7. September 2008

Eskalofrío

You have to show respect to the woods.

Die Aussetzung in der Sonne kann ihm den Tod bringen. Kein Wunder, dass ein einziger Sonnenstrahl bereits sein Herz zum Schlagen bringt. Da liegt die Vermutung natürlich nahe, dass der junge Santi (Junio Valverde) ein Vampir ist, wie ihn auch seine Klassenkameraden gerne bezeichnen. Dabei leidet Santi lediglich an Photophobia, einer Lichtallergie. Die Tatsache, dass er tagsüber schlafen muss und erst nachts aus seinem Zimmer kann, zieht die Psyche des Teenagers sehr in Mitleidenschaft. Er träumt von einer Auswanderung nach Lappland, wo nie die Sonne scheint. Quasi das gelobte Land für den jungen Spanier. Doch seine Mutter (Mar Sodupe) ziert sich, lässt sich dann jedoch zumindest auf einen Kompromiss ein. Beide ziehen in ein abgeschiedenes Dorf in den Pyrenäen, welches dank seiner Lage in einer Talsohle weitestgehend vom direkten Sonneneinfluss abgeschieden ist. Der erste Schultag fällt Santi schwer, obschon die hübsche Ángela (Blanca Suárez) sich freundlich zeigt. Einer der Schuljungen glaubt ein Monster im Wald gesehen zu haben und Santi erklärt sich mit zwei anderen Kameraden bereit, dem nachzugehen. Schon bald gibt es die ersten Todesfälle und Santi ist für die Polizei und die Dorfeinwohner der Hauptverdächtige.

Im Laufe des Filmes stellt sich heraus, dass Santis Photophobia von Regisseur Isidro Ortiz lediglich als Aufhänger für seine Geschichte benutzt wurde. Sie bildet kaum mehr als den Stein des Anstoßes in Eskalofrío, da sie im Bergdorf kaum thematisiert wird. Lediglich in ein, zwei Szenen muss sich Santi nochmals mit seinem „Erzfeind“, der Sonne, auseinandersetzen, der Rest der Geschichte spielt immer im Dunkeln oder Schatten. Vielmehr erzählt Ortiz eine mysteriöse Monstergeschichte, die Züge eines Dramas, Thrillers und Horrorfilmes trägt. Dabei beinhaltet Eskalofrío auch viele coming-of-age-Elemente, die der jugendliche Protagonist durchleben muss. Die Akzeptanz seiner Mitschüler, einen besten Freund, der zu einem hält, oder die erste wahre Zuneigung zu einem Mädchen. All diese Bewährungsproben muss Santi praktisch nebenher durchlaufen, während er ein ums andre Mal über zerfetzte Leichen stolpert. Dass der Zugezogene für die Einwohner zur wandelnden Bedrohung verkommt, ist da nur normal und wird von Ortiz auch entsprechend glaubwürdig umgesetzt. Wie der Spanier diese verschiedenen Genre-Elemente gekonnt miteinander verwebt, meist mühelos vom Mystery-Thriller zum Horrorfilm wandert, nötigt einem durchaus etwas Respekt ab. Da stört es auch nicht, dass die Geschichte zum Ende hin ziemlich an Fahrt verliert, da zuvor ziemlich viel perfekt gehandhabt wurde.

Lange geizt der Regisseur mit einem Blick auf sein Monster, welches ungemein agil und klein daherkommt, dabei bevorzugt das Blut vom Nacken seines Opfers leckt, nachdem es ihm die Ferse durchschnitten hat. Durch seine Agilität erhält weder der Zuschauer noch Santi einen guten Blick auf das, womit er es hier zu tun hat. Ein Rascheln hier, eine schnelle Kamerafahrt da – man spürt die Bedrohung, sieht sie jedoch nicht. Ähnlich pflegte vor Jahrzehnten bereits Steven Spielberg seinen Weißen Hai zu inszenieren. In der Mitte des Filmes folgt jedoch von Ortiz die Kehrtwendung. Beim zweiten Mord erhascht Santi und somit auch das Publikum einen Blick auf jenes blutrünstige Monster. Der große Verdienst von Eskalofrío ist es, dass hinterher die Spannung keineswegs raus ist, sondern vielmehr die Spannungsschraube nochmals angedreht werden kann. Viel dreht sich nun um den Ursprung jenes Monsters, woher es kam und wie es entstanden ist. Dabei deuten die Hinweise alle auf Santis eigenes Haus hin, dass ebenso Geheimnisse birgt, wie man sie bei Vermieter Dimas (Francesc Orella) finden kann. Bei ihrer Ankunft trifft Santis Mutter Julia in einem Lebensmittelgeschäft den halbblinden Schäfer, der sein gerissenes Tier beklagt. Dimas erinnert ihn daran dem Wald etwas Respekt zu zollen und weißt Julia darauf hin, dass jener Wald gefährlich ist. Auch Dimas Vater warnt die allein erziehende Übersetzerin, dass es nicht gut für sie ist, auf sich selbst gestellt in dem leeren Haus zu leben. Was und wie viel wissen die Einwohner des Dorfes über jenes Monster im Wald?

Um was es sich bei dem Monster schließlich handelt, ist weit weniger spektakulär, wie man bei dessen ersten Angriff vermutet hätte und erinnert an einige klassische Geschichten aus The X Files. Doch Ortiz, der hin und wieder komödiantische Auflockerungen einbaut, weiß hierbei stets den Rutsch ins Lächerliche zu vermeiden. Gerade die Szene, in der Santi sich zu Hause verbarrikadiert und das Monster dennoch einen Weg ins Wohnzimmer findet, ist besonders stark. Getragen wird diese Szene, wie auch der ganze Film, von dem starken Schauspiel Junio Valverdes, der bereits langjährige Erfahrung hat und in Guillermo del Toros El espinazo del diablo einen Jungen namens Santi spielte. In jener Szene, wie einigen anderen, merkt man allerdings auch, dass zwischen dem Monster und Santi eine Verbindung besteht, eine Sympathie. Diese wird bedauerlicherweise nicht erklärt, wie allgemein unverständlich bleibt, weshalb das Monster erst dann aktiv wird, als Santi und Julia ins Dorf ziehen. Zwar soll es vorher bereits zwei gerissene Schafe gegeben haben, aber die Todesfälle beginnen erst mit Santis Ankunft. Eventuell spielt hier die Tatsache eine Rolle, dass jenes Haus, in das Mutter und Sohn ziehen, eine Rolle spielt. Als das Haus neu bewohnt wird, werden die alten Geister gerufen. Zumindest wäre das die plausibelste Erklärung, die sich der Zuschauer selbst geben muss. Eskalofrío funktioniert über weite Strecken als das, was er sein will. Seine Auflösung der ganzen Ereignisse ist ziemlich enttäuschend oder anders gesagt etwas flach, stört jedoch den Gesamtfluss des Filmes zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Ein sehenswerter kleiner Horror-Thriller, wie man ihn aus der spanischsprachigen Welt kennt.

7/10 - erschienen bei Wicked-Vision

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