11. Januar 2012

Drive

Be a human being, and a real hero.
(“A Real Hero”, College feat. Electric Youth)


Trailer und Titel eines Films können irreführend sein und müssen nicht immer wiedergeben, was zu erwarten ist. So ist Roman Polanskis The Pianist kein Musikfilm über einen Klavierspieler, sondern eine Überlebensgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Und Nicolas Winding Refns jüngster Film heißt zwar Drive, aber deswegen spielt sich die Handlung nicht ständig im Auto ab. Dennoch ist das Fahren ein zentraler Punkt in der Adaption des Romans von James Sallis. Schließlich geht es für den namenlosen Helden (Ryan Gosling) darum, ständig in Bewegung zu bleiben. Fährt er am Tag für Filme die Stuntwagen, verdingt er sich nachts für ein Fünf-Minuten-Fenster als Fluchtwagenfahrer.

Wer nun Auto-Szenen à la The Fast & the Furious erhofft, ist fehl am Platz. Goslings “Driver” geht kalkuliert vor, hört den Polizeifunk ab und nützt neben seiner PS-Stärke auch die Lichtverhältnisse aus. Dass dies nicht weniger Spannung verspricht, wird eindrucksvoll zu Beginn unter Beweis gestellt. Zugleich wird etabliert, dass Driver im Wechsel von Bewegung und Halt lebt. So auch als er in ein neues Gebäude zieht und dort in Irene (Carey Mulligan) eine hübsche Nachbarin kennenlernt. Deren Mann (Oscar Isaac) ist zur Zeit im Gefängnis, weshalb Driver ihr und ihrem Sohn Benicio aushilft . Jäh unterbrochen wird die Romanze, als Irenes Mann Bewährung erhält.

Unterdessen lässt sich der Werkstattbesitzer Shannon (Bryan Cranston), bei dem Driver tagsüber angestellt ist, auf ein Geschäft mit den Gangstern Bernie (Albert Brooks) und Nino (Ron Perlman) ein. Gut 300.000 Dollar investieren sie in ein Stockcar, welches Driver mit seinem Talent bei Rennen steuern und den Beteiligten Millionen so bescheren soll. Als Irenes Mann jedoch alte Rechnungen zu begleichen hat, die ihr Leben und das von Benicio bedrohen, hilft Goslings Protagonist aus Zuneigung zu den beiden mit seinem Können aus. Nichtsahnend, dass seine beiden Welten anschließend mit weitreichenden Konsequenzen miteinander zu verschmelzen beginnen.

Wie die meisten namenlosen Helden einer Geschichte ist auch Driver ein Einzelgänger – und wie meist einer, der plötzlich seine eigenen Interessen hintanstellt. Während ihn zu Shannon ein väterliches Verhältnis verbindet, scheinen ihm Irene und Benicio das Leben zu bieten, das er immer wollte, aber nie leben konnte. Mit stillen Blicken zelebriert Refn die Romanze der beiden jungen Leute, von denen Irenes Motivation sicherlich stärker hervorsticht als die von Driver. Dieser baut eine Beziehung zu Benicio auf und wirkt in seiner ruhigen Art als merklicher Gegenpol zu ihrem Mann, den das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennengelernt hat.

Auch hier spielen sich viele Szenen der Annährung in der unmittelbaren Nähe eines Autos oder aber beim Fahren ab. Es ist Irenes kaputter Wagen, der sie erstmals zusammenbringt, und es sind die Fahrten in Drivers Wagen, die sowohl sein Leben als auch das von Irenes Familie verändern werden. Im Vordergrund stehen jedoch die Charaktere, die sich in einer gemächlich entwickelnden Handlung nicht so sehr einander annähern als aneinander gewöhnen. Weshalb die Szenen zwischen Gosling und Mulligan mehr von warmen Blicken denn flirtenden Dialogen bestimmt sind. Das strapaziert zwar die Nerven des Publikums, allerdings auf durchaus positive Art.

Den Wechsel zwischen ruhigem, fast schon unterkühltem Drama und überfallartiger Action beherrscht Refn in Drive nämlich perfekt. Repräsentativ steht eine Aufzugszene, die mit einem romantischen, in Slow-Motion gedrehten Kuss beginnt und dann in eine Gewaltexplosion mündet. Dieses Wechselspiel zwischen Ruhe und Sturm ist charakteristisch für den Film. Besonders effektiv sind die Action-Szenen, da sie kurz und heftig geraten und meist so schnell vorbei sind, wie sie begonnen haben. Merklich kommt hier der Independent-Charakter von Drive zum Ausdruck, der ursprünglich als Action-Blockbuster von Neil Marshall mit Hugh Jackman gedacht war.

Die eruptionsartige Action trägt ihren Teil zur intensiven Spannung bei, nicht minder jedoch die von Refn ruhig erzählte Charakterentwicklung. Hinzu kommt dann das charmante 80er-Flair, das nicht nur durch die pinken Credits (die Schriftart mutet wie ein Crossover aus Risky Business und Cocktail an) und die generelle Atmosphäre zum Tragen kommt, sondern auch durch die Musik. Fast durchweg Elektropop-lastig präsentiert sich der Soundtrack von Cliff Martinez, kongenial ergänzt durch Stücke wie “Nightcall” von Kavinsky & Lovefoxx oder “A Real Hero” von College (feat. Electric Youth), der treffliche Lyrics bezüglich Goslings Figur in sich trägt.

Kritikpunkte bietet Drive nur in seinen teils arg naiv angelegten Figuren, was sich möglicherweise dadurch entschuldigt, dass Refn den Film als Märchen interpretiert. Dennoch wirkt insbesonders Irene extrem passiv, während Gosling einmal antizipierend, dann wieder überrascht (re-)agiert. Ähnliches ließe sich auch über Figuren wie Nino und Shannon sagen. Nichtsdestotrotz ist Refn ein ganz großer Wurf und einer der Filme des Jahres 2012 gelungen. Auch wenn Drive letztlich weniger Auto-Action beinhaltet, als Titel und Trailer vermuten lassen. Was in den USA eine Zuschauerin zu einer Gerichtsklage wegen Irreführung führte. Manche Leute haben wirklich ein Rad ab.

8.5/10

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