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21. Juni 2025

Kimi no Iro [The Colors Within]

How about accepting the things we cannot change.

Die englische Sprache kennt die Beschreibung, die das Gefühl, traurig oder melancholisch zu sein mit “feeling blue” erfasst. Auch die junge Schülerin Totsuko (Suzukawa Sayu) erfasst eines Tages die Farbe Blau – was in ihr jedoch das komplette Gegenteil von Traurigkeit auslöst, viel eher Ekstase. Totsuko scheint eine Form von Synästhesie zu besitzen, eine sensorische Überschneidung, die Menschen zum Beispiel Töne fühlen oder im Fall von Totsuko, die eine christliche Mädchenschule besucht, Menschen als Farben wahrnehmen lässt. Buchstäblich geplättet ist sie, als ihr im Sportunterricht jene ihrer Mitschülerin Kimi (Takaishi Akari) entgegenschlägt. Diese ist zwar blau, inspiriert das junge Mädchen aber es zu einem kosmischen Spektrum.

Sowohl Totsuko als auch Kimi scheinen eher introvertierte Figuren zu sein, auch wenn Erstere mit ihren Zimmergenossinnen verbandelt ist und Letztere von den Mitgliedern ihrer Chor-AG bewundert wird. Mit vermeintlichen Außenseitern und ihrer Einsamkeit kennt sich die Regisseurin Yamada Naoko aus, die zuletzt vor sechs Jahren Rizu to Aoi Tori [Liz und der Blaue Vogel] inszenierte und davor Koe no Katachi [A Silent Voice]. Totsukos Leben gerät nun in Yamadas neuestem Film Kimi no Iro [The Colors Within] insofern aus den Fugen, als dass Kimi auf einmal die Schule verlässt, nachdem sie mit einer der Nonnen aneinandergerät. Und ein Leben ohne Kimi erscheint der jungen Christin dann im wahrsten Sinne des Wortes erst mal blass.

Zwar heißt der Film “The Colors Within”, Farbpsychologie spielt aber darin eigentlich keine Rolle, wie auch Totsukos Synästhesie eher ein Randaspekt ist, den Yamada und ihre Drehbuchautorin Yoshida Reiko gerade im zweiten Akt der Geschichte völlig außen vor lassen. Beide Mädchen lernen im Verlauf den schüchternen angehenden Medizinstudenten Rui (Kido Taisei) kennen (von Totsuko mit Grün assoziiert) und formen eine gemeinsame Band, zu der sie sich in regelmäßigen Abständen für Proben treffen. Aber auch der musikalische Aspekt kommt im Film eher weniger zum Tragen, der sich im Kern vorrangig um das Innenleben von Kimi und mit Abstrichen Rui dreht, die beide vor ihren Erziehungsberechtigten Wahrheiten zurückhalten.

Kimi, die bei ihrer Großmutter lebt, hat dieser nicht gestanden, dass sie die Schule verlassen hat und nun in einem Buchladen arbeitet. Rui wiederum soll irgendwann die Praxis seiner Mutter übernehmen, stammt er doch aus einer Mediziner-Familie. Totsuko wiederum hat per se keine Probleme, eher Konflikte mit ihrem Glauben, da Kimis Historie sie mitunter in ihrer Schule vor Schwierigkeiten stellt. Ihre eigene Mutter nimmt ihr das nicht krumm, als der Schwindel an einer Stelle einmal auffliegt, handele es sich doch um eine Freundin “worth covering for”, befindet die Mutter, deren Beziehung zu Totsuko wärmer wirkt, obwohl sie gegenüber den Erziehungsberechtigten von Kimi und Rui in einer anderen Stadt als die Tochter lebt.

“Can we be friends?” lautete eine wiederkehrende Frage in Yamada-sans berührendem Koe no Katachi – und in gewisser Weise erfuhr diese Frage ein Echo in der zentralen Beziehung zweier Freundinnen in Rizu to Aoi Tori. Im weitesten Sinne handelt auch Kimi no Iro von dieser Suche nach Freundschaften und wie diese einen stärken können – oder dem eigenen Leben Farbe verleihen, um den Filmtitel wieder aufzugreifen. Yamada und Yoshida deuten viel an, ohne wirklich in irgendeinem Punkt sonderlich tiefer zu gehen. Wer möchte, könnte romantische Gefühle zwischen Totsuko und Kimi, Kimi und Rui oder Kimi und Totsuko aus Szenen herauslesen. Wie die anderen narrativen Elemente ist der Film hier jedoch selten konkret.

Es gibt auch eine Schwester Hiyoshiko (Aragaki Yui), eine junge Nonne, die selbst die Schule besuchte, ebenfalls in einer Band spielte (God Almighty) und die den Mädchen wohl gesonnen ist. Wirklich erheblich ist sie für deren Entwicklung aber nicht, wächst auch selbst im Verlauf der Handlung kaum. Das musikalische Finale gebiert sich als emotionale Zusammenführung, die nicht wirklich verdient scheint, zu unausgegoren wirkt die Figurenzeichnung und das Narrativ im Vergleich zu Yamadas und Yoshidas vorangegangenen Arbeiten – gleichwohl manche Szenen wohl der Schere zum Opfer fielen. Kimi no Iro meint es also gut, macht es jedoch nicht zwingend. Würde er einen aber fragen “can we be friends?” wäre die Antwort aber dennoch: ja.

6/10

22. März 2019

Rizu to aoi tori [Liz und der Blaue Vogel]

Can we hug?

Konfuzius wird der Spruch zugeschrieben: Was du liebst, lass los. Versinnbildlicht wird dies innerhalb von Rizu to aoi tori [Liz und der Blaue Vogel] durch eine musikalische Geschichte, die dem Film ihren Titel leiht. Darin lernt die einsame Liz (Honda Miyu) einen blauen Vogel kennen, der sich in eine junge Frau verwandeln kann. Fortan verbringen beide ihr Leben zusammen, doch vollends glücklich ist der blaue Vogel, der eigentlich frei sein will, nicht. “I’m only happy when I’m with you”, versichert der blaue Vogel zwar Liz. Doch die erkennt: “I’m a cage shutting you in.” Da sie den blauen Vogel liebt, lässt sie ihn los – selbst wenn es beiden das Herz bricht. Innerhalb des Films stellt ihre Geschichte jedoch lediglich eine Metapher dar.

Der eigentliche Fokus liegt auf einer anderen Mädchen-Paarung. Die Schülerinnen Nozomi (Tōyama Nao) und Mizore (Tanezaki Atsumi) sind eng befreundet und partizipieren auch beide als entscheidende Mitglieder in ihrem Schulorchester. Für einen Musik-Wettbewerb will dieses das Stück von Liz und dem blauen Vogel vorspielen, zentral ist dabei ein Duett von Oboistin Mizore und Flötistin Nozomi. Nur stimmt die Harmonie zwischen den Freundinnen nicht so richtig – sowohl musikalisch als auch menschlich. Dabei hatten beide geplant, gemeinsam eine Musikhochschule zu besuchen. Vor allem die introvertierte Mizore leidet unter der momentanen Situation, da sie ihr Sozialleben fast ausschließlich über den Kontakt mit Nozomi definiert.

Beide sind sich der Ähnlichkeit zu ihrem Musikstück bewusst. Mizore definiert sich dabei über Liz und kann nicht nachvollziehen, wie diese bereit sein kann, den Menschen, den sie liebt, zu verlieren. “I can’t set the blue bird free”, sagt sie. “I would never let go of someone I love.” Wie sich im Verlauf der Proben zeigt, ist jedoch weniger Mizore ein Käfig für Nozomi, sondern eher umgekehrt. Mizore ist es, die ihren Reifeprozess zurückhält, um die Freundschaft mit Nozomi nicht zu verlieren. Ein Verhalten, unter dem auch die Leistung des Orchesters letztlich leidet. Insofern gilt es für Mizore, aber auch Nozomi, die richtige Interpretation aus dem Musikstück zu ziehen, um beim Wettbewerb zu bestehen und ihre jahrelange Beziehung zu wahren.

Rizu to aoi tori ist dabei ein Spin-off-Film zur Anime-Serie Hibike! Euphonium von Kyōto Animation. Die wiederum basiert auf dem gleichnamigen Manga von Takeda Ayano und dreht sich um das Schulorchester von Mizore und Nozomi. Innerhalb von (dem mir unbekannten) Hibike! spielen beide Figuren scheinbar eher die zweite Geige, was die Adaption von Yamada Naoko besonders interessant macht. Statt sich buchstäblich im Ensemble zu verlieren, beleuchtet die Regisseurin also zwei Charaktere, die (womöglich) sonst eher etwas zu kurz kommen. Dies eignet sich angesichts der Parallelen zwischen den Mädchen und den Figuren aus dem Lied, das sie spielen sollen, natürlich exzellent, um die Botschaft des Films zu transportieren.

Yamada-san ist dabei für Kyōto Animation keine Unbekannte, inszenierte bereits verschiedene Animes wie K-On! oder Hibike! Euphonium und zuletzt vor zwei Jahren auch den meisterlichen Koe no katachi [A Silent Voice] über Mobbing und Suizid in Japans Schullandschaft. Die Tiefe der Figuren aus Koe no katachi erreicht Rizu to aoi tori dabei leider nicht oder zu selten, vielleicht auch weil vorausgesetzt wird, dass der Zuschauer die Persönlichkeiten von Mizore und Nozomi aus Hibike! kennt. Wo sich mit Mizore noch leicht nachfühlen lässt, bleiben dem Zuschauer Nozomis Motive eher unklar. Zum Beispiel wenn sie den Wunsch nach einer Umarmung seitens Mizore auf später verschiebt, aber in der Folge realisiert “I didn’t want to lose you”.

Der Film gefällt mit seiner angenehm reduzierten Handlung, die fast ausschließlich im Schulgebäude spielt. Selbst wenn die Geschichte innerhalb der Geschichte um Liz und den Vogel leicht aufgebläht wird, um die 90-minütige Laufzeit zu füllen. Da sich die Beziehung der Figuren ähnelt, wäre es sinnvoller gewesen, sich mehr auf Mizore und Nozomis zu fokussieren und dafür die von Liz und dem Vogel zu kürzen. Sonst ist Rizu to aoi tori aber ein sehr hübsch animiertes und musikalisch schönes Spin-off, wie man es sich öfters wünscht; über Freundschaften, die im Verlauf des Erwachsenwerdens auf der Strecke bleiben können. “I like stories with happy endings”, sagt Nozomi eingangs. Wie gut, dass sie ihre Geschichte selbst beeinflußen kann.

8/10