8. Januar 2008

The Darjeeling Limited

The characters are all fictional.

Das Ende der 90er brachte eine neue Gruppe äußerst talentierter Regisseure mit sich, neben Christopher Nolan, Darren Aronofsky, Spike Jonze und Michel Gondry etablierte sich auch Wes Anderson unter den neuen kreativen Filmemachern. Mit Filmen wie Rushmore (1998), The Royal Tenenbaums oder The Life Aquatic with Steve Zissou konnte sich Anderson nicht nur jedes Mal aufs Neue beweisen, sondern es gelang ihm sogar sich zu steigern. Inzwischen hat er sich eine eigene kleine Clique aufgebaut, zu denen neben den Coppola-Sprößlingen Sofia, ihrem Bruder Roman und Cousin Jason Schwartzman auch Sofia Coppolas Ex-Mann Spike Jonze gehört, ebenso wie Anjelica Huston, Bill Murray oder die Wilson Brüder Owen und Luke, mit denen Anderson einst gemeinsam studierte. Anderson selbst sieht seine Filme vom indischen Regisseur Satyajit Ray beeinflusst und ließ es sich nicht nehmen sein aktuelles Werk, welches nicht nur in Indien selbst spielt, diesem großen Regisseur zu widmen. Er verzichtete ebenso auf einen eigenständigen Score und nahm stattdessen mehrere verschiedene, aus indischen Filmen stammende, Lieder in seinen Soundtrack auf, welcher zu schön anzuhören, wie der Film selbst wiederum anzusehen ist.

In Indien treffen sich in einem Abteil des Darjeeling Limited die drei Brüder Francis (Owen Wilson), Pete (Adrien Brody) und Jack (Jason Schwartzman). Zusammen gerufen wurden sie von ihrem ältesten Bruder Francis, welcher von einem Autounfall schwer gezeichnet, mit seinen Brüdern eine spirituelle Reise machen möchte, welche sie nicht nur wieder als Familie zusammen bringen soll, sondern ihr geplantes Ende bei ihrer Mutter finden wird. Davon jedoch wissen Pete und Jack bisher nichts, denn ihre Familie ist seit dem unerwarteten Tod des Vaters vor einem Jahr zersplittet, die Brüder haben ihr Vertrauen ineinander verloren und jeder an seinen eigenen Problemchen zu knabbern. Pete wird in wenigen Wochen Vater, hat sich jedoch noch nicht mit dem Gedanken daran abgefunden und überlegt stattdessen sich scheiden zu lassen. Jack hingegen ist seiner Ex-Freundin hörig, welche er seit einem Jahr quer durch Europa davonrennt, nur um schließlich doch mit ihr im Bett zu landen. Mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten und Idealen prallen die Drei während ihrer Reise vermehrt aneinander und alte Zwistigkeiten brechen auf. Dies führt schließlich dazu, dass sie nach einer nächtlichen körperlichen Auseinandersetzung aus dem Darjeeling Limited fliegen. Mitten in der Pampa im Nirgendwo scheinen sie nun an ihre Grenzen angelangt zu sein, endgültig zerstritten, bis sie schließlich ein gemeinsames Erlebnis wieder zusammenschweißen soll.

Überschattet wurde die Premiere von The Darjeeling Limited von der Wiedergenesung Owen Wilsons, der sich wenige Wochen zuvor versucht hatte das Leben zu nehmen. Viel gemunkelt wurde, ob er zur Premierenfeier erscheinen würde, was dann schließlich tatsächlich der Fall gewesen ist. Sieht man sich Andersons Film an ist es schwer zu glauben, dass Wilson, der im Film einen solchen warmen und optimistischen Charakter verkörpert, im eigenen Leben so depressiv gewesen sei soll. Er weiß ohne Zweifel von allen drei Darstellern am besten zu überzeugen, dicht gefolgt vom ebenfalls glänzend aufspielenden Adrien Brody. Neben der exzellenten Musik stechen wie bei Anderson für gewöhnlich die Farben hervor und er präsentiert dem Publikum ein knalliges, warmes und strahlendes Indien – auch wenn man erwähnen muss, dass dieses abseits der Armut gezeigt wird. Auch auf die Kastendiskriminierung geht er nicht ein, will dies wahrscheinlich auch überhaupt nicht und konzentriert sich stattdessen auf den positiven Charakter des Landes, welcher besonders in einer Szene offensichtlich wird, in der die Brüder von einer Gruppe indischer Jungen ausgelacht wird und Francis daraufhin nichts weiter sagt, als „Ich liebe dieses Land“. Drei einsame Figuren finden in einsamer Einöde schließlich wieder zu gemeinsamer Nähe.

Dabei greift Anderson wie in allen seinen Filmen wieder insbesondere die Thematik der elterlichen Abstinenz auf. Die Brüder wurden von ihrer Mutter verlassen, die nicht zur Trauerfeier des Vaters erschien und seitdem in einem Kloster in Indien lebt. Von ihren Söhnen will sie nichts wissen und als Francis sie über ihr Kommen informiert, lehnt sie dieses ab, da es wegen eines freilaufenden Tigers zu gefährlich wäre. Auch mit den Vater scheinen die Drei ihre Probleme gehabt zu haben, wenn Francis behauptet er hätte seine Brüder groß gezogen und Pete dies wiederum damit kontert, dass er des Vaters Liebling gewesen sei. An dem Vater gehangen sind sie jedoch alle, dies äußert sich schon dadurch, dass alle sich dessen Louis Vuitton Koffer untereinander aufgeteilt haben. Besonders Pete trägt viele Utensilien seines Vaters mit sich herum, vor allem dessen Sonnenbrille mit seiner eigenen Sehstärke, die viel zu stark für Pete ist. Dieses Verhalten erregt am meisten den Neid von Francis, welcher es lieber sieht, dass unter den dreien alles, Materielles wie Spirituelles, brüderlich geteilt wird. Doch neben dem väterlichen Erbe sind es besonders die privaten Geheimnisse, die jeder für sich behält und dann gegen den anderen ausspielt. Den Dreien ist das Vertrauen abhanden gekommen und brüderliche Automatismen – wie Francis Mitbestellen für seine Brüder zu Tisch – sorgen nur noch für Streitereien.

Ein- und ausgeleitet wird der Film vom Erreichen eines abfahrenden Zuges, dessen Reise durch das Herz Indien sinnbildlich für das der drei Protagonisten steht. Speziell die finale Montage bildet einen mehr als gelungenen Abschluss für den Film, wenn die drei Brüder sich schließlich von den Koffern ihres Vaters und somit der schmerzlichen Erinnerung an ihn lossagen können. Hier fällt ihnen sprichwörtlich Ballast von den Schultern, der in den zuvorigen neunzig Minuten auf jedem einzelnen von ihnen gelegen hatte. Entscheidend für den charakterlichen Wandel sind jedoch zwei Trauerfeiern. Die eine wird die Familie zerklüften und dafür sorgen, dass das Vertrauen und der Kontakt für ein Jahr verloren geht, die zweite dagegen wird die Brüder und schließlich die Familie, sowie das Vertrauen ineinander wieder zusammen führen. Jeder der Drei wird auch lernen seine sich selbst auferlegten Ängste zu verlieren und sich einfach dem Leben hinzugeben. Einfangen vermag Anderson dies in meisterlichen Bildern und wunderschönen Montagen. Seine Figuren sind allesamt grandios komisch und schrullig, das Drehbuch und die Dialoge einfach nur phänomenal. Anderson versteht einfach sein Handwerk und setzt seine bisher glanzvolle Karriere tadellos fort.

8.5/10

Kommentare:

  1. Die Suche nach einem Kino im Ruhrgebiet, das den Film zeigt ist mal wieder sehr ernüchternd. So werden wir wohl am Donnerstag I am Legend sehen müssen, von dem ich aufgrund des Hauptdarstellers erst einmal gar nichts erwarte.

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  2. Naja, ich bin kein großer Wes Anderson Verehrer. Rushmore ist ein niedlicher kleiner Film, vielleicht sogar eine Indi-Perle, aber The Royal Tenenbaums halte ich für reinen Schrott, der nur wegen des gewaltigen Kritikerhypes ein so hohes Ansehen genießt. The Life Aquatic with Steve Zissou habe ich mir deshalb auch erspart - aber nach deiner so positiven Besprechung werde ich The Darjeeling Limited wohl eine Chance geben, sobald er auf DVD erhältlich ist...

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  3. @Jochen: The Royal Tenenbaums ist sicher sehr eigen, aber Life Aquatic kann ich nur empfehlen, alleine wegen des O.S.T. und vielleicht ist DL auch wirklich nur für WA-Fans zu genießen...

    @tumulder: Das Problem kenne ich, ich bin ja schon froh, wenn sie solche Filme wenigstens zu einer vernünftigen Zeit in der Landeshauptstadt (Stuttgart) zeigen, sodass ich nach der Uni den einen oder anderen Film noch "mitnehmen" kann. Der Kleriker ist z.b. extra nach Tübingen gefahren - lohnen tut es sich jedoch :)

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  4. Die bösen Multiplexe sag ich da nur;-)

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  5. Wow. Im Ruhrgebiet besteht die Alternative zu "Darjeeling Limited" in "I am Legend"? Hat es das Arthouse-Kino bei Euch echt so schwer, auf die Leinwände zu kommen? Lustigerweise kann ich Andersons Film, wenn ich denn nur wollte, in fünf Kinos sehen und zwischen der deutschen, der Original- und der OmU-Fassung wählen... und dabei werde ich den im Kino vermutlich gar nicht sehen.

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  6. Ich freu mich drauf! Werde aber wohl erst bei der DVD zuschlagen... keine Zeit :-(

    Student müsste man noch sein... ;-)

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  7. @moviescape: Dafür fehlt mir das Geld, das andere Leute haben die arbeiten ;) Ist doch gehüpft wie gesprungen *g*

    @probek: So viel Auswahl, darunter OV? Du hast es ja gut, wenn das Arthouse bei dir so top vertreten ist :o

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  8. @probek
    Klar kulturell hat das Ruhrgebiet nichts zu bieten.

    http://www.kir-net.de/
    http://www.trailer-ruhrgebiet.de/

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  9. Wobei noch anzumerken, daß bei trailer-kinokultur.de die kleineren Kinos nicht gelistet sind:( und es deshalb schwieriger ist Darjeeling Limited zu finden.

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  10. Kam ich so hochnäsig rüber? So war das nicht gemeint (aber als Zugroaster gibt man sich im Zweifel Mühe, auch mal als richtiger Münchner Grantler zu erscheinen).

    Im Ruhrgebiet gibt es ja nun doch auch ein paar Kinos bzw. Leinwände - mich täte es tatsächlich wundern, wenn ein Film wie "Darjeeling Limited" dort nicht in einem Kino in der Nähe zu sehen wäre. Das wäre schon ein Armutszeugnis, oder? So ganz unbekannt ist Wes Anderson ja nun auch wieder nicht. Und selbst wenn München mit seinen rund 80 Leinwänden ganz gut bzw. vielleicht sogar besser versorgt sein mag (und mit dieser Leinwandzahl etwa gleichauf mit Hamburg liegt) - Deutschlands Kinohauptstadt ist und bleibt Berlin mit über 250 Leinwänden. Das ist das deutsche Kino-Eldorado, darauf darf man ggf. ein bisschen neidisch sein.

    Mich hat eher gewundert, dass die Alternative zu "Darjeeling" ausgerechnet ein Film wie "I Am Legend" sein soll, der ja aus einem komplett anderen Film-Universum kommt. (Soll ich nebenbei mal sagen, wie mir "I Am Legend" gefallen hat... nö, besser nicht, wenn der Verschwender noch reingehen will)

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  11. I am Legend ist bei uns heute fest eingeplant, mangels Männer kompatiblen Alternativen;-) Ich schätze mal auf 80 Leinwände kommen wir hier im Ruhrgebiet auch locker. Das Problem hier ist eigentlich, daß es keinen Dienst im Web gibt, der wirklich alle Angebote listet. Das ist schon ein wenig traurig. Kirchturmdenken ist in der Region trotz der nach außen hin offiziell dargestellten "Wir" Mentalität immer noch die größte Bremse, auch im kulturellen Bereich. Da bleiben soviele mögliche Synergien auf der Strecke, eigentlich unglaublich. Aber das ist ein anderes Thema.

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  12. @tumulder: Weiß ja nicht wo genau du wohnst, aber probier es doch mal mit http://www.meinestadt.de/deutschland/kino, vielleicht findest du ja dort ein entsprechendes Kino in deiner Umgebung :)

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  13. @therudi
    Danke für den Link. Der war mir natürlich bekannt. Ich habe auch schon ein Kino in meiner Nähe gefunden. Nur ist der Aufwand für die Suche natürlich größer als wenn ich das Kinoprogramm für eine einzelne Stadt durchforste. 11 kreisfreie Städte, 4 Kreisstädte mit 42 Gemeinden. Da geht schon mal die eine oder andere Info unter;-)

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  14. sollte den film wohl als lieberhaber von "the life saquatic" wohl doch noch im kino mitnehmen, wenn ich mir so Deinen text durchlese.

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  15. @marcus: Tu das, es wird sich für dich lohnen!

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