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22. Mai 2012

Moonrise Kingdom

Are your ears pierced?

Das Kino des Wes Anderson ist bevölkert von skurrilen Figuren, durch und durch eigenen Typen, die meisten von ihnen darüber hinaus mit einem Vater-Komplex ausgestattet. Egal ob sie Max Fischer oder Steve Zissou heißen beziehungsweise den Namen „Tenenbaum“ oder „Whitman“ tragen. Es sind verlorene Charaktere in ihrer eigenen kleinen Welt und insofern verwundert es nicht, dass sie auch in Andersons jüngsten Film Moonrise Kingdom wieder zahlreich vertreten sind. Hier muss ein einsamer Insel-Sheriff, trefflich Captain Sharp (Bruce Willis) benannt, die beiden entlaufenen Teenager Sam Shakusky (Jared Gilman) und Suzy Bishop (Kara Hayward) wieder einfangen, ehe ein epochaler Sturm aufzieht.

Über diesen hält uns ebenso wie über die Peripherie der Insel New Penzance ein namenloser Erzähler (Bob Balaban) über dem Laufenden, der mit Vollbart und Mütze aussieht, wie ein entlaufener Matrose von Steve Zissous Belafonte. Getrieben wird Andersons Film dabei von einer sporadisch erzählten Liebesgeschichte zwischen den beiden einsamen Jugendlichen, wie ohnehin jede Figur in Moonrise Kingdom einsam zu sein scheint. Weder Sam noch Suzy haben Freunde, die Ehe von Suzys Advokaten-Eltern (Bill Murray, Frances McDormand) wird mehr für die vier Kinder denn füreinander aufrecht erhalten und auch Captain Sharp und Sams Scout Master Ward (Edward Norton) leben zuvorderst für ihre Arbeit.

In seiner typischen visuellen Art erzählt Anderson nun mit 90-Grad-Schwenks und kräftigen Farben diese kathartische Geschichte, die von der Schrulligkeit ihrer sympathischen Figuren lebt. Mehr weil sie beide von ihrer Umgebung als absonderlich wahrgenommen werden denn weil sie wirklich romantische Gefühle füreinander hegen, finden Sam und Suzy hier zueinander und vollziehen den klassischen Kindertraum der Erzieherflucht. Ihre Motive sind dabei so schemenhaft wie die Figurenzeichnung von Anderson und Drehbuchpartner Roman Coppola. Dem Waisenkind Sam fehlt es an einer Familie oder zumindest an einer Vaterfigur, die er auch nicht in dem väterlichen Scout Master gefunden zu haben scheint.

Suzy wiederum lebt mehr eine kindliche Rebellion aus, ist sie doch als Problemkind gebrandmarkt und Zeugin, der außerehelichen Affäre ihrer Mutter. Wo Sam gar kein Familienleben hat, ist das der Bishops stark gestört, die mit ihren Kindern entweder gar nicht (Mr. Bishop) oder per Megaphon (Mrs. Bishop) kommunizieren. Wenn Sam in einer Szene das Leben mit seinen Pflegeeltern als fast so harmonisch beschreibt wie das von Suzys Familie, klingt dies zwar positiv, erhält jedoch durch den Filmkontext den passenden bitteren Wahrheitsgehalt. Wie in seinen übrigen Filmen, selbst dem Stop-Motion-Werk The Fantastic Mr. Fox, inszeniert (wenn nicht sogar zelebriert) Anderson die dysfunktionale Familie.

Nun ist das bei dem gebürtigen Texaner nichts Neues mehr, wenn die männliche Hauptfigur Sam wie die Kollegen in Rushmore oder The Darjeeling Limited über daddy issues verfügt, Außenstehende rund um Sharp und Ward sich wie in The Life Aquatic with Steve Zissou nach sozialer Aufnahme sehnen oder Suzy mit leeren und dunklen Lidschatten unterlegten Augen wie in The Royal Tenenbaums in die Kamera blickt. Wes Anderson erfindet sich nicht neu, sondern lediglich das Grundgerüst seiner Handlung. Das einzig Neue ist, dass Figuren wie Sharp und Ward mit Willis und Norton besetzt wurden, wo man eigentlich eher einen der üblichen Verdächtigen Andersons wie Dafoe oder einen der Wilsons erwartet hätte.

Für Fans von Anderson dürfte dies allerdings wenig problematisch ausfallen. Zu amüsant und süß sind die beiden jungen Hauptdarsteller, zu gelungen viele Szenen ihres Regisseurs. Allen voran der Auftritt von Jason Schwartzman als geldgieriger Fähnleinführer eines benachbarten Camps, aber auch Wes Andersons key player Bill Murray darf dank seiner herrlich zurückgenommenen Figur brillieren. Etwas müder, aber nicht zwingend wirklich störend, fallen da die Darstellungen von McDormand, Willis und Norton aus, zu denen sich auch Harvey Keitel und Tilda Swinton in zwei wenig erinnerungswürdigen Rollen gesellen. Dies ist primär die Show von Gilman und Hayward und beide Teenager reüssieren eindrucksvoll.

All die technische Raffinesse sowie der Charme von Handlung und Figuren kaschieren aber nicht, dass Moonrise Kingdom, obschon eine Steigerung zum trägen The Fantastic Mr. Fox, nicht die Klasse Andersons früherer Werke erreicht. Im Vergleich zu diesen wirkt das Ende hier so planlos zusammengeführt (wenn auch in sich schlüssig), wie der Film zu Beginn von der Leine gelassen wurde. Es zeichnet Anderson jedoch aus, dass selbst ein „lediglich“ solider Film bei ihm noch besser gerät als so manches starke Werk in der Vita eines anderen Regisseurs. Dennoch darf sich der Texaner im nächsten Projekt thematisch ruhig mal etwas öffnen. Sonst bleibt er selbst ein verlorener Charakter in seiner eigenen kleinen Welt.

8/10

24. Oktober 2010

Scott Pilgrim vs. the World


If your life had a face, I would punch it in the balls.
(Scott Pilgrim Gets It Together, p. 149)

Eine Mütze bedeckt seinen Kopf, die Augen fixieren ein Computerspiel. Er ist Mitglied in einer nerdigen Welt. Daran besteht kein Zweifel. Dafür braucht es nicht die deplatziert wirkende Mütze, das Videogame oder die Comic- und Skateboardeinbindungen ins Geschehen. Er teilt sich sein Leben mit einer Frau, die ihm in gewisser Hinsicht nicht unähnlich ist. Beide hängen noch alten Beziehungen hinterher; emotionaler Ballast und fehlende Reife zeichnen sie aus. Sie bevölkern ihre eigene kleine Welt, in der auch mal einem Videospiel gleich Lebensbalken am oberen Bildschirmrand auftauchen oder in Panik aus dem Fenster gesprungen wird. Es ist das Leben von Tim (Simon Pegg) und Daisy (Jessica Hynes), zweier Slacker, die eine WG gründen. Sie entstammen der britischen Sitcom Spaced von Regisseur Edgar Wright. Das Ganze geschah 1999, fünf Jahre ehe der kanadische Comicautor Bryan Lee O’Malley mit Scott Pilgrim für Oni Press eine der Comicreihen des letzten Jahrzehnts entwarf.

Im Juli 2004 erschien Scott Pilgrim’s Precious Little Life, eine Geschichte eines Antihelden, wie er im Buche steht. Die Titelfigur ist ebenjener 23-jährige Scott Pilgrim, der sich gerade zwischen zwei Jobs befindet (lies: arbeitslos ist). Er teilt sich eine Einzimmerwohnung mit dem homosexuellen Wallace Wells, der neben der Wohnung selbst und dem Inventar auch die Lebensmittel bezahlt. O’Malleys Geschichte setzt ein, als Scott seinen Freunden und Bandmitgliedern mitteilt, dass er mit der 17-jährigen Knives Chau eine High Schoolerin dated. Allerdings nur so lange, bis er der aus Amerika nach Toronto zugezogenen Ramona Flowers begegnet - in seinen Träumen. Als er sie schließlich zu einem Rendezvous überzeugt und mit Knives Schluss macht, führt O’Malley schließlich den MacGuffin seiner Geschichte ein: Ramonas sieben Ex-Freunde. Um mit der Amerikanerin zusammen sein zu können, muss Scott ihre Ex-Liebhaber im Kampf bezwingen. Und mit diesen auch Ramonas Bindungsangst.

Scott wirkt wie eine unsympathische Figur, sagt doch selbst seine beste Freundin Kim, dass wenn sein Leben ein Gesicht hätte, sie es schlagen würde. Mit dem geringstmöglichen Aufwand kriegt Scott wenn schon nicht das größtmögliche Ergebnis dann doch eines, das ergiebiger ist als das, was er reinsteckt. Um die finanziellen Dinge kümmert sich Wallace, und Scott hangelt sich von der einen Freundin zur anderen. „You seem really fine doing nothing. It’s like you don’t feel all that bullshit pressure to be successful”, legte Noah Baumbach in Greenberg einer Figur einen Satz in den Mund, der auch auf Scott Pilgrim zutreffen würde. Dabei hat auch Scotts Leben eine Schattenseite, die erst später, speziell in Scott Pilgrim & the Infinite Sadness und Scott Pilgrim’s Finest Hour, beleuchtet wird. Stück für Stück werden die thematischen Schwerpunkte in die locker-flockige Handlung eingestreut. Zwar wird die Geschichte um die sieben Kämpfe strukturiert, diese dann jedoch stets in wenigen Panels abgehakt.

Die eigentliche Geschichte behandelt eine Gruppe von Twens, die versucht, sich im Leben zu recht zu finden. Scott Pilgrim erzählt von Bindungsangst, von emotionalem Ballast, davon, Schlussstriche zu ziehen und nach vorne statt zurück zu blicken. Die Reifeprozesse seiner Figuren stagnieren, neben ihren wöchentlichem Jam Sessions treiben sich manche wie Stephen Stills in einer Restaurantküche rum, andere wie Kim arbeiten in der Videothek oder wie Scotts kleine Schwester Stacey in einem Coffee Shop. Was auf Scotts „berufliche“ Situation zutrifft, lässt sich auf das Leben von ihnen allen münzen. Sie befinden sich nicht zwischen zwei Jobs, sondern zwischen zwei Leben. Mit dem College haben sie abgeschlossen, ihren Platz jedoch noch nicht gefunden. Bindungsängste eben, in der Karriere, wie im Leben. Keine Figur, die bei O’Malley nicht einer oder einem Ex hinterher trauert. Letztlich ist seine gesamte Comicreihe ein Reifeprozess, ein Coming of Age, für alle Figuren, nicht nur für Titelprotagonist Scott.

Ein thematisches Feld, welches Edgar Wright bestens kennt, nicht nur durch Spaced, sondern auch durch dessen geistiges Kind Shaun of the Dead. Tim, Shaun, Scott - sie alle sind zockende Nerds, Slacker, Loser im Verständnis des kapitalistischen Establishments. Und sie alle hängen emotional an einer Frau, egal ob sie Sarah, Liz oder Envy Adams heißt. Somit schien der englische Regisseur prädestiniert zu sein für eine Adaption der in der Szene vielbeachteten und populären Scott Pilgrim-Reihe. Für Wright wiederum stellt das Projekt seinen nächsten Karriereschritt dar - gen Hollywood. Das 12-Millionen-Dollar-Budget von Hot Fuzz verfünffachte sich zu 60 Millionen Dollar für Scott Pilgrim vs. the World. Eine gewagte Investition, die letztlich in einen kreativen Output floß, dem mit einem weltweiten Einspiel von 47 Millionen Dollar kein finanzieller Input folgte. Zu nah war Wrights Adaption an der Vorlage. Und damit zu weit weg, vom Massenkompatiblen Kinopublikum.

Das fängt bereits mit dem Universal-Logo zu Beginn im 8-bit-Format an und setzt sich in den folgenden 110 Minuten fort, in denen sich Wright offensichtlich darin bemüht, Panel für Panel der Vorlage treu zu bleiben. Der Engländer übernimmt die Urinskala als Scott Pilgrim (Michael Cera) aufs Klo geht, er versieht die meisten Geräusche lautmalerisch mit entsprechenden Zuweisungen. Es „dingt“, wenn jemand an der Tür ist oder „ringt“, wenn das Handy klingelt. Und auch Kims (Alison Pill) Drum-Set-Anweisungen werden angezeigt. Wenn der Zuschauer in Scotts und Wallaces (Kieran Culkin) Wohnung eingeführt wird, etikettiert Wright wie O’Malley die Gegenstände nach ihrem Besitzer. Dies alles ist ungemein bemüht und zugleich charmant, wenn die Kämpfe einem Capcom-Spiel gleich kommentiert („Combo!“, „K.O.!“) oder mit Charakterstärken ausgezeichnet werden. Der Film besitzt eine Visualität, die ihn auszeichnet und vereinnahmt, die letztlich aber auch zum Hauptdarsteller mutiert.

Etwa 110 Minuten dauert Scott Pilgrim vs. the World und Wright versucht, alle sechs Bände zu integrieren. Ein Unterfangen, das nur scheitern kann und es auch tut, denn um dem Comic so gerecht zu werden, wie Wright es möchte, langt ihm schlichtweg die Laufzeit nicht. Wird der erste Band quasi 1:1 integriert (wenn auch innerhalb von 15 Minuten rasch abgespult und somit ob seiner Hast zur Last), selektiert Wright anschließend Häppchenweise Elemente und Momente, versucht sie zu einem Konstrukt zu stricken, das zwischen den Kampfszenen aufgezogen wird. Und hier liegt, wie in den meisten Comicverfilmungen, der Fehler. Denn die Kämpfe gegen die sieben Ex-Freunde von Ramona (Mary Elizabeth Winstead) sind an sich belanglos - ein MacGuffin. Dementsprechend hakt sie O’Malley meist sehr schnell ab (so beansprucht der „Kampf“ gegen Lucas Lee im Comic nur wenige Panels), wohingegen sie Wright, sicher auch wegen Lee-Darsteller Chris Evans, auf das Doppelte ausgedehnt.

Was Scott Pilgrim ausgezeichnet hat, sucht man im Film vergebens. Kaum vorhanden ist die Bindungsangst von Ramona, deren Bedeutung bei Wright ohnehin primär die einer Trophäe darstellt. Dementsprechend verlieren auch die Ex-Freunde, speziell Gideon (Jason Schwartzman), an Tiefe, da ihre und Ramonas Geschichte - hier und da als Flashback in ursprünglicher Comic-Form integriert - irgendwann nicht einmal mehr angesprochen wird. Am deutlichsten wird dies im Fall der Katayanagi-Zwillinge (Keita & Shota Saito), denen nicht einmal eine einzige Dialogzeile vergönnt ist, da sie mit Darstellern besetzt wurden, die der englischen Sprache nicht mächtig sind. Somit irgendwie logisch, dass das große Thema des emotionalen Ballastes und des Ziehens von Schlussstrichen auch weitestgehend unter den Tisch gekehrt wird. Das zeigt sich schon daran, dass eine Figur wie Envy Adams (Brie Larson), bei O’Malley mit ihrem eigenen Band (Scott Pilgrim & the Infinite Sadness) ausgestattet, zur Randfigur wird.

Ohnehin spielt in Scott Pilgrim vs. the World niemand eine Rolle, außer Michael Ceras Scott. Insofern Figuren wie Lisa Miller oder Joseph nicht ganz aus der Handlung eliminiert wurden, sind sie wie Kim oder Envy zu Stichwortgebern degradiert. Die Bedeutung der Charaktere, insbesondere für Scott und somit die Handlung, geht verloren. Szenen und Momente werden aus ihrem Zusammenhang gerissen, zum Beispiel dass Todd (Brandon Routh) einst für Ramona ein Loch in den Mond schlug, einzig um einer amüsanten Anekdote Willen. Dass Kim und Scott mal ein Paar waren, ist für Wrights Film unerheblich, da er diesem Handlungsstrang keine Bedeutung schenkt. Wieso er jedoch ebenso angesprochen wird wie die Beziehung von Stephen Stills (Mark Webber) und Julie (Aubrey Plaza), die für den Filmverlauf unerheblich ist, bleibt fraglich. Zudem verabschieden sich nahezu alle Figuren nach dem zweiten Drittel aus unerklärlichen Gründen, ohne dass sie zuvor von Mehrwert waren.

Das Problem von Wrights Scott Pilgrim vs. the World ist in diesem Fall style over substance. Was umso verstörender ist, wenn man bedenkt, dass Wright dasselbe Thema wie hier mit mehr Fürsorge in Spaced umgesetzt hat. Seine Szenenauswahl ist es jedoch, die seinen ersten Hollywood-Film zu keinem kohärenten Ganzen werden lassen will. Denn wenn der Kern einer Geschichte vernachlässigt - oder wie in diesem Fall: ausgelöscht - wird, funktioniert die Geschichte auch trotz allerlei liebe- und detailvoller Optik nur bedingt. So nett und gelungen Szenen wie Crash and the Boys oder die Seinfeld-Hommage (die in diesem Fall originär aber auch sehr langatmig ist) auch sind, entschädigt das nicht für jene wichtigen Szenen, die die Geschichte ausmachen. Oder wie schon bei Zack Snyders Watchmen der Fall: Eine Treue zu den einzelnen Panels entspricht nicht einer Treue zum Comic. Gerade von Watchmen hätte Scott Pilgrim vs. the World viel lernen können. Umso bedauerlicher, dass dies nicht geschah.

In beiden Fällen ging die Rollenbesetzung zum Teil gehörig in die Hose. Zwar wird eine fehlbesetzte Alison Pill als Kim dadurch entschädigt, indem ihre Figur im Film kaum auftaucht, aber dennoch zählt sie wie Aubrey Plaza, Brie Larson, Anna Kendrick, Thomas Jane und insbesondere Michael Cera zu den großen Fehlern von Edgar Wrights Film. Gerade Cera ist mit seiner obligatorischen eingeschüchterten Flüsterstimme plus patentiertem Dackelblick phänomenal an der Figur vorbeibesetzt. Er bleibt über die gesamte Spielzeit Michael Cera (ein Schauspieler, der es wie kein Zweiter in den letzten Jahren versäumt hat, sich weiterzuentwickeln) und avanciert nie zu Scott Pilgrim. Das es auch besser geht, zeigt vor allem Ellen Wong, die als „Scottaholic“ Knives Chau ein Traum ist. Keine andere Person scheint ihren Part so gut verstanden zu haben, wie die 25-jährige Kanadierin. Ihre Darbietung ist neben der visuellen Ästhetik der Höhepunkt eines Filmes, der ansonsten zu selten sein Potential ausschöpft.

Insofern ist Scott Pilgrim vs. the World ein zweischneidiges Schwert. Wrights Bemühungen, sich visuell an der Vorlage zu orientieren, gehen oft auf, obschon sie bisweilen - gerade im überhastet abgespulten ersten Akt - verloren gehen. Zwar sind Ramonas Ex-Liebhaber bis auf die nutzlosen Saitos punktgenau besetzt, allerdings leiden sie größtenteils an ihrem geraubten Hintergrund (nur Matthew Patel und Todd erhalten eine Comic-Flashback-Erläuterung). Der fehlende Hintergrund, der zwar bei Wright gelegentlich impliziert, aber nie gebührend erläutert wird, ist es auch, der allen Figuren - und mit ihnen der Handlung selbst - das Genick bricht. Von O’Malleys eigentlicher Geschichte (commitment, closure, coming of age, emotional baggage) ist in Wrights Film jenseits der Oberfläche nicht mehr viel übrig geblieben. Und das, was es auf die Leinwand geschafft hat (warum auch immer, die Auswahl des Engländers ist selten nachvollziehbar, siehe die Integration von Negascott im Finale), vermag sich nicht wie eine stringente Geschichte anzufühlen.

Die Verfilmung eines Comics stellt somit weiterhin eine diffizile Angelegenheit dar (trotz exzellenter Beispiele wie Hulk oder Bryan Singers X-Men-Filme), von denen Sylvain Whites The Losers zwischen den misslungenen Scott Pilgrim vs. the World, Kick-Ass und Iron Man 2 dieses Jahr sichtbar herausragt. Und wie sich zeigt, scheinen auch die optimalen Voraussetzungen eines Edgar Wright durch Themenverwandte Projekte wie Spaced und Shaun of the Dead nicht auszureichen, um eine Geschichte in ihrem Kern getreu zu adaptieren. Weshalb sich der Brite neben seine Landsleute Matthew Vaughn und Christopher Nolan, sowie die amerikanischen Kollegen Zack Snyder und Jon Favreau einreiht. Vielleicht sollte Wright einfach einen erneuten Blick in O’Malleys Comics werfen, speziell in den finalen Band und auf Kims entscheidenden Rat an Scott: „If you keep forgetting your mistakes, you’ll just keep making them again“.

5.5/10

11. Mai 2010

The Fantastic Mr. Fox

This story is too predictable.

Je erfolgreicher und beliebter ein Buch beziehungsweise die Werke eines Autoren sind, desto eindringlicher bleibt es in der kollektiven Erinnerung verhaftet. So wie die Herren J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis, die mit ihren Werken ganze Fangruppen geschaffen haben. Ähnlich wie J.K. Rowling mit ihren Abenteuern um Harry Potter. Auch Maurice Sendak hat sich mit Where the Wild Things Are unsterblich gemacht. Ein Aspekt, in dem ihm die Herren Theodor Seuss Geisel - besser bekannt als „Dr. Seuss“ - und Roald Dahl - einfach nur als „Roald Dahl“ bekannt - in nichts nachstehen. Ersterer ließ Horton ein Who hören und den Grinch Weihnachten stehlen, Letzterer zeichnet sich verantwortlich für Werke wie Charlie and the Chocolate Factory oder The Fantastic Mr. Fox. Während sich Tim Burton vor einigen Jahren an der Schokoladenfabrik vergriff, nahm sich Wes Anderson, ein Vertreter des gegenwärtigen New Hollywood, des phantastischen Fuchses an. Dabei leidet sein Film auch unter den Änderungen gegenüber Dahls ursprünglicher Vorlage.

Bedenkt man, dass dessen Buch lediglich den zweiten Akt von Andersons The Fantastic Mr. Fox ausmacht und dieser auch nur rund achtzig Minuten dauert, erhält man ein Bild davon, wie schnell sich die 96 Seiten von Dahls Geschichte eigentlich erzählen lassen. Im Film präsentiert Anderson nun eine Vorgeschichte, in der ebenjener Mr. Fox (George Clooney) und seine Frau (Meryl Streep) eine Vogelfarm plündern. Auf frischer Tat ertappt und im Angesicht einer baldigen Vaterschaft muss Mr. Fox der Gattin versprechen, fortan seinen Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen. Zwölf Fuchsjahre später kann sich dieser jedoch mit seiner Arbeit als Kolumnist immer noch nicht abfinden, strebt er doch nach Höherem. Er plant den ultimativen Coup gegen die drei größten Farmer (u.a. Michael Gambon) der Gegend. Einen Coup, der nicht nur das Leben seines eigenen Sohnes, Ash (Jason Schwartzman), sondern auch das der übrigen Waldtiere - darunter unter anderem auch sein eigener Anwalt, der Dachs (Bill Murray) - zu gefährden droht.

Im Gegensatz zu seinem Kollegen Spike Jonze hatte Wes Anderson weit weniger Probleme mit seiner Kinderbuch-Adaption. Und doch irgendwie auch nicht. Sollte zuerst doch Cate Blanchett an der Seite von George Clooney ihre Stimme zur Verfügung stellen, ehe sie dann plötzlich aus dem Projekt schied (ein Vorfall, den Anderson allerdings in seiner Gänze auf Internet-Gerüchte zurückführt). Ähnlich wie Henry Selick, der sich schließlich gegen eine Zuarbeitung für Anderson und mit Coraline für seine eigene Stop-Motion-Literaturadaption entschied. Ärger gab es zudem wegen einer Äußerung von Kameramann Tristan Oliver, der in einem Interview kritisierte, dass Anderson es vorzog, die Dreharbeiten zum Film weniger vor Ort als vielmehr per Email aus seinem Pariser Apartment zu leiten. Möglich, dass nichts davon am Ende tatsächlich The Fantastic Mr. Fox beeinflusst hat. Auch wenn der fertige Film letztlich an verschiedenen Stellen den Eindruck erweckt, dass dies durchaus der Fall gewesen sein könnte. Gerade was den Verlust von Henry Selick angeht.

Ersetzt wurde Selick schließlich durch Mark Gustafson, wobei dessen Stop-Motion-Animationen nicht durchgängig überzeugen können. Sind einige Nahaufnahmen, speziell wenn Charaktere das Bewusstsein verlieren, durchaus amüsant umgesetzt, wirken andere redundante Einstellungen wie das nervöse, Zähne zeigende Grinsen von Mr. Fox doch eher störend. Ohnehin sind die menschlichen Farmer besser animiert als ihre tierischen Kollegen. Insgesamt weiß Gustafson einen Meister des Faches wie Selick es ist leider nicht entsprechend zu ersetzen. Auch mit der Starbesetzten Darstellerriege, die den Figuren die Stimmen leihen, hat man sich nicht wirklich einen Gefallen getan. Einige unter ihnen, wie Adrien Brody oder Owen Wilson, tauchen dabei lediglich in unwichtigen Gastrollen auf, Andere, wie Bill Murray oder Michael Gambon, dürfen ihr stimmliches Potential nicht zur Genüge ausschöpfen. Stattdessen fokussiert sich Anderson fast ausschließlich auf Mr. Fox und damit auf sein marketingtechnisches Zugpferd: George Clooney.

Um dem Status' seines Stars gerecht zu werden, schien Anderson einige Zugeständnisse machen zu wollen. Nur so will sich die vorangegangene Abstinenz von Mr. Fox erklären, ehe er es sich zum Ziel setzt, nicht nur eine, sondern gleich drei Farmen zu plündern. Steven Soderberghs Ocean’s Eleven lässt grüßen, in welchem sich Clooney als Frank Sinatra für Arme präsentieren durfte. Hinzu kommt dann, dass sein Mr. Fox die Inkarnation des eingebildeten Lackaffen darstellt, der andere Charakter wie den Dachs unterbricht, wenn diese in ihrem eigenen Haus (!) eine Rede halten oder ständig mit seinem nervigen Markenzeichen daherkommt. “If they aren’t completely knocked out and dazzled and kind of intimidated by me than I don’t feel good about myself“, lässt Anderson die Figur sich zumindest im Ansatz ihres eigenen arroganten Narzissmus’ bewusst werden. Was deren unsympathisches Auftreten allerdings kaum zu retten vermag, welches spätestens dann getoppt wird, wenn im dritten Akt Mr. Fox seinen Gegenspieler Rat (Willem Dafoe) umbringt!

Immerhin findet sich ein altbekanntes Thema, welches Andersons Œuvre durchzieht: Der Konflikt zwischen Vater und Sohn. War es in Rushmore noch ein Quasi-Verhältnis, finden sich die Probleme von Kindern mit ihren Vätern in all von Andersons späteren Filmen wieder. So auch hier, wenn Jason Schwartzmans Ash sich nach der Anerkennung seines Vaters sehnt, dieser aber stattdessen seinen Neffen Kristofferson (Eric Chase Anderson) bevorzugt. Letztlich ist jene Beziehung aber auch so belanglos für die Geschichte, wie die meisten anderen Figuren in dieser Clooney/Mr. Fox-One-Man-Show. Insofern überzeugt The Fantastic Mr. Fox nur bedingt, sowohl visuell als auch narrativ. Dass der Film - allerdings auch dank seiner Kurzweiligkeit - dennoch unterhält, verdankt er seinen gelegentlich gelungenen Ideen. Beispielsweise wenn sich beide Parteien bekannt sind und dennoch mit anonymen Briefen über die Situation austauschen. Leider viel zu rare Momente, um The Fantastic Mr. Fox wirklich zu einem guten Film zu machen.

6/10

27. März 2008

Rushmore

I saved Latin. What did you ever do?

Manche Karrieren beginnen früh, sowohl von der Begrifflichkeit einer Chronologie her, als auch einer Filmographie. Oftmals starten große Karrieren im Showbusiness bereits in Schulen, so brachte die Beverly Hills High School unter anderem Lenny Kravitz, Angelina Jolie, Nicolas Cage und viele andere berühmte Namen hervor. Der Texaner Wes Anderson besuchte einst die St. John’s Privatschule in Houston ehe er an selbiger Universität Philosophie studieren sollte. In ebenjenem Philosophieseminar traf Anderson schließlich auf einen Kommilitonen namens Owen Wilson. Beide freundeten sich an und schrieben zusammen das Drehbuch für einen Independent-Film mit dem Titel Bottle Rocket. Jener zählt nicht nur zu Martin Scorseses Lieblingsfilmen der 90er Jahre, sondern beeindruckte auch eine Regiegröße: James L. Brooks. Dieser unterstützte die beiden schließlich bei der Arbeit an ihrem nächsten Projekt: Rushmore. Erneut schrieben Anderson und Wilson zusammen das Drehbuch und als Hommage an ihre texanische Herkunft drehten sie das Geschehen schließlich quasi vor ihrer eigenen Haustür. Als Rushmore Privatschule darf keine andere Schule fungieren, als Andersons eigene High School – die St. John’s Privatschule. Es gelang zudem einen großartigen Cast zusammen zu treiben, zu dem sich wie zuvor auch Wilsons eigener Bruder, Luke Wilson, gesellte und schließlich zu einer Kollaboration führen würde, die das Leben zweier Menschen entscheidend beeinflussen sollte. Nach eigenen Angaben musste Bill Murray die Rolle des verschrobenen Herman J. Blume spielen, notfalls auch ohne Bezahlung. Für Murray sollte seine Mitwirkung in Rushmore einen späten Karriereschub darstellen, der ihn weg von den Klamauk-Komödien hin zur Tragikkomik führen sollte und ihm die von den Kritikern beachteten Rollen wie Lost in Translation, Broken Flowers und insbesondere die folgenden zwei Anderson Filme bescheren sollte.

In seinem zweiten Spielfilm machte Anderson im Grunde nichts anderes, wie er in all seinen Filmen tat: er versammelte verschrobene, seltsame Figuren – allesamt scheinbar unfähig zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, Gefangene ihrer eigenen Schrulligkeit. Hauptprotagonist von Rushmore ist Max Fisher, laut Dekan der schlechteste Schüler der Privatschule. Ursache hierfür dürfte Max’ Zeitorganisation sein, denn statt für seine Fächer zu lernen, verliert sich der bebrillte und gescheitelte Nerd in seinen außerschulischen Aktivitäten. Neben einem guten halben Dutzend Klubs, die er selbst gegründet hat, ist er zudem noch Vorsitzender von nochmals über einem halben Dutzend Klubs. Er engagiert sich für die Schulzeiten, wie den Backgammon Klub und selbst im Ringerteam ist er aktiv, auch wenn er überhaupt kein Talent für diesen Sport besitzt. Für Max ist Rushmore mehr als nur eine Schule, im Grunde stellt die Bildungsinstitution ein Zuhause für den 15-Jährigen dar, der seinen als Friseur arbeitenden Vater verleugnet und stattdessen ein perfektes Bild eines Chirurgen erstellt. Max gehört nicht in die Welt der Privatschule, ist kein reiches Kind. Gerade dieser Aspekt treibt ihn zu Beginn von Andersons Film zu der von Bill Murray dargestellten Figur des Großindustriellen Herman J. Blume. In einer Ansprache an die Schule hebt er den Kampf des Proletariats gegenüber der Oberschicht hervor, alles könne man sich als reiche Person erkaufen, nur kein Rückgrat. Ebenjenes versucht Max aufzubauen und kommt mit diesem Erscheinungsbild auch bei Blume an. Zwischen den ungleichen Männern entwickelt sich eine Freundschaft, die später zur Rivalität werden soll. Unterschwellig mag Blume für Max als der Vater fungieren, den sich dieser immer gewünscht hat – besonderen familiären Charakter erwecken die später gezeigten Ausflüge mit der Grundschullehrerin Rosemary (Olivia Williams), selbst wenn diese zu diesem Zeitpunkt von Max’ Ödipuss-Komplex überschattet sein mögen.

Gegenüber seinen Mitschülern fühlt sich Max sichtlich überlegen, der jüngere Dirk (Mason Gamble) agiert praktisch als sein Assistent und Max selbst ist an sich unangefochtener King of the Nerds. Gerade diese kann er auch in einer Szene dazu bewegen durch eine Petition die Abschaffung des Faches Latein zu verhindern – jenes Fach, dass er selbst nie gemocht hatte und immer loswerden wollte, welches er nun aber aus Zuneigung zu Rosemary rettet. Eines von vielen Beispielen, die für Max’ übersteigerte Gefühle herhalten kann. Durch sein erwachsenes Verhalten, gerade die Umgarnung von Rosemary, möchte Max seinen niederen Status überspielen. Ein bizarres Ausmaß erreicht sein Drang an Egalität bei einem Abendessen mit Blume und Rosemary nach der erfolgreichen Aufführung seiner Schuladaption von Serpico. Rosemary hat zu diesem Essen einen ehemaligen Studienfreund (Luke Wilson) eingeladen, den Max sofort als Gefahr wahrnimmt, sich in Alkohol flüchtet und anschließend versucht ihm, dem Harvard-Absolventen, gegenüber als ebenbürtig wahrgenommen zu werden. Durch sein gesamtes Verhalten entfremdet sich Max lediglich von sich selbst, doch diese Erkenntnis wird er – wie es die Reise des Helden vorsieht – erst am Ende des Filmes machen. Seine Avancen schmettern natürlich an der reifen Rosemary ab, die sich noch immer in der Trauerphase des Todes ihres Mannes befindet. In diese Lücke vermag nur der in seiner Ehe unglückliche Herman vorzudringen. Sehr schön ist die Szene geraten, als Herman Rosemary aufsucht, unter dem Vorwand Max hätte einen Ausflug geplant, damit seine eigene Unsicherheit überspielend. Logischerweise stellt sich Hermans Affäre mit Rosemary zwischen die Freundschaft der beiden Männer und somit als Problem für das gesamte Trio heraus. Beide ereifern sich schließlich in den lächerlichsten Rachefeldzügen gegeneinander, was schließlich zum Verlust der Frau führt – für beide.

In der Hauptrolle weiß Francis Ford Coppolas Neffe Jason Schwartzman zu überzeugen, für den die Rolle des Max Fisher sein Schauspieldebüt darstellte und Startpunkt für eine akzeptable Karriere bildete, die schließlich in Andersons letztem Werk – The Darjeeling Limited – ihren Höhepunkt fand. Anderson erzählt auf seine unnachahmliche Weise wie in seinen anderen Filmen die Geschichte des Erwachsenwerdens, der Überwindung seiner Komplexe, der Lösung von problematischen Vater-Sohn-Beziehungen. Man kann bereits in Rushmore seine brillante Anwendung von Zeitlupenszenen erkennen, untermalt von einem träumerischen Soundtrack, welcher das Gesamtbild abzurunden vermag. Getragen wird die Handlung dabei, auch typisch für Anderson, allein von seinen Figuren und deren Zusammenspiel, dem Aufeinanderprallen dieser skurrilen Psychen, wobei natürlich Max und Herman alle anderen überragen. Der alles durchziehende Witz ist dabei nie profan oberflächlich, sondern ergibt sich subtil aus dem Zusammenspiel der Charaktere. Man lacht weniger darüber was gesagt wird, als vielmehr wie es gesagt wird, in welchem Zusammenhang und Kontext zur Gesamtsituation und den daliegenden Details. Dabei fordert Anderson keineswegs den Geist seines Publikums heraus, unterfordert es jedoch auch nicht wie es in Amerika so gerne bei Persiflagen eines Meet the Spartans geschieht. Die Handlung entfaltet sich selbst, der Humor funktioniert wie ein Zahnrad im Kopf, welches Anderson anschmeißt und das daraufhin von selber durchläuft. Zusätzlich baut er viele liebenswerte Referenzen ein, beispielsweise an seine Dramaturgielehrerin an der Universität, aber auch filmische Hommagen an Heat, On the Waterfront oder Charlie Brown baut er ein. Insgesamt begannen mit dieser kleinen smarten Komödie die Karrieren von Anderson und Schwartzman, sowie die Etablierung von Murray unter den ernstzunehmenden Charakterdarstellern. 

8/10

8. Januar 2008

The Darjeeling Limited

The characters are all fictional.

Ende der 90er etablierte sich Wes Anderson unter den neuen kreativen Filmemachern. Mit Filmen wie Rushmore, The Royal Tenenbaums oder The Life Aquatic with Steve Zissou konnte er sich nicht nur jedes Mal aufs Neue beweisen, sondern es gelang ihm sogar, sich zu steigern. Anderson selbst sieht seine Filme vom indischen Regisseur Satyajit Ray beeinflusst und ließ es sich nicht nehmen sein aktuelles Werk, das passender Weise in Indien spielt, diesem großen Regisseur zu widmen. Er verzichtete dabei auf einen eigenständigen Score und nahm stattdessen mehrere verschiedene, aus indischen Filmen stammende, Lieder in seinen Soundtrack auf. Dieser ist ebenso schön anzuhören, wie der Film selbst wiederum anzusehen.

In Indien treffen sich in einem Abteil des Darjeeling Limited die Brüder Francis (Owen Wilson), Pete (Adrien Brody) und Jack (Jason Schwartzman). Eine spirituelle Reise soll sie als Familie wieder zusammenführen und ihre Reise bei ihrer Mutter (Anjelica Huston) finden – so von Francis geplant im Unwissen seiner beiden Brüder. Mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten prallen die Drei während ihrer Reise vermehrt aneinander und alte Zwistigkeiten brechen auf. Dies führt schließlich dazu, dass sie nach einer Auseinandersetzung aus dem Darjeeling Limited fliegen. Mitten in der Pampa im Nirgendwo scheinen sie nun an ihren Grenzen angelangt und endgültig zerstritten, ehe sie ein gemeinsames Erlebnis wieder zusammenschweißt.

Sieht man sich Andersons Film an, weiß Owen Wilson als sympathisch-optimistischer Francis von allen drei Darstellern am besten zu überzeugen, dicht gefolgt vom ebenfalls glänzend aufspielenden Adrien Brody. Neben der exzellenten Musik stechen wie bei Anderson für gewöhnlich die Farben hervor. Er präsentiert ein knalliges, warmes und strahlendes Indien – selbst wenn dieses abseits jeglicher Armut gezeigt wird. Stattdessen konzentriert er sich auf den positiven Charakter des Landes, besonders erkenntlich in einer Szene, in der die Brüder von indischen Jungen ausgelacht wird und Francis nur erwidert: „Ich liebe dieses Land.“ Drei einsame Figuren finden in einsamer Einöde in gewisse Weise schließlich wieder zu gemeinsamer Nähe.

Dabei greift Anderson wie in allen seinen Filmen die Thematik der elterlichen Abstinenz auf. Die Brüder wurden von ihrer Mutter verlassen, die nicht zur Beerdigung des Vaters erschien und seither in einem Kloster in Indien lebt. Auch mit den Vater scheinen die Drei ihre Probleme gehabt zu haben, ihre Zuneigung zu ihm zeigt sich dann aber darin, dass sich alle seine Louis-Vuitton-Koffer untereinander aufteilten. Doch neben dem väterlichen Erbe sind es besonders die privaten Geheimnisse, die jeder für sich behält und dann gegen den anderen ausspielt. Den Dreien ist das Vertrauen abhanden gekommen und brüderliche Automatismen – wie das Mitbestellen von Francis für seine beiden Brüder am Tisch – sorgen nur noch für Streitereien.

Ein- und ausgeleitet wird der Film vom Erreichen eines abfahrenden Zuges, dessen Reise durch das Herz Indien sinnbildlich für die der drei Protagonisten zu sich selbst und ihrem alten Familienverbund steht. Speziell die finale Montage bildet einen mehr als gelungenen Abschluss dieses Films, für dessen Handlung zwei Trauerfeiern entscheidend sind. Die eine reißt die Familie auseinander, die andere bringt sie schließlich wieder zusammen. Wes Anderson fängt dies in meisterlichen Bildern und wunderschönen Montagen ein, seine Figuren sind grandios komisch und schrullig, das Drehbuch und die Dialoge exzellent. Der Mann versteht einfach sein Handwerk und setzt seine bisher glanzvolle Karriere mit The Darjeeling Limited somit tadellos fort.

8.5/10

14. April 2007

Marie Antoinette

It’s not too much, is it?

Wieder Mal behandelt diese Rezension einen Film, den das regionale Kino nicht in seinem Programm hatte und der daher auf DVD nachgeholt werden muss. Obschon ich weder von Sofia Coppolas The Virgin Suicides noch ihrem hochgelobten Lost in Translation sonderlich angetan war, barg der nett geschnittene Trailer zu Marie Antoinette etwas Verlockendes – was folglich den Ausschlag zur Sichtung gab. Inhaltlich dreht sich Coppolas dritter Spielfilm dann wenig überaschend auch um die Regentin Marie-Antoinette, angefangen von ihrer Überführung aus Österreich nach Frankreich. Dort sollte sie im Dienste der Friedensbeziehungen zwischen Frankreich und Österreich den Thronfolger Louis XVI. ehelichen.

Scheint ihr die französische Hofwelt zu Beginn noch fremd, passt sich die junge Frau schnell den neuen Gepflogenheiten an. Und das ist im Grunde auch alles, was Coppola aus der Historie übernimmt. Die Rolle der 14-jährigen Marie-Antoinette fällt im Film dann der zehn Jahre ältere Kirsten Dunst zu, während Coppolas Cousin Jason Schwartzman (Rushmore) den Part ihres 15-jährigen Gatten Louis erhielt. In weiteren Rollen treten auch noch Steve Coogan (A Cock and Bull Story), Rip Torn (Men in Black), sowie die vergnügliche Rose Byrne (Troy) und die kurzweilige, aber gute Asia Argento (xXx) auf. Gemäß dem Filmtitel ist dies jedoch die Show von Marie Antoinette und damit Kirsten Dunst.

Anzumerken ist, dass Marie Antoinette in technischer Hinsicht nahezu perfekt gerät. Die Szenen sind wunderbar ausgeleuchtet, egal ob im Palast von Versailles oder in seinen Gärten. Zuträglich war hier sicherlich, dass es Coppola gestattet wurde, als erste Filmproduktion überhaupt in den Räumen des Schlosses zu drehen. Auch Maske und Kostüme enttäuschen erwartungsgemäß nicht, werden vielmehr geradezu zelebriert, während die untypische, kontemporäre Musikuntermalung von The Strokes über Air bis hin zu Bow Wow Wow und The Cure dem Film etwas Besonderes verleiht. Dabei wirkt sie nie deplaziert, verleiht Coppolas Werk vielmehr eine erfrischende Note im Vergleich zu Genrekollegen wie Barry Lyndon.

Das Schloss selbst wird dabei so oft wie möglich in seiner vollen Größe wiedergegeben, ebenso wird dem riesigen Garten Tribut gezollt. Die Botschaft des im Luxus verlorenen Mädchens wird hier allerdings ein wenig überstrapaziert, denn viel zu ausgiebig gibt sie sich ihren Aufnahmen hin. So folgt man Dunst gerne auch in zwei verschiedenen Szenen mit der Kamera die 20 Sekunden, die sie zum Treppensteigen braucht. Generell ist der Film mit seinen zwei Stunden viel zu lang, vor allem wenn man bedenkt, dass Coppola keine wirkliche Geschichte zu erzählen hat. Zu Beginn des Films geht eine junge, unsichere Maria Antonia an der Grenze Österreichs zu Frankreich symbolisch durch ein Zelt. Lost in Transition.

Auf französischer Seite tritt sie dann als Marie Antoinette, zukünftige Königin Frankreichs, heraus. Dass nicht viel von ihr erwartet wird, außer einen Thronfolger zu gebären und sie ansonsten gegen die Hofetikette rebelliert und ihren Alltag mit Futtern und Shoppen bestreitet, mag ja historisch belegt sein. Dennoch hätte sich Coppola im Klaren sein müssen, dass dies keine zwei Stunden füllt. Ihr Porträt einer vom Luxus und ihrer Position überwältigten Teenagerin – nach Antonia Frasers Biographie von 2001 – vermisst dabei charakterliche Einblicke und Realismus (Coppola transportiert das Bild eines modernen Teens in eine Zeit, in der die Lebenserwartung 35 Jahre betrug und Kinder früher reiften als heute).

Wer aber ein dümmliches Blondchen mit seinem Hündchen im Arm durch ihr luxuriöses Leben spazieren sehen will, schaut wohl eher eine Sendung über IT-Girl Paris Hilton, und nicht einen Film über Marie-Antoinette. Auch wenn Sofia Coppola zu Anfang noch den Druck darstellt, der auf der Thronfolgerin lastet, weil ihr Mann keinen Verkehr mit ihr haben will, verliert sie sich dann anschließend leider in eine pompöse Ausgabe von The Fabulous Life of Marie Antoinette. Da wirkt dann schließlich auch das Ende deplatziert und falsch gewählt. So visuell überzeugend Marie Antoinette auch ausfällt, so flach gerät der Film inhaltlich und biografisch. Mit dem Soundtrack zum Film fährt man also besser als mit diesem selbst.

5.5/10