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6. November 2012

Amour

Liebe ist der Wunsch, etwas zu geben, nicht zu erhalten.
-- Bertholt Brecht


Wenn man eines über Michael Hanekes jüngsten Film sagen kann, dann, dass Amour wohl nicht gerade das Feel-Good Movie des Jahrzehnts wird. Vielmehr wird von Haneke etwas thematisiert, dass die meisten Menschen vermutlich geflissentlich ignorieren: was sie im hohen Alter erwartet. Für Haneke selbst ging es darum, wie man mit dem Leiden eines geliebten Menschen umgeht. Bis zu welchem Alter und Gesundheitsgrad ist das Leben noch lebenswert und transzendiert das eigene Leiden auf den jeweiligen Partner? In Amour sehen wir ein altes Ehepaar in seiner letzten Lebensphase, als es von einem Schicksalsschlag getroffen wird.

Eine Verstopfung der Halsschlagader bei Anne (Emmanuelle Riva) verlangt nach einer Operation; als diese jedoch missglückt, ist die ehemalige Musiklehrerin plötzlich halbseitig gelähmt. Fortan geht der zuvor durchaus vitalen Frau ihr Ehemann Georges (Jean-Louis Trintignant) zur Hand, schneidet ihr das Essen und hilft ihr von der Toilette. Als Anne ein Schlaganfall trifft, die Lähmung sich verschlimmert und eine Pflegerin eingestellt werden muss, verschlechtert sich mit Annes gesundheitlichem Zustand ihre einst so harmonische Ehe mit Georges. Auch die gemeinsame Tochter Eva (Isabelle Huppert) leidet unter der Situation ihrer Mutter.

In guten wie in schlechten Zeiten – so heißt es im Eheversprechen. Natürlich hoffen die meisten Paare auf weitaus mehr gute wie schlechte Zeiten. Das Alter bringt es jedoch oft mit sich, dass sich der Zustand des einen Partners vor dem des anderen verschlechtert. Plötzlich wird man von dem oder der einstigen Geliebten zu einem oder einer Abhängigen. Ein Effekt, der sich nicht zuletzt auch auf den notbedürftigen Partner niederschlägt, in diesem Fall Anne. Mit der halbseitigen Lähmung geht sie zuerst noch sehr positiv um, doch mit der Zeit beginnt sie an ihrem Leiden und ihrer fortschreitenden Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu verzweifeln.

Wie Emmanuelle Riva diesen psychischen und physischen Verfall spielt, ist im Folgenden durchaus beeindruckend. Was mit einer angewinkelten rechten Hand beginnt, setzt sich fort zum verzogenen Mundwinkel und herausgepressten Wortfetzen. Die 85-Jährige spielt dies alles mit einer Würde und einem Selbstverständnis, der es – im Verbund mit ihrer relativen Unbekanntheit – umso einfacher macht, sich auf die Figur ihrer gebeutelten Musiklehrerin einzulassen. Auch Jean-Louis Trintignant überzeugt als liebevoller Ehemann, der klar zu erkennen gibt, dass bei ihm die Hoffnung zuletzt stirbt. Vermutlich sogar nach seiner geliebten Anne.

Wenn Jury-Vorsitz Nanni Moretti erklärt, durch Amours Gewinn der Palme d’Or konnten seine Schauspieler nicht ausgezeichnet werden, spricht das für sich. Verdient hätten es Riva und Trintignant beziehungsweise das Ensemble des Films allemal. Angesichts seiner ziemlich bedrückenden Thematik, zurückgenommenen Erzählweise und Laufzeit von zwei Stunden funktioniert Amour überraschend gut. Wie eingangs erwähnt zwar keineswegs ein Feel-Good Movie bedeutet dies jedoch nicht, dass der Film ein „Downer“ sei. Vielmehr geht einem jene dargestellte Liebe von Georges zu Anne und diese beiden sympathischen Figuren zu Herzen.

Vorwerfen ließe sich, dass Haneke den Film straffer hätte erzählen können, da zumindest eine der Sequenzen verzichtenswert ist. Auch ein weniger harter Einstieg und ein Schluss, der eine Szene früher einsetzt, hätten Amour vermutlich besser zu Gesicht gestanden. Aber unabhängig davon ist dem österreichischen Regisseur nach dem etwas verkopften Das weiße Band nun wieder eine klare Steigerung gelungen und letztlich formal wie emotional einer der gelungensten Filme des Jahres. Zwar ist Amour kein Film, den man sich immer wieder und wieder ansehen wird, aber wie sagte es bereits Gustave Flaubert: „Man liebt nur, woran man leidet“.

8.5/10

Szenenbilder Amour © Warner Bros./XVerleih

29. Mai 2008

Funny Games U.S.

You might get hurt.

Neu sind Remakes nun irgendwie gar nicht mehr, eher schon Alltag. Wenn sich die amerikanische Filmindustrie nicht an die Fortsetzungen ihrer eigenen Filme hält (Crank 2, The Punisher 2, Bad Boys 2, Transformers 2), kopiert sie ganz gerne andere, bereits vorhandene Ideen. Hierzu bietet sich das Ausland geradezu an, da der Durchschnittsamerikaner in seinem Kinojahr wohl nicht mehr ausländische Filme einstreuen wird, wie er Finger an der Hand hat. Man mag ihnen zu Gute halten, dass es nicht die Sache eines jeden ist, sich einen Film in fremder Sprache mit Untertiteln anzusehen. Eines der berühmtesten Remakes wurde zuletzt von Oscarpreisträger The Departed verkörpert, der ein Konglomerat aus der genialen Hongkong-Trilogie Infernal Affairs darstellt, sich dabei jedoch fast ausschließlich auf den meisterhaften ersten Teil beschränkt. Aber auch das Kinojahr 2008 kommt nicht ohne US-Remakes aus, wie Brothers, das Remake von Susanne Biers Brødre. Vermehrt werden diese Remakes im Horror-Genre verwendet, bevorzugt bei asiatischen Filmen. Dieses Jahr erscheinen unter anderen amerikanisierte Versionen von Chakushin ari (One Missed Call), Shutter und Gin gwai (The Eye). Zu diesem illustren Kreis reiht sich auch der österreichische Regisseur Michael Haneke ein, der in Funny Games U.S. ein Shot-to-Shot-Remake seines Funny Games aus dem Jahr 1997 liefert. Hierbei ist nicht nur das Drehbuch identisch, sondern jede Kameraeinstellung und jeder Schnitt – das einzige was beide Filme voneinander unterscheidet, ist das Schauspielerensemble, welches einem internationalen Standard angepasst wurde. Abgesehen von den neuen Gesichtern, sind Remake und Original identisch. 

Nach eigenen Angaben habe der Film seine Intention damals verfehlt, erläutert Haneke im Presseheft. Der Film entstand als Reaktion auf das gewaltverherrlichende britische Kino der Neunziger. Doch den Film wollte damals aufgrund der unbekannten Darsteller im Ausland niemand sehen. Inzwischen ist unsere Gesellschaft in Zeiten von Eli Roth und Rob Zombie nur noch gewaltlüsterner geworden, Zentrum des Terrors sind dabei die USA geworden. Daher entschloss Haneke sich dazu, ein Remake seines Filmes zu drehen, diesmal jedoch in englischer Sprache und mit bekannten Darstellern, damit Funny Games endlich das Publikum anspricht, an das es adressiert ist. Der inzwischen verstorbene Ulrich Mühe wurde durch Charakterschauspieler Tim Roth ersetzt, die Oscarnominierte Naomi Watts übernimmt den Part von Susanne Lothar. Die beiden charismatischen Eindringlinge Arno Frisch und Frank Giering wechseln zu Michael Pitt und Brady Corbet. In welche Richtung das ganze sich dann orientiert, lässt sich am Marketing erkennen, wenn die werte Naomi Watts das Hauptplakat mit ihrem Konterfei zieren darf und auch den bekanntesten Namen zum Ensemble beisteuert. Da beide Filme miteinander identisch sind, können Urteile über das Remake lediglich anhand der Darsteller geschlossen werden. Roth und Watts spielen überzeugend in den Rollen des Ehepaars Farber, auch Corbet geht in seinem Part von Frank Giering auf, lässt bei dem schüchternen und naiven Peter kaum Wünsche übrig. Vielleicht die schwerste Figur überhaupt ist Paul, ist er doch der zentrale Charakter des gesamten Geschehens. Gut möglich, dass die Figur im Original nur deswegen so bedrohlich erschien, weil Arno Frisch sie in kurzen Hosen und mit österreichischem Akzent präsentierte. Dabei sollten wir Deutschen eigentlich keine Angst vor Österreichern in kurzen Hosen haben, Cordoba hin oder her. 

Es gelingt Michael Pitt jedoch nicht Frischs Schatten auszufüllen, seine Improvisation von Paul wirkt sehr viel bedrohlicher im Sinne von aggressiver. Frisch dagegen transportierte einen gehörigen Teil seines Terrors durch das bloße Verändern seiner Stimmlage oder einen Blick mit den Augen. Allerdings ist auch die Übersetzung des Textes kein sonderlich dankbares Unterfangen, haben Worte wie „Unterhaltungswert“ im Englischen doch deutlich mehr Konnotationen als es im deutschen Sprachschatz der Fall ist. Wobei dies bereits in die Auslegung des Filmes übergeht. Eine Veränderung gibt es dann doch im Remake. Findet sich im Original eine zehnminütige und ungeschnittene Aufnahme, davon allein fünf ohne jeglichen Dialog, so setzte Haneke hier die Schere an. Kritisierte ich im Original noch, dass diese Szene „meine Geduld ein wenig überstrapaziert“ hätte, so wirkt sie jedoch im Vergleich mit dem Remake sehr viel tiefschürfender für das gezeigte Geschehen. Doch Amerikaner sind schwerlich fünf Minuten lang für eine Szene zu begeistern, in der nichts passiert, so dass auch hier eine Anpassung an den gewünschten Markt auftritt. Zu diesem Zeitpunkt kann man dann eigentlich auch ein Fazit schließend, da jedes weitere Wort sich höchstens noch auf den Filminhalt beziehen könnte. Dies soll in den folgenden drei Absätzen, die somit Spoiler enthalten, geschehen. Hanekes Remake ist zwar im Grunde eine direkte Kopie seines Vorgängers, die gekürzte Fluchtszene und Michael Pitt sorgen dann allerdings doch für einen Abfall, so dass jedem bei Option die österreichische Version von 1997 zu empfehlen ist.

Eine Fernsehzeitung kündigte den Film im Nachtprogramm einst mit den Worten an: Achtung, spielt mit den Sehgewohnheiten. Diese Worte beschreiben Funny Games eigentlich perfekt, im Grunde sogar ausreichend. Der Film ist an sich nichts anderes, als ein Spiel mit den Sehgewohnheiten des Zuschauers. Besser gesagt spielen Paul und Peter kein Spiel mit der Familie Farber um deren Leben, auch wenn dies scheinbar den Rahmen des Filmes vorgibt, im Gegenteil spielen die beiden ein Spiel mit dem Publikum vor dem Fernseher. Mehrfach erläutert Paul dies gegenüber seiner Opfer. Als er ihnen ein Spiel offeriert, welches diese – wie er zynisch zugibt – überhaupt nicht gewinnen können, richtet er sich daraufhin direkt an den Zuschauer. „Sie sind doch auf ihrer Seite?“, fragt er rhetorisch und durchbricht dabei nicht zum ersten und letzten Mal die vierte Wand. Zwei junge Männer, höflich und gepflegt, dringen in das Haus einer unscheinbaren Familie ein und beginnen die Reinform des Terrors bei ihnen zu entfalten. Natürlich ist der Zuschauer auf der Seite der Farbers, es wirkt somit wie purer Hohn, wenn einem Paul diese Loyalitätsfrage stellt. Nach dem ersten Angriff fragt Georg seinen Peiniger, warum er seiner Familie dies alles antue und erhält lediglich ein „warum nicht?“ als Antwort. Am frühen Morgen wird er ihn bitten, doch endlich dem ganzen ein Ende zu bereiten und ihn zu töten. „Sie dürfen den Unterhaltungswert nicht vergessen“, erwidert Paul lapidar. Hierbei handelt es sich nicht um den Unterhaltungswert für Peter und Paul, sondern für den der Kinozuschauer. Diese wollen unterhalten werden und dabei nicht zu kurz kommen. Weswegen Paul das ganze Treiben auch zu einem Zeitpunkt bewusst hinauszögert, denn „wir haben noch nicht einmal die normale Laufzeit erreicht“. Im Gegensatz zu Paul ist sich Peter nicht bewusst, dass ihn ein Publikum beobachtet, er selbst verkommt auch das eine oder andere Mal zum Spielzeug von Pauls Intentionen. 

Auch beim zweiten Sehen, hat sich für mich selbst nichts an der Deutung des Filmes geändert, der fraglos auf verschiedenste Weisen gelesen werden kann. Pauls Verhalten und Äußerungen, in Verbindung mit dem Gespräch zwischen ihm und Peter auf dem Boot, stimmen mich zu meiner Ansicht aus dem Originalbeitrag. Paul und Peter sind echte Charaktere, wohingegen die Farbers Fiktion sind – das schrieb ich damals. „Wenn ich weiß, dass alles nur ein Film ist, kann ich als Protagonist die Mauer der Moral durchbrechen und tun und lassen was ich will“, waren meine exakten Worte. Sicherlich kann Paul auch einfach nur deswegen Peters Tod zurückspulen, um mit der Erwartung der Zuschauer zu spielen, doch dieses Handeln ist eine so derbe Durchbrechung der vierten Wand, dass ich ihr nicht wirklich folgen will. Man stelle sich vor, man könnte sich selbst in einen Film einklinken, in eine fiktive Geschichte mit nicht realen Figuren. Hier kann man praktisch alles machen, insbesondere Gewalt, gerade jene Gewalt, die keinerlei Sinn macht und an der sich die Kinogänger heute in den Filmen eines Eli Roth oder dem dieses Jahr erschienenen Á l’intérieur so erfreut haben. Eine Familie, die es nicht gibt und ein leeres Haus. Würde man jemanden töten, der nicht existent ist? Wie in einem Videospiel. Muss man sich Vorwürfe machen, wenn es doch eigentlich kein echtes Leid ist? Wenn man sich in eine Videospieladaption von Lord of the Rings einloggt und ein Orc in die Kamera fragt, warum willst du mich töten – würde da der Spieler nicht sagen: warum nicht? 

Die meisten Menschen quälen als Kinder kleinere Tiere und seien es nur Ameisen, die auf der Terrasse mit Wasser weggespült werden und mit ihren kleinen Beinen in dem Strom zappeln und einen amüsieren. Wenn man seine aggressiven Phantasien katalysieren könnte, würden das wahrscheinlich sehr viele Menschen nutzen. Haneke kritisiert diesen Zug unserer heutigen Gesellschaft, dieses Gieren nach Gewalt, dass selbst ein Sylvester Stallone seinem Rambo extra viel Gewalt zuführt, damit er bei der Jugend auch ankommt, wie dieser in einem Interview bereitwillig eingestanden hatte. Dabei zeigt Haneke seine Gewalt nicht, alle Misshandlungen der Familie geschehen im Off, die einzige wirklich zur Schau gestellte Szene ist die Erschießung von Peter. Doch diese wird mit der Fernbedienung von Paul ungeschehen gemacht. Diese Tatsache, gemeinsam mit Pauls mehrfachen Kommentaren auf Spielfilmlänge, Unterhaltungswert und weiteres, scheinen in meinen Augen meine These zu bestätigen. Hierzu zählt auch das ständige Essen, der beiden Männer, und wer isst nicht gerne, wenn er sich etwas anschaut? Der Boot-Dialog, in welchem beide über parallele Welten diskutieren, ließe sich auch so deuten, dass Peter ebenfalls eine fiktive Figur ist, weshalb er im Gegensatz zu Paul auch das Publikum nicht wahrnimmt. Hinzu kommt, dass Paul Peter nach der gemeinsamen Vorstellung im Wohnzimmer mehrfach erniedrigt, diesen sogar zum Weinen bringt. Es ist somit sehr deutlich, dass Peter und Paul nicht gleichgestellt sind, immer ist es Paul, der die Kontrolle inne hat, Paul der den kleinen Georg verfolgt, als dieser fliehen kann. Dass dieser am Ende wie seine Eltern stirbt, ist ein Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers, ein unkonventionelles Ende und dabei doch nur der Anfang für ein neues Spiel. 

8/10

24. Januar 2008

Caché

Maybe one of your fans?

Vor etwas mehr als zehn Jahren erschien ein österreichischer Film über eine Familie, die zu ihrem Ferienhaus fuhr. Dort angekommen klingelten zwei junge Männer an ihre Tür und was darauf folgte war eine tour de force der besonderen Art. Geknebelt und gefesselt wurden der Familienvater, seine Frau und sein Sohn, Opfer eines perfiden Psychospiels, welches keinerlei Grund oder Motiv fand. Oder schien dem nur so? Die beiden jungen Männer malträtierten die Familie scheinbar nur aus einem einzigen Grund: um das Publikum zu unterhalten. Mehrmals die vierte Wand durchbrechend hielt der österreichische Regisseur Michael Haneke mit seinem 1997 erschienenen Film Funny Games dem Zuschauer einen Spiegel vor sein Gesicht. Immer wieder agierten die beiden Männer nach dem altbekannten Schema von Spielfilmen, foltern ihre Opfer, lasse diesen die Chance zur Flucht, nur um sie dann doch weiter zu foltern. Nie aktueller als zu unserer heutigen Zeit, scheint diese Thematik zu sein, die ihre Renaissance in den Werken von Alexandre Aja oder Eli Roth und deren Folter-Pornos a la Hostel findet. Gewalt ist en vogue und kein einziger Tag kommt mehr ohne eine solche Meldung in den Medien aus, seien es U-Bahn- oder Marktplatz-Schläger. Gekonnt spielte Haneke mit der Angst eines gehobeneren Ferienorts und zwei Bösewichtern, die problemlos in jedem Golfclub aufgenommen hätten werden können. Dieses Jahr wird Hanekes identisches US-Remake mit Tim Roth und Naomi Watts in den Kinos erscheinen.

Vor wenigen Jahren gewann Haneke bei den Filmfestspielen von Cannes mit seinem Film Caché nicht nur den Preis für die beste Regie, sondern auch beim Europäischen Filmpreis in den Kategorien Film, Regie, Darsteller und Schnitt. Zudem wurde Caché als österreichischer Beitrag für die Academy Awards 2005 eingereicht, aufgrund der Tatsache, dass der Film auf französische gedreht wurde allerdings abgelehnt. Für Haneke selbst gab es drei Gründe den Film zu machen, wie er in einem Interview erläutert hatte. Der erste dieser Gründe war Daniel Auteuil, mit dem Haneke schon lange zusammenarbeiten wollte und dem er Caché daher auf den Leib schrieb. Zudem kam als zweiter Grund, dass Haneke schon lange einem Film machen wollte, der sich mit Schuldgefühlen eines Erwachsenen beschäftigt, die in dessen Kindheit verankert waren. Der dritte und letzte Grund für die Entstehung von Caché war das Pariser Massaker vom 17. Oktober 1961, bei dem über zweihundert Algerier getötet wurden und das Haneke nicht ausreichend thematisiert in Frankreich fand. Besonders Lob fand der Film, der gänzlich ohne Musik auskommt, wegen seines Brecht’schen Verfremdungseffektes, der den besonderen Reiz des Erlebnisses von Caché ausmache. Da sich Haneke strikt an sein eigenes Drehbuch hielt, gab es leichte Probleme am Set mit seiner Hauptdarstellerin Juliette Binoche, welche sich mehr Interpretationsfreiheit für ihre Rolle gewünscht hätte. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass der letzte Absatz Spoiler enthält.

Georges Laurent (Daniel Auteuil) ist Fernsehmoderator und mit der Lektorin Anne (Juliette Binoche) verheiratet. Das Leben der beiden wird erschüttert, als sie eine zweistündige Videoaufnahme einer Frontalansicht ihres Hauses erhalten. Wer hat die Kassette geschickt und zu welchem Zweck? Was sich für Georges wie ein Streich anfühlt, wird kurz darauf mit anonymen Anrufen bei Anne wieder zum Ernst. Den Anrufen folgt eine weitere Kassette, diesmal mit einer Zeichnung eines Blut spuckenden Jungen begleitet. Als Georges und Anne die Polizei aufsuchen, kann diese ihnen nicht weiterhelfen. Solange niemand zu schaden kommt, können sie nichts machen. Währenddessen beginnen zwischen Georges und Anne die Emotionen hoch zu kochen, verstärkt wird das ganze durch das Eintreffen eines neuen Videos mit einer neuen Zeichnung. Ein Hahnkopf inklusive Blut begleitet eine Videoaufnahme aus einem Auto heraus, die auf einem Bauerngut endet. Doch hierbei handelt es sich um kein gewöhnliches Bauerngut, sondern um das ehemalige Bauerngut von Georges’ Eltern. Als Georges seine Mutter daraufhin besucht, beginnen sich erste Verdachtsmomente in ihm zu hegen, die mit einem neuerlichen Videoband bestärkt werden. Nunmehr hat Georges eine Adresse und diese sucht er alleine auf, die verstörte Anne nicht in seine Verdächtigungen oder Hintergründe einweihend. Als Georges zu der besagten Adresse fährt, trifft er auf einen Menschen, den er aus seinem Leben verbannt hatte und den ein Geheimnis begleitet.

Haneke bedient sich in Caché vieler langer und ruhiger Einstellung, oftmals handelt es sich hierbei um diejenigen des Videobandes, sodass man sich praktisch in der Position des Filmers befindet als Zuschauer. Und es gelingt Haneke auch zu Beginn des Filmes eine gewisse Spannung auf der Unsicherheit der Laurents heraus zu erzeugen, die dann erneut verstärkt wird, als Georges seinem Verdächtigen gegenübersteht. Das große Geheimnis aus Georges Leben ist irgendwie keines, denn das, was er in seiner Kindheit verbrach, kann man schwerlich als Schuld sehen, zumindest nicht als solche, wie man sie durch die Inszenierung des Filmes erwartet. Bitter aufstoßen tut auch, dass der Film keine Auflösung hat, kein Ende und keinen Anfang – seine Handlung verläuft im Prinzip ins Leere. Es wird nicht aufgeklärt, wer die Videobänder aufgenommen hat und was er damit bezweckt. Die plötzliche Heimsuchung von Georges mit dessen Schuld nach vierzig (!) Jahren macht inhaltlich überhaupt keinen Sinn, vor allem da es sich scheinbar um einen anderen Täter handelt, wie zuerst impliziert worden ist. Man stelle sich vor, jemand macht einen Film darüber, wie eine Person einen Kuchen backt und ihn am Ende in den Ofen stellt. Es wird nicht gesagt wofür der Kuchen ist und ob er gelingen wird, alles was man sieht ist die Entstehung des Kuchens. So ein Film hätte keinen Punkt, weil keinen Sinn und ähnlich verhält es sich mit Caché. Seine psychologische Tiefe, mit der Haneke noch zu Beginn spielt, wenn man nicht weiß, wer was und wieso, verliert spätestens am Ende, wenn man merkt, dass es auf wer was und wieso keine Antworten gibt. Was viele Kritiker als genial bezeichnen mögen, ist am Ende bedauerlicherweise nicht mehr als viel Lärm um Nichts.

4.5/10

14. Mai 2007

Funny Games

Sie dürfen den Unterhaltungswert nicht vergessen.

Meine Fernsehzeitung bezeichnete Michael Haneke's Werk von 1997 mit dem Satz "Achtung, spielt mit den Sehgewohnheiten und ist sehr hart", ein Bloggerkollege beschrieb mir den Film als mindfuck - mehr musste ich nicht wissen und schon war das Teil aufgenommen und gestern Abend zu Gemüte geführt worden. Vorab will ich schon mal sagen, dass ich den Film nicht zu hart fand. Jedenfalls von seiner Gewalt. Und generell auch nicht. Hart ist das falsche Wort. Oder ich bin einfach nur "abgehärtet".

Ich will nicht lange versuchen auf mein Fazit zu kommen, sondern erarbeite lieber aus meinen Fazit heraus weiter: Funny Games ist ein klasse Film. Mehr als Klasse, das Drehbuch sucht seinesgleichen. Hab seit Memento glaube ich nicht mehr solch ein gutes Thriller-Drehbuch gesehen. Hier stimmt alles, jede Handlung, jeder Dialog, alles am richtigen Platz. Da hat sich Haneke selbst übertroffen. Zwei junge Männer, die wahl- und motivlos eine dreiköpfige Familie quälen, dabei aber immer höflich, ruhig und sachlich bleiben und sich brav für alles bedanken, was sie bekommen.

Nach der ersten Stunde war ich total aus dem Häuschen und war bereit dem Film die volle Punktzahl zu geben. Als Haneke aber nach dem ersten Showdown die Kamera fünf Minuten auf der selben Szene lässt, in welcher nichts passiert und nur zwei Sätze geredet werden, wurde meine Geduld ein wenig übertrapaziert und ich war froh als Paul und Peter wieder im Haus waren. Die darstellerischen Leistungen von allen Beteiligten sind top, die von Arno Frisch (Paul) überragt jedoch alle. Mit seinem österreichischen Akzent und seiner kurzen Hose, dazu das Lächeln. Richtig toll.

Das Konzept von Funny Games ist aber dabei im Grunde das, was mir beim Film so gefallen hat. Am Anfang fragt Georg Paul noch, warum die beiden jungen Kerle all das tun, worauf Paul nur entgegnet "Warum nicht?". Dies wird im Laufe des Filmes und besonders am Ende erklärt, bzw. deutlich. Was der Zuschauer in Funny Games sieht, ist (nur) ein Film. So sehe ich das zumindest. Funny Games ist ein Film, den man sicher immer wieder sehen kann, um ihn zu entschlüsseln. Meine Interpretation ist, mich auf das Gespräch der beiden am Ende berufend, dass Paul und Peter echt sind, real, während die Familie Fiktion ist.

Paul durchbricht mehrfach die Vierte Wand, zwinkert dem Zuschauer zu, spricht ihn an, seine Gefühle ("Sie sind doch auf ihrer Seite, oder?"), handelt nach den Gesetzen des Thrillerfilms. Er lässt den Opfern die Möglichkeit zu fliehen, um die Spannung aufrecht zu erhalten und organisiert einen Zeitplan, der eine gesunde (Film)Länge ermöglicht. Das erklärt das viele Essen der beiden, erklärt wieso sie von einem Haus zum nächsten fahren, erklärt wieso Paul den Mord an Peter zurückspulen konnte. Wenn ich weiß, dass alles nur ein Film ist, kann ich als Protagonist die Mauer der Moral durchbrechen und tun und lassen was ich will. Auch Gewalt. Insbesondere Gewalt. Wäre die Szene um die 80. Minute nicht gewesen...naja, wie gesagt, vielleicht verzeihe ich sie Haneke schon beim zweiten sehen, bzw. bei seinem Remake.

9/10