Posts mit dem Label Michele Valley werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Michele Valley werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

12. September 2013

Singapore Sling

I’ll be in good company tonight.

Zu den Merkmalen des Film noir zählen Morde, Detektive und Femme fatales – insofern ist Nikos Nikolaidis’ 1990er Kunstfilm Singapore Sling fraglos zu jenem Genre dazuzuzählen. Und wen wundert es, versucht der Film doch eine Art inoffizielle Fortsetzung zu Otto Premingers Laura von 1944 zu sein. Ein angeschossener Detektiv (Panos Thanasoulis), später Singapore Sling getauft, ist auf der Suche nach seiner verschwundenen Geliebten Laura. Mit Mühe und Not rettet er sich zur Schwelle eines Anwesens, wo Lauras Fährte endet. Die zwei Hausherrinnen, eine Mutter (Michelle Valley) und ihre Tochter (Meredyth Herold), wissen um Laura Schicksal Bescheid, haben sie diese doch vor drei Jahren ermordet.

“In the state I was in things couldn’t get any worse”, sinniert der Detektiv zu Beginn noch in der klassischen Erzählstimme. Dass er sich in seiner Einschätzung geirrt hat, macht der Film in den folgenden anderthalb Stunden deutlich. Kurzerhand fällt dann nämlich die Tochter über den bewusstlosen Ermittler her, ehe sie von ihrer Mutter unterbrochen wird. An ein Bett gefesselt wird der arme Kerl in den folgenden Tagen mehrfach von den Frauen vergewaltigt, über ihn erbrochen, auf ihn uriniert und er generell sexuell erniedrigt. “This routine case wasn’t what I had reckoned after all”, wird er gegen Ende rekapitulieren. Und wie sein Fall kein gewöhnlicher ist, verhält es sich letztlich auch mit Nikolaidis’ Film selbst.

Trotz etwaiger provokativer Obszönitäten – oder wohl eher gerade wegen dieser – erachtete der griechische Regisseur seinen Film insgeheim eigentlich als eine Komödie. Die Fressgelage bis man sich erbricht, Selbstbefriedigung mit einer Kiwi und inzestuösen Sexspiele mit der Mutter oder dem mumifizierten Vater sorgten scheinbar für jede Menge Spaß am Set. Singapore Sling nimmt sich erkennbar zu keinem Punkt ernst, sodass Slapstick bereits in der Eröffnungsszene Einzug findet, wenn Mutter und Tochter bei strömendem Regen den ausgeweideten Chauffeur im Garten beerdigen. Für humoristische Auflockerungen sorgen zudem immer wieder die weiblichen Figuren, die ohnehin ganz klar im Zentrum stehen.

Zwar sind sie durchweg die Femme fatales, aber stehen nicht hinter dem Ermittler zurück. Seine Frauenfiguren, so der Regisseur im Bonusmaterial, dürfen männliche Charakterzüge tragen – also stehlen, vergewaltigen und töten. Sie sind es, die über die Kontrolle verfügen und dennoch die Opfer von Männern bleiben. So berichtet die Tochter, dass ihr Vater sie mit elf Jahren entjungfert hätte, wie er es auch war, der mit dem Morden der Bediensteten anfing. “Corpses were the best fertilizer”, rezitiert ihn die Tochter glucksend, die gemeinsam mit der Mutter den Patriarch schon lange selbst getötet hat. Freiheit hatte dies dennoch nicht zur Folge, wie das Hörigkeitsverhältnis zwischen den Frauen zum Ausdruck bringt.

“That woman out there won’t let me smoke”, lamentiert die Tochter ein ums andere Mal an den Zuschauer oder Singapore Sling gerichtet. Die Mutter referiert ihr Kind derweil gerne als “that bitch daughter of mine” und frönt zudem ihrem Tick, das meiste was sie sagt nochmals ins Französische zu übersetzen. Um die Tochter in Zaum zu halten, spielt die Mutter gerne einen Herzinfarkt vor, die Tochter selbst scheint durch den Inzest sichtlich gestört, sowohl psychisch als auch sexuell. Die reine Anwesenheit eines Mannes im Haus führt bei ihr zu merkbarer Erregung und es ist dann natürlich auch jener Mann, der schließlich einen Keil zwischen die beiden Frauen treibt und das dramatische Finale herbeiführt.

Auf fast zwei Stunden gedehnt geht einem die Naivität der Tochter und ihr manisches Gehabe trotz des bemerkenswerten Spiels von Meredyth Herold allerdings mit der Zeit verstärkt auf den Zeiger, während wiederum Panos Thanasoulis’ Detektiv nach dem ersten Akt eigentlich nur noch als Requisite für die beiden Frauenfiguren fungiert. Schick-schockierend ist es dann zwar schon, wenn Früchte zur Masturbation herhalten müssen, nur lässt es leider wie so vieles in Nikolaidis’ Film einen wirklichen Kontext vermissen. Weitaus weniger skandalös als sein Ruf erahnen lässt, ist Singapore Sling als Akkumulation von provokativem Avantgardefilm und Film noir dennoch ganz nett geraten. Mehr allerdings leider auch nicht.

5.5/10

Blu-ray
Der HD-Transfer der Blu-ray überzeugt durch einen gefälligen Schwarz-Weiß-Kontrast und Detailschärfe, ebenso zufriedenstellend ist die klar verständliche Mono-Tonspur ausgefallen. Neben einem Interview mit Nikolaidis über seine Filmografie – das jedoch auf keinen der Filme analytisch eingeht – ist mit Directing Hell eine über einstündige Dokumentation von Christos Houliaras über Nikolaidis und sein Schaffen enthalten. Das Bonusmaterial wird abgerundet durch das für das Bildstörung-Label obligatorische Booklet mit einem informativen Essay von Gerd Reda über die Beziehung des Films zu Premingers Laura sowie Nikolaidis’ Filmografie.

20. Februar 2011

Kynodontas

Whoever deserves it will get it.

Am 20. Oktober 2006 war es dann soweit. Die Polizei stand vor der Tür. Klingelte, sprach auf den Anrufbeantworter, drohte, sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Was war passiert? Der bibeltreue Christ und Musiklehrer Uwe Romeike aus dem baden-württembergischen Bissingen an der Teck hatte drei seiner Kinder nicht in die Schule gebracht. Der Unterricht sei „weder christlich noch wertneutral“ äußerte Romeike damals gegenüber dem Spiegel. Dass in Deutschland Schulpflicht herrscht, war Romeike egal. Es folgte ein großes Drama. „Die Beamten brachten die aufgeregten und weinenden Kinder zur Schule“, schilderte die Süddeutsche Zeitung damals. Vor einem Jahr erhielten die Romeikes schließlich politisches Asyl in den USA, wo sie nun das Recht haben, ihre Kinder Zuhause zu unterrichten.

Deutschland hat was das Thema „Hausunterricht“ angeht in Europa eine Ausnahmestellung. Denn hier herrscht keine Bildungs-, sondern eine Schulpflicht. Während Hausunterricht in anderen Ländern wie England und Frankreich also möglich ist, wird er in Deutschland nur in Extremfällen gestattet. Zwar ist Hausunterricht nicht das Thema von Yorgos Lanthimos’ Kynodontas, aber auch bei Lanthimos sind drei Kinder abhängig von der Obhut ihrer Eltern. Auf einem idyllischen Anwesen hält ein Fabrikant (Christos Stergioglou) seine Familie gefangen. Im Einvernehmen mit seiner Frau (Michele Valley) dürfen der gemeinsame Sohn (Christos Passalis) und die beiden Töchter (Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni) das Gelände nicht verlassen. Von der Außenwelt kriegen sie nichts mit.

Vorbei fliegende Flugzeuge sind Spielzeuge - ein Glauben, den der Vater dadurch aufrecht erhält, da bisweilen eines von ihnen im Garten landet. Tagsüber vertreiben sich die Kinder die Zeit, indem sie sinnlose Wettkämpfe um die Gunst ihres Vaters führen. Zum Beispiel, wer am längsten die Luft anhalten kann. Und wenn Vater gut gelaunt ist, dann wird abends sogar ein Familienvideo geschaut oder Musik des Großvaters gehört, der eigentlich Frank Sinatra heißt und dessen Worte der Vater ad hoc übersetzt. Alle scheinen glücklich. Die Eltern, weil sie ihre Kinder vor den Gefahren der Welt schützen. Und die Kinder, weil sie es nicht besser wissen. Bis der Vater glaubt, die sexuellen Wünsche seines Sohnes befriedigen zu müssen und eine Außenstehende nach Hause bringt.

Dass Kynodontas dieses Jahr für einen Academy Award als bester fremdsprachiger Film nominiert ist, verwundert. Denn der Film ist alles andere als massentauglich. Vergleiche ordnen Lanthimos’ zweiten Spielfilm zwischen den Enfants terribles Lars von Trier und Michael Haneke ein. Und der Grieche scheint fraglos beeinflusst von Haneke, von Trier, Pasolini und dergleichen Regisseure, die auf kontroverse Weise soziokulturelle Denkansätze verfolgen. In einer Szene erfragt der Vater bei einem Hundetrainer den Fortschritt seines Dobermanns. Dieser zeige jedoch noch nicht “how we want your dog to behave“. Ähnlich wie der Hundetrainer den Dobermann scheint der Vater wiederum seine Kinder abzurichten. Das Resultat sind dabei meist absurd-komische Erziehungsmaßnahmen.

Da wird gerne mal mit Familienzuwachs und Zimmerzusammenlegung gedroht, wenn die Mutter verkündet, sie sei schwanger mit Zwillingen und einem Hund. Nur um zu beschwichtigen: “I might avoid giving birth“. Auf Nachfrage verkommen Zombies dann zu gelben Blumen und eine plötzlich in das Anwesen eindringende Katze wird als “the most dangerous animal there is“ tituliert. Nichts, was passiert, wird von Vater und Mutter außer Acht gelassen, jede Kleinigkeit zum Bestandteil ihres Lügengerüsts und die Beteiligten letztlich die Opfer jenes selben. “You can’t trust anyone anymore“, sagt der Vater im dritten Akt, in welchem auch die letzten Grenzen zwischen Moral und Ethik verschwimmen. Getreu dem Marquis de Sade: „Jedes universale Moralprinzip ist ein vollkommenes Hirngespinst.“

Lanthimos ist mit Kynodontas ein ungemein faszinierender Film gelungen, in dem nicht wirklich viel gesprochen oder agiert wird, was jedoch keineswegs dazu führt, dass er an Aufmerksamkeit einbüßt. Dass man im Grunde nichts erfährt, weder wie in medizinischer Hinsicht mit den Kindern verfahren wird, ob diese glauben, dass es mehrere, ihrem Anwesen ähnliche „Enklaven“ gibt oder warum eigentlich ein verlorener Bruder auf sich allein gestellt hinter dem Holzzaun im Garten leben soll, stört nicht. Die Dinge sind eben so, wie sie sind und werden vom Zuschauer wie den Kindern gleich akzeptiert. Dass diese aufgrund ihres Verhaltens jene naive Unschuld bewahrt haben, die ihnen die Eltern lassen wollten, ist Voraussetzung für die Funktionalität und Authentizität des Gezeigten.

Die Inszenierung des Films ist minimalistisch, wie auch das Spiel der Beteiligten. Die Dialoge werden oft hölzern und emotionslos vorgetragen, die Lieb- und Leblosigkeit ein Spiegelbild der Kinderseelen. Eventuell als Analogie auf die Genesis sind es dabei die Töchter, die die Grenzen ihres „Paradieses“ ausloten. So unkonventionell und gut Kynodontas ausfallen ist, erscheint es dennoch unwahrscheinlich, dass er tatsächlich mit dem Oscar ausgezeichnet wird. Was den Verdienst des Films für das griechische Kino nicht schmälert. Im Übrigen ist Hausunterricht auch in Griechenland illegal. Aber wie meinte schon de Sade: „Es gibt keine Handlungsweise, und mag sie uns noch so unmoralisch erscheinen, die nicht irgendwo auf der Welt als selbstverständlich geduldet oder gar gebilligt würde.“

8/10