18. Dezember 2014

Citizenfour

Sometimes to do the right thing you have to break the law.
(Edward Snowdon)

Er selbst sieht sich als „Patriot“, der Außenminister seines Landes hingegen nennt ihn einen „Verräter“ – liegt die Wahrheit nun irgendwo dazwischen? Oder ist Edward Snowden vielmehr weniger als noch, sondern eher ein Liberalist, ein Freiheitskämpfer der Moderne? Wie dem auch sei, die Lawine, die der ehemalige Systemadministrator der CIA im Juni 2013 mit seiner Enthüllung auslöste, die NSA, sein damaliger Arbeitgeber, würden nicht nur die Bürger der ganzen Welt, sondern sogar die eigenen abhören, rollt bis in die Gegenwart. Ncht einmal das Handy der Bundeskanzlerin war vor dem US-Geheimdienst sicher. Laura Poitras’ Dokumentation Citizenfour begleitete Snowdens Aufdeckung dieser Vorfälle im vergangenen Jahr mit der Kamera.

Zuerst nahm Snowden als anonyme Quelle mit der Regisseurin Kontakt auf, in Form von Dialogen, die wie eine Mischung aus The Matrix und All the President’s Men klingen. Schließlich trafen sie sich gemeinsam mit Glenn Greenwald, Journalist des britischen The Guardian, im Juni 2013 in einem Hotel in Hong Kong. Hier würde Edward Snowden ihnen verraten, dass die NSA seit Jahren im großen Stil die Rechner von Internetfirmen anzapft, um sich dort Videos, Fotos, E-Mails und Kontaktdaten zugänglich zu machen. Das Ganze nicht nur außerhalb der USA, wo es aufgrund des US-Kampfes gegen den Terror zumindest für die Vereinigten Staaten legal ist, sondern auch in ihrem eigenen Land. Was die Bürgerrechte der Amerikaner verletzt.

Anschließend bereitete Greenwald die Enthüllung des NSA-Abhörskandals mit seinem Kollegen Ewen MacAskill für die Medien auf, während Snowden bald untertauchte. Citizenfour begleitet jene Tage, in denen der 29-jährige Amerikaner die vermutlich schwerste Entscheidung seines Lebens trifft. Sein altes Leben – und damit auch seine Freundin und Familie – zurückzulassen, um die Menschheit auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Gut überlegt habe er sich das, versichert Snowden da Poitras an einer Stelle. Nervös sei er nicht. Er nehme eine Gefängnisstrafe in Kauf, ihm seien seine Rechte und die aller anderen auf Freiheit und Privatsphäre wichtiger. Wie ein Held 2.0 wirkt Snowden dabei. Wie ein Jesus Christus der Hacker-Szene.

Sympathisch kommt er rüber, mit Ahnung von dem, worüber er spricht. Wirklich schlau wird das Publikum aber nicht aus ihm. So edel seine Motive, so wenig nah wirkt Snowden zugleich. Und Poitras hakt auch nicht nach, was seine Entscheidung, seinen Arbeitgeber – immerhin die Regierung – zu bestehlen und mit den Informationen an die Öffentlichkeit zu gehen, für Folgen haben könnte. Der Mensch Edward Snowden erscheint in diesen Momenten sekundär, der Skandal überschattet alles – auch seine Person. Auch die Gefahr, in die sich Laura Poitras und Glenn Greenwald mit ihrer Berichterstattung begeben, wird allenfalls angerissen. Und bald weitet die Dokumentation dann ihre Spannweite auf andere Protagonisten aus.

Da wird in einer Szene auch kurz Julian Assange eingefangen, dessen Enthüllungsplattform WikiLeaks die Ausreise von Snowden nach Moskau geregelt hatte, ehe dort sein Pass eingezogen wurde. Und William Binney, ehemaliger Technischer Direktor der NSA und ebenfalls ein Whistleblower, darf in seinem Rollstuhl in den Bundestag einrollen. Unterdessen verschwindet Snowden in dem Moment wo er untertaucht auch aus Citizenfour – zumindest bis zu einem etwas konstruierten Epilog am Schluss. Und mit Snowden geht dem Film leider auch etwas von seiner Intensität verloren, die zuvor die Hotelszenen in Hong Kong bestimmt hatte – obschon man als Zuschauer bereits den Ausgang der damaligen Ereignisse kennt.

Und dennoch liegt auch hier zum Teil die Krux, denn mit anderthalb Jahren „Verspätung“ ist der Bedeutung der Dokumentation ein wenig der Wind aus den Segeln genommen. Der NSA-Abhörskandal ist keine Neuigkeit, nicht mal mehr Skandal, sondern aufgrund der politischen Untätigkeit wieder zum Alltag geworden. Insofern bietet Citizenfour am ehesten eine Art „Behind-the-Scenes“ einer der größten Enthüllungen der letzten Jahre, die in ihren besten Momenten packender ist als jeder John-le-Carré-Thriller und mit Edward Snowden eine auf Märtyrer getrimmte Figur hat, die sich als „Held“ dieser Geschichte praktisch aufdrängt. Weswegen Regisseur Oliver Stone die Geschichte im Jahr 2016 nochmals Hollywoodgerecht aufbereiten will.

7.5/10

12. Dezember 2014

Kreuzweg

Als Christen sind wir für die Schlacht geboren.

Wer eine Armee rekrutiert, fängt am besten damit bei den Jüngsten an. „In unserem Herzen tobt eine Schlacht zwischen Gut und Böse“, sagt Pater Weber (Florian Stetter) am Anfang von Dietrich Brüggemanns Kreuzweg im Firmungsunterricht seiner Gemeinde. Täglich sei man 100 Versuchungen ausgesetzt in der Schlacht zwischen Gott und dem Teufel, erklärt er einer Gruppe Jugendlicher. Mit ihrer Firmung würden sie ihrer Umwelt zeigen: „Dieser Mensch ist ein Soldat Jesu Christi.“ Es gilt, den Versuchungen zu widerstehen, Verzicht zu üben. Einen besonderen Eindruck hinterlässt die Rede bei der 14-jährigen Maria (Lea van Acken), die sich fortan in den Kopf setzt, für Gott den größten Verzicht anzustreben: den auf ihr Leben.

Dabei ist die Jugendliche hin und hergerissen zwischen den Erwartungen ihrer Eltern, Kirchengemeinde und von Gott sowie ihren eigenen Gefühlen. Als sie in der Schulbibliothek ein Gespräch mit ihrem Mitschüler Christian (Moritz Knapp) beginnt, der sie in seinen Kirchenchor einlädt, stürzt das die 14-Jährige in ein Dilemma. Schließlich singt Christians Chor nicht nur Bach, sondern auch Gospel und Soul. Beide werden von Pater Weber und Marias Mutter (Franziska Weisz) als „dämonische Rhythmen“ angesehen. Ein neuerlicher Streit entbrennt beim Vesper der sechsköpfigen Familie. „Meinetwegen könnten wir einfach eine glückliche Familie sein“, keift die Mutter ihre älteste Tochter an, die unterdessen in Tränen ausbricht.

Dietrich Brüggemann zeichnet in seinem jüngsten und auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch prämierten Film das Bild einer schrecklich christlichen Familie. Die scheint seit langem von Spannungen durchzogen, auch da das jüngste Kind, der vierjährige Johannes, an einer unbekannten Krankheit zu laborieren scheint. Er müsse nicht von Maria auf den Arm genommen werden, herrscht die Mutter sie bei einem Ausflug ins Grüne an – und verfrachtet den Vierjährigen stattdessen dafür in einen Kinderwagen. „Der Tag kann noch so schön sein, Maria findet immer einen Grund für schlechte Laune“, ist dann die nächste Breitseite aus dem Mund der Mutter, als Maria für ein anschließendes Familienfoto nicht lächeln will.

Einen wirklichen Zugang erfährt man als Zuschauer dabei nicht zur problematischen Beziehung zwischen Maria und der Matriarchin. Widerworte duldet diese nicht, weder von ihrer Tochter noch vom Kindermärchen Bernadette (Lucie Aron). Ihr Ehemann scheint das schon längst eingesehen zu haben und lässt die Gattin schalten und walten wie sie möchte. Die angespannte Situation zu Hause mit ihrem kleinen Bruder, der immer noch nicht gesprochen hat, und ihr gleichzeitiger Wunsch, zumindest ansatzweise ein Leben wie ihre Mitschüler zu haben, bilden den Rahmen für Marias fortwährende Passion, die Dietrich Brüggemann mit den 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu Christi auf seinem Weg zum Kalvarienberg kontrastiert.

Hierbei bedient sich Brüggemann in seinen Einstellungen – bis auf zwei Ausnahmen mit Dolly Shot und Kranfahrt – einer unbewegten Kamera, was den Szenen etwas Theatralisches verleiht. Aber zugleich wirkt eine derartige Mise-en-scene auf Dauer auch anstrengend, da oftmals nur minimale Aktionen die Szenen bestimmen. Im Vordergrund steht das Spiel von Lea van Acken und ihre Interaktion mit ihrer Umwelt. Darunter auch mit Mitschüler Christian, der versucht, sich ihr zu nähern. „Ich weiß genau, was ich will“, erklärt diese ihm, als im Sportunterricht das Gerücht die Runde macht, Christian sei in sie verliebt. „Ich will zu Gott“, blockt sie Christian ab. „Dabei stör ich dann wohl“, räumt dieser wie alle resignierend das Feld.

Als Parallele zu den letzten Tagen Jesu ist Kreuzweg bisweilen zwar ganz nett, vermag aber nicht wirklich unter die Oberfläche vorzudringen – insofern man die Geschichte nicht als reines Spiegelbild von Jesu Handeln liest. Marias Weg scheint vorherbestimmt – weniger von einer göttlichen Macht als von ihr selbst. Die Ohnmacht ihrer Umwelt ist etwas erstaunlich, das Ende des Films zugleich vorhersehbar. Der dargestellte Wahnsinn, der Christliche im Speziellen wie der Religiöse im Allgemeinen, wird in Kreuzweg nicht hinterfragt. Zumindest im Ansatz wäre dies vielleicht geschickter gewesen, so bleibt einem als Zuschauer nur, einer Figur dabei zuzusehen, wie sie für eine Nichtigkeit ihr Leben opfern will. Eben wie ein echter Soldat.

6/10

6. Dezember 2014

Momo e no Tegami [Ein Brief an Momo]

Ja, das waren noch Zeiten.

Andere Länder, andere Sitten. Ein bekanntest Sprichwort, das sich zugleich genauso oft bewahrheitet wie es sich vermutlich ins Gegenteil verkehrt. Dennoch lässt sich festhalten, dass japanische Zeichentrickfilme durchaus anders sind, als ihre – insbesondere – US-Kollegen. Das Phantastische wird bereitwilliger in den Alltag integriert, dazu gehören speziell Geister oder Fabelwesen. Sie sind oft unabdingbarer Teil der Werke von Miyazaki Hayao und seinem Studio Ghibli, von Tonari no Totoro bis hin zu Sen to Chihiro no kamikakushi. Mystisch-magisch schickt sich auch Okiura Hiroyukis Momo e no Tegami (bei uns als Ein Brief an Momo vertrieben) an, in dem ein kleines Mädchen über den plötzlichen Verlust ihres Vaters hinwegkommen muss.

Als Folge des Ablebens des Vaters ziehen die elfjährige Momo (Karen Miyama) und ihre Mutter (Yuka) von Tokio auf die Insel Shio zu Verwandten. Eher widerwillig fügt sich Momo in ihre neue Umgebung, während ihre Mutter sie tagsüber alleine lässt, um zur Arbeit zu gehen. Dann nimmt die Elfjährige obendrein noch Geräuschen wahr, die sich nach und nach als drei Yōkai zeigen. „Meine Mama ist nicht Zuhause und Geister erscheinen. Das Leben ist echt nicht einfach“, stöhnt Momo angesichts der Umstände auf. Nachdem sie sich zuerst sträubt, arrangiert sie sich bald mit den drei Yōkai in ihrem Haus. Und fragt sich vielmehr, was ihr Vater ihr in jenem Brief sagen wollte, den er vor seinem Tod bis auf die Anredezeile nicht fertigstellen konnte.

Okiura bedient sich in Momo e no Tegami eingestreuter Rückblenden, um die Beziehung zwischen Momo und ihrem Vater zu beleuchten. Im Streit gingen die beiden auseinander, weil Momo die Familie mit Konzertkarten überraschen wollte, der Vater jedoch bereits Pläne für den Abend gemacht hatte. Nun, da der Vater tot ist, macht sich Momo Vorwürfe, fehlt ihr doch ein emotionaler Abschluss. Und wie sich zeigt, sind die Yōkai nicht von ungefähr auf der Bildfläche erschienen, sondern es besteht zwischen ihrem Auftauchen und dem Tod von Momos Vater ein Zusammenhang. Ein Problem des Film ist allerdings, dass sich das alles weitaus ergreifender lesen lassen mag, als es dann letztlich in Momo e no Tegami tatsächlich rüberkommt.

Der Streit mit dem Vater allein wegen Konzertkarten wirkt selbst aus Sicht einer Elfjährigen enorm aufgebauscht, um wirklich als Basis für das emotionale Fundament zu funktionieren. Letztlich hätte er auch einfach von der Arbeit eingespannt und dadurch selten daheim sein können, um ebenso wirksam eine Sehnsucht zwischen Tochter und Vater zu rechtfertigen. Dass für diesen Abschluss-Prozess von Momo fast zwei Stunden aufgewendet werden, ist dann mehr als großzügig bemessen. Infolgedessen kommt Momo e no Tegami nicht um Längen herum, eher der Film nach einem vor sich hin plätschernden zweiten Akt in einem Finale endet, das die Elemente der Geschichte nur bedingt sinnig mit sich ins Reine zu bringen vermag.

Die Folgen auf eine Familie nach dem Tod des Vaters hat man nicht zuletzt im vergangenen Jahr mit Hosoda Mamorus Ōkami Kodomo no Ame to Yuki besser gesehen, auch Miyazakis Tonari no Totoro überzeugte mehr mit der gefühlsmäßigen Darstellung, welche Schatten ein kränkliches Elternteil auf seine Kinder wirft. Durch die Integration der Yōkai wirkt Momo e no Tegami teils wie eine Mischung aus verschiedenen Miyazaki-Werken, nur erreicht Okiuras Film (zu) selten die Klasse und Emotion des Kollegen oder eines Hosoda-san. Stattdessen tauchen immer wieder mal unpassende Szenen auf, sei es ein Yōkai, der Momos Bein ableckt oder ein anderer, der während einer ausufernden Fluchtsequenz versucht, sich durch Gefurze zu behelfen.

Momo e no Tegami deswegen als zweitklassigen Animationsfilm abzukanzeln, wäre sicher zu viel des Guten. Okiuras Film hat seine humorvollen wie auch berührenden Momente, aber nicht genug davon sowie ein konsequenteres Drehbuch. Wenn sich da der Postbote als ehemaliger Schulkamerad von Momos Mutter herausstellt, ahnt man schnell, in welche Richtung der Hase laufen wird. Und trotz der Länge des Films räumt Okiura seiner Protagonistin keine Zeit ein, um mit irgendeiner der Figuren wirklich eine tiefere Beziehung einzugehen. Insofern gibt es viel verschenktes Material, welches  sich Momo e no Tegami zu nutzen machen könnte. Vielleicht lernt Okiura jedoch daraus, denn wie lautet ein anderes Sprichwort? Übung macht den Meister.

6/10

1. Dezember 2014

Filmtagebuch: November 2014

22 JUMP STREET
(USA 2014, Phil Lord/Christopher Miller)
4/10

ABOUT TIME [ALLES EINE FRAGE DER ZEIT]
(UK 2013, Richard Curtis)

6/10

LA BELLE ET LA BÊTE [DIE SCHÖNE UND DAS BIEST]
(F/D 2014, Christophe Gans)

4/10

BORGMAN
(NL/B/DK 2013, Alex van Warmerdam)
7.5/10

BOYHOOD
(USA 2014, Richard Linklater)
3/10

COLD IN JULY
(USA/F 2014, Jim Mickle)
6/10

THE CORE
(USA/D/CDN 2003, Jon Amiel)
3.5/10

DOG DAY AFTERNOON [HUNDSTAGE]
(USA 1975, Sidney Lumet)

6/10

THE DOG
(USA 2013, Allison Berg/Frank Keraudren)
6/10

EXHIBITION
(UK 2013, Joanna Hogg)
5/10

FINDING VIVIAN MAIER
(USA 2013, John Maloof/Charlie Siskel)
8/10

FRIENDS – SEASON 2
(USA 1995/96, Michael Lembeck u.a.)
8/10

FRIENDS – SEASON 3
(USA 1996/97, Robby Benson u.a.)
7.5/10

THE GRAND BUDAPEST HOTEL
(USA/D/UK 2014, Wes Anderson)
6.5/10

GREZELI NATELI DGEEBI [DIE LANGEN HELLEN TAGE]
(GE/D/F 2013, Nana Ekvtimishvili/Simon Groß)

6.5/10

IDA
(PL/DK/F/UK 2013, Pawel Pawlikowski)
5/10

IN FEAR
(UK 2013, Jeremy Lovering)
6.5/10

JIGOKU DE NAZE WARUI [WHY DON’T YOU PLAY IN HELL?]
(J 2013, Sion Sono)
7/10

KAZE TACHINU [WIE DER WIND SICH HEBT]
(J 2013, Miyazaki Hayao)
6/10

THE KILL TEAM
(USA 2013, Dan Krauss)
7/10

LOST IN SPACE
(USA 1998, Stephen Hopkins)
4/10

ME, MYSELF & IRENE [ICH, BEIDE & SIE]
(USA 2000, Bobby Farrelly/Peter Farrelly)

3.5/10

MISS VIOLENCE
(GR 2013, Alexandros Avranas)
6/10

MOMO E NO TEGAMI [EIN BRIEF AN MOMO]
(J 2011, Okiura Hiroyuki)

6/10

A MOST WANTED MAN
(UK/USA/D 2014, Anton Corbijn)
6/10

NORTE, HANGGANAN NG KASAYSAYAN [NORTE, THE END OF HISTORY]
(RP 2013, Lav Diaz)

5.5/10

QU’EST-CE QU’ON A FAIT AU BON DIEU?
[MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER]
(F 2014, Philippe de Chauveron)

6.5/10

RICH HILL
(USA 2014, Andrew Droz Palermo/Tracy Droz Tragos)
8/10

A RIVER CHANGES COURSE
(K 2013, Kalyanee Mam)
6.5/10

SAKASAMA NO PATEMA [PATEMA INVERTED]
(J 2013, Yoshiura Yasuhiro)

5.5/10

THE SIGNAL
(USA 2014, William Eubank)
4/10

STARRED UP [MAUERN DER GEWALT]
(UK 2013, David Mackenzie)

7/10

SUNSHINE
(UK/USA 2007, Danny Boyle)
9/10

VI ÄR BÄST! [WE ARE THE BEST!]
(S/DK 2013, Lukas Moodysson)

6/10

LE WEEK-END
(UK/F 2013, Roger Michell)
7/10

WESTEN
(D 2013, Christian Schwochow)
6/10

WONDERS OF THE SOLAR SYSTEM
(UK 2010, Michael Lachmann)
7.5/10

WONDERS OF THE UNIVERSE
(UK 2013, Chris Holt u.a.)
7/10

24. November 2014

Finding Vivian Maier

I’m surprised she didn’t get shot.

Schon Theodor Fontane sagte: „Zufall ist der gebräuchlichste Deckname des Schicksals“. Da verwundert es nicht, dass vor sieben Jahren der damalige Immobilienmakler John Maloof bei einer Auktion eine Kiste erstand, dessen Inhalt es ihm angetan hatte. “This insane amount of negatives” lockte ihn, plante er doch ein Buch über Chicago zu illustrieren. Hierzu dienten die hunderttausende Negative zwar nicht, dafür begann Maloof zu recherchieren, um wen es sich bei deren Fotografin – Vivian Maier – handelte. Nur fand er keine Informationen im Internet. Und intensivierte seine Bemühungen. Diese führten ihn letztlich bis nach Frankreich, wie Maloof und Co-Regisseur Charlie Siskel in ihrer Dokumentation Finding Vivian Maier rekapitulieren.

Es stellt sich heraus, dass Vivian Maier ein ehemaliges Kindermädchen aus New York war, dass sich seine Freizeit damit vertrieb, auf Chicagos Straßen Menschen zu fotografieren. Wovon aber niemand wusste, hortete sie doch wie eine “pack rat” ihre Bilder und andere Besitztümer. Ehe sie von Maloof gefunden wurden. Einige ihrer bemerkenswerten Fotografien schaffen es natürlich auch in Finding Vivian Maier und selbst wer – wie ich – wenig für die Kunst der Fotografie übrig hat, dürfte die Schönheit von Maiers Bildern anerkennen sowie ihren Blick für das Alltägliche. “Who is behind the work?”, fragte sich John Maloof – und nahm schließlich Kontakt mit einigen Familien auf, für die Maier in der Mitte des 20. Jahrhunderts gearbeitet hat.

Musste der Beobachter zuvor Rückschlüsse auf Maier mittels ihrer Fotografien ziehen, zeichnen ihre ehemaligen Arbeitgeber und die von ihr betreuten Kinder ein genaueres Bild. “She came across as unusual”, formuliert die eine Person höflich. Und eine andere erinnert sich an das klassische Erscheinungsbild von Maier: “always the camera around her neck”. Stets hatte das Kindermädchen seine Rolleiflex griffbereit und knipste neben dem Straßenalltag auch Selbstporträts oder drehte Videos von ihren Gastfamilien. Über Maier selbst wussten diese wenig – nicht ungewollt. Brachte das Kindermädchen ihre Filme zum Entwickeln, gab sie regelmäßig einen anderen Namen an. Und war quasi ein identitätsloses Wesen.

Amüsant wird es, wenn zwei gegeneinander geschnittene Talking Heads darüber debattieren, ob Maiers französischer Akzent falsch war oder nicht. Während Maloof selbst nach Frankreich in eine Kleinstadt nahe der Alpen reist, von wo Maiers Mutter herstammte. Vivian Maiers Bilder sind zu diesem Zeitpunkt bereits in den Hintergrund gerückt. “I find the mystery of it more interesting than her work itself”, sagte zuvor schon eine Frau, die für Maier ihre Bilder entwickelt hat. Fragt sich Finding Vivian Maier an einer Stelle noch, wieso das Kindermädchen Bilder machte, die es nie jemandem zeigte, verraten Talking Heads bald darauf Maloof und Siskel eine andere Seite jener zurückgezogenen Frau, die 2009 im Alter von 83 Jahren verstarb.

“There was a dark side to her”, beschreibt eines der von Maier betreuten Kinder. Manche von ihnen wurden gewaltsam gefüttert, andere in Stadtteilen zurückgelassen – stets um ihnen eine Lektion zu erteilen. Während die einen sie aber als eher kaltherzige Frau bezeichnen, war sie für einige andere wiederum ein Mutterersatz. Wer und wie genau Vivian Maier tatsächlich war, kann auch die Dokumentation nicht klären. Ähnlich wie sich manche Gesprächspartner um ihren Akzent streiten, heißt es sowohl, sie habe in den Straßen die Menschen darum gebeten, zu posieren, als auch, dies sei nicht der Fall gewesen. Der Person Vivian Maier ist der Zuschauer somit nur begrenzt näher gekommen – sie bleibt ein menschliches Mysterium.

Für die Künstlerin hat man dagegen ein besseres Gespür bekommen. Ihre Bilder sprechen von einer künstlerischen Qualität, die auch Finding Vivian Maier innewohnt. Streckenweise erinnert der Film an den thematisch nicht unähnlichen Bill Cunningham New York, mit einer Prise Personenrecherche wie man sie zuletzt in Searching for Sugar Man sah. “She would have been a famous photographer”, lobt die Fotografin Mary Ellen Mark zu Beginn die Arbeiten Maiers. Und auch wenn sie es vermutlich selbst nicht gewollt hätte, ist Vivian Maier nach ihrem Tod nun tatsächlich zu einer solchen geworden – mit weltweiten Ausstellungen. Aber schon Plinius der Jüngere schrieb in seinen Epistulae, Ruhm müsse folgen und darf nicht erstrebt werden.

8/10

18. November 2014

The Signal

Did I find what I was looking for?

Bisweilen gibt es Filme, so sagen Stimmen, in/an die geht man am besten unbefleckt. Mit so wenig Informationen wie möglich. Jüngst war Christopher Nolans Interstellar so ein Fall, wo alleine der Name des Regisseurs Anlass genug für eine Sichtung sein sollte. Auch bezüglich William Eubanks The Signal, hört man, sollte man möglichst unwissend den Zugang suchen. Sicher eine Eigenheit von Mystery-Filmen, deren höchstes Gut ihr innewohnendes Geheimnis ist, welches es bis zur finalen Auflösung zu sichern gilt. Allerdings kann sich so mancher Filmemacher auch selbst ein Bein stellen, wenn das, was folgt, nicht das ganze Aufhebens rechtfertigt. So wie in Nolans Interstellar der Fall. Und in gewisser Weise auch in The Signal.

In diesem befinden sich drei Studenten eingangs auf einem Road Trip. Nic (Brenton Thwaites) und Jonah (Beau Knapp) begleiten Nics Freundin Haley (Olivia Cooke) auf ihrem Umzug von der Ost- and die Westküste der USA. Unterwegs wollen Nic und Jonah, die am MIT studieren, einem Hacker namens NOMAD nachgehen, der an ihrer Hochschule für Aufruhr gesorgt hat und – so zeigt sich – den Kontakt mit beiden sucht. Der kleine Abstecher zu seiner vermeintlichen Adresse verläuft aber alles andere als geplant und plötzlich sieht sich Nic in einem weißen Raum mit dem in einem Schutzanzug auftretenden Dr. Wallace Damon (Laurence Fishburne) konfrontiert. Und allerlei Fragen, darunter was eigentlich passiert ist und gerade vor sich geht.

Wie die Figur wird der Zuschauer dabei im Unklaren gelassen, erst allmählich werden Nic und ihm Puzzlebrocken dargereicht, die er zusammenführen darf/soll. Das Problem von The Signal ist: dies geschieht nicht sonderlich geschickt. Früh zeigt sich hier, dass ein Mystery-Film nur so gut ist, wie das Mysteriöse in ihm. Und hier dürften sich im Falle von Eubanks Film die Geister scheiden, je nachdem, wie groß das eigene Interesse an den gezeigten Vorgängen ausfällt. Zwar gibt Damon eine knappe Erklärung zu den Vorfällen, hieraus ergibt sich aber anschließend nicht sonderlich viel. An Fahrt gewinnt der Film erst zum Ende des zweiten – und weitestgehend verschenkten – Akts, wenn ein Wechsel der Szenerie vorgenommen wird.

Für Eubanks ist sein Film nach eigener Aussage eine Metapher für den Konflikt, Entscheidungen auf rationale und emotionale Weise zu treffen. Dies wiederum geht in The Signal jedoch fast durch die Bank hinweg unter, dafür kommt der Film viel zu gewöhnlich daher. Spätestens wenn nach anderthalb Stunden die Auflösung über den Bildschirm flackert, zeigt sich, dass The Signal ein klassischer Sci-Fi-Film ist, der nur durch seine Umsetzung aus Genrekollegen herauszustechen vermag. Ob das Finale all den Trubel zuvor rechtfertigt – sowohl für das Publikum wie innerhalb der Geschichte – wäre in Zweifel zu ziehen. Gänzlich befriedigend fällt es jedenfalls nicht aus, passt sich insofern aber der drögen Exposition an. Konsequent enttäuschend quasi.

Fans solcher Indie-Genre-Filmen wie sie The Signal, Europa Report und Co. darstellen, mögen sich daran vermutlich nicht stören. Bekanntes in neuer Form kann irgendwie ja auch zufrieden stellen. Wo The Signal in seiner Geschichte nur bedingt heraussticht, gelingt es Eubank dafür, in seiner technischen Umsetzung zu überzeugen. Immer wieder findet er erfrischende und gefällige Einstellungen, gerade im dritten Akt wartet er zudem mit träumerischen Bildmotiven auf, von denen man sich mehr gewünscht hätte. Zumindest von technischer Seite, einschließlich der Trickeffekte, setzt The Signal also Zeichen und gewinnt eine eigene Identität, die zu seiner größten Stärke verkommt. Unterm Strich ist dies aber dennoch nicht ausreichend.

Neben den Bildern verleiht auch Nima Fakhraras Musik dem Film eine eigene Note. Die allesamt sehr jungen Darsteller wiederum geben ebenfalls keinen Grund zum Tadel und auch Laurence Fishburne, sicherlich der profilierteste Beteiligte am Projekt, fügt sich gut in sein Umfeld ein. Somit ist es wohl nur zu bedauern, dass trotz dieser zahlreichen vielversprechenden Umstände aus The Signal kein gelungenerer Film geworden ist, weil ihm dies seine Handlung versagt. Oder genauer gesagt: sein ins Leere verlaufende Mysterium. Womöglich hätte es The Signal also ganz gut getan, wenn er bereits früher, zum Beispiel zur Mitte des zweiten Akts hin, mit offenen Karten gespielt hätte. Aber das hätte man wohl vorher wissen müssen.

4/10

Blu-Ray
Im Gegensatz zum Film weiß dessen Blu-ray zu beeindrucken. Der HD-Transfer wird den oft schön von Eubank eingefangenen Bildern mehr als gerecht, er ist scharf und deutlich im Detail. Auch der DTS-HD-Sound überzeugt, die Dialoge sind klar verständlich und wo Effekte nötig sind, treten diese hervor. Als Extras warten geschnittene Szenen und ein Behind-the-Scenes mit Making-of-Einblick sowie ein Audiokommentar, in dem die Macher auf ihre Einflüsse eingehen (der aber runder hätte sein können). The Signal erscheint am 21. November auf Blu-ray und DVD.

12. November 2014

Borgman

Is het al zover?

Der Fremde im Dorf ist in der Literatur ein durchaus beliebtes Szenario, um Zwietracht zwischen eine Gemeinde zu säen. Stephen King schickte in „Needful Things“ gleich den Teufel in Menschengestalt nach Maine, Asterix und Obelix bekamen es innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Mal mit solchen Gesellen zu tun. Zuerst mit dem manipulativen Tullius Destructivus in „Streit um Asterix“, wenige Bände später dann in „Der Seher“ mit dem verlogenen Lügfix. Das Resultat ist dasselbe: die Gemeinde geht sich selbst an die Gurgel. Alex van Warmerdam konzentriert das genannte Geschehen in seinem Film Borgman von der Gemeinde auf eine Familie. Die wird wider Willen und zugleich doch recht zufällig von einem Nachtalb heimgesucht.

Zu Beginn wird dieser, Anton (Jan Bijvoet) genannt, von einem Priester und zwei Männern aus seinem Wald-Unterschlupf verjagt. Kurzerhand sucht Anton ein wohlhabendes Stadtviertel auf, klingelt dort an Villentüren, um das Bad aufzusuchen. Wird der erste Versuch noch abgeschmettert, schafft er es, an der Haustür von Richard (Jeroen Perceval) und Marina (Hadewych Minis) seine Duftmarke zu hinterlassen. Auf Anspielungen in Richtungen Marina folgt Schläge von ihrem Gatten. “One thing led to another”, wird Richard später sagen. Marina wiederum bringt aus Schuldgefühlen Anton im Gasthaus unter. Aus einem Bad und einer Mahlzeit werden mehrere Tage und aus diesen entwickelt sich schließlich ein ganz eigenes Szenario.

Van Warmerdams Borgman macht sich dabei keine wirkliche Mühe, seine Handlung näher zu erklären. Die Bilder sprechen für sich und Antworten finden sich erst nach und nach und selbst dann bleiben Fragen offen. Was genau Anton und seine Kumpanen Ludwig (Alex van Warmerdam) und Pascal (Tom Dewispelaere) sind, bleibt offen. Zumindest vollends menschlich sind sie nicht, darauf lässt schon die Tatsache schließen, dass sie eingangs von einem bewaffneten Priester gejagt werden. Auch der Sinn ihrer diabolischen Taten wird erst zum Schluss „deutlich“. Zumindest auf den Reichtum, den Richard und Marina mit ihrem durchgestylten Wohngelände und Lebenstil repräsentieren, scheinen es Anton und Co. nicht abgesehen zu haben.

Ihr Einfluss auf das gutbürgerliche Ehepaar und seine drei Kinder sowie das Kindermädchen macht sich jedoch bald bemerkbar. Marina kommt nicht umhin, Anton helfen zu wollen und wird dann von Träumen häuslicher Gewalt geplagt. Dies wiederum wirkt sich auf ihre Beziehung zu Richard aus – was ihr bisweilen gewahr wird. “Sometimes everything seems unreal to me”, gesteht sie und bittet ihren Mann: “We must trust each other.” Sie weiß sehr wohl, dass etwas nicht stimmt, dass die Familie nicht alleine ist. “The shell of something that means harm” sei anwesend – nur realisiert Marina nicht, dass sie über Anton spricht. Dessen Plan ist bereits in Aktion getreten und beginnt sich nun auch auf Richard und Marinas Umfeld auszuwirken.

Mit welcher Nonchalance Anton und seine Truppe vorgehen, sorgt für unterschwelligen Humor. Sei es beim Entledigen unliebsamer Personen oder wenn das Desinteresse nach erreichten Etappenzielen die Familienmitglieder vor den Kopf stößt. Dabei kommt Borgman jedoch nicht umhin, manche Wendung etwas arg zu strapazieren. Da wird dann sogar der Freund des Kindermädchens zum Sohn von Richards Vorgesetzten – und alles nur für zusätzliches Drama. Auch andere Szenen wie ein nächtliches Theaterstück oder ein Ausflug mit den Kindern wirken etwas unnötig aufgebläht. Infolgedessen gerät Borgman in seiner Dekonstruktion eines Familienidylls etwas zu lang, vermag es aber dennoch, die Spannung aufrecht zu erhalten.

Zwar hätte man sich ein größeres Spektrum von Antons Einflussnahme gewünscht, mit einem stärkeren Fokus auf Richard, die Inszenierung des Geschehens alleine weckt aber auch so das Interesse. In gewisser Weise ist Borgman somit ein modernes Märchen – nur eben mit dem düsteren Charakter, wie sie Märchen früher einst besaßen. Dabei ist der Film weder Thriller, noch Drama, Horror oder Fantasy, vielmehr von allem eine Melange, die überzeugt und gefällt. Die Konzentration der Geschichte in ein pompöses Familienhaus und die niederländische Kultur spielen van Warmerdams Film ebenfalls in die Karten. Und letztendlich bestätigt Borgman somit, dass fremden Leuten mit Vorsicht zu begegnen ist. Dem Film dagegen nicht.

7.5/10

6. November 2014

Bai Ri Yan Huo [Feuerwerk am hellichten Tage]

Nur Heulen bringt nichts.

Zwei Polizisten, ein wiederkehrender Serienmord-Fall, der sie auch nach Jahren nicht loslassen will – ein Stilmittel, welches im Thriller-Genre kein Unbekanntes ist. Aus dem asiatischen Raum kennt man es beispielsweise aus Bong Joon-hos Salinui chueock (aka Memories of Murder), nicht unähnlich findet es sich nun in Diāo Yìnáns Bai Ri Yan Huo (dt. Feuerwerk am hellichten Tage) wieder, der im Frühjahr auf der Berlinale den Goldenen Bären mit nach Hause nahm. Darin erzählt der Regisseur von Mordfällen im Norden Chinas, die sich von 1999 bis 2004 erstrecken und das Leben einer Handvoll Figuren für immer verändern werden. Allen voran natürlich das von zwei Polizisten, die der Fall in jenen fünf Jahren nicht loslassen wird.

Der eine von ihnen ist Zhang (Fan Liao), den wir zu Beginn dabei beobachten, wie er einen sexuellen Übergriff auf seine gerade von ihm geschiedene Ex-Frau zu verüben versucht. Er und sein Kollege Wang (Ailei Yu) werden auf den Plan gerufen, als in mehreren Kohleanlagen Leichenteile entdeckt werden. Die Spur führt sie alsbald zu einem Verdächtigen, doch bei der Festnahme sterben zwei Beamte, Zhang wird obendrein verletzt. Daraufhin scheidet er aus dem Dienst aus, heuert als Sicherheitswachmann an und verfällt dem Alkohol. Bis ihn fünf Jahre später Wang aufsucht, als neue Leichen auf der Bildfläche erscheinen. Was sie verbindet: Alle Opfer hatten eine Affäre mit der Reinigungsangestellten Wu (Gwei Lun-Mei).

Deren Mann Liang Zhijun (Wang Xuebing) war obendrein eines der Opfer von 1999, doch hinter der Mordserie scheint weitaus mehr zu stecken, als es den Anschein hat. „Wer mit der was anfängt, den erwischt es“, kommentiert Wang trocken in Bezug auf Wu. Was Zhang nicht davon abhält, mit der introvertierten Frau nach und nach eine Romanze zu beginnen. Seine Motivation hierzu ist vielschichtig. Einerseits, weil sich der einsame Mann vielleicht tatsächlich zu ihr hingezogen fühlt, andererseits, weil er bestrebt ist, mit den traumatischen Ereignissen von 1999 ein für allemal abzuschließen. „Ich suche nur nach irgendwas, was ich tun kann“, sagt er an einer Stelle zu seiner Involvierung. „Sonst wäre mein Leben absolut sinnlos.“

Nach und nach gibt Bai Ri Yan Huo tiefere Einblicke in den vorliegenden Fall, wenn sich die Schlinge um den vermeintlichen Täter enger zu ziehen scheint. Gegenüber anderen Genrefilmen kommt Diāo Yìnáns Beitrag weitaus ruhiger und geerdeter daher, losgelöster als Bongs Salinui chueock und auch weniger atmosphärisch dicht wie Finchers Se7en oder Zodiac. Bisweilen, was allerdings auch der Kamera geschuldet ist, wirkt es, als würde man einen chinesischen Tatort sehen, selbst wenn der Film gerade in seiner zweiten Hälfte mit schönen Farb- und Bildmotiven spielt. Wirklich mitreißen wollen einen die Handlung und seine oftmals fragwürdig agierenden Figuren jedoch nicht. Gerade der laxe Umgang mit Tatverdächtigen bleibt hier nie folgenlos.

Fan Liao, ebenfalls bei der Berlinale ausgezeichnet, gibt dabei einen leicht lethargischen aber überzeugenden Protagonisten ab. Der Film selbst wartet bisweilen zudem mit amüsanten Auflockerungen auf, sei es, wenn plötzlich ein Pferd mitten im Revier steht oder Zhang im Suff sein Motorrad gestohlen wird und er fortan mit dem Roller des Diebs durch die verschneiten Straßen brettert. Auch der Schluss passt sich dem irgendwie an, selbst wenn er inhaltlich verzichtbar gerät und das Ende der Szene zuvor nicht minder, wenn nicht gar besser geeignet gewesen wäre, um einen Schlussstrich unter die Handlung zu ziehen. Ungeachtet dessen verfügt Bai Ri Yan Huo über eine ganz eigene Qualität, die ihn wiederum mit anderen Berlinale-Siegern eint.

Ähnlich wie sich Oscarpreisträger gleichen, zieht sich auch durch Preisträger des Goldenen Bären ein roter Faden. Gleich ob dieser nun Grbavica (2006), La teta asustada (2009), Jodaeiye Nader az Simin (2011) oder Poziția Copilului (2013) heißt. Eine Art Film, die nicht jedermanns Sache ist, keineswegs für ein Massenpublikum, aber auch innerhalb der Arthouse-Sparte oftmals durchaus speziell. Durchweg überzeugend fällt keiner dieser Filme dabei aus, auch nicht Bai Ri Yan Huo, insbesondere innerhalb seines Genres. Zu blass bleiben die Antagonisten, zu leblos die Hauptfigur. Wirklich überraschen mag da auch die Auflösung nicht. Zumindest den Zuschauer lässt dieser Serienmordfall also relativ einfach wieder aus seinen Fängen.

6/10

„Feuerwerk am hellichten Tage“ ist seit 6. November auf Blu-ray und DVD erhältlich.

5. November 2014

Interstellar

Er ist zurück, einer der schlimmsten Filmverbrecher Hollywoods. Wenig war im Vorfeld bekannt zu Christopher Nolans Interstellar – wohl, weil seine Sci-Fi-Schmonzette wenig Worte verdient. Halb hanebüchene Weltraumsaga, halb Spielberg-Gedächtniskino mit starkem Kubrick-Referenzeinschlag trägt Nolans neuester Film doch durchweg die Handschrift seines Regisseurs: Blasse Figuren kämpfen sich durch eine dümmliche Handlung. Da vermag auch Matthew McConaughey kaum was zu retten. Mein ausführliches Review (mit Spoilern zu den ersten 45 Filmminuten) könnt ihr bei Evolver lesen.

1. November 2014

Filmtagebuch: Oktober 2014

ARUITEMO ARUITEMO [STILL WALKING]
(J 2008, Kore-eda Hirokazu)

8/10

BAI RI YAN HU [FEUERWERK AM HELLICHTEN TAG]
(CN 2014, Diāo Yìnán)

6/10

CHILD’S PLAY [CHUCKY – DIE MÖRDERPUPPE]
(USA 1988, Tom Holland)

2.5/10

DEUX JOURS, UNE NUIT [ZWEI TAGE, EINE NACHT]
(B/F/I 2014, Jean-Pierre Dardenne/Luc Dardenne)
6/10

DEXTER – SEASON 1
(USA 2006, Michael Cuesta u.a.)
8/10

DEXTER – SEASON 2
(USA 2007, Marcos Siega u.a.)
8/10

DEXTER – SEASON 3
(USA 2008, Marcos Siega u.a.)
8/10

THE DOUBLE
(UK 2013, Richard Ayoade)
3/10

EDGE OF TOMORROW (3D)
(USA/AUS 2014, Doug Liman)

7/10

ENEMY
(CDN/E 2013, Denis Villeneuve)
8/10

THE EXORCIST [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1973, William Friedkin)

5/10

FED UP
(USA 2014, Stephanie Soechtig)
7/10

FRIENDS – SEASON 1
(USA 1994/95, James Burrows u.a.)
7.5/10

FROZEN
(USA 2010, Adam Green)
3/10

THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO [VERBLENDUNG]
(USA/S/N 2011, David Fincher)

4/10

GONE GIRL
(USA 2014, David Fincher)
5.5/10

THE INTERNET’S OWN BOY: THE STORY OF AARON SWARTZ
(USA 2014, Brian Knappenberger)
6/10

INTERSTELLAR
(USA/UK 2014, Christopher Nolan)
3.5/10

IVORY TOWER
(USA 2014, Andrew Rossi)
6/10

THE JUNGLE BOOK [DAS DSCHUNGELBUCH]
(USA 1967, Wolfgang Reitherman)

7/10

MICKEY BLUE EYES
(USA/UK 1999, Kelly Makin)
8.5/10

NIGHTBREED [CABAL – DIE BRUT DER NACHT]
(USA 1990, Clive Barker)

3/10

NIGHTCRAWLER
(USA 2014, Dan Gilroy)
8.5/10

OBVIOUS CHILD
(USA 2014, Gillian Robespierre)
4.5/10

OKTOBER NOVEMBER
(A 2013, Götz Spielmann)
6/10

THE SACRAMENT
(USA 2013, Ti West)
3/10

SE7EN [SIEBEN]
(USA 1995, David Fincher)

7/10

THE SIEGE [AUSNAHMEZUSTAND]
(USA 1998, Edward Zwick)

6/10

SOSHITE CHICHI NI NARU [LIKE FATHER, LIKE SON]
(J 2013, Kore-eda Hirokazu)

7/10

STROMBERG - DER FILM
(D 2014, Arne Feldhusen)
6/10

THEY CAME TOGETHER
(USA 2014, David Wain)
2.5/10

THOR
(USA 2011, Kenneth Branagh)
4.5/10

THOR: THE DARK WORLD [THOR – THE DARK KINGDOM]
(USA 2013, Alan Taylor)

3.5/10

TODA-KE NO KYŌDAI [DIE GESCHWISTER TODA]
(J 1941, Ozu Yasujirô)

5.5/10

TŌKYŌ MONOGATARI [DIE REISE NACH TOKIO]
(J 1953, Ozu Yasujirô)

7/10

THE TWO FACES OF JANUARY [DIE ZWEI GESICHTER DES JANUARS]
(UK/F/USA 2014, Hossein Amini)

5.5/10

UNDER SIEGE [ALARMSTUFE: ROT]
(USA/F 1992, Andrew Davis)

6.5/10

WEDDING CRASHERS [DIE HOCHZEITS-CRASHER]
(USA 2005, David Dobkin)

8/10

ZODIAC [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2007, David Fincher)

8/10

24. Oktober 2014

Nightcrawler

Good people who reach the top of the mountain didn’t just fall there.

Ohne Fleiß, kein Preis, denn von nichts kommt nichts und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Allesamt Redensarten, die Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) in Dan Gilroys Debütfilm Nightcrawler wohl problemlos abnicken würde. “If you wanna win the lottery you have to make the money to buy a ticket”, formuliert Lou es selbst. Oder auch: “Good things come to those who work their asses off.” Lou selbst ist ein Ruheloser, der seine Bestimmung noch nicht gefunden hat. Zu Beginn des Films sehen wir ihn als Kupferdieb, der eine Anstellung auf dem Bau sucht, was jedoch abgelehnt wird. Auf seinem Heimweg beobachtet Lou einen Autounfall und ein Unfallreporter-Team um Joe Loder (Bill Paxton). Eine neue Passion scheint geweckt.

Mit einer veralteten Videokamera und einem Polizeifunkgerät harrt Lou fortan nachts der Dinge, muss jedoch, wie sich zeigen wird, noch einiges lernen, um ein effektiver Unfallreporter zu werden. Seine penetrante Art bringt ihm eines Abends einen kleinen Vorteil und hilft ihm, sein erstes Video an die Nachrichtenchefin Nina (Rene Russo) eines kleinen Lokalsenders zu verkaufen. Mit dieser Bestätigung im Gepäck steigt Lous Motivation und Ambition. Was sich unweigerlich auf seine Arbeit auswirkt. Um sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu verschaffen, manipuliert Lou bald darauf Requisiten und auch schon mal Unfallopfer für eine bessere Einstellung. Sein Ansehen wächst, während für Lou die Grenzen verwischen.

Thematisch steht Gilroys Nightcrawler dabei in der Tradition von Genrevertretern wie Billy Wilders Ace in the Hole oder auch der fünften Staffel von HBO’s The Wire, wenn Journalisten ihre Storys zum persönlichen Profit manipulieren. Auch eine Prise – obschon etwas offensichtlicher – Medienkritik fehlt nicht, wenn Nina und Lou an verschiedenen Stellen einander respektive dem Zuschauer erklären, wie Fernsehnachrichten funktionieren. Außenpolitik wird in wenigen Sekunden abgefertigt, Unfälle und Kriminalität bilden die Aufmacher: “If it bleeds, it leads.” Alles wegen der Quote, versteht sich, die wiederum auch den beruflichen Stand von Nina und Lou sowie infolgedessen die Arbeitsbeziehung der beiden bestimmt.

Angesichts von Lous Charakter – er wird zu Beginn mit leicht soziopathischen Zügen gezeichnet – ist natürlich absehbar, in welche Richtung sich der Film entwickelt. Genauso wie die Dynamik zwischen Gyllenhaals Figur und dem restlichen Ensemble. Zu diesem erhalten wir nur wenig Einblick, einschließlich Rick (Riz Ahmed), den Lou nach wenigen Monaten als seinen Assistenten mit ins Boot holt. Und auch wenn es für Lou ganz gut läuft, fehlt ihm immer noch die letzte große Story, die ihn tatsächlich hoch auf die Bergspitze katapultiert, wo er sich selbst sieht. Gyllenhaals Figur hält dabei unentwegt das Interesse des Publikums an ihr aufrecht, insbesondere wenn sie selbstbewusst wie ein Wasserfall verbale Überzeugungsarbeit leistet.

Nach Enemy liefert Jake Gyllenhaal somit seine zweite – im Grunde: dritte – starke Leistung in diesem Jahr ab. Und mausert sich somit vom vermeintlichen neuen Poster Boy Hollywoods zum ernstzunehmenden Charakterdarsteller. Dass der Schauspieler für seine Rolle zehn Kilo abnahm, sieht man ihm an und trägt seinen Teil zur Kreation Lous bei. Nightcrawler selbst ist dabei trotz leichter Längen zum Ende des zweiten Akts ein mitreißender Urban-Medien-Thriller, der speziell im Finale trotz dessen Vorhersehbarkeit – wenn man will, liegt gerade hier die Klasse des Films – die Spannungsschraube andreht. Da mag man es Gilroy verzeihen, dass sich sein Debüt bloß an der Oberfläche bewegt, ohne je tiefgründig zu werden.

An einer Kritik am Fernsehnachrichtenwesen ist die Geschichte nicht interessiert. Genauso wenig am Innenleben ihrer Figuren. Vielmehr kombiniert es beide und labt sich an der Integration der Charaktere in die Szenerie. In seinem Hauptdarsteller hat der Film dabei nicht seine einzige Qualität, die Kameraarbeit von Robert Elswit – insbesondere während der Verfolgungsjagd im Finale – darf ebenfalls gelobt werden. Genauso wie das Drehbuch und die Regie von Dan Gilroy selbst. Es gibt wahrlich schlechtere Filme als Nightcrawler, mit denen man sein Debüt feiern kann. Und auch, wenn noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, kann man (hoffentlich) auf Gilroy die Redensart münzen: Früh übt sich, wer ein Meister werden will.

8.5/10

18. Oktober 2014

Oktober November

Nützlich sein, sonst darf man net glücklich sein.

Ein Sprichwort sagt, jeder ist seines Glückes Schmied. Vermutlich würden die Figuren in Götz Spielmanns Filmen dies nicht unterschreiben wollen. Schon die Charaktere in seinem vor fünf Jahren für einen Oscar nominierten Revanche hatten mit Widrigkeiten und einander zu kämpfen. Auch in seinem neuen Film, Oktober November, macht es der österreichische Regisseur seinen Geschöpfen nicht leicht. Sie hadern mal wieder miteinander, aber auch mit sich selbst. Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden Schwestern Verena (Ursula Strauss) und Sonja (Nora von Waldstätten), die im Grunde gänzlich unterschiedliche Leben führen, aber – so zeigt sich im Verlauf des Films – doch mehr gemein haben, als ihnen selbst bewusst scheint.

Während Sonja, die Jüngere, in Berlin als Schauspielerin arbeitet, lebt Verena mit ihrem Mann Michael (Johannes Zeiler) und dem gemeinsamen Sohn im ehemaligen Gasthaus ihres Vaters (Peter Simonischek). Dessen Gesundheit lässt allmählich nach, weswegen sich der Landarzt Andreas (Sebastian Koch) um den Witwer kümmert. Dennoch erleidet der alte Mann eines Abends nach dem Vesper einen Herzinfarkt, der ihn beinahe ins Jenseits befördert. Der Vorfall ist Anlass für Sonja, nach Jahren der Abwesenheit, die seit dem Tod der Mutter ins Land gezogen sind, wieder in ihre Heimat in die österreichische Provinz zurückzukehren. Doch ihren Ballast, der sie schon in Berlin geplagt hat, wird sie auch hier nicht los.

Scheinen die Figuren auf den ersten Blick ein glückliches Leben zu führen – Sonja als populäre Schauspielerin, Verena als Ehefrau und Mutter –, entblößt sich dieser Umstand lediglich als eine Fassade. Trost suchen beide in Affären, Sonja mit einem verheirateten Familienvater, Verena derweil mit Andreas. Die Umstände der Romanzen bleiben offen, werden höchstens angerissen. Wo Verena vermutlich aus ihrem Alltagstrott auszubrechen versucht, der sie zu erdrücken scheint, will Sonja eine Leere füllen, die ihren Ursprung in der Vergangenheit hat. „Kein Mensch weiß, wie er wirklich ist“, sagt die junge Schauspielerin zu Beginn. Zumindest sie und ihre ältere Schwester werden diese Aussage in Oktober November zu untermauern versuchen.

Mit der Anwesenheit von Sonja wird das Leben Verenas nicht leichter. Alte Spannungen und Gefühle der Eifersucht kochen wieder hoch. Im Gegensatz zu ihrer Schwester konnte Verena nie das Leben leben, das sie sich erträumte. Sie musste zurückbleiben in der Provinz im Gasthof des Vaters. „Es war sein größter Wunsch, dass ich weitermach’“, sagt die Tochter über den Vater. Und gesteht zugleich, dass sein Tod für sie in gewisser Weise Freiheit bedeuten würde. Freiheit von alten Erwartungen und gegenwärtigen Anforderungen. Von solchen wiederum scheint Sonja eher weniger geplagt und dennoch wirkt sie ungemein fragil. Eine Depression hat sie erst überwunden, erfahren wir, einem Glas Weißwein ist sie selten abgeneigt.

Sie habe immer bewundert und geliebt werden wollen, berichtet sie Andreas in einer Szene. „Bewundert und geliebt… geht das zusammen?“, fragt dieser halb im Spaß, halb im Ernst zurück. Wenn Verena ihr später vorwirft „Du musst dauernd ’ne Rolle spielen“, dann ist dies nicht weit von der Wahrheit entfernt. Und hier zeigt sich auch das Hauptproblem von Spielmanns Film: Was den beiden Schwestern im Leben zu fehlen scheint, insbesondere Sonja, weiß Oktober November nicht vollends deutlich zu machen. Dass der Regisseur teils, gerade in der Herzinfarktszene, mit verspielter Inszenierung und unnötigem Zoom arbeitet, fällt obendrein von technischer Seite negativ ins Auge. Zumindest das Ensemble lässt sich nichts zu Schulde kommen.

Auch Österreichs Landschaft ist wieder in gewisser Weise ein Charakter ganz für sich. Und dennoch erreicht Oktober November selten die Intensität und Qualität von Spielmanns Revanche. Dafür fehlt es am Einblick in das Innenleben der beiden Schwestern und einer etwas klareren Herausarbeitung ihrer ambivalenten Dynamik. Nach fünf Jahren Pause meldet sich Götz Spielmann somit nicht wirklich mit alter Stärke zurück, obschon man den Film auch nicht vollends als Enttäuschung ansehen kann. Zumindest sein Potential schöpft Oktober November jedenfalls nicht aus. Möge sich dies also beim nächsten Projekt des österreichischen Regisseurs wieder ändern. Denn jeder ist seines Glückes Schmied – das gilt auch für Götz Spielmann.

6/10