016 ein neues Rekordjahr für mich mit 185 Filmen. Was insofern erstaunlich ist, da nach dem Geoblocking der internationalen (und umfangreicheren) Bibliothek von Netflix, auf die ich in 2015 noch ausgiebig zugriff, mein Heimkino-Konsum verstärkt auf das US- und UK-Angebot von iTunes auswich. Auch gegen den jüngsten Trend entwickelte sich die Zahl meiner Kinobesuche, die von 16 auf 30 anstieg und sich damit fast verdoppelte. 76 Prozent dieser Kinobesuche waren dabei regulär und keine Pressevorführungen (sieben derer besuchte ich), was sich primär dadurch erklärt, dass nach einem Arbeitsplatzwechsel mein OV-Kino nun quasi auf dem Heimweg liegt.

Nur ins Heimkino schaffte es die herrliche Komödie Popstar: Never Stop Never Stopping.
Aber auch in diesem werden nicht immer alle Filme gezeigt, die insbesondere mein Interesse wecken, sondern eben in der Regel das, was massentauglich ist. Grundsätzlich erfreulich ist dabei sicherlich, dass ein etwas „intellektuellerer“ Film wie Arrival zumindest in meinem kleinen OV-Kino zum ausverkauften Kassenschlager wurde. Aber auch in der Gunst der Nutzer der Internet Movie Database (IMDb) avancierte Denis Villeneuves Sci-Fi-Adaption mit einer Wertung von 8.2/10 zum Spitzenreiter (Stand: 2. Januar 2017). Ebenso überraschend sind die Plätze 2 und 3 in dieser Hinsicht, die mit Lenny Abrahamsons Room (8.2/10) und Tom McCarthys Spotlight (8.1/10) mit ruhigeren Dramen und gewichtigen Missbrauchsthemen bestückt sind.

Naturgemäß sind jedoch die drei bestbewerteten Filme selten diejenigen, die an den Kinokassen die meisten Zuschauer anlockten. Dieses Podest bleibt den bereits oben umrissenen Werken vorbehalten, sodass es wenig überraschen dürfte, dass der internationale Spitzenreiter in dieser Hinsicht ein Franchise-Film ist. Genauer: der überfrachtete Captain America: Civil War, eigentlich weniger der dritte Teil der Captain America-Saga als vielmehr der The Avengers-Reihe. Als Folge spielte er weltweit über 1,1 Milliarden Dollar ein – weitaus mehr als DC-Konkurrent Batman v Superman: Dawn of Justice. Ebenfalls die Milliarden-Dollar-Grenze überschritten Pixars müde Fortsetzung Finding Dory auf Rang 2, dahinter kam dann Disneys Zootopia.

Superhelden- und Franchise-Filme dominierten das Kinojahr 2016.
Die Top Ten der erfolgreichsten Filme des Jahres wird dann von Franchise- und Superhelden-Beiträgen komplettiert. Disney setzte sein starkes Jahr mit der überzeugenden Realfilm-Adaption von The Jungle Book fort, und auch wenn DC mit Batman v Superman und Suicide Squad nicht in Marvelsche Sphären vordringen konnte, erzielte Warner Bros. respektable Ergebnisse. Ganz zu Schweigen von Fox’ Deadpool-Hit, einer R-Rated-Zoten-Komödie, die locker X-Men: Apocalypse desselben Studios hinter sich ließ. Zwar kein The Force Awakens klettert aber auch das nächste Star Wars-Remake Rogue One in den Charts munter nach oben, vorbei am durchschnittlichen Harry Potter-Spin-Off Fantastic Beasts and Where to Find Them von Warner Bros.

Der einzige originäre Beitrag unter diesen Top Ten ist neben Zootopia dabei Universals The Secret Life of Pets, eine tierische Version der Toy Story-Filme. Sowohl in Österreich als auch in Russland, Portugal, Ungarn und Uruguay eroberte der Haustier-Spaß die Jahrescharts. Unterdessen zeigten sich Deutsche und Amerikaner eins und strömten am liebsten in Finding Dory. Genauso wie Argentinier, Australier, Belgier und Südafrikaner. Und während Zootopia in keinem größeren Land den Spitzenplatz einnahm, gelang dies immerhin Ice Age: Collision Course in Chile und Rumänien, wohingegen der fünfte Teil der prähistorischen Sony-Reihe ansonsten weltweit ziemlich auf der Strecke blieb und weniger als die Hälfte seines Vorgängers einnahm.

Jahressieger der deutschen Kino-Charts: die Pixar-Fortsetzung Finding Dory.
Ansonsten regierten die Superhelden, so landete Captain America: Civil War in Brasilien und Mexiko, aber auch in Malaysia und Singapur auf Rang 1, der ging in Bolivien und Kolumbien dafür an Batman v Superman. Rumänen und Ukrainer bevorzugten hier wiederum Suicide Squad und in Kroatien ging in 2016 scheinbar nichts über Deadpool. Davon wollten Schweizer und Griechen nichts wissen, wo man lieber Leonardo DiCaprio beim Leiden in The Revenant zusah. Sehr viel obskurer ging es in den Niederlanden zu, wo Bridget Jones’s Baby das Herz der Masse eroberte – was jedoch nichts ist im Vergleich zu Venezuela, wo es scheinbar innerhalb weniger Wochen Office Christmas Party schaffte, zum absoluten Kassenknaller zu werden.

In Großbritannien begaben sich die Zuschauer auf eine Reise in Rudyard Kiplings indischen Dschungel mit The Jungle Book, andere Länder besonnen sich auf Produktionen, die sich etwas mehr an der eigenen Kultur orientierten. So lachten die Franzosen über Les Tuche 2 und die Italiener über Quo vado?, während in China Stephen Chows Öko-Fantasy-Komödie Mei ren yu (The Mermaid) die Charts eroberte. Dies gelang in Japan dem Anime-Film Kimi no na wa (Your Name), während man sich in Südkorea vor Zug-Zombies gruselte in Busan-haeng (Train to Busan). In Spanien folgte das Volk wieder mal J.A. Bayona – diesmal mit dem phantasievollen A Monster Calls, patriotisch hielten es jedoch auch noch einige andere Nationen.

Beste Serie des Jahres: die 2. Staffel von Marvels Netflix-Produktion Daredevil.
Das Kriegsdrama Dag 2 überzeugte die Menschen in der Türkei, Polen gefiel der nächste Teil der Pitbull-Reihe Niebezpieczne Kobiety. In Dänemark war die Verfilmung von Jussi Adler Olsens Flaskepost fra P (Erlösung) ein Publikumsmagnet, wie auch in den anderen skandinavischen Ländern – Finnland (Risto Räppääjä ja yöhaukka), Norwegen (Kongens nei), Schweden (En man som heter Ove) – nationale Filme die Spitzenreiter waren. Ebenfalls keine Ausnahme machten da Tschechen (Andel Páne 2) und Isländer (Eiðurinn) und zumindest in seinem Produktionsland Neuseeland war der bei Film-Fans ungemein beliebte Hunt for the Wilderpeople unangefochtener Jahressieger. Gewinner fanden sich aber auch hinter Film-Produktionen.

Allen voran dürfen die Entscheider im Hause Disney das Glas heben, die mit dem Mouse House, ihren Marvel-Filmen, Star Wars und Pixar großen Reibach gemacht haben. Jemand, der immer öfter auf der Leinwand auftaucht, war nach Gaspar Noés Love von 2015 dieses Jahr Karl Glusman (Nocturnal Animals, The Neon Demon, Embers) und Isabelle Huppert bewies in gleich drei Filmen (Elle, Valley of Love, L’avenir), dass sie zu den besten Darstellerinnen ihrer Generation gehört. Angesichts der Erfolge ihrer Filme dürfen sich auch Jon Favreau (The Jungle Book) und Ryan Reynolds (Deadpool) auf die Schulter klopfen. Ebenso wie Emmanuel Lubezki (The Revenant) für seinen bereits dritten Kamera-Oscar nacheinander.

Bestes Videospiel des Jahres: der dystopische 2D-Sidescroller Inside von Playdead.
Im Fernsehen kann sich wieder mal HBO über seinen Output nicht beklagen, die Faszination der Zuschauer mit den Serien des Pay-TV-Senders ist ungebrochen, sei es die sechste Staffel von Game of Thrones oder Neuzugang Westworld. Auch Netflix verstärkt seine Bemühungen mit eigenem Material, neben House of Cards und Orange is the New Black unter anderem mit The Get Down und The Crown. Und auch wenn mir die vierte Staffel von SundanceTVs ruhiger Dramaserie Rectify so gut gefiel wie keine der Staffeln zuvor, so geht mein Titel des gefälligsten und unterhaltsamsten Titels in 2016 an die Marvel-Netflix-Produktion der zweiten Staffel von Daredevil mit der tollen Komplettierung um Jon Bernthals Punisher.

Nicht nur das Kinojahr enttäuschte, auch in der Welt der Videospiele gab es wenig Neues und Tolles. So kochte Naughty Dog mit Uncharted 4: A Thief’s End erneut die Vorgängerspiele von Nathan Drake auf, genauso wie Rise of the Tomb Raider lediglich die Pfade des tollen Vorläufers neu betrat. Als echte Reinfälle erwiesen sich No Man’s Sky und der vielgepriesene Firewatch und auch wenn ABZÛ im Grunde nur das Spielerlebnis von Journey unters Wasser verlegte, gehörte es doch zu den wenigen erfreulichen Games des Jahres. Knapp den Sieg sicherte sich in dieser Kategorie jedoch Playdeads reduziertes, aber deswegen nicht minder packendes Inside, ein simpler 2D-Sidescroller über einen kleinen Jungen in einer düsteren Dystopie.

Beste Darsteller des Jahres: Vincent Lindon, Royalty Hightower, Kristen Stewart.
Wie bereits im Vorjahr hatte ich mir erneut die Oscarverleihung gespart – auch, da meine eigene Würdigung von Schauspielleistungen ohnehin mit der Show nicht d’accord geht. Die männliche Darstellerriege macht es einem aber auch Jahr für Jahr nicht leicht, sodass aus Mangel an Alternativen die beste Leistung eines Darstellers von Vincent Lindon für La loi du marché stammt. Schwieriger machen es einem traditionell die Darstellerinnen, wo sich die tolle Kristen Stewart mit durchweg überzeugenden Leistungen von Personal Shopper über Certain Women bis hin zu Café Society und Equals den Titel verdankt. Meine Newcomerin des Jahres ist derweil Royalty Hightower für The Fits, knapp vor Anya Taylor-Joy (The VVitch, Barry).

Ansonsten war 2016 ein Jahr der cineastischen Enttäuschungen. Sowohl Denis Villeneuve mit Arrival als auch Jeff Nichols mit Midnight Special lieferten nach zuletzt starken Filmen plötzlich wahren Murks ab, den ist man von Steven Spielberg zwar schon länger gewöhnt, mit The BFG erreichte der einstige König von Hollywood dennoch einen neuen Tiefpunkt. Wenige Filme vermochten mich zu beeindrucken (geschweige zu begeistern), lobenswerte Vertreter fand ich aber trotzdem. Daher nun ohne weitere Umschweife zu meinen persönlichen zehn liebsten Filmen des Jahres. Eine ausführliche Liste mit Ranking aller 185 Werke gibt es bei Letterboxd, Honorable Mentions sowie meine Flop Ten finden sich wie gewohnt in den Kommentaren:


10. Fuocoammare (Gianfranco Rosi, I/F 2016): Lampedusa gilt als Symbol für das Elend der Flüchtlingskrise – die Insel, die Afrika näher ist als dem ihr zugehörigen Italien und deren Zahl an Flüchtlingen auch schon mal die der Einwohner überstieg. Gianfranco Rosi hält das Drama der ankommenden Flüchtlinge fest, von denen nicht alle lebend die Insel erreichen, zeigt jedoch auch das Leben und den Alltag auf Lampedusa abseits der Flüchtlingskrise. Das Ergebnis ist keine Dokumentation mit Fakten, sondern mit Eindrücken.

9. L’avenir (Mia Hansen-Løve, F/D 2016): Wie Gianfranco Rosi im Frühjahr bei der Berlinale ausgezeichnet, präsentiert Mia Hansen-Løve einen reifen, sehr erwachsenen und rationalen Film über eine Philosophielehrerin um die 50, deren privates Leben im Wandel ist. Trotz verschiedener Umwälzungen wirkt L’avenir fast ereignislos, so ruhig und bedacht inszeniert Hansen-Løve den Film. Der wird im Alleingang getragen von einer wie so oft starken Isabelle Huppert, die gekonnt von überzeugten in verletzliche Momente wechselt.

8. Bakemono no ko (Hosoda Mamoru, J 2015): In seinem jüngsten Film erzählt Hosoda Mamoru wieder mal eine Coming-of-Age-Geschichte, in der sich der Halbwaise Ren in eine Parallelwelt verirrt, wo er im Tiermonster Kumatetsu einen sturen Freund und Vaterersatz findet. Humorvoll und gerade in seinem Schlussakt stellenweise ergreifend liefert Hosoda ein weiteres Meisterstück ab, das sich bei Bedarf auch als schwache Sozial-Allegorie auf die immer häufiger auftretenden Vorfälle von Amokläufen und Anschlägen lesen lässt.

7. Anomalisa (Charlie Kaufman, USA 2015): Einsamkeit, Beziehungen, Liebe und personelle Leere ziehen sich als Thema durch das Œuvre von Charlie Kaufman – das ist auch bei seiner zweiten Regie-Arbeit nach Synecdoche, New York nicht anders. In seinem Stop-Motion-Werk Anomalisa schickt Kaufman einen am Fregoli-Syndrom leidenden Motivationsredner in eine Sinnsuche, während er sich in einem Hotel mal wieder verliebt. Ein düsteres Beziehungsbild mit absurdem Humor – nicht das einzige des Filmjahres.

6. Weiner (Josh Kriegman/Elyse Steinberg, USA 2016): Mit Weiner lieferten Josh Kriegman und Elyse Steinberg so unterhaltsame wie intime Einblicke in das Leben des ehemaligen New Yorker Kongressabgeordneten Anthony Weiner, der 2011 über einen Sexting-Skandal stolperte und sich zwei Jahre später im Big Apple als Bürgermeister zur Wahl stellte. Was als Dokumentation von Weiners Wahlkampf begann, hält in der Folge nicht nur den Verfall von Medien und Qualitätsjournalismus fest, sondern auch den der Person Weiner.

5. The Neon Demon (Nicolas Winding Refn, USA/DK/F 2016): Mit seinem jüngsten filmischen Fiebertraum gelang es Nicolas Winding Refn erneut, das Publikum und Feuilleton gleichermaßen zu spalten. Wie eine träumerische Schein- oder Parallelwelt inszeniert er seine in pinken und blauen Neontönen gehaltene sleazige Horror-Satire auf die Modewelt, als würden Lust und Kälte eine Affäre miteinander eingehen, während der pochend-pulsierende Score von Komponist Cliff Martinez einen The Neon Demon nicht vergessen lässt.

4. Kimi no na wa. (Shinkai Makoto, J 2016): Das Körpertausch-Genre ist nicht mehr ganz so populär wie früher, doch Shinkai Makoto weiß ihm in seinem Kassen-Hit Kimi no na wa. dennoch neues Leben zu verleihen. Zugleich verknüpft der Japaner seine Komödie mit einem tragischen Subplot, der nach der Hälfte der Laufzeit dem zuvor bereits gelungenen Film nochmals qualitativ etwas hinzufügt. Was bleibt ist eine visuell hinreizende, amüsante und bewegende Geschichte, wie sie nur japanische Animes erzählen können.

3. The Lobster (Yorgos Lanthimos, GR/UK/F/NL/IRL 2015): Im wohl fraglos originellsten Film des Jahres hat sich der griechische Auteur Yorgos Lanthimos (Kynodontas) in seiner Zukunfts-Dystopie das Für und Wider von Beziehungen zum Thema gemacht. The Lobster eruiert, welches Verständnis von Partnerschaft das menschliche Denken bestimmt – und dabei gleichzeitig einschränkt. Wie in seinen Vorgängern verpackt Lanthimos seine Sozialmetapher in ein absurd-komisches Gewand. Der perfekte Date-Film.

2. Paterson (Jim Jarmusch, USA/F/D 2016): Mit der Geschichte eines Poesie schreibenden Busfahrers liefert Jim Jarmusch ein weiteres Meisterwerk ab und die gelungenste Komödie des Jahres. Ähnlich wie die jüngeren Werke Terrence Malicks besitzt Jarmuschs Ode an Gewohnheiten durch die quasi inhaltsleeren Bilder einen meditativen Charakter – wenn sich der Zuschauer in diesen einfinden kann. Für Fans des Regisseurs ist Paterson folglich ein Muss und empfehlenswert für Freunde ruhiger, bedachter Charakterporträts.

1. O.J.: Made in America (Ezra Edelman, USA 2016): Ezra Edelman gelingt es auf brillante Weise, nicht nur ein interessantes und spannendes Porträt über den ehemaligen Football-Star O.J. Simpson zu inszenieren, O.J.: Made in America arbeitet zugleich detailliert den Mordfall von Nicole Brown Simpson und das Gerichtsverfahren gegen O.J. auf und sagt im selben Atemzug in seiner Rekapitulation der Rassenunruhen und Analogie zum Leben von O.J. viel über die USA und ihr Verhältnis zu ihrer schwarzen Bevölkerung aus.

31. Dezember 2016

Gratitudes & Goodbyes: Adieu, 2016!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und ehe Anfang kommender Woche der traditionelle Jahresrückblick über das Filmjahr 2016 ansteht, wollte ich mich separat nochmals bei meinen Leserinnen und Lesern bedanken. Zwar sind die Zeiten der regen Bloggersphäre bereits seit ein paar Jahren vorbei, entsprechend geht ein Großteil meiner täglichen rund 200 Seitenaufrufe allein auf Google-Bildersuche zurück, aber es gibt dennoch einige wenige „Gallier“, die hier weiterhin wacker vorbeischauen, mitlesen und bisweilen einen Kommentar hinterlassen. Bei 51 Beiträgen (diesen nicht mitgerechnet) waren dies 42 Kommentare. Rund 48 Prozent und damit im Grunde jeder zweite Kommentar stammt vom Kollegen bullion von Tonight is gonna be a large one. Für so viel Fleiß, gab's einen Preis. Mein Dank geht auch an Jochen von Sutter Cains Filmblog, der immerhin für 20 Prozent und damit jeden fünften Kommentar verantwortlich war. Das Triumvirat meiner Treuesten wird abgeschlossen von Okami Itto von Kozure Okami, dessen Teilnahme gut 10 Prozent ausmachen. Sprich: Diese drei Blogger waren für 80 Prozent der getätigten Kommentare zuständig – vielen Dank dem Trio!

Aber ich bedanke mich auch bei denjenigen, die hier mit- bzw. reinlesen, aber nicht kommentieren. In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen schönen und feuchtfröhlichen Jahreswechsel. Wir lesen uns hier 2017 wieder.

25. Dezember 2016

City of Gold

Like the fat man’s version of the Bourne Identity.

Die Aufgabe des Kritiker ist es, Dinge prüfend zu beurteilen, um damit anderen Menschen bei ihrer Entscheidungsfindung zu helfen. Oder wie es Restaurantkritiker Anton Ego in Pixars Ratatouille formuliert: “We risk very little, yet enjoy a position over those who offer up their work and their selves to our judgment.” In Zeiten von Online-Bewertungen und Yelp verwischen jedoch immer mehr die Grenzen zwischen Experte und Laie. Insofern fragt sich Restaurantkritikerin Carolina Miranda in City of Gold von Regisseurin Laura Gabbert sicher zurecht: “What is the role of the critic?” Was bringt der oder die Kritker/In mit? Hintergrundwissen zum einen, Jargon zum anderen. Oder wie Jonathan Gold einen Pulitzer Preis für seine Restaurantkritken.

Der 56-jährige Journalist der Los Angeles Times erhielt die renommierte Auszeichnung im Jahr 2007 und gilt in seiner Heimatstadt als Connaisseur erster Güte. “Jonathan changed the food writing world”, berichtet eingangs die Chefköchin Nancy Silverton. Denn der Angeleno war einer der ersten Restaurantkritiker, die kleine, zurückgezogene Lokalitäten aufsuchten. “Mom & Pop places where generations of tradition were passed down”, wie sie Carolina Miranda beschreibt. Von solchen gibt es in der 4-Millionen-Metropole Kaliforniens mehr als genug, gerade in den vielen ethnischen Vierteln wie Koreatown oder Tehrangeles. Gold kennt sie wie seine Westentasche und kann sie mit einer Restaurantkritik auf die kulinarische Landkarte hieven.

Für Jonathan Gold sind die Restaurants von Los Angeles mehr als nur reine Speiselokale, sie repräsentieren die Kultur der Pazifik-Metropole und damit im Grunde diese selbst. Von chinesischem, koreanischem und japanischem über indisches Essen bis ihn zu mexikanischen Spezialitäten und mehr – wer sich auf die exotische Küche in den Straßen von L.A. einlässt, nimmt dadurch zugleich den multiethnischen Charakter der Stadt auf. Gold erachtet somit seine Kritiken nicht nur als reines Empfehlungsschreiben für ein gelungenes Abend- oder Mittagessen, sondern auch als eine Einladung, sich anderen Kulturen zu öffnen und über deren einheimische Cuisine mehr über den Hintergrund seiner mittel- und unmittelbaren Nachbarn zu lernen.

Das Bild, das Gabberts Dokumentation von dem 56-Jährigen zeichnet, wirkt dabei so, als würde sich Gold mit Verrissen gar nicht aufhalten. Wohl auch, weil dies nicht seine Intention ist. “You want these guys to succeed”, verrät Gold im Trailer zum Film. Idealerweise geht der Kritiker an sein zu prüfendes Objekt mit der Erwartung heran, dass das Ergebnis überzeugend ausfällt. Sei dies eine Meeresfrüchte-Speise, ein Musikalbum oder eine Filmproduktion. “His empathy level is higher than anybody else”, weiß Chefkoch David Chang zu berichten. Als Folge schreibt Gold keine leichtfertigen Kritiken, sondern verfasst eine solche erst dann, wenn er mehrere Male in derselben Lokalität gespeist hat, um sich von ihr und ihrer Küche ausreichend zu überzeugen.

Über den eigentlich Arbeitsvorgang von Gold verrät City of Gold leider jedoch nicht genug. Was zeichnet nun genau jene Lokale, die der Journalist im Film besucht, so aus? Vereinzelt werden Auszüge aus früheren Kritiken aus dem Off verlesen, aber was genau jenen Taco-Foodtruck vom nächsten unterscheidet, bleibt offen. Genauso, welche Rolle Gold für die Restaurants der Stadt spielt, auch wenn wir vereinzelt Stimmen hören, dass eine positive Kritik schon mal durch das daraus resultierende Interesse das Lokal vor dem Bankrott bewahrt hat. So bleibt es teils bei Bonmots über Einweg-Handys, mit denen er seine Reservierungen tätigt, um seine Anonymität zu schützen für ein möglichst authentisches, natürliches Geschmackserlebnis.

Nett ist, dass wir auch Einblicke in die Privatperson Gold erhalten, von seiner kulturell geprägten Kindheit über seine beruflichen Anfänge bis hin zu seiner Ehe mit einer Kollegin und der Erziehung ihrer Kinder. Prinzipiell bewegt sich City of Gold aber zumeist nur an der Oberfläche seiner Materie, was sich bedauerlicher Weise für so viele Dokumentationen dieses Jahr sagen lässt. Auch die Tatsache, dass der Film auf einer Digitalkamera gedreht wurde, macht ihn nicht gerade zur Schönheit, obschon die Kameraarbeit von Jerry Henry ansonsten recht ansehnlich ist. Und auch wenn Jonathan Gold etwas schüchtern wirkt, so ist er doch eine faszinierende Persönlichkeit, deren Liebe zum Essen nur noch von der Liebe zu Los Angeles übertroffen wird.

6.5/10

17. Dezember 2016

Rectify

We are what we don’t throw away.
(“Act as If”, Season 2, Episode 5)


Aller Anfang ist schwer, heißt es im Volksmund. Pustekuchen, mag man sich da angesichts Rectify denken, der ersten selbstproduzierten Drama-Serie des US-Fernsehsenders SundanceTV. Der fokussierte sich zuvor primär auf die Ausstrahlung von Dokumentationen und Independent-Filmen, ehe er vor drei Jahren mit Rectify aus der Feder von Deadwood-Darsteller Ray McKinnon eine kleine TV-Perle ablieferte. Über vier Staffeln und 30 Episoden lief die Serie um einen zum Tode verurteilten Mörder, der nach 19 Jahren wieder freigelassen wird, die unter der Woche ihr (geplantes) Ende fand. Dass die Serie insgesamt über vier Staffeln lang lief, ist in Anbetracht ihrer geringen Einschaltquote keine Selbstverständlichkeit, aber zugleich umso schöner.

Im Schnitt sahen Rectify rund 150.000 Amerikaner, während SundanceTV über 60 Millionen Haushalte erreicht. Nur ein Zuschauer von 400 schaltete also ein, wenn es darum ging, wie Hauptfigur Daniel Holden (Aden Young) versucht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Im Vergleich dazu schalten Woche für Woche durchschnittlich 11,8 Millionen Menschen bei The Walking Dead ein, der Hit-Show des Senders AMC, zu dem auch SundanceTV gehört. Da AMC gut 95 Millionen Haushalte erreicht, sieht also jeder achte Zuschauer des Senders die Ausstrahlung von The Walking Dead. Und selbst bei HBO mit zirka halb so großer Reichweite wie SundanceTV liegt der interne Marktanteil einer Serie wie Westworld noch bei etwa fünf Prozent.

Kurzum: Selbst bei der Mehrheit der SundanceTV-Zuschauer fand Rectify keine wirkliche Aufmerksamkeit, bei den Kritikern war sie dafür umso geschätzter. Auf Metacritic belegt die vierte und finale Staffel mit 99 von 100 möglichen Punkten derzeit Platz 1 der besten Fernsehserien des Jahres (Westworld landet auf Rang 65). Aber wie das mit Kritikern so ist, spiegelt deren Meinung eher selten die der breiten Masse wieder, entsprechend erklärt sich der durchschnittliche Zuschauerschnitt von neun Millionen Haushalten für Kevin James’ aktuelle Sitcom Kevin Can’t Wait. Aber Rectify ist auch per se keine effekthascherische Show, vielmehr ist es eine fast schon meditative Charakterstudie, die Ray McKinnon vier Jahre lang erzählte.

Neue DNS-Befunde waren es, die Daniel Holden, einst als 18-Jähriger für die Vergewaltigung und den Mord an seiner Jugendfreundin Hanna Dean zum Tode verurteilt, nach 19 Jahren im Todestrakt wieder auf freien Fuß setzten. Fortan beschäftigte sich die Serie damit, wie Daniel nach zwei Jahrzehnten auf engem Raum mit der Weite einer fortgeschrittenen Welt zurechtkam. Und diese Welt, allen voran die Einwohner seiner Kleinstadt Paulie, für die er Hanna Deans Mörder bleibt, auf ihn. Das Leben, das Daniel einst führte, hat er längst hinter sich gelassen. Seither ist seine kleine Schwester Amantha (Abigail Spencer) inzwischen eine erwachsene Frau und ihre Mutter Janet (J. Smith-Cameron) nach dem Tod ihres Mannes wieder verheiratet.

Rectify thematisierte eingangs vor allem den Schock, den die Prämisse der Show bei allen Beteiligten auslöste. Daniels Freilassung ist ein Einschnitt im Leben einer ganzen Gemeinde, von der Familie des Opfers bis hin zu der des vermeintlichen Täters. Plötzlich begegnen Janets neuer Mann Ted (Bruce McKinnon) und sein Sohn Teddy (Clayne Crawford) einem Familienmitglied, das sie nie kannten und mit dem sie eigentlich von vornherein immer schon abgeschlossen hatten. Gerade Teddy gibt sich reserviert, zweifelt an der angeblichen Unschuld seines Stiefbruders und beäugt misstrauisch die Sympathien, die seine christlich-engagierte Ehefrau Tawney (Adelaide Clemens) plötzlich für den Ex-Häftling und Schwager zu hegen beginnt.

Befassten sich die ersten beiden Staffeln noch mit der Anpassung der Hauptfigur an ihr altes Leben unter neuen Voraussetzungen sowie ihrer Umgebung an sie, sind die letzten beiden Staffeln etwas ruhiger und entschleunigter. Der Versuch von Judikative und Exekutive, den wegen eines Formfehlers freigelassenen Daniel wieder zurück in den Todestrakt zu kriegen, wurde letztlich geopfert für eine scheinbare Akzeptanz der Situation. So nimmt im Verlauf Daniel zwar erneut die Schuld für die Tat auf sich, er darf diese jedoch durch seine bisherige Haftstrafe als verbüßt ansehen – wenn er seine Heimatstadt und Familie für immer verlässt. Bezeichnend, dass sich die gesamte dritte Staffel nur Zeit für dieses drohende Exil nimmt.

Es war eine der großen Stärken von Rectify, dass sich die Serie – und ihre Figuren – nie vollends dafür zu interessieren schien, ob Daniel nun wirklich schuldig oder unschuldig war. Und wenn er es war, wer wirklich Hanna Dean seinerzeit tötete. Vielmehr zelebrierte McKinnon jene Ambiguität, indem wir Nebenfiguren wie dem schmierigen Trey Willis (Sean Bridgers) begegnen, einst ein Schulkamerad von Daniel und Hanna, der gegen diesen bei dessen Gerichtsverhandlung aussagte. Passend dazu wusste nicht einmal der Protagonist selbst, ob er in jener Nacht die Tat begangen hat oder nicht. Zu sehr glaubt er inzwischen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, sodass seine echte und die indoktrinierte Erinnerung seither ineinander übergehen.

Letztlich war Rectify dabei nie Crime Procudural, keine Show wie die HBO-Serien True Detective oder The Night Of, die sich mit der Aufklärung eines Verbrechens befasst. Was in jener Nacht von Hanna Deans Tod wirklich geschah, spielte weniger eine Rolle wie die Folgen, die sich aus dieser Nacht ergaben. Was es bedeutet, nach 20 Jahren Einsamkeit auf engstem Raum wieder von einem sozialen – und teilweise asozialen – Umfeld umgeben zu sein. In diesem wollen alle Charaktere eigentlich nur, dass das Leben so weitergeht, wie bisher. So schön es für Daniels Familie sein mag, dass er nun wieder frei ist, so irritiert sind sie ob seines Verhaltens. Denn der Daniel, der das Gefängnis verließ, ist naturgemäß nicht der Daniel, der es betrat.

Auch in der vierten Staffel ist Aden Youngs Figur weiterhin dabei, sich und ihren Platz in dieser Welt (wieder) zu finden. Und in gewisser Weise schließt sich im finalen Jahr der Kreis, ist Daniel aufgrund seines Exils doch erneut nicht körperlich in Paulie anwesend, aber zugleich doch stets präsent im Leben seiner Quasi-Hinterbliebenen. Will ihn seine Mutter sehen, muss sie zu ihm auf einen Besuch fahren oder das Telefon in die Hand nehmen. Insofern ähnelt das vierte Jahr von Rectify dem Leben, das die Figuren vor der ersten Staffel geführt haben – nur eben mit den Konsequenzen aus Daniels kurzer Anwesenheit lebend. Ray McKinnon widmet sich daher vor allem auch den Spannungen innerhalb der verschiedenen Familien-Beziehungen.

Allen voran der praktisch in Scherben liegenden Ehe zwischen Teddy und Tawney, aber auch der strauchelnden Partnerschaft von Janet und Ted Sr. Die Beziehungsprobleme von Amantha, sie begann vor einiger Zeit eine Affäre mit Daniels Verteidiger Jon (Luke Kirby), sind derweil eher ihrem eigenen Charakter geschuldet. Amantha hadert vor allem mit der Leere, die Daniels Entscheidung und der nun nicht mehr existente Kampf um seine Freilassung respektive Freispruch bei ihr hinterlassen hat. Rectify, auf gut Deutsch etwa „bereinigen“ oder „gerade rücken“, erzählt einerseits von dem Bereinigen dessen, was Daniel angetan wurde, fast mehr noch aber von dem Bereinigen dessen, was Daniels überraschende Freilassung mit seiner Familie anstellt.

Trotz seiner neuen Umgebung ist der Neuanfang für Daniel dabei kein leichter. Zu schwer wiegt das Trauma der Vergangenheit, auch wenn ihm die Bekanntschaft mit der bohemehaften Künstlerin Chloe (Caitlin FitzGerald) im vierten Jahr bei seiner Bewältigung des Vergangenen und Resozialisierung hilft. Die Crux der finalen Staffel ist, wenn man so will, dass in Hinblick auf das Ende Ray McKinnon nun verstärkt den Fokus zurück auf den Mordfall Hanna Dean lenkt. Sowohl Jon intensiviert seine Suche nach der Wahrheit, aber auch Sheriff Daggett (J.D. Evermore) ist bestrebt, mit den in Staffel 3 gefundenen Indizien den wahren Täter des damaligen Verbrechens zu finden. Nur ist diese Suche nach der angeblichen Wahrheit wenig interessant.

Zwar gibt es keine definitive Aufklärung der Ereignisse jener tragischen Nacht, in der Hanna Dean ihr Leben verlor, aber dafür mehr als genug Andeutungen zu Figuren, die wir im Verlauf der letzten Jahre allenfalls sporadisch oder gar nicht kennengelernt haben. Es scheint so, als habe sich McKinnon verpflichtet gefühlt, dem Zuschauer zumindest so etwas wie einen befriedigenden Abschluss des Mordfalls zu liefern, gänzlich gelingen will es aber nicht, da sich die Serie hierzu nie genug Zeit nahm. Denn ähnlich wie in Twin Peaks spielte die Demaskierung des Täters in Rectify immer eine untergeordnete Rolle gegenüber den Charakteren, ihren Interaktionen sowie der generellen Atmosphäre ihres Umfelds, in dem sie sich bewegen.

“Finding peace in the not knowing seems strangely more righteous than the peace that comes from knowing”, hatte Daniel selbst in Plato’s Cave (Staffel 1, Episode 4) gesagt. Und insofern recht, dass die Stärke der Erzählung von Rectify, nicht unähnlich der von John Patrick Shanleys Doubt, letztendlich im Unklaren ob der tatsächlichen (Un-)Schuld seiner Figur lag. Zumindest lässt sich McKinnon diese Option im Serienfinale All I’m Sayin’ offen, wenn auch nicht in dem Maße, wie es das Finale der zweiten Staffel getan hatte. Im Bestreben, die Serie im Reinen zu verlassen, überstürzen sich die Ereignisse für Rectify-Verhältnisse dabei fast schon in den zwei finalen Episoden, nur um sich nach vier Jahren möglichst versöhnlich verabschieden zu können.

Dies ist etwas schade, da speziell der Auftakt der vierten Staffel den Höhepunkt der Serie darstellt. Umso bezeichnender ist es irgendwie, dass gerade die zweite Folge Yolk nicht nur die beste Episode in der Geschichte von Rectify ist, sondern mit einer Einschaltquote von 102.000 Haushalten zugleich die am wenigsten verfolgte. Mit dem starken Auftakt A House Divided, aber auch der fünften Folge Pineapples in Paris, war McKinnons Serie so gut wie selten zuvor. Dass trotz einer leicht enttäuschenden dritten Staffel sich diese dennoch sehr gut verfolgen ließ, liegt an der großen meditativen Klasse von Rectify, angefangen von den wunderbaren Dialogen über die herrlichen Bilder bis zum durchweg überzeugenden Ensemble.

Im Grund ist es da ein Treppenwitz, wenn für Emmy, Golden Globe und SAG Awards seit 2013 keine Berücksichtigung für die Leistungen von Aden Young, Abigail Spencer und allen voran Clayne Crawford gefunden wurde. Die Darsteller von Rectify perfektionieren ihre Kunst in jeder Folge aufs Neue, aber aller Kritikergefälligkeit zum Trotz fehlt es wie beim Publikum scheinbar auch hier hinsichtlich einer Anerkennung schlicht an der entsprechenden Aufmerksamkeit. Umso mehr ist die Serie ein Kleinod, das es zu schätzen gilt. Wer sich ihm widmet, wird nicht enttäuscht. Dasselbe lässt sich wohl nicht zu SundanceTVs zweiter und bereits eingestellter Serie The Red Road sagen. Manchmal ist der zweite Schritt also doch schwerer als der erste.

Season 1: 7/10
Season 2: 7/10
Season 3: 6.5/10
Season 4: 8/10

10. Dezember 2016

Westworld – Season One

Doesn’t look like anything to me.

Dass Fernsehserien durchaus mal Meta-Elemente integrieren, ist keine Seltenheit. Wenn sie wie Westworld jedoch nahezu komplett auf Selbstreferenzialität gründen, dann durchaus. In der TV-Adaption von Michael Crichtons Original sucht die Mehrheit der Menschen den Western-Themenpark Westworld für eine leere Show-Illusion voll von Sex und Gewalt auf. Somit repräsentiert Westworld im Prinzip den Westworld-Sender HBO, dessen Programm seit Jahren um die nackten Körper von Frauen und Gewaltorgien von Männern aufgebaut ist. Sei es True Blood oder Game of Thrones. Ein Phlegma des Senders, dem im Laufe seiner Ausstrahlung auch Westworld nach äußerst vielversprechendem Beginn zunehmend verfällt.

Jonathan Nolan, kleiner Bruder von Christopher Nolan, erzählt mit seiner Gattin Lisa Joy die Geschichte des von Robotern bevölkerten Themenparks, in dem die Attraktionen mit der Zeit ihre Besucher attackieren. Das Konzept der lebensecht wirkenden Roboter fußt auf der Arbeit von Gründer Robert Ford (Anthony Hopkins), der jedoch in seinem Park schon länger die Leitung einem Aufsichtsrat und dessen Marionette, Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen), überlässt. Gemeinsam mit Programmierungsleiter Bernard (Jeffrey Wright) bemüht Ford sich, die Roboter zu optimieren. Und noch natürlicher wirken zu lassen. Einer von ihnen, Dolores (Evan Rachel Wood), beginnt derweil, sich seiner Existenz in einer Zeitschleife gewahr zu werden.

Neben dem Aspekt der gegen ihr Publikum aufbegehrenden Park-Attraktionen, dem sich Michael Crichton auch in Jurassic Park widmete, dreht sich Westworld vor allem um die Frage der Menschlichkeit. Und dies in mehrerer Hinsicht. Was unterscheidet den Mensch von Fords Schöpfungen? Die Serie spielt gerade zu Beginn damit, dass nicht immer klar ist, ob die Figur, die wir gerade sehen, ein Besucher oder Darsteller des Parks ist. Selbst wenn Westworld sich wenig darum schert, diese verwischte Grenze von seinen zahlreichen Charakteren selbst ausloten zu lassen. Zumindest die Gäste scheinen sehr wohl direkt zu wissen, bei wem es sich im Park um einen Roboter handelt und nicht vielmehr um einen anderen Besucher.

Verletzen können die Darsteller des Parks nur sich selbst, nicht jedoch die Besucher. Doch die Waffen, derer sich Letztere in Westworld bedienen, sind durchaus echt. Was also, wenn ein Besucher denkt, er verletzt zum Spaß einen Darsteller, nur um dann letztlich einen anderen Besucher in Gefahr zu bringen? Nolan und Joy interessieren sich für diesen Aspekt nicht und leider im Verlaufe der ersten Staffel auch immer weniger um das faszinierende Element der sich anbahnenden künstlichen Intelligenz der Park-Darsteller. Stattdessen werden in Lost-Manier Mysterien eingeführt und offene Fragen in den Raum geworfen, um ganz bewusst unter den Zuschauern fortan die Spekulation und Diskussion anzuregen. Dies jedoch zu Lasten der Serie.

Westworld teilt sich hierbei in zwei Teile, wenn man so will. Der nahezu perfekte Auftakt The Original gefolgt von der starken Folge Chestnut sowie den folgenden acht Episoden, die sich immer mehr von der brillanten Premiere entfernen, ehe sie im aufgeblasenen Finale The Bicameral Mind (vorerst) ihr Ende finden. The Original fokussiert sich primär auf Dolores und ihren wiederkehrenden Alltag in einem Aufbau, der entfernt an Peter Weirs Meisterwerk The Truman Show erinnert. In The Dolores Show, wenn man so will, verlebt Evan Rachel Woods Charakter – eine junge Farmerstochter, die jedoch entgegen ihres Erscheinungsbildes der älteste Darsteller im Park ist – ähnlich wie Bill Murray in Groundhog Day immer wieder denselben Tag.

“Any day the course of my whole life could change with just one chance encounter”, wiederholt Dolores, was ihr der Drehbuchschreiber des Parks auf die Festplatte geschrieben hat. Als damsel in distress wird sie dabei entweder vom vermeintlichen love interest Teddy (James Marsden) gerettet oder von jedem x-beliebigen Besucher, der sich dieser Storyline annehmen will. So auch William (Jimmi Simpson), der mit seinem Schwager-in-spe Logan (Ben Barnes) den Park besucht. Logan war bereits in Westworld, wie so viele andere Besucher, denen wir begegnen. Darunter auch ein ominöser Man in Black (Ed Harris), der seinen ganz eigenen Erzählstrang zu weben beginnt, nachdem er den Park bereits seit rund 30 Jahren besucht.

In gewisser Weise ist Westworld dabei eine Show über Grenzen. Die Menschheit hat ihre schöpferische Grenze erreicht, laut Ford alle Krankheiten geheilt (auch wenn Bernards Sohn vor vielen Jahren dennoch einer erlag). “This”, resümiert Ford in einer Szene hinsichtlich seiner Roboter und des gesellschaftlichen Status quo, “is as good as we’re gonna get.” Der Mensch, hier in Person von Ford und seinem vor langer Zeit verstorbenen Partner und Mitgründer Arnold, ist zum Gott geworden, der etwas nach seinem eigenen Angesicht schuf, das nun kurz davor steht, ein Bewusstsein für sich selbst zu entwickeln. Auslöser hierfür scheint ein Mimik-Update von Ford zu sein, mit dem 200 Darsteller, etwa ein Zehntel des Parks, bespielt wurden.

“A fucking shitstorm”, nennt es Theresa später, als einer der Darsteller jenseits seiner Programmierung am Rad dreht. Und selbst Bernard räumt ein, das Verhalten sei “miles beyond a glitch”. Die Grenze zwischen dem, was den Mensch zum Mensch und den Roboter zu bloßen Bits and Bites macht, beginnt zu verwischen. Mit den Anfang macht Dolores’ „Vater“, als er auf einen Hinweis der Welt jenseits des Parks stößt. “I had a question. A question you’re not supposed to ask”, berichtet er später Dolores. “Which gave me an answer you’re not supposed to know.” Er ist einer der ersten, die den wiederkehrenden Kreislauf zu durchbrechen scheinen. Und Kreisläufe sind das, was Westworld letztendlich auszumachen scheinen.

Wie jede gute Show beginnt auch die des Parks immerzu aufs Neue. “Out of repetition comes variation”, meint Bernard später. Im Umkehrschluss scheint aber auch aus Variation wiederum Repetition zu kommen, wenn man sich Logan ansieht. Während er sich im schwarzen Kostüm in Westworld eher austoben will, strebt der ideellere William mit weißem Cowboy-Hut nach Heldentaten. “There’s no such thing as heroes and villains, it’s just a giant circle jerk”, sagt Logan. Westworld dreht sich darum, dass sich die Besucher ausleben können. Einer Fantasie hingeben. “The only limit here is your imagination”, erklärt Park-Hostess Angela (Talulah Riley) daher Neuling William bei seiner Ankunft. “How far you want to go is entirely up to you.”

“How far” scheint hierbei für viele, besonders die männlichen Gäste, auf Sex und Gewalt hinauszulaufen. Vermutlich alle der Frauen-Darsteller wie die Bordell-Besitzerin Maeve (Thandie Newton) sind darauf ausgelegt, sich bei Bedarf willig zu geben. Notfalls sind aber sicher auch Vergewaltigungen im Eintrittspreis enthalten. Die Roboter werden dabei nach Belieben erschossen, erdrosselt oder erstochen – und später in einer Werkstatt für den nächsten Tag wieder restauriert. Mit einer perversen Lust erfreut sich da in The Original beispielsweise ein Besucher-Paar, als sich einer der Desperado-Darsteller (Rodrigo Santoro) und seine Komplizin (Ingrid Bolsø Berdal) „sterbend“ im Dreck winden, nachdem sie beide erschossen haben.

Nur selten beziehungsweise zu selten konfrontieren Nolan und Joy die menschlichen Besucher mit ihrem Verhalten gegenüber den Robotern. Was umso verwunderlicher ist, da Dolores, Maeve und Co. eben in der Tat so menschlich aussehen und agieren wie es ihnen möglich erscheint. Dennoch werden die Darsteller eher wie Objekte behandelt, was angesichts ihrer identischen Anatomie mit den Park-Besuchern etwas ungewöhnlich erscheint. So ist es lediglich William, der allmählich beginnt, vom Bewusstsein von Dolores überzeugt zu werden. Doch hier findet sich eine weitere Crux der Show, denn wie schon Alex Garlands Ex Machina zuletzt reduziert Westworld seine künstliche Intelligenz letztlich primär auf das rein Sexuelle.

Wo die Faszination von Domhnall Gleesons Figur in Ex Machina darauf fußte, dass Alicia Vikanders Roboter auf Basis seiner Pornografie-Chronik gebaut wurde, wirkt auch Williams Unterstützung für Dolores weniger glaubhaft, da er Gefühle für sie entwickelt. Ähnlich wie in den Sex-Akten der anderen Besucher scheint niemandem bewusst zu sein, dass der Roboter, mit dem sie sich auseinandersetzen, keinerlei Sexualität besitzt. Die Faszination von Gleeson in Ex Machina oder Jimmi Simpson in Westworld an den künstlichen Intelligenzen basiert also nicht (nur) auf der künstlichen Intelligenz selbst, sondern auf der weiblichen Verpackung, in der sie daherkommt. Selbst wenn darunter prinzipiell dasselbe Gerüst steckt, wie bei männlichen Robotern.

Sowohl Ex Machina als auch Westworld opfern also einen interessanten Diskurs über die Beziehung von Mensch und künstlicher Intelligenz einer generischen Romanze nach traditionell-konservativem Rollenbild. Dies wiederum auch noch eingebettet in eine Geschichte, die sich mit fortschreitender Dauer immer mehr in ihre aufgeworfenen Fragen zurückzieht. Wer ist der Man in Black und was ist seine Agenda? Welche Motive treiben Ford an und können er und Bernard sich gegenüber Theresa und dem Aufsichtsrat der Park-Eigentümerfirma Delos behaupten? Werden es die Roboter wie Dolores und Maeve schaffen, sich ihrer Situation bewusst zu werden und wenn ja, wie und welche Konsequenzen wird dies haben?

Westworld opfert also im Prinzip das Interessante für das Gewöhnliche. Und wird dadurch auch nicht besser, dass es hierbei als versuchte Spannungsschraube selbst auf Repetition zurückgreift. Gerade in der zweiten Hälfte der Staffel langweilen die Road Trips durch den Park von William und Dolores sowie der des Man in Black nur noch, wie auch Maeves Bestrebungen, sich aus ihrer Lage zu befreien, immer wiederholen, während Hopkins’ Ford mit seinem müd-milden Blick den machiavellistischen Intrigen seines jeweiligen Gegenüber begegnet. Dass dann vermeintliche Twists bereits ab Mitte der Staffel absehbar sind, aber dennoch erst im Finale „aufgelöst“ werden, ist da nur umso ärgerlicher und anstrengender.

Insofern ist die Selbstreferenzialität von HBO’s Westworld natürlich keine gewollte, aber gerade hier hätte Potential gelegen, indem der Sender seine eigenen Probleme oder die, die er sich selbst durch seine Zuschauer (ähnlich wie Westworld mit seinen Besuchern) auferlegt, zum Thema macht. Dass Westworld als Erlebnispark dabei keinen rechten Sinn macht, wird da ironischerweise auch nur Ed Harris’ Figur nach drei Jahrzehnten des Besuches gewahr. Denn die Erfahrungen im Park können insofern nicht real sein, da sie ohne Konsequenzen sind. Wie aufregend ist eine Schießerei mit einer Bande Desperados, wenn deren Kugeln an einem Abprallen wie an Schwarzeneggers Terminator? Wenn man ein Gott unter Menschen ist?

Auch einen Blick jenseits des Parks lässt die Show nicht zu, deutet lediglich mit der Backstory des Man in Black kurz an, welche Diskrepanz zwischen dem Verhalten der Besucher in Westworld und außerhalb herrscht. Die Psychologie, die dahintersteckt, also raubend, vergewaltigend, mordend lebensechte Roboter heimzusuchen, ist für Nolan und Joy nicht existent. Ein Abstumpfungsaspekt, der als eine Überspitzung der Gewaltspieldebatte verschenkt ist. Denn 2D-Computerfiguren auf dem Bildschirm zu erschießen ist nochmals etwas anderes als ein Messer in ein lebensechtes Kind zu rammen, während man ihm beim Verbluten zuschaut. Was ihr Verhalten im Park für die Besucher in der realen Welt bedeutet, bleibt leider offen.

Dasselbe ließe sich auch für die Roboter sagen, sobald diese mehr und mehr Bewusstsein erlangen. Die Realität und ihre Diskrepanz zur vermeintlichen „wahren“ und rückständigen Welt der Park-Bewohner wird bei Seite gewischt für 0815-Actionorgien. Was bei Genre-Filmen aufgrund der begrenzten Laufzeit noch nachvollziehbar wäre, wird hier zur weiteren verschenkten Möglichkeit. Wo wenn nicht in einer 10-Stunden-Erzählung bestünde Raum, um darzulegen, was es bedeutet, wenn die Wirklichkeit, an die man im einen Moment noch glaubte, plötzlich Fiktion oder zumindest Vergangenheit ist? Und wie dramatisch muss der Sprung vom Wilden Westen in eine futuristische Landschaft sein, voll mit Technik, die einem unbekannt ist?

Westworld bedient sich vieler interessanter, faszinierender und spannender Ansätze, nutzt diese aber lediglich als Aufhänger für das übliche Sortiment des HBO-Warenregals. Das ist aufgrund der Ausstattung, Effekte und des durchaus überzeugend aufspielenden Ensembles keineswegs ein Totalausfall, am Ende aber nur Durchschnittsware, die trotz ihres enormen Potentials nie vollends zu überzeugen weiß. Die Ausnahme bildet The Original, eine Folge so gelungen, dass man im Prinzip Westworld hätte nach ihr beenden können und dennoch wäre alles gesagt. Nur hätte man dann eben auf entblößte Brüste und spritzendes Blut verzichtet. Sich davon zu trennen ist HBO, so scheint es, um der Show Willen bislang doch noch nicht bereit genug.

7/10

3. Dezember 2016

Kimi no na wa [Your Name]

You sure do like your boobs.

Wenn Figuren aus ihrem Element sind, ist das oft ein beliebtes Mittel, um Humor zu generieren. Allen voran sicherlich im Film-Subgenre des Körpertauschs, das speziell in den Achtzigern und Neunzigern an Popularität gewann. In Klassikern wie Like Father Like Son oder Freaky Friday wechselt meist ein Elternteil mit seinem pubertierenden Kind den Körper und damit die Perspektive, in Shinkai Makotos Kimi no na wa – international als Your Name vertrieben – sind es der Tokioter Schüler Taki (Kamiki Ryūnosuke) und die Kleinstadt-Jugendliche Mitsuha (Kamishiraishi Mone), die alle paar Tage im Körper des anderen aufwachen. Nur um jeder am Tag darauf dann aufzuarbeiten, was der andere zuvor einem als man selbst eingebrockt hat.

“You’re normal today”, stellt da Mitsuhas Großmutter ebenso beim Frühstück fest wie Takis Klassenkameraden, wenn beide wieder sie selbst und nicht der andere sind. Der Chronologie der Ereignisse folgt Shinkai dabei nicht immer ganz, so beginnt Kimi no na wa praktisch als der Körpertausch bereits im Gange ist. Ausgelöst durch einen Komet, der die Erde in den nächsten Tagen passiert, ist der Körpertausch speziell für Mitsuha ein kleiner Gewinn, ist sie doch von der Provinzialität ihrer Kleinstadt gelangweilt. “There’s really nothing in this town”, bestätigt ihre Freundin. Der Zug hält nur alle zwei Stunden am Bahnhof, es gibt keinen Zahnarzt, aber immerhin zwei Kneipen. Kein Wunder, träumt Mitsuha also von einem zukünftigen Leben in Tokio.

Dieses ermöglicht ihr der Körpertausch mit Taki, der sie bevorzugt mit dessen Freunden in ein Café treibt, wo sie sich an Kuchen und süßen Backwaren labt. Sehr zu Takis Missfallen, muss er doch aufgrund seiner steigenden Ausgaben mehr Schichten als Kellner übernehmen. Auch dabei fährt ihm Mitsuha in die Parade, beginnt sie doch bei ihren Ausflügen in seinen Körper Avancen gegenüber dessen etwas älterer Vorgesetzter (Nagasawa Masami) einzuleiten. Die Einblicke in Takis Leben in Mitsuhas Körper halten sich derweil in Grenzen, jenseits des wiederkehrenden amüsanten Gags, wenn er als erste Handlung stets ihre/seine Brüste massiert. Sehr zur Verwunderung von Mitsuhas kleiner Schwester Yotsuha.

Die Reduktion seiner Sicht auf das rein Körperliche ist zwar etwas schade, aber die Eingrenzung der Einblicke wohl auch der Tatsache geschuldet, dass Shinkai nach etwa der Hälfte der Laufzeit eine Art Twist einführt, der die zweite Hälfte des Films bestimmt. Zuvor ist Kimi no na wa so uneindeutig wie vorhersehbar zugleich, ganz so wie es japanische Animes mitunter sein können. Als es Taki ist, der in seinem Körper eine Verabredung mit seiner Vorgesetzten wahrnehmen darf, die Mitsuha zuvor eingeleitet hat, zeigt die sich zum Beispiel derart enttäuscht, dass kurz der Eindruck entsteht, sie habe ein aufrichtiges sexuelles Interesse an Takis Chefin. Wobei klar sein dürfte, dass Shinkai für sie auf eine Romanze mit Taki hinarbeitet.

Narrativ macht der Film dann in der zweiten Hälfte einen großen Sprung, wo dies womöglich gar nicht nötig gewesen wäre. Der Twist dominiert plötzlich das Geschehen und gibt eine Richtung vor, die wenig Platz für Ausflüge lässt. Wo die Geschichte zuvor gemächlich vor sich hinplätscherte, mit Taki und Mitsuha einander Nachrichten auf ihrem Smartphone oder direkt auf dem Körper hinterlassend, was sie alles nicht im Körper des anderen tun sollen, wird die Geschichte für die restliche Dreiviertelstunde auf einmal von einer unabwendbaren Dringlichkeit dominiert. Was jedoch nicht bedeutet, dass nicht weiter Raum für humorvolle Momente wäre, nur wirkt es doch wie ein enormer Tempowechsel, der etwas aus heiterem Himmel kommt.

Ungeachtet dessen liefert Shinkai Makoto mit Kimi no na wa einen visuell hinreizenden und inhaltlich amüsanten sowie durchaus bewegenden Film, der einen als Zuschauer so berührt, wie es für gewöhnlich nur japanische Animes – insbesondere die von Hosoda Mamoru – können. Der Voice Cast rund um Kamishiraishi Mone ist ebenfalls herausragend und die Musik von Radwimps trägt ihren Teil zur melancholischen Ergreifung des Publikums teil. Insofern ist Kimi no na wa zwar weniger ein typischer Vertreter für das Körpertausch-Genre, aber fraglos einer für das japanische Kino. Und bietet einem wie es Taki und Mitsuha selbst an einer Stelle im Film hinsichtlich des Kometen-Schweifs formulieren “nothing more, nothing less than a beautiful view”.

8/10

26. November 2016

Under the Sun [Im Strahl der Sonne]

Let’s do it with joy!

Der Esstisch ist prall gefüllt und während die dreiköpfige Familie isst, klärt der Vater seine acht Jahre alte Tochter auf, dass das Nationalgericht Kimchi vor Krebs schützt. Es folgt ein herzliches Lachen und dann ein Schnitt. Der „Regisseur“ unterbricht die Szene und gibt der Familie neue Anweisungen. Das 8-jährige Mädchen, Zin-mi, soll statt links vom Tisch rechts sitzen. Und dann doch wieder umgekehrt. Mal mit angewinkelten Beinen und dann doch wieder nicht. Auch das Lachen muss abgestimmt werden. Inszeniert wird dabei allerdings keine Spielfilm-Szene, sondern eine für das wahre Leben. Eine ausländische Filmcrew ist zu Gast in Nordkorea und kriegt von der dortigen Regierung hierbei nur das gezeigt, was diese zeigen möchte.

Der russische Regisseur Vitaly Mansky erhielt für seine Dokumentation Under the Sun Einblicke in Nordkoreas Gesellschaft, allerdings wie alle ausländischen Journalisten in Begleitung von staatlichen Kontrolleuren. Diese wählten Zin-mi als Protagonistin für Mansky aus und choreografieren ihren Alltag für den Regisseur und seinen Film. Vom Schulunterricht, der repetitiv den Konflikt mit Japan wiederholt, über Zin-mis Eintritt in die kommunistische Kinderunion des Landes bis hin zu der Aufnahme dieses Umstandes bei ihren Eltern und deren Umfeld. Damit ist Under the Sun nach Werner Herzogs Into the Inferno somit bereits der zweite Film in diesem Kinojahr, in dem ein ausländischer Regisseur in Nordkorea drehen durfte.

Wo Herzog jedoch die Partei der Arbeit Koreas ihre Propaganda ungefiltert runterbeten lässt, dankbar dafür, überhaupt in dem vom Ausland abgeschotteten Land drehen zu können, unterminiert Mansky kongenial die Restriktionen der stalinistischen Diktatur, indem er zwar all das filmt, was die Regierung für ihn und sein Team inszeniert, aber auch das, was zwischen und außerhalb der Plansequenzen stattfindet. So wie die Regieanweisungen an Zin-mi und ihre Familie beim Abendessen, aber auch in einer grandiosen Szene später den Besuch eines Militärs in Zin-mis Schule, wo dieser ausschweifend vom Korea-Krieg berichtet, Mansky aber fast ausschließlich die Kinder zeigt, die währenddessen kaum die Augen offenhalten können.

Insofern ist Under the Sun eine Dokumentation die über Zwischentöne funktioniert. In der man nicht das glauben soll, was man sieht, sondern durch die Art der Inszenierung erst die wahren Einblicke in eine mysteriöse Nation erhält. Dem Gerücht von der kritischen Ernährungslage der 24 Millionen nordkoreanischen Einwohner, die seit dem Zusammenbruch des Ostblocks in den Neunzigern besteht, wird somit dadurch begegnet, dass der Esstisch von Zin-mis Familie buchstäblich bis zum Rand gefüllt ist. Und auch die Uniform des Militärs bei seinem Schulbesuch ist derart mit Medaillen dekoriert, das wahrlich kein Platz für noch eine weitere wäre. Die müsste man dann schon an den beiden Ärmeln oder an der Hose befestigen.

Die Situationen, welche die Partei der Arbeit Koreas für Mansky erdenkt, sind oft derart absurd, dass man sich bisweilen kurz hinterfragt, ob die Nordkoreaner sie nicht vielleicht doch nur erdenken, um letztlich das Bild des Auslands über sie zu bestätigen. So wird Zin-mis Vater für den Film vom Journalisten zum Leiter einer Fabrik für Kleidungsstücke, die Mutter wiederum von der Cafeteria-Mitarbeiterin zur Vorarbeiterin in selbiger Firma. Als wäre dieses typische Arbeiter-Bild der beiden repräsentativer für die Außendarstellung des Landes. “Let’s do it with joy!”, lautet eine der Anweisungen der Partei-Kontrolleure an die Gruppe „Protagonisten“, die hier allesamt eine Fassade aufsetzen und sich sichtlich unwohl fühlen.

Die Propaganda platzieren die Nordkoreaner dabei wo sie nur können. Von den allgegenwärtigen Porträts von Kim Il-sung – auch 22 Jahre nach seinem Tod noch der Ewige Präsident – und seinem Sohn und Nachfolger Kim Jong-il bis hin zu den zahlreichen Legenden über die Rolle der Kim-Familie im Kampf gegen die ausländischen Mächte Japan und USA. Als Zin-mi in der Schule ein Gedicht vorsagen soll, stellt sich auch dieses nur als eine Parteidoktrin der Kommunisten heraus. Die immense Kontrolle der nordkoreanischen Regierung über ihr Volk ist offensichtlich und dieses fraglos das größte Opfer dieses restriktiven politischen Systems, das spätestens seit dem Ende der Sowjetunion gänzlich stagniert und veraltet wenn nicht obsolet ist.

Und auch wenn der Zuschauer vermeintlich wenig von der Realität in Nordkorea mitbekommt – vom fehlenden Zugang zum globalen Internet, über die Unmöglichkeit, das Land zu verlassen, außer zu fliehen, bis hin zu öffentlichen Hinrichtungen von Regimekritikern – so ermöglicht Vitaly Mansky mit seinem Film dennoch einen Blick hinter den (eisernen) Vorhang. Die Partei der Arbeit Koreas ist bestrebt ihr Land als Einheit zu zeigen, nicht zuletzt in den zweifelsohne beeindruckend choreografierten Paraden. Der Nationalismus ist stark verankert und muss auch früh in die nächste Generation indoktriniert werden, wenn das Bild von der starken Kim-Familie aufrecht erhalten werden soll. Hilfreich ist es allerdings auch nicht immer.

Wenn also Kim Il-sung stets in seinen mannigfachen Titeln unter anderem als “respected Generalissimo” bezeichnet wird, kann man sich denken, wie respektabel er in Wirklichkeit war, wenn diese Eigenschaft extra als Zusatz erwähnt werden muss. Es passt daher zumindest vom Ton her, wenn Vitaly Mansky seinen Film mit Violine-Musik unterlegt, die entfernt an John Williams’ Score zu Schindler’s List erinnert. Denn auch wenn hier kein Genozid betrieben wird – obschon es Konzentrationslager gibt –, so wird doch in gewisser Weise ein Volk in seine Zerstörung getrieben. Dass Mansky trotz der parteilichen Restriktionen ein derartiges filmisches Dokument geschaffen hat, kann im Grunde nicht hoch genug gelobt werden.

„Solange ein Volk gezwungen wird zu gehorchen, so tut es wohl, wenn es gehorcht; sobald es sein Joch abzuschütteln imstande ist, so tut es noch besser, wenn es dasselbe von sich wirft“, hatte Jean-Jacques Rousseau einst gesagt. Und man würde es Nordkoreas Volk wünschen, speziell natürlich der kleinen Zin-mi, sich von dieser Diktatur zu lösen. So unwahrscheinlich dies wohl sein dürfte gegenwärtig. “Try to think of something good”, instruiert ihre Lehrerin am Schluss eine in Tränen aufgelöste Zin-mi. “I don’t know what”, lautet die niederschmetternde Antwort. “Tell her everything will be alright”, hatte der Partei-Kontrolleur zuvor die Lehrerin angewiesen. Und irgendwie würde man das der 8-Jährigen in dem Moment auch gerne sagen.

7/10