4. September 2010

Enter the Void

We promised not to leave each other. No matter what.

„Gaspar Noé gilt als einer der gefährlichsten Regisseure der Gegenwart“, beginnt Harald Peters sein Interview mit dem französischen Enfant terrible Gaspar Noé für Die Welt. Wieso der als gefährlich gilt, bleibt offen, sowieso wäre „kontrovers“ passender. Mit diesem Adjektiv würde sich wohl auch der gebürtige Argentinier schmücken und dies nicht ohne Stolz. Noé provoziert sehr bewusst und gewollt, rühmt sich auf dem Cover zu Irréversible damit, dass während der Vorführung des Filmes in Cannes 200 Besucher den Saal verließen. Und der mit Enter the Void, seinem langjährigen Wunschprojekt, nun zurück in die Kinos kommt. Eine 160-minütige tour de force, die ihren Namen diesmal wirklich alle Ehre macht. Schon in Seul contre tous und zuletzt Irréversible mutete die Kamera wie eine eigenständige Figur an – in Enter the Void geht Noé noch einen Schritt weiter, erhebt seinen belgischen Kameramann Benoît Debie und dessen Bilder zur Hauptfigur des Filmes.

Die Schauspieler dagegen werden zu Nebenfiguren degradiert. Beispielsweise Linda (Paz de la Huerta), eine Gogo-Tänzerin in einem Tokioter Nachtclub. Seit ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, bleibt Linda nur ihr älterer Bruder Oscar (Nathaniel Brown), der ihr mit seiner Tätigkeit als Drogendealer den Umzug zu ihm nach Tokio ermöglichte. Dort entfremden sich die beiden Geschwister, zuvor Jahre lang durch Waisenhäuser getrennt, jedoch immer mehr, als Linda sich mit ihrem Boss Mario (Masato Tanno) einlässt und gleichzeitig die Drogenaktivität ihres Bruder missbilligt. Eine Affäre von Oscar mit der Mutter eines seiner Kunden (Olly Alexander) führt dazu, dass dieser ihn an die Polizei verrät. Bei einer Razzia in der Bar „Void“ wird Oscar dann bei dem Versuch, die Drogen auf der Toilette verschwinden zu lassen, von den Beamten erschossen. Fortan wandelt seine Seele zwischen den Erinnerungen an sein bisheriges Leben und dem weiteren Verlauf der Ereignisse für Linda und seinen Kumpel Alex (Cyril Roy) umher.

Im Grunde befasst sich Enter the Void mit drei übergeordneten Themen: Sex, Drogen und dem Bardo Thodol – dem tibetischen Totenbuch. In dessen Lehre versucht Alex seinen Freund Oscar in dessen letzten Minuten einzuführen, wenn er ihm den Prozess des Sterbens nach buddhistischem Glauben berichtet. Nach dem Tod löst sich die Seele vom Körper und erhält eine Schau auf das bisherige Leben, ehe sich die Möglichkeit ergibt, ein höheres Bewusstsein (nirwana) zu erlangen oder in den Kreislauf der Wiedergeburt zu treten. Noé spielt nun in visueller Form mit einer Nahtod-Erfahrung, indem das Publikum mittels Debies Kamera in die Position von Oscars Seele versetzt wird. Gewürzt wird das mit dem allgegenwärtigen Drogenkonsum der Figuren, gerade Oscars Vorliebe für Dimethyltryptamin, kurz DMT genannt. Ein Halluzinogen, dessen Konsum Noé selbst in verschiedener Form bereits gefrönt hat. Die Drogeninduzierten Bilder und die losgelösten Kamerafahrten stellen den Kern von Enter the Void dar.

„Mein Film ist visuell sehr ambitioniert, aber inhaltlich nicht sehr erbaulich“, gestand Noé im Interview mit Peters. Dabei ist diese Aussage so nicht ganz richtig, gelingt es dem Regisseur doch zumindest in der ersten Hälfte durchaus eine interessante Geschichte zu erzählen. Mit seinem Tod betritt Oscar ein Gefühl der Leere – einen Hohlraum. Sein Tod hat auf seine nahestehenden Menschen einen direkten Einfluss. Sei es Alex, der vor der Polizei auf der Flucht ist, die von ihm den Namen von Oscars Dealer wissen will, oder Victor, der Freund und Kunde, der ihn verrät, und nun an Schuldkomplexen leidet. Auch Linda ist hart getroffen, gefangen zwischen Einsamkeit und Trauer mit dem stillen Wunsch, es den Eltern und Oscar nachzutun. Die versuchte Visualisierung einer toten Seele, auf der Idee des Bardo Thodol aufbauend, ist in den ersten 90 Minuten durchaus ambitioniert – visuell wie inhaltlich. Die Geschichte und somit der Film verliert sich erst in der finalen Stunde, wenn Noé beginnt seinen eigenen Bildern zu erliegen.

Minutenlang gleitet die Kamera immer wieder in vollkommener Stille über die Straßenschluchten Tokios, nur um stets am selben Orten zu landen. Das ist anstrengend und sicher auch von Noé so gewollt. Dieses Gefühl des Unbehagens soll auf mehreren Ebenen erzeugt werden, angefangen mit dem großartigen Vorspann, der alleine bereits zwei Minuten andauert und sich sogar wiederholt. Aber auch die oft grellen Bilder, speziell wenn Oscars Seele von einer Erinnerung in die andere oder zurück in die Gegenwart gleitet, haben etwas beißend Blendendes, das einen fast zwingt, wegzusehen. Und diese Bereitschaft von Noé, im Gegensatz zu anderen Regisseuren, seine Filme nicht nach den Sehgewohnheiten des Publikums auszurichten, sondern vielmehr fast gegensätzlich dazu, das Sehen von Enter the Void visuell sowohl graphisch als auch moralisch zur Tortur zu machen, verdient sich ein Lob und beschert dem Enfant Terrible seine verdiente Ausnahmestellung.

Unbehaglich ist auch die finale Stunde, in der wenig geschieht, was Noé nicht zuvor bereits ein oder zwei Mal gezeigt hat. Über die mehrfache Erlebung des Elterntods oder Schwenks durch Straßenschluchten lässt sich noch hinwegsehen. Bei den ausufernden Sexszenen gelingt dies nicht ganz, da sie durch ihre wiederholte Darstellung weniger provokant, eher eintöniger werden. Eine nackte Paz de la Huerta beeindruckt zudem seit The Limits of Control niemanden mehr und auch die berüchtigte „Hotel Love“-Szene ist weniger wegen der dortigen Sexorgien anstrengend als aufgrund ihres exzessiven Gebrauchs schlechter Digitaleffekte, welche die Szene wie eine FSK-18-Version von The Sims erscheinen lässt. Abseits von den scheinbar notwendigen (cineastisch-moralischen) Schockeffekten wie Blowjobs, Ejakulationen, Erschießungen und abgetriebenen Föten, ist Enter the Void somit ein Film, der weit weniger schockiert, abstößt oder im Grunde auch kontrovers – geschweige denn gefährlich - ist, als vorab suggeriert wurde.

7.5/10

Kommentare:

  1. Gefällt mit Deine Besprechung, ich werde mich leider wie immer bei Noè auf die DVD gedulden müssen.

    Hast Du vielleicht eine Ahnung wo man denn seinen Kurzfilm Carne ergattern könnte? Dann könnte ich mir mal die Wartezeit etwas verkürzen, kenne dazu leider nur wenige, kurze Ausschnitte.

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  2. Puh, gute Frage, ich dachte ich hätte ihn damals auf der DVD zu SEUL CONTRE TOUS gesehen, aber da ist er scheinbar nicht drauf. Und wo ich ihn gesehen habe, weiß ich gar nicht mehr. Wenn du jedoch der französischen Sprache mächtig bist, kannst du ihn dir im Internet ansehen.

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  3. "Enter the Void" ist einer der besten Filme, die ich jemals gesehen habe. Der Film versucht erst gar nicht dem Zuschauer Tiefgang zu suggerieren, sondern ist mitten-ins-Gesicht-Inszeniert und dabei absolut konsequent umgesetzt. Da passt einfach alles. Das geht soweit, dass ich behaupten würde, dass es sich um einzigen Kinofilm handelt, der tatsächlich nachvollziehbar und sinnvoll pornographische Elemente einsetzt.

    "ein Film, der weit weniger schockiert, abstößt oder im Grunde auch kontrovers - geschweige denn gefährlich - ist, als vorab suggeriert wurde."

    Da hast du Recht...amüsanter Weise ist der Film ja im Gegenteil unglaublich versöhnlich. Kann mich nicht erinnern wann ich das letzte Mal so gut gestimmt aus dem Kino kam.

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  4. Naja, ob hier nachvollziehbar und sinnvoll Pornographie eingesetzt wird - das würde ich selbst nicht unterschreiben wollen. Und gut gestimmt kam ich auch nicht aus dem Kino, eher froh, dass es nun endlich vorbei war (da mir die finale Stunde ziemlich auf den Zeiger ging). Aber einer der besten Filme, die du je gesehen hast - das ist doch mal was, das den Monsieur Noé freuen würde :)

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  5. "das würde ich selbst nicht unterschreiben wollen."

    Wenn ich etwas Zeit finde werde ich in den nächsten Tagen selbst eine kleine Kritik zu dem Film verfassen. Vielleicht wird mein Standpunkt dann etwas nachvollziehbarer. ;-)

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  6. Für dich sind doch alle außer Burton, Cronenberg und Anderson = Brechmittel ;-)

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  7. Das ist die absolute Unwahrheit.

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  8. Kann das alles unterschreiben. Die Sexszenen in der letzten Stunde gingen mir auch ziemlich auf die nerven...
    Nichtsdestotrotz hat Noé wieder einmal überzeugt und ist in keinster Weise mit einem Brechmittel zu vergleichen. Ich bin eher sehr, sehr froh, dass es so einen Regisseur gibt, denn er will wirklich mal was neues zeigen und nicht immer die alten, bekannten, schon gesehenen Einstellungen wiederholen.
    Die erste halbe Stunde hab ich bestimmt die ganze Zeit gegrinst, da es endlich das war, worauf ich verdammt lange Zeit gewartet habe. Und das Intro ist mit einer der genialsten, das es seit Jahren gab :D

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  9. Hab mich beim FFF gegen den Film entschieden, das sind so "Friss oder stirb"-Filme, entweder überhaupt nicht mein Geschmack oder ich bin begeistert, und nach einem Reinfall war mir an dem Festivaltag nicht mehr, da bin ich lieber auf Nummer sicher gegangen.
    Werde ihn wohl auf DVD nachholen, allein schon, weil ich so unterschiedliche Meinungen dazu gehört habe.

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  10. Enter The Void, oberflächlich gesehen die tragische Geschichte des Gelegenheitsdealers Oscar und seiner Schwester Linda, zeigt den Traum, den ein nicht-religiöser Psychedeliker in Tokio vom Tibetanischen Totenbuch träumt, einer Anleitung für den Zustand der Seele zwischen Tod und Wiedergeburt (Oscar: “Do you believe in Reincarnation?” - Linda: “I don’t have the mental state of a five-year old.”), die Leary und Alpert als Vorlage für eine Anleitung für einen LSD-Trip benutzten, aus dem wiederum einige Zeilen den Song “Tomorrow never knows” von den Beatles inspirierten. In der Deutung des Films wollen die Seelen ihr Leben nicht verlassen und existieren daher in einem körperlosen und psychedelischen Zustand bis zu ihrer Reinkarnation.

    Oscar: “You mean, we’re stuck in this world forever? There’s nothing better out there?”

    Der kommende Aufstand: “Aus welcher Sicht man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ohne Ausweg.

    http://www.classless.org/2010/10/15/tokio-love-hotel-am-ende-und-anfang-der-welt/

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