Posts mit dem Label Fiona Staples werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fiona Staples werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

16. November 2018

Saga – Volume 9 | Doomsday Clock #5-7

Gut Ding, heißt es so schön, will Weile haben. Entsprechend lang fallen die Pausen zwischen den Volumes von Brian K. Vaughans und Fiona Staples’ Comic-Epos Saga aus – man kann natürlich auch einfach die Einzelausgaben lesen. “Without anticipation, life can be comfortable, but it’ll never be thrilling”, hebt Hazel in einer Szene die Vorteile der Vorfreude hervor. Zugleich wird die im Fall von Saga aber auch neu strapaziert, denn Vaughan und Staples haben sich nach der jüngsten Ausgabe erstmal für ein Jahr zurückgezogen. Wie gut, dass es in der Zwischenzeit noch Geoff Johns’ Doomsday Clock gibt (auch wenn ich hier ebenfalls immer einige Ausgaben abwarte) und dass beide Comics narrativ etwas in die Puschen kommen.


Saga – Volume 9

You like that, don’t you?

Eigentlich seit seinen Anfängen pflegt Saga immer wieder Bezüge zur Zeitgeschichte in sein phantastisches Kosmos-Abenteuer einzubauen. Zum Beispiel in Volume Eight zuletzt der gerade in den USA hochbrisante Konflikt zwischen den “pro life”- und “pro choice”-Anhänger. In Zeiten, in denen der US-Präsident jede Berichterstattung abseits der Hofmedien als “fake news” abtut und Journalisten wie Jamal Kashoggi wegen Regime-Kritik an Saudi-Arabien getötet werden, wartet Saga in Volume Nine passend mit einem Plädoyer für die freie Presse auf. Das Reporter-Pärchen Upsher und Doff will nämlich Marko und Alana einen Exklusiv-Bericht über ihre verbotene Liebe mit einem besonderen, aber unmoralischen Angebot schmackhaft machen.

Ihnen und Hazel winke für die Rechte an ihrer Story mit dem Source Protection Program eine Art Quellen-Schutzprogramm, das der Familie mit “Transubstantiation” eine Assimilation an die Spezies auf Jetsam bietet. Für die Familie ist ihre Identität jedoch etwas Besonderes, dafür nimmt Sir Robot das Angebot gerne für sich, Petrichor und Squire in Anspruch – im Austausch für Beweise, dass Landfall und Wreath zusammen den Vorfall auf Phang verschuldet haben. Ein auf seine Art fast noch delikateres Thema, das auch für die beiden berichtenden Journalisten nicht ungefährlich ist. “We were ready to die on the job long before we ever met you”, gibt Upsher zu Protokoll – und bewegt sich in gewisser Weise unter ein Damokles-Schwert.

Natürlich schweben aber nicht nur die zwei Reporter (weiter) in Lebensgefahr, sondern jede der Figuren. “Every violent action (…) sends ripples throughout the cosmos, inevitably causing more of the same”, bringt Marko gegen Ende das Aktion-Reaktion-Verhältnis, dem Saga seit jeher folgt, auf den Punkt. So wird The Will zum Handlanger von Ianthe versklavt, da er einst deren Lebenspartner tötete – er selbst wiederum sehnt immer noch nach Rache gegenüber Sir Robot, weil der sich dasselbe einst bei The Stalk zu Schulde kommen ließ. Ein ewiger Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt – den zumindest Marko beenden will, ehe ihm letztlich ziemlich überraschend (und zugleich schockierend) dann selbst ein Ende bereitet wird.

Nachdem Vaughan lange nicht so recht zu wissen schien, in welche Richtung sich die Story bewegen soll, bleibt er sich einerseits treu und wartet andererseits doch mit Neuerungen auf. So verkommt Ianthe wie schon Dengo oder The March mehr zum Antagonist der Woche, statt eine dreidimensionale Facette zu erhalten. Indem Vaughan und Saga jedoch in erstaunlich kurzen Abständen erst Doff, insbesondere aber Sir Robot und Marko ins Jenseits befördern, kommt dies einer Art Tabula rasa gleich, die der Reihe als solche eine neue Dynamik geben könnte. Die angedeutete Katharsis von The Will scheint vorbei, Alana mit einem Voll- und Halbwaisen künftig ziemlich überfordert, angesichts der weiter drohenden Gefahren.

Zugleich ist es schade, dass die in Volume Eight begonnene Humanisierung von The Will zum Abschluss kommt (jedenfalls vorerst). Dabei hätte gerade Ianthe ihm in ihrem Rachewahn ja Mahnung genug sein dürfen, sich seinem Hass auf Sir Robot nicht hinzugeben. Zumindest findet Saga in The Will aber einen stärker ausgearbeiteten Widersacher als in den bisherigen Vertretern, die allesamt von kurzer Dauer waren (wenn auch, wie im Fall von Izabel, nicht ohne Folgen). Er bildet gleichzeitig auch das Gegenstück zu Sir Robot, der wiederum erfolgreich die charakterliche Katharsis meisterte, um zum erweiterten Mitglied jener Familie zu werden, die er liquidieren wollte. Ein Schritt, der für The Will spätestens jetzt nicht mehr möglich sein wird.

Prinzipiell macht Volume Nine von Saga viel richtig, ohne zwingend viel anders zu machen. Dem Grundkonzept blieb sich Vaughan treu, verlagerte die Figuren auf einen anderen Planeten und setzte sie dort der nächsten Gefahr aus. Das Ergebnis überrascht, weil etwas Drastisches passiert – dies aber eben dieses Mal derart mit dem Ableben gleich zweier zentraler Figuren, dass der Status quo in Volume Ten nicht derselbe sein können wird. “Most of the time, we don’t even realize we’ve lived through something worth commemorating until long after it’s already ended”, sagt Hazel an einer anderen Stelle. Volume Nine macht aber unmittelbar klar: Die Welt von Saga hat sich für ihre Figuren für immer verändert. Und dies nicht zum Guten.

8.5/10

Doomsday Clock #5-7

If you look very closely, you might see the strings.

Auch Doomsday Clock zieht in seinen jüngsten Ausgaben das Tempo an – immerhin ist mit Truly Laugh (#6) auch bereits Halbzeit angesagt. Geoff Johns taucht tiefer in die DC-Welt ein und führt die bisherigen Protagonisten dabei in Blind Spot (#7) auch erstmals als gemeinsame Gruppe zusammen. Zugleich werden zuvor angerissene Elemente wie Mr. Thunder oder auch der Widerstand gegen die Metahumans vertieft und erhalten etwas mehr Konturen. Genauso wie The Marionette und The Mime, deren Kennenlernen und Kindheits-Trauma Truly Laugh in Rückblenden aufdröselt. Doomsday Clock bringt sich in Position – daran lässt auch das Ende von Blind Spot mit dem ultimativen Charakter-Clash-Tease keine Zweifel aufkommen.

Nachdem wir bisher primär aus den Nachrichten über die wachsende Ablehnung der Bevölkerung gegenüber den Metahumans erfuhren, integriert Johns nun das Detail, dass ein erheblicher Teil von ihnen Experimente ihrer jeweiligen Regierung sind. Eingeteilt in Gut und Böse werden sie einem Wrestling-Match gleich aufeinander gehetzt oder für Spionage-Zwecke missbraucht. “Look at the sheer number of you lost in the narrative of good versus bad”, bringt es Ozymandias gegenüber Batman auf den Punkt. Dabei könnte er als personifizierte Gratwanderung zwischen Held und Antagonist aber auch problemlos sich selbst in seine Äußerung miteinbeziehen, als er zusätzlich ergänzt: “Wandering aimlessly in a fog of self-righteousness.”

Die Metahumans, Gut wie Böse, sind jedenfalls auf dem Rückzug. Green Lantern hat die Erde verlassen, auch Wonder Woman, so heißt es, sei von den Amazonen zurück nach Themyskira geschleppt worden. “The world’s faith in its spandex society is falling apart”, konstatiert Daily Planet-Chefredakteur Perry White im Dialog mit Lois Lane in There Is No God (#5). Doch nicht nur die Helden haben von der aktuellen Lage scheinbar die Nase voll, auch ihre Gegenspieler, die der Riddler hier als “League of Villainy” zusammentrommelt, erwägen daher ein von Black Adam im Nahen Osten offeriertes Exil. Doomsday Clock versammelt einige illustre DC-Bösewichter auf wenigen Panels, darunter der Pinguin, Two-Face und Mr. Freeze.

Auch Helden finden sich verstärkt, seien es Hawk and Dove in einem Fernsehbericht oder Mr. Thunder, der sich als Johnny Thunder entpuppt, auf der Suche nach seinem mystischen Dschinn Yz. Der greise Held sieht darin “the chance to make things right”, was ihn wiederum mit Figuren wie Ozymandias eint. Wie es das Schicksal so will, begegnet er schließlich Rorschach und Saturn Girl, die Letzteren zum Ende der vorangegangenen Ausgabe aus Arkham befreit hat. Ob sie Sally Jupiter kenne, fragt Rorschach seine neue Begleiterin – und untermauert seine sicher unfreiwillige Rolle als comic relief dieses Watchmen-Sequels. Etwas bemühter ist da schon der Humor, den die Kombo aus Marionette und Mime mit Joker ziehen will.

Von allen DC-Gegenspielern erhält der Clown Prince of Crime die größte Aufmerksamkeit, auch wenn Truly Laugh kurz Lois Lane einen – wenig ergiebigen – Besuch bei Lex Luthor abstatten lässt. Derweil hält sich Superman weiterhin eher im Hintergrund, wobei Blind Spot betont, dass eine Konfrontation mit Dr. Manhattan, der ebenfalls ins Rampenlicht tritt, unumgänglich scheint. Wenn in selbiger Ausgabe, obschon kurz, dann eine illustre Gruppe von Batman und Joker hin zu Dr. Manhattan, Ozymandias, Rorschach und dem Comedian ein Panel bevölkert, erzeugt dies bereits eine große Vorfreude auf das, was da noch kommt. Eben auch, weil Doomsday Clock immer noch visuell beeindruckt, mit seiner Loyalität zu den Vorlagen.

So finden sich speziell in Truly Laugh einige schöne gespiegelte Panels, wenn die Handlung von der jungen Erika zu ihrem erwachsenen Alter Ego The Marionette wechselt. Ohnehin erweisen sie und The Mime sich mehr und mehr als die faszinierendsten und sympathischsten Figuren – was überraschen mag, da beide Originale sind. Indem Doomsday Clock in seinen jüngsten drei Ausgaben einen Gang höher schaltet, erreicht die Serie wieder das Hoch des starken Einstiegs. Und kann dieses hoffentlich halten oder gar steigern. Saturn Girl scheint bereits zu wissen, was den Figuren in kommenden Ausgaben bevorsteht. Das hat sie dem Leser jedenfalls voraus – genauso wie Dr. Manhattan. Es bleibt spannend bei Doomsday Clock.

8.5/10

26. Januar 2018

Saga – Volume Eight | Doomsday Clock #1-2

Etwas Neues wagen oder auf Altbewährtes vertrauen? Diese Frage stellt sich die Film- und Fernsehlandschaft vermehrt – und wählt meist Sequels, Remakes und Revivals. In Comics ist die Neuerfindung via Rückbesinnung keine Unbekannte. Superhelden sterben und werden kurz darauf einfach wiederentdeckt. “We are torn between nostalgia for the familiar and an urge for the foreign and strange”, sagte die US-Schriftstellerin Carson McCullers einst. “As often as not, we are homesick most for the places we have never known.” Ein Zitat, das nicht nur das Ende von DC’s Doomsday Clock #2 beschließt, sondern das Werk von Geoff Johns genauso wie das jüngste Volume Eight von Brian K. Vaughans Saga-Epos ganz gut beschreibt.

Letzteres Sci-Fi-Fantasy-Abenteuer wirkte nach seiner Ankunft frisch. Ganz anders wie der x-te Aufguss der Marvel- und DC-Heldenschmiede. Aber auch Saga ertappt sich immer öfter dabei, dass Handlungsstränge auf der Stelle treten oder in variierter Form wiederholt werden. Geschichte wiederholt sich auch in Doomsday Clock, einer 12-teiligen Serie, die sich als Fortsetzung von Alan Moores legendärem Watchmen versteht, zugleich dessen Universum mit der bekannten Welt von DC verschmelzen lässt. Nostalgie gepaart mit einem Ausflug ins Unbekannte also. Geoff Johns beweist dabei, dass sich beides nicht ausschließen muss und einander befruchten kann. Indem in gewisser Weise etwas Neues gewagt wird, da man auf Altbewährtes vertraut.


Saga – Volume Eight

To old friends and new enemies.

Unabhängig davon, wie sehr Saga von Brian K. Vaughan narrativ stagnieren mag, so ist die Serie doch auch in Volume Eight sehr kurzweilig zu lesen. Und dank Fiona Staples’ grandioser Zeichnungen ohnehin ein Genuss für das Auge der Leser. Generell verdient sich der achte Band der Reihe aber eine ähnliche Kritik, wie sie zuletzt schon in den vorangegangenen Volumes Five, Six und Seven anfiel: Vaughan liefert nicht wirklich ein neues Thema – und eine Handlung auch nicht. Vielmehr wird das Geschehen verlagert, während altbekannte Entwicklungen sich in minimalen Abweichungen wiederholen. Womit es weiterhin so wirkt, als wüsste Vaughan nicht recht, in welche Richtung er seine Geschichte um Alana, Marko und Hazel erzählen will.

Nach der Fehlgeburt von Alanas Baby führt der nächste Zwischenstopp auf dem Weg nach Nirgendwo die Gruppe auf den Planeten Pervious. Dort wird Alana aufgrund der fortgeschrittenen Schwangerschaft in Abortion Town eine Abtreibung negiert. Mit dem Hinweis auf „Ärzte“ in den entlegenen Badlands des Planeten, die weniger Skrupel haben. Der tote Fötus verleiht derweil Alana magische Kräfte, die eine Projektion des verstorbenen Sohnes mit sich bringen – aber auch gesundheitliche Risiken. Während sich Alana, Marko und Hazel auf den Weg in die Badlands machen, erleben die zurückgelassenen Petrichor und Prince Robot ihr eigenes blutiges Abenteuer. Billy, vormals The Will, sieht sich derweil mit einem neuen Gegenspieler konfrontiert.

“There are few things more challenging than a sequel”, sagt Hazel in einem Meta-Kommentar zu Beginn von Volume Eight. Um kurz zu rekapitulieren, worum es in Saga eigentlich geht, immerhin sind bereits acht Bände ins Land gezogen. Der Konflikt zwischen dem progressiven Planeten Landfall und seinem eher in Tradition verankerten Mond Wreath ist jedoch immer noch nicht wirklich greifbar. Was genau hat diesen Krieg ausgelöst, der die ganze Galaxie zu vereinnahmen scheint? Wie stellt sich der Krieg exakt dar, was für eine politische Dynamik besitzt er? Fragen, die Saga weiterhin nicht beantworten kann oder mag. Weshalb der Konflikt als solcher auch im Hintergrund abläuft, während die Figuren stets dasselbe, nur anders erleben.

Es wartet ein neuer Planet mit neuen Widrigkeiten. Die Fehlgeburt und der Ausflug nach Pervious dienen zumindest dazu, dass Vaughan in wenigen Panels die gerade in den USA explosive Thematik Pro Life vs. Pro Choice anreißt. Eine erst im dritten Trimester festgestellte Behinderung veranlasse manche zur Abtreibung, wie einen skeptischen Marko in den Badlands die Wolfshebamme Endwife aufklärt. Beide wurden zuvor von Nebenfiguren dämonisiert, was die antiklimatische Auflösung des Handlungsstranges erstaunlich macht. Womöglich resultiert dies auch der anderen Thematik von Vorurteilen und Ressentiments, der sich Saga zudem erneut mit einem interessanten Transgender-Dialog zwischen Petrichor und Hazel widmet.

Vorurteile seien nicht angeboren, sondern anerzogen, kommentiert das junge Mädchen später. Ähnlich mag man es mit Ianthe sehen, der Verflossenen eines Kleinkriminellen, den The Will einst liquidierte. Wofür seine eigenen Liebsten – oder diejenigen, die davon noch leben – nun bezahlen sollen. Saga spielt dabei wie schon in der Vergangenheit mit dem Gedanken, dass die Grenze zwischen Gut und Böse fließend ist, wofür Prince Robot exemplarisch steht. Das Kernthema bleibt aber weiterhin die Familie als Institution, im klassischen wie modernen Sinne. Primär Hazel erhält die Möglichkeit, mit dem imaginären Kurti eine Art Beziehung zu ihrem verstorbenen Bruder aufzubauen, die ihr durch dessen Tod verwehrt blieb.

“Family is about much more than blood”, lautet das vermeintliche Fazit von Volume Eight. So wie Petrichor und Prince Robot Bestandteil der „Familie“ von Alana und Marko wurden, gibt es ähnliche Zweckgemeinschaften. Von Billy und seinen wechselnden Partnern (romantisch wie professionell) hin zu den im Schlusskapitel auftauchenden Ghüs, Squire sowie Upsher und Doff. Wie Dominic Toretto sagt: “I don’t have friends. I got family.” Die Figuren in Saga scheinen es ähnlich zu sehen – auch wenn dies, wie so vieles, keine Neuigkeit in der Welt von Brian K. Vaughan ist. Vermutlich wartet Volume Nine mit einem neuen Planeten und Antagonisten auf, nebst alter Bekannter. Altbewährtes eben. Vielleicht wagt Vaughan aber auch endlich was Neues.

7/10


Doomsday Clock #1-2

Find God. Save world. Will explain.

Wenn die Rede von den besten Comics aller Zeiten ist, fällt in der Regel auch der Name Watchmen von Alan Moore und Dave Gibbons. Eine düstere, dystopische Analogie auf den Kalten Krieg, mit Übermenschen und ganz normalen Spinnern. Und einem einzigartigen Ende, in dem die vermeintliche Heldenfigur von Adrian Veidts Ozymandias das ultimative Verbrechen für das angebliche Allgemeinwohl verübte. Alles auf neu scheint sich da Geoff Johns für seine Fortführung Doomsday Clock gedacht zu haben. Narrativ wie visuell ist dieser Auftakt des Mash-ups zweier DC-Universen überaus harmonisch, die Zeichnungen von Gary Frank geschickt die Bilder von Gibbons’ evozierend. Doomsday Clock scheint ein positives Nostalgie-Beispiel zu sein.

Die Handlung spielt im Herbst 1992, sieben Jahre nach den Ereignissen von Watchmen. Von der weltweiten Einigkeit nach Dr. Manhattans mutmaßlichen Massenmord in New York ist nichts mehr geblieben. Bei einer Geiselnahme im Weißen Haus erschießt der Vize-Präsident den Justizminister, während US-Präsident Robert Redford (ja, genau der) unterdessen an seinem Golf-Handicap arbeitet. Die Europäische Union wiederum ist gescheitert, russische Truppen marschieren in Polen ein und Nordkoreas Langstreckenraketen reichen bis Texas. “God turned his back, left Paradise to us. Like handing a five-year-old a straight razor”, resümiert die aktuelle Lage da eine Figur, die sich kurz darauf als neue Inkarnation des Antihelden Rorschach herausstellt.

Rorschach 2.0 rekrutiert für Ozymandias in einer überraschenden Wendung kurz vor einem Atomanschlag in einem Hochsicherheitsgefängnis die neuen soziopathischen Figuren The Marionette plus Gatte The Mime. Sie sollen Rorschach und Veidt helfen, den verschwundenen Dr. Manhattan ausfindig zu machen. Veidt will ihn in einer anderen Dimension aufgespürt haben, die sich im Verlauf als die DC-Welt von Superman, Batman und Co. herausstellt. “We’re all considered criminals now”, rekapituliert Weltverbesserer Veidt in Places We Have Never Known (#2). Und hofft: “We’ll be heroes again.” Eine Sicht der Dinge, die Bruce Wayne gar nicht so fremd erscheinen dürfte, ist es um die Superhelden seiner Welt doch nur wenig besser bestellt.

“The Bat is not the symbol it used to be”, sagt Lucius Fox. “It’s become a disease.” Doch wie Ozymandias und Rorschach lässt sich Bruce Wayne nicht unterkriegen. Johns führt die Figur in einer schönen Hommage an Rorschach selbst ein, wenn sich der Milliardär einem Rorschach-Test unterziehen muss, ähnlich wie Kovacs in Watchmen. Es sind auch jene zwei traumatisierten Verbrechensbekämpfer, die Johns einander gegenüberstellt, während Lex Luthor von Ozymandias konfrontiert wird, um Informationen zu Dr. Manhattans Aufenthaltsort zu erhalten. Sehr gemächlich, aber atmosphärisch dicht führen Johns und Frank die Leser in diese beiden unterschiedlichen, aber doch nicht so verschiedenen Welten ein, die hier aufeinandertreffen.

Die Faszination rührt sicher mit daher, dass ähnlich wie in The Avengers oder Batman V Superman: Dawn of Justice hier Figuren aufeinandertreffen, deren Begegnung man sich vielleicht einmal erhofft, aber nie erwartet hat. Fraglos ist damit auch eine gewisse Reminiszenz an die Comic-Vorlagen verbunden. “Nostalgia”, sinniert The Marionette in Places We Have Never Known beim Anblick von Veidts gleichnamigem Parfüm. “They don’t make this anymore.” Und Rorschach hinterfragt die Psyche von Bruce Wayne, als er in dessen Batcave eine Ansammlung alter Memorabilia entdeckt. “Obsessed with reliving the past”, lautet sein Urteil. Dieses lässt sich als Meta-Kommentar natürlich weiterspinnen auf die gesamte Existenz von Doomsday Clock.

Dass das Comic nicht nur alten Brei neu aufkocht, sondern ihm in Nuancen andere Konturen verleiht, macht es erfolgreich. Abseits von der liebevollen Nachahmung der Aufmachung und Darstellung von Moores und Gibbons Meisterwerk ist das Sequel zuvorderst ein Genuss für Fans des Originals. Etwaige subtile Verweise – wie der Golf spielende Präsident – auf die Gegenwart sind das Tüpfelchen auf dem i. “Maybe the world should burn down”, realisiert Rorschach zu Beginn von That Annihilated Place (#1). Ganz soweit ist es mit unserer Welt da noch nicht. Aber auch in der könnten Kriminelle mal versuchen, Helden zu werden. Zumindest Ozymandias hat dies vor. Getreu David Bowie: “We could be heroes, just for one day.”

8.5/10

21. April 2017

Saga – Volume Seven | Bitch Planet #8-9

All the more reason (...) to prepare for the next big plot twist.

Was Brian K. Vaughans und Fiona Staples’ Comic-Serie Saga mit dem The Fast and the Furious-Franchise eint, ist sicher der zentrale Familiengedanke. “Family” ist nicht nur das Kernwort in den jüngsten Filmen um Dominic Toretto (Vin Diesel) und Co., sondern auch im Leben von Marko, Alana und ihren Verbündeten. Eine Familie, die wie bereits in den jüngsten Bänden mal wächst und dann wieder dezimiert wird, während sie oft ohnehin nicht vereint ist, sondern Brücken und Probleme überwinden muss, um wieder zueinander zu finden. Wenn Alana da im jüngst erschienenen Volume 7 relativ früh resümiert “we are so fucking lucky”, dann trifft dies angesichts der bisherigen Verwicklungen nicht wirklich den Nagel auf den Kopf.

Die Aussage Alanas bezog sich dabei auf den Umstand, dass ihre Familie nach den letzten Geschehnissen nicht nur wieder vereint ist, sondern durch ihre Schwangerschaft im Begriff steht, erweitert zu werden. Allerdings sind ihr die Folgen daraus nicht wirklich gewahr, befinden sie und Marko sich doch weiterhin auf der Flucht. Diese wird unterbrochen, als ihrem Raumschiff der Sprit ausgeht. Die einzige Alternative als Zwischenstation ist der Komet Phang, der dummerweise als Schlachtfeld für die Armeen von Landfall und Wreath herhalten muss. Mitten in der Höhle des Löwen treffen Alana, Marko und Co. dabei in den Ruinen einer alten Stadt auf deren Überlebende um Kurti und seine Familie, während von außen neue Gefahr droht.

Allerdings stammt diese weniger von dem Umstand, dass die Figuren mitten zwischen den beiden verfeindeten Parteien landen, sondern droht eher von außen. Gwendolyn und Sophie kehren im jüngsten Band zurück, ohne jedoch wirklich im Fokus zu stehen. Vielmehr dienen sie nur als Gesicht für ein Verbünden zwischen den Parteien, um Phang in den Abgrund zu stürzen. Die Hintergründe für diese Entscheidung beleuchtet Saga nicht, sodass der Entschluss eher als Motiv der Marke deux ex machina wirkt, um den Figuren auf Phang ein wenig die Pistole auf die Brust zu setzen. Dies wird dann nochmals dadurch gesteigert, dass mit dem doppelköpfigen The March gleich der nächste Söldner auf der Jagd nach unserer Helden-Gruppe ist.

Es ändert sich somit nicht allzu viel in der Welt von Saga, sodass es immer noch nach dem temporeichen Auftakt der ersten drei Bände so wirkt, als trete die Serie etwas auf der Stelle. Wie viele neue Kopfgeldjäger will man noch auf Markos Familie ansetzen? Insbesondere, da diese eine immer kürzere Halbwertszeit haben, da weder The Stalk, noch The Brand oder nun The March sonderlich lange präsent waren. The Will selbst strebt nach einer halbherzigen Rache, wird aber erstmal zu seiner Zivilisten-Persönlichkeit “Billy” reduziert und scheint nun eine weitere Nebenhandlung aufs Auge gedrückt zu bekommen. So schön es ist, die meisten der Figuren – außer Upsher and Doff – wiederzusehen, bleiben viele von ihnen etwas blass.

So frönt The Will/Billy immer noch den Drogen, um mit The Stalk vereint zu sein und auch Prince Robot wirft sich in Sehnsucht nach seinem Sohn eine Portion Fadeaway ein. Gerade sein Wandel – sowie ein vermeintlicher „Twist“ – wirken etwas plötzlich in die Handlung integriert, ähnlich wie das Komplott der beiden Kriegsparteien gegen Phang, das über Gwendolyn abgewickelt wird. Um zu verstehen, wieso der Komet geopfert werden soll, müsste Vaughan zuvor etwas mehr über dessen Rolle und Bedeutung erzählen. Mehr als nur in einer Handvoll Panels. Entweder wird eine Ausgabe der Reihe mal etwas politischer und liefert Exposition oder sie widmet sich einer Figur etwas eindringlicher. Saga versucht dagegen beides, ohne zu reüssieren.

“The average schmuck on the street doesn’t care what nightmares his leaders are greenlighting anymore, right?”, fragt da Billys Agent Erv als womöglichen Quasi-Seitenhieb gegen den derzeitigen Rechtsruck weltweit. “All he’s thinking about is his next vacation.” Von solchen Analogien würde man sich mehr wünschen oder einfach, etwas mehr konkreter ins Detail zu gehen. So äußert Petrichor zwar angesichts Kurti und seiner Familie, die im Folgenden von Marko und Alana aufgenommen werden, Zweifel, die jedoch nicht wirklich bestätigt oder widerlegt werden. Auch Petrichors Transexualität wird kurz angerissen, nur um sie im Panel danach wieder zu den Akten zu legen. Wieso Dinge ansprechen, die anschließend unerheblich bleiben?

Staples liefert dabei wie immer wunderschön gezeichnete Panels und viel zeichnerische Kreativität. Wo visuelle Redundanz aufgrund von Kontinuität in Ordnung geht, wirkt sie narrativ dagegen etwas eintönig, wenn Vaughan zum wiederholten Male einen Standoff inszeniert, nur dass statt Dengo und der Last Revolution nun The March am Abzug steht. Inzwischen stellt sich die Frage, wohin Vaughan mit seiner Geschichte eigentlich gehen möchte. Am Ende dürfte sicher stehen, dass die Liebe zwischen Marko und Alana für beide Parteien exemplarisch dafür steht, dass Frieden möglich ist. Bis dahin muss jedoch mehr passieren, als dass jeder Band die Figuren von einem Standoff zum nächsten schiebt oder die Familie erneut aufsplittet.

Wirklich zu überraschen vermag Volume 7 somit nur, wenn tatsächlich mal etwas Drastisches passiert. Dinge, die sich nicht umkehren lassen – in der Regel also Todesfälle. Kein neues Prozedere, entledigte sich Saga doch bereits The Stalk oder The Brand relativ unerwartet. Nur dass die Figuren, die sich verabschieden, hier noch etwas weniger Persönlichkeit besitzen als ihre Vorgänger. Das ist zwar alles lesenswert und mit dem üblichen Humor gelungen durchzogen, aber unterm Strich bleibt, dass Saga wiederholt versäumt, den nächsten Schritt zu machen, um dafür wieder mal den Status Quo neu aufzukochen. “Little kids are way more adaptable than the rest of us”, sagt Izabel in einer Szene. Saga sollte dies langsam mal beweisen.

7/10


I knew who I was this morning... but I’ve changed a few times since then.

Verzögerungen in der Produktion sind selten etwas Gutes, das sollte nicht erst seit den Nachdrehs zu Marc Forsters World War Z bekannt sein. Auch die Ausgaben von Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landros feministischer Sci-Fi-Dystopie Bitch Planet verzögern sich inzwischen immer öfter. Statt monatlich eine Ausgabe zu präsentieren, ist der Rhythmus nun eher quartalsweise. Was angesichts des dünnen Umfangs der eigentlichen Geschichte irritiert. Die nimmt aktuell nur noch zwei Drittel der Hefte ein, ein Drittel der Seiten bestehen bereits aus Essays, Leserbriefen, Tweets und Merchandise-Interviews. Der Fokus des Bitch Planet-Teams scheint sich zu verschieben, vielleicht wird aber auch nur der Plot neu justiert.

Wirkten die vorherigen Ausgaben noch so, als würde Kamau Kogo mit den anderen Häftlingen versuchen, während des Megaton-Wettbewerbs in einigen Wochen zu fliehen, scheint dieser Handlungsstrang nun ungewisser denn je. Makoto Maki ist zwar inzwischen im Auxiliary Compliance Outpost (A.C.O.) eingetroffen und plant die Fertigstellung des Spielfeldes innerhalb der nächsten Wochen, doch ein Treffen mit einem Hologramm seiner Tochter Meiko offenbart ihm, dass diese nicht mehr am Leben ist. Überraschend löst Maki nun einen Stromausfall in der Anlage aus, den die Häftlinge zu einem Aufstand ausnutzen. Während dessen Verlauf versucht Kamau derweil, ihre Schwester Morowa im Transfrauen-Komplex des A.C.O. zu finden.

Die Integration der Transfrauen-Insassen – neben Saga Volume 6 & 7 ein weiteres Comic, das sich dieser Gruppe annimmt – bildet den Auftakt zu #8 von Bitch Planet. “We were the first to be sent away”, verrät uns Morowa. “We are always the first.” Allerdings erfahren wir relativ wenig über Morowa, außer dass sie ähnlich wie ihre Schwester aus einem härteren Holz geschnitzt ist. Die Ausgabe wird vielmehr von Makis Widerstand denn Morowas bestimmt. Es überrascht, wie schnell er vom Tod seiner Tochter erfährt und seine Aktionen dementsprechend ausrichtet. Zugleich führt die Handlung uns zu Eleanor Doane, einer renommierten feministischen Persönlichkeit, die unwissentlich ebenfalls im A.C.O. inhaftiert ist.

Wer genau Eleanor Doane ist und welche Rolle ihr innerhalb der Geschichte gebührt, ist offen. Sie hat Anhänger auf der Erde und ist das Gesicht für den aktuellen “President Bitch”-Plot, der den Ausgaben #6 bis #10 den Erzählbogen leiht. Da die Zahl der Figuren ergänzt wird, nicht jedoch die Seitenzahl für die Geschichte, erfahren wir über Doane ebenso wenig wie über Morowa oder deren Partnerin Rose. Die übrigen Figuren (Penny, Lizzie) tauchen nicht einmal wirklich auf, sodass bis auf den durch Maki ausgelösten Aufstand und die Entdeckung von Doane in den letzten beiden Ausgaben der Serie nicht sonderlich viel passiert. Die Megaton-Handlung scheint nun nur wahrscheinlich, wenn Doane sie als Fassade für die Flucht nutzen will.

Die Richtung der Handlung scheint somit wieder mal unklarer denn je, ergänzt wurde sie nun zumindest in Person der Transfrauen und deren Rolle innerhalb der (Gefängnis-)Gesellschaft. “Sticks or lipsticks, they’re still men trying to take from you”, bricht sich beispielsweise die Animosität zwischen Cis- und Trans-Häftlingen im Laufe des Aufstands bei ersterer Gruppe Bahn. Hiervor war bereits Maki von einem der Wärter gewarnt worden, ehe er die beiden Gefängnis-Populationen zusammenführte. “They’re all my sisters”, beschreibt Kamau nach der Wiedervereinigung mit ihrer Schwester Morowa gegenüber Penny da die feministische Haltung, die scheinbar auch in der patriarchalischen Welt von Bitch Planet keineswegs selbstverständlich ist.

Im Nachklapp der Ausgabe #9 wird dabei der Aspekt gar nicht thematisiert, dass es mit Makoto Maki ein Mann ist, der den Frauen des A.C.O. – zumindest vorläufig – ihre Freiheit schenkt. Ebenso unerwähnt ist die Tatsache, dass eigentlich angekündigt war, dass jede 3. Ausgabe wie #3 (Penny) und #6 (Meiko) sich dezidiert einer Figur widmet – womit in #9 jedoch gebrochen wurde. Über den Großteil der Figuren wissen wir also immer noch nicht sonderlich viel mehr, ungewiss ist auch der kommende Handlungsverlauf. Aktuell wirkt es so, als ob Kelly Sue DeConnick eine Kurskorrektur vornimmt, da die Exposition solcher Ausgaben wie #2 bereits längst obsolet ist. Das würde zumindest die verzögerte Publikation erklären.

7/10

30. Juli 2016

Saga – Volume Six

Hold on, Accountin’ never works late.

Die Ruhe vor dem Sturm ist ein Ausspruch, den ich schon in den vorherigen Ausgaben von Saga habe fallen lassen. Aber wenn man etwas im Leben lernt, dann, dass auf den Wetterdienst kein Verlass ist. Auch in Volume Six warten Brian K. Vaughan und Fiona Staples mit keinen umstürzlerischen Ereignissen auf. Im Gegenteil, endet der sechste Band sogar derart, als würde ein erster, größerer Arc damit sein Ende finden. Das Tempo zum Auftakt der Comic-Serie vermag auch Volume 6 nicht zu erreichen, ganz ohne Ereignisse kommt er deswegen natürlich dennoch nicht aus. Insofern setzt der Band das fort, was zuletzt in Volume 4 und Volume 5 angestoßen wurde – selbst wenn er in gewisser Weise fast schon ein Epilog dazu ist.

Schließlich fand die Dengo-Storyline, welche die beiden Vorgänger bestimmte, zum Abschluss von Volume 5 mit der Wiedervereinigung von Prince Robot IV und seinem Sohn ein Ende. Der Zeitsprung, mit dem Vaughan jenen Band abschloss, setzt er dieses Mal fort. Die Zeit als Baby hat Hazel nun schon lange hinter sich gelassen und lebt mit ihrer Großmutter Klara sowie Last Revolution-Überbleibsel Lexis in einer Haftanstalt auf Landfall. Dort hat sie es besonders ihrer Lehrerin Noreen angetan, während Klara und Lexis versuchen, ihren Mithäftlingen D. Oswald Heists subversive Bibliographie näher zu bringen. Etwas, von dem die Transgender-Insassin Mr./Ms. Petriochor (Orange Is the New Black lässt grüßen) wenig hält.

Der Zeitsprung hilft, um Hazel als eigenständige Figur einzuführen. “Nothing makes a kid grow up faster than wartime”, meint sie zwar noch zu Beginn. Hat aber selbst von diesem Kriegszustand nichts wirklich erlebt. Ohnehin ist der Krieg zwischen Landfall und Wreath längst in den Hintergrund gerückt, insofern der Konflikt tatsächlich noch irgendwo fortbesteht. Wenn Hazel dann später hinsichtlich des Zwistes der Kulturen sinniert, dieser existiere “not because we’re so different from each other… it’s because we’re all so goddamn alike”, mag das grundsätzlich zwar stimmen, existiert in Saga aber aktuell dennoch nur als tradiertes Element. Das Comic hinterfragt inzwischen nicht mehr viel, sondern sucht einen Abschluss für den ersten Akt.

Wieso es da ausgerechnet Hazel ihrer Lehrerin Noreen angetan hat, bleibt da offen. Als sich das Kind der Erzieherin offenbart (“We’re not children. We’re eggs. But sooner or later, those eggs begin to crack”), will die es jedenfalls unterstützen. Womöglich auch, weil Hazel durchaus das Potential hätte, als Mischling den Konflikt der Parteien zu beerdigen. Hier wird wiederholt das Element der Hoffnung und der Gefahr zugleich repräsentiert. Hazel verkörpert ebenso beides wie Heists Werke. Zugleich ist die Überbrückung der Animositäten schon auf ihrem Weg, wie die Wiedervereinigung und Zusammenarbeit von Alana, Marko und Robot IV zeigt. Drei unterschiedliche Rassen, die inzwischen nahezu freundschaftliche Bande miteinander pflegen.

Alana und Marko, am Ende von Volume 5 wiedervereint, verbrachten die letzten Jahre damit, den Aufenthaltsort von Hazel herauszufinden. “In some ways, my parents were never closer than in the years after mom lost me but reconnected with dad”, sagt Hazel. Wie so oft sollen ihre Worte eine Zeitspanne überbrücken und mit Bedeutung füllen, ohne dass wir als Leser diese in den Panels erleben. Ein Einbruch zu Beginn muss Indiz genug sein, die vermeintliche Nähe zwischen den Figuren existiert jedoch nur in den Worten ihrer Tochter. Und die ist selbst seit Jahren von ihren Eltern getrennt. So verkommt die Marko-Alana-Storyline primär zur humorvollen Reunion mit Robot IV sowie Ghüs, ohne dass der Schmerz der Kinds-Trennung hervortritt.

Das diesmal vorherrschende Beziehungsthema (Hazel/Noreen/Petrichor, Alana/Marko) wird ausgeweitet auf das homosexuelle Reporter-Duo Upsher und Doff, die in Volume 6 in die Handlung zurückkehren. Mit dem Ableben von The Brand plant Upsher die Wiederaufnahme seiner Recherchen zu Alana und Marko, von Doff eher missgünstig betrachtet. “Why don’t we just leave them alone?”, fragt er. Und zieht Parallelen zu sich und seinem Partner. “Maybe it’s just two people who like to screw even though everybody else thinks it’s gross and immoral.” Doch Upsher hat Blut geleckt, was das Paar wiederum in ihren Nachforschungen auf Kollisionskurs mit The Will führt, der nach erfolgreicher Gesundung weiter Rache für The Stalks Tod üben will.

Auf Sophie, Gwendolyne und Lying Cat müssen wir dieses Mal verzichten (immerhin Izabel kehrt in zwei Panels kurzzeitig zurück), wirklich spannend gerät das Abenteuer der beiden Journalisten allerdings nicht. Offensichtlich ist zudem, dass The Will (noch) nicht der Alte ist. Welchen Weg Vaughan mit der Figur einschlagen will, erscheint offener denn je – obschon Hazel im vergangenen Band anderes angedeutet hat. Kurze, drogeninduzierte Auftritte von The Stark und The Brand sind zwar ganz nett, vermögen jedoch nicht das (ohnehin schwache) Profil Letzterer zu stärken. So überraschend ihr Tod kam, so wenig ausgefeilt wirkt – zumindest bislang – ihre Charakterisierung im Vergleich zu The Stalk, die ja eingangs ein ähnliches Schicksal ereilte.

Immerhin beweist Vaughan, dass er problemlos eine Randfigur wie Lexis zu einem funktionierenden Tertiärcharakter entwickeln kann, auch Petrichor könnte eine willkommene Ergänzung für das Ensemble sein. Narrativ versucht Saga im sechsten Band jedenfalls ein paar offene Enden zusammenzuführen, ehe wohl in den kommenden Ausgaben erneut am Konstrukt gerüttelt wird. Ob es da die Offenbarung im Schlusspanel gebraucht hat respektive sie denn nötig war, wird sich zeigen müssen. Volume 6 endet auf manch positiver Note (zumindest stimmungstechnisch), wirkt insofern aber – auch aufgrund vergangener Ereignisse – etwas zu harmonisch und gekünstelt. Was Saga nun gut täte, wäre ein neuer Sturm.

7/10

17. Oktober 2015

Saga – Volume Five | Bitch Planet #4-5

Family reunions can be complicated things.

In einem Interview mit dem Stern über sein jüngstes Buch darauf angesprochen, wieso die Handlung in einer Fantasiewelt spielt, antwortete Autor Salman Rushdie: „Ich wollte nicht in engem Sinne über reale Konflikte schreiben.“ Wie sein Roman zeigen aber auch andere Fantasy-Werke wie J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings, dass gegenwärtige Probleme durchaus als Fundament für Märchenausflüge dienen können. Ähnlich verhält es sich mit dem innewohnenden Kernkonflikt von Brian K. Vaughans und Fiona Staples’ Fantasy-Comic Saga. Zu Beginn des fünften Sammelbandes Volume Five erhalten die Leser eine kurze Rückschau auf den Krieg zwischen dem Planeten Landfall und seinem Mond Wreath, die erstaunlich real wirkt.

Rekrutierte Landfall zu Beginn des Krieges seine Soldaten per Lotterie, wich dies bald einer Freiwilligenarmee – der es jedoch nicht an Truppenstärke fehlte. Einige meldeten sich “out of a genuine sense of duty. Others were merely looking for adventure”. Mit der Zeit verlagerten die Parteien ihren Konflikt, der sich unweigerlich auf andere Planeten ausgeweitet hat, weg von sich selbst. Ruhe kehrte für die Zurückgebliebenen in der Heimat ein. “For most folk back on Landfall, war was something that would never directly impact their lives”, legt Vaughan seiner Erzählstimme Hazel in den Mund. Und somit (womöglich) zugleich ein Echo für seine US-amerikanischen Leser, deren Nation gerne Kriege vor der Haustür von anderen Ländern führt.

Doch der Konflikt, um den es derzeit in Saga geht, ist nicht das große Ganze, sondern im Kleinen zu finden. Roboter-Proletarier Dengo hat nicht nur den Sprössling von Prince Robot IV entführt, sondern als potentielles Faustpfand auch noch Alana und ihre Tochter Hazel. Letztere will er der rebellischen Splittergruppe The Last Revolution überlassen, die das Mischlingskind für Kriegsgefangene eintauschen möchte. Prince Robot IV hat derweil mit Marko sowie Ghüs und Yuma im Schlepptau die Verfolgung aufgenommen, die jedoch noch ihre eigenen Probleme mit sich bringt. Unterdessen suchen Gwendolyn, Sophie und The Brand auf dem von Drachen bewohnten buchstäblichen Halbplaneten Demimonde nach einem Heilmittel für The Will.

Eine Dreiteilung der Handlung, die den ganzen Band hindurch beibehalten wird – was alle Charaktere eint, ist die vermeintliche Hilflosigkeit, der sie sich gegenwärtig ausgesetzt sehen. Alana und Klara suchen nach einem Weg, wie sie sich Dengos Zugriff entreißen können – und versuchen es schließlich mit gutem Zureden. Kommunikation wiederum ist etwas, das zwischen den beiden Vätern Robot IV und Marko nur bedingt funktioniert. Was nicht besser wird, als sich Marko und Yuma fataler Weise in einer Überdosis Fadeaway verlieren, als Marko erneut mit seinem Temperament und seinen Trauma hadert. Es ist bezeichnend für Vaughan, dass man just in diesem Moment erfährt, dass Vater und Tochter sich Jahrelang nicht sehen werden.

Und wie bereits in der Vergangenheit kommt die Serie auch diesmal nicht umhin, sich von einigen Charakteren zu verabschieden. So überraschend zumindest einer der Todesfälle auch sein mag, fehlt dem Verlust hier irgendwie die Gravitas, da es Figuren betrifft, mit denen man zuvor nicht allzu viel Zeit verbracht hat, in der sie einem ans Herz wachsen könnten. Selbiges ließe sich da natürlich auch über The Stalk sagen und dennoch bildet deren Ableben einen bezeichnenden Kontrast zum aktuellen Verlauf. Figuren verlassen die Bildfläche so schnell sie diese betreten haben, Izabel sowie Upsher und Doff tauchen in Volume Five sogar überhaupt nicht auf. Dafür erweist sich Ghüs weiter als Humor-Geheimwaffe (“What did I do?”).

Am Ende bleibt somit ein Band, der sich generell – trotz der dramatischen Ereignisse in den letzten beiden Ausgaben – wie die Ruhe vor dem Sturm anfühlt. Was allerdings in gewisser Weise schon für den Vorgänger galt. Das Tempo der ersten drei Bände scheint derzeit irgendwie zu fehlen, manches Potential verheizt, womöglich mag dies auch bloß an den etwaigen Zeitsprüngen liegen. Ein solcher weiterer, das impliziert der Schluss von Volume Five, wird die Leser auch im kommenden Band erwarten. Was Saga aber dafür weiter auszeichnet, ist die (zurecht) hochgelobte Kunst von Fiona Staples, mit ihren vielen liebevollen und oft bewegenden wie amüsanten Detailaufnahmen. Selten waren reale Konflikte wohl schöner dargestellt.

7.5/10


Everybody likes a good story.

Die USA sind ein Land von Recht und Ordnung. Wer hier einmal die Fahrspur wechselt ohne zu Blinken, landet schnurstracks im Gefängnis – zumindest wenn die betreffende Person schwarz ist. So geschehen am 10. Juli dieses Jahres, als die 28-jährige Sandra Bland in Texas von einem weißen Polizisten angehalten wurde. Nach drei Tagen wurde Bland tot in ihrer Zelle gefunden. Neun Tage später erschoss ein weißer Polizist in Cincinnati den 43-jährigen Schwarzen Samuel DuBose, nachdem er diesen wegen eines fehlenden Autokennzeichens anhielt. Zwei Ereignisse, die Kelly Sue DeConnick, Autorin des Sci-Fi-Comics Bitch Planet, in ihrem Editorial der fünften Ausgabe aufgreift, da Realität und Themen des Comics sich nicht unähnlich sind.

Schon in ihrem Essay in Ausgabe #4 ging Journalistin Mikki Kendall darauf ein, dass auf schwarze Schülerinnen weitaus schlimmere Bestrafungen warten als auf ihre weißen Kameradinnen für dieselben Vergehen. Was wiederum eine Spirale lostritt, die letztlich im Gefängnis enden kann. Dort befinden sich natürlich auch weiterhin die Protagonistinnen von Bitch Planet rund um Kamau Kogo, die wir in den Ausgaben #1 bis #3 kennenlernten. Bezeichnete ich diese bereits als Exposition, geht diese auch in den jüngsten Ausgaben weiter. Inhaltlich legen DeConnick und Zeichner Valentine De Landro den Fokus auf Duemila aka Megaton. “Duemila for Dummies (Women)” heißt ein Medien-Segment, dass den Figuren das Event erläutert.

Was ich zuvor als mediales Sportereignis à la Running Man vermutete, offenbart sich weitaus simpler: die Macher übernehmen schlicht den Calcio Fiorentino, einen gewalttätigen Hybrid aus Fußball und Rugby, der in Florenz gespielt wird. Kein ungefährliches Unterfangen für unsere Damen, worauf Kamau auch von Mithäftling Fanny hingewiesen wird. “You’re making a hit list”, bezeichnet diese Kamaus Kaderzusammenstellung, während wir das Ganze in der “obligatory shower scene” miterleben. DeConnick und De Landro spielen hier gekonnt mit ihrem Exploitation-Genre, die Leser werden dabei ebenso zu Spannern wie eine Gefängniswärter-Figur. Doch Kamau, so scheint es zumindest, bereitet insgeheim ihren ganz eigenen Plan vor.

Dient Ausgabe #4 also dazu, uns Duemila/Megaton zu erklären und Details von Kamaus Plan zu erfahren, dreht sich Ausgabe #5 um ein Übungsspiel zwischen Kamaus Team und einigen Wärtern. Ein Hauch The Longest Yard, wenn man so will. Für die Insassen um Penny Rolle zugleich die Gelegenheit, ihre Unterdrücker körperlich anzugehen – Regeln werden während der Einheit ausgesetzt. Was jedoch nicht ohne Folgen bleibt – und das ist noch gelinde gesagt. Mit Hinblick auf einen Nebenplot um einen Stadiondesigner in Ausgabe #5, der sich für einen Duemila Court auf zum Bitch Planet macht, und einen ersten Plan, der zum Ende von Ausgabe #2 angedeutet wurde, scheint die Richtung von Bitch Planet im Moment ungewisser denn je.

Hinsichtlich des dem Comic innewohnenden Feminismus-Themas halten sich etwaige Sexismus-Tendenzen aufgrund der Duemila-Exposition diesmal in Grenzen. Interesse am Spiel soll Frauen helfen, ihren Partner glücklicher zu machen, in der Nachrichten-Berichterstattung muss sich ein weiblicher News Anchor von einem Reporter unentwegt mit “sweetheart” adressieren lassen und ein Häftling von Bitch Planet, erfahren wir, verdankt dies “disrespect”. Weitaus prägnanter sind derweil wieder die falschen Werbeanzeigen von Laurenn McCubbin auf dem Buchrücken, die uns “Niagra” anpreisen (“from the makers of Agreenex™”), zur künstlichen weiblichen Erregung oder Vaginalparfüm, damit man(n) sich erbarmt, mit seiner Frau Sex zu haben.

Bis auf den dramatischen Schluss von Ausgabe #5 hält sich die Fortentwicklung von Bitch Planet somit in Grenzen, was sich aber womöglich schon bald ändern könnte. Der nähere Blick auf Duemila schadet jedoch nicht und zumindest unterschwellig verdichtet sich das sozio-kulturelle Ausmaß im Universum des Comics. Ähnlich wie in Saga sehen wir hier wohl (hoffentlich?) die Ruhe vor dem Sturm. Stürmisch geraten inzwischen auch die Leserzuschriften und Tattoodebatte, die sich in Ausgabe #5 auf mehrere Seiten erstrecken (und im Sammelband wie die Essays fehlen dürften) – für meinen Geschmack fast schon etwas ausufernd. Aber eben zugleich wohl auch Ausdruck, wie weit Unterdrückung in unserer Gesellschaft noch reicht.

7.5/10

12. Januar 2015

Saga – Volume Four

Are you lady folk?

Eigentlich sollte es in heutigen Zeiten kein Problem sein, mit mehrmonatigen Pausen in Unterhaltungsmedien klarzukommen. Da liegen zwischen den Finals und Starts von Serienstaffelfn vier bis fünf Monate und zwischen Teil X und Y von Hunger Games bis Hobbitses in der Regel gar ein Jahr. Irgendwo dazwischen lag mit neun Monaten die Wartezeit für Volume Four von Brian K. Vaughans und Fiona Staples Geniestreich Saga. Klar, einzelne Ausgaben gab es dazwischen, aber das macht das Warten auch nicht leichter. Und die neuesten Entwicklungen im Leben von Vaughans und Staples Figuren in einem Rutsch zu verfolgen, ist doch gleich viel intensiver und befriedigender. Erneut halten die Macher für die Leser einige Überraschungen bereit.

Wie der erste Band beginnt auch der vierte mit einer Geburt – in diesem Fall der des Sohns von Prince Robot IV. Der wird immer noch von der königlichen Familie vermisst, verlustiert sich derweil unter einer Amnesie leidend auf Sextillion. Alana, Marko und Hazel haben nun wiederum Unterschlupf auf Gardenia gefunden, einem entfernt ihre Heimatplaneten Landfall und Wreath umkreisenden Trabanten. Während Marko sich um die Erziehung seiner inzwischen sehr vitalen Tochter kümmert, schlägt sich Alana mehr schlecht als recht als Soap-Darstellerin im Piratensender Open Circuit durch. Und versucht die Monotonie ihres Schaffens bald mit Drogen zu betäuben. Ein Umstand, der zu Spannungen zwischen ihr und ihrem Ehemann führt.

Bereits zum Ende des 19. Kapitels – also des ersten des vierten Bands – hält Vaughan einen der für Saga nicht ungewöhnlichen unerwarteten Schläge in die Magengrube bereit. Wenn auch einer, der sich vier Kapitel später als etwas anders darstellt wie erwartet. Aber auch später beweist Vaughan, dass er seine kompromisslose Linie, die schon im ersten Band für überraschende Wendungen sorgte, durchaus gewillt ist, beizubehalten. Von einer heilen Welt ist in Saga keine Spur und auch wenn die Situation für unsere Familie auf Gardenia alltäglich erscheint, ist sie dies – spätestens zum Ende des Bandes – alles andere als das. Vielmehr werden die Karten neu gemischt, nachdem ein weiterer, unberechenbarer Spieler zum Deck gestoßen ist.

Dieses Mal verbringen die Leser weniger Zeit mit Gwendolyn, Sophie und Lying Cat und auch das homosexuelle Reporter-Duo Upsher und Doff bleibt meist außen vor, dafür gibt es einen tieferen Einblick in das Königreich der Roboter. War in den vorherigen Bänden nicht ganz klar, wieso die TV-Hybridwesen sich an dem Konflikt zwischen Landfall und Wreath beteiligen, erhalten wir nun das Motiv – wenn auch aus dritter Hand –, dass Landfall dem Königreich Schutz vor Wreath versprach. Was etwas seltsam anmutet, wenn man die tragende Rolle der königlichen Mitglieder im Krieg betrachtet. Zumindest wissen wir nun, dass auch im Roboterreich der Schein trügen kann. Und die schlimmsten Feinde in den eigenen Reihen sitzen können.

Eine Umkehr der bisherigen Ereignisse droht dort, ähnlich wie sie Hazels Existenz für Landfall und Wreath darstellen könnte. Gleichzeitig verknüpft Saga aber auch hier das unterschwellige Thema einer sich anbahnenden Revolution mit dem über-Thema Elternschaft und Erziehung. Genauer gesagt, mit Vätern. So ist die Beziehung zwischen Prince Robot IV zu seinem Sohn ähnlich vorbelastet wie die zu seinem eigenen Vater, dem König. Und auch der neueste Antagonist kommt aus zerrütteten Familienumständen. Für Marko wiederum ist weniger sein Elterndasein ein Problem, als die verstärkte Entfremdung zu seiner Frau. Kündigte er zuvor noch an, sich nicht daran zu stören, für Hazel daheim zu bleiben, scheint sich das gewandelt zu haben.

Nun ist Marko froh, wenn das Töchterchen sich tagsüber so verausgabt, dass sie nachts hoffentlich mal durchschläft. Und hofft, mehr von seiner Frau zu sehen als zuletzt. “She’s been putting in crazy hours all month“, klagt er da einer Einheimischen, die sich als Tanzlehrerin für Hazel anbietet. Und in den wenigen Momenten, wo sich Alana und Marko im vierten Band sehen, kommt es oft zum Streit. “We’re going to be okay, right?“, äußert Alana da zwar. Doch letztlich wird die Realität etwas anders aussehen. Izabel und Klara rücken ebenso in den Hintergrund wie die übrigen Figuren, Letztere sich der übrigen Werke des verstorbenen Autors D. Oswald Heist hingebend. Dafür lernen wir neue Charaktere kennen – darunter Heists zweite Ex-Frau Yuma.

Die arbeitet als Set-Designerin im Open Circuit und weiß als einzige Person um Alanas und Markos Hintergrund. Was sie nicht nur zu einer Verbündeten, sondern zugleich zu einer Gefahr macht. Während das Familiendrama in Volume Four überwiegt, nutzt Vaughan den Open Circuit aber auch subtil als Medienkritik. Ironischerweise spiegelt eine der Szenen von Alanas Figur in ihrem kitschigen Melodrama da sogar einen späteren in der Realität stattfindenden Moment wider. Beziehungsdramen dominieren die Produktion des Senders, von Product Placement abgesehen. Da macht es gleichzeitig Sinn und Unsinn als der aktuelle Antagonist zum Schluss dann das Netzwerk für seine Botschaft der Revolution an die Massen missbrauchen will.

“Once you start ranting about politics, ninety percent of your audience is just going to change the channel“, macht ihm Yuma klar. “If you want people to pay attention to you, you have to talk about sex.“ Eine Botschaft, die in der heutigen Medienwelt keine Unbekannte ist. Sex sells – passender Weise auch in Saga, selbst wenn Vaughan und Staples das Obszöne dieses Mal etwas zurückfahren im Vergleich zu den bisherigen Bänden. Die wirkten wiederum in ihrer Summe runder als Volume IV. Dem merkt man an, dass es eher eine Verschnaufpause darstellt, zwischen der Ereignisse auf Quietus zum Schluss des dritten Bandes und dem, was nun folgt. Zudem vermochten die neuen Figuren wie Yuma und Ginny nicht an die bisherigen heranzureichen.

Da verwundert es nicht, dass Vaughan Platz findet, um auch The Stalk und The Will kurz zu integrieren. Vielleicht tat er sich keinen Gefallen, beide früh aus dem Geschehen zu nehmen. Unerwartet – und umso erfreulicher – gibt es auch ein Wiedersehen mit Ghüs und einen neuerlichen amüsanten Dialog zwischen ihm und einem fremden Besucher. In diesem Fall The Brand. Auch sie muss noch zeigen, dass sie sich im Dienste von Saga entwickeln kann. Gefällig ist der vierte Band des Weltraumepos’ aber allemal geraten, wenn auch nicht ganz so stark wie die bisherigen Bände. Die konnte ich damals in einem Rutsch lesen, was seine ganz eigenen Vorteile hat. Jetzt heißt es dagegen auf Volume Five zu warten. Es handelt sich ja nur um Monate.

8/10

27. Mai 2014

Saga – Vol. I-III

Hush. Let them geek out.
(Chapter 14)


Sequels, Prequels, Reboots – die Filmlandschaft scheint verseucht vom Wahn, Franchises zu melken, bis sie nur noch Haut und Knochen sind. Besonders populär sind Comicverfilmungen, weshalb es irgendwie nicht verwundern mag, dass die Seuche auch im Printbereich grasiert. So produziert Marvel aktuell parallel Uncanny Avengers, Mighty Avengers und Avengers, ebenso wie ein Wolverine-Comic, ein Wolverine & the X-Men-Comic sowie X-Men, Amazing X-Men und Uncanny X-Men. Fans von X-Men wird es freuen, wer gerne etwas Originäres hätte, kann zumindest auf das pop-kulturelle Sci-Fi-Fantasy-Werk Saga zurückgreifen, die aktuelle Comic-Serie von Y: The Last Man-Schöpfer Brian K. Vaughan und Fiona Staples.

Darin vermischt Vaughan nach eigener Aussage Elemente von Star Wars und The Lord of the Rings mit einem Drama, das an Romeo and Juliet erinnert. Geflügelte Wesen des Planeten Landfall befinden sich in einem Krieg mit gehörnten Bewohnern ihres Mondes Wreath. Ausgefochten wird der Konflikt fernab in anderen Sternsystemen, beispielsweise auf dem Planet Cleave (dt. spalten). Dort trifft die Landfall-Gefreite Alana in einem Internierungscamp auf den inhaftierten Wreath-Krieger Marko, beide verlieben sich, flüchten, heiraten und zeugen in Hazel eine gemeinsame Tochter. Ein Umstand, den keine der beiden Seiten öffentlich bekannt wissen will. Weswegen die beteiligten Parteien jeweils Jagd auf Alana, Marko und ihr Kind machen.

Landfall schickt vom Kriegskoalitionspartner Prince Robot IV, der eigentlich lieber daheim bei seiner schwangeren Gemahlin wäre. Wreath hingegen hat mehrere Kopfgeldjäger angeheuert, allen voran The Will inklusive Sidekick Lying Cat. Aber auch die kaltblütige The Stalk, die wie es der Zufall so will The Will’s Ex-Partner ist. In doppelter Hinsicht. Alana und Marko läuft die Zeit davon, Cleave zu verlassen, ehe sie ihre Gegner ausfindig machen. Ihr Weg soll sie auf den Planeten Quietus führen, wo in D. Oswald Heist jener Autor lebt, dessen Pulp-Romanze das ungleiche Paar im Kriegsgefangenenlager vereinte: “A Night Time Smoke”. Dumm nur, dass sich plötzlich nicht nur Markos Eltern einschalten, sondern in Gwendolyn auch seine Ex-Verlobte.

Damit wäre im Groben die Handlung umrissen, welche die ersten drei komprimierten Bände von Saga ausmacht. In deren Mittelpunkt steht dabei die junge Elternschaft von Alana und Marko - und das nicht von ungefähr. Denn auch wenn Vaughan das Konzept von Saga bereits in seiner Jugend erdachte, entwickelte er die eigentliche Geschichte des Comics erst, als seine Frau mit ihrer zweiten Tochter schwanger war. Insofern erzählt Saga eine Geschichte von Elternschaft – als Teil eines großen Ganzen. “If there’s an opposite of a honeymoon”, schreibt Vaughan über Alana und Marko in Chapter 2, “it’s the week after a couple’s first child is born”. Aber natürlich ist die Belastung des ersten gemeinsamen Kindes nicht genug.

“It was a time of war”, erklärt Hazel zu Beginn. “Isn’t it always?” Sie begleitet die Handlung gelegentlich als Erzählerin und verrät uns: “I started out as an idea, but I ended up something more”. Immerhin könnte sie, das Produkt der Liebe zwischen zweier verfeindeter Parteien, doch als Symbol für einen möglichen Frieden gelten. Insofern mag hinter dem Bestreben beider Rassen, die junge Familie auszumerzen, mehr stecken, als in den ersten Bänden von Saga durchscheint. Familien jedenfalls stehen bislang im Fokus, nicht nur die rund um Hazel. Auch Einblicke in Markos Kindheit werden geschenkt, während die sich anbahnende Familie von Prince Robot IV bereits angesprochen wurde. Auch The Will hat mit zerrütteten Familien zu tun.

Denn statt mit seinem eigentlich Auftrag verliert er sich relativ bald in einem Nebenplot, der ihn auf die Amüsiermeile Sextillion verschlägt, wo er eine minderjährige Prostituierte namens Slave Girl befreit. Der Umgang mit und die Fürsorge um das Mädchen verleihen sowohl The Will als auch Lying Cat (eine Katze, die Lügen identifiziert) einen sympathischen Touch, ebenso wie die verblichene Romanze zwischen dem Kopfgeldjäger und The Stalk Letztere etwas menschlicher macht. Was angesichts ihres Daseins als armlose Spinnenfrau umso beachtlicher ist. Derartige Identifikationsmöglichkeiten haben sich für den bislang stoisch-kalten Prince Robot IV nicht aufgetan. Wie generell die Beteiligung seines Königshauses am Kriegskonflikt offen bleibt.

Vermutlich hat Vaughan viele Elemente von Saga bisher nur grob angerissen, darunter eine unlängst eingeführte Nebenhandlung um das homosexuelle Journalistenpaar Upsher und Doff vom Planet Jetsam, die wider Willen tiefer in ihre Story um Alana und Marko hineingezogen wurden als ihnen lieb ist. Rassismus, Diskriminierung, Militarismus – alles Themen, die unterschwellig Bestandteil von Saga sind. Doch das Sci-Fi-Fantasy-Element steht fraglos im Vordergrund. Dessen Stärke liegt gerade in Vaughans kontemporärer Darstellung von diesem. Denn wenn hier gehörnte “moonies” Zaubersprüche in den Himmel jagen, schickt sich Saga dennoch an, viele Elemente aus unserer Gegenwart zu integrieren. Von Romanen bis zur High School.

So erinnert der Kopf von Prince Robot IV und Co. an alte Röhrenfernseher, während die Figuren auch mal Hoodies, Beanies oder ähnliche Klamotten auftragen. Quasi als wäre unsere Realität ins Fantastische pervertiert. Was Vaughan Raum für pop-kulturelle Anspielungen lässt, die zum Glück nicht derart nervtötend ausufern wie in Y: The Last Man der Fall. Vielmehr ist sie ziemlich erfrischend, diese Welt, die Vaughan in Saga erschafft. Auch, weil sein narrativer Ideenfluss kongenial kreativ im Visuellen von Fiona Staples umgesetzt wird. Als Ergebnis ist The Stalk so erschreckend wie schön, haben Riesen mit hängenden Hodensäcken zugleich etwas absurd-lächerliches und dennoch bedrohliches. Sagas Stil jedenfalls ist originär. Und ordinär.

Denn Sex spielt hier immer eine Rolle, egal ob im Sterben liegende humanoide Roboter ihre Emotionen in Fellatio (“dying sucks”?) auf den Bildschirm schicken oder mal eben ein von der Mutter beobachteter Blowjob einige Spannungen lösen soll. Auch hierin wohnt dem Comic sein Humor und seine Atmosphäre inne, in dieser totalen Vermischung verschiedener Genres und Tonalitäten. Erquicklich ist auch die Interaktion verschiedener Spezies und die Selbstverständlichkeit ihrer Beziehungen. Egal ob The Will nun eine Spinnenfrau mit dezimierten Torso liebt oder Robotermenschen auf dem Kriegsfeld von Sanitäter-Feldmäusen gerettet werden. Umso überraschender erscheint dann jedoch der (Rassen-)Hass zwischen Landfall und Wreath.

Alles in allem ist Saga ein totaler Genuss, superb gezeichnet, unterhaltsam geschrieben. Zudem mit Wendungen, die man nicht erwartet – und umso mehr zu schätzen weiß. Die Charaktere dominieren den Comic, mit Lying Cat als klarem Highlight. Insofern ist Brian K. Vaughans und Fiona Staples’ Werk jedem ans Herz zu legen, der etwas für Comic oder Fantasy übrig hat. Die beiden Schöpfer haben bereits kundgetan, dass Saga nicht adaptiert werden soll. Und referieren jene Ausschlachtungsseuche, von der ich eingangs sprach, scheinbar selbst, wenn Marko in einem Panel aus A Night Time Smoke zitiert: “There are two kinds of people left in this world, consumers and destroyers. We used to have creators, but they all ran away.”

9/10