3. November 2010

Beauty and the Beast

Tale as old as time, true as it can be.

“Once upon a time in a far away land…” - so lautet der klassische Einstieg in ein jedes Märchen, wie es auch Disneys Beauty and the Beast von 1991 ist, der bis heute einzige Animationsfilm, der eine Oscarnominierung als Bester Film erhalten hat (die diesjährige Nominierung von Up in der ausgeweiteten Kategorie ist kaum vergleichbar). Ihres Zeichens ist die Geschichte von der Schönen und dem Biest inzwischen über 270 Jahre alt. Eine der frühesten Versionen geht mit La Belle et la Bête 1740 auf Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve zurück, während es die überarbeitete Fassung von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont 16 Jahre später ist, die über die größte Bekanntheit verfügt. Obschon Walt Disney das französische Märchen bereits zu Lebzeiten umsetzen wollte, kam es erst 1991 in der Renaissance des Studios zu einer Adaption, die nach The Lion King und Aladdin, die in den Jahren darauf entstanden, der dritterfolgreichste 2D-Film des Animationsstudios ist.

Was die drei Filme ebenfalls bisher einte, war die Tatsache, dass sie auf DVD vergriffen waren. Kaum Exemplare vorhanden und die, die im Umlauf waren, wurden zu teils horrenden Preisen feilgeboten. Umso bedauerlicher, da die ursprünglichen Kinofassungen wohl nur auf diese Weise noch erhältlich sind, bedenkt man, dass Disney seine alten Werke schon seit Jahren digital restauriert - sehr zum Leidwesen der Filme. In HD-Qualität präsentieren sich nun Belle, das Biest, sowie Gaston und Co. Adieu grobkörniges Bild, aber auch adieu schöne Nostalgie. Die Folge ist, dass Beauty and the Beast wie seine zuvor bereits digital restaurierten Kollegen aussieht, wie der 0815-Einheitsbrei jenes Studios, dass seine DTV-Sequels in betrübender Lieblosigkeit produziert. Als hätte man George Lucas auf Disney-Meisterwerke losgelassen. An der Qualität des Filmes ändert dies zum Glück wenig.

Wie vielen Märchen wohnt auch La Belle et la Bête eine Moral inne, die die beiden Regisseure von Beauty and the Beast, Gary Trousdale und Kirk Wise, dem Publikum gleich zu Beginn liefern. Es wird von einem jungen Prinzen erzählt, der eines Nachts eine hässliche Bettlerin von seinem Schloss weist und ihr auch im Austausch für eine Rose keine Unterkunft schenken will. “She warned him, not to be deceived by appearances“, verrät der Erzähler, “for beauty is found within“. Die alte Bettlerin ist in Wirklichkeit eine Zauberin, die den 11-jährigen Prinzen für sein Verhalten zur Strafe in ein scheußliches Biest verwandelt. Wenn es ihm bis zu seinem 21. Geburtstag gelingt, eine Frau dazu zu bringen, sich in ihn zu verlieben, wird der Bann gebrochen. Im Nachhinein wirkt dies wie eine reichlich drastische Maßnahme gegenüber einem kleinen Jungen, der als Waise von seiner Macht - und vermutlich auch seinem Aussehen - berauscht ist und es wohl einfach nicht besser weiß.

Doch, und hier findet sich das große Manko des Disney-Werkes, für große Auseinandersetzungen mit seiner Geschichte nimmt sich der Film keine Zeit. Zehn Jahre ziehen ins Land, die Handlung wechselt in ein farbenfrohes Dorf. Hier lernen wir Belle kennen, ein aufgewecktes junges Mädchen, das seine Nase lieber in Bücher steckt als dass es sich wie seine Altersgenossinnen im Schmachten an Gaston, den muskelbepackten und gutaussehenden Jäger der Gemeinde, verliert. An einem Brunnen hält sie inne, durchblättert ein Buch und stellt als ironische Selbstreferenz in dessen Geschichte fest: “Here’s where she meets Prince Charming but she won’t discover that until chapter three“. Belle ist die einzige Tochter von Maurice, jenem Kaufmann des ursprünglichen Märchens, der in der Disney-Version nun zu einem Haushaltserfinder wird und einer Mischung aus Doc Brown der Back to the Future-Filme und Randall Peltzer der Gremlins-Serie gleichkommt.

Bei einer seiner Reisen trifft er auf das Schloss des Biests, wird von diesem eingesperrt und erst freigelassen, als Belle ihn suchen kommt und für ihn beim Biest bleibt. Für das Biest und insbesondere seine Schlossbediensteten wie Lumière und Cogsworth offenbart sich hier die Chance, den Fluch zu brechen. Die Tage bis zum 21. Geburtstag des Prinzen rücken näher und die Anwesenheit einer Frau - die praktischerweise auch noch hübsch ist - bietet somit die letzte Möglichkeit, wieder die ursprüngliche menschliche Form zu erhalten. Allerdings kein leichtes Unterfangen, sind die Rollen doch vertauscht. Nun ist der Prinz der hässliche Bittsteller und die gutaussehende Belle “has to see past all that“, wie es Mrs. Potts richtig zusammenfasst. “Above all you must control your temper“, trichtern die Angestellten dem heißblütigen Biest ihr Mantra ein. Nach kurzem Vertrauensgewinn (bei einem Fluchtversuch rettet das Biest Belle das Leben) werden die folgenden Tage und Gefühle vorgespult.

Es ist insbesondere die Größe seines … Bibliothekssaals, die zwischen dem Biest und Belle - bemerkenswert ist übrigens, dass diese ihn stets als „Biest“ adressiert, selbst im Finale noch - eine Bindung herstellt. Auch hier mag man die Auseinandersetzung mit der Situation ein wenig vermissen, könnten die Gefühle der beiden Charaktere doch in Zweifel gezogen werden, bedenk man, dass das Biest quasi unter Zeitdruck jemanden dazu bringen muss, sich in ihn zu verlieben, und Belle wiederum mit dem Stockholm-Syndrom diagnostiziert werden könnte. Auch dass Gaston zum Bösewicht verkommt, ist ein im Grunde ziemlich leichter Ausweg, ist er als gutaussehender aber innerlich fauler Charakter doch dem Biest - oder der Person, die aus dem Prinzen hätte werden können - nicht so unähnlich. Doch Gaston erhält keinen Fluch und keine Zeit, über sein Verhalten nachzudenken. Stattdessen bezahlt er im Gegensatz zum Biest seine charakterlichen Verfehlungen am Ende mit dem Leben.

Letztlich ist die eigentliche Botschaft jedoch, dass sich wahre Schönheit nicht an Äußerlichkeiten festmachen lässt, sondern - wie die Zauberin bereits sagte - von innen kommt. So ist es das Wesen des Biests, das Belle schließlich für sich gewinnt und nicht sein gutes Aussehen (welches am Ende natürlich ein schöner Bonus ist). Gleichzeitig veranschaulicht das Märchen aber auch, dass jene innere Schönheit nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, sondern man sich mit ihr beziehungsweise ihrem eventuell „hässlichen“ Äußeren zuerst einige Tage auseinandersetzen muss. Dass dies ohnehin eine Eigenschaft ist, die eher Frauen als Männern innewohnt (könnte sich ein junger hübscher Intellektueller in ein hässliches weibliches Biest ebenso verlieben?), kommt da noch hinzu. Je intensiver man sich also mit der Geschichte von Beauty and the Beast beschäftigt, desto problematischer wird diese. Grund genug, sich der visuellen und musikalischen Umsetzung zu widmen.

Unabhängig von der digitalen Restaurierung gefällt visuell neben der Ballraumszene speziell Belles Einführung. Da sich der Großteil der Geschichte im Schloss des Biests abspielt, gilt es hier - zum Beispiel am ersten Abend von Belle oder beim Ausflug in den verschneiten Schlosshof - den Zuschauer mit klassischen Disney-Vignetten abzuholen. Abgerundet wird auch dieses Werk der Disney Renaissance dann von der Musik Alan Menkens, dessen Stücke wie “Be Our Guest“ und “Beauty and the Beast“ in den Kanon der unsterblichen Disney-Songs eingegangen sind. So ist Beauty and the Beast insgesamt zuvorderst ein Werk der Nostalgie, welches besser in Erinnerung geblieben ist, als es wohl unter denselben Voraussetzungen heutzutage bleiben würde - was aber wohl auf viele Märchen zutrifft. Als solches endet der Film auch sehr getreu, wenn Chip fragt: “Are they gonna live happily ever after?“. Mrs. Potts „logische“ Antwort: “Of course, my dear, of course“.

6.5/10

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