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30. November 2018

Climax

What doesn’t kill me makes me stronger.

Der dumpfe Bass von Elektro-Musik bebt, sich vermischend mit dem flehenden Geheule eines Kindes und den verzweifelten Schreien einer jungen Frau. Wie ein Pulsschlag wabert die Geräuschkulisse durch den Zuschauer, während die Kamera sich durch dunkle Gänge bewegt, immer unstet, manchmal um 90 oder 180 Grad gedreht. Die Botschaft ist simpel: Hier ist alles außer Kontrolle geraten. Die Welt dreht sich, ist nicht klar wahrnehmbar. Völlig losgelöst. Alles kann, nichts muss für die Figuren in Climax, Gaspar Noés jüngster Tour de force. Einem Film über das Schaffen und das Scheitern. Über die Sehnsüchte und Abgründe der menschlichen Gesellschaft. Oder einfach nur über eine Party, die am Ende etwas ausartet.

Bevor sie sich aufmachen zu einer Tournee in den USA feiert die Tanzgruppe um Selva (Sofia Boutella) und Choreografin Emmanuelle (Claude Gajan Maull) zusammen in einer Schulhalle. Es wird geflirtet und getanzt. Getanzt und geflirtet. Dazwischen fleißig Sangria getrunken, die Emmanuelle vorbereitet hat, während sie bisweilen nach ihrem kleinen Sohn schaut. Für die männlichen Gruppenmitglieder wie David (Romain Guillermic) bietet das Ensemble die Chance auf verschiedene sexuelle Abenteuer. Doch was als simple Tanz-Party begann, droht plötzlich zu eskalieren, als sich herausstellt, dass jemand die Sangria heimlich mit LSD versetzt hat. Aufgestaute Emotionen und Gelüste brechen sich Bahn und steigern sich im Verlauf.

Wer Noés Filmografie folgt, hat in Irréversible bereits den Homosexuellen-Nachtclub Rectum betreten und in Enter the Void die Bordell-Absteige des Love Hotels. Beide können aber nicht darauf vorbereiten, was sie nun hier in Climax erwartet. Dabei beginnt der Film angesichts seines Regisseurs erstaunlich zurückgenommen. Das Tanzensemble wird via VHS-Interviews vorgestellt und mit Fragen konfrontiert, gefolgt von einer Performance als Single Take, die schließlich in die gemütliche Party übergeht. Und weil wir einen Film von Gaspar Noé sehen, wissen wir, dass die Kacke bald am Dampfen ist. Die Frage ist nur, wann er seinen typischen Wahnsinn von der Leine lässt. Was wiederum im Verlauf die Anspannung steigen lässt.

Jene Anspannung wird weniger durch die Bilder von Benoît Debie intensiviert, sondern im Versuch, sich auf die kommenden Entwicklungen vorzubereiten. Als hielte einen Climax über eine Brüstung und man ahnt nicht, wann der Film einen loslässt und in den Abgrund stürzen lässt. Und wenn er es dann tut, ist der Zuschauer bereits gefangen in einer Achterbahn der Bilder, rauschend durch ein Gruselkabinett der Seelen seiner Figuren. Debies Kamera ist überall, spuckt auf Steadycam-Gedöns und filmt Szenen von oben und unten oder schräg von der Seite. Die Desorientierung der Charaktere überträgt sich so geschickt aufs Publikum und erschafft mit dem Audio-Mix aus Musik, Geschrei und Echos eine einmalige Atmosphäre.

Climax ist übelerregend – im bestmöglichen Sinne. Als befinde man sich auf hoher See in einem Sturm während einem Wind und Wasser ins Gesicht klatschen. So intensiv war noch keine Sequenz des Regisseurs zuvor, auch nicht die zehnminütige Vergewaltigungsszene in Irréversible. Hier verlieren Kinder ihre Mütter, Mütter ihre Kinder, Geschwister ihre Unschuld und sowieso jeder ein wenig seiner selbst. Dass Climax kein Drehbuch besaß, sondern die zum Großteil aus Laien bestehenden Darsteller improvisieren durften, gerät dabei zum Vorteil. Die LSD-durchtränkte Schulhalle von Noé hat gar keinen Raum für große Worte, die ohnehin nicht ausdrücken können, was in den Figuren zu diesem Zeitpunkt wirklich vorzugehen scheint.

Für seinen Regisseur repräsentiert Climax einen Film über das gemeinsame Erschaffen und das unabdingbare Scheitern, das daraus resultiert. Und in gewisser Weise sinnbildlich für die Menschheit selbst steht (Noé zieht einen Vergleich zum Turmbau von Babel). Ironischerweise ist mit Sofia Boutella die einzige namhafte Darstellerin sein größtes Problem und scheint mit dem Fehlen eines Skripts leicht überfordert. Der eigentliche Star sind aber ohnehin Debies Kamera und Noés obligatorisch geniale Credits, unterstützt von einem 90er Jahre Soundtrack, der Daft Punk, Thomas Bangalter oder Aphex Twins vereint. Um Climax wirklich zu erleben, muss er wohl im Kino gesehen werden. Und wen er dabei nicht umbringt, den macht er stärker.

7.5/10

12. November 2015

Love

What is your ultimate fantasy?

Geht es nach dem Duden, bezeichnet das Wort „kontrovers“ alles, was umstritten ist. Was anfechtbar oder kritisierbar ist. Und das trifft letztlich eigentlich auf alles zu. Und dennoch gilt der französisch-argentinische Regisseur Gaspar Noé keineswegs wie jeder andere Filmemacher, sondern durchaus als kontrovers. Sein zweiter Spielfilm Irréversible avancierte 2002 zum Skandalfilm, bei dem nach wenigen Minuten die Zuschauer in Hundertschaften die Vorführung bei den Filmfestspielen in Cannes verlassen haben sollen. Weniger aufsehenerregend war vor sechs Jahren dann Enter the Void, eine drogeninduzierte Reinkarnationsphantasie. Ob über seinen neuen Film Love überhaupt diskutiert wird, muss sich auch erst noch zeigen.

Das Potential hierzu hätte der Film zumindest, angesichts dessen, dass er beinahe zur Hälfte nur aus improvisierten Sexszenen besteht, in denen seine jungen Darsteller kopulieren, masturbieren und einander oral befriedigen. Umrahmt werden die Sexszenen von einer Liebesgeschichte, die von dem in Paris lebenden aufstrebenden Filmemacher Murphy (Karl Glusman) und der extrovertierten Electra (Aomi Muyock) erzählt. Als sich das Paar eines Tages einer Ménage-à-trois mit seiner 17-jährigen Nachbarin Omi (Klara Kristin) hingibt und Murphy diese später in einer zweiten Begegnung versehentlich schwängert, zerbricht die zweijährige turbulente Romanze zwischen Murphy und Electra. Die wiederum verfügte über reichlich Höhen und Tiefen.

Als Murphy eingangs einen besorgten Anruf von Electras Mutter erhält, die länger nichts mehr von ihrer Tochter gehört hat, reflektiert Murphy, der nach der Schwangerschaft mit Omi zusammenblieb, seine Zeit mit Electra. Eine Beziehung nach dem Motto: Sie küssten und sie schlugen sich. Gaspar Noé erklärte, er wolle mit Love ein reales Abbild sexuellen Verlangens und damit der Liebe auf die Leinwand bannen. Die eben emotional, allumfassend und stürmisch ausfallen kann. All das trifft durchaus auf die Beziehung von Murphy und Electra zu, die nicht erst durch Omi vor einem Problem standen. Bereits in der Vergangenheit war ihre Liebe von Eifersucht und Untreue gekennzeichnet. Doch konnten beide scheinbar nicht ohne einander.

Wirklich etwas zu erzählen hat Noé allerdings nicht über Liebe oder was das anbelangt: Lust. Wir sehen zwei junge Menschen, die eine Beziehung eingehen, die – so implizieren es die Bilder – primär aus Ficken, Blasen und Wichsen besteht. Im Verlaufe von Love erleben wir dann, dass schon vor der – oder zeitgleich zur – Ménage-à-trois das Sexleben von Murphy und Electra ausgeweitet wurde. Sei es beim Besuch eines Transsexuellen oder in einem Sexclub, dessen von Schweiß und Sperma getriebene Bilder in einer – wortwörtlichen? – Höhepunktsequenz mit John Carpenters Theme zu Assault on Precinct 13 unterlegt werden. Genauso wenig über die Romanze der Figuren erfahren wir über diese selbst – mit kleineren Ausnahmen.

Während Omi weniger Charakter als dramaturgisches Mittel ist und Electra minimal skizziert wird, erhält Murphy einige Anstriche von Noé selbst. Sein Lieblingsfilm ist 2001: A Space Odyssey, er geht in Paris auf eine Filmschule und träumt davon, einen authentischen Film über Liebe und Sex zu drehen, wie er auf einer Party versichert – ehe er mit seiner Gesprächspartnerin für einen Quickie auf die Toilette verschwindet und hierzu Electra stehen lässt. Das Drama, das Noé hier kreiert, entspricht dem Inhalt einer Telenovela über ein Jahr gestreckt. Der Blick des Regisseurs auf sein Geschehen ist dabei konsequent oberflächlich und gerät nur dort penetrierend, wo männliche Geschlechtsteile ins Spiel kommen. Was im Verlauf oft genug der Fall ist.

Aufgrund der in unchronologischer Reihenfolge erzählten Rückblenden als Erinnerungsfetzen von Murphy verliert sich der Zuschauer beim Sehen etwas in dem teils faszinierenden Bildersog ähnlich einem Film von Terrence Malick. Der eigentliche Star des Films ist Benoît Debies überzeugende Kameraarbeit, die weitaus nachdrücklicher in Erinnerung bleibt als das Schauspiel der drei Laiendarsteller oder das prosaische Drehbuch. Insofern hat Love dem Zuschauer weitaus weniger mitzuteilen als noch in Enter the Void der Fall, ungeachtet der mannigfaltigen, expliziten pornografischen Szenen ist er aber womöglich Gaspar Noés bislang zugänglichster Film. Keineswegs kontrovers also – selbst wenn das nicht heißt, dass nichts an Love kritisierbar wäre.

6/10

30. September 2015

Filmtagebuch: September 2015

AMY
(UK/USA 2015, Asif Kapadia)
8/10

BIG HERO 6 [BAYMAX – RIESIGES ROBOWABOHU]
(USA 2014, Don Hall/Chris Williams)

6/10

THE ’BURBS [MEINE TEUFLISCHEN NACHBARN]
(USA 1989, Joe Dante)

8.5/10

CUTTHROAT KITCHEN – SEASON 1
(USA 2013, Steve Hyrniewicz)
7/10

ELECTRIC BOOGALOO: THE WILD, UNTOLD STORY 
OF CANNON FILMS
(USA/UK/AUS/IS 2014, Mark Hartley)
5.5/10

ENTER THE VOID
(F/D/I/CDN 2009, Gaspar Noé)
5.5/10

EVEREST (3D)
(USA/UK/IS 2015, Baltasar Kormákur)

7/10

THE FIRM [DIE FIRMA]
(USA 1993, Sydney Pollack)

6/10

GAME OF THRONES – SEASON 1
(USA 2011, Brian Kirk/Daniel Minahan u.a.)
6.5/10

GRAVITY
(USA/UK 2013, Alfonso Cuarón)
6/10

GREMLINS
(USA 1984, Joe Dante)
8/10

GREMLINS 2: THE NEW BATCH
(USA 1990, Joe Dante)
8/10

INNERSPACE [DIE REISE INS ICH]
(USA 20, Joe Dante)

6/10

KING KONG
(USA/D/NZ 2005, Peter Jackson)
2.5/10

THE LOOK OF SILENCE
(USA/UK/RI u.a. 2014, Joshua Oppenheimer)
8/10

LOVE (3D)
(F/B 2015, Gaspar Noé)

6/10

LOVE & MERCY
(USA 2014, Bill Pohlad)
5.5/10

MASH
(USA 1970, Robert Altman)
6.5/10

M*A*S*H – SEASON 1
(USA 1972/73, William Wiard u.a.)
7/10

THE MARTIAN (3D)
(USA 2015, Ridley Scott)

7/10

MASTERS OF THE UNIVERSE
(USA 1987, Gary Goddard)
4/10

MUSARAÑAS [SHREW’S NEST]
(E/F 2014, Juanfer Andrés/Esteban Roel)

4/10

PAUL
(USA/UK 2011, Greg Mottola)
6.5/10

PLEMYA [THE TRIBE]
(NL/UA 2014, Miroslav Slaboshpitsky)

6/10

PRISON BREAK – SEASON 1
(USA 2005/06, Kevin Hooks/Bobby Roth u.a.)
7.5/10

THE SEARCH FOR GENERAL TSO
(USA/CN/RC 2014, Ian Cheney)
6/10

SENNA
(UK/USA/F/BR 2010, Asif Kapadia)
8.5/10

SHOW ME A HERO
(USA 2015, Paul Haggis)
5.5/10

SMALL SOLDIERS
(USA 1998, Joe Dante)
3.5/10

TERMINATOR GENISYS
(USA 2015, Alan Taylor)
3/10

TIN CUP
(USA 1996, Ron Shelton)
6.5/10

TRAINER!
(D 2013, Aljoscha Pause)
7.5/10

TURBO KID
(CDN/NZ 2015, François Simard/Anouk Whissell/Yoann-Karl Whissell)
3.5/10

Werkschau: Edgar Wright


SHAUN OF THE DEAD
(UK/USA/F 2004, Edgar Wright)
8/10

HOT FUZZ
(UK/USA/F 2007, Edgar Wright)
6/10

SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD
(USA/UK/CDN/J 2010, Edgar Wright)
5/10

THE WORLD’S END
(UK/USA/J 2013, Edgar Wright)
3.5/10

4. September 2010

Enter the Void

We promised not to leave each other. No matter what.

„Gaspar Noé gilt als einer der gefährlichsten Regisseure der Gegenwart“, beginnt Harald Peters sein Interview mit dem französischen Enfant terrible Gaspar Noé für Die Welt. Wieso der als gefährlich gilt, bleibt offen, sowieso wäre „kontrovers“ passender. Mit diesem Adjektiv würde sich wohl auch der gebürtige Argentinier schmücken und dies nicht ohne Stolz. Noé provoziert sehr bewusst und gewollt, rühmt sich auf dem Cover zu Irréversible damit, dass während der Vorführung des Filmes in Cannes 200 Besucher den Saal verließen. Und der mit Enter the Void, seinem langjährigen Wunschprojekt, nun zurück in die Kinos kommt. Eine 160-minütige tour de force, die ihren Namen diesmal wirklich alle Ehre macht. Schon in Seul contre tous und zuletzt Irréversible mutete die Kamera wie eine eigenständige Figur an – in Enter the Void geht Noé noch einen Schritt weiter, erhebt seinen belgischen Kameramann Benoît Debie und dessen Bilder zur Hauptfigur des Filmes.

Die Schauspieler dagegen werden zu Nebenfiguren degradiert. Beispielsweise Linda (Paz de la Huerta), eine Gogo-Tänzerin in einem Tokioter Nachtclub. Seit ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, bleibt Linda nur ihr älterer Bruder Oscar (Nathaniel Brown), der ihr mit seiner Tätigkeit als Drogendealer den Umzug zu ihm nach Tokio ermöglichte. Dort entfremden sich die beiden Geschwister, zuvor Jahre lang durch Waisenhäuser getrennt, jedoch immer mehr, als Linda sich mit ihrem Boss Mario (Masato Tanno) einlässt und gleichzeitig die Drogenaktivität ihres Bruder missbilligt. Eine Affäre von Oscar mit der Mutter eines seiner Kunden (Olly Alexander) führt dazu, dass dieser ihn an die Polizei verrät. Bei einer Razzia in der Bar „Void“ wird Oscar dann bei dem Versuch, die Drogen auf der Toilette verschwinden zu lassen, von den Beamten erschossen. Fortan wandelt seine Seele zwischen den Erinnerungen an sein bisheriges Leben und dem weiteren Verlauf der Ereignisse für Linda und seinen Kumpel Alex (Cyril Roy) umher.

Im Grunde befasst sich Enter the Void mit drei übergeordneten Themen: Sex, Drogen und dem Bardo Thodol – dem tibetischen Totenbuch. In dessen Lehre versucht Alex seinen Freund Oscar in dessen letzten Minuten einzuführen, wenn er ihm den Prozess des Sterbens nach buddhistischem Glauben berichtet. Nach dem Tod löst sich die Seele vom Körper und erhält eine Schau auf das bisherige Leben, ehe sich die Möglichkeit ergibt, ein höheres Bewusstsein (nirwana) zu erlangen oder in den Kreislauf der Wiedergeburt zu treten. Noé spielt nun in visueller Form mit einer Nahtod-Erfahrung, indem das Publikum mittels Debies Kamera in die Position von Oscars Seele versetzt wird. Gewürzt wird das mit dem allgegenwärtigen Drogenkonsum der Figuren, gerade Oscars Vorliebe für Dimethyltryptamin, kurz DMT genannt. Ein Halluzinogen, dessen Konsum Noé selbst in verschiedener Form bereits gefrönt hat. Die Drogeninduzierten Bilder und die losgelösten Kamerafahrten stellen den Kern von Enter the Void dar.

„Mein Film ist visuell sehr ambitioniert, aber inhaltlich nicht sehr erbaulich“, gestand Noé im Interview mit Peters. Dabei ist diese Aussage so nicht ganz richtig, gelingt es dem Regisseur doch zumindest in der ersten Hälfte durchaus eine interessante Geschichte zu erzählen. Mit seinem Tod betritt Oscar ein Gefühl der Leere – einen Hohlraum. Sein Tod hat auf seine nahestehenden Menschen einen direkten Einfluss. Sei es Alex, der vor der Polizei auf der Flucht ist, die von ihm den Namen von Oscars Dealer wissen will, oder Victor, der Freund und Kunde, der ihn verrät, und nun an Schuldkomplexen leidet. Auch Linda ist hart getroffen, gefangen zwischen Einsamkeit und Trauer mit dem stillen Wunsch, es den Eltern und Oscar nachzutun. Die versuchte Visualisierung einer toten Seele, auf der Idee des Bardo Thodol aufbauend, ist in den ersten 90 Minuten durchaus ambitioniert – visuell wie inhaltlich. Die Geschichte und somit der Film verliert sich erst in der finalen Stunde, wenn Noé beginnt seinen eigenen Bildern zu erliegen.

Minutenlang gleitet die Kamera immer wieder in vollkommener Stille über die Straßenschluchten Tokios, nur um stets am selben Orten zu landen. Das ist anstrengend und sicher auch von Noé so gewollt. Dieses Gefühl des Unbehagens soll auf mehreren Ebenen erzeugt werden, angefangen mit dem großartigen Vorspann, der alleine bereits zwei Minuten andauert und sich sogar wiederholt. Aber auch die oft grellen Bilder, speziell wenn Oscars Seele von einer Erinnerung in die andere oder zurück in die Gegenwart gleitet, haben etwas beißend Blendendes, das einen fast zwingt, wegzusehen. Und diese Bereitschaft von Noé, im Gegensatz zu anderen Regisseuren, seine Filme nicht nach den Sehgewohnheiten des Publikums auszurichten, sondern vielmehr fast gegensätzlich dazu, das Sehen von Enter the Void visuell sowohl graphisch als auch moralisch zur Tortur zu machen, verdient sich ein Lob und beschert dem Enfant Terrible seine verdiente Ausnahmestellung.

Unbehaglich ist auch die finale Stunde, in der wenig geschieht, was Noé nicht zuvor bereits ein oder zwei Mal gezeigt hat. Über die mehrfache Erlebung des Elterntods oder Schwenks durch Straßenschluchten lässt sich noch hinwegsehen. Bei den ausufernden Sexszenen gelingt dies nicht ganz, da sie durch ihre wiederholte Darstellung weniger provokant, eher eintöniger werden. Eine nackte Paz de la Huerta beeindruckt zudem seit The Limits of Control niemanden mehr und auch die berüchtigte „Hotel Love“-Szene ist weniger wegen der dortigen Sexorgien anstrengend als aufgrund ihres exzessiven Gebrauchs schlechter Digitaleffekte, welche die Szene wie eine FSK-18-Version von The Sims erscheinen lässt. Abseits von den scheinbar notwendigen (cineastisch-moralischen) Schockeffekten wie Blowjobs, Ejakulationen, Erschießungen und abgetriebenen Föten, ist Enter the Void somit ein Film, der weit weniger schockiert, abstößt oder im Grunde auch kontrovers – geschweige denn gefährlich - ist, als vorab suggeriert wurde.

7.5/10

26. Februar 2009

Kurz & Knackig: Kino kontrovers

Boksuneun naui geot (Sympathy for Mr. Vengeance)

Er war auf der Berlinale erfolgreich, in Cannes und bei den Filmfestspielen von Venedig. Der Südkoreaner Park Chan-wook zählt zu der Beletage der internationalen Regisseure. Besonders die „Rache“-Trilogie sticht dabei aus der Filmographie von Park hervor. Von 2002 bis 2005 widmete der Koreaner sich dem Thema Rache und ließ auf das Publikum einen audio-visuellen Bilderrausch los. Den Anfang bereitete sein Boksuneun naui geot, der vor sieben Jahren erschien. Die Geschichte selbst ist ziemlich tragisch. Der taubstumme Ryu (Shin Ha-kyun) versucht Geld für die lebensnotwenige Operation seiner Schwester aufzutreiben. Dabei entführt er die Tochter des Industriellen Dong-jin (Song Kang-ho), die aufgrund zufälliger Umstände ums Leben kommt. Dong-jin beginnt seinen Rachefeldzug.

In seinem Erstlingswerk spielt Park noch sehr viel umfangreicher mit schwarzem Humor als bei den beiden Nachfolgern. Allein die bittere Ironie, dass Ryu seine Niere spendet und sein Vermögen bezahlt, um eine Niere als Ausgleich zu kriegen, nur um letztlich ohne Niere(n) und Geld dazustehen, entbehrt nicht eines gewissen Zynismus. Hinzu kommen die beiden sehr unglücklichen Todesunfälle seiner Schwester und des entführten Kindes. So endet Boksuneun naui geot wie eine klassische griechische Tragödie, wenn am Ende des Filmes alle Beteiligten den Tod erleiden. Abgesehen von einen geistig Behinderten, der quasi als der Narr des Stückes überleben darf.

Der erste und zugleich schwächste Teil von Parks „Rache“-Trilogie macht bereits einiges richtig und manches doch falsch. Der Film beherbergt einige überaus gelungene Szenen, beispielsweise Ryu und seine Freundin Yeong-mi (Bae Doona), die über einen Spiegel miteinander kommunizieren oder auch Ryus Rache an den Organhändlern. Doch im Gegensatz zu den beiden Nachfolgern fällt die Konstruiertheit der Geschichte hier weitaus stärker ins Gewicht. Speziell die Ermittlungen von Dong-jin wirken teilweise unglaubwürdig. Zudem ist der Behinderte, obschon er der Auslöser für die Mehrheit der Morde ist, ein Lästigkeitsfaktor. Nie macht sich Park die Mühe zu erklären, was er eigentlich so weit außerhalb zu suchen hat. Nichtsdestotrotz ist Boksuneun naui geot verhältnismäßig gelungen, zumindest ein guter Auftakt für die Trilogie.

6/10

Oldeuboi (Oldboy)

Quentin Tarantino wollte Park Chan-wooks Oldeuboi 2003 in Cannes die Palm d’Or verleihen, musste sich allerdings den restlichen Jurymitgliedern hinsichtlich Michael Moores Fahrenheit 9/11 geschlagen geben. Nichtsdestotrotz hat Parks Mittelteil seiner „Rache“-Trilogie inzwischen Kultstatus erreicht. Da man in den USA allerdings recht wenig mit Filmen anfangen kann (oder will), die aus dem nicht-englischsprachigen Raum kommen, muss wie so oft ein Remake her. Die Kombination der neuen Produzenten sorgte bei Fans des Filmes für Belustigung. Steven Spielberg produziert das Remake, welches Will Smith in der Hauptrolle sehen wird. Sehr lustig, speziell erste Photoshop-Bilder, die Smith mit einem Walkie-Talkie in der Hand zeigen. Hollywood – die Albtraumfabrik.

Eben noch betrunken in der Polizeiwache gesessen, verschwindet Oh Dae-su (Choi Min-sik) im Seouler Regen plötzlich. Für die nächsten fünfzehn Jahre wird er in eine Einzimmerwohnung gesperrt. Er erfährt weder den Grund für seine Gefangennahme, noch wer ihn gefangen hält und wie lange die Gefangenschaft anhalten wird. Während dieser Zeit wird Dae-sus Frau umgebracht, der Mord ihm in die Schuhe geschoben. Nach fünfzehn Jahren folgt die Kehrtwendung. Man lässt Dae-su frei und gemeinsam mit der unbekannten Mi-do (Kang Hye-jeong) macht dieser sich auf die Spurensuche. Sein mysteriöser Entführer, Woo-jin (Yu Ji-tae), gibt sich schließlich zu Erkennen, doch Dae-su muss selbst den Grund herausfinden, weswegen er die letzten Jahre inhaftiert war.

Die erste Stunde lang gibt Oldeuboi sich hochkomplex, während die Auflösung des ganzen Tramtrams dann im Grunde etwas enttäuschend ist. Hier ist die Konstruktion der Geschichte offensichtlich, wirkt jedoch nicht als so großer Störfaktor wie im Vorgängerfilm Boksuneun naui geot. Der treffende Ausdruck für die Auflösung des Filmes ist wohl „übertrieben“. Übertrieben ist es, dass Dae-su sich scheinbar nicht mehr an Soo-ah erinnern konnte, übertrieben ist es, wie das Gerücht ungeahnte Ausmaße annimmt, übertrieben ist es, wie Woo-jin letztlich deswegen reagiert. Viele inhaltliche Aspekte ließen sich Parks Film gegenüber vorwerfen, doch werden die meisten Faktoren dann doch von der audio-visuellen Wucht der Inszenierung egalisiert.

Die Komposition der Szenen, allen voran bereits die dramatische Einführung bis hin zur legendären Flur-„Schlacht“ sind mitreißend. Die finale Enthüllung von Woo-jins Geheimnis sitzt dabei wie ein Schlag in die Magengrube, wie ohnehin der Showdown im Penthouse abgesehen von den Rückblenden ganz besonders gelungen ist. Die Darsteller spielen dabei allesamt exzellent und liefern eine großartige Ensembleperformance ab. Das Sahnehäubchen ist jedoch Jo Yeong-wooks Komposition zum Film, die mit zahlreichen Stücken Vivaldis angereichert wurde. Insgesamt ist Oldeuboi der gelungenste Teil der „Rache“-Trilogie Parks, da einfach am mitreißendsten und bildgewaltigsten inszeniert.

8.5/10

Chinjeolhan geumjassi
(Sympathy for Lady Vengeance)

Zwei Jahre nach Oldeuboi folgte mit Chinjeolhan geumjassi der Abschluss von Park Chan-wooks „Rache“-Trilogie. Das Rachemotiv wird diesmal auf eine weibliche Protagonistin projiziert und Choi Min-sik verkommt nunmehr vom Opfer zum Täter. Ähnlich wie auch die beiden Vorgänger gelang es Park auch in diesem Film ein überzeugendes audio-visuelles Paket zu schnüren, das jedoch hinsichtlich der Konstruiertheit der Handlung auch dieselben Mängel aufweist. Hinzu kommt, dass Aspekte wie die Gefängnisszenen nicht besonders originell wirken, kennt man diese doch bereits aus Sasori. Grundsätzlich bildet der Film jedoch einen stimmigen und abgerundeten Abschluss unter die Trilogie, speziell natürlich, weil er deren Geist treu bleibt und dieselbe Stimmung zu evozieren weiß.

„Sie müssen das Messer nach oben halten, sonst rutscht es ab“, erklärt der polizeiliche Ermittler einer Frau, die im Begriff ist kollektive Selbstjustiz auszuüben. Es ist jene Sequenz im verlassenen Schulgebäude, die ohne Zweifel harter Tobak ist. Die herzensgute Frau Geum-ja (Lee Young-ae) hat sie allesamt zusammengebracht, die Eltern von fünf ermordeten Kindern. Der Peiniger sitzt den Flur hinunter und hört sich per Stereoanlage an, wie man seinen Mord plant. Wie auch in den beiden Vorgängern ist Chinjeolhan geumjassi ein Film über kaltblütige Rache einer verstörten Figur. Wie auch in den beiden Vorgängern ist die Handlung nicht unbedingt sauber ausgearbeitet. Es wird nie klar, welchen psychischen Schaden Geum-ja als Schülerin hatte und was sie in die Arme von Herrn Baek (Choi Min-sik) trieb. Auch der Mord an jenem ersten Kind wird nicht wirklich thematisiert, vieles bleibt hier ungeklärt.

Doch auch hier weiß, wie schon bei Oldeuboi der Fall, der Inszenierungsstil von Park einiges zu retten. Dabei wird der Film fast ausschließlich von Lee Young-aes brillanter Darstellung getragen, ähnlich wie auch schon bei Choi im Vorgänger. Höhepunkt von Chinjeolhan geumjassi ist jenes Selbstjustiz-Treffen und der anschließende Mord an dem Verursacher für alles Leid. Großer Störfaktor des Filmes ist allerdings Jenny, Geum-jas Tochter, die sie sich aus Australien ausgeborgt hat. Dieser versucht sie in brüchigem Englisch beizubringen, weshalb diese einst von ihrer Mutter zurückgelassen wurde und weshalb diese nun tun muss, was sie tut. Nicht ganz so stark wie Oldeuboi komplettiert Parks Abschluss jedoch die Trilogie sehr gekonnt.

7/10

13 Tzameti

Damals ging ich ab wie Schnitzel, als ich den Trailer zu Géla Babluanis 13 Tzameti gesehen habe. Na gut, sagen wir wie ein Kinderschnitzel. Und letztlich hat der Film dann die Erwartungen nicht enttäuscht. Durch den Schwarz-Weiß-Ton wird ein gewisses Arthouse-Feeling erzeugt, das dem Film gut zu Gesicht steht. Die Einleitung der Geschichte durch Dachdecker Sébastien (George Babluani), der auf eine mysteriöse Einladung zu einem lukrativen Schwarzmarktspiel stößt, ist überzeugend inszeniert. Sébastiens Bruder hat eine Behinderung, die Familie braucht Geld, der Dachdeckerjob wird nicht entlohnt, da der Auftraggeber verstorben ist. Da dem Jungen nicht viel übrigbleibt, nimmt er kurzerhand die Einladung an, die eigentlich seinem ehemaligen Auftraggeber gebührte. Vor Ort angekommen stößt seine Anwesenheit auf Unwillen, aber was wollen die Beteiligten machen? Denn das Spiel beginnt und ein Spieler ist von Nöten.

Erst jetzt merkt Sébastien worauf er sich eigentlich eingelassen hat. In einem Keller werden 13 Männer in einem Kreis aufgestellt. Jeder erhält eine Kugel in seine Revolvertrommel. Die Mündung wird an den Hinterkopf des Vordermannes angelegt und wenn eine Glühbirne aufleuchtet, hat man abzudrücken. Reiche Geschäftsleute setzen nebenbei verschiedene Summen auf den Erfolg ihres Spielers. Ein makabres Szenario, das man in seiner perversen Lüsternheit aus Hostel gewohnt ist. Nur ist Babluanis Film sehr viel besser als Eli Roths torture porn. Die große Stärke von 13 Tzameti ist es, dass der Zuschauer mit Sébastien jede Runde mitfiebert, mit ihm leidet und auf das Aufleuchten der Birne gespannt ist. Dabei steht außer Frage, dass er überlebt, anders wäre die Geschichte nicht zu erzählen. Dennoch eine derartige Intensität zu erzeugen, verdient sich zweifellos Lob.

Denn obschon die Ereignisse in Babluanis Film vorhersehbar sind, in jedem einzelnen Viertel lässt sich das Ende erahnen, gelingt es dem Georgier nicht nur Sympathien für seinen Protagonisten zu erwecken, sondern auch das Publikum am Ball halten zu lassen. Die Übergänge der verschiedenen Akte gelingen meist problemlos, die Simplizität der Geschichte fällt kaum auf. Mit 13 Tzameti ist Babluani ein intensives Seherlebnis gelungen, dass bis zu seinem konsequenten Ende stark inszeniert ist. Die Besetzung des amerikanischen Remakes liest sich prinzipiell recht gut (Jason „The Stath“ Stafam, Mickey Rourke, die Ray’s Winstone und Liotta), doch wird der Film in Farbe wenig überzeugend sein. Oder anders gesagt: das Remake stinkt schon jetzt, allein weil man Stafam nicht dieselbe Nervosität und Todesangst eines George Babluani abkaufen wird (ich gehe einfach mal davon aus, dass es The Stath sein wird, der die Hauptrolle übernimmt). Von daher gilt: schnell noch das Original anschauen, dann kann man sehen, wie wenig es eigentlich braucht, um einen packenden Thriller zu drehen.

8/10

Seul contre tous (Menschenfeind)

Den Film mochte ich mal. Sozusagen. Ich hatte ihn zuletzt vor sechs Jahren etwa gesehen und hatte zu dieser Zeit noch nicht viele Filme der „Kino Kontrovers“ Reihe gesehen oder generell Filme, die man als „kontrovers“ ansehen ko(e)nnte. Im Nachhinein ist der Film über weite Strecken doch enttäuschend, speziell ob seines verkappten Endes, das weder Fisch noch Fleisch sein möchte und seiner unwahrscheinlichen Geschwätzigkeit, die einen Woody Allen Film glatt zum Stummfilm degradieren würde. Ja, der Schlachter (Philippe Nahon) ist ein armes Schwein, hat ihn doch die Mutter verlassen, der Vater wurde im Krieg getötet. Als es dann aufwärts ging, mit der eigenen Metzgerei und einer schicken Fabrikantin, ist die auch von dannen gezogen, als die Tochter kam. Wie unterkühlt die Beziehung zu dieser ist (er musste sich stets beherrschen sie nicht zu vergewaltigen), erklärt sich in ihrem Schweigen, welches letztlich auch mit zur eigentlichen Tragödie führt.

Aufgrund eines Missverständnisses (siehe Carne) landet der Schlachter im Bau und die Tochter im Heim. Jetzt ist er fertig mit der Welt und auch seine Neue ist eigentlich nur am Nerven. Aber er ist ein Schwanz und muss hart sein, um die Löcher zu stopfen. Irgendwann ist es jedoch zuviel, der Druck der Gesellschaft als solcher ist ihm zu groß. Es eskaliert und der Schlachter steht mit dem Rücken zur Wand. Nachvollziehbar. Die Freunde wollen oder können ihm kein Geld leihen, ohnehin herrscht gerade eine Rezession. Life is a bitch and the butcher married one. Der deutsche Verleihtitel ist ausnahmsweise gut gewählt: Menschenfeind. Der Schlachter ist ein Misanthrop par excellence, hasst er doch alles und jeden. Wenn ihm jemand krumm kommt, ist er ein Ausländer oder Homosexueller. Ohnehin braucht Frankreich mal wieder einen wie Robespierre. Und selbst wenn nicht, er - der Schlachter - wird sie alle ficken; soviel steht fest.

Mit seinen rasanten Schnitten, untermalt von dem explosiven Geräusch einer Gewährkugel, und seinen Kameraeinstellungen weiß der argentinisch-stämmige Gaspar Noé visuell durchaus zu überzeugen. Nur der Inhalt, der sich bisweilen bei Martin Scorseses Taxi Driver bedient, bleibt da etwas auf der Strecke. Die inneren prätentiösen Monologe des Schlachters sind zwar mitunter recht nett, aber auf die Dauer ermüdend. Dass er nur faselt, ohne zu Handeln, ist konsequent hinsichtlich seiner nicht vorhandenen Entwicklung, stagniert aber nach seiner Flucht aus Lille, ehe es ins Finale übergeht. Dieses wird von Noé kongenial mit einer Titelkarte eingeleitet, die letztlich aber verpufft. „Die Befriedigung mir meinen Wunsch erfüllt zu haben und nicht die Vorstellung der anderen“, erklärt der Schlachter in der finalen Einstellung, wenn er seine Tochter doch nicht erschossen hat, wie man es ja eigentlich erwarten würde. Damit reißt Noé kurz sein absurdes „Happy“ End - sehr zynisch mit Johann Pachelbels „Canon in D Major“ unterlegt - heraus, würde er es mit dem Inzest nicht sogleich wieder korrumpieren. So möchte Seul contre tous etwas sein, was ihm schließlich nicht gelingt darzustellen. Eine sehr positive (und gute, das will ich nicht abstreiten) Besprechung findet sich beim zeitverschwender - meine Sympathien sind allerdings verflogen.

6/10

Irréversible

„Kennst du Le Tenia?“, hallt es durch das „Rectum“ und wohin das Auge reicht sieht man sich sexuell befriedigende Homosexuelle (sowie den Regisseur Gaspar Noé). In seinem Film Irréversible rühmt sich das DVD-Cover damit, dass fast jeder zehnte Zuschauer bei der Premiere in Cannes den Saal vorzeitig verlassen hat. Noés Geschichte einer rückwärts erzählten Vergewaltigung und ihrer folgenden Rache lässt sich leicht als prätentiöses, homophobes Filmchen beschreiben. Aber auch als unglaublich tiefsinniges, metaphysisches Paradebeispiel auf Determinismus und Kausalität in diesem unserem Universum. Generell ließe sich sagen, dass es ein Werk ist, auf das man sich einlassen muss - wenn man sich denn darauf einlassen könnte. Die Intensität der ersten Hälfte ist berauschend und mitreißend. Ein Sog von Gewalt und rasender Wut. Die Vergewaltigung von Alex (Monica Bellucci) bildet hierbei das Mittelstück von Irréversible und zugleich das Ende beziehungsweise den Anfang einer von zwei Teilgeschichten.

Im Kleinen ist Noés Nachfolger von Seul contre tous - der Schlachter erhält einen Kurzauftritt - ein visuelles Meistwerk. Nicht nur dass die Handkamera durch ihre vollständige Auslastung den Zuschauer mitnimmt auf diese emotionale tour de force, sondern sie passt sich auch der Geschichte an. Mit fortlaufender Erzählung gewinnt sie an Statik, wird ruhiger, wie auch die Handlung ruhiger wird. Sinnbildlich hierzu sind auch die beiden männlichen Protagonisten zu betrachten. Zeichnet sich Marcus (Vincent Cassel) in der ersten Hälfte des Filmes als wild gewordener Rächer aus, den Pierre (Albert Dupontel) versucht zu beschwichtigen, so wandelt sich das Bild, wenn das Trio sich auf den Weg zur Party macht. Hier ist Marcus der Besonnene und Ruhige, während Pierre in aller Öffentlichkeit seiner Eifersucht und Paranoia freien Lauf lässt und eine Szene aufgrund des Sexlebens seiner Ex, Alex, veranstaltet. Über Alex wiederum erfährt das Publikum erst in den letzten zehn Minuten etwas mehr, bildet sie zuvor lediglich den Antrieb und roten Faden der Geschichte.

In seinen letzten Minuten offenbart Noé dann viel über seinen Film selbst. Zum einen hängen in Marcus’ und Alex’ Schlafzimmer Plakate sowohl von What’s Love als auch von 2001: A Space Odyssey (letzteres mit dem berühmten Spacebaby), welche wiederum Bezug auf die Beziehung zwischen Marcus und Alex nehmen. Dann wiederum erzählt Alex ihren Traum von dem in roter Farbe getauchten Tunnel, in welchem sie später/vorher vergewaltigt wurde und Marcus zeigt seine Intention, mit ihr Analverkehr zu haben, was ebenfalls wieder die Vergewaltigung vorweg nimmt. Zuletzt inszeniert Noé seine Darstellerin dann in der wohl friedlichsten Montage des Filmes, im Park das Buch An Experiment With Time von J.W. Dunne lesend. Diese wiederum beschäftigt sich mit jener Zeitebenengleichheit und dem Bewusstsein des Menschen. Zu guter Letzt endet der gebürtige Argentinier dann seinen wohl stärksten Film mit der passend-zynischen Einblendung der Worte: le temps detruit tout (Die Zeit zerstört alles). Irréversible ist ein intensives Seherlebnis und hat über all die Jahre seit meiner letzten Sichtung nicht wirklich von seiner Stärke eingebüßt.

8/10

Zoo

Toleranz ist ja immer so ne Sache. Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Im amerikanischen Bundesstaat Washington lebten einige Männer auf einer Farm, wo sie sexuellen Kontakt zu Pferden hatten. Das ganze wurde letztlich öffentlich, als Kenneth Pinyan, einer der Männer, aufgrund einer Bauchfellentzündung starb, die ihm durch Sex mit einem Araberhengst zugeführt wurde. Seitdem ist in den USA nunmehr Sex mit Tieren per Gesetz verboten. In seinem etwas mehr als einstündigen Essayfilm widmet sich Robinson Devor nun jenen Männern aus Enumclaw und ihrer … ungewöhnlichen sexuellen Neigung. Devors Zoo mutet zwar wie eine Dokumentation an, ist jedoch nicht als solche inszeniert. Dafür wirken die meisten Szenen zu künstlich und gestelzt, ganz davon abgesehen, dass zahlreiche engagierte Schauspieler Rollen übernommen haben.

Ich selbst hab nicht wirklich Zugang zum Film bekommen, der irgendwie keinen richtigen Inhalt besitzt oder eine Botschaft verkünden möchte. Devor zeigt eben diese Männer, die sich auf ihrer Farm besaufen und erklären, dass sie Pferde lieben. Und zwar etwas mehr als nur auf platonische Weise. Dabei ergreift Devor keinerlei Partei, sein Essayfilm ist durchaus schnörkellos inszeniert. Dass die Mehrheit der Zuschauer jene Aktionen eher weniger gutheißen, dürfte jedoch offensichtlich sein. Und so erzählt uns Zoo auch nichts unbedingt Neues. Denn wenn ein Mann lieber mit einem Pferd Sex hat, als mit einem Menschen, dann gehe ich davon aus, dass da auch eine emotionale Bindung herrscht. Schön photographiert ist Devors Film jedoch fraglos. Speziell die Einstellungen, welche die Natur mit einbeziehen, sind von einer fast schon poetischen Schönheit. Der Inhalt der Bilder kann da jedoch weniger mithalten. So ist Zoo eigentlich nicht mehr, als nachgestellte Szenen von Männern, die über Pferde reden, als wären es Menschen. Dem Kleriker hat’s gefallen, mir leider nicht.

4/10

Ex Drummer

Skandal, im Sperrbezirk! Damals brannte wohl die Hütte, als Koen Mortiers Adaption von Hermann Brusselmans Roman in die belgischen Kinos kam. Brusselmans, seines Zeichens ohnehin ein Skandalautor, schreibt gerne über Promiskuität und Alkoholismus. In Ex Drummer schickt er den erfolgreichen Schriftsteller Dries (Dries Van Hegen) auf eine kleine Recherchereise in die Untiefen der Asozialität. Drei mehr oder weniger Behinderte klingeln eines Tages an Dries’ Luxusapartment in Ostende. Einen Drummer brauchen sie, für ihre Band. Einzige Voraussetzung ist, dass Dries eine Behinderung vorweisen muss. Macht er. Er kann nicht Schlagzeug spielen. Obwohl er es eigentlich doch kann. Aber warum sollte er sich diese Gelegenheit entgehen lassen? Recherche direkt am Objekt. Die niederste Stufe der menschlichen Gesellschaft. Das schreit nach einem neuen Buch. Und nebenher kann man auch etwas Spaß haben.

Zu Beginn offeriert Mortier einige visuelle Spielereien, lässt er doch seine Einleitung rückwärts ablaufen. Und den misogynen Koen (Norman Baert) filmt er unentwegt kopfüber, was zugegebenermaßen gut aussieht. Brusselmans Geschichte handelt von der Band „The Feminists“, die einen Rockwettbewerb gewinnen wollen. Der Star: die einzelnen Bandmitglieder. Koen, der gerne Frauen zusammenschlägt, ist vorbestraft und bezeichnet seine frühere Berufskarriere als „Gewalttätigkeit“. Interessant ist es dann allerdings zu sehen, wie er im Laufe des Filmes mehr und mehr das Kommando an Dries abgibt, wobei dieser ihm körperlich unterlegen sein dürfte. Jan (Gunter Lamoot) hat einen gelähmten rechten Arm, seit ihn seine Mutter beim Onanieren erwischt hat und Ivan (Sam Louwyck) ist taub, weil er seine Mutter wiederum beim Sex erwischt hat. Dries andererseits ist arrogant, was sich angesichts seiner sozialen Stellung von selbst ergibt. Mit seiner Freundin Lio (Dolores Bouckaert) lebt er in einer offenen Beziehung und amüsiert sich über die Stupidität des Pöbels.

In Ex Drummer begibt sich nun Dries in die Untiefen der Gesellschaft, um diese letztlich vorzuführen und seinen Spaß an ihnen zu haben. Bezeichnend, dass er abgesehen von seinem eigenen Umfeld mit niemandem aus der Mittelschicht (die ohnehin im Film nicht vertreten ist) verkehrt. Es ließe sich also durchaus argumentieren, dass Koen und die anderen nur deshalb so asozial daher kommen, weil das Publikum sie quasi durch die Augen von Dries so wahrnimmt. Dies würde wiederum die Frage aufwerfen, wie Dries zur Mittelschicht stünde, welche Fratze er ihr verleihen würde. Was Mortier als Komödie beginnen lässt (die durchaus einige unfassbar komische Momente aufbietet), wandelt sich schließlich immer mehr zu Dries’ diabolischen Plan, der einem im Nachhinein nicht wirklich klar werden will. Dafür überschlagen sich am Ende die Ereignisse, ohne eine tiefere Bedeutung zu haben. So ist der Film im Grunde okay in seiner Intention dem Publikum den Spiegel vorzuhalten (ob dies bei jedem funktioniert, ist eine andere Frage), selbst wenn dies nur gelegentlich zu gelingen vermag. Ehrlich gesagt hatte ich mir jedoch nach all dem Tram-Tram im Vorfeld doch etwas Skandalöseres versprochen.

6/10

Salo o le 120 giornate di Sodoma
(Die 120 Tage von Sodom)

Wer Salò nicht einmal in seinem Leben gesehen hat, der hat nicht gelebt, sondern ist vor dem Leben geflohen. „So einfach ist das“, erklärt die Regisseurin Catherine Breillat in einem Interview zu Pier Paolo Pasolinis letztem Film, bevor er unter mysteriösen Umständen ermordet wurde. Eines dürfte unbestritten sein, Salo o le 120 giornate di Sodoma erhitzt die Gemüter. Einige – darunter die australische und zeitweise auch die deutsche Regierung – sehen in dem Film des Italieners reine Pornographie und eine Unzumutbarkeit. Andere, wie der französische Regisseur Bertrand Bonello, sind der Ansicht, der Film sollte aufgrund seines pädagogischen Ansatzes jedem Gymnasiasten gezeigt werden. Schließlich sei es „der wichtigste Film aller Zeiten“. Die Verfilmung eines Romans des Marquis de Sade, zeitversetzt in die Endphase des italienischen Faschismus in Mussolinis Reststaat Salò, erweckt Kontroversen und ruft bei einigen Regisseuren (siehe Breillat und Bonello) diskutierbare Aussagen hervor. Gaspar Noé gestand immerhin ein, dass er bezweifelt, dass man 10-Jährige mit dem Film etwas anfangen können.

Ich wiederum bin mir ziemlich sicher, dass ein 10-Jähriger mit dem Film nichts anfangen kann. Pasolinis Allegorie auf den Faschismus ist in seinen ersten fünfzig Minuten noch sehr zurückhaltend und beginnt dann seine ganzen anarchischen Ausmaße anzunehmen. Der Höllenkreis der Scheiße ist fraglos einer der Momente, die mir persönlich den Magen umgedreht haben. Doch selbst wenn es nicht meine erste Sichtung des Filmes war, bleibt mir bisweilen der Zugang zur Materie verschlossen. Viele Szenen ergeben einen Sinn, doch der Zweck einiger anderer (die in etwa in dieselbe Richtung stoßen), will sich mir bis heute nicht erschließen. „In Saló steht Sexualität für Degeneration, Macht, Vernichtung“, schrieb Otto Schweitzer im Metzler Filmlexikon (S. 556). Das wird deutlich, da Pasolini derartige Szenen mehrfach abspielt. Wieder und wieder, sodass sie bisweilen eintönig werden. Da wird auf den Boden geschissen und die Scheiße gegessen, da werden Nägeln in Essen gesteckt und Menschen gefüttert, da werden Mädchen gezwungen, Beamten ins Gesicht zu pinkeln. Während Bonello hier die explizite Darstellung der Gräuel des Zweiten Weltkrieges sieht, die in schriftlicher Form nie greifbar wären, wirken die Schockmomente Pasolinis auf die Dauer redundant.

Inwiefern Pasolinis Salò als bedeutsam und wichtig angesehen werden kann, entschließt sich meiner Urteilskraft. Auch unabhängig von seinem Film wäre eine ansatzweise Greifbarkeit der Gräuel des Holocaust beziehungsweise Faschismus (die meiner Ansicht nach ohnehin nur von den Opfern und keinem Außenstehenden wirklich greifbar sind) möglich gewesen. Daher ist mir (mal wieder) der Hype um einen Film nicht sonderlich geheuer. Etwaige Analogien, wie dass die Faschisten ihren Opfern ihre Scheiße sprichwörtlich zum Essen vorsetzen, sind vom Ansatz her ganz nett, in ihrer Umsetzung jedoch nahezu unkonsumierbar. Mir selbst ist nicht klar, ob Pasolini hier – ähnlich wie Michael Haneke Jahrzehnte später mit Funny Games – einen Film erschaffen wollte, der den Zuschauer zum Verlassen bewegt. Daher würde ich selbst nicht sagen wollen, dass es ein wichtiger Film ist, sondern „interessant“ trifft es für mich eher. So weit zu gehen, dass man nicht gelebt hat, wenn man nie in den Genuss (sicherlich das falsche Wort für den Film) von Salò gekommen ist, würde ich dann allerdings ohne Frage nicht.

7/10

Eraserhead

Öhem. Ja, gut. Hier weiß ich schwerlich wo ich anfangen soll. Seit der letzten Sichtung hat sich nicht viel geändert, da ich immer noch keine Ahnung habe, worum es in David Lynchs Debütfilm geht. Aber wie es scheint, bin ich nicht alleine damit, denn immerhin hat der Regisseur und Autor selbst gesagt, dass bisher noch niemand die wahre Bedeutung von Eraserhead erkannt hat (zumindest seines Wissens nach). Erzählt wird auf jeden Fall die Geschichte des Druckers Henry (Jack Nance). Dieser erfährt bei einem Abendessen mit seiner Freundin und deren Familie, dass er Vater einer Frühgeburt ist. Gezwungenermaßen heiratet er die Mutter und lässt diese mit dem Kind, einem deformierten Etwas, bei sich einziehen. Als das Wesen nicht aufhört zu schreien, zieht die Mutter zurück zu ihren Eltern und Henry gibt sich seiner eigenen phantastischen Welt hin. Voll von auf Spermien tanzenden pausbackigen Blondinen und missgestalteten Männern in Planeten. Die Interpretationen reichen von einer Wochenbettpsychose über Abtreibung zu einer nuklearen Katastrophe. Wie dem auch sei, Eraserhead zählt zu den Lieblingsfilmen von unter anderem Stanley Kubrick und George Lucas und bescherte Lynch sein Regieengagement für The Elephant Man, nachdem Mel Brooks Lynchs Debütwerk in Augenschein genommen hatte.

Für Lynch-Fans ist sein Erstling fraglos ein Muss, da der Kultregisseur hier bereits etliche Motive seiner späteren Werke wie Blue Velvet oder auch Mulholland Drive mit einbaut. In schwarzweißen Bildern untermalt er seinen Film ausschließlich mit industriellen Geräuschen und präsentiert seinem Publikum eine surreale Geschichte par excellence. Fünf Jahre hatte der Produktionsverlauf gedauert, da Lynch nebenher Zeitungen austragen musste, um das Budget zusammenzukriegen. Inzwischen gilt Eraserhead als Kultfilm, bei vielen Usern der OFDB finden sich etliche „Meisterwerks“-Bekundungen und 10/10-Bewertungen. Worum es geht, weiß niemand. Aber das sieht ja so fucking surreal aus! So gesehen ist David Lynch ein losgelassener Hund. Theoretisch könnte er eine Parkszene drehen, in der nichts passiert, außer das plötzlich ein kleinwüchsiger Plan auf einem Einrad ins Bild fährt, einen Revolver zückt und sich erschießt. Die Fans würden jubeln. Es ist also anzunehmen, dass Lynchs Filme vormerklich Kunstwerke sein wollen, denn wirkliche Filme. Wie dem auch sei, Eraserhead zählt ähnlich wie Zoo zu jenen Werken, zu denen ich keinen Zugang erhalten habe.

Da Lynch einem das Verständnis nicht leichter machen möchte, muss man sich auf seine eigenen Interpretationen verlassen. Daher ergibt sich für mich folgendes Szenario: da die Geburt des Kindes sowohl für Henry als auch für seine Freundin überraschend kam, wird das Kind (das zugleich eine Frühgeburt ist) aufgrund der eigenen Unvorbereitung als „deformiert angesehen“. Mit den Anforderungen an die Elternschaft sind beide Elternteile überfordert, die ohnehin schon stark industrialisierte Welt treibt Henry derart in den „Wahnsinn“, dass er sich in seiner Phantasie nach der Frau in der Heizung sehnt. Als ihm der ganze Stress zuwider wird, mit Albträumen von seinem Kind, das seinen eigenen Platz einnimmt, entledigt er sich des Wesens. Ein interessanter Aspekt ist die „Krankheit“ des Kindes, die Henry kurzzeitig wie einen guten und fürsorglichen Vater dastehen ließ. Somit wäre „Eraserhead“ eine Allegorie auf die unvorbereitete Elternschaft (Lynchs Frau erwartete zu Beginn der Dreharbeiten selbst ihr erstes Kind) - verpackt in Surrealismus. Trotz allem bleibt der Film für mich vormerklich eine Art „Kunstwerk“ und The Elephant Man mein Lieblingswerk von Lynch (da verständlicherweise sein zugänglichstes Werk). C.H., wenn du den Film noch nicht gesehen hast, empfehle ich ihn dir. Und wenn du ihn schon gesehen hast, erleuchte uns respektive mich doch bitte mit einer deiner ausführlichen Analysen.

6.5/10

Ett hål i mitt hjärta (A Hole In My Heart)

Da hatte sich Lukas Moodysson 2004 ne ganze Ecke aus dem Fenster gelehnt, mit seinem experimentellen A Hole In My Heart. Dabei springt einem die Gesellschaftskritik förmlich in jeder Szene an. „Die wollen das doch sehen“, erklärt Rickard (Thorsten Flinck), als er über seinen Amateurporno spricht. Immer schön Löcher stopfen, schließlich sind wir eine Pornogesellschaft. Da geht es nur um Triebbefriedigung, da liegt die Kohle. Deshalb hat sich Tess (Sanna Bråding) auch die Schamlippen entfernen lassen. Damit es besser flutscht und aussieht. Ihre Vaginaloperation scheint dabei aktuelle die letzte einer größeren Anzahl an Verbesserungen zu sein, die sie für ihren Körper vorgenommen hat. Simultan zu ihrer Aufzählung schneidet Moodysson dann Rickards Sohn Eric (Björn Almroth), der Regenwürmer als Haustiere hält. Die sehen normal aus, seien aber alle anders, berichtet er dem Publikum. Damit stehen die Regenwürmer natürlich sinnbildlich für Eric selbst, aber auch Tess, Rickard und dessen Pornokumpel Gecko (Goran Marjanovic).

Da ist es schon zynische Heuchelei, wenn Rickard gegenüber Tess ausruft „Don’t fuck with the nature“, weil diese sich zu oft wäscht und daher ihr Genitalbereich angeblich riecht. Doch obschon sie sich nicht mögen, bleiben die vier doch die meiste Zeit zusammen in ein und derselben Wohnung. Sogar Eric, der sich gar nicht an den Amateurpornos seines Vaters beteiligt. Stattdessen hockt er in seinem Zimmer und hört Noise-Musik, um den Geräuschen aus dem Wohnzimmer zu entgehen. Später wird er sich sogar die Augen mit Pflastern zukleben. Der einzige Grund, der Eric wohl davon abhält dem Treiben nach Draußen zu entgehen, ist wohl seine deformierte rechte Hand. Tess hingegen weiß im Grunde nicht, wo sie anders hin soll. Ein kurzer Ausflug in den Supermarkt raubt ihr fast den Verstand. Alle seien so langweilig, erklärt sie, ehe sie die schlafenden Rickard und Gecko darum bittet, sie mögen sie ficken. Dabei sehnt sich Rickard eigentlich nur nach der Anerkennung von Eric und Gecko versucht seinem Leben einen Sinn zu geben, ehe er (aus unerfindlichen Gründen) ins Gras beißen muss.

Moodysson spielt mit seinem visuellen Inszenierungsstil, lässt die Charaktere mal wie in einer Dokumentation direkt zur Kamera sprechen, dann wiederum wie beim Psychiater Szenen von den Charakteren mit Puppen nachstellen oder macht einen auf Big Brother, wenn er den Pöbel in eine dunkle Kammer steckt, wo sie in die Nachtsichtkamera ihr Innenleben auskotzen. Seine Kommerz- und Konsumkritik bringt der Schwede schließlich auf subversive Weise auch dadurch zum Ausdruck, dass er die Markennamen aller Artikel blurrt und oftmals kitschige Popmusik als Untermalung einspielt. Was in A Hole In My Heart sehr gut beginnt, wandelt sich gegen später dann bedauerlicherweise zum Teil zur Farce, wenn in bester Marco Ferreri Manier eine lüsterne Völlerei dargestellt wird, die natürlich ausarten muss. Erst ein dunkles Geheimnis – vollkommen unangekündigt und irgendwie deplatziert – bringt zu guter Letzt die Wende und beschert den Charakteren so etwas wie Harmonie. Grundsätzlich ein guter Ansatz, der sich dann allerdings verliert.

6.5/10

C’est arrivé près de chez vous (Mann beißt Hund)

Für gewöhnlich beginnt er seinen Monat mit einem Mord an einem Briefträger und gerne regt er sich auch auf, wenn die Stadt afrikanischstämmige Nachtwächter anstellt. „What a dirty trick! So you can’t see him! Who would ever think so low?”, echauffiert sich Benoît in Richtung Kamera. In ihrem Debütfilm inszenierten die drei belgischen Filmstudenten Rémy Belvaux, André Bonzel und Benoît Poelvoorde eine bitterböse Mediensatire. Ein dreiköpfiges Kamerateam rund um Regisseur Rémy und Kameramann André begleitet den Serienkiller Benoît bei seinen mörderischen Streifzügen. Was als objektive Dokumentation beginnt artet schließlich zu Mittäterschaft und letztlich sogar zu aktiven Verbrechen der Journalisten aus. Mitten drin: Benoît, ein skrupelloser Mörder, bei dem man dennoch nicht umhin kommt gewisse Sympathien für ihn zu hegen.

Benoît ist ein Chauvinist und Rassist, daran besteht kein Zweifel. Der afrikanischstämmige Wachmann muss prüde gewesen sein, befindet der Mörder. Schließlich habe er, was das Vorurteil bestätigt, ein enormes Glied gehabt und sich dennoch nicht prostituiert, wie es dieses „Volk“ für gewöhnlich macht. In selber Szene zeigt Benoît allerdings gleichzeitig eine gehörige Portion Respekt, wenn er von zwei Arabern erzählt, die er irgendwann mal in eine Mauer einbetoniert hat. „Facing Mecca, of course”, erklärt er. Seine Morde sind nicht politisch motiviert, er ist kein Triebtäter. Ähnlich sieht es auch seine Freundin Valerie. „Everyone’s got to eat“, ist ihr einziger Kommentar zu Benoîts Beruf. Dieser ist sich auch nicht zu schade, seine Beutezüge hinterher mit Rémy, André und dem aktuellen Tontechniker zu teilen. Der Beginn für den Niedergang des Dokumentationsteams, das spätestens hier vom Beobachter zum Teilnehmer wechselt.

Sie alle waren sich der Gefahr bewusst, erklärt Regisseur Rémy als Patrick, der erste Tonmann, an einem Drehtag erschossen wird. Besonders traurig ist dieser Augenblick, weil Patrick eben erst mit seiner Verlobten Marie-Paule zusammengezogen ist. Die obendrein noch schwanger von ihm war. Auch der zweite Tonmann, Franco, überlebt sein Engagement nicht lange. Aber Rémy ist sich sicher, dass Franco gewollt hätte, dass sie weiterdrehen. Weshalb er diesem kurzerhand den Film widmet, auch hinsichtlich der Tatsache, dass Franco gerade erst mit seiner Freundin zusammengezogen ist. Die Marie-Paule heißt. Und die ein Kind von ihm erwartet. Es gelingt Belvaux, Bonzel und Poelvoorde unzählige schreiend komische Momente zu erschaffen, die in ihrer Natur abstoßend sind, jedoch von Poelvoorde dermaßen genial rüber gebracht werden, dass man nicht anders kann als lachen. Das brillant geschriebene Drehbuch ist hierbei neben der Medienkritik gespickt mit dutzenden grandiosen Szenen. Als Benoît während einer Verfolgungsjagd sein Kommunionsarmband verliert, ist er betrübt. Immerhin hat es ewig gedauert dieses zu stehlen, da er erstmal einen Jungen finden musste, der dieselben Initialen hatte wie er selbst.

Halten sich Rémy und die anderen zu Beginn noch so gut wie möglich von Benoît fern – sie lehnen es ab mit ihm nach einem Mord gemeinsam an die Küste zum Muscheln essen zu fahren -, so werden sie letztlich zu Komplizen. Sie helfen Leichen beseitigen, halten Kinder fest, die Benoît umbringt und beteiligen sich an Weihnachten schließlich sogar an einer Gruppenvergewaltigung eines Einwandererpärchens. In ihrer journalistischen Tätigkeit versagen sie also, wenn sie stets nach der besten Story aus sind. Der so genannten Mann-beißt-Hund-Geschichte, die einen Ruhm bescheren kann. Wie sehr die Medien bereit sind Grenzen zu überschreiten, verdeutlicht eine Szene, in der Benoît und die anderen bei einer Hetzjagd auf ein anderes Kamerateam treffen, welches dieselben Intentionen besitzt. Mit C’est arrivé près de chez vous ist dem belgischen Trio ein außerordentlicher Film gelungen. Bezeichnend, dass Poelvoordes Familie sich im Film selbst spielt, ohne zu wissen, worum es geht. Die Authentizität der Darsteller ist somit gesichert. Traurig, dass Regisseur Belveaux sich vor drei Jahren das Leben nahm. Denn dies ist wahrscheinlich der schwarzhumorigste Film, den ich je gesehen habe. Prädikat: Besonders Wertvoll.

10/10