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27. Juli 2014

Sabotage

Look at you, with your 48 percent body fat!

Früher wollten Jungs später mal Lokführer oder Feuerwehrmann werden. David Ayer wiederum hat ein Faible für die Polizei von Los Angeles und das dortige Viertel South Central entwickelt. Quasi alle seine Filme drehen sich um Polizisten des LAPD, die ihrer Tätigkeit in South Central nachgehen. Zuletzt durften Jake Gyllenhaal und Michael Peña für Ayer in End of Watch auf Streife gehen, in seinem jüngsten Film Sabotage ließ er Arnold Schwarzenegger die Marke tragen. Wie sich zeigt, hat es die Zeit nicht gut gemeint mit dem Hünen aus der Steiermark, avancierte Sabotage mit einem Einspielergebnis von nur 5 Millionen Dollar am Startwochenende doch zu einem der größten Flops in der Karriere des gebürtigen Österreichers.

In Sabotage gibt Schwarzenegger den alten Haudegen John “Breacher” Wharton, Kopf einer Spezialeinheit von Undercover-DEA-Agenten. Zu Beginn des Films nehmen diese ein mexikanisches Drogenkartell hops und unterschlagen dabei 10 Millionen Dollar auf eigene Rechnung. Dumm nur, dass diese später nicht da sind, wo sie sein sollen. Noch dümmer ist, dass plötzlich ein Mitglied nach dem anderen aus der Einheit umgebracht wird. Dies ruft FBI-Ermittlerin Caroline Brentwood (Olivia Williams) auf den Plan, während Breacher und seine Truppe auf eigene Faust dem Spuk ein Ende setzen wollen. Die große Frage ist: Holt die Spezialeinheit ihre Vergangenheit ein oder haben sie vielmehr einen Verräter in den eigenen Reihen?

Als das Projekt vor ein paar Jahren angekündigt wurde, klang die Prämisse des Films auf dem Papier relativ interessant, auch angesichts des Ensembles, welches Sabotage letztlich besitzt. Dieses gibt sich als schräg-schrille Gruppe, vom eher schweigsamen Schwarzen Sugar (Terrence Howard) über Redneck Neck (Josh Holloway) bis hin zum vielversprechenden Grinder (Joe Manganiello) und dem durchgeknallten Ehepaar Monster (Sam Worthington) und Lizzy (Mireille Enos). Ihr Auftreten als bessere Karnevalstruppe wird vermutlich durch ihren Status als Undercover-Cops erklärt, auch wenn zu Beginn lediglich die drogenabhängige Lizzy in dieser Rolle tätig und zu sehen ist. So werden die Figuren zuvorderst auf ihr Äußerliches reduziert.

Die Dynamik des Teams lernen wir somit nicht wirklich kennen und das vermeintliche Thriller-Element, wer nun der Verräter sein könnte, wird im Verlauf mehr und mehr für Action geopfert. Scheinbar geschah dies auf Wunsch des Studios, weshalb manche Szenen ahnen lassen, dass mehr Handlung vorhanden war. Angesichts des wenig überzeugenden Endes muss man dem Entscheid des Studio weg vom Mystery-Thriller zum Action-Film jedoch fast dankbar sein. Denn es zeigt sich, dass Sabotage nach hinten raus verstärkt die Luft ausgeht. Was ihn zu einem Vertreter der Sparte „Hier wäre mehr drin gewesen“ macht. Ganz einfach, indem Ayer mit den illustren Figuren eine paranoide Dirty Cop-Variante von The Thing inszeniert hätte.

Immerhin ist das Figurendesign interessant, vom glatzköpfigen Sam Worthington hin zu Joe Manganiello mit Cornrows. Mireille Enos wirkt etwas überdreht, spannend wäre gewesen, wie geplant Malin Akerman in der Rolle zu sehen. Arnold Schwarzenegger hat man mit seinem an einen Nazi erinnernden Seitenscheitel allerdings keinen Gefallen getan und die Rolle des toughen Gruppenführers wirkt für den inzwischen 66-Jährigen etwas zu viel des Guten. Sofern also Potential vorhanden ist und es der Film im ersten Akt auch nutzt, macht Sabotage am Ende zu wenig daraus. Der aufgesetzt wirkende und vom Studio gewünschte Schluss setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Die Schuld hierfür fällt an sich dabei auch auf Schwarzenegger.

Der Governator müsste sich neu erfinden, anstatt zu versuchen, an seine Erfolge vor 20 Jahren anzuknüpfen. Somit pendelt sich Sabotage letztlich auf demselben Level ein wie seine jüngsten Kassen-Misserfolge The Last Stand und Escape Plan. Keine wirklichen Rohrkrepierer, aber auch qualitativ weder Fisch noch Fleisch. Immerhin aber besser als Werke wie The 6th Day oder End of Days. Für Fans des Genres oder Schwarzeneggers ist Sabotage also durchaus eine Sichtung wert, selbst wenn der Film hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Seine Lektion scheint zumindest David Ayer gelernt zu haben, mit Fury inszeniert der Regisseur aktuell zur Abwechslung keinen Polizei-Thriller. Irgendwann wird also wohl jeder mal erwachsen.

5/10

12. Juni 2014

The Last Days on Mars

Oh, for fuck’s sake.

Ein Weltall-Film wäre kein Weltall-Film, wenn nicht irgendetwas schief gehen würde. Seien es Schäden am Raumschiff, gefährliche außerirdische Organismen oder durchgeknallte Crew-Mitglieder. Und gerne auch mehrere Komponenten zusammen. Insofern ist Ruairí Robinsons Sci-Fi-Horror The Last Days on Mars fraglos ein Weltall-Film. Allerdings kein sonderlich guter, andererseits jedoch auch kein wirklich schlechter. Wenn Variety’s Justin Chang resümiert, dass es sich letztlich um nichts anderes als “Red Planet of the Dead” handelt, trifft dies den Nagel im Grunde auf den Kopf. Und dennoch vermag Robinsons Debütfilm zumindest in seiner ersten Hälfte alles andere als zu enttäuschen. Nur ist da eben auch noch die zweite Hälfte.

Am Anfang steht der Abschied. Nach sechs Monaten auf der Mars-Oberfläche darf eine achtköpfige internationale Crew die Heimreise zur Erde antreten. Für manche sicherlich nicht früh genug, während andere wie Vincent Campbell (Liev Schreiber) aufgrund von Missstimmungen mit Kollegen wie Kim Aldrich (Olivia Williams) eher vom Regen in die Traufe kommen. Noch 19 Stunden verbleiben, als zwei Mann nochmals eine Expedition wagen. Den Grund finden die Übrigen schnell raus: entgegen der Ergebnisse des letzten halben Jahres scheint der Kollege doch bakterielles Leben entdeckt zu haben. Nur: Vor Ort passiert ein Unfall und als Teamleiter Brunel (Elias Koteas) nach draußen geht, will kurz darauf etwas anderes in die Mars-Station rein.

Wie dem Variety-Fazit zu entnehmen, ist The Last Days of Mars im Prinzip ein Zombie-Film auf unserem Nachbarplaneten. Durch die Bakterien wird einer der Astronauten infiziert, entwickelt sich zum aggressiven lebenden Toten. Die Seuche greift um sich und schon bald sehen sich die Figuren dezimierter und dezimierter. Und wie das so ist mit Zombie-Pandemien, wird sich um die Ursache nicht sonderlich viel geschert. Dabei handelt es sich bei diesen Mars-Zombies um wahrlich außergewöhnliche Exemplare. Die nicht nur gezielt ihren Weg finden, sondern auch Türen öffnen können – notfalls halt per Explosion. Für Campbell, Brunel, Aldrich, Rebecca Lane (Romola Garai) und Robert Irwin (Johnny Harris) beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Gerade in den ersten 45 Minuten gerät das Ergebnis durchaus spannend, atmosphärisch dicht und in gewisser Weise auch persönlich. Robinson nimmt sich Zeit, die Charaktere ein wenig vorzustellen. Zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, sei es zwischen Campbell und Lane oder Campbell und Aldrich. Auch andere Figuren werden grob angerissen, ihre Dynamik gezeigt. Aber erscheint der erste Zombie auf der Matte, ist das alles plötzlich dahin. Das Rennen und Schlagen steht im Vordergrund. Zwar nimmt sich der Film zu Beginn des finalen Akts nochmals kurz Zeit, die Figuren wieder hervorzuheben, doch folgt er bald wieder dem altbekannten Schema. Ein gewöhnlicher Zombie-Film in einem ungewöhnlichen Setting. Was schade ist.

Schade, weil irgendwann wieder nur gerannt, geschlagen und getreten wird, statt sich einfach mal Zeit zu nehmen und anders zu sein als der Einheitsbrei. Und sei es auch nur einen, in diesem Fall: den zweiten Akt, lang. Es muss ja nicht gleich in Panspermie-Sülze ausarten wie in Mission to Mars, aber etwas Neues hätte Robinson schon auftischen dürfen. So folgt The Last Days on Mars dem klassischen Abzählreim-Schema des Genres, was ihn dank der Exposition und Figurenzeichnung anschließend entsprechend vorhersehbar macht. Dass die Handlung dabei auf dem Mars spielt, ist auch relativ irrelevant und dient lediglich als Auslöser für einige Widrigkeiten, denen sich Campbell, Lane und Co. im Laufe des Films ausgesetzt sehen.

Dabei ist das Ensemble interessant zusammengestellt, rund um Schreiber, Garai, Williams und Koteas. Der Film hätte durchaus Potential gehabt, mit einer derartigen Besetzung in einem derartigen Genre und einer derartigen Location. Nur hätte er sich hierfür mehr an The Thing und weniger an Europa Report orientieren müssen. So wirkt Ruairí Robinsons Debüt etwas verschenkt, dabei startet der erste Langspielfilm des Iren vielversprechend. Bis die gefährlichen außerirdischen Organismen zu durchgeknallten Crew-Mitgliedern führen. Und damit zu zwei Komponenten des klassischen Weltall-Films. Hätte The Last Days on Mars stattdessen eine neue hinzugeführt, wäre er außergewöhnlich. So ist er aber nur ein weiterer Genre-Zombie.

5.5/10

12. Juni 2011

Hanna

I just missed your heart.

Bei all den Stärken, die man Christopher Nolans Inception zu Gute halten kann (er ist, man kann es drehen und wenden wie man will, ein solider Action-Film), funktioniert er wohl nur so richtig, wenn man seine offensichtlichen narrativen Schwächen auszublenden versteht. Wenn das, was man erzählt bekommt, nicht nur keinen Sinn macht, sondern sogar unsinnig ist, muss der style die substance (beziehungsweise deren Logiklöcher) aufwiegen. Ähnlich verhält sich dies auch in Joe Wrights jüngster Auftragsarbeit Hanna, die wohl (bisher) am ehesten der Inception des Filmjahres 2011 ist. Wenn man möchte, ein solider Action-Film (mit stark europäischem Einschlag), der jedoch nur so richtig funktioniert, wenn man seine ganzen narrativen Schwächen auszublenden versteht.

Es lebt also Hanna (Saoirse Ronan) als gentechnisch veränderter Teenie in den verschneiten Wäldern Finnlands, wo man Elche noch selber erlegt. Wenn Hanna einen solchen anschießt, ihn auf einen zugefrorenen See jagt, um ihm dort zu verkünden, dass sie sein Herz verfehlt habe, mutet das weniger wie eine entschuldigende Botschaft denn wie ein sadistischer Hinweis einer Person an, deren Physis zu Gunsten von Empathie verbessert wurde. Aus Gründen, die keiner kennt, wird die friedliche Abgeschiedenheit (die ohnehin selbst gewählt, statt aufgezwungen ist) von der Protagonistin unterbrochen. Gegen den Rat des Vaters (Eric Bana) sucht Hanna den Kontakt zu jener US-Geheimdienstagentin (Cate Blanchett), die für den Mord an ihrer Mutter verantwortlich ist.

Die Agentin Marissa Wiegler reagiert mehr genervt als erfreut, der Vorfall scheint vergessen, die folgende Hatz (für die in grotesker Weise ein blondierter Tom Hollander als Reeperbahn-Kingpin und seine Bande Martial Arts Neo-Nazis engagiert werden) eher das letzte Kapitel eines Buches, das man nie zu Ende gelesen und ganz hinten im Regal einsortiert hatte. Aus Gründen, die keiner kennt, trennen sich Hanna und ihr Vater, um sich aus Gründen, die keiner kennt, in Berlin wieder zu treffen. Über unterschiedliche Wege prügeln und morden sie sich durch Europa, Hanna dabei, zur humoristischen Auflockerung des Publikums, Banden mit einer britischen Familie knüpfend, die irgendwo zwischen narzisstischer Posh-Gegenwart und Alt-68er-Gebarden hängen geblieben zu sein scheint.

Wer nun bereit ist, „die Plausibilität der Ereignisse immer wieder der suggestiven Wirkung des Gezeigten“ unterzuordnen (David Kleingers auf SpOn) wird sicherlich zufriedengestellt und mit „Kunst“ oder „Ultrakunst“ (abhängig vom Rezipienten) belohnt. Ob in diesem Fall der style die fehlende substance rechtfertigt, ist dem Zuschauer selbst überlassen. Wenn sich Saoirse Ronan als Minderjährige durch Europa kloppt, zu Elektro-Gedudel der Chemical Brothers aus den Boxen, gewürzt mit schicken Schnitten und ungewöhnlichen Set-Locations, dann lässt sich das sicherlich als Mainstream-Arthouse deklarieren. Ob jede Form von Arthouse gleich „art“, sprich: Kunst, darstellt, ist eine andere Frage (die im Netz allerdings fast durchgehend mit „ja“ beantwortet wird).

Das lose Handlungsgerüst trägt Hanna jedenfalls nur in den seltensten Fällen und wird auch nicht von ihrem prätentiösen Märchenkonstrukt - in dem sich Cate Blanchett als rothaarige Hexe mit grausigem Deutsch und einem Zahnhygienefetisch inklusive einer klischeehaften „evil Germans“-Entourage anbiedert - entschuldigt. Vielmehr sind die meisten Szenen ungemein anstrengend, am meisten die Marokko-Sequenz mit der absurd-liberalen britischen Familie (Jason Flemyng, Olivia Williams), die damit kokettiert, Coming-of-Age-Elemente zu integrieren, obschon diese albinohafte, asoziale Protagonistin ebenso wenig als Identifikationsfigur funktionieren will, wie die gesamte Vortäuschung einer Geschichte, die den Antrieb für Wrights erste (und hoffentlich letzte) Auftragsarbeit darstellt.

Dabei sind die Bilder teils durchaus gefällig, speziell die Kalter-Kriegs-Optik im grau-biederen Berlin, wie auch der Soundtrack der Chemical Brothers eine willkommene Alternative ist, um dem desinteressierenden Sog der Handlung zu entkommen. Insofern ist das Audio-Visuelle in der Tat die einzig nennenswerte Stärke eines Films, der sich am Ende in seiner vermeintlichen inhaltlich-visuellen Klammer ein letztes Mal ad absurdum führt. Vielleicht ist die Moral dieser Geschichte, dass ein Märchen keine Geschichte haben muss, solange es gefällig (hier: audio-visuell) tradiert wird. Wenn dies jedoch nicht ausreicht, um die Schwächen zu überdecken, hilft auch alles style over substance nichts. Eventuell gilt im Fall von Hanna aber auch einfach: it just missed my heart.

2.5/10

15. Februar 2010

An Education

If you never do anything, you never become anyone.

Ein altes Sprichwort besagt: man lernt fürs Leben und nicht für die Schule. Seines Zeichens eine Umkehrung eines Zitats von Seneca dem Jüngeren, aber inzwischen zum geflügelten Wort verkommen. Und letztlich ist es ohnehin irrelevant, in welcher Reihenfolge man es liest, lernt man doch selbst fürs Leben, wenn man für die Schule lernt. Schließlich soll diese einen auf das (Berufs-)Leben vorbereiten. Aber mancher kennt es wohl aus seiner eigenen Jugendzeit, dass man sich mitunter fragt, wozu man eigentlich all diese Bücher liest und all diese Aufsätze schreibt. Besonders, wenn man in den sechziger Jahren als 16-Jährige auf einer reinen Mädchenschule war.

So wie Jenny (Carey Mulligan), der ihre Schulleiterin (Emma Thompson) erklärt, dass man es ohne Bildungsabschluss nicht weit bringt. Woraufhin Jenny entgegnet, dass dies auch nicht der Fall sei, wenn man einen habe. Speziell als Frau. In An Education präsentiert die dänische Regisseurin Lone Scherfig eine Episode aus dem Leben der britischen Journalistin Lynn Barber. Die hatte sich als Schülerin mit einem älteren Mann eingelassen, was sich letztlich negativ auf ihre Schullaufbahn auswirkte. Schriftsteller Nick Hornby adaptierte Barbers Autobiographie in dieses Drama mit humoristischem Unterton, in dem Mulligan den Part der becircten Schülerin übernimmt.

Jenny lechzt dabei weniger nach Bildung als nach dem Lebensstil der Boheme. Obschon ausgesprochen frankophil, muss Jenny auf Wunsch ihres Vaters (Alfredo Molina) Latein büffeln. Nur so kommt sie nach Oxford, nur so kann sie sich später selbst versorgen. Oder sie findet jemand, der dies für sie übernimmt. Und als der weitaus ältere David (Peter Sarsgaard) in ihr Leben tritt, scheint dieser Moment früher gekommen als selbst Jennys Vater erwartet hätte. Die Zuneigung Jennys zu David resultiert primär aus dessen freigeistigem Lebensstil. Mit seinen Freunden Danny (Dominic Cooper) und Helen (Rosamunde Pike) lebt er das Leben, das Jenny sich wünscht.

Sie besuchen klassische Konzerte, ersteigern Bilder von Edward Burne-Jones und machen Ausflüge nach Oxford oder Paris. Sie zelebrieren joie de vivre, wie Jenny es wohl nennen würde. Ihre Intelligenz und Kunstkenntnis sorgt dafür, dass die 16-Jährige innerhalb der Clique nicht untergeht. Bald schon interessiert sich auch Danny für sie, ist Helen doch eher ein Püppchen. Wie man sich denken kann, ist die Affäre zwischen David und Jenny keine ungefährdete. Weniger wegen des Altersunterschieds – den David gegen+ber Jennys Eltern stets dank Charme problemlos wett macht –, denn wegen der Leichen, die der adrette Lebemann in seinem Keller hat.

Es mag befremden, wie wenig sich Jennys Eltern gegen die Liaison mit David wehren, schließlich sind die Sechziger keine Epoche wie in Effi Briest oder Pride and Prejudice. Dennoch geht es Patriarch Jack (Alfred Molina) zuvorderst traditionell darum, dass seine Tochter später versorgt ist. Insofern kann die Beziehung der Liebenden auch ohne Einschränkungen gedeihen. Der Fokus von Scherfigs Film liegt weniger auf der Beziehung zwischen Jenny und David, als dem Mehrwert, den diese Romanze für Jenny bereithält. Zudem verbessern sich ihre (Latein-)Noten, entgegen der eigentlichen Vermutung, dass das Gegenteil der Fall sein müsste.

In An Education scheint das Leben also in der Tat der bessere Lehrmeister zu sein, wirkt es doch so, als könne Jenny alles haben. Schulerfolg und einen bohemehaften Lebensstil. Die Kostüme überzeugen und beschwören mit der Ausstattung und der Beleuchtung ein Gefühl der frühen Sechziger. Insofern mag der Film durchaus ein Period Piece sein, das dank Molina teils zur Komödie mutiert. Allerdings spult Scherfigs Film das Ende zu überhastet ab, was sich auch Hornbys  Drehbuch vorwerfen lässt, das die Geschichte zwar anders, aber nicht besser beendet. Dennoch bietet An Education in seiner Summe sehr gute Unterhaltung – auch dank des überzeugenden Ensembles.

8/10

27. März 2008

Rushmore

I saved Latin. What did you ever do?

Manche Karrieren beginnen früh, sowohl von der Begrifflichkeit einer Chronologie her, als auch einer Filmographie. Oftmals starten große Karrieren im Showbusiness bereits in Schulen, so brachte die Beverly Hills High School unter anderem Lenny Kravitz, Angelina Jolie, Nicolas Cage und viele andere berühmte Namen hervor. Der Texaner Wes Anderson besuchte einst die St. John’s Privatschule in Houston ehe er an selbiger Universität Philosophie studieren sollte. In ebenjenem Philosophieseminar traf Anderson schließlich auf einen Kommilitonen namens Owen Wilson. Beide freundeten sich an und schrieben zusammen das Drehbuch für einen Independent-Film mit dem Titel Bottle Rocket. Jener zählt nicht nur zu Martin Scorseses Lieblingsfilmen der 90er Jahre, sondern beeindruckte auch eine Regiegröße: James L. Brooks. Dieser unterstützte die beiden schließlich bei der Arbeit an ihrem nächsten Projekt: Rushmore. Erneut schrieben Anderson und Wilson zusammen das Drehbuch und als Hommage an ihre texanische Herkunft drehten sie das Geschehen schließlich quasi vor ihrer eigenen Haustür. Als Rushmore Privatschule darf keine andere Schule fungieren, als Andersons eigene High School – die St. John’s Privatschule. Es gelang zudem einen großartigen Cast zusammen zu treiben, zu dem sich wie zuvor auch Wilsons eigener Bruder, Luke Wilson, gesellte und schließlich zu einer Kollaboration führen würde, die das Leben zweier Menschen entscheidend beeinflussen sollte. Nach eigenen Angaben musste Bill Murray die Rolle des verschrobenen Herman J. Blume spielen, notfalls auch ohne Bezahlung. Für Murray sollte seine Mitwirkung in Rushmore einen späten Karriereschub darstellen, der ihn weg von den Klamauk-Komödien hin zur Tragikkomik führen sollte und ihm die von den Kritikern beachteten Rollen wie Lost in Translation, Broken Flowers und insbesondere die folgenden zwei Anderson Filme bescheren sollte.

In seinem zweiten Spielfilm machte Anderson im Grunde nichts anderes, wie er in all seinen Filmen tat: er versammelte verschrobene, seltsame Figuren – allesamt scheinbar unfähig zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, Gefangene ihrer eigenen Schrulligkeit. Hauptprotagonist von Rushmore ist Max Fisher, laut Dekan der schlechteste Schüler der Privatschule. Ursache hierfür dürfte Max’ Zeitorganisation sein, denn statt für seine Fächer zu lernen, verliert sich der bebrillte und gescheitelte Nerd in seinen außerschulischen Aktivitäten. Neben einem guten halben Dutzend Klubs, die er selbst gegründet hat, ist er zudem noch Vorsitzender von nochmals über einem halben Dutzend Klubs. Er engagiert sich für die Schulzeiten, wie den Backgammon Klub und selbst im Ringerteam ist er aktiv, auch wenn er überhaupt kein Talent für diesen Sport besitzt. Für Max ist Rushmore mehr als nur eine Schule, im Grunde stellt die Bildungsinstitution ein Zuhause für den 15-Jährigen dar, der seinen als Friseur arbeitenden Vater verleugnet und stattdessen ein perfektes Bild eines Chirurgen erstellt. Max gehört nicht in die Welt der Privatschule, ist kein reiches Kind. Gerade dieser Aspekt treibt ihn zu Beginn von Andersons Film zu der von Bill Murray dargestellten Figur des Großindustriellen Herman J. Blume. In einer Ansprache an die Schule hebt er den Kampf des Proletariats gegenüber der Oberschicht hervor, alles könne man sich als reiche Person erkaufen, nur kein Rückgrat. Ebenjenes versucht Max aufzubauen und kommt mit diesem Erscheinungsbild auch bei Blume an. Zwischen den ungleichen Männern entwickelt sich eine Freundschaft, die später zur Rivalität werden soll. Unterschwellig mag Blume für Max als der Vater fungieren, den sich dieser immer gewünscht hat – besonderen familiären Charakter erwecken die später gezeigten Ausflüge mit der Grundschullehrerin Rosemary (Olivia Williams), selbst wenn diese zu diesem Zeitpunkt von Max’ Ödipuss-Komplex überschattet sein mögen.

Gegenüber seinen Mitschülern fühlt sich Max sichtlich überlegen, der jüngere Dirk (Mason Gamble) agiert praktisch als sein Assistent und Max selbst ist an sich unangefochtener King of the Nerds. Gerade diese kann er auch in einer Szene dazu bewegen durch eine Petition die Abschaffung des Faches Latein zu verhindern – jenes Fach, dass er selbst nie gemocht hatte und immer loswerden wollte, welches er nun aber aus Zuneigung zu Rosemary rettet. Eines von vielen Beispielen, die für Max’ übersteigerte Gefühle herhalten kann. Durch sein erwachsenes Verhalten, gerade die Umgarnung von Rosemary, möchte Max seinen niederen Status überspielen. Ein bizarres Ausmaß erreicht sein Drang an Egalität bei einem Abendessen mit Blume und Rosemary nach der erfolgreichen Aufführung seiner Schuladaption von Serpico. Rosemary hat zu diesem Essen einen ehemaligen Studienfreund (Luke Wilson) eingeladen, den Max sofort als Gefahr wahrnimmt, sich in Alkohol flüchtet und anschließend versucht ihm, dem Harvard-Absolventen, gegenüber als ebenbürtig wahrgenommen zu werden. Durch sein gesamtes Verhalten entfremdet sich Max lediglich von sich selbst, doch diese Erkenntnis wird er – wie es die Reise des Helden vorsieht – erst am Ende des Filmes machen. Seine Avancen schmettern natürlich an der reifen Rosemary ab, die sich noch immer in der Trauerphase des Todes ihres Mannes befindet. In diese Lücke vermag nur der in seiner Ehe unglückliche Herman vorzudringen. Sehr schön ist die Szene geraten, als Herman Rosemary aufsucht, unter dem Vorwand Max hätte einen Ausflug geplant, damit seine eigene Unsicherheit überspielend. Logischerweise stellt sich Hermans Affäre mit Rosemary zwischen die Freundschaft der beiden Männer und somit als Problem für das gesamte Trio heraus. Beide ereifern sich schließlich in den lächerlichsten Rachefeldzügen gegeneinander, was schließlich zum Verlust der Frau führt – für beide.

In der Hauptrolle weiß Francis Ford Coppolas Neffe Jason Schwartzman zu überzeugen, für den die Rolle des Max Fisher sein Schauspieldebüt darstellte und Startpunkt für eine akzeptable Karriere bildete, die schließlich in Andersons letztem Werk – The Darjeeling Limited – ihren Höhepunkt fand. Anderson erzählt auf seine unnachahmliche Weise wie in seinen anderen Filmen die Geschichte des Erwachsenwerdens, der Überwindung seiner Komplexe, der Lösung von problematischen Vater-Sohn-Beziehungen. Man kann bereits in Rushmore seine brillante Anwendung von Zeitlupenszenen erkennen, untermalt von einem träumerischen Soundtrack, welcher das Gesamtbild abzurunden vermag. Getragen wird die Handlung dabei, auch typisch für Anderson, allein von seinen Figuren und deren Zusammenspiel, dem Aufeinanderprallen dieser skurrilen Psychen, wobei natürlich Max und Herman alle anderen überragen. Der alles durchziehende Witz ist dabei nie profan oberflächlich, sondern ergibt sich subtil aus dem Zusammenspiel der Charaktere. Man lacht weniger darüber was gesagt wird, als vielmehr wie es gesagt wird, in welchem Zusammenhang und Kontext zur Gesamtsituation und den daliegenden Details. Dabei fordert Anderson keineswegs den Geist seines Publikums heraus, unterfordert es jedoch auch nicht wie es in Amerika so gerne bei Persiflagen eines Meet the Spartans geschieht. Die Handlung entfaltet sich selbst, der Humor funktioniert wie ein Zahnrad im Kopf, welches Anderson anschmeißt und das daraufhin von selber durchläuft. Zusätzlich baut er viele liebenswerte Referenzen ein, beispielsweise an seine Dramaturgielehrerin an der Universität, aber auch filmische Hommagen an Heat, On the Waterfront oder Charlie Brown baut er ein. Insgesamt begannen mit dieser kleinen smarten Komödie die Karrieren von Anderson und Schwartzman, sowie die Etablierung von Murray unter den ernstzunehmenden Charakterdarstellern. 

8/10