21. Oktober 2010

On the Waterfront


This ain’t your night.

Die McCarthy-Ära war keine gute Zeit für Hollywood. 1947 beschäftigte sich das Komitee für unamerikanische Umtriebe neun Tage lang mit möglicher kommunistischer Propaganda in Hollywood-Filmen. Es folgte die Liste der „Hollywood Ten“ und einige andere Diskreditierungen, darunter auch von Charlie Chaplin. Die meisten Kreativen, die unter den Verdacht eines kommunistischen Einflusses fielen, erholten sich nicht mehr von diesem. Umso schwerer musste die Bürde auf denen lasten, die vor das Komitee zitiert wurden, um auszusagen. So wie Regisseur Elia Kazan, der Mitte der 1930er für anderthalb Jahre der Kommunistischen Partei angehörte und 1952, 16 Jahre später, dazu aufgefordert wurde, Namen anderer Mitglieder aus der Branche zu benennen. “No matter which way you choose, you lose something“, macht Jeff Young, Kazans Biograf, im Audiokommentar zu dessen On the Waterfront das Dilemma deutlich.

Der Film entstand zwei Jahre nachdem Kazan vor dem Komitee aussagte und die Namen von acht ehemaligen Mitgliedern preisgab, die dem Komitee jedoch bereits bekannt gewesen waren. Im Grunde war dies wohl der einfachste Weg für Kazan, benannte er doch auf diese Weise Personen, ohne zugleich welche zu verraten. Dennoch wurde ihm seine Entscheidung hinterher von manchem Kollegen vorgehalten. Vielleicht entstand deswegen On the Waterfront - ein Film, in dem es um “knowing right from wrong“ geht, wie es Young ausdrückt. Ein Film über den Druck, das Richtige zu tun und dennoch falsch zu handeln. Young zu Folge wollte Kazan schon seit langem eine Geschichte über die “shenanigans on the waterfront“ drehen. Sechs Jahre zuvor war eine Artikelserie von Malcolm Johnson in der New York Sun über die Verbrechen auf den Docks erschienen und hatte 1949 sogar den Pulitzer Preis gewonnen.

Gemeinsam mit dem ehemaligen Hafenarbeiter Anthony DiVincenzo, der vor der Waterfront Commission ausgesagt hatte, war die Vorlage für Kazans Film gefunden. Mit der Hauptfigur Terry Malloy (Marlon Brando) installierte der Regisseur letztlich nicht nur ein filmisches Pendant zu DiVicenzo, sondern auch zu sich selbst. Dabei ist Terry keine besondere Figur, vielmehr ein ganz normaler Typ, wenn nicht sogar weniger. “I’d always figured I’d live a little bit longer without [ambition]“, gesteht der Ex-Boxer Terry. In den Augen des mafiösen Gewerkschaftsboss Johnny (Lee J. Cobb) gilt er zudem als “pigeon-drunk“, verbringt er seine Zeit doch gerne auf dem Hausdach, wo er Tauben züchtet. Dasselbe Hobby wie es Hafenarbeiter Joey hatte, der vor der Waterfront Commission aussagen wollte und mit Hilfe von Terry umgebracht wird. Dabei hätte Terrys Leben ganz anders aussehen können, hätte er einen Boxkampf nicht verloren.

“I coulda had class. I coulda been a contender. I coulda been somebody, instead of a bum, which is what I am”, gesteht Terry gegenüber seinem älteren Bruder Charley (Rod Steiger). Dieser hatte Terry einst dazu genötigt, einen Kampf zu schieben (“This ain’t your night“) - und damit die Zukunft seines Bruders für immer verändert. Widerstrebend ist Terry nun ein Botenjunge von Johnny, der in einer Mischung aus Sympathie und Loyalität einen Narren an ihm gefressen zu haben scheint. Zumindest so lange, wie Terry den Regeln der Waterfront folgt. Und dass die eine harte Welt ist, das wissen auch die Hafenarbeiter. “The waterfront is tougher [..] like it ain’t part of America“, sagt Dugan (Pat Henning) zu Beginn. Demenstprechend erklärt sich auch Terrys Lebensphilosophie: “Do it to him before he does it to you“. Auf den Docks ist sich eben jeder selbst der Nächste -  von diesem Problem weiß auch Father Barry (Karl Malden).

Die Arbeitsbedingungen sind hart. Weil die Mafia alles kontrolliert. Und um der Mafia Einhalt zu gebieten, darf man sie nicht mit Mord davonkommen lassen. Eine einfache Rechnung von Barry. “The Romans found out what a handful could do if it’s the right handful“, versucht er die Hafenarbeiter anzuspornen. Aber erst im Finale des Filmes, wenn sich Terry als messianische Figur Johnny gegenüber stellt und seine persönliche Passion erleidet, werden die Arbeiter aktiv. Und auch dann nur sporadisch und zäh. Die Gruppe ist nur so stark wie ihr stärkstes Glied, zeigt uns On the Waterfront hier. Denn die Docks sind “tougher“, als wären sie nicht Teil von Amerika. Wo Lebensphilosophien lauten: Eh du mir, so ich dir. Wo man ohne Ehrgeiz im Leben länger lebt. “Everybody loved Joey“, beklagt dessen Schwester Edie (Eva Marie Saint) nach seinem Mord zwar. Aber auf den Docks ist man “D and D“, erklärt Dugan. Deaf and dumb. Taubstumm.

“Doing the right thing is doing whatever you need to do to get to the top of that world“, beschreibt Young die Logik der Geschichte. Kazan erzählt von einer großen Welt, die in der Hand einer kleinen Gruppe ist. Wo jemand wie Charley the Gent zum Handlanger eines Gewerkschaftsbosses unter Mafiaeinfluss verkommt - und seinem Bruder die Zukunft raubt. Und ihn unweigerlich in dieser Welt festhält. “This ain’t your night“ verkommt so vielmehr zu einem: “This ain’t your life“. Und Youngs Satz “No matter which way you choose, you lose something” bewahrheitet sich für die meisten Figuren in On the Waterfront. Joey und Dugan bezahlen ihr Rückgrat ebenso mit dem Leben wie Charley, der sich nicht gegen Terry stellt. “Am I on my feet?“, fragt dieser im Finale des Filmes. Ein Satz, der sich jenseits seiner körperlichen Verfassung lesen lässt. Es sind Terrys Handlungen zum Schluss, die ihn wieder zu dem Mann machen, der er war.

So hat er am Ende wieder “class“, ist er wieder ein “contender“ und wird auf diese Weise zum “somebody“. Die Katharsis besorgt natürlich eine Frau. Ganz besonders delikat: Joeys Schwester. Als diese ihn an einer Stelle fragt, auf welcher Seite er steht, antwortet Terry entsprechend: “I’m with me, Terry“. Über ihre christliche Erziehung, dass sich jeder um den anderen kümmern müsse, kann er natürlich nur lachen (“Boy, what a fruitcake you are!“). Edie, die außerhalb der Stadt auf ein katholisches Mädcheninternat geht, kann nicht wissen, dass die Docks “tougher“ sind als der Rest von Amerika und Dinge bereithalten, die Terry als “ain’t fit for the eyes of a decent girl“ erachtet. Zur Läuterung kommt er durch die Liebe einer christlichen Frau und eines Gottesmannes. Im Finale selbst gibt er dann die messianische Figur, die sich für die Sünden aller opfert (“on the docks we’re D and D“) und dies fast mit dem Leben bezahlt.

Getragen wird On the Waterfront von Marlon Brando, der hier seinen ersten Academy Award abstaubte, der wiederum Bestandteil von insgesamt acht Auszeichnungen für Kazans Film war. Auch die übrigen vier Darsteller beeindrucken und wurden dementsprechend ebenfalls in ihren Kategorien nominiert (wobei nur Eva Marie Saint für ihre Debütrolle ausgezeichnet wurde). Für Kazan selbst dürfte der Film eine Genugtuung gewesen sein, bekam er doch zwei Jahre nach seiner Aussage vor dem HUAC den Preis für die beste Regie, während zugleich noch das Drehbuch von Budd Schulberg und der Film selbst prämiert wurden. Dass der Film seine HUAC-Aussage für einige Kollegen jedoch auch über Jahrzehnte hinweg nicht entschuldigte, sah man bei der Verleihung seines Ehrenoscars 1999, dessen Applaudierung Schauspieler wie Nick Nolte und Ed Harris boykottierten. “No matter which way you choose, you lose something”.

8.5/10

Kommentare:

  1. Ich möchte vorausschicken, dass ich ein grosser Bewunderer der Filme von Elia Kazan bin. Dennoch gilt es zu betonen, dass etwa Edward Dmytryk - ein Leidensgenosse unter dem McCarthy-Druck - immerhin einige Monate im Gefängnis verbrachte, bevor er sich zur Nennung anderer Personen hinreissen liess. Deshalb scheint es, als bleibe Kazan der Prototyps des Verräters. - Interessant und mehr als nötig wäre endlich eine detaillierte filmische Auseinandersetzung mit der Geschichte Hollywoods in dieser Zeit. Es ist offensichtlich, dass vor allem die Studiobosse gar nicht gut dabei wegkommen würden.

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  2. Großer Film.

    Endlich guckst du mal sowas.

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