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14. Mai 2016

X-Men: Apocalypse (3D)

Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht.
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.
(Peter Fox, Alles Neu)


„Ich verbrenn mein Studio, schnupfe die Asche wie Koks“, singt Peter Fox in seinem Lied „Alles Neu“. Und fährt fort mit Verszeilen wie „Ich jag meine Bude hoch, alles was ich hab lass ich los“. Insofern passt das Lied ganz gut zur jüngeren Generation von Comicverfilmungen, die im großen Stil Städte pulverisieren und Destruktion zelebrieren. Dieses Jahr beschäftigten sich dann mit Batman V Superman: Dawn of Justice und Captain America: Civil War zwei Studiofilme mit den Folgen dieser Zerstörungsorgien und der Verantwortung der Superhelden an dieser. Auch in X-Men: Apocalypse werden Städte buchstäblich zu Asche gemacht und Menschen sterben en Masse. So sehr, dass Roland Emmerich mit der Zunge schnalzen würde.

Ähnlich formulierte es ein Filmkritiker nach der Pressevorführung, was vielleicht auch ganz passend ist, da Regisseur Bryan Singer seinen vierten X-Men-Film mit einer Quasi-Hommage an Stargate beginnen lässt. Im Ägypten des Jahres 3600 vor Christus ist der als Gott verehrte erste Mutant En Sabah Nur gerade dabei, sein Bewusstsein in einen jüngeren Körper (Oscar Isaac) zu transferieren, als eine Revolution die Prozedur stoppt. Erst Jahrtausende später, im Jahr 1983, wird er wiederauferstehen – unter den Augen von CIA-Agentin Moira MacTaggert (Rose Byrne). Ein weltweit spürbares Ereignis, auch für Charles Xavier (James McAvoy) und Hank McCoy (Nicholas Hoult) in ihrem Internat für junge Mutanten wie Scott Summers (Tye Sheridan).

Dort sieht Studentin Jean Grey (Sophie Turner) das Ende der Welt voraus, welches durch die Rückkehr von En Sabah Nur – der dankenswerter Weise nie „Apocalypse“ genannt wird – eingeleitet wird. Der schart wiederum erstmal andere Mutanten als Gefolgsleute um sich, zuvorderst die junge Diebin Storm (Alexandra Shipp), später auch noch Psylocke (Olivia Munn), Angel (Ben Hardy) und schließlich Erik Lehnsherr (Michael Fassbender). Der hat sein Dasein als Magneto eigentlich hinter sich gelassen, doch ein tragisches Unglück befeuert seinen Hass auf die Menschheit. Ein Vorfall, den auch Mystique (Jennifer Lawrence) mitbekommt, nachdem sie einen jungen Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) aus der Gefangenschaft befreit.

So simpel die eigentliche Handlung des Films – En Sabah Nur will die Reset-Taste der Menschheit drücken –, so umfangreich gerät die Exposition, bis diese Handlung startet. Die erste halbe Stunde von X-Men: Apocalypse gerät zum konstanten Szenenwechsel, während Singer mit allen bislang und noch nicht eingeführten Figuren auf dem neuesten Stand ist. Was bei einem umfangreichen Ensemble wie es die X-Men sind dauern kann. Zu Beginn des zweiten Akts haben sich dann – wie bei X-Men-Filmen üblich – die zwei Lager rund um Professor X und Magneto gebildet. Auch wenn Letzterer über weite Strecken eine passive Handlanger-Rolle im Konflikt von Xavier und En Sabah Nur einnimmt. Ein Schicksal, das er sich mit Storm, Psylocke und Angel teilt.

Hier zeigt sich eines der (Genre-)Probleme des Films: die unausgearbeiteten Antagonisten. Egal ob sie nun Lex Luthor oder Helmut Zemo heißen, Bolivar Trask oder En Sabah Nur – wie diese Personen wirklich ticken, wird nie wirklich klar. Was auch daran liegt, dass Comicverfilmungen – und eben auch die X-Men-Filme – immer aufgeblähter geraten was ihre Figuren angeht. Da haben die Helden Priorität und unter ihnen die Hollywood-Stars noch mehr. Rudimentär gerät da die Motivation von Figuren wie Storm und Angel, sich En Sabah Nur zu fügen, im Fall von Psylocke existiert gar kein Anlass. Und auch wenn sich Magnetos abermalige Abwendung nachvollziehen lässt, sie resultiert wie in den Vorgängern immer aus demselben Anlass.

Auch En Sabah Nur, als Apocalypse einer der profiliertesten X-Men-Gegner, wirkt eindimensional. Das klassische (und immer noch tolle) Xavier-Intro-Voice-over muss ausreichen, um seine umfangreiche Macht als Auslöser von Größenwahn zu erklären. Von dieser Menschheit voll mit Nuklearwaffen und Supermächten will er jedenfalls nicht als Gott verehrt werden. Also alles auf neu – oder angesichts der geplanten Zerstörungsorgie eher: zurück zu den Wurzeln. Erfreulicherweise mittendrin statt nur dabei sind die jüngeren Versionen der aus X-Men und X2 bekannten Figuren um Nightcrawler, Jean Grey und Scott Summers – ebenfalls hier noch nicht Cyclops getauft. Gerade die letzten Beiden hadern jedoch noch mit den Ausmaß ihrer Mutation.

Gegenüber X-Men: Days of Future Past hat Apocalypse den Vorteil, dass Singer nicht versuchen muss, alle Beiträge zum Franchise irgendwie unter einem Dach zu vereinen. Abgesehen von den schwach ausgearbeiteten Antagonisten existiert somit ein etwas flüssigerer Handlungsverlauf. Und dennoch kann dieser neueste Eintrag in die Serie durchaus auch als eine Art Best of verstanden werden. Die Rückkehr von Quicksilver (Evan Peters) geschieht mit einer ähnlichen Szene wie im Vorgänger, was ihr – bei allem Vergnügen, das sie bereitet – etwas ihres Effekts beraubt. Auch sonst gibt es Rückgriffe zu X-Men und X-Men: First Class, wenn En Sabah Nur mit Magneto einen (leicht geschmacklosen) Ausflug nach Auschwitz unternimmt.

Insgesamt – und in diesem Absatz sind Spoiler enthalten – gefallen jedoch gerade die Referenzen zum Comic und den TV-Serien. Und zeugen von den cojones Singers, derartig populäre Stränge in diesen bereits umfangreichen Film zu integrieren. Von dem Verweis auf X-Men/X2 und der Einbettung von Barry Windsor-Smiths Weapon X mit dem Gastauftritt von Wolverine (Hugh Jackman) – ungeachtet der Frage, wie er vom Ende von Days of Future Past hier landete –, über die Zugabe der Dark Phoenix-Storyline im Finale bis hin zum Post-Credit-Stinger, der auf Mr. Sinister verweist. Mit Zitaten und visuellen Verweisen auf die Apocalypse-Storys der TV-Serien X-Men und X-Men: Evolution bis hin zu Storms Mohawk – hier geht dem Fan das Herz auf.

Inwiefern sich die Welt nun tatsächlich geändert hat seit den Ereignissen am Ende von Days of Future Past, bleibt offen. Außer, dass es Schulthema ist und Mystique in der Mutanten-Community zur Legende wurde. Ähnlich verhält es sich mit dem destruktiven Finale, das zwar die ganze Welt betrifft, aber sich dennoch auf unser Dutzend Protagonisten in Kairo konzentriert. Immerhin muss sich hier niemand im nächsten Teil für Kollateralschäden entschuldigen, weiß Bryan Singer doch im Gegensatz zu den anderen Franchises seine X-Men nicht pseudo-seriös auf dem Boden der Tatsachen zu verankern, sondern inszeniert seine Geschichte als das, was sie ist: ein Superhelden-Action-Film, der sich zuvorderst an die X-Men-Fans richtet.

Wer mit Comic-Filmen wenig anfangen kann, ist hier gnadenlos verloren, auch DC- und MCU-Fans dürften Probleme kriegen. Belebte Bryan Singer vor 16 Jahren mit X-Men das heute florierende Genre neu, inszeniert er nun primär für ein exklusives Klientel. Das wiederum wird es ihm danken, selbst wenn Oscar Isaacs En Sabah Nur mit seiner Aufmachung in einem Power Rangers-Film besser aufgehoben scheint. Im Vergleich zu Leuten wie Zack Snyder, Joss Whedon und den Russo-Brüdern hat Singer jedoch verstanden und verinnerlicht, was einen Comic-Film ausmacht. Gespannt darf man da auf das nächste X-Men-Abenteuer warten. „Bereit die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist“, würde Peter Fox dazu wohl sagen.

7/10

11. Januar 2012

Drive

Be a human being, and a real hero.
(“A Real Hero”, College feat. Electric Youth)


Trailer und Titel eines Films können irreführend sein und müssen nicht immer wiedergeben, was zu erwarten ist. So ist Roman Polanskis The Pianist kein Musikfilm über einen Klavierspieler, sondern eine Überlebensgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Und Nicolas Winding Refns jüngster Film heißt zwar Drive, aber deswegen spielt sich die Handlung nicht ständig im Auto ab. Dennoch ist das Fahren ein zentraler Punkt in der Adaption des Romans von James Sallis. Schließlich geht es für den namenlosen Helden (Ryan Gosling) darum, ständig in Bewegung zu bleiben. Fährt er am Tag für Filme die Stuntwagen, verdingt er sich nachts für ein Fünf-Minuten-Fenster als Fluchtwagenfahrer.

Wer nun Auto-Szenen à la The Fast & the Furious erhofft, ist fehl am Platz. Goslings “Driver” geht kalkuliert vor, hört den Polizeifunk ab und nützt neben seiner PS-Stärke auch die Lichtverhältnisse aus. Dass dies nicht weniger Spannung verspricht, wird eindrucksvoll zu Beginn unter Beweis gestellt. Zugleich wird etabliert, dass Driver im Wechsel von Bewegung und Halt lebt. So auch als er in ein neues Gebäude zieht und dort in Irene (Carey Mulligan) eine hübsche Nachbarin kennenlernt. Deren Mann (Oscar Isaac) ist zur Zeit im Gefängnis, weshalb Driver ihr und ihrem Sohn Benicio aushilft . Jäh unterbrochen wird die Romanze, als Irenes Mann Bewährung erhält.

Unterdessen lässt sich der Werkstattbesitzer Shannon (Bryan Cranston), bei dem Driver tagsüber angestellt ist, auf ein Geschäft mit den Gangstern Bernie (Albert Brooks) und Nino (Ron Perlman) ein. Gut 300.000 Dollar investieren sie in ein Stockcar, welches Driver mit seinem Talent bei Rennen steuern und den Beteiligten Millionen so bescheren soll. Als Irenes Mann jedoch alte Rechnungen zu begleichen hat, die ihr Leben und das von Benicio bedrohen, hilft Goslings Protagonist aus Zuneigung zu den beiden mit seinem Können aus. Nichtsahnend, dass seine beiden Welten anschließend mit weitreichenden Konsequenzen miteinander zu verschmelzen beginnen.

Wie die meisten namenlosen Helden einer Geschichte ist auch Driver ein Einzelgänger – und wie meist einer, der plötzlich seine eigenen Interessen hintanstellt. Während ihn zu Shannon ein väterliches Verhältnis verbindet, scheinen ihm Irene und Benicio das Leben zu bieten, das er immer wollte, aber nie leben konnte. Mit stillen Blicken zelebriert Refn die Romanze der beiden jungen Leute, von denen Irenes Motivation sicherlich stärker hervorsticht als die von Driver. Dieser baut eine Beziehung zu Benicio auf und wirkt in seiner ruhigen Art als merklicher Gegenpol zu ihrem Mann, den das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennengelernt hat.

Auch hier spielen sich viele Szenen der Annährung in der unmittelbaren Nähe eines Autos oder aber beim Fahren ab. Es ist Irenes kaputter Wagen, der sie erstmals zusammenbringt, und es sind die Fahrten in Drivers Wagen, die sowohl sein Leben als auch das von Irenes Familie verändern werden. Im Vordergrund stehen jedoch die Charaktere, die sich in einer gemächlich entwickelnden Handlung nicht so sehr einander annähern als aneinander gewöhnen. Weshalb die Szenen zwischen Gosling und Mulligan mehr von warmen Blicken denn flirtenden Dialogen bestimmt sind. Das strapaziert zwar die Nerven des Publikums, allerdings auf durchaus positive Art.

Den Wechsel zwischen ruhigem, fast schon unterkühltem Drama und überfallartiger Action beherrscht Refn in Drive nämlich perfekt. Repräsentativ steht eine Aufzugszene, die mit einem romantischen, in Slow-Motion gedrehten Kuss beginnt und dann in eine Gewaltexplosion mündet. Dieses Wechselspiel zwischen Ruhe und Sturm ist charakteristisch für den Film. Besonders effektiv sind die Action-Szenen, da sie kurz und heftig geraten und meist so schnell vorbei sind, wie sie begonnen haben. Merklich kommt hier der Independent-Charakter von Drive zum Ausdruck, der ursprünglich als Action-Blockbuster von Neil Marshall mit Hugh Jackman gedacht war.

Die eruptionsartige Action trägt ihren Teil zur intensiven Spannung bei, nicht minder jedoch die von Refn ruhig erzählte Charakterentwicklung. Hinzu kommt dann das charmante 80er-Flair, das nicht nur durch die pinken Credits (die Schriftart mutet wie ein Crossover aus Risky Business und Cocktail an) und die generelle Atmosphäre zum Tragen kommt, sondern auch durch die Musik. Fast durchweg Elektropop-lastig präsentiert sich der Soundtrack von Cliff Martinez, kongenial ergänzt durch Stücke wie “Nightcall” von Kavinsky & Lovefoxx oder “A Real Hero” von College (feat. Electric Youth), der treffliche Lyrics bezüglich Goslings Figur in sich trägt.

Kritikpunkte bietet Drive nur in seinen teils arg naiv angelegten Figuren, was sich möglicherweise dadurch entschuldigt, dass Refn den Film als Märchen interpretiert. Dennoch wirkt insbesonders Irene extrem passiv, während Gosling einmal antizipierend, dann wieder überrascht (re-)agiert. Ähnliches ließe sich auch über Figuren wie Nino und Shannon sagen. Nichtsdestotrotz ist Refn ein ganz großer Wurf und einer der Filme des Jahres 2012 gelungen. Auch wenn Drive letztlich weniger Auto-Action beinhaltet, als Titel und Trailer vermuten lassen. Was in den USA eine Zuschauerin zu einer Gerichtsklage wegen Irreführung führte. Manche Leute haben wirklich ein Rad ab.

8.5/10

5. April 2011

Sucker Punch

If you don’t stand for something, you’ll fall for anything.

Träume sind Schäume, heißt es so schön. Sprich: Traumwelten besitzen nicht den Charakter des Realen. Doch wo wäre da der Jux für hollywood’sche Narrationseskapaden? So kommt es, dass man selbst in einer virtuellen Realität wie der Matrix sterben kann. “Your mind makes it real“, weiß Morpheus, und: “The body cannot live without the mind”. Ähnlich emanzipiert ging im vergangenen Jahr Inception vor, als Cobb erklärt: “Dreams feel real while we’re in them. It’s only when we wake up that we realize something was actually strange”. Dementsprechend verwundert es wenig, wenn uns Carla Gugino in Sucker Punch verrät: “What you are imagining right now, that place can be as real as any pain”.

Mit seinem jüngsten Film versucht Regisseur Zack Snyder den Pfaden von Christopher Nolan und Martin Scorsese zu folgen, die sich im Vorjahr auf unterschiedliche und doch nicht unähnliche Weise in ihren jeweiligen Werken dem menschlichen Verstand näherten. Wie bei seinen Vorgängern ist sein Unterfangen zum Scheitern verurteilt, schon alleine deshalb, da die Freiheit des Geistes in einer massenkompatiblen Kanalisierung wie sie Hollywood anstrebt weder begreifbar noch durchführbar wäre. Worin sich Snyders Film, und darin folgt er mehr Scorseses Beitrag denn Nolans, auszeichnet, ist sein Vorhaben, einen Metafilm zu erschaffen. Einen Unterhaltungsfilm über Unterhaltungsmedien - und ihre Mechanismen.

Das Resultat, Sucker Punch, ist wie von Andrew O’Hehir treffend beschrieben “a ridiculously ambitious and perhaps fatally flawed mashup of ideas”. Snyder versucht viel, was ihn einerseits ehrt, andererseits jedoch in seinem Unterfangen oftmals ein Bein stellt. Denn Sucker Punch kritisiert, was er zugleich ist, beziehungsweise er ist, was er kritisiert. Sicherlich gewollt, nur fällt es dem Film schwer, Kritiker und Kritikobjekt zugleich zu sein. “This is your journey. If you succeed, it will set you free”, sagt Scott Glenns Figur in Snyders Film. Und hätte Snyder mit Sucker Punch reüssiert, könnte der Film auch als Loslösung der hollywood’schen Ketten gelten und ansatzweise das sein, was sein Titel propagiert.

Ein sucker punch, das ist laut dem Oxford Dictionary “an unexpected punch or blow”. Das Unerwartete am Film ist, dass Snyder ironisiert, was ihn und seine Branche auszeichnet beziehungsweise von ihnen erwartet wird. Dass es Sucker Punch hierbei an Schlagkraft fehlt, ist der größte Makel, den man ihm vorwerfen kann. Angel Wars, einer der Alternativtitel, wäre dem Film möglicherweise besser gerecht geworden. “Everyone has an angel”, erinnert uns Abbie Cornish zu Beginn. “Yet they’re not here to fight our battles. But to whisper from our hearts. Reminding that it’s us.” Auf seiner narrativen Ebene eint Snyders fünfter Spielfilm fortan weniger mit dem Sci-Fi-Heist-Movie Inception als mit James Mangolds Identity.

Nach einem inhaltlich überflüssigen Prolog wird eine 20-Jährige (Emily Browning) Mitte der 1950er Jahre von ihrem Stiefvater in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Dem  Erbe der verstorbenen Mutter standen ihre zwei Töchter im Weg. Der Versuch, die kleine Schwester zu retten, scheiterte. Mittels Bestechung organisiert der Stiefvater eine Lobotomie, die vom zuständigen Arzt (Jon Hamm) einige Tage später durchgeführt wird. Zur Identitätswahrung flüchtet sich die Patientin als „Baby Doll“ in den eigenen Geist, einem Nachtclub als Traumebene, in der sie mit Hilfe von vier anderen „Patientinnen“ die Freiheit ihres Verstandes anstrebt: “This is your journey. If you succeed, it will set you free.”

Der Ausbruch aus der Anstalt ist nur ein vermeintlicher, ein Imaginärer. Die Lobotomie ist unausweichlich, der eigentliche Film selbst spielt sich im Bruchteil einer Sekunde ab. Baby Doll projiziert sich selbst auf fünf Charaktere, von denen besonders das Schwesterpaar Sweet Pea (Abbie Cornish) und Rocket (Jena Malone) hervortreten, was angesichts der Vorgeschichte naheliegend ist. Für die Bewahrung ihrer Persönlichkeit bedarf es in der ersten Phantasieebene eines zweiten Levels. Während die inhaltliche Gestaltung des Films nun den Konventionen  der Branche zu folgen versucht, dient die äußerliche Präsenz von Sucker Punch Snyders Gegenwartskommentar über Nerds, Geeks und insbesondere Pop-Kultur.

Das Ergebnis präsentiert sich wie die Schablone eines ungemein unterhaltsamen Videogames, wenn sich Baby Doll als vollmundiger Sailor-Moon-Klon mit Schwert und Wumme gegen übermenschliche Samurais, Dampfbetriebene deutsche Soldaten, Orks und Roboter behaupten muss. Snyder “gives us what we want (or what we think we want, or what he thinks we think we want)”, beschreibt O’Hehir richtig. Wenn die Figuren hier Blondie (Vanessa Hudgens) und Sweet Pea heißen, wenn sie knapp bekleidet wie Amber (Jamie Chung) rumrennen, dann hat das nichts mit Baby Dolls Selbstbild oder dem von Snyder zu tun, sondern mit dem des Publikums, das sich nach solchen Darstellungen sehnt und lechzt.

Wenn sich Browning und Co. in knappen Röcken durch die Gegend kämpfen, ist das nur eine Fortführung etwaiger Figuren wie der vollbusigen Lara Croft und wenn die deutschen Soldaten mittels Uhrwerk und Dampf von den Toten zurückgeholt werden, spiegelt dies die Tradition Hollywoods wieder, das die Deutschen als emotionslose Maschinerie zum unsterblichen Bösewicht verklärt. Zeitlupe, MG-Salven, Orks, Drachen, Roboter, ferne, futuristische Welten - ein Potpourri der Pop-Kultur unserer Zeit, von The Matrix über Lord of the Rings und so weiter und so fort. Snyder bedient diese Bilder nicht, weil ihm keine besseren einfallen (das vielleicht auch), sondern weil es Bilder sind, die der Zuschauer sehen will.

Schlecht geklaut, behaupten die einen, wobei es unzureichend umgesetzt sicherlich besser trifft. Im vergangen Jahr avancierte Tim Burtons gerade im Finale bemitleidenswert zusammengeklaubter Alice in Wonderland zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres. Hollywoods Ideenarmut und Repetitionswut von marktforscherisch ermittelten Sicherheitsankern der Unterhaltungsmedien werden von Snyder plakativ zur Schau gestellt und seiner eigenen Handlung untergeordnet. “I still want it to be a cool story and not just like a video game where you’re just loose and going nuts”, so Snyders Ziel, mit dem er sich letztlich jedoch zweifelsohne zu viel zugemutet und aufgelastet hat. Ridiculously ambitious and fatally flawed.

Verkauft man dem Publikum cineastische Mangelware in pompösem Gewand inklusive 3D-Verkleidung, scheint der Erfolg vorprogrammiert. Zeigt man dem Publikum, womit es sich eigentlich abspeisen lässt, was es im Grunde für seine acht bis zehn Euro goutiert, dann verhält es sich wie mit der Lebensmittelbranche in Food Inc.: “If you knew, you might not want to eat it“. In seiner Darstellung des hollywood’schen Status Quo ist Sucker Punch als Unterhaltungsfilm (insbesondere der Marke „Snyder“) objektiv gesehen quasi zum Scheitern verurteilt, will er nicht als Husarenstück gelten und damit den neuen Prototyp geben, dem die Studiobosse von Warner, Universal und Fox geflissentlich nacheifern.

Zwar bedient sich Snyder wie gewohnt in seiner Werkzeugkiste, dem cobain’schen Mantra (“here we are now, enterain us“) wird er damit im Vergleich zu seinem Meisterwerk 300 jedoch nur bedingt gerecht. Dazu fehlt es der Musik von Tyler Bates an Martialität und Wumms, was sich durch den Soundtrack erklären lässt, der aufgrund seiner doppeldeutigen Lyrics ausgewählt wurde. Ähnlich wie die Musik vermisst auch der Film oft Tempo, speziell in den Actionszenen, die meist in der Leere stattfinden. Besonders überzeugen können Baby Doll und Co., wenn sie auf engem Raum gegen mehrere Gegner kämpfen, wie zum Teil gegen die Deutschen in den Grabenkämpfen oder speziell im Zugwagon gegen die Roboter.

Das alles macht Sucker Punch nicht zum schlechten Film (er kann fraglos mit einigen seiner Vorbilder mithalten), auch wenn Snyder seine eigentliche Geschichte eher schleppend erzählt, da sie als Ballast seinen Kontemporärkommentar mitschleppt. Als visual happening, wie es 300 war, steht sich der Film daher oft selbst im Weg. Die Ingredienzien für einen guten Film sind oftmals sichtbar, sodass Sucker Punch ein falsch zusammengesetztes Puzzle ist, bei dem man erkennt, was es sein sollte. Dennoch sind die Ambitionen, mit denen Snyder an dieses Projekt heranging, beachtens- und lobenswert. Getreu dem im Film proklamierten Leitspruch: If you don’t stand for something, you’ll fall for anything.

4.5/10