Posts mit dem Label Sabine Timoteo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sabine Timoteo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

6. September 2007

Der freie Wille

Ich geh mal zu Ende scheißen.

Bei der letztjährigen Berlinale hatte Der freie Wille für Furore gesorgt wegen seiner Porträtierung eines Vergewaltigers und seine Beziehung zu einer introvertierten jungen Frau. Hauptdarsteller Jürgen Vogel gewann den Preis als Bester Hauptdarsteller und arbeitete für diesen Film zum wiederholten Male mit seinem persönlichen Freund und Regisseu Matthias Glasner (Blond: Eva Blond!) zusammen. Für Der freie Wille schrieb Vogel auch am Drehbuch mit und herauskam ein über zweieinhalbstündiges Charakterbild des aus der Psychiatrie entlassenen Theo, welcher von Vogel eindrucksvoll dargestellt wird. In der weiblichen Hauptrolle ist Sabine Timoteo zu sehen, die 2006 auch mit Vogel zusammen Ein Freund von mir zu sehen war.

Der Film beginnt damit, wie Theo (Vogel) seinen Job als Küchenhilfe in einer Jugendherberge verliert. Als er diese verlässt trifft er unterwegs auf eine junge Frau. Theo stoppt seinen Wagen und verschleppt die junge Frau in eine Sanddüne, wo er sie blutig schlägt und vergewaltigt. In einem Moment der Besinnung holt er einen Verbandskasten, aber die junge Frau konnte sich bereits befreien und kurz darauf wird Theo von einem aufgeregten Mob gefasst. Neun Jahre später wird Theo dann aus der Psychiatrie in eine betreute Wohngemeinschaft überführt, bekommt einen Job in einer Druckerei, wo der Zuschauer erfährt, dass Theo nicht nur die junge Frau aus dem Vorspann, sondern auch zwei weitere Frauen misshandelt hat. Theo sieht sich selbst, wie die Ärzte, als krank an, und versucht alles, um wieder zurück in die Gesellschaft zu kommen. Erste Annäherungsversuche bei der Bedienung eines italienischen Restaurants scheitern und schließlich entwickelt sich eine zarte Romanze zwischen Theo und Nettie (Timoteo), der Tochter seines Chefs bei der Druckerei.

Nettie ist ebenfalls eine gequälte Seele, schafft es zu Beginn endlich aus dem Haus ihres Vaters auszuziehen, der sie selbst immer Übergriffen ausgesetzt hat. Dies mag im Nachhinein die Einstellung Theos erklären, der seinem Chef gegenüber eröffnet, krank zu sein, gleichzeitig aber ein positives Vorbild darzustellen, das beweist, dass Menschen wie er (also folglich auch der Chef) im Stande sind, sich normal der Gesellschaft anzupassen. Für die Gesamtkomposition ist die Beziehung zwischen Nettie und ihrem Vater jedoch unerheblich, es sei denn sie dient dazu aufzuzeigen, dass Nettie nur für einen Typ Mann fallen kann (was in dem Fall jedoch eine fatale Charakterisierung des Filmes wäre). Mit gut einer dreiviertel Stunde ist die Geschichte der beiden jedoch eindeutig zu lang und hätte in dem Format eher als Grundlage zu einem eigenen Film gedient, anstatt sie in die Geschichte eines Vergewaltigers einzubauen.

Insgesamt ist Glasners Film eindeutig zu lang, im Prinzip ist er doppelt so lange, wie er sein dürfte und wenn man sich vor Augen hält, dass er weitere vierzig Minuten (!) herausgeschnitten hat, macht dies die Intention des Regisseurs noch unverständlicher. Glasner zeigt Theos ganze Wiedereingliederung, da sieht man Theo beider Arbeit, Theo wie er eine Jacke kauft, Theo wie er zu Abend ist, Theo wie er Karate-Training macht, Theo bei Fitnessübungen und hin und wieder auch Theo beim onanieren (wobei Vogel und Glasner keinerlei Hemmungen haben, Theos Glied mehrere Male zu zeigen, was bei einer Freigabe von 16 Jahren dann schon überraschend ist, bedenkt man vor allem die Unerheblichkeit für die Geschichte). Hier verliert sich Glasner im Charakterprofil und schließlich rutscht das ernst begonnene Thema in die Belanglosigkeit ab. Aus sehr viel Potential, besser gesagt ungeheuer viel Potential (welches Glasner in der ersten dreiviertel Stunde noch nutzt), macht Glasner eine Geschichte, die durch ihre Länge immer unerheblicher wird, bis man letzten Endes froh ist, wenn der Abspann endlich rollt. Hinzu kommen mehrfach schlecht gewählte Einstellungen, meistens bedingt durch fragwürdige Nahaufnahmen, so zum Beispiel die Perspektive des Opfers bei Theos Vergewaltigung zu Beginn.

An sich stellt der Film, wie der Titel sagt, die Frage nach der Existenz des freien Willens. Theos sexueller Trieb wird im Film auch als solcher dargestellt, als Trieb, ähnlich eines wilden Tieres, das Blut schnuppert, muss sich Theo teilweise zurückhalten, um keine Frau zu bespringen. Ob Sexualstraftäter für ihr Verhalten (wie bei Theo der Fall) nicht verantwortlich gemacht werden können, da es sich um eine Krankheit handelt, ist natürlich wieder ein gesellschaftliches Streitthema und spricht man Theo seinen freien Willen in diesen Situationen ab, bzw. stellt ihn hinter die Krankheit „Trieb“, kann man ihn genauso gut einschläfern, dann ohne freien Willen lässt er sich schwerlich als Lebewesen bezeichnen (wobei hier ein neuerliches Streitthema beginnt, nämlich ob Tiere einen freien Willen haben). Man sollte sich aber schon fragen, ob man Alkoholismus oder Vergewaltigung nicht verharmlost, wenn man sie als Krankheiten bezeichnet, schließlich impliziert „Krankheit“, dass man selber nichts dafür kann. Und was Theo tut, dafür kann er sehr wohl etwas, dazu zwingt ihn keine äußere Kraft. Daher ergibt das Ende in seiner Form auch keinen Sinn und passt vor allem nicht zum Rest des Filmes, besonders nicht zu seinem Wendepunkt.

In seiner Grundstruktur stellt Der freie Wille einen hervorragenden Film dar und hätte bei richtiger Handhabung (80 Minuten, talentierter Regisseur) sicher einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre werden können. Daher ist Glasners Werk in seiner Endform nur als Desaster zu beschreiben, welches mit jeder Minute und jeder Einstellung sein eigenes fiktives Denkmal zerstört. Wozu so viel Gewicht auf Nettie und ihren Vater legen? Wozu so viel Gewicht auf jede Kleinigkeit legen, die Theo tut? Wozu die Geschichte um Theo und Nettie so unnötig in die Länge ziehen? Dazu kommt der nicht nachvollziehbare Wendepunkt der Geschichte, welcher in ein fragwürdiges Ende mündet und mit schlechten Kameraeinstellungen unterlegt ist. Am Ende sind die fast drei Stunden keine Tortur wegen den Bildern die man sieht (die sind weniger drastisch als beispielsweise bei Gaspar Noës Irréversible), sondern viel mehr wegen ihrer stagnierenden Länge.

1.5/10