We promised not to leave each other. No matter what.„Gaspar Noé gilt als einer der gefährlichsten Regisseure der Gegenwart“, beginnt Harald Peters sein Interview mit dem französischen Enfant terrible Gaspar Noé für Die Welt. Wieso der als gefährlich gilt, bleibt offen, sowieso wäre „kontrovers“ passender. Mit diesem Adjektiv würde sich wohl auch der gebürtige Argentinier schmücken und dies nicht ohne Stolz. Noé provoziert sehr bewusst und gewollt, rühmt sich auf dem Cover zu Irréversible damit, dass während der Vorführung des Filmes in Cannes 200 Besucher den Saal verließen. Und der mit Enter the Void, seinem langjährigen Wunschprojekt, nun zurück in die Kinos kommt. Eine 160-minütige tour de force, die ihren Namen diesmal wirklich alle Ehre macht. Schon in Seul contre tous und zuletzt Irréversible mutete die Kamera wie eine eigenständige Figur an – in Enter the Void geht Noé noch einen Schritt weiter, erhebt seinen belgischen Kameramann Benoît Debie und dessen Bilder zur Hauptfigur des Filmes.
Die Schauspieler dagegen werden zu Nebenfiguren degradiert. Beispielsweise Linda (Paz de la Huerta), eine Gogo-Tänzerin in einem Tokioter Nachtclub. Seit ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, bleibt Linda nur ihr älterer Bruder Oscar (Nathaniel Brown), der ihr mit seiner Tätigkeit als Drogendealer den Umzug zu ihm nach Tokio ermöglichte. Dort entfremden sich die beiden Geschwister, zuvor Jahre lang durch Waisenhäuser getrennt, jedoch immer mehr, als Linda sich mit ihrem Boss Mario (Masato Tanno) einlässt und gleichzeitig die Drogenaktivität ihres Bruder missbilligt. Eine Affäre von Oscar mit der Mutter eines seiner Kunden (Olly Alexander) führt dazu, dass dieser ihn an die Polizei verrät. Bei einer Razzia in der Bar „Void“ wird Oscar dann bei dem Versuch, die Drogen auf der Toilette verschwinden zu lassen, von den Beamten erschossen. Fortan wandelt seine Seele zwischen den Erinnerungen an sein bisheriges Leben und dem weiteren Verlauf der Ereignisse für Linda und seinen Kumpel Alex (Cyril Roy) umher.
Im Grunde befasst sich Enter the Void mit drei übergeordneten Themen: Sex, Drogen und dem Bardo Thodol – dem tibetischen Totenbuch. In dessen Lehre versucht Alex seinen Freund Oscar in dessen letzten Minuten einzuführen, wenn er ihm den Prozess des Sterbens nach buddhistischem Glauben berichtet. Nach dem Tod löst sich die Seele vom Körper und erhält eine Schau auf das bisherige Leben, ehe sich die Möglichkeit ergibt, ein höheres Bewusstsein (nirwana) zu erlangen oder in den Kreislauf der Wiedergeburt zu treten. Noé spielt nun in visueller Form mit einer Nahtod-Erfahrung, indem das Publikum mittels Debies Kamera in die Position von Oscars Seele versetzt wird. Gewürzt wird das mit dem allgegenwärtigen Drogenkonsum der Figuren, gerade Oscars Vorliebe für Dimethyltryptamin, kurz DMT genannt. Ein Halluzinogen, dessen Konsum Noé selbst in verschiedener Form bereits gefrönt hat. Die Drogeninduzierten Bilder und die losgelösten Kamerafahrten stellen den Kern von Enter the Void dar.
„Mein Film ist visuell sehr ambitioniert, aber inhaltlich nicht sehr erbaulich“, gestand Noé im Interview mit Peters. Dabei ist diese Aussage so nicht ganz richtig, gelingt es dem Regisseur doch zumindest in der ersten Hälfte durchaus eine interessante Geschichte zu erzählen. Mit seinem Tod betritt Oscar ein Gefühl der Leere – einen Hohlraum. Sein Tod hat auf seine nahestehenden Menschen einen direkten Einfluss. Sei es Alex, der vor der Polizei auf der Flucht ist, die von ihm den Namen von Oscars Dealer wissen will, oder Victor, der Freund und Kunde, der ihn verrät, und nun an Schuldkomplexen leidet. Auch Linda ist hart getroffen, gefangen zwischen Einsamkeit und Trauer mit dem stillen Wunsch, es den Eltern und Oscar nachzutun. Die versuchte Visualisierung einer toten Seele, auf der Idee des Bardo Thodol aufbauend, ist in den ersten 90 Minuten durchaus ambitioniert – visuell wie inhaltlich. Die Geschichte und somit der Film verliert sich erst in der finalen Stunde, wenn Noé beginnt seinen eigenen Bildern zu erliegen.Minutenlang gleitet die Kamera immer wieder in vollkommener Stille über die Straßenschluchten Tokios, nur um stets am selben Orten zu landen. Das ist anstrengend und sicher auch von Noé so gewollt. Dieses Gefühl des Unbehagens soll auf mehreren Ebenen erzeugt werden, angefangen mit dem großartigen Vorspann, der alleine bereits zwei Minuten andauert und sich sogar wiederholt. Aber auch die oft grellen Bilder, speziell wenn Oscars Seele von einer Erinnerung in die andere oder zurück in die Gegenwart gleitet, haben etwas beißend Blendendes, das einen fast zwingt, wegzusehen. Und diese Bereitschaft von Noé, im Gegensatz zu anderen Regisseuren, seine Filme nicht nach den Sehgewohnheiten des Publikums auszurichten, sondern vielmehr fast gegensätzlich dazu, das Sehen von Enter the Void visuell sowohl graphisch als auch moralisch zur Tortur zu machen, verdient sich ein Lob und beschert dem Enfant Terrible seine verdiente Ausnahmestellung.
Unbehaglich ist auch die finale Stunde, in der wenig geschieht, was Noé nicht zuvor bereits ein oder zwei Mal gezeigt hat. Über die mehrfache Erlebung des Elterntods oder Schwenks durch Straßenschluchten lässt sich noch hinwegsehen. Bei den ausufernden Sexszenen gelingt dies nicht ganz, da sie durch ihre wiederholte Darstellung weniger provokant, eher eintöniger werden. Eine nackte Paz de la Huerta beeindruckt zudem seit The Limits of Control niemanden mehr und auch die berüchtigte „Hotel Love“-Szene ist weniger wegen der dortigen Sexorgien anstrengend als aufgrund ihres exzessiven Gebrauchs schlechter Digitaleffekte, welche die Szene wie eine FSK-18-Version von The Sims erscheinen lässt. Abseits von den scheinbar notwendigen (cineastisch-moralischen) Schockeffekten wie Blowjobs, Ejakulationen, Erschießungen und abgetriebenen Föten, ist Enter the Void somit ein Film, der weit weniger schockiert, abstößt oder im Grunde auch kontrovers – geschweige denn gefährlich - ist, als vorab suggeriert wurde.
7.5/10

Angefangen mit dem Gitarristen (Luis Tosar), der dem Fremden offenbart, dass Instrumente auch dann lebendig sind, wenn man nicht auf ihnen spielt. Das Spielen des Instrumentes wird also nicht durch das eigentliche Spielen limitiert, sondern setzte sich auch abseits des Musizierens fort. In dieselbe Kerbe schlägt Jarmusch bei seiner zudem selbstironischen Einbindung der Schauspielerin (Tilda Swinton). „Sometimes, I like to see films where people just sit there not saying anything”, erklärt sie dem Fremden in einer Szene, die anschließend zur genüsslichen Stille führt. Denn letztlich passiert in einem Film auch dann etwas, wenn augenscheinlich gar nichts passiert. Auf eine Metaebene verlagert das Ganze dann die nächste Bekanntschaft des Fremden. Eine Japanerin (Youki Kudoh) schlüsselt in ihrem Monolog nicht nur das Universum selbst, sondern mit diesem auch gleich – wie jedoch generell alle Monologe – den Film auf. „The universe has no edges and no centre.” Alles besteht aus Molekülen, über die sich ihr bisheriger Weg und damit weit mehr als das Molekül selbst greifen lassen. Doch an einer Definition bzw. ihrer Interpretation allein darf man sich nicht aufhängen. Denn eine heutige Interpretation eines Begriffes, das weiß der Boheme (John Hurt), muss nicht zwingend mit der ursprünglichen Definition zusammen hängen. Es ist somit stets alles in seinem jeweiligen Kontext zu sehen, in welchem sich die Sicht der Dinge je nach Blickwinkel ändern können.
Ähnlich verhält es sich mit dem obligatorischen Dialogeinstieg, ob der Fremde Spanisch sprechen würde? Lediglich der Amerikaner erspart sich dieses Intro, welches der Fremde sonst stets negiert. Somit unterjocht er sich auch nicht dieser, in diesem Fall sozio-linguistischen, Kontrolle, in einem fremden Land die Nationalsprache zu sprechen. Der Fremde tritt also durch seine Mission nicht nur für das Brechen der Kontrolllimitierung ein, er beschreitet diese Mission bereits durch die Ignorierung der gesellschaftlichen Konventionen. Erst zum Schluss, wenn er sich der Mission, die im Nachhinein seine einzige Kontrolle darstellte, entledigt hat, kann auch der Fremde die nun hervorgerufene Freiheit/Freizeit genießen und seine eigenen Pfade beschreiten. Jarmusch projiziert in seinem The Limits of Control also sowohl eine subversive Kritik am System oder wenn man möchte auch Status Quo und tritt für die künstlerische Freiheit einerseits und für die Freiheit im Allgemeinen ein. Einige offene Fragen bleiben jedoch, wie beispielsweise die unerwarteten Wendungen der Schicksale der Nackten und der Schauspielerin. Wie jedoch jeder Puzzlefilm wird auch Jarmuschs diesjähriger Beitrag mit jeder Sichtung wachsen und mehr Antworten bereit halten.