27. März 2008

Rushmore

I saved Latin. What did you ever do?

Manche Karrieren beginnen früh, sowohl von der Begrifflichkeit einer Chronologie her, als auch einer Filmographie. Oftmals starten große Karrieren im Showbusiness bereits in Schulen, so brachte die Beverly Hills High School unter anderem Lenny Kravitz, Angelina Jolie, Nicolas Cage und viele andere berühmte Namen hervor. Der Texaner Wes Anderson besuchte einst die St. John’s Privatschule in Houston ehe er an selbiger Universität Philosophie studieren sollte. In ebenjenem Philosophieseminar traf Anderson schließlich auf einen Kommilitonen namens Owen Wilson. Beide freundeten sich an und schrieben zusammen das Drehbuch für einen Independent-Film mit dem Titel Bottle Rocket. Jener zählt nicht nur zu Martin Scorseses Lieblingsfilmen der 90er Jahre, sondern beeindruckte auch eine Regiegröße: James L. Brooks. Dieser unterstützte die beiden schließlich bei der Arbeit an ihrem nächsten Projekt: Rushmore. Erneut schrieben Anderson und Wilson zusammen das Drehbuch und als Hommage an ihre texanische Herkunft drehten sie das Geschehen schließlich quasi vor ihrer eigenen Haustür. Als Rushmore Privatschule darf keine andere Schule fungieren, als Andersons eigene High School – die St. John’s Privatschule. Es gelang zudem einen großartigen Cast zusammen zu treiben, zu dem sich wie zuvor auch Wilsons eigener Bruder, Luke Wilson, gesellte und schließlich zu einer Kollaboration führen würde, die das Leben zweier Menschen entscheidend beeinflussen sollte. Nach eigenen Angaben musste Bill Murray die Rolle des verschrobenen Herman J. Blume spielen, notfalls auch ohne Bezahlung. Für Murray sollte seine Mitwirkung in Rushmore einen späten Karriereschub darstellen, der ihn weg von den Klamauk-Komödien hin zur Tragikkomik führen sollte und ihm die von den Kritikern beachteten Rollen wie Lost in Translation, Broken Flowers und insbesondere die folgenden zwei Anderson Filme bescheren sollte.

In seinem zweiten Spielfilm machte Anderson im Grunde nichts anderes, wie er in all seinen Filmen tat: er versammelte verschrobene, seltsame Figuren – allesamt scheinbar unfähig zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, Gefangene ihrer eigenen Schrulligkeit. Hauptprotagonist von Rushmore ist Max Fisher, laut Dekan der schlechteste Schüler der Privatschule. Ursache hierfür dürfte Max’ Zeitorganisation sein, denn statt für seine Fächer zu lernen, verliert sich der bebrillte und gescheitelte Nerd in seinen außerschulischen Aktivitäten. Neben einem guten halben Dutzend Klubs, die er selbst gegründet hat, ist er zudem noch Vorsitzender von nochmals über einem halben Dutzend Klubs. Er engagiert sich für die Schulzeiten, wie den Backgammon Klub und selbst im Ringerteam ist er aktiv, auch wenn er überhaupt kein Talent für diesen Sport besitzt. Für Max ist Rushmore mehr als nur eine Schule, im Grunde stellt die Bildungsinstitution ein Zuhause für den 15-Jährigen dar, der seinen als Friseur arbeitenden Vater verleugnet und stattdessen ein perfektes Bild eines Chirurgen erstellt. Max gehört nicht in die Welt der Privatschule, ist kein reiches Kind. Gerade dieser Aspekt treibt ihn zu Beginn von Andersons Film zu der von Bill Murray dargestellten Figur des Großindustriellen Herman J. Blume. In einer Ansprache an die Schule hebt er den Kampf des Proletariats gegenüber der Oberschicht hervor, alles könne man sich als reiche Person erkaufen, nur kein Rückgrat. Ebenjenes versucht Max aufzubauen und kommt mit diesem Erscheinungsbild auch bei Blume an. Zwischen den ungleichen Männern entwickelt sich eine Freundschaft, die später zur Rivalität werden soll. Unterschwellig mag Blume für Max als der Vater fungieren, den sich dieser immer gewünscht hat – besonderen familiären Charakter erwecken die später gezeigten Ausflüge mit der Grundschullehrerin Rosemary (Olivia Williams), selbst wenn diese zu diesem Zeitpunkt von Max’ Ödipuss-Komplex überschattet sein mögen.

Gegenüber seinen Mitschülern fühlt sich Max sichtlich überlegen, der jüngere Dirk (Mason Gamble) agiert praktisch als sein Assistent und Max selbst ist an sich unangefochtener King of the Nerds. Gerade diese kann er auch in einer Szene dazu bewegen durch eine Petition die Abschaffung des Faches Latein zu verhindern – jenes Fach, dass er selbst nie gemocht hatte und immer loswerden wollte, welches er nun aber aus Zuneigung zu Rosemary rettet. Eines von vielen Beispielen, die für Max’ übersteigerte Gefühle herhalten kann. Durch sein erwachsenes Verhalten, gerade die Umgarnung von Rosemary, möchte Max seinen niederen Status überspielen. Ein bizarres Ausmaß erreicht sein Drang an Egalität bei einem Abendessen mit Blume und Rosemary nach der erfolgreichen Aufführung seiner Schuladaption von Serpico. Rosemary hat zu diesem Essen einen ehemaligen Studienfreund (Luke Wilson) eingeladen, den Max sofort als Gefahr wahrnimmt, sich in Alkohol flüchtet und anschließend versucht ihm, dem Harvard-Absolventen, gegenüber als ebenbürtig wahrgenommen zu werden. Durch sein gesamtes Verhalten entfremdet sich Max lediglich von sich selbst, doch diese Erkenntnis wird er – wie es die Reise des Helden vorsieht – erst am Ende des Filmes machen. Seine Avancen schmettern natürlich an der reifen Rosemary ab, die sich noch immer in der Trauerphase des Todes ihres Mannes befindet. In diese Lücke vermag nur der in seiner Ehe unglückliche Herman vorzudringen. Sehr schön ist die Szene geraten, als Herman Rosemary aufsucht, unter dem Vorwand Max hätte einen Ausflug geplant, damit seine eigene Unsicherheit überspielend. Logischerweise stellt sich Hermans Affäre mit Rosemary zwischen die Freundschaft der beiden Männer und somit als Problem für das gesamte Trio heraus. Beide ereifern sich schließlich in den lächerlichsten Rachefeldzügen gegeneinander, was schließlich zum Verlust der Frau führt – für beide.

In der Hauptrolle weiß Francis Ford Coppolas Neffe Jason Schwartzman zu überzeugen, für den die Rolle des Max Fisher sein Schauspieldebüt darstellte und Startpunkt für eine akzeptable Karriere bildete, die schließlich in Andersons letztem Werk – The Darjeeling Limited – ihren Höhepunkt fand. Anderson erzählt auf seine unnachahmliche Weise wie in seinen anderen Filmen die Geschichte des Erwachsenwerdens, der Überwindung seiner Komplexe, der Lösung von problematischen Vater-Sohn-Beziehungen. Man kann bereits in Rushmore seine brillante Anwendung von Zeitlupenszenen erkennen, untermalt von einem träumerischen Soundtrack, welcher das Gesamtbild abzurunden vermag. Getragen wird die Handlung dabei, auch typisch für Anderson, allein von seinen Figuren und deren Zusammenspiel, dem Aufeinanderprallen dieser skurrilen Psychen, wobei natürlich Max und Herman alle anderen überragen. Der alles durchziehende Witz ist dabei nie profan oberflächlich, sondern ergibt sich subtil aus dem Zusammenspiel der Charaktere. Man lacht weniger darüber was gesagt wird, als vielmehr wie es gesagt wird, in welchem Zusammenhang und Kontext zur Gesamtsituation und den daliegenden Details. Dabei fordert Anderson keineswegs den Geist seines Publikums heraus, unterfordert es jedoch auch nicht wie es in Amerika so gerne bei Persiflagen eines Meet the Spartans geschieht. Die Handlung entfaltet sich selbst, der Humor funktioniert wie ein Zahnrad im Kopf, welches Anderson anschmeißt und das daraufhin von selber durchläuft. Zusätzlich baut er viele liebenswerte Referenzen ein, beispielsweise an seine Dramaturgielehrerin an der Universität, aber auch filmische Hommagen an Heat, On the Waterfront oder Charlie Brown baut er ein. Insgesamt begannen mit dieser kleinen smarten Komödie die Karrieren von Anderson und Schwartzman, sowie die Etablierung von Murray unter den ernstzunehmenden Charakterdarstellern.

8/10

Kommentare:

  1. Cool: Neues Design! Gefällt mir besser als das alte, weil heller, freundlicher, einladender...

    Und Rushmore rules ;-)

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  2. Das gibts ja nicht. Er hat das Template tatsächlich geändert. Und es sieht gut aus. ;)

    Den Film kenne ich nicht, dafür aber zwei kleine Schreibfehler im ersten Absatz, die mir beim drüberfliegen des Textes aufgefallen sind.

    Einmal "...Nicolas Cage und viele andere berühmte Namen hervorBRACHTE"

    Und "TexanDer"

    Aber hey, passiert dem Besten. Wegen dem Banner schreibste mich grad nochmal an. ;)

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  3. grammaton cleric28.03.08, 15:49

    Sieht in der Tat gut aus. :)

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  4. Hilfe, was denn hier los?

    Ich tue mich immer schwer mit Veränderungen, aber der erste Eindruck ist gut. ;)

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  5. Ich lasse das erst einmal noch auf mich wirken. Tic Tac Blue war mein erstes Template. Tic Tac kann dann ja gar nicht so verkehrt sein;)

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