Es trifft zwar nicht auf jeden zu, aber es gibt doch einige Schauspieler – oder Künstler –, die derart reich (steinreich gar) sind, dass sie eigentlich nicht mehr arbeiten müssten. Selbst bei einem derart extravaganten Lebensstil, den die meisten von ihnen zu führen pflegen. Was also motiviert sie zu weiteren Werken? Ist es die Liebe zu ihrem Beruf, zur Kunst an sich? Wenn man sich das Portfolio eines Dwayne Johnson oder Ryan Reynolds anschaut, scheint ein künstlerisches Anspruch unwahrscheinlich. Produziert wird fürs Konto, selbst wenn auf jenem bereits 400, 500 oder mehr Millionen Dollar zu finden sind. Was treibt solche Menschen an? Diese Frage wohnt auch L’accident de piano [The Piano Accident] von Quentin Dupieux inne.
In diesem erpresst sich die Journalistin Simone (Sandrine Kiberlain) ein Interview mit Internet-Star Magalie (Adèle Exarchopoulos). Die verdankt ihren Ruhm einer Vielzahl von selbstverletzenden Videos à la Jackass, durch die sie sich seit sie 14 Jahre alt ist quält. Nur dass ihr jüngster Stunt nach hinten losging, jemand eigentlich zum Schweigen gebracht werden sollte, aus Gewissensbissen aber alles seiner Schwester, ebenjener Journalistin, gestand. Die hat es weder auf Geld abgesehen, wie Magalies persönlicher Assistent Patrick (Jérôme Commandeur) glaubt, noch auf ein sexuelles Abenteuer, wie Magalie selbst vermutet. Und scheinbar auch nicht auf den Ruhm eines ersten Interviews mit Internet-Berühmtheit Megajugs.
Vielmehr sucht Simone die Antwort zur Frage des „Warum?“. Magalie hat schon längst finanziell ausgesorgt, könnte also ihre Beine hochlegen, anstatt – wie in ihren Stunts meist der Fall – diese zu verletzen. Sei es, indem sie Waschmaschinen oder, daher der Filmtitel, ein Piano fallen lässt. Das Geld kann Magalie nicht antreiben, ihre Abhängigkeit, berühmt zu sein, auch eher nicht. Ihre Fans scheinen ihr egal, mit einer Entourage von Ja-Sagern umgibt sie sich ebenfalls nicht, Patrick als Mädchen für alles ausgenommen. Aber auch ein künstlerisches Anspruch geht ihr scheinst ab, sie selbst sieht in ihren Videos “no value”, gesteht sie Simone, ungeachtet dessen, dass sie versucht, dies in sentimentaler Hinsicht verstanden wissen zu wollen.
Magalie selbst „leidet“ unter kongenitaler Analgesie oder simpler: Schmerzunempfindlichkeit. Was sie für ein Format wie Jackass im Grunde prädestiniert macht, wenn sie sich Eispickel durch den Handrücken jagt oder andersartig verletzen lässt. Für ein Video namens „Motorsäge“ erhielt sie jüngst einen Preis für Klicks im Milliardenbereich. Es birgt also einen gewissen Zynismus, wenn Magalie gegenüber Simone sagt, das Interview mit ihr “is a real pain” – zwar kein physischer, den sie ertragen könnte, sondern ein psychischer. Im Verlauf kommt Simone kurzzeitig doch etwas näher an eine Antwort für all die Selbstverletzung, womöglich geht es Magalie aber auch nur darum, irgendwann doch endlich etwas zu spüren.
Patrick erwähnt zwar eingangs gegenüber seiner Frau, dass Magalie mit dem Gedanken spiele, aufzuhören, weshalb es an ihm sei, sie zu motivieren; auch zu seiner eigenen finanziellen Absicherung, der Film verfolgt dieses Hadern aber infolge der Erpressung nicht weiter. “Maybe I’ll teach you things about yourself”, wirft Simone in den Raum – und soll damit letztlich gar nicht so falsch liegen. Magalies Ruhm, ebenso wie jener der Jackass-Crew, sagt natürlich auch viel über uns als Rezipienten aus, für die es Unterhaltung ist, wenn andere Menschen sich weh tun. Selbst wenn Magalie keinen Schmerz verspürt, zudem angesichts der zehnsekündigen Länge ihrer Videos einordnet, dass all ihr Leiden sich auf weniger als sechs Stunden summiert.
Gegenüber seinen anderen Filme ist Dupieux in L’accident de piano weniger absurd und surrealistisch unterwegs, bewegt sich in Sachen Tonalität am ehesten im Bereich von Le daim [Deerskin], nur nicht so schrullig, abgesehen von Adèle Exarchopoulos’ wunderbar wiederholten sarkastischen Gegluckse. Erst nach 70 Minuten bewegt sich der Film schließlich in Gefilden einer schwarzen Komödie und wechselt dann intensiver in eine Sozialsatire. Quentin Dupieux ist primär beobachtend statt verballhornend unterwegs. Humor findet sich in vereinzelten kleinen Momenten (zum Beispiel wenn Simone ihr Unterfangen als “very light blackmail, very positive” beschreibt), während die Suche nach Magalies eigentlicher Motivation fasziniert.
Deren Figur kam nicht von ungefähr am selben Tag in die Welt wie das Internet, dem sie ihren Ruhm verdankt. Dupieux wirft ein kritisches Bild auf die moderne Welle der Content Creator, deren Werke verstärkt zu verkappten Werbevideos mutieren. Was ist der Wert des Ganzen – künstlerisch wie monetär – für jemand, den weder das eine noch das andere anzutreiben scheint? Zum Highlight avanciert da ein kleiner Seitenhieb gegenüber Steven Spielberg, neben Johnny Knoxville die einzige namentlich angesprochene Berühmtheit. L’accident de piano ist letztlich keine bitterböse Satire und auch kein gewohnt surrealistischer Ulk von Quentin Dupieux, aber ein mehr als willkommener Spiegel für die Influencer-Szene.
7/10


