26. November 2008

Hadashi no Gen

Roger. Releasing bomb.

Während des Zweiten Weltkrieges war die japanische Stadt Hiroshima von Bombenangriffen seitens der Vereinigten Staaten verschont geblieben. Bis zu jenem historischen Tage am 6. August 1945. Hiroshima war der Sitz des Hauptquartiers der 2. Armee unter Feldmarschall Hata Shunroku. Kriegswichtige Güter wurden hier gelagert und die Stadt selbst war ein Truppensammelpunkt. Die meisten der etwa 255.000 Einwohner waren jedoch Zivilisten. Am 31. Juli hatten die Amerikaner die drei Meter lange und vier Tonnen schwere Uranbombe „Little Boy“ einsatzbereit gestellt. Sie verfügte über eine Sprengkraft von 12.500 Tonnen TNT. As Abwurfziel wurde Hiroshima ausgewählt, da sie die einzige japanische Stadt ohne Kriegsgefangenlager war. Die B-29, von ihrem Piloten Paul Tibbets nach seiner Mutter „Enola Gay“ benannt, startete um 2:45 Uhr. Um sieben Uhr schlug das Frühwarnsystem der Japaner an. Doch da die „Enola Gay“ absichtlich etwas höher flog und die USA die Tage zuvor bereits Aufklärungsflugzeuge entsandt hatten, gab die Stadt um acht Uhr Entwarnung. Der Stadtbevölkerung wurde somit der Gang in ihre Luftschutzbunker vorenthalten, der Trick der Amerikaner hatte funktioniert. Um 8:15:17 Uhr klinkte Tibbets die Atombombe in 9.450 Metern Höhe aus, 45 Sekunden später detonierte sie in 580 Metern Höhe über der Innenstadt. Weitere 43 Sekunden später hatte die Druckwelle der Bombe 80 Prozent der Innenstadt ausgelöscht, der entstehende Atompilz besaß eine Größe von 13 Kilometern und war noch in 560 Kilometern Entfernung zu sehen. Bei den Opfern in der Innenstadt verdampfte buchstäblich die oberste Hautschicht, zwischen 90.000 und 180.000 Menschen waren sofort tot. Die nukleare Strahlung tötete in den Folgewochen weitere 60.000 Überlebende, insgesamt starben über 240.000 der damaligen Einwohner und somit rund 98 Prozent der Stadtbevölkerung. Die zwei Prozent der Menschen, die den Angriff überlebt haben, werden in Japan als Hibakusha (dt. Explosionsopfer) bezeichnet. Einer von ihnen ist Keiji Nakazawa.

Nakazawa ließ seine Erlebnisse von 1973 bis 1985 in der Manga-Serie Hadashi no Gen Revue passieren. Jener Manga diente als Vorlage für Mori Masakis gleichnamigen Kinofilm von 1983. Gemeinsam mit seinen Eltern sowie seiner älteren Schwester Eiko und dem jüngeren Bruder Shinji lebt der sechsjährige Gen in Hiroshima. Die Familie leidet Hunger, da verkommt eine Zuckerrübe schon mal zum Streitobjekt zwischen den beiden Brüdern. Obwohl sich der Vater mit dem Fabrizieren von Hausschuhen rumschlägt, langt das Essen speziell für seine schwangere Frau kaum. So kommt es, dass Gen und Shinji sich selbst in die Verantwortung ziehen und Karpfen aus dem Teich eines Mitbürgers stehlen. Masaki schildert zuvor bereits einen vermeintlichen Luftangriff der Amerikaner – einer jener Aufklärungsflüge, die als Tarnung für die bevorstehende Bombardierung dienen sollten. Am Vorabend des Angriffs schenkt er der Familie Nakaoka dann noch mal einen harmonischen Moment, wenn die Brüder sich bei Kuchen auf dem Dach vergnügen und für den nächsten Tag zum Spielen verabreden. Ein Gang zur Schule soll Gen am 6. August das Leben retten, als er sich bei Detonation der Uranbombe hinter einer Stadtmauer versteckt. Das Mädchen neben ihm hat dabei weniger Glück. Die Hitze der Druckwelle sorgt dafür, dass ihre Hautschicht verdunstet, ihre Augäpfel schmelzen ihr sprichwörtlich aus den Höhlen heraus. Ein heranstürmendes, brennendes Pferd erzeugt ein Bild der Apokalypse. Barfüßig eilt Gen zurück zu seinem Familienhaus und findet hier lediglich seine Mutter vor. Sein Vater und die beiden Geschwister sind unter der Hausruine gefangen. Mutter und Sohn bleibt nichts anderes übrig, als ihre Familienmitglieder bei lebendigem Leib verbrennen zu sehen. Da setzen bei Gens Mutter die Wehen ein und der Sechsjährige muss in den kommenden Wochen nicht nur sein Überleben sichern, sondern auch das seiner Mutter und Schwester.

Speziell zu Beginn und auch gegen Ende des Filmes baut Masaki viele humoristische Elemente ein, die Ähnlichkeiten mit Miyazakis Ghiblis erwecken. So zum Beispiel die innige Beziehung zwischen Gen und Shinji zu Beginn, sowie zwischen Gen und Ryuta zum Ende hin. Es ist dabei auch jene Verbindung der historischen Ereignisse mit gelegentlich amüsanten Nebenhandlungen, die dem Film etwas schaden, so homogen die Kombination mitunter auch wirken mag. Szenen wie der Tod der Nakaokas werden allerdings zu sehr emotionalisiert und drohen fast ins Kitschige zu entgleiten. Zudem wirken jene Szenen fast wie Phantasiekonstrukte, betrachtet man die schonungslose Härte des restlichen Filmes. Nicht nur die Gewalt von Erwachsenen an Kindern wird hier portraitiert, sondern auch der Atomanschlag im Detail dem Zuschauer näher gebracht. Masaki macht hier auch nicht vor der Darstellung verbrannter Babys und verwesender Kleinkinder halt. Die Gewalt der Bombe erhält hier Bilder von Szenarien, die man sich hinterher wünscht, nie mit eigenen Augen sehen zu müssen. Der Horror, den Nakazawa und alle anderen Hibakushas Gewahr wurden dürfte von unbeschreiblichem Ausmaß gewesen sein. Der Film dürfte jenen Tag wohl nur grob visuell einfangen und schockiert bereits durch jene minimalen Augenblicke. Dass jene taktierte Auslöschung seitens der amerikanischen Regierung überhaupt jemand überleben konnte, erscheint einem nach Sichtung von Hadashi no Gen (dt. Barfuß durch Hiroshima) als kleines Wunder.

Masakis Film ist sicherlich ein bedeutsamer Beitrag zu einem meist sträflich vernachlässigten Thema. Allerdings ist Hadashi no Gen nicht frei von Fehlern. Der Einbezug von komischen Momenten wirkt gelegentlich etwas deplatziert, oftmals auch durch seine chronologische Einordnung in das Geschehene. Zudem erweckt der Film den Eindruck, als hätten sich in Hiroshima überhaupt keine Soldaten aufgehalten, da zu Beginn hauptsächlich die Nakaokas und andere Zivilisten gezeigt werden. Ungeachtet der abgrundtiefen Unmenschlichkeit des amerikanischen Angriffs wird hier das Bild der Realität etwas verzerrt. Allerdings ist „Hadashi no Gen“ alles andere als parteiisch. Im Gegenteil schiebt Masaki an mehreren Stellen die Schuld der eigenen Regierung in die Schuhe. Als Sprachrohr fungieren hierbei die beiden Elternteile von Gen. Zuerst kritisiert Vater Nakaoka das Vorgehen der Regierung und hebt seine Entscheidung nicht dem Wehrdienst beizutreten hervor. Als Japan schließlich kapituliert greift Mutter Nakaoka diese Entscheidung an, weshalb sie nicht früher getätigt worden sei. Abgesehen von den US-Piloten tauchen Amerikaner überhaupt nicht im Film auf. Die Szenen mit und in der „Enola Gay“ sind zudem von einem anderen, „härteren“ Zeichenstil durchzogen. Letztlich ist die Umsetzung von Hadashi no Gen sicherlich gelungen, unterstreicht nochmals das amerikanische „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und vergegenwärtigt einen Aspekt in der Geschichte, welcher den meisten Menschen nur oberflächlich in Erinnerung sein dürfte. Drei Jahre später erschien mit Hadashi no Gen 2 eine Fortsetzung, die sich erneut um Gens Überleben in den Ruinen Hiroshimas befasste. Verständlich, dass jener Film nicht die Intensität des Vorgängers zu erreichen vermochte. Masakis Werk ist ein wichtiger und bedeutsamer Beitrag und somit allemal eine Sichtung wert.

8.5/10

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