7. Oktober 2013

Prisoners

Pray for the best, but prepare for the worst.

Die Ohnmacht und Verzweiflung von Eltern, deren Kind verschwunden ist und womöglich entführt wurde, kann man sich vermutlich nicht mal vorstellen. Um das eigen Fleisch und Blut wieder in seinen Armen zu wissen, würden wahrscheinlich viele Menschen allerlei Dinge tun. Umso eher, je weniger erfolgversprechend die Ermittlungen der Polizei verlaufen. Diese Erfahrung muss auch Hugh Jackmans aufgerüttelter Familienvater Keller Dover in Denis Villeneuves Krimi-Thriller Prisoners machen, als seine junge Tochter sowie die seines Freundes und Nachbarn Franklin Birch (Terrence Howard) am Thanksgivingmittag verschwinden. Und obwohl sich auch schnell ein Hauptverdächtiger findet, gerät der Fall ins Stocken.

Zwar fährt Alex Jones (Paul Dano) ein Wohnmobil, das dem vermeintlichen Tatfahrzeug entspricht, dennoch lässt ihn der ermittelnde Kriminalbeamte Loki (Jake Gyllenhaal) wieder laufen. Jones habe den Verstand eines Zehnjährigen, so die Argumentation. Eine solche Person kann kein derartiges Verbrechen durchführen. Für Dover keine zufriedenstellende Antwort, speziell nicht, als Jones bei seiner Entlassung eine geflüsterte Andeutung an ihn macht. Während seine Frau (Mario Bello) ihren Kummer in Schlaf und Medikamenten ertränkt, nimmt Dover die Ermittlungen in seine eigenen Hände und entführt Jones zum Privatverhör. Unterdessen stößt Loki auf einen rätselhaften Todesfall und einen neuen Verdächtigen.

Relativ früh gibt Prisoners die Marschroute vor, möglichst viele Haken schlagen zu wollen, um das Publikum auf diese Weise bei der Stange zu halten. Dank Platzierung auf dem Poster darf sich dabei jeder gewiss sein, dass alles, was Villeneuve hier in zweieinhalb Stunden auf die Leinwand wirft, miteinander irgendwie zusammenhängt. Selbst wenn es zeitweilig von der Bildfläche verschwindet. In seinem Bestreben, mit etwaigen Twists für einen Wow-Faktor und abgebrochene Fingernägel in den Armlehnen zu sorgen, tut sich der Film jedoch gerade in seiner zweiten Hälfte keinen wirklichen Gefallen. Viel geschieht nur, um auf eine falsche Fährte zu locken und offenbart sich in der Nachbetrachtung als Ansatz zum Grübeln.

Da freut man sich dann schon, wenn Jackman ebenso erstaunt wie der Zuschauer nachfragt, wieso Danos geistig zurückgebliebener Charakter einen Wohnwagen fahren darf. “Well, he has a legal Pennsylvania license”, lautet Lokis lapidare Antwort. So viel dazu. Charakterdetails wie Dovers Tendenz zur Überpräparation – Vorräte und Gasmasken im Keller schützen vor allerlei Unheil außer Kindesentführung – werden für sekundenlange Spannungsmomente verwurstet und sorgen schließlich neben ellenlangen Folterszenen an Alex Jones dafür, dass sich der Film über zwei Stunden hinzieht. Vorteilhaft ist immerhin, dass man ihm diese Länge nur selten anmerkt, was sie im Umkehrschluss dennoch keineswegs rechtfertigt.

Die teilweise unnötigen Twists führen dann dazu, dass das Finale etwas konstruiert wirkt, wie es ohnehin nicht all das Bohai der zwei Stunden zuvor vollends rechtfertigen will. Immerhin ist das Schlussbild reichlich stimmig geraten und Prisoners lebt ohnehin weniger von seiner Handlung als vielmehr von seinen Darstellern. Die meisten von ihnen, allen voran Bello, aber auch Davis, Howard und Dano sind nicht sonderlich gefordert, sodass der Film ganz den auf dem Plakat namentlich geführten Herren Jackman und Gyllenhaal gehört. Letzterer irritiert allerdings bisweilen mit seinem Tick zum exorbitanten Blinzeln, was ein Drogenproblem der Figur vermuten lässt, welches diese dann aber doch nicht zu besitzen scheint.

Gerade Hugh Jackman spielt hier groß auf und liefert eine mitreißende Darbietung als seine Humanität verlierender Vater ab, die mit dafür verantwortlich ist, dass man als Zuschauer – mehr oder weniger – gebannt das Geschehen verfolgt. Dessen Mysterium um das Verschwinden der beiden Mädchen, ob Alex Jones in diesem unschuldig oder nicht ist und ob Keller Dover beziehungsweise Loki die Kinder retten können, ehe es zu spät ist – das alles macht Prisoners nicht zu einem der besten Filme oder Thriller dieses oder der letzten Jahre, sehenswert ist das Ergebnis aber durchaus. Und für Zuschauer, die den Film selbst als Elternteil schauen, ist das Spannungsmoment sicherlich nochmals eine ganze Spur intensiver.

6.5/10

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