6. November 2010

Mary and Max

The tears were the best gift he ever received.

Es gibt Menschen, für die sind Animationsfilme automatisch Kinderfilme. Diesen Menschen sollte man nie Kon Satoshis Perfect Blue oder Adam Elliots Mary and Max schenken, würden sie diese doch vermutlich direkt an ihre Kinder weiterreichen. Animationsfilme wie Mary and Max ermöglichen bisweilen, eine Geschichte zu erzählen, die mit realen Darstellern wohl nicht ohne weiteres umsetzbar gewesen wäre. Beispielsweise einen 44-jährigen am Asperger-Syndrom leidenden New Yorker, der eine lebensnotwendige Brieffreundschaft mit einer bebrillten und drangsalierten 8-jährigen Australierin eingeht. Regisseur Adam Elliot, der sich mit seinem knetanimierten Filmdebüt anschickt, das Monopol von Nick Park in diesem Subgenre zu brechen, erzählt diese Geschichte um Freundschaft, Mobbing, Einsamkeit und Tod auf eine derart berührende Weise, dass sie Mary and Max wohl zum besten Animationsfilm des Kinojahres 2010 macht.

Elliots auf eigene Erfahrungen aufbauende Geschichte erzählt von zwei tristen Leben in zwei tristen Welten. Speziell Max’ New York ist eine trüb-graue Angelegenheit, die den Film fast schon zum Schwarzweißwerk werden lässt. Letztlich passt sich hier die Umwelt dem Wesen der Hauptfigur an. Philip Seymour Hoffman spricht Max Jerry Horovitz, einen Misanthropen, der über das menschliche Verhalten rätselt und am liebsten Schokoladen-Hot-Dogs verspeist, obschon er dies als ess-gestörtes und übergewichtiges Mitglied von Overeater Anonymous lassen sollte. Es liegt nicht nur an Max’ semitischem Hintergrund, dass Elliots New York Episode mitunter wirkt, wie eine Knetversion eines Woody-Allen-Films. Etwas farbenfroher, zumindest in ihrer Umwelt, geht es dagegen im Leben der kleinen Mary Daisy Dinkle, gesprochen von Bethany Whitmore, zu. Was ihr Sozial- und Familienleben angeht, sieht dies jedoch ganz anders aus.

In der Schule wird sie wegen eines Muttermals auf der Stirn gehänselt, zu Hause vertreibt sich ihr Vater seine Freizeit lieber mit dem Ausstopfen von Vögeln, während die kleptomanische Mutter dem Sherry frönt. Marys Welt ist bedrückend-traurig und wie melancholisch Bethany Whitmore ihre Knetfigur synchronisiert, geht einem als Zuschauer Mal um Mal zu Herzen. Dass sich diese beiden verlorenen Seelen nun begegnen, verdankt sich dem Zufall - oder Schicksal, je nach Sichtweise. Um herauszufinden, ob Babys auch in den USA so entstehen, wie es Mary von ihrer Mutter beigebracht wurde (man findet sie am Boden eines Bierglases), pickt die 8-Jährige willkürlich eine Adresse aus einem New Yorker Telefonbuch - und stößt auf Max. Fortan füllen sie sich gegenseitig die emotionale Leere in ihren Seelen und versorgen sich jeweils mit Schokolade und einem Sozialleben, welches speziell Mary mehr und mehr am Leben hält.

Es ist sicherlich auch der Umstand, dass hier ein kleines Mädchen mit einem Asperger-Patienten kommuniziert, der Mary and Max seine kreative Vielseitigkeit verleiht. So unterbricht Max seine Briefgedanken an Mary gerne mit Zwischenfragen wie “Have you ever been a communist?“, während sein Gegenüber wiederum wissen will: “Do sheep shrink when it rains?“. Gerade Max’ Integration in die „normale“ Gesellschaft amüsiert durch Einfälle wie seinen imaginären Jugendfreund Mr. Ravioli, der, als er nicht mehr gebraucht wird, in der Ecke sitzt und Bücher liest (und zwar ganz Besondere) oder dass sein Psychiater auf den Namen „Dr. Hazelhof“ hört. Wo Max mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist, zeigt sich Marys Welt aufgrund der Umstände weniger komisch denn deprimierend. Dass sie sich ihr Spielzeug aus Abfällen basteln und gesüßte Kondensmilch trinken muss, sind verstörende Bilder von Kindesvernachlässigung.

Auch sonst wartet Elliots Debüt nicht gerade mit leichten Themen auf. Totschlag, Todesfälle und Selbstmord decken eine große Palette ab, ohne dass all diese Themen allzu sehr auf die zwar melancholische aber dennoch im Kern lebensbejahende Stimmung drücken. Dies verdankt sich zum einen dem neugewonnenen Lebensgeist von Mary und Max in ihrer Freundschaft (“You are my best friend“, schreibt Max), aber auch an der aufmunternden musikalischen Untermalung, die insbesondere Marys Alltag kennzeichnet. Dennoch ist in Mary and Max nicht alles Gold was glänzt. So weiß zum einen Toni Collette die erwachsene Mary nicht mehr mit derselben Wärme und Verletztheit zu synchronisieren, wie zuvor Whitmore. Zum anderen ist der von Barry Humphries gesprochene Erzähler zu oft anwesend und auf die Dauer eher lästig. Denn Filme wie WALL•E haben gezeigt, dass auch in Stummheit viel gesagt werden kann.

Hinzu kommen einige inhaltliche Einbindungen, die verloren gehen, da sie ohne Anfang und Ende präsentiert werden. Allen voran Marys Schwarm und späterer Ehemann Damien Popodopolous (Eric Bana), aber auch eine klinische Einweisung von Max, sowie die mehrjährige Differenz zwischen Akt zwei und drei wird reichlich schnell abgehakt. Allerdings sind dies nur kleinere Diskrepanzen in einem an und für sich sehr überzeugenden, weil unterhaltsamen und ausgesprochen berührenden, (Animations-)Film. Selten trifft man in diesem Genre Beiträge, die derart erwachsen mit ihrer Geschichte umgehen, wie Mary and Max. Man könne sich seine Warzen nicht aussuchen, sagt Dr. Hazelhof an einer Stelle zu Max. Aber man kann sich seine Freunde aussuchen. “I am glad I have chosen you“ schreibt Max in einem seiner letzten Briefe an Mary. Und wenn der Abspann einsetzt, ist auch der Zuschauer froh, sich für diesen Film entschieden zu haben.

8/10

Kommentare:

  1. Es gibt Menschen, für die sind Animationsfilme automatisch Kinderfilme.

    Yo, da fühle ich mich doch gleich angesprochen :-)

    Umso überraschender, dass ich mich dieser Wertung anschließen kann:

    beste[r] Animationsfilm des Kinojahres 2010

    Für mich sogar einer der besten Filme des Jahres insgesamt. Und ich bin wirklich jemand, der mit diesem ganzen Animations-Gedöns wenig anfangen kann.

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  2. Ein wirklich guter Film, vollste Zustimmung in allen Punkten.
    Dass die NY-Szenerie teilweise wie ein Woody Allen Film wirkt ist mir so gar nicht aufgefallen, wenn ich aber nachdenke muss ich Dir auch hier Recht geben.

    P.S:: Was für ein langweiliges Kommentar, fast schon schade, dass wir hier einer Meinung sind ;-)

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  3. Ich bin ja erst einmal kein Freund von dieser Knet-Animation. Der Trailer hat mich auch nicht angesprochen. Er wird aber tatsächlich durchweg gut besprochen. Sollte man sich wohl vormerken.

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  4. Bin per Zufall auf den Film aufmerksam geworden und freue mich schon auf die Lei-DVD. :)

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  5. Ich glaub ich mag lieber Computeranimationen als diese Knetfiguren, anders kann ich mir nicht erklären, warum ich ,,Mary and Max" relativ wenig Punkte gegeben habe...

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  6. Und wenn der Abspann einsetzt, ist der Zuschauer froh, sich für diesen Film entschieden zu haben.

    Oh ja. Selten hat mich in den letzten Monaten ein Film im Kino so berührt, war so bedrückend und gleichzeitig so warmherzig.
    Zu den Originalstimmen vermag ich aus diesem Grunde auch keine Aussage zu treffen. Die deutschen Synchronstimmen fand ich jedoch ziemlich passend.

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  7. Der Film ist so schön und bezaubernd, wie es der grässliche AMELIE damals gern sein wollte. In jeder Beziehung so dermaßen außergewöhnlich, ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen sollte.

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