24. Oktober 2014

Nightcrawler

Good people who reach the top of the mountain didn’t just fall there.

Ohne Fleiß, kein Preis, denn von nichts kommt nichts und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Allesamt Redensarten, die Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) in Dan Gilroys Debütfilm Nightcrawler wohl problemlos abnicken würde. “If you wanna win the lottery you have to make the money to buy a ticket”, formuliert Lou es selbst. Oder auch: “Good things come to those who work their asses off.” Lou selbst ist ein Ruheloser, der seine Bestimmung noch nicht gefunden hat. Zu Beginn des Films sehen wir ihn als Kupferdieb, der eine Anstellung auf dem Bau sucht, was jedoch abgelehnt wird. Auf seinem Heimweg beobachtet Lou einen Autounfall und ein Unfallreporter-Team um Joe Loder (Bill Paxton). Eine neue Passion scheint geweckt.

Mit einer veralteten Videokamera und einem Polizeifunkgerät harrt Lou fortan nachts der Dinge, muss jedoch, wie sich zeigen wird, noch einiges lernen, um ein effektiver Unfallreporter zu werden. Seine penetrante Art bringt ihm eines Abends einen kleinen Vorteil und hilft ihm, sein erstes Video an die Nachrichtenchefin Nina (Rene Russo) eines kleinen Lokalsenders zu verkaufen. Mit dieser Bestätigung im Gepäck steigt Lous Motivation und Ambition. Was sich unweigerlich auf seine Arbeit auswirkt. Um sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu verschaffen, manipuliert Lou bald darauf Requisiten und auch schon mal Unfallopfer für eine bessere Einstellung. Sein Ansehen wächst, während für Lou die Grenzen verwischen.

Thematisch steht Gilroys Nightcrawler dabei in der Tradition von Genrevertretern wie Billy Wilders Ace in the Hole oder auch der fünften Staffel von HBO’s The Wire, wenn Journalisten ihre Storys zum persönlichen Profit manipulieren. Auch eine Prise – obschon etwas offensichtlicher – Medienkritik fehlt nicht, wenn Nina und Lou an verschiedenen Stellen einander respektive dem Zuschauer erklären, wie Fernsehnachrichten funktionieren. Außenpolitik wird in wenigen Sekunden abgefertigt, Unfälle und Kriminalität bilden die Aufmacher: “If it bleeds, it leads.” Alles wegen der Quote, versteht sich, die wiederum auch den beruflichen Stand von Nina und Lou sowie infolgedessen die Arbeitsbeziehung der beiden bestimmt.

Angesichts von Lous Charakter – er wird zu Beginn mit leicht soziopathischen Zügen gezeichnet – ist natürlich absehbar, in welche Richtung sich der Film entwickelt. Genauso wie die Dynamik zwischen Gyllenhaals Figur und dem restlichen Ensemble. Zu diesem erhalten wir nur wenig Einblick, einschließlich Rick (Riz Ahmed), den Lou nach wenigen Monaten als seinen Assistenten mit ins Boot holt. Und auch wenn es für Lou ganz gut läuft, fehlt ihm immer noch die letzte große Story, die ihn tatsächlich hoch auf die Bergspitze katapultiert, wo er sich selbst sieht. Gyllenhaals Figur hält dabei unentwegt das Interesse des Publikums an ihr aufrecht, insbesondere wenn sie selbstbewusst wie ein Wasserfall verbale Überzeugungsarbeit leistet.

Nach Enemy liefert Jake Gyllenhaal somit seine zweite – im Grunde: dritte – starke Leistung in diesem Jahr ab. Und mausert sich somit vom vermeintlichen neuen Poster Boy Hollywoods zum ernstzunehmenden Charakterdarsteller. Dass der Schauspieler für seine Rolle zehn Kilo abnahm, sieht man ihm an und trägt seinen Teil zur Kreation Lous bei. Nightcrawler selbst ist dabei trotz leichter Längen zum Ende des zweiten Akts ein mitreißender Urban-Medien-Thriller, der speziell im Finale trotz dessen Vorhersehbarkeit – wenn man will, liegt gerade hier die Klasse des Films – die Spannungsschraube andreht. Da mag man es Gilroy verzeihen, dass sich sein Debüt bloß an der Oberfläche bewegt, ohne je tiefgründig zu werden.

An einer Kritik am Fernsehnachrichtenwesen ist die Geschichte nicht interessiert. Genauso wenig am Innenleben ihrer Figuren. Vielmehr kombiniert es beide und labt sich an der Integration der Charaktere in die Szenerie. In seinem Hauptdarsteller hat der Film dabei nicht seine einzige Qualität, die Kameraarbeit von Robert Elswit – insbesondere während der Verfolgungsjagd im Finale – darf ebenfalls gelobt werden. Genauso wie das Drehbuch und die Regie von Dan Gilroy selbst. Es gibt wahrlich schlechtere Filme als Nightcrawler, mit denen man sein Debüt feiern kann. Und auch, wenn noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, kann man (hoffentlich) auf Gilroy die Redensart münzen: Früh übt sich, wer ein Meister werden will.

8.5/10

18. Oktober 2014

Oktober November

Nützlich sein, sonst darf man net glücklich sein.

Ein Sprichwort sagt, jeder ist seines Glückes Schmied. Vermutlich würden die Figuren in Götz Spielmanns Filmen dies nicht unterschreiben wollen. Schon die Charaktere in seinem vor fünf Jahren für einen Oscar nominierten Revanche hatten mit Widrigkeiten und einander zu kämpfen. Auch in seinem neuen Film, Oktober November, macht es der österreichische Regisseur seinen Geschöpfen nicht leicht. Sie hadern mal wieder miteinander, aber auch mit sich selbst. Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden Schwestern Verena (Ursula Strauss) und Sonja (Nora von Waldstätten), die im Grunde gänzlich unterschiedliche Leben führen, aber – so zeigt sich im Verlauf des Films – doch mehr gemein haben, als ihnen selbst bewusst scheint.

Während Sonja, die Jüngere, in Berlin als Schauspielerin arbeitet, lebt Verena mit ihrem Mann Michael (Johannes Zeiler) und dem gemeinsamen Sohn im ehemaligen Gasthaus ihres Vaters (Peter Simonischek). Dessen Gesundheit lässt allmählich nach, weswegen sich der Landarzt Andreas (Sebastian Koch) um den Witwer kümmert. Dennoch erleidet der alte Mann eines Abends nach dem Vesper einen Herzinfarkt, der ihn beinahe ins Jenseits befördert. Der Vorfall ist Anlass für Sonja, nach Jahren der Abwesenheit, die seit dem Tod der Mutter ins Land gezogen sind, wieder in ihre Heimat in die österreichische Provinz zurückzukehren. Doch ihren Ballast, der sie schon in Berlin geplagt hat, wird sie auch hier nicht los.

Scheinen die Figuren auf den ersten Blick ein glückliches Leben zu führen – Sonja als populäre Schauspielerin, Verena als Ehefrau und Mutter –, entblößt sich dieser Umstand lediglich als eine Fassade. Trost suchen beide in Affären, Sonja mit einem verheirateten Familienvater, Verena derweil mit Andreas. Die Umstände der Romanzen bleiben offen, werden höchstens angerissen. Wo Verena vermutlich aus ihrem Alltagstrott auszubrechen versucht, der sie zu erdrücken scheint, will Sonja eine Leere füllen, die ihren Ursprung in der Vergangenheit hat. „Kein Mensch weiß, wie er wirklich ist“, sagt die junge Schauspielerin zu Beginn. Zumindest sie und ihre ältere Schwester werden diese Aussage in Oktober November zu untermauern versuchen.

Mit der Anwesenheit von Sonja wird das Leben Verenas nicht leichter. Alte Spannungen und Gefühle der Eifersucht kochen wieder hoch. Im Gegensatz zu ihrer Schwester konnte Verena nie das Leben leben, das sie sich erträumte. Sie musste zurückbleiben in der Provinz im Gasthof des Vaters. „Es war sein größter Wunsch, dass ich weitermach’“, sagt die Tochter über den Vater. Und gesteht zugleich, dass sein Tod für sie in gewisser Weise Freiheit bedeuten würde. Freiheit von alten Erwartungen und gegenwärtigen Anforderungen. Von solchen wiederum scheint Sonja eher weniger geplagt und dennoch wirkt sie ungemein fragil. Eine Depression hat sie erst überwunden, erfahren wir, einem Glas Weißwein ist sie selten abgeneigt.

Sie habe immer bewundert und geliebt werden wollen, berichtet sie Andreas in einer Szene. „Bewundert und geliebt… geht das zusammen?“, fragt dieser halb im Spaß, halb im Ernst zurück. Wenn Verena ihr später vorwirft „Du musst dauernd ’ne Rolle spielen“, dann ist dies nicht weit von der Wahrheit entfernt. Und hier zeigt sich auch das Hauptproblem von Spielmanns Film: Was den beiden Schwestern im Leben zu fehlen scheint, insbesondere Sonja, weiß Oktober November nicht vollends deutlich zu machen. Dass der Regisseur teils, gerade in der Herzinfarktszene, mit verspielter Inszenierung und unnötigem Zoom arbeitet, fällt obendrein von technischer Seite negativ ins Auge. Zumindest das Ensemble lässt sich nichts zu Schulde kommen.

Auch Österreichs Landschaft ist wieder in gewisser Weise ein Charakter ganz für sich. Und dennoch erreicht Oktober November selten die Intensität und Qualität von Spielmanns Revanche. Dafür fehlt es am Einblick in das Innenleben der beiden Schwestern und einer etwas klareren Herausarbeitung ihrer ambivalenten Dynamik. Nach fünf Jahren Pause meldet sich Götz Spielmann somit nicht wirklich mit alter Stärke zurück, obschon man den Film auch nicht vollends als Enttäuschung ansehen kann. Zumindest sein Potential schöpft Oktober November jedenfalls nicht aus. Möge sich dies also beim nächsten Projekt des österreichischen Regisseurs wieder ändern. Denn jeder ist seines Glückes Schmied – das gilt auch für Götz Spielmann.

6/10

12. Oktober 2014

Gone Girl

You. Fucking. Bitch.

Vermutlich lesen nur wenige auf mehrstündigen Flügen Literatur von Aristoteles bis Thomas Mann. Vielmehr wird auf dem Flughafen der Buchladen durchstöbert, auf der Suche nach leichter Trivialliteratur. Beispielsweise nach Dan Browns The Da Vinci Code (aka Sakrileg) oder Stieg Larssons Män som hatar kvinnor (aka Verblendung). Es versteht sich von selbst, dass beide Romane – erfolgreich – fürs Kino adaptiert wurden. Und weil Män som hatar kvinnor lediglich ein schwedischer Film war, musste dieser natürlich ein US-Remake erhalten. Für dieses stand vor drei Jahren David Fincher bereit, einst verantwortlich für Werke wie The Game oder Se7en, zuletzt jedoch darauf beschränkt, Massenphänomene zu adaptieren.

Nachdem er sich in The Social Network dem „Kulturgut“ Facebook widmete und die Stieg-Larsson-Verfilmung The Girl with the Dragon Tattoo ablieferte, wanderte David Fincher gleich weiter zum nächsten Bestseller auf Groschenromanniveau. Wochenlang stand Gillian Flynns Krimi Gone Girl vor zwei Jahren an der Bestseller-Spitze, verkaufte zwei Millionen Exemplare. Ein gefundenes Fressen also für Fincher, um auch diese Flugzeuglektüre in ein 140-Minuten-Epos zu verwandeln. Das Ergebnis begeisterte Kritiker wie Zuschauer – bei denen Fincher jeweils Narrenfreiheit genießt – sogleich im Sturm. Dumm also für den Regisseur, dass die Inszenierung von Fifty Shades of Grey bereits an Kollegin Sam Taylor-Johnson vergeben wurde.

In weiten Teilen ähneln sich dabei The Girl with the Dragon Tattoo und Gone Girl, steht hier wie da doch das Verschwinden einer Blondine im Mittelpunkt. Am Morgen ihres fünften Hochzeitstages scheint Amy Dunne (Rosamund Pike) aus ihrem Haus gekidnappt worden zu sein. Ihr Ehemann  Nick (Ben Affleck) schaltet sogleich die Polizei ein und beginnt am nächsten Tag mit seinen Schwiegereltern und Zwillingsschwester Margo (Carrie Coon) eine mediale Suchaktion. Doch je mehr Tage vergehen, desto stärker wiegt bei Medien und Polizei der Verdacht, dass Nick selbst am Verschwinden seiner Frau nicht unschuldig ist. Und mit fortlaufender Dauer kommen immer mehr Geheimnisse der beiden Eheleute ans Tageslicht – was nicht folgenlos bleibt.

Da, darauf lässt das Echo der Resonanz zum Film schließen, Gone Girl primär oder ausschließlich über seine „Twists“ funktioniert, sollen diese an dieser Stelle nicht vorweg genommen werden. Sie fangen mit Beginn des zweiten Akts an, wissen dem müden Handlungsverlauf jedoch auch keine Würze zu geben. Vielmehr manövriert sich Finchers Film in seiner zweiten Hälfte dank seiner Wendungen gewissermaßen in eine Sackgasse, aus der es für ihn im weiteren Verlauf keinen Ausweg mehr gibt. Hauptsächlich deswegen, weil Gone Girl seinen vermeintlichen Twist über die Charakterisierung der Figuren stellt – wodurch die Wendung letztlich verpufft. Insbesondere auf eine Motivation für die etwaigen Handlungen muss der Zuschauer verzichten.

Das Thema von Buch wie Film – das Drehbuch schrieb die Romanautorin selbst – dreht sich dabei nach Angaben von Gillian Flynn um die Dynamik von Langzeitbeziehungen und die Lügen, mit denen sich Partner in einer Ehe gegenseitig begegnen. In Rückblenden sehen wir dabei verschiedene Stadien von Nick und Amys Beziehung: vom ersten Kennenlernen zum Heiratsantrag bis hin zu ersten Eheproblemen als Folge der wirtschaftlichen Rezession. Beide verlieren ihren Job und als Nicks Mutter erkrankt, ziehen sie von New York nach Missouri. Als ein Kommentar auf die Institution Ehe kann der Film dabei aber genauso schlecht gelesen werden wie auf die Dynamik zwischen zwei Beziehungspartnern. Zu willkürlich gerät Gone Girl hierzu.

Und obschon es wohl überspitzt wäre, zu sagen, es handele sich um einen Kitschroman, greift Flynn dennoch auf viele bekannte Klischees zurück, die einer vermeintlichen Originalität, die dem Film mitunter von mancher Seite unterstellt wurde, Einhalt gebietet. Obendrein wirkt Gone Girl wenig gelungen besetzt, was zwar bisweilen im Falle von Carrie Coon und Tyler Perry wenig dramatisch ist, gerade bei Neil Patrick Harris und insbesondere Rosamund Pike jedoch zum Laster wird. Anstelle von Letzterer wäre vielleicht Reese Witherspoone, die am Ende nur zu den Produzenten zählt, eine geschicktere Wahl gewesen. Wobei auch dies Gone Girl nicht mehr Qualität verliehen hätte, die der Film gerade im Drehbuch vermissen lässt.

Abgesehen von einigen so gelungenen wie willkommenen humorvollen Auflockerungen überzeugt Finchers jüngster Film am meisten als Schablone von Ben Afflecks Medien-Dasein. Wie der Schauspieler wird auch Nick Dunne in Gone Girl medial seziert, kritisch beäugt und allmählich unter die Räder geworfen. Eine Erfahrung, die Affleck im Zuge seiner (Post-)Bennifer-Jahre am eigenen Leib gemacht hat – und die er hier nochmals durchleben darf. Dennoch verkommt Gillian Flynns Werk selbst hier nicht zu einer vollen Medienschelte, selbst wenn es insbesondere den Fernsehjournalismus in kein gutes Licht rückt. Immerhin findet sich hier gegenüber den anderen Themen des Films eine Motivation und zugleich eine authentische Einordnung.

Und auch wenn die Handlung nicht allzu spannend gerät und das Finale eher beschämend ausfällt weiß der Film trotz seiner fast zweieinhalbstündigen Laufzeit nicht zu langweilen. Technisch ist Gone Girl selten ein Vorwurf zu machen, auch wenn die für Finchers Werke inzwischen übliche Farbpalette, die oft ins Braune und Grüne abfällt, zumindest mich wenig begeistert. Als Unterhaltung auf mehrstündigen Flügen ist Gone Girl somit sicher nicht verkehrt und wider Erwarten ist der Film unterm Strich gegenüber The Girl with the Dragon Tattoo sogar eine Steigerung für David Fincher. Der – und das ist vielleicht am bedauernswertesten – scheint sich nun endgültig als Regisseur für Filme von Trivialliteratur und Groschenromanen zu etablieren.

5.5/10

6. Oktober 2014

Fed Up

Junk is still junk even it it’s less junky.

Früher war ordentlich Speck auf den Rippen ein Zeichen für Wohlstand. Je dicker, desto reicher. Heutzutage sind Übergewicht und Fettleibigkeit dagegen Gesundheitsprobleme. Allen voran in den USA. Ein Aspekt, den auch Regisseurin Stephanie Soechtig (Tapped) in ihrer Dokumentation Fed Up in den Vordergrund rückt. Mit einer Fettleibigkeitsquote von 31,8 Prozent zählen die USA zu den Spitzenreitern – fast ein Drittel des Landes sind folglich fettleibig. In zwei Jahrzehnten, so der Film, werden es vermutlich 95 Prozent sein. Und im Jahr 2050 sei dann jede/r Dritte an Diabetes erkrankt. “My doctors have said that I am a statistic”, sagt die 12 Jahre alte und 105 Kilogramm schwere Maggie Valentine. “I don’t really know what it means.”

Die Zwölfjährige zählt zu einer wachsenden Zahl an fettleibigen Kindern und Jugendlichen in den USA – ein oft im wahrsten Sinne des Wortes hausgemachtes Problem. Zumindest im Falle der Kinder, die Soechtig für ihren Film als Beispiele gewinnen konnte. “That’s what I’ve grown up doing”, erklärt der 15-jährige Brady Kluge, der ebenfalls 105 Kilo wiegt. Seine Familie lebe in den Südstaaten, wo die Speisen eben gern frittiert gegessen werden. Auch seine Eltern hätten Übergewicht – so wie deren Eltern vor ihnen. Anders kennt es auch der 14-jährige Joe Lopez nicht. “I guess it’s culture”, sagt sein Vater Edgar Lopez. Alle in der Familie wären fett. “For the Hispanic family big is beautiful”, heißt es diesbezüglich von der Mutter.

Wirklich fett wollen die Jugendlichen aber nicht sein. Nicht nur, weil sie in der Schule gehänselt werden, sondern auch, weil es Gesundheitsrisiken birgt. Laut Fed Up gab es 1980 noch keinen Fall von Typ-2-Diabetes – früher bekannt als Altersdiabetes – unter US-amerikanischen Heranwachsenden. “It was unheard of for young people to get it”, bestätigt der Ex-Präsident Bill Clinton. Inzwischen seien über 50.000 Jugendliche betroffen. Des Rätsels Lösung, entdeckte der französische Physiologe Dr. Jean Mayer Anfang der 1950er Jahre, sei körperliche Betätigung. “Lack of exercise must be related to weight gain”, so das Fazit von Dr. Mayer, der seine These anhand von Labormäuse bestätigt sah. Es folgte ein bis heute währender Fitness-Boom.

Zwischen 1980 und 2000 verdoppelten sich die Mitgliedschaften in Fitness Clubs in den USA. “During that same time, the obesity rate also doubled”, heißt es von Journalistin Katie Couric, die als Erzählerin des Films und eine seiner Produzentinnen fungiert. Auch Maggie Valentine ist sportlich aktiv, geht vier Mal die Woche Schwimmen und am Wochenende mit ihrem Hund spazieren. Wie also ist dies möglich, dass das Land trotz der Tatsache, dass es Fitness betreibt, dennoch fetter statt fitter wird? Eben weil nicht jede konsumierte Kalorie sich entsprechend verbrennen lässt. Zudem auch nicht jede verbrannte Kalorie identisch ist. Die Energiebilanz, so zeigt sich in Fed Up, ist weitaus komplexer als man denken möchte. Und kein Ausweg.

“We are not going to exercise our way out of this obesity problem”, schiebt Ernährungsberaterin Marge Wootan solchen Hoffnungen einen Riegel vor. Denn um einen halben Liter Cola zu verbrennen, müsste ein Kind 75 Minuten Fahrrad fahren. Und für einen Keks 20 Minuten Joggen. “Most people don’t have that much time in their day”, weiß Wootan. Zudem Kalorien sich voneinander unterscheiden, 160 Kalorien, die durch Mandeln konsumiert werden, nicht mit 160 Kalorien aus Erfrischungsgetränken gleichzusetzen sind. Denn die Nüsse besitzen Ballaststoffe, die vom Körper erst verarbeitet werden müssen, weshalb der Blutzucker nicht so schnell steigt, wie im Falle von Cola und Co., die ohne Ballaststoffe daherkommen. Dafür mit Maissirup.

Was also tun? Einfach etwas bewusster essen? Mehr auf Produkte mit Labels wie „Wenig Fett“ oder „30% weniger Fett“ zurückgreifen? Eher nicht. Denn wenn am Fett gespart wird, fällt dies auch zu Lasten des Geschmacks. Was die Firmen mit Zucker aufzuwiegen versuchen. Das Resultat sind vielleicht zehn Kalorien weniger, aber kein gesünderes Produkt. Zwischen 1977 und 2000 haben die Amerikaner ihren täglichen Zuckerkonsum verdoppelt. “Sugar is poison”, sagt der Kinderarzt Dr. Robert Lustig. Und dennoch sind 80 Prozent der Lebensmittel zusätzlich mit Zucker oder einer Form von Zucker versetzt. Vom Joghurt bis hin zur Fertig-Spaghettisoße. Die Zucker-Lobby, so Fed Up, tunkt überall ihre Finger in den Honigtopf.

Immerhin sei Zucker achtmal mehr suchterzeugend als Kokain. Was von den Firmen natürlich ausgenutzt wird. Die bewerben ihre Produkte einerseits mit bekannten Marken, von Spongebob bis Beyoncé, andererseits auch immer überall auf Augenhöhe mit ihrer Klientel. Junk Food gibt es in den USA nicht nur im Supermarkt, auch an Tankstellen, Drogerien, sogar im Baumarkt. Vor der Zuckermafia ist kein Entkommen – für fette Kinder gleich zweimal nicht. “Once you start overeating, it becomes the worst habit, and it just grows”, weiß Brady Kluge. Sogar in ihrer Bildungseinrichtung wird den Kindern nicht geholfen. Die Hälfte der Schulmensen verkaufe inzwischen Fast Food an die Schülerinnen und Schüler – direkt aus der Pizza Hut-Box auf die Teller.

Hier sehen wir dann auch Maggie, wie sie sich mittags einen Cheeseburger mit Pommes aufs Tablett packt – um in der Szene darauf in die Kamera zu heulen, sie wäre ja so gerne dünn. Zuvor bereits zeigte eine Einstellung, wie die Zwölfjährige in einer Unterrichtspause ein Nutello & Go isst. Auch die übrigen Jugendlichen scheinen in ihrem zuckerhaltigen Ganztagesspeiseplan keinen Widerspruch zu sehen. Morgens wird Kellogg’s und Co. gefrühstückt, für die Schule ein Weißbrot mit Erdnussbutter und Marmelade geschmiert. Kein Wunder, staunt da ein Hausarzt nicht schlecht, wenn einer seiner Patienten mehr Gewicht auf den Rippen hat als vor ein paar Jahren. Auch wenn seine Mutter behauptet, sie würden seither auf dessen Zufuhr achten.

Da muss man sich nicht wundern, wenn man doppelt so viel wiegt, wie man sollte. Fed Up konfrontiert die Protagonisten nicht wirklich mit diesem Umstand, präsentiert dafür aber bisweilen offensichtliche Aussagen wie die, dass Lebensmittelfirmen daran gelegen ist, dass die Leute viel essen. Entsprechend ist es gut, dass zum einen viel süchtig machender Zucker in den Produkten steckt und zum anderen dessen Verzehrmenge nicht von der World Health Organization (WHO) in irgendeiner Art und Weise reglementiert wird. Immerhin ertappt der Film mal einen Lobbyisten-Arzt, der sich seine Studien von Coca Cola und Pepsi bezahlen lässt, aber nicht artikulieren kann, wieso der Konsum dieser Produkte keine Fettleibigkeit begünstigt.

Von dem ein oder anderen Aspekt der Dokumentation hätte man sich, wie auch bei Soechtigs Tapped, zwar nähere Einblicke gewünscht – zum Beispiel zur Tatsache, dass viele schlanke Menschen durch viszerales Fett um ihre Eingeweide ebenfalls, oft unbewusst, an Stoffwechselerkrankungen leiden können –, trotz allem gerät Fed Up aber über weite Strecken informativ. Wie so oft dürfte der Mehrwert in den USA größer sein als im Ausland, obschon – das sollte man nicht vergessen – auch Deutschland zu den zehn fettesten Ländern der Welt zählt. Ein Vorteil einer immer fettleibiger werdenden Gesellschaft ist zumindest derjenige, dass bei 95 Prozent fetten Menschen in Amerika kaum welche übrig bleiben, um diese deswegen zu hänseln.

7/10

1. Oktober 2014

Filmtagebuch: September 2014

BURT’S BUZZ
(CDN 2013, Jody Shapiro)
5.5/10

DON’T BE A MENACE TO SOUTH CENTRAL WHILE
DRINKING YOUR JUICE IN THE HOOD

[HIP HOP HOOD – IM VIERTEL IST DIE HÖLLE LOS]
(USA 1996, Paris Barclay)

3.5/10

FATHER OF THE BRIDE [VATER DER BRAUT]
(USA 1991, Charles Shyer)

6/10

FATHER OF THE BRIDE PART II
[EIN GESCHENK DES HIMMELS – VATER DER BRAUT 2]
(USA 1995, Charles Shyer)

5/10

FRANK
(UK/IRL 2014, Lenny Abrahamson)
1/10

GHOST SHIP
(USA/AUS 2002, Steve Beck)
5/10

L’ÉTRANGE COULEUR DES LARMES DE TON CORPS
[THE STRANGE COLOR OF YOUR BODY’S TEARS]
(B/F/L 2013, Hélène Cattet/Bruno Forzani)

1/10

LABOR DAY
(USA 2013, Jason Reitman)
5.5/10

LOST – SEASON 5
(USA 2009, Jack Bender u.a.)
7.5/10

LOST – SEASON 6
(USA 2010, Jack Bender u.a.)
7.5/10

KICK-ASS 2
(USA/UK 2013, Jeff Wadlow)
2.5/10

MAD MAX
(AUS 1979, George Miller)
7.5/10

MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR
[MAD MAX 2 – DER VOLLSTRECKER]
(AUS 1981, George Miller)

6.5/10

MAD MAX BEYOND THUNDERDOME
[MAD MAX – JENSEITS DER DONNERKUPPEL]
(AUS 1985, George Miller)

5.5/10

MANAKAMANA
(USA/NEP 2013, Stephanie Spray/Pacho Velez)
7/10

NEEDFUL THINGS
(USA 1993, Fraser Clarke Heston)
4.5/10

NEIGHBORS [BAD NEIGHBORS]
(USA 2014, Nicholas Stoller)

3.5/10

NIGHT MOVES
(USA 2013, Kelly Reichardt)
3.5/10

ORPHAN BLACK – SEASON 1
(CDN 2013, John Fawcett u.a.)
7/10

PHILOMENA
(UK/USA/F 2013, Stephen Frears)
6/10

RAMSAY’S KITCHEN NIGHTMARES – SEASON 1
(UK 2004, Christine Hall)
7.5/10

THE ROVER
(AUS/USA 2014, David Michôd)
5.5/10

25. September 2014

Manakamana

Makes your ears pop, doesn’t it?

Früher, erinnert sich eine nepalesische Frau, habe es Tage gedauert, ehe man von Cheres im Chitwan-Distrikt den 1302 Meter hohen Manakamana-Tempel im Gorkha-Distrikt erreichte. Heute wird die Distanz über 2772 Meter von einer Gondelbahn überbrückt, die rund zehn Minuten braucht. Seit 1998 fährt die Bahn von einem Distrikt Nepals in den anderen, um die Fahrgäste auf ihren Weg zum Manakamana zu bringen. Der Tempel, ein geweihter Ort der Hindu-Göttin Parvati, soll Pilgern, die sich auf die Reise begeben, um dem dortigen Schrein zu huldigen, ihre Wünsche erfüllen. Ein Thema, wie geschaffen für Stephanie Spray vom Sensory Ethnography Lab der Harvard University, die mit Kollege Pacho Velez Manakamana inszenierte.

Das Sensory Ethnography Lab, kurz SEL genannt, ist ein fachübergreifendes Zentrum, welches mittels Medien anthropologische Arbeiten zur ästhetischen Völkerkunde erschafft. Bekannt ist es wohl durch seinen Direktor, Lucien Castaing-Taylor, der mit seiner Kollegin Ilisa Barbash die renommierten Dokumentationen Sweetgrass und Leviathan inszenierte. Bei Manakamana sind beide als Produzenten vertreten, während Spray und Velez Pilger mit der Manakamana-Gondel zum Tempel fahren lassen. Die Kamera verlässt dabei nie die Gondel, die Schnitte zwischen den verschiedenen Fahrgästen geschehen, wenn die Gondel in der jeweiligen Station im Dunkeln ihre Passagiere wechselt. Die einzige Konstante ist die Gondel mit Kamera.

Wie auch die Werke von Castaing-Taylor und Barbash oder auch mit Abstrichen Michelangelo Frammartinos Le quattro volte ist Manakamana ein quasi meditatives Bilderzeugnis, dem keine Handlung zu Grunde liegt. Die Mitglieder von SEL sind Anthropologen und Beobachter, weshalb ihre Dokumentationen selbst innerhalb des Genres eine Ausnahmestellung einnehmen. Nichts wird hinterfragt oder erklärt, egal ob Fischer oder ein Schaf-Trek in den Bergen Montanas bei der Arbeit begleitet wird. Im Mittelpunkt von Sprays und Velez’ Film steht dabei der Weg der nepalesischen Gondelfahrer auf ihrem Weg zum Tempel. Wie ihn diese beschreiten, ihn gestalten. Die Hintergründe ihrer Reise bleiben dabei offen.

Manche von ihnen sind vielleicht Touristen, die meisten aber wohl Bittsteller. Ihre Reise bestreiten viele in stiller Demut, so wie ein Großvater und sein Enkel zu Beginn. Auch ein Ehepaar, dem der Zuschauer gleich zweimal begegnet, hat sich wenig zu sagen. Bei der Hinfahrt sieht man noch einen Hahn in der Tragtasche des Mannes, bei der Rückfahrt schauen nur noch dessen Füße aus dieser heraus. Die Opfergabe verlief also erfolgreich. Für eine solche wird an einer Stelle auch die Gondel gewechselt, wenn eine Handvoll Ziegen sich auf ihren letzten Trek machen. Rückkehrer sind derweil ein Trio älterer Damen, die nicht nur alte Mythen, sondern auch ihre Ansichten über die Schönheit der Berge vor der Kamera reflektieren.

Bemerkenswert gerät dabei eine Gondelrückfahrt zweier junger Frauen – eine von ihnen Abendländerin –, die auf den ersten Blick wie Fremde wirken, die sich ein Transportmittel teilen, ehe das peinliche Schweigen doch durch Small Talk abgelöst wird, der eine Bekanntschaft der Frauen aufzeigt. Das Highlight dieser zweistündigen Dokumentation sind jedoch zwei andere Damen, die mit einem Eis am Stiel die zehnminütige Rückfahrt nach Cheres überbrücken wollen. Dabei lassen sich die Frauen derart viel Zeit, dass ihnen ihr Eis buchstäblich vom Stiel schmilzt und eine entsprechende Sauerei hinterlässt. Was die Damen mit herzlichen Gelächter quittieren, welchem man sich auch als Zuschauer nicht verwehren möchte – oder könnte.

Auf simple Art und Weise vermitteln Spray und Velez in Manakamana einen Einblick in eine fremde Kultur und deren (religiöse) Gepflogenheiten. Visuell ansprechend und durchaus spannungsvoll gestaltet durch die unsichtbaren Schnitte bei den Fahrgastwechseln. Ob die Passagiere für ihre umgerechnet 3,75 Euro (Hin- und Rückfahrt) tatsächlich ihre Wünsche erfüllt bekommen, bleibt offen – und ist damit sicherlich ein Spiegelbild seines Filmpublikums. Denn auf Manakamana muss man sich als solches einlassen und im Vorfeld vermutlich wissen, was eine SEL-Dokumentation einem bieten kann/wird. In diesem Fall ist dies ein zweistündiger Ausflug in zwei von Nepals 75 Distrikte – und das, ganz ohne die Gondel beziehungsweise sein Sofa zu verlassen.

7/10

18. September 2014

The Zero Theorem

Everything adds up to nothing.

Warum sind wir hier, was ist der Sinn unserer Existenz? Fragen, so alt wie die Menschheit selbst, die aufgrund unzureichender Antworten irgendwann der Einfachheit halber die Religion erfand. Die Sinnfrage beschäftigt auch den Protagonisten in The Zero Theorem, dem jüngsten Film von Terry Gilliam, der diesen als Abschluss seiner Dystopie-Trilogie sieht, zu der Brazil und 12 Monkeys gehören. In einem futuristischen London ist Qohen Leth (Christoph Waltz) einer von vielen Angestellten der Firma Mancom und berechnet für diese Einheiten. Qohen strebt danach, als arbeitsunfähig deklariert zu werden, damit er von daheim – einer verlassenen Kirche – arbeiten kann. Dort erwartet er den Anruf einer höheren Autorität.

Diese wollte die Antwort auf die alles entscheidende Frage geben, doch der Anruf wurde frühzeitig beendet. “All we want is our call”, wiederholt Qohen – der von sich selbst in der 1. Person Plural spricht – mehrfach im Film. Weil die Firmenärzte ihm die Arbeitsunfähigkeit nicht bestätigen, sondern lediglich mit dem Psychiater-Programm Dr. Shrink-Rom (Tilda Swinton) nach Hause schicken, sucht Qohen das Gespräch mit dem Management (Matt Damon). Auf einer Feier seines Vorgesetzten Joby (David Thewlis) erhält Qohen seine Chance – wird jedoch zuerst nicht erhört. Immerhin lernt er die verführerische Bainsley (Mélanie Thierry) kennen, die ihn später dazu einlädt, mit ihr Cyber-Tantra-Sex zu haben. Dann meldet sich Management.

Qohen darf von daheim arbeiten, wenn er für Mancom das Zero Theorem knackt. “Zero must equal one hundred percent”, rattert der Computer daraufhin monatelang runter, während Qohen die entscheidende Gleichung bis auf knapp 98 Prozent pusht. Wirklich vorwärts kommt er jedoch nicht, sodass er irgendwann wieder in eine Sinnkrise fällt. Etwas, das Management nicht zulassen kann und Qohen unentwegt beobachtet. Die Antworten, die Qohen anstrebt, treiben uns letztlich alle um. Bieten können sie ihm weder das Management (“you’re quite insane”) noch Dr. Shrink-Rom (“you’re a tough nut to crack”). Und dennoch erhält Qohen Ansätze, wenn auch abseits des Zero Theorems. Schlichtweg, indem er lebt und interagiert.

Der zurückgezogen lebende Glatzkopf, der Körperkontakt vermeidet, weicht auf, als ihm Management seinen Progammierer-Sohn Bob (Lucas Hedges) zur Seite stellt. Genauso wie bei seinen Online-Dates im Cyberspace. Anstatt nach dem Sinn des Lebens zu fragen, lebt Qohen einfach. Doch das vermeintliche Glück – insofern existent – ist nur von kurzer Dauer. Prinzipiell ist The Zero Theorem also eine Allegorie auf das Leben selbst, welches wir zu Beginn des Films in ziemlich übersteigerter Form erleben. Penetrante Straßenreklame, eine Gesellschaft, abhängig von ihren Mobilgeräten – selbst auf Partys. Schrill-schräg ist diese Welt, die Gilliam entsprechend bunt zelebriert. Was jedoch eine gewisse billige Künstlichkeit mit sich bringt.

In der Tat sieht The Zero Theorem aus, als wäre er 20 Jahre alt, was sicher dem geringen Budget des Films geschuldet sein dürfte. Dessen grundsätzlich interessante Ideen und Ansätze vermag Gilliam bedauerlicherweise nicht zu transportieren. Qohen ist eine irritierende Figur, deren Spleen nicht recht greifbar ist. Wir erfahren später, dass er einst verheiratet war und nun geschieden ist, was angesichts seines Charakters verwundert – diesen womöglich aber auch erklärt. Grundsätzlich kann und soll die Figur wohl als Spiegelbild der Menschen gelesen werden, daher auch die Referenz auf sich selbst in der 1. Person Plural. Die philosophische Dichte, die der Intention des Ansatzes innewohnt, will sich derweil nicht wirklich einstellen.

Während Qohen nach einem Fixpunkt sucht, um seiner Existenzangst Einhalt zu gebieten, soll er für Management zugleich mit dem Zero Theorem die Big Crunch-Theorie bestätigen. “Everything adds up to nothing”, fasst es Joby eingangs zusammen. Für die Menschheit eine unnatürliche Vorstellung: ein Leben aus dem Nichts ins Nichts. “What’s the point?”, entgegnet Qohen daher. Später wird Management ihn bei der Arbeit mittels einer Kamera beobachten, die auf den Torso eines Kruzifix’ angebracht ist. Eine höhere Macht, die uns unentwegt beobachtet und kontrolliert. Eine der wenigen netten Ideen des Films, zu der auch Tilda Swintons Cameo als Psycho-Programm und David Thewlis im Monty-Python-Gedächtnis-Modus gehören.

Zugleich hadert der Film auch mit seinen Figuren. Christoph Waltz wirkt fehl am Platz oder nicht in seinem Element. Der ursprünglich vorgesehene Billy Bob Thornton wäre hier ebenso die bessere Wahl gewesen wie Management tatsächlich von Al Pacino statt Matt Damon spielen zu lassen. Gastauftritte von typische gilliamschen Figuren wie einem Doktoren-Trio (u.a. Peter Stormare und Ben Whishaw) oder Werbefiguren (darunter Rupert Friend) verpuffen, da sie keinem wirklichen Zweck dienen und nicht weiter verfolgt werden. Ohnehin wird die Welt des Films nicht erforscht – wofür man aufgrund des billigen Looks gleichzeitig irgendwie aber auch wieder dankbar sein muss. Richtig überzeugen kann The Zero Theorem jedenfalls nicht.

Zu Gute halten mag man dem Film, dass er immerhin originäre Ideen umsetzt – auch wenn viele Elemente mitunter an Brazil erinnern. Mit seinen dystopischen Kollegen aus Gilliams Œuvre kann sich The Zero Theorem jedenfalls nicht messen, dafür fehlt ihm das inhaltliche Momentum wie auch die visuelle Überzeugungskraft. Der Output des Ex-Python im 21. Jahrhundert vermag folglich nicht mehr mit seinen Werken aus den 1980er und 1990er Jahren mitzuhalten. Dies wiederum gibt wenig Hoffnung für sein wiedererwecktes Don-Quixote-Projekt, für das der Regisseur seit Jahren um Finanzierung kämpft. Aber zumindest scheint das Projekt Gilliams Schaffen einen Sinn zu geben. Und das ist doch wiederum schließlich auch etwas.

4/10

12. September 2014

Calvary

I think she’s bipolar. Or lactose intolerant. One of the two.

Sexueller Missbrauch in der Kirche ist nicht mehr ganz so ein aktuelles Thema wie noch vor ein paar Jahren. Aber die Erinnerung, wie es in einer Szene in John Michael McDonaghs Calvary heißt, verblasst nie. So auch nicht bei jenem gesichtlosen Antagonisten, der in der Eröffnungsszene die Handlung lostritt. Mit sieben Jahren sei er das erste Mal von einem Priester missbraucht worden, gesteht er Vater James Lavelle (Brendan Gleeson) im Beichtstuhl. “Certainly a startling opening line”, entgegnet dieser. “I’m going to kill you ’cause you’ve done nothing wrong”, fährt das Opfer fort. Denn einen unschuldigen Priester zu töten, wäre ja ein schockierendes Statement. Eine Woche hat Lavelle Zeit, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Der deutsche Verleih vertreibt Calvary – vom lateinischen Name für Golgota – daher reißerisch als Am Sonntag bist du tot. Der Film vereint John Michael McDonagh erneut mit Brendan Gleeson, der ein illustres Ensemble anführt, zu dem auch der Comedian Chris O’Dowd zählt. Er spielt Dorf-Metzger Jack, dem unterstellt wird, er würde seine Frau schlagen. Jack wiederum schiebt den Vorwurf auf Mechaniker Simon (Isaach de Bankolé), mit dem er sich seine Frau teilt. Nicht die einzigen Sorgen Lavelles, taucht doch auch Fiona (Kelly Reilly) – seine Tochter vor dem Zölibat, das auf den Tod seiner Frau folgte – nach einem missglückten Suizidversuch auf. “Don’t tell me”, unkt der Vater dann beim Anblick der Bandagen, “you made the classic error.”

Humorvolle Auflockerungen finden sich in Calvary immer wieder. Das macht den Film nicht wirklich zur schwarzen Komödie, aber auch nicht vollends zum Drama. Die Drohung zu Beginn führt zudem zu keiner rechten Katharsis in Lavelles Handeln. Vielmehr geht der Gottesmann seinem normalen Alltag nach, obschon er gegenüber seinem Bischof zu erkennen gibt, dass er seinen designierten Mörder anhand seiner Stimme identifiziert hat. Der Film lässt es dabei offen, um wen aus der Gemeinde es sich handelt, könnte es doch prinzipiell jeder von ihnen sein. Sie alle sind zwar gottesehrfüchtig auf der einen Seite, andererseits jedoch gegenüber Lavelle auch wieder ungemein respektlos. Ein Widerspruch scheinbar und doch irgendwie auch nicht.

So könnte es der altersschwache Schriftsteller (M. Emmet Walsh) genauso gut auf den Priester abgesehen haben wie der zynische Doktor (Aiden Gillen), der snobbistische Millionär (Dylan Moran) oder ein homosexueller Callboy. Lavelle nimmt sich dennoch ihrer aller an, wenn auch auf seine ganz eigene Art. Als eines seiner Schäfchen zur Armee ziehen will, um seine Aggressionen abzubauen, da er keinen Sex hat, schlägt ihm der Priester Pornografie vor. Er hat sich mit ihnen arrangiert und gibt somit einen ungewöhnlichen Schlag Gottesdiener ab, wie ihn vermutlich nur Brendan Gleeson in seiner unnachahmlichen Art darzustellen vermag. Ganz so zotig wie der Vorgängerfilm The Guard kommt Calvary allerdings nicht daher.

Eine wirkliche Richtung besitzt der Film jedoch auch nicht. Die übrigen Figuren reichen von uninteressant bis schräg, einen rechten Zweck erfüllen sie aber nicht. Dies trifft ebenso auf Tochter Fiona zu wie auf einen verurteilten Serienmörder (Domhnall Gleeson), den Lavelle in der Mitte des Films aus völlig irrelevanten Gründen besucht. “Everything has to mean something or otherwise what’s the point?”, formuliert Calvary an einer Stelle da sicherlich nicht unkorrekt. Fast schon lethargisch verrichtet Lavelle sein Amt, für das ihm eine französische Touristin (Marie-Josée Croze), die ihren Mann bei einem Unfall verloren hat, noch am dankbarsten scheint. Vielleicht ist auch alles nur ein Test seines Glaubens: die Welt stoisch zu ertragen.

Brendan Gleeson gibt dabei eine fraglos überzeugende Darbietung, in einem grundsätzlich vorzüglich fotografierten Film mit einer himmlischen Musik von Patrick Cassidy. Etwas mehr innerer Konflikt – oder nach außen getragener – für die Hauptfigur wäre aber wünschenswert gewesen. So bleibt in Calvary nicht viel außer die Interaktion von schrulligen (irischen) Figuren. Der sexuelle Missbrauch in der Kirche spielt jedenfalls keine wirkliche Rolle in John Michael McDonaghs Geschichte, außer eben als Tatmotiv und narrative Klammer zwischen Anfang und Ende. Ungeachtet dessen zeigten sich Kritiker ekstatisch. Vom „Meisterwerk“ bis zum „besten irischen Film aller Zeiten“ ist da die Rede. Ein Fazit, dem ich mich nicht wirklich anschließen kann.

6/10

6. September 2014

Blended [Urlaubsreif]

We used to have gas. But now we’re out.

Im Ausland – und vermutlich auch in den USA – ist Adam Sandler ein Phänomen. Ein Kassenmagnet, und das mit eher bescheidenen Filmen. Zotig geht es bei Sandler oft zu, Pointen müssen die Witze dabei nicht zwingend haben. Product Placement ist willkommen und wird durch Furz-, Kotz- und Pisswitze ergänzt. Sandlers letzte zehn Film spielten insgesamt eine Milliarde Dollar Gewinn ein und dennoch gilt sein Jüngster, Blended (bei uns: Urlaubsreif), als Flop. Sogar als Beginn von Sandlers Kassenära-Ende. Was verwundert. Der Film lief in den USA zwar für Sandlers Verhältnisse wenig erfolgreich (startete dabei aber zur selben Zeit wie X-Men: Days of Future Past und Godzilla), spielte aber dennoch das Dreifache seiner Kosten ein.

Erzählt wird die Geschichte der jeweils allein erziehenden Jim (Adam Sandler) und Lauren (Drew Barrymore), die sich bei einem Blind Date treffen und bald wieder getrennte Wege gehen. Da Jims Chef und Laurens Kollegin, ein Paar, sich trennen, kaufen beide ohne es zu wissen günstig deren geplatzte Afrika-Reise. Dort müssen Jim und seine drei Töchter sowie Lauren und ihre zwei Söhne nun wider Willen dasselbe Zimmer und dieselben Aktivitäten teilen. Hierbei schafft es Lauren, die Mädchen über den Tod ihrer Mutter hinwegzutrösten und Jim es, die Jungs bei den richtigen Hörnern zu packen. Und obendrein merken beide Elternteile, dass sie vielleicht doch mehr gemein haben, als sie bei ihrer ersten Begegnung dachten.

Man muss nun kein Sandlerologe sein, um zu wissen wie Blended verläuft. Das Rom-Com-Gesetz behält Gültigkeit. Was Blended aber von anderen Sandler-Werken – der Film ähnelt dabei eher Just Go With It und Click statt Grown Ups oder Jack & Jill – unterscheidet beziehungsweise auszeichnet, ist neben dem moderaten Budget (es ist Sandlers günstigster Film seit 15 Jahren) vor allem die immer wieder eingestreuten emotionalen Momente. In die Karten spielt dem Film dabei die Darstellung von Jim als Witwer und die Rolle, in der er sich dadurch wiederfindet. Die älteste Teenager-Tochter Hilary (Bella Thorne) wird als Tomboy erzogen, “Larry” gerufen und zur Sportmaschine erzogen, wo sie doch gerade ihre Weiblichkeit entdeckt.

Die Zweitjüngste Tochter heißt schlicht Espn (Emma Fuhrmann) nach Jims Lieblingssender und dann ist da noch Lou (Alyvia Alyn Lind). Alle drei teilen sich denselben Jungenhaarschnitt, den sie Jims Friseur verdanken, der schon Opa und Uropa bediente. Während die aufgeweckte Lou nach einer Mutterfigur lechzt, kann sich Espn noch nicht von der alten lösen und behält diese als unsichtbaren Begleiter. Probleme, wie sie Lauren nicht kennt. Sie hadert mit ihrem für die Babysitterin schwärmenden Ältesten Brendan (Braxton Beckham) und ihren ADHS-Jüngling Tyler (Kyle Red Silverstein). Ihr Ex-Mann Mark (schmierig wie immer: Joel McHale) ist ihr keine große Hilfe und vernachlässigt den Nachwuchs, wo sich ihm eine Möglichkeit bietet.

Auf ihrer Afrikareise dürfen beide Elternteile, die sicher nicht von ungefähr das gegensätzliche Geschlecht gegenüber ihren Kindern haben, ihre Stärken beim Nachwuchs des anderen ausleben. Jim gibt väterliche Ratschläge, zu denen Mark nicht im Stande ist, und Lauren steht mütterlich zur Seite, was der eigentlichen Erzeugerin verwehrt blieb. Hierbei berühren insbesondere die Szenen zwischen den Frauen, was auch daran liegen mag, dass hier ein Todesfall kaschiert werden muss. Blended reibt einem diese emotionalen Momente nicht aufdringlich ins Gesicht, sondern streut sie immer mal wieder in die einzelnen Sequenzen ein, die prinzipiell auf Lacher gebürstet sind. Und dies mit weitaus mehr Pointen als sonst bei Sandler-Filmen üblich.

Ebenfalls unüblich ist, dass selbst comic relief-Nebenfiguren eine emotionale Katharsis durchlaufen dürfen. In der Tat geht der Film trotz seiner Karikierung erstaunlich aufrichtig mit einem von Kevin Nealon und Jessica Lowe gespielten Pärchen um (alter Mann und junger Feger), mit denen sich Jim, Lauren & Co. den Esstisch teilen müssen. Sonderliche Tiefe bleibt da zwar bei den Hotelangestellten wie Mfana (Abdoulaye N’Gom) und Nickens (Terry Crew) aus, dennoch sorgen diese mit Running Gags ebenfalls für liebenswerte Augenblicke (“They’re blending over there!”). Das Ganze, man muss es für einen Sandler-Film vermutlich nochmals betonen, ohne Pipi-Kaka-Witze, die man sonst von dem New Yorker Comedian gewöhnt ist.

Dem Film spielt dabei in die Karten, dass er gut besetzt ist. So überzeugen die Kinderdarsteller, vom vermeintlich hässlichen Schwan Bella Thorne bis zum “Heartbreaker” Alyvia Alyn Lind. Selbst Gastauftritte von Shaquille O’Neill fallen nicht aus der Rolle und die Chemie zwischen Barrymore und Sandler stimmt nach zwei Filmen (The Wedding Singer, 50 First Dates) ohnehin. Hier macht es sich bezahlt, dass Sandler für den Regieposten statt auf Dennis Dugan wieder auf Frank Coraci (The Wedding Singer, Click) gesetzt hat. Entsprechend stehen Emotionen vor Zoten – was dem Film fraglos zum Vorteil gereicht. Dass Blended, wie so viele Sandler-Werke, etwas zu lang gerät (ohne dabei Längen zu haben), ist verzeihenswert.

Insofern ist es bedauerlich, dass der Film aufgrund seiner Konkurrenz unter seinen Möglichkeiten lief – speziell in seiner Heimat (Blended spielte, für einen Sandler-Film ungewöhnlich, fast doppelt so viel im Ausland ein). Ein Flop ist der Film dank seines sparsamen Budgets aber keineswegs und von seiner Inszenierung her vielmehr sogar ein Schritt in die richtige Richtung. So anarchisch-vergnüglich Werke wie That’s My Boy auch sind. Unterm Strich bleibt eine unterschätzte Sommerkomödie, die zugleich die Lachmuskeln bewegt wie auf die Tränendrüse drückt. Und angesichts eines bislang erschreckend schwachen Kinojahres kann und muss sogar konstatiert werden, dass Blended zu den besten Filmen des Jahres zu zählen ist.

7.5/10

1. September 2014

Filmtagebuch: August 2014

ABBUZZE! DER BADESALZ FILM
(D 1996, Roland Willaert)
7/10

ALADDIN
(USA 1992, Ron Clements/John Musker)
8/10

ALL CHEERLEADERS DIE
(USA 2013, Lucky McKee/Chris Sivertson)
4.5/10

BLENDED [URLAUBSREIF]
(USA 2014, Frank Coraci)

7.5/10

BLUE RUIN
(USA/F 2013, Jeremy Saulnier)
4/10

CALVARY [AM SONNTAG BIST DU TOT]
(IRL/UK 2014, John Michael McDonagh)

6/10

COHERENCE
(USA 2013, James Ward Byrkit)
3/10

COLDWATER
(USA 2013, Vincent Grashaw)
6/10

DAWN OF THE PLANET OF THE APES (3D)
[PLANET DER AFFEN: REVOLUTION]
(USA 2014, Matt Reeves)

6/10

INDIE GAME: THE MOVIE
(CDN 2012, Lisanne Pajot/James Swirsky)
7.5/10

INDIE GAME: LIFE AFTER
(CDN 2014, Lisanne Pajot/James Swirsky)
5.5/10

LA GRANDE BELLEZZA [LA GRANDE BELLEZZA - DIE GROSSE SCHÖNHEIT]
(I/F 2013, Paolo Sorrentino)
9/10

THE LEGO MOVIE
(USA/AUS/DK 2014, Phil Lord/Christopher Miller)
5.5/10

LOST – SEASON 3
(USA 2006/07, Stephen Williams/Jack Bender u.a.)
7.5/10

LOST – SEASON 4
(USA 2008, Jack Bender u.a.)
7.5/10

THE MAN WHO FELL TO EARTH [DER MANN, DER VOM HIMMEL FIEL]
(UK 1976, Nicolas Roeg)

1/10

MAPS TO THE STARS
(CDN/D 2014, David Cronenberg)
3.5/10

MOON
(UK 2009, Duncan Jones)
7.5/10

PLANET OF THE APES [PLANET DER AFFEN]
(USA 1968, Franklin J. Schaffner)

8.5/10

RISE OF THE PLANET OF THE APES [PLANET DER AFFEN: PREVOLUTION]
(USA 2011, Rupert Wyatt)

6.5/10

SHARKNADO 2: THE SECOND ONE
(USA 2014, Anthony C. Ferrante)
1/10

TEAM AMERICA: WORLD POLICE
(USA/D 2004, Trey Parker)
8.5/10

TEENAGE
(USA/D 2013, Matt Wolf)
5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES
(USA/HK 1990, Steve Barron)
7.5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES II: THE SECRET OF THE OOZE
(USA/HK 1991, Michael Pressman)
4.5/10

TRUE BLOOD – SEASON 7
(USA 2014, Howard Deutch u.a.)
6/10

THE ZERO THEOREM
(USA/ROM/UK/F 2013, Terry Gilliam)
4/10

Werkschau: Jonathan Glazer


SEXY BEAST
(UK/E 2000, Jonathan Glazer)
5.5/10

BIRTH
(USA/UK/D 2004, Jonathan Glazer)
3.5/10

UNDER THE SKIN
(USA/UK/CH 2013, Jonathan Glazer)
6.5/10

31. August 2014

Top 10 Filmzitate

Ich wurde nominiert. Nicht im Big Brother-Container und auch nicht zur unsinnigen Ice Bucket Challenge. Sondern zu einem Filmstöckchen, von Kollege Xander. Und das hab ich sogar nur zufällig mitgekommen. Will mich aber an diesem bislang ereignislosen Sonntag nicht lumpen lassen. Gestartet hat es scheinbar einst das Review Corner und passenderweise geht es nicht um die besten Zitate aus Filmen, sondern die persönlich einprägsamsten. Für mich letztlich dennoch wohl eher eine sehr willkürliche Auswahl:

«Son of a bitch!», «Jin-Soo Ji-Ga.», «Don’t tell me what I can’t do!»
– Da ich gerade Lost mal wieder schaue, sind das so Standard-Zitate aus der Serie, die einem im Lauf der Staffeln immer wieder begegnen werden.

«D’oh!»
– Wer kennt ihn nicht, den Klassiker aus den Simpsons.

«Malkovich.»
– Kurz und prägnant: Charlie Kaufman’s Genie auf ein Wort reduziert.

«Keep the change, you filthy animal!»
– Höhepunkt der jährlichen Home Alone-Sichtung zu Weihnachten.

«Come on!»
– Noch das Brauchbarste aus dem mediokren Arrested Development.

«Get to the choppa!», «See you at the party, Richter!»
– Zwei der vielen unsterblichen Einzeiler von Arnie.

«Das ganze Gehirn weggelutscht.»
Starship Troopers zeigt, wie vergnüglich Synchronisationen sein können.

«This is what happens when you fuck a stranger in the ass!»
– Steht stellvertretend für viel Herrliches aus The Big Lebowski.

«I never saved anything for the swim back.»
– Schönes emotionales Finale in Andrew Niccols Gattaca.

«I’m gonna make him an offer he can’t refuse.»
– Groß, größer: Marlon Brando als The Godfather.

26. August 2014

Coherence

If anything strange were to happen (…) we should stay inside.

Von allen Filmgenres folgt der Horrorfilm wohl am ehesten seinen eigenen Regeln. Und Logik – oder Kohärenz – ist oftmals keine davon. Es ist elementar, dass die meisten Figuren dumm sind oder dumme Sachen tun. Cabin in the Woods versuchte sich daran, mit den Klischees des Genres zu spielen, indem er sie fütterte. James Ward Byrkit macht sich derlei Mühen mit Coherence nicht, der sich allerdings auch weniger als Horror, denn Mystery-Thriller verstanden wissen will. Mit dem Horror eint ihn wiederum die Tatsache, dass dumme Figuren dumme Dinge tun, was insbesondere dann ärgerlich ist, wenn die Filmprämisse wie hier der Fall eigentlich grundsätzlich ganz interessant ist. Auch wenn sie Coherence nicht nutzt.

Im Mittelpunkt steht ein Abendessen unter acht Freunden, das mit Spannungen beginnt. Denn Emily (Emily Baldoni) erfährt, dass in Laurie (Lauren Maher) die Ex-Freundin ihres Freundes Kevin (Maury Sterling) anwesend sein wird. Nichtsdestotrotz macht die Gruppe das Beste aus der Situation, ehe ein die Erde passierender Komet für einen Stromausfall sorgt. Telefon und Internet gehen nicht mehr, aber ein Haus zwei Straßen weiter ist hell erleuchtet. Vermutlich ein Generator. Also machen sich Lauries Freund Amir (Alex Manugian) und Hugh (Hugo Armstrong) auf zum Haus, um Hughs Bruder anzurufen, da dieser mit theoretischen Physikern abhängt und mehr wissen könnte. Fortan ereignen sich verstärkt merkwürdige Dinge.

Was hat es mit den Personen auf sich, die ans Fenster klopfen und Nachrichten an die Tür kleben? Und wieso befinden sich in jener Box, die Amir und Hugh vor dem anderen Haus gefunden haben, Bilder von der achtköpfigen Clique? Nachdem Emily beim Abendessen Anekdoten von seltsamen Vorfällen rund um einen passierenden Kometen im Jahr 1923 berichtet und Hugh wiederum von dem erzählt, was er durch das Fenster des anderen Hauses gesehen hat, wird klar, dass Quantenmechanik interpretiert werden muss. Passende Bücher hat Hausherr Mike (Nicholas Brendon aka Xander aus Buffy the Vampire Slayer) aber nicht parat. Zum Glück hat Hughs Bruder aber ein passendes Exemplar rechtzeitig per Post gesendet.

Zwar riet der auch, falls sich seltsame Dinge ereignen sollten, das Haus nicht zu verlassen, aber ebenfalls, dass man ihn anrufen soll. Weshalb in gewisser Weise Hugh und Amir mit ihrem Aufbruch die weiteren Ereignisse des Films auslösen – ob beziehungsweise inwieweit, wäre selbst Gegenstand einer Diskussion. Das Ergebnis, es sei lediglich gesagt, dass verschiedene Interpretationen von Quantenmechanik – darunter die everett’sche Viele-Welten-Variante – eine Rolle spielen, gäbe durchaus ein interessantes Szenario. Wenn sich die Figuren auf dieses einlassen oder rational handeln würden. Stattdessen bricht sich in Coherence Panik Bahn, die sich dem Zuschauer angesichts der Umstände nicht wirklich erschließen will.

Prinzipiell hätte Byrkit dabei gerne auf das ein oder andere Beziehungsdrama (mehrere Figuren haben eine romantische Vergangenheit miteinander, was thematisiert wird) verzichten können, um sich mehr der Idee des Films zu widmen. In einer kurzen Montage kriegt das Publikum diese gegen Ende quasi kurz im Schnelldurchlauf vor Augen geführt, ehe eine der Figuren eine Entscheidung trifft, die nicht recht motiviert wirkt und somit ohne Fundament daherkommt. Das Byrkit sich nicht voll der Prämisse widmet, mag durch das geringe Budget beziehungsweise die Schwierigkeit der Umsetzung begründet sein. Letztendlich wäre mit einem veränderten Fokus – zumindest für mich – ein weitaus interessanterer Film entstanden.

So darf man Byrkits Film dennoch zugestehen, dass er für anschließende Interpretationsdiskussionen sorgen wird – ähnlich wie ein Inception. Ungeachtet der fehlenden Klasse dieser Filme trägt ihnen das eine gewisse Qualität zu. Was nichts daran ändert, dass die letzten 15 Minuten von Coherence eher als Übergang zwischen zweitem und drittem Akt geeignet wären, anstatt in das Ende überzuleiten. Oder wenn sich die Figuren eines Films einmal nicht durch inkohärentes Verhalten auszeichnen würden. Wo Verstand ist, kann Spannung scheinbar nicht existieren. Allerdings gibt es jedoch keine Geschichte, wenn die Figuren in Filmen wie diesem wiederum nicht das Haus verlassen. Aber eben dann auch keine Konsequenzen.

3/10