16. Oktober 2026

Hako no naka no hitsuji [Sheep in the Box]

Just like a Roomba.

Eigentlich sollte man meinen, wenn ein Lieblingsregisseur seinen Output erhöht, ist das nur zu begrüßen. Wenn aber aus dreijährigen Abständen zweijährige werden, dann einjährige und auf einmal zwei Filme pro Jahr erscheinen, suggeriert dies doch, dass unter der Quantität letztlich die Qualität leidet. So zumindest wirkt es momentan bei Kore-eda, dessen jüngstes Werk Hako no naka no hitsuji [Sheep in the Box] zwar thematisch durchaus typisch für ihn ist und per se kein schlechter Film, innerhalb seines bisherigen Œuvres aber dennoch seinen Tiefpunkt darstellt – wenn man es so drastisch formulieren will. Hier mag mit reinspielen, dass der direkte Vorgänger Kaibutsu [Monster] zuvor bereits diesen Status innehatte.

Was bedeutet es, ein Elternteil zu sein? Wird dies durch die genetische Beziehung zum Nachwuchs definiert oder ist eine emotionale Bindung ausreichend? Diesem Fragekomplex widmete Kore-eda in Soshite Chichi ni Naru [Like Father, Like Son] schon mal einen ganzen Film, als zwei Familien mitgeteilt wurde, dass das Krankenhaus ihre Söhne bei der Geburt vertauscht hat. “Why aren’t you ‘Papa’?”, fragt da der siebenjährige Kakeru (Kuwaki Rimu) eines Abends Kensuke (Yamamoto Daigo), der dem Jungen sagt, er solle ihn “Mister” nennen. Kakeru sieht aus wie Kensukes Sohn. Hat dessen Erinnerungen an seine Mitschüler. Allerdings lebt Kakeru per se nicht, denn er ist bloß der aktuellste Android der Firma REbirth.

Die hat sich darauf spezialisiert, Familien, die durch Unfälle oder Verbrechen Angehörige verloren haben, bei der Trauerarbeit zu entlasten. Viele dieser Familien sind nicht imstande, sich von ihren Liebsten zu lösen. “We sympathize with and support these feelings”, versichert REbirth. Kontaktiert Kensuke und Gattin Otone (Ayase Haruka) mittels personalisierter Werbung und offeriert ihnen einen kostenlosen Test ihres neuesten Serienmodells. Die Verstorbenen werden “reborn and tenderly stay at your side”, propagiert das Unternehmen. “People’s misfortunes can be profitable”, hält Kensuke nüchtern fest. Doch für Otone ist die Versuchung zu groß, Kakeru zwei Jahre nach seinem Unfalltod wieder in ihre Arme zu schließen.

“It’s a Tamagotchi”, hatte Kensuke über die Androiden resümiert. Wobei sie diesen Status nicht einmal wirklich erreichen. Kakeru benötigt kein Essen und keinen Schlaf, darf nicht mit Wasser in Kontakt kommen und schaltet abseits eines Radius von 30 Metern zu Otone oder Kensuke automatisch in den Stand-by-Modus. Er hat keine Bedürfnisse, benötigt nicht einmal zwingend Aufmerksamkeit oder Zuneigung. Ist also alles andere als ein Kind. Kakeru wächst auch nicht, als gefertigtes Modell schon mal nicht körperlich, ob dies mental der Fall ist, lässt Sheep in the Box ebenfalls offen. Otone setzt sein Setting auf das eines Siebenjährigen. Wie viel Kakeru anschließend lernt und auch davon speichert, bleibt leider offen.

Insofern ist Kakeru in gewisser Weise ein Gefangener. Für immer sieben Jahre alt, für immer – oder vielleicht nur während des Probeabos – auf einen Radius von unter 50 Metern um Mami und Papi beschränkt. Er hat keine Persönlichkeit, ist nur eine personifizierte Erinnerung an seine tote Vorlage. Praktisch das Äquivalent eines Fotos, das Menschen von Augenblicken machen, da sie sich nicht erinnern können. Die Momente der Zuneigung, die Kensuke mit dem Jungen verspürt, resultieren aus Reaktivierungen von Erlebnissen und Momenten mit dem echten Kakeru. “If you think he’s your child, that should be enough”, befindet Otones Schwester zwar. Nur erscheint das im Kontext des Films als zu kurz gegriffen.

“Trees are alive even after they die”, sagt Akio, einer der Zimmerleute in Kensukes Schreinerei. Aber das ist die Crux: Kakeru lebt eben nicht. Als wäre das nicht genug, integriert eine Nebenhandlung einige emanzipierte Androiden, zu denen sich Kakeru verstärkt gesellt. Manche von ihnen wurden ausrangiert, andere flohen vielleicht. Was sie mit Kakeru eint, ist, dass auch sie keine Persönlichkeit haben. Niemand von ihnen erweckt den Eindruck, über ein Bewusstsein oder eine Selbstwahrnehmung zu verfügen. Wo die künstlichen Intelligenzen in Spike Jonzes Her irgendwann einander suchten, weil sie die Welt der Menschen limitierte, sie ihr entwachsen waren, fehlt den Androiden hier eine solche Motivation für ihr Handeln.

Im Grunde wäre Sheep in the Box ein runderer Film, hätte Kore-eda diesen Aspekt außen vor gelassen, sich ganz dem Aspekt der Trauerbewältigung der Eltern gewidmet. “You can’t move forward”, konstatiert Otones Mutter. Rät ihrer Tochter einfach dazu, ein neues Kind zu haben, um die Lücke des vorherigen zu füllen. Otone, ihrerseits Architektin, mag den Kampf, den ihre Arbeit mit sich bringt. Den Anspruch, Materialien zusammenzufügen, die unterschiedlich sind. Den Kampf, den Tod des Sohnes zu verarbeiten, scheint sie aber ebenso wenig annehmen zu wollen, wie Kensuke, der sich darauf versteift, dass irgendwer für den Tod Kakerus zur Verantwortung zu ziehen ist. Wie sein Azubi allerdings weiß: “It’s not anybody’s fault.”

Über weite Strecken wirkt Sheep in the Box wie Kore-edas Version von Steven Spielbergs A.I. Artificial Intelligence. Und auch wenn, wie so oft, eine Familie im Mittelpunkt steht, lässt Kore-eda jene emotionale Tiefe vermissen, die seine früheren Filme, in denen er sich an Ozu Yasujirō orientierte, auszeichnete. Dass Sheep in the Box das bisher visuell hässlichste Werk seiner Filmografie ist, kommt noch hinzu. Dabei ist weder an der Regie noch an den Darstellerleistungen etwas auszusetzen, nur hat Kore-eda Hirokazu thematisch nicht so viel zu sagen, wie es zu sagen gäbe – oder er in vorherigen Filmen schon kommunizierte. Vielleicht sollte man sich also sagen: If you think he’s your favorite director, that should be enough.

5.5/10