9. August 2010

Le concert

Pouvez-vous m’introduire, s’il vous sied?

Depressionen hat jeder Mensch im Laufe seines Lebens. Manche verarbeiten sie in einem Film wie Antichrist, andere ziehen sich an den Genfersee zurück und schreiben ein Violinkonzert. So geschehen bei Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Russlands bedeutendstem Komponisten des 19. Jahrhunderts. Diesen trieb es 1878 in die Schweiz, nachdem er durch die unglückliche Ehe mit seiner Studentin Antonina Miljukova einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Das Zusammenleben mit Miljukova fiel dem homosexuellen Tschaikowski so schwer, dass er den Tod als einzigen Ausweg sah, auch wenn er einen Suizid oder eine Scheidung stets ablehnte. Die Arbeit an seinem ersten und einzigen Violinkonzert bescherte dem russischen Komponisten jedoch neue Lebensfreude. Heute zählt Tschaikowskis Violinkonzert D-Dur op. 35 zu den bekanntesten und meistgespielten Konzerten seiner Art und bildet das Gerüst des französischen Sommerhits Le concert.

Das Konzert hatte Tschaikowski damals für den Solisten Leopold Auer komponiert, der jedoch ablehnte, da er es für „unviolinistisch“ erachtete. Insofern steht und fällt das musikalische Stück also mit der Person, die die Violine spielt. Ein handlungswichtiger Punkt für Radu Mihaileanus jüngsten Film Le concert, dessen Geschichte sich letztlich um diesen Violinenpart des Tschaikowski-Konzertes dreht. Anfang der achtziger Jahre hatte sich nämlich Andreï Filipov (Aleksei Guskov), Dirigent des berühmten Bolschoi-Theaters in Moskau, den Forderungen von Parteichef Leonid Breschnew widersetzt, die jüdischen Musiker aus seinem Orchester zu entfernen. Darunter auch Lea, Star-Violinistin und Mittelpunkt einer Inszenierung von ebenjenem tschaikowskischen Violinkonzert. Die Folge: Die jüdischen Musiker flogen aus dem Orchester und Filipov verdingt sich seither als Hausmeister des Bolschoi. Bis zu jenem Tag dreißig Jahre später, als er ein Fax des angesehenen Pariser Théâtre du Châtelet abfängt.

Das Bolschoi soll eine Absage aus den USA abfangen. Filipov erkennt seine Chance, steckt das Fax ein und versucht gemeinsam mit seinem ehemaligen Musiker und besten Freund Sacha (Dmitri Nazarov) die alte Truppe zusammenzutrommeln. Insofern ist Le concert ein Film über alte Rechnungen, die es zu begleichen gilt. Aber auch andere Aspekte wie die Historizität der jüdischen Intelligenzija in der Sowjetunion vor Perestroika und Glasnost spielen in das Geschehen mit rein. Was Mihaileanu nun besonders gut gelingt, ist die Verbindung dieser Subthemen mit dem klassischen culture clash, wenn die russischen Musiker letztlich in Paris einfallen. Das Kunststück ist dabei, dass keine der unterschwelligen Töne die Harmonie des filmischen Orchesters überlagert. So gut wie nie wird ein Genreaspekt ausgereizt, stets moderat in seiner notwendigen Kürze wieder hinüber begleitet in das große Ganze. Wobei Mihaileanu sogar auf die Rückblenden hätte verzichten können, da sie lediglich bildlich veranschaulichen, was die Dialoge zuvor an Vorarbeit geleistet haben.

Dass es dem Regisseur dabei sogar noch gelingt, die musikalische Komponente stimmig zu integrieren, ist keine Selbstverständlichkeit. Und in Anbetracht der Tatsache, wie es Mihaileanu gelingt, das Violinkonzert fast schon zu einer eigenen Figur heraufzubeschwören, ein kleines Meisterstück. Denn wenn am Ende über mehrere Minuten das Darstellerensemble hinter seiner Funktion als Orchester verschwindet und die Musik überhand nimmt, wird Le concert - abgesehen von der ein oder anderen Träne Mélanie Laurents - allein von Tschaikowskis Werk getragen. Zugleich verstehen es die Darsteller in ihren jeweiligen Momenten - Mihaileanu räumt den wichtigen Figuren nahezu ausnahmslos ihren individuellen Raum ein - stets zu überzeugen. Wobei hier Guskov klar hinter dem warmherzigen Nazarov zurücksteht und Laurent in der Rolle der entscheidenden Violinistin und für die Katharsis bedeutenden Anne-Marie Jacquet allein dank ihres atemberaubenden Aussehens jeweils klar als Punktsieger aus den Szenen hervorgehen.

Bei Sichtung von Le concert fällt wieder auf, wie weit die Franzosen oder auch die Skandinavier uns Deutschen in Sachen Komödien voraus sind. Es gibt keine platten Gags, die schon vor zehn Jahren nicht mehr lustig waren. Stattdessen verfügen und becircen Komödienhits wie Mihaileanus Film oder der letztjährige Bienvenue chez les Ch'tis mit scheinbar natürlich innewohnendem Charme. Der Wechsel zwischen den unterschiedlichen Genreebenen gelingt nahezu mühelos. Nie nimmt der culture clash überhand, nie das Rumgereite auf der Historizität. Hinzu kommen Darsteller, die einen nicht abstoßen, selbst wenn sie über charakterliche Verfehlungen verfügen wie der überzeugte Kommunist Gavrilov (Valeriy Barinov). Höhepunkt des Filmes ist allerdings das grandiose Violinkonzert zum Finale, auch wenn sich Mihaileanu an dessen Ende ein wenig in seinem an dieser Stelle überzogenem Humor zu verlieren droht. Nichtsdestotrotz ist Le concert wieder mal ein Publikumshit aus Frankreich, der seinem Ruf gerecht wird. Und der auch dank Tschaikowskis Violinkonzert dem Zuschauer etwas Lebensfreude beschert. Spasibo!

7.5/10

Kommentare:

  1. ich reg mich mal nicht auf, bzgl des letzten Absatzes...

    Ansonsten wirklich schöner Film mit einer tollen Hauptdarstellerin

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  2. Ich hab den deutschen Film Ende letzten Jahres und Anfang dieses Jahres erst gelobt, aber halte Franzosen und Skandinavier eben für talentierter - speziell was Komödien angeht - und die Aussage insofern auch für vertretbar, lieber JMK :-)

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  3. du verallgemeinerst ja immer so gerne:-)
    Die Franzosen bringen ja genug Schrott auf die Leinwand siehe "Die Besucher" oder "L'entente cordiale" oder "Die Strandflitzer", die Liste ließe sich ewig fortsetzen, und die Skandinavier haben ja durchaus ihren eigenen Humor, der in der Tat sehr erfrischend ist, wenn auch, zumindest bei mir, nicht immer auf Gegenliebe stößt.

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  4. Klingt durchaus ermutigend, werde aber wohl doch auf die DVD warte müssen, wie üblich zeigt es hier kein Kino, was für ein beschissenes Kaff ;-)

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  5. Was ich so von deutschen Komödien immer mitkriege per Trailer (an dieser Stelle seien DAS LEBEN IST ZU LANG oder MORD IST MEIN GESCHÄFT, LIEBLING genannt) ist eben wirklich das Schlechteste vom Schlechtesten. Nun schau ich nicht JEDE französische Komödie, aber die, die ich sehe, sind meist sehr gut. Und nochmal: Ich habe nicht gesagt, dass die Deutschen nur scheiße machen, sondern dass ich die Franzosen als talentierter erachte.

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