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7. Mai 2015

Amy

She was a very old soul in a very young body.

Es gibt angesagte und es gibt unrühmliche Clubs - zu welchen der Club 27 gehört, ist wohl ein Thema für sich. Eine Ansammlung berühmter Personen, die in ihrem 28. Lebensjahr starben, mit solch illustren „Mitgliedern“ wie den Musikern Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin und Kurt Cobain. Am 23. Juli 2011 stieß auch Amy Winehouse nach einer Alkoholvergiftung zum Club hinzu. Nach drei Jahren Auf und Ab mit Drogen- und Beziehungsproblemen sowie einer Vielzahl abgesagter Konzerte. Ein Leben und eine Karriere, der sich Regisseur Asif Kapadia mittels Archiv- und Privataufnahmen sowie 100 geführten Interviews mit Familie und Freunden widmete, um in Amy der Person und der Künstlerin Amy Winehouse ein Denkmal zu setzen.

Kapadia „begleitet“ Winehouse im Alter von 14 Jahren bis zu jenem Juli 13 Jahre später, in dem die Britin ihren Kampf gegen ihre Sucht verlor. Singen war Amy Winehouse immer wichtig, verrät sie zu Beginn der Dokumentation. Aber eine Sängerin plante sie nie zu werden. Geworden ist sie letztlich doch eine, vielfach Grammy-prämiert und für ihre einzigartige soulige Stimme verehrt. Jener Zwiespalt zwischen Musikerin und Weltstar zieht sich jedoch spätestens dann durch Winehouses Leben, als ihr Ende 2006 mit dem Song “Rehab” - den bezeichnender Weise ihr Label, nicht sie, als Single auskoppeln wollte – der internationale Durchbruch gelingt. Ein Wendepunkt für ihre Karriere - aber wie sich zeigen sollte, auch für ihr Leben.

Für ihren ersten Vertrag erhielt die damals noch jugendliche Winehouse fast 250.000 Pfund, ein Label-Chef erkannte früh, dass bei der 18-Jährigen “a very old soul in a very young body” steckte. Winehouse selbst glaubte damals allerdings nicht an einen Durchbruch, für sie war ihre Musik nicht auf dem entsprechenden Level. Sowieso: Berühmt wolle sie gar nicht werden. Damit könnte sie gar nicht umgehen, gesteht sie in einem frühen Interview – und ergänzt: “I’d probably go mad.” Wie sich zeigen sollte, enthielten die Aussagen mehr Wahrheit als sich jeder hätte wünschen können. Und während Winehouse ihr Debütalbum “Frank” erste Erfolge bescherte, sollte eine selbstzerstörerische Romanze bald ihr Leben für immer verändern.

Alle ihre Songs seien persönlich, erzählt Winehouse: „Ich kann nichts rüberbringen, was ich nicht selbst erlebt habe.“ Insofern verdankt sie ihren Erfolg in gewisser Weise vermutlich auch ihrem (Ex-)Ehemann Blake Fielder-Civil. Was als Affäre begann, brach Fielder-Civil schließlich ab – ihre Gefühle über die Trennung verarbeitete Winehouse in ihrem zweiten Album und gleichnamigen Song “Back to Black”. Damals kämpfte sie bereits mit den Drogen, erlebte einen ersten Absturz nach dem  sie ihre Freunde erfolglos in die Rehabilitation schicken wollten. “And if my daddy thinks I’m fine”, singt Winehouse in ihrem Song “Rehab” über jene Entscheidung zu einem Zeitpunkt, als sich die alte und neue Amy bereits auseinander dividierten.

Mit ihrem ersten Manager und persönlichen Freund Nick Shymansky hatte Winehouse aufgrund ihrer Drogeneskapaden inzwischen beruflich gebrochen, ernannte ihren Promoter Raye Cosbert zum neuen Manager. Und erlebte später, als sie zweitweise harte Drogen durch exzessiven Alkoholkonsum ersetzte, Rückfälle in die Bulimie, die sie als Jugendliche neben Depressionen geplagt hatte. Der Erfolg von "Back to Black" spülte dann Blake Fielder-Civil zurück in ihr Leben, das spätestens 2008 nur noch eine Richtung kannte: nach unten. “This is someone who is trying to disappear”, realisierte ihr Kollege und Freund Yasiin Bey aka Mos Def später. Und auch der Zuschauer sieht: Diese Frau war geschaffen für die Musik, aber nicht für den Erfolg.

Speziell die Privataufnahmen zeichnen in Amy ein stellenweise fast schon voyeuristisch-intimes Bild des Menschen und der Künstlerin Amy Winehouse. Interviews mit Freunden und Verwandten sowie Archivaufnahmen bilden die Narration auf der Tonspur, die gerade in der zweiten Hälfte oft auch Sekunden lang schweigend innehält – als wüsste selbst Kapadia nicht, was er angesichts des dramatischen Verlaufs von Winehouses Karriere noch sagen soll. Dass insbesondere Blake Fielder-Civil, aber auch Mitch Winehouse und Raye Cosbert oft eher sich selbst statt das Wohl von Amy Winehouse zum Ziel hatten, deutet Amy an. So befand der Vater den ersten Reha-Versuch für unnötig, als es dann doch zu einem kam, spielte Cosbert dies herunter.

Grundsätzlich haderte Winehouse mit ähnlichen Problemen wie andere berühmte Persönlichkeiten. Selten erhielt man aber wohl derart intime Einblicke in das Leben und Scheitern einer Berühmtheit wie in Amy. Infolgedessen gerät der selbstzerstörerische Niedergang der Amy Winehouse stellenweise sehr bewegend und emotional – allerdings auch eine Spur zu lang. Zudem der Film, was  in der Natur seines Konzepts liegen mag, nicht ganz aufklären kann, wieso alles so kam, wie es kam. Und ob jemand die Schuld trifft oder die Ereignisse hätten verhindert werden können. Dennoch ist Amy nicht nur Fans von Amy Winehouse ans Herz zu legen, gelingt Kapadia mit diesem eine Art Denkmal, aber auch ein anmutiges Requiem.

7.5/10

15. September 2011

Senna

You race or you do not.
(Ayrton Senna)


„Wie kann jemand so bewundert werden?“, fragt der brasilianische Sport-Kommentator Reginaldo Leme im Bonusmaterial zu Asif Kapadias Senna. Die Antwort versucht Kapadias Film über seine rund 100-minütige Laufzeit zu geben. Chronologisch begleitete der Regisseur Ayrton Sennas Jahrzehnt in der Formel 1, vom ersten Jahr bei Toleman bis zum tragischen Rennsonntag im italienischen Imola, der der Karriere des größten Rennfahrers aller Zeiten am 1. Mai 1994 ein jähes Ende setzen sollte. Sich lediglich Archivmaterial bedienend, montierten die Cutter Chris King und Gregers Sall dabei ein atemberaubende Stück Film zusammen. Spannend. Emotional. Intensiv. Also nicht unähnlich der Formel-1-Karriere von Ayrton Senna selbst.

Angefangen hatte alles mit der Kart-Fahrerei, die sich dadurch finanzieren ließ, da Ayrton Senna aus guten Verhältnissen stammte. Schließlich war die Kart-Bahn nicht mehr genug für Senna, der nach dem „reinen Fahr- und Rennerlebnis“ strebte. „Es nimmt Dimensionen an und wir sorgen uns ein wenig“, äußerte Vater Milton da Silva früh Bedenken. Doch Senna war nicht davon abzuhalten, wagte den Schritt nach Europa, erst in die Formel Ford, dann in die Formel 3, bis hin zur Formel 1. „Man sollte aber nicht glauben, er verdanke Geld den Aufstieg in die Formel 1“, versichert Richard Williams vom britischen The Guardian. Nur Talent und Ehrgeiz helfe einem dort weiter. Aber auch Sportpolitik, wie Senna fortan bis zu seinem Tod feststellen wird.

Aus den ersten Jahren sehen wir fortan nur das Nötigste. Beispielsweise wie Senna 1984 in seinem ersten Jahr im nicht konkurrenzfähigen Toleman drauf und dran war, in seinem sechsten Rennen den Grand Prix von Monaco zu gewinnen, ehe Alain Prost wegen einsetzendem Starkregen für einen Rennabbruch nach der Hälfte der Runden sorgt. Ein Jahr später wechselte er zu Lotus, für die er im zweiten Rennen seinen ersten Sieg einfuhr. „Er brachte den Wagen an seine Grenzen und darüber hinaus“, sagt John Bisignano von Sportsender ESPN. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis Senna erneut das Team wechseln würde: 1988 fuhr Senna für McLaren – und damit an der Seite von Alain Prost, seinem schärfsten Konkurrenten.

Die folgenden vier Jahre bilden das Herz von Senna. Wir erleben seinen ersten Weltmeistertitel 1988 und wie Senna zum Stolz seiner Nation wird. Anschließend folgt das große Drama: Sennas aberkannter Sieg beim entscheidenden Rennen 1989 in Suzuka, nach einer Kollision mit Prost. Gemeinsam mit dem damaligen diktatorischen FIA-Präsidenten Jean-Marie Balestre („Die beste Entscheidung ist meine Entscheidung“, sagt dieser an einer Stelle zweideutig), Landsmann und Freund von Prost, wird Senna für ein halbes Jahr gesperrt – für ein „Delikt“, das keines war und auch nie wieder in der Formel 1 eines wurde. Das Tischtuch zwischen Senna und Prost war endgültig zerschnitten, für die Medien ein gefundenes Fressen.

Wie aus einem Drehbuch folgt 1990 eine nahezu exakte Wiederholung des Dramas. Dieses Mal ist es Senna, der durch die Kollision mit Prost profitiert, ein Jahr später folgt der dritte Titel und, viel wichtiger, der erste Sieg beim Heim-Grand-Prix in Interlagos. Aufgrund technischer Schwierigkeiten musste der Brasilianer die letzten Runden des Rennens im 6. Gang zu Ende fahren, wurde von Krämpfen geschüttelt und gewann dennoch – nur um in der Siegesrunde vor Erschöpfung ohnmächtig zu werden. Unter Schmerzen kämpfte er sich aufs Podest, stemmt die Trophäe im zweiten Anlauf in die Höhe, während das brasilianische Publikum durchdrehte. „Sein heroischster Moment“, klingt Reginaldo Lemes aus dem Off, ohne dass wir es bezweifeln.

Senna hat den Höhepunkt erreicht und setzt sich verstärkt in seiner Heimat für Arme und Kinder ein, spendete einen Großteil seines Vermögens. Selbst sein erster schwerer Unfall 1991 ging da unter. Und wie das Schicksal so spielt, konnte es nur die Technik der Konkurrenz sein, die den talentiertesten Fahrer der Welt schlug. So gingen die Titel in den Jahren ’92 und ’93 an Frank Williams und dessen Fahrer Nigel Mansell und Alain Prost. Senna wusste, seine Zeit bei McLaren war abgelaufen. Das letzte Rennen der 1993er Saison gewann er – zugleich der letzte Sieg seines Lebens. Im Jahr darauf folgte sein Wechsel zu Williams, allerdings mit dem Wechsel auch eine neue Regulation, die die Überlegenheit des Wagens wieder ausglich.

Rückblickend betrachtet hat das Imola-Rennen etwas von einer klassischen Tragödie. Beim ersten Qualifying am 29. April 1994 überlebte Rubens Barrichello einen schweren Unfall weitestgehend unverletzt, beim Qualifying einen Tag später verstarb dann Roland Ratzenberger im Simtek. Senna, stets engagiert für die Sicherheit der Fahrer, war erschüttert. „Warum lässt du nicht alles liegen, und ich lass alles liegen, und wir gehen angeln?“, fragte ihn  Freund und Rennstrecken-Arzt Sid Watkins. „Ich kann hier nicht weg“, antwortete Senna. Laut seiner Schwester las er am Renntag in der Bibel eine Stelle, die seinen Tod vorwegnahm. Beim Rennstart gab es den nächsten Unfall zwischen JJ Lehto und Pedro Lamy – aber das Rennen ging weiter.

Möglicherweise hat es so sollen sein. Denn wie auch die Sportexperten konstatieren, hätte sich keiner vorstellen können, dass Ayrton Senna beispielsweise mit Mitte 50 an Krebs gestorben wäre. Der Tod auf der Strecke, der Tod im Rennen – letztlich hat es etwas Passendes, etwas Poetisches. Senna hatte keine gebrochenen Knochen durch seinen Unfall erlitten, nicht mal Schürfwunden. Durch einen technischen Fehler am Fahrzeug kam er ums Leben, erlitt beim Aufprall eine tödliche Kopfverletzung. Wie das Schicksal so spielt, konnte es nur die Technik sein, oder in diesem Fall ihr Versagen, dass der talentierteste Fahrer der Welt geschlagen wurde. Und mit dem großen Fahrer, ging auch der große Mensch.

Viele warfen Senna zu Lebzeiten seine Religiosität als Risikofaktor vor. „Weil ich an Gott glaube und Gott vertraue, heißt das nicht, dass ich unsterblich bin“, entkräftete Senna die Vorwürfe. Für ihn war sein Glaube wichtig, die Chance in der Formel 1 zu fahren, sah er auch von Gott gegeben an, sodass die Anekdote seiner Schwester ob des prophetischen Bibelzitats gut ins Bild passt. Obschon Kapadia Kritik an Senna nicht ausspart, hier von Prost, Balestre und Jackie Stewart geäußert, fällt sie doch moderat aus. Was angesichts der Darstellungsform Porträts nichts Verwerfliches ist. Dennoch hätte die ein oder andere kritische Stimme mehr dem Film ebenso gut getan, wie vielleicht noch eine kurze Beleuchtung der Person Nelson Piquets.

Man erfährt nichts über Sennas Beziehung zu anderen Fahrern (selbst seine Freundschaft zu Gerhard Berger wird ausgespart), außer eben die Konkurrenz zu Prost. Interessant wäre eine Einordnung von Piquets Bedeutung für seine brasilianischen Landsleute gewesen. Schließlich war er ebenfalls dreimaliger Weltmeister in der Formel 1, zuletzt 1987 – dem Jahr vor Sennas ersten Titel. Solche Aspekte hätten diesen herausragenden Dokumentarfilm vollends abgerundet, aber auch so überwiegen dessen Stärken. Der Verdienst der beiden Cutter King und Sall ist kaum in Worte zu fassen, wird doch ausschließlich mittels Archivaufnahmen ein dramaturgisch stringentes, vielschichtiges und intensives Handlungsgerüst konstruiert.

Nicht weniger Lob verdient sich Antonio Pintos Musik, gerade das subtil melancholische Theme des Films ist berührend schön, wie auch sonst die Musik exzellent die Bilder und damit den Charakter Sennas untermalt. Und wenn schlussendlich die Perspektive in die Bordkamera von Sennas Auto wechselt, während der die letzte Runde seines Lebens fährt, steigt die Anspannung trotz Vorkenntnis der Ereignisse, da dies die letzten Sekunden im Leben einer Rennsportlegende sind. So verkommt Senna zur verdienten Heroengeschichte, deren Schluss jeden Sportfan bewegt. Wie John Bisignano in den Extras zum Film sagt: „Ayrton Senna wird immer schnell sein. Er wird nie alt werden. Er wird immer der Champion Brasiliens und der Welt sein.“

9/10