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11. August 2017

Umi yori mo mada fukaku [After the Storm]

They say, ‘great talents bloom late’.

In Shel Silversteins Kinderbuch The Giving Tree erzählt der Autor von der Beziehung eines Apfelbaums und eines Jungen. Ersterer versorgt sein ganzes Leben hinweg den Jungen mit Äpfeln und Holz, Letzterer nimmt, ohne etwas zurückzugeben. Eine der Lesarten der Geschichte vergleicht die Beziehung des Baums und des Jungen mit der eines Elternteils zu seinem Kind. Eine Analogie, in der sich Pensionärin Yoshiko (Kiki Kirin) in Kore-eda Hirokazus jüngstem Film Umi yori mo mada fukaku [After the Storm] womöglich wiederfinden würde. Auch sie sieht Sohn Ryota (Abe Hiroshi) und Tochter Chinatsu (Kobayashi Satomi) meist nur, wenn die sich finanziell irgendwie bei der Witwe versorgen wollen. Stets nehmend, nie etwas zurückgebend.

Kore-edas Film kann im Grunde als Komödie beschrieben werden, auch wenn alle Figuren mit ihrem Leben hadern. Quasi mit der Gesamtsituation unzufrieden sind. “Why did my life turn out like this?”, artikuliert Ryota da in einer Szene – dabei dürfte dies ein Gedanke sein, der jede der Figuren beschäftigt. Einst mit einem Literaturpreis für seinen autobiografisch angehauchten Debütroman ausgezeichnet, verdingt sich Ryota inzwischen als privater Ermittler in einer Detektei. Dort stellt er für Klienten deren Ehepartnern nach, um deren Seitensprünge zu fotografieren. Nur um sich anschließend von den überführten Partnern bestechen zu lassen. Gleichzeitig ist seine eigene Ehe mit Kyoko (Maki Yōko) in die Brüche gegangen.

Einmal im Monat darf Ryota seinen Sohn Shingo (Yoshizawa Taiyô) sehen – obwohl er drei Monate mit den Alimenten in Verzug ist. Nicht zuletzt deshalb, weil Ryota das, was er hat, auf der Rennrad-Wettbahn verliert. Die Figur ist ein Verlierer wie er im Buche steht. Und kommt dabei ganz nach dem inzwischen verstorbenen Vater, dessen Schuldscheine immer noch daheim rumfahren. “You hate being likened to Dad”, konstatiert da Chinatsu später bei einer Art Familientreffen. Nur um festzuhalten: “You’re exactly like Dad.” Die Schwester macht dem Bruder dabei moralische Vorwürfe, unterscheidet sich jedoch selbst nur minimal von ihm. So lässt sich die alleinerziehende Mutter die Eiskunstlauf-Stunden ihrer Tochter von Yoshikos Rente bezahlen.

Die Pensionärin selbst ist ebenfalls nicht zu beneiden, lebt sie nach dem Tod ihres Mannes doch alleine in dem Apartment ihrer Wohnanlage. Warum sie sich keine neuen Freunde sucht, fragt Chinatsu ihre Mutter zu Beginn. “New friends at my age only means more funerals”, entgegnet diese. Und berichtet von dem Sohn der Nachbarn, der seinen Eltern ein Haus gekauft hat. Und sie aus der Wohnanlage quasi befreit hat. “It’s so quiet here”, bemerkt Ryota, als er Yoshiko besucht. “No more children playing these days”, erwidert die. Nur noch die Alten sind in der Anlage geblieben, junge Paare mit Kindern nicht nachgezogen. Umi yori mo mada fukaku ist nicht nur ein Film über die Beziehung von Eltern und Kind, sondern auch über Generationen.

Entsprechend besorgt reagiert Kyoko, als sie erfährt, dass Shingo mit Ryota ein paar Lotterielose gekauft hat. Schließlich soll der Sohn nicht wie der Vater enden, der selbst seinem eigenen alten Herrn ungewollt nacheifert. Es sei nicht leicht, der Mann zu werden, der man werden will, sinniert Ryota später gegenüber Shingo, als beide eine der wenigen positiven Erinnerungen von Ryota an seinen eigenen Vater reproduzieren. Im Fall von Kore-edas Film könnte man diesen Satz geschlechtsneutral erweitern: Es ist nicht einfach, die Person zu werden, die man sich vorgenommen hat zu sein. Oder anders: Nicht zu der Person zu verkommen, die man vermeiden wollte zu werden. Eine einsame Witwe, ein gescheiterter Autor, eine alleinerziehende Mutter.

Gerade in der Beziehung von Yoshiko und Ryota respektive der gutmütigen Enttäuschung der Mutter vom Sohn generiert Kore-eda die humorvollsten Momente. “He always loved my food”, erzählt Yoshiko beim gemeinsamen Abendessen Kyoko über Ryota. “That was his only virtue”, so die Mutter. “What do you mean ‘my only’?”, entgegnet dieser perplex. Zugleich sehen wir auch die Enttäuschung von Kyoko in ihren Ex-Mann. Als ihr neuer Freund sagt, dass er Ryotas Roman gelesen hat, fragt Kyoko aufrichtig, was er von dem Buch hält. Auf jenen Ryota ist sie noch immer stolz – und mag sich fragen, was aus dem Mann von damals wurde. Eine Idee gibt da Chinatsu, als sie andeutet, dass der Roman primär auf Autobiografischem fußt.

Obschon der Roman und seine Auszeichnung den Höhepunkt von Ryotas Schaffen darstellen, sieht dieser seine beste Zeit noch vor sich – zumindest gegenüber Yoshiko. Große Talente seien oft Spätzünder, meint er. Amüsanter Weise charakterisierte Yoshiko eingangs so den Sohn der Nachbarn, der diesen ein Haus besorgte. Während sie realisiert, dass sie in derselben Wohnung sterben wird, in der sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat. Das Ensemble spielt diesen Generationen- und Familienkonflikt gekonnt empathisch, was wenig verwundert, da die meisten bereits mit Kore-eda zusammenarbeiteten. So spielte Abe Hiroshi schon in Aruitemo aruitemo einen enttäuschenden Sohn namens Ryota für Kiki Kirins betagte Mutter.

Beide tragen den Film, unterstützt vom nuancierten Spiel Maki Yōkos oder Lily Franky in einer Nebenrolle als Ryotas Chef. Kore-eda liefert mit Umi yori mo mada fukaku wieder ein herzliches, ruhiges Drama. Nicht ganz so stark wie Umimachi diary, aber harmonischer als Soshite chichi ni naru – ein vergnüglicher Film über die Eltern-Kind-Beziehung. Passend zu The Giving Tree gibt es auch eine florale Szene: So hat Yoshiko eine Balkonpflanze, die weder Blüten noch Früchte trägt. “But I water it every day like it’s you”, sagt sie. “That’s not a nice thing to say”, findet der Sohn. Dafür schlüpfen dank der Pflanze Schmetterlinge. “So it’s useful for something”, meint Yoshiko. “I’m useful for something, too”, lamentiert Ryota. Er ist nur ein Spätzünder.

8/10

17. November 2010

Aruitemo aruitemo

Can’t you call your mom once in a while?

Eine Kleinfamilie sitzt in einer Straßenbahn. Sie, Yukari (Yui Natsukawa), trägt ein friedlich-freundliches Lächeln auf ihren Lippen. Er, Ryota (Hiroshi Abe), blickt mürrisch drein, als müsse er zum Zahnarzt. Die Reise führt aus der Großstadt zu einem Familientreffen. Die ersten Bilder von Kore-eda Hirokazus Film suggerieren fast, dass es hier gilt, Yukaris Familie zu besuchen. Doch Ryotas Abneigung richtet sich gegen die eigenen Erzeuger. Ob man nicht absagen könne? Eine Ausrede einfallen lassen? Wenigstens am selben Abend wieder heimfahren? Doch Yukari lehnt ab. Man wird über Nacht bleiben. Am Ende wird vermutlich auch sie diese Entscheidung bereuen.

Jährlich „zelebrieren“ die Yokoyamas den Heldentod von Junpei, Ryotas Bruder, der einst einem Kind am Strand das Leben rettete, aber dabei verstarb. Wie genau Junpei ums Leben kam, erzählt Kore-eda nicht und an sich ist es auch von sekundärer Natur. Im Vordergrund steht die Trauerfeier, bei der witzige Anekdoten erzählt werden, in denen die Eltern, Shohei und Toshiko, stets die Rollen zwischen Junpei und Ryota so vertauschen, dass der verstorbene Sohn besser wegkommt. Sehr zum missfallen Ryotas, der unter der Bürde leidet, es seinen Eltern nicht recht machen zu können. Als Kind wollte er Arzt werden, so wie sein Vater. Letztlich ist er es nicht geworden.

Auch dieser Grund ist von sekundärer Natur. Stattdessen ist Ryota arbeitslos, verschweigt dies jedoch und gibt sich dafür als Restaurateur aus. Was ihm auch nicht gerade den Respekt des Vaters einbringt, der durchklingen lässt, dass er anstelle von Junpei durchaus auf andere Menschen in seinem Leben hätte verzichten können. Insbesondere auf den Jungen, dem Junpei damals das Leben rettete, und der von Toshiko jährlich zur Trauerfeier eingeladen wird, damit sie ihn mit seinen Schuldgefühlen plagen kann. Übergewichtig hangelt er sich von Praktikum zu Praktikum und ist aufgrund der Trauerfeier so nervös, dass er sein Hemd und obendrein den Boden vollschwitzt.

Das Urteil ist – wie vermutlich jedes Jahr – gefällt: Dafür hätte Junpei wahrlich nicht sterben müssen. Lediglich Ryota bäumt sich auf, erkennt den Druck der Erwartungshaltung, weiß um die Enttäuschung in den Augen seiner Eltern. In Aruitemo aruitemo präsentiert Kore-eda eine Familie, die eigentlich kaum etwas vereint, außer den toten Sohn beziehungsweise den toten Bruder. Chinami (You), Ryotas Schwester, bietet an, mit ihrem Mann und den zwei Kindern zu den Eltern zu ziehen. Schließlich wird Toshiko nicht jünger und Shohei ist am grauen Star erkrankt. Erwünscht ist das jedoch nicht, war Toshiko doch bereits der nachmittägliche Besuch zuviel des Guten.

Das Verhältnis zu Ryota und Yukari ist nicht viel besser, kritisieren es doch sowohl Toshiko als auch Shohei, dass der Sohn „beschädigte Ware“ gekauft hat– denn Yukari ist Witwe. Die guten Manieren werden dann, wie es sich fürs Genre gehört, am Esstisch fallen gelassen. Hier wird geäußert, was sich an Frust und emotionalem Ballast angesammelt hat. Dass es dabei nicht zu Dialogen, sondern aneinandergereihten Monologen kommt, passt ins Bild der Familie Yokoyama. So gefällig Kore-eda die gestörten Beziehungen der Yokoyamas skizziert, so gehaltlos ist sein Drama jedoch unterm Strich auch. Daher verwundert es nicht, dass der Film ohne vollendete Katharsis endet.

Oberflächlich betrachtet funktioniert Aruitemo aruitemo sehr gut, nur dass Kore-eda wenig über die Charaktere preisgibt, verbaut ihm ein gelungeneres Gesamtbild. Schließlich wäre es interessant gewesen, zu erfahren, warum Ryota nicht mehr Arzt werden wollte oder wieso sich Shohei so abfällig gegenüber seinem Sohn und auch seiner eigenen Frau benimmt. Zwar kann alles irgendwie auf Junpeis Tod abgewälzt werden, doch erfährt man über diesen dafür nicht genug, als dass es sich vollends nachvollziehen ließe. Dennoch ist Kore-eda ein überzeugendes Charakterdrama gelungen, in dem das Schauspielerensemble, speziell Kiki Kirin (Toshiko), heraussticht.

7.5/10