24. Januar 2008

Caché

Maybe one of your fans?

Vor etwas mehr als zehn Jahren erschien ein österreichischer Film über eine Familie, die zu ihrem Ferienhaus fuhr. Dort angekommen klingelten zwei junge Männer an ihre Tür und was darauf folgte war eine tour de force der besonderen Art. Geknebelt und gefesselt wurden der Familienvater, seine Frau und sein Sohn, Opfer eines perfiden Psychospiels, welches keinerlei Grund oder Motiv fand. Oder schien dem nur so? Die beiden jungen Männer malträtierten die Familie scheinbar nur aus einem einzigen Grund: um das Publikum zu unterhalten. Mehrmals die vierte Wand durchbrechend hielt der österreichische Regisseur Michael Haneke mit seinem 1997 erschienenen Film Funny Games dem Zuschauer einen Spiegel vor sein Gesicht. Immer wieder agierten die beiden Männer nach dem altbekannten Schema von Spielfilmen, foltern ihre Opfer, lasse diesen die Chance zur Flucht, nur um sie dann doch weiter zu foltern. Nie aktueller als zu unserer heutigen Zeit, scheint diese Thematik zu sein, die ihre Renaissance in den Werken von Alexandre Aja oder Eli Roth und deren Folter-Pornos a la Hostel findet. Gewalt ist en vogue und kein einziger Tag kommt mehr ohne eine solche Meldung in den Medien aus, seien es U-Bahn- oder Marktplatz-Schläger. Gekonnt spielte Haneke mit der Angst eines gehobeneren Ferienorts und zwei Bösewichtern, die problemlos in jedem Golfclub aufgenommen hätten werden können. Dieses Jahr wird Hanekes identisches US-Remake mit Tim Roth und Naomi Watts in den Kinos erscheinen.

Vor wenigen Jahren gewann Haneke bei den Filmfestspielen von Cannes mit seinem Film Caché nicht nur den Preis für die beste Regie, sondern auch beim Europäischen Filmpreis in den Kategorien Film, Regie, Darsteller und Schnitt. Zudem wurde Caché als österreichischer Beitrag für die Academy Awards 2005 eingereicht, aufgrund der Tatsache, dass der Film auf französische gedreht wurde allerdings abgelehnt. Für Haneke selbst gab es drei Gründe den Film zu machen, wie er in einem Interview erläutert hatte. Der erste dieser Gründe war Daniel Auteuil, mit dem Haneke schon lange zusammenarbeiten wollte und dem er Caché daher auf den Leib schrieb. Zudem kam als zweiter Grund, dass Haneke schon lange einem Film machen wollte, der sich mit Schuldgefühlen eines Erwachsenen beschäftigt, die in dessen Kindheit verankert waren. Der dritte und letzte Grund für die Entstehung von Caché war das Pariser Massaker vom 17. Oktober 1961, bei dem über zweihundert Algerier getötet wurden und das Haneke nicht ausreichend thematisiert in Frankreich fand. Besonders Lob fand der Film, der gänzlich ohne Musik auskommt, wegen seines Brecht’schen Verfremdungseffektes, der den besonderen Reiz des Erlebnisses von Caché ausmache. Da sich Haneke strikt an sein eigenes Drehbuch hielt, gab es leichte Probleme am Set mit seiner Hauptdarstellerin Juliette Binoche, welche sich mehr Interpretationsfreiheit für ihre Rolle gewünscht hätte. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass der letzte Absatz Spoiler enthält.

Georges Laurent (Daniel Auteuil) ist Fernsehmoderator und mit der Lektorin Anne (Juliette Binoche) verheiratet. Das Leben der beiden wird erschüttert, als sie eine zweistündige Videoaufnahme einer Frontalansicht ihres Hauses erhalten. Wer hat die Kassette geschickt und zu welchem Zweck? Was sich für Georges wie ein Streich anfühlt, wird kurz darauf mit anonymen Anrufen bei Anne wieder zum Ernst. Den Anrufen folgt eine weitere Kassette, diesmal mit einer Zeichnung eines Blut spuckenden Jungen begleitet. Als Georges und Anne die Polizei aufsuchen, kann diese ihnen nicht weiterhelfen. Solange niemand zu schaden kommt, können sie nichts machen. Währenddessen beginnen zwischen Georges und Anne die Emotionen hoch zu kochen, verstärkt wird das ganze durch das Eintreffen eines neuen Videos mit einer neuen Zeichnung. Ein Hahnkopf inklusive Blut begleitet eine Videoaufnahme aus einem Auto heraus, die auf einem Bauerngut endet. Doch hierbei handelt es sich um kein gewöhnliches Bauerngut, sondern um das ehemalige Bauerngut von Georges’ Eltern. Als Georges seine Mutter daraufhin besucht, beginnen sich erste Verdachtsmomente in ihm zu hegen, die mit einem neuerlichen Videoband bestärkt werden. Nunmehr hat Georges eine Adresse und diese sucht er alleine auf, die verstörte Anne nicht in seine Verdächtigungen oder Hintergründe einweihend. Als Georges zu der besagten Adresse fährt, trifft er auf einen Menschen, den er aus seinem Leben verbannt hatte und den ein Geheimnis begleitet.

Haneke bedient sich in Caché vieler langer und ruhiger Einstellung, oftmals handelt es sich hierbei um diejenigen des Videobandes, sodass man sich praktisch in der Position des Filmers befindet als Zuschauer. Und es gelingt Haneke auch zu Beginn des Filmes eine gewisse Spannung auf der Unsicherheit der Laurents heraus zu erzeugen, die dann erneut verstärkt wird, als Georges seinem Verdächtigen gegenübersteht. Das große Geheimnis aus Georges Leben ist irgendwie keines, denn das, was er in seiner Kindheit verbrach, kann man schwerlich als Schuld sehen, zumindest nicht als solche, wie man sie durch die Inszenierung des Filmes erwartet. Bitter aufstoßen tut auch, dass der Film keine Auflösung hat, kein Ende und keinen Anfang – seine Handlung verläuft im Prinzip ins Leere. Es wird nicht aufgeklärt, wer die Videobänder aufgenommen hat und was er damit bezweckt. Die plötzliche Heimsuchung von Georges mit dessen Schuld nach vierzig (!) Jahren macht inhaltlich überhaupt keinen Sinn, vor allem da es sich scheinbar um einen anderen Täter handelt, wie zuerst impliziert worden ist. Man stelle sich vor, jemand macht einen Film darüber, wie eine Person einen Kuchen backt und ihn am Ende in den Ofen stellt. Es wird nicht gesagt wofür der Kuchen ist und ob er gelingen wird, alles was man sieht ist die Entstehung des Kuchens. So ein Film hätte keinen Punkt, weil keinen Sinn und ähnlich verhält es sich mit Caché. Seine psychologische Tiefe, mit der Haneke noch zu Beginn spielt, wenn man nicht weiß, wer was und wieso, verliert spätestens am Ende, wenn man merkt, dass es auf wer was und wieso keine Antworten gibt. Was viele Kritiker als genial bezeichnen mögen, ist am Ende bedauerlicherweise nicht mehr als viel Lärm um Nichts.

4.5/10

Kommentare:

  1. Das sehe ich gänzlich anders. Für mich ist Caché einer der besten Filme, die ich 2006 gesehen habe. Aber ich glaube, deinen Filmgeschack mittlerweile gut genug zu kennen, um zu wissen, warum er dir missfällt. Das Drehbuch weist scheinbar Sinnlücken auf.

    Das große Geheimnis aus Georges Leben ist irgendwie keines, denn das, was er in seiner Kindheit verbrach, kann man schwerlich als Schuld sehen, zumindest nicht als solche, wie man sie durch die Inszenierung des Filmes erwartet.

    Die Inszenierung erwartet das doch überhaupt nicht, im Gegenteil! Haneke will einem m. E. vorführen, wie kompliziert die Lage ist - es ist eine Schuld, die man einem Kind nicht ernsthaft vorwerfen kann. Das ist ja gerade das Dilemma.

    Bitter aufstoßen tut auch, dass der Film keine Auflösung hat, kein Ende und keinen Anfang – seine Handlung verläuft im Prinzip ins Leere. Es wird nicht aufgeklärt, wer die Videobänder aufgenommen hat und was er damit bezweckt.

    Ha, wusste ich's doch! Hier spricht (mal wieder) ein von Hollywooddrehbüchern konditionierter Mensch. Alles muss erklärt werden, einen sofort erkennbaren Sinn machen, jeder Stein muss umgedreht werden und warum ist die Toilettenrolle schon benutzt? ;-) Gerade die Fragezeichen, die der Film stehen lässt, machen Caché hochinteressant, heben ihn vom Formelbrei amerikanischer Thriller ab.

    Ich bin kein großer Haneke-Fan, aber mit Caché hat er sowohl inhaltlich als auch formal eine große Arbeit abgeliefert. Das ist ein Werk, das endlich an der Art und Weise kratzt, wie wir Filme rezipieren, der uns als Zuschauer ständig vorführt: Wir glauben zu wissen, welche Perspektive die Kamera gerade einnimmt - ooh, nein doch nicht. Insofern ist er thematisch nicht weit von De Palma entfernt, nur die Art der Inszenierung ist eine andere.

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  2. Fand ihn auch recht stark, und über die throat-Szene geht eh nichts, die ist so herrlich doof (im Nachhinein)... löl ;-)

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  3. Haneke will einem m. E. vorführen, wie kompliziert die Lage ist - es ist eine Schuld, die man einem Kind nicht ernsthaft vorwerfen kann. Das ist ja gerade das Dilemma.

    Das wäre es in der Tat, wenn es überhaupt das Thema bzw. Motiv ist. Die Bilder und Bänder deuten Georges ja darauf hin, folglich soll er daran erinnert werden, bzw. dies ihm vorgeworfen werden. Die Frage ist wieso das jemand einem 46jährigen nach so langer Zeit vorwirft und diese Frage wird nicht beantwortet.

    Ha, wusste ich's doch! Hier spricht (mal wieder) ein von Hollywooddrehbüchern konditionierter Mensch.

    Der saß jetzt aber ganz schön tief, das will ich nicht wirklich auf mir sitzen lassen. Aber man stelle sich vor jemand beginnt einen Film mit eine Leiche, vollzieht 3-4 Ortswechsel, untermalt von 2-3 Verhören und am Ende des Filmes sagt der Ermittler "Tja, wird man wohl nie rausfinden wer es getan hat und wieso" - das ist aber noch lange kein genialer Krimi. Es muss nicht alles erklärt werden, das tut Nolan in MEMENTO z.B. auch nicht oder LYNCH und dennoch bietet sie eine "Lösung" zum Problem. Ich meine wenn man für einen Film keine Struktur hat, dann kann man (wie Haneke in einem Interview selbst sagte) auch eine Flasche Wasser und ein ein Glas abfilmen.

    Nur weil man von einer Geschichte etwas Sinn verlangt, kann man nicht gleich zu einem von Hollywooddrehbüchern konditionierten Menschen abgestempelt werden, da bin ich dagegen, schließlich missfällt mir so Hollywood Schrott wie BOURNE oder TRANSFORMERS aus denselben Gründen.

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  4. folglich soll er daran erinnert werden, bzw. dies ihm vorgeworfen werden

    Ja, jemand wirft es ihm in der Filmhandlung vor. Aber die Inszenierung steht doch deshalb nicht auf der Seite dieser Vorwürfe!

    Nur weil man von einer Geschichte etwas Sinn verlangt, kann man nicht gleich zu einem von Hollywooddrehbüchern konditionierten Menschen abgestempelt werden

    Damit meinte ich nicht, dass du ein Hollywoodblockbusterjünger bist! Das Hollywoodkino steht im Zeichen des Realismus und die meisten Zuschauer sind deshalb darauf getrimmt, dass ein Punkt A einen Punkt B nach sich zieht, das alles in einem einfach zu druchdringenden Sinnzusammenhang steht. Wenn das plötzlich wegfällt, wenn man nach dem Sinn etwas suchen muss, wenn man anfangen muss zu interpretieren, dann schreien insbesondere viele US-Kritiker immer gleich: Das Drehbuch ist schlecht, weil unlogisch etc. Und diese Tendenz glaube ich auch bei dir zu erkennen. Das ist gar nicht böse gemeint, sondern lediglich eine Feststellung. Ich finde, man macht es sich zu einfach, wenn man die Qualität eines Films zuvorderst nach den Sinnzusammenhängen bewertet. Deshalb halte ich das "Style over Substance"-Argument auch in den meisten Fällen für kompletten Quatsch. Film ist in erster Linie Stil. Das sollten wir, die zu viel vom Linda-Seger-Drehbucheinerlei rezipiert haben, nicht vergessen...

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  5. Film ist in erster Linie Stil.

    Für mich ist Film in erster Linie die Erzählung einer Geschichte - selbstverständlich natürlich mit visuellen Bildern, aber dennoch die Erzählung einer Geschichte. Und wenn man keine Geschichte hat, die man erzählen kann, dann bringen einem auch die Bilder nichts. Ich sage ja nicht dass Hanekes Drehbuch schlecht ist, ich kritisiere lediglich, dass es sinnlos ist.

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  6. Scheinbar sinnlos...ok. Für mich besteht der Sinn gerade in der Uneindeutigkeit der Zeichen. Wir wissen nicht genau, wer aus welchem Motiv die Bänder schickt. Daraus bezieht der Film seine Spannung. Gleichzeitig wird uns permanent vorgeführt, wie sehr wir uns in der Zuordnung der Kameraperspektive, also unserer Wahrnehmung, irren. Steht das Inhaltliche mit dem Formalen vielleicht in irgendeiner Verbindung? Und was hat die letzte Einstellung zu bedeuten - die Schultreppe, auf der sich (schwer wahrnehmbar) die beiden Söhne treffen? Gerade diese Leerstellen sind es, die den Film abheben vom Mainstream: Wir müssen sie selbst füllen, genau das verlangt Haneke von uns - er lässt es bewusst uneindeutig. Das kann man ihm deshalb nicht als "Sinnlosigkeit" vorwerfen.

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  7. Derjenige der die Bänder schickt, hat offenbar Kenntnis von Georges Tat und Zugang zu der Wohnung von Majid gehabt. Es liegt daher nahe, dass entweder Majid oder sein Sohn darüber eingeweiht waren, bzw. daran beteiligt.

    Fragen die sich daraus ergeben:
    -warum das ganze Tram Tram nach über vierzig Jahren und wieso wirft man einem erwachsenen Mann solch eine Entscheidung aus der Kindheit vor, bzw. was bezweckt man damit? Allerhöchstens den Fakt diesen psychisch fertig zu machen, als Bestrafung. Meiner Ansicht nach wird impliziert, dass Majids Sohn der Täter ist, auch wenn dieser es abstreitet, was wiederum die letzte Einstellung erklären würde. Majids Sohn will Georges Leben zerstören, da er ihn verantwortlich dafür empfindet, was seinem eigenen Vater wiederfahren ist, bzw. vorenthalten wurde. Das wäre die naheliegenste Auflösung - und diese finde ich einfach schwach, wenn das Hanekes Geschichte ist, naja, dann greift bei jedem der individuelle Geschmack und meiner war es nicht. Deiner schon und das ist ja das wichtige, es gibt ja Filme, bei deren Einschätzung (Bourne Ultimatum vs. Sunshine, z.B.) wir differieren - das macht Diskussionen ja erst interessant :)

    P.S.: Jochen, ich fände es toll, wenn du "wenigstens" zu NO COUNTRY FOR OLD MEN einen Bericht schreibst, ich werd auch noch vorher das Buch lesen und was ich von Filmen halte, wenn ich das Buch gelesen habe, weiß man ja inzwischen *g* Wenn du jedoch Ende März die Zeit findest, fände ich (und sicher auch andere) es interessant eine Analyse bei dir zu lesen - überleg es dir einfach ;)

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  8. wir differieren - das macht Diskussionen ja erst interessant

    Genau. Ständiges Bestätigen wäre öde :-)

    Zum Coenfilm: Mal schauen. Vielleicht kaufe ich mir die US-DVD, die Mitte März erscheint und stelle sie vor. Hab aber keine Lust, einen Film zu besprechen, den Cleric, MVV, du, Marcus und x andere Blogger rezensieren - das fände ich nämlich ebenfalls öde ;-)

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