Posts mit dem Label Amazon Prime Video werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Amazon Prime Video werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

31. August 2018

Koi wa Ameagari Yō ni [After the Rain]

Once it takes off, it won’t stop.

In Richard Linklaters Dazed and Confused erklärt die Figur Wooderson ihr Faible für Schülerinnen mit der Feststellung: “I get older, they stay the same age.” Und in der Regel sind es ältere Männer, die jüngere Freundinnen oder Frauen haben, zum Beispiel Michael Douglas, der ein Vierteljahrhundert älter als seine Gattin Catherine Zeta-Jones ist. Je größer der Altersunterschied, desto größer ist auch die Verwunderung und Ablehnung des Umfelds über eine derartige Liaison. Sicher mit ein Grund, weshalb die 17-jährige Gymnasiastin Tachibana Akira (Watabe Sayumi) in der Manga-Adaption Koi wa Ameagari no Yō ni – international als After the Rain vermarktet – niemandem verrät, dass sie für ihren bereits 45 Jahre alten Chef schwärmt.

Seit sich der Star der Leichtathletik-AG die Achillessehne riss, verbringt Tachibana ihre Freizeit statt auf dem Sportplatz als Kellnerin in einem Restaurant-Franchise. Ihre Filiale wird von Mr. Kondō (Hirata Hiroaki) geleitet, der zwar redlich bemüht ist, zu seinen Mitarbeitern eine Beziehung aufzubauen, die betrachten ihn jedoch eher von oben herab. Kellnerin Nishida (Fukuhara Haruka) spricht sogar direkt in Hörweite Kondōs seine körperlichen Ausdünstungen an. Die halten Tachibana aber ebenso wenig wie der Altersunterschied oder die Realisation, dass Kondō Vater eines kleinen Jungen ist, davon ab, sich für den 45-Jährigen zu begeistern. Weshalb sie ihm alsbald ihre Gefühle gesteht, was Kondō aber nur bedingt wahrnimmt.

In seinen Anfängen ist Koi wa Ameagari no Yō ni aufgrund ihrer Thematik eine eher schwer zugängliche Serie. Der enorme Altersunterschied von 28 Jahren wirkt befremdlich, genauso, dass die Hauptfigur dies nicht zu bemerken scheint. Der Zwiespalt, der sich für den Zuschauer daraus ergibt, ist einerseits Tachibana romantisches Glück zu gönnen, andererseits aber nicht unbedingt mit einem derart älteren Mann. Der nutzt die Zuneigung zwar immerhin nicht aus, gebietet ihr aber eben auch keinen Einhalt. “My casual remarks are affecting someone’s heart”, stellt Kondō da zwar während ihrer ersten Verabredung in der dritten Folge Raining Tears fest, sein Verhalten gegenüber der 17-Jährigen passt er deswegen trotzdem nicht an.

Die Adaption von Mayuzuki Yuns Manga-Serie, die über zehn Ausgaben von 2014 bis 2018 lief, gerät in der Folge aber nicht in Woody-Allensche-Fahrwasser. Statt einer Romanze entspinnt sich zwischen den beiden Figuren eher eine Art Freundschaft, obschon sich Tachibana durchaus Hoffnungen auf mehr macht. „Viele Komplexe und wenig echte Liebe führen solche Paare zusammen“, schrieb Heike Stüvel einst in einem Welt-Artikel über die Faszination junger Frauen an älteren Männern. Ähnlich ließe sich vermutlich auch Koi wa Ameagari no Yō ni interpretieren, trauern doch sowohl Tachibana als auch Kondō insgeheim vergangenen Träumen nach, während sie in Nebenhandlungen versuchen, alte Freundschaften zu kitten.

Kondō selbst wollte mal Schriftsteller werden, bevor ihm seine Ehe und der daraus resultierende Sohn in die Quere kamen. Was hätte sein können hält ihm die Karriere seines alten Schulfreundes Chihiro (Miyamoto Mitsuro) vor Augen, dessen Roman inzwischen sogar verfilmt wird. Angeregt durch die Gesellschaft von Tachibana und den wieder entflammten Kontakt zu Chihiro beginnt Kondō, sich seinem alten Hobby neu zu nähern. Ganz so weit ist Tachibana dagegen nicht. Mit dem Austritt aus der Leichtathletik-AG hat sie scheinbar ihre Jugendfreundschaft zu Schulkameradin Haruka (Miyajima Emi) hinter sich gelassen. Beide Mädchen sind entfremdet, wenn auch wohl eher wider Willen. Die möglichen Hintergründe bleiben lange offen.

Wieso kühlte die langjährige Freundschaft nach Tachibanas Austritt derart ab? Oder fiel doch etwas mehr vor, das die Serie nicht zeigt? Wie dem auch sei, beide Figuren machen halbgare und unbeholfene Versuche, sich einander wieder zu nähern. “I’m sure you’ve shared moments together that are irreplacable”, muntert Kondō in der vorletzten Folge Passing Shower Tachibana nach seinen eigenen Erfahrungen mit Chihiro auf. Was war, kann wieder so sein – so die Botschaft. Und selbst wenn nicht, lässt sich an der positiven Erinnerung daran festhalten. Wie die 17-Jährige dem 45-Jährigen etwas seines alten jugendlichen Esprits verleiht, bietet er ihr eine Schulter zum Anlehnen, selbst wenn dies von seiner Seite aus platonisch gemeint ist.

Was Tachibana in ihm sieht, bleibt ihr Geheimnis. Stöbert man im Netz, werden oft die Reife der älteren Männer und ihre größere Intellektualität als Gründe für junge weibliche Affektion herangeführt. Beides scheint bei Kondō eher weniger der Fall, der zwar belesen ist, aber nicht zwingend gebildet. So hat er in der Finalfolge selbst Schwierigkeiten, mit dem neuen Menü für das Restaurant klarzukommen. Zu den weiteren Mutmaßungen zählt, dass junge Frauen im älteren Partner einen Vaterersatz suchen. Dies scheint in der Serie schon eher möglich, da wir zwar bisweilen Tachibanas Mutter, nicht aber einen Vater sehen. Womöglich dienen ihr Kondō und mit ihm das Kellnern auch bloß als Projektionsfläche, um die Leere nach dem Sport-Aus zu füllen.

Jedenfalls avanciert Koi wa Ameagari no Yō ni in der Folge von einer Serie über die Schwärmerei einer Schülerin zu ihrem älteren Chef zu einer solchen, die beide Figuren eher zu sich selbst als zueinander finden lässt. Und die in gewisser Weise jede der anderen Halt geben, um sich wieder aufzurichten und zu ihrer alten Persönlichkeit zu gelangen. Dabei entwickelt sich schnell ein Flow, der die Zuschauer für sich gewinnt. Nicht zuletzt dank der gelungenen musikalischen Untermalung, angefangen vom für japanische Animes typisch rockig-schmalzigem Intro-Song “Nostalgic Rainfall” von CHiCO with HoneyWorks (“I wish I was the rain so I could easily feel you”, lautet einer der vielen Lyrics, die gleichzeitig kitschy und catchy sind).

Den Anime zeichnet generell viel aus, was auf das Genre zutrifft. So findet sich in Küchenhilfe Yoshizawa (Ikeda Jun’ya) ein willkommener comic relief als Klassenkamerad, der für Tachibana schwärmt und als running gag versucht, ihr ihre Telefon-Chat-ID abzuluchsen. Schön gezeichnet ist Koi wa Ameagari no Yō ni ebenso, wenn sich auch visuelle Spielereien oder Panorama-Aufnahmen eher in Grenzen halten. Als kurzweilige Serie über die Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens und -seins funktioniert sie somit allemal besser denn als Lolita-Reflexion. “It’s exciting because you can’t see what’s ahead”, sagt Kondō in Passing Shower über die begrenzte Aussicht von seinem Balkon. Und könnte genauso über das Leben an sich sprechen.

6.5/10

9. Juni 2017

Vorlage vs. Film: The Man in the High Castle

The Man in the High Castle (1962)

„Was wäre, wenn…?“ ist ein beliebtes Gedankenspiel, mit dem sich gerne alternative Realitäten erdenken lassen. Was, wenn man zu einer bestimmten Zeit nicht an einem bestimmten Ort gewesen wäre? Hätte man womöglich dann den Lebenspartner nie getroffen? Nie geheiratet, nie die gemeinsamen Kinder gezeugt? Kleine Veränderungen können den Unterschied machen, wie auch Domhnall Gleesons Figur eines Zeitreisenden in Richard Curtis’ Sci-Fi-Romanze About Time feststellen musste. Als er darin mit der Vergangenheit spielte, hatte sich bei der Rückkehr in die Gegenwart plötzlich das Geschlecht seines Kindes verändert. Weitaus drastischere Folgen zeigt derweil Philip K. Dick in seinem Kult-Roman The Man in the High Castle von 1962 auf.

In Dicks Alternativweltgeschichte ist das Attentat auf Franklin D. Roosevelt von 1933 erfolgreich. FDR stirbt und ist bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht US-Präsident. Die Nazis wiederum greifen im Gegensatz zur Historie hier doch die Radarstationen der RAF bei ihrer Invasion Englands an, sodass die Achsenmächte um Nazi-Deutschland, Japan und Italien den Krieg am Ende für sich entscheiden. 17 Jahre nach Kriegsende haben die Nazis und Japan die Welt unter sich aufgeteilt – bis auf die USA, die sich die Japaner an der West- und die Nazis an der Ostküste miteinander teilen. The Man in the High Castle – bei uns als Das Orakel vom Berge vertrieben – folgt nun fünf Figuren bei ihrem Alltag in dieser neuen, gefährlichen Welt.

Da ist einerseits der verdeckt in San Francisco lebende Jude Frank Frink, der sich als Schmuckhersteller selbstständig macht, nachdem er seinen Job in einer Fabrik für Replikate verloren hat. In derselben Stadt lebt auch der Antiquitätenhändler Robert Childan, der hauptsächlich an die japanischen Besetzer Artefakte der amerikanischen Kultur verkauft. Zur selben Zeit trifft mit Rudolf Wegener ein verdeckt einreisender Nazi in Kalifornien ein, der im Büro des japanischen Handelsministers Tagomi mit einem Mittelsmann von den Heimatinseln verabredet ist. In der neutralen Zone zwischen den beiden besetzten Gebieten lernt Franks Ex-Frau Juliana derweil den Italiener Joe Cindella kennen, der sie mit einer Alternativweltgeschichte bekannt macht.

“The Grasshopper Lies Heavy” heißt die Alternativweltgeschichte innerhalb Dicks eigener Alternativweltgeschichte. Konsequenterweise handelt sie wiederum davon, dass es die Alliierten waren, welche den Zweiten Weltkrieg gewannen. Der Mise-en-abyme-Aspekt der verschachtelten Geschichte ist sicher mit ein Grund für die Popularität von Dicks Roman. „Einer der allerersten großen amerikanischen SF-Romane“, nennt ihn der SF-Autor Kim Stanley Robinson im Vorwort der deutschen Ausgabe. Und begründet dies auch mit Dicks hier erstmals genauer Charakterzeichnung der Figuren in Verbund mit seinem üblichen Sci-Fi-Verfremdungseffekt. Mit The Man in the High Castle, so Robinson, zog Dick „ein ganzes Genre mit sich in die Höhe“.

Von der alternativen Historie erfährt der Leser nur am Rande: Dass die Nazis das Mittelmeer trockengelegt und in Kulturland verwandelt haben, der Holocaust mit der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents fortgeführt wurde. Technisch hochgradig veranlagt fliegen die Flugzeugraketen der Nazis nicht nur innerhalb von 45 Minuten die Strecke Berlin-San Francisco, sogar auf dem Mars ist die Menschheit dank der Faschisten bereits gelandet. Speziell Robert Childan zeigt sich angetan von den Errungenschaften der Nazis, jedoch ist dies auch mit der innewohnenden Animosität der Amerikaner gegenüber den japanischen Besatzern begründet. Wider der Standesunterschiede will Childan, dass diese „ihn als Menschen“ akzeptieren.

Auch Frank schimpft über die Besatzungsmacht, ist jedoch – wie auch Ex-Gattin Juliana – völlig den von den Japanern eingeführten I Ging respektive Buch der Wandlungen verfallen. Dessen Orakelsprüche werden sowohl von Japanern wie Tagomi als auch den Frinks für jedwede Lebensentscheidung zu Rate gezogen. Während Frank in der Folge nach beruflicher Unabhängigkeit und Childan nach dem Respekt der Japaner strebt, versuchen Wegener und Tagomi einen neuerlichen Krieg zu verhindern, als in Deutschland plötzlich der kränkelnde Reichskanzler Martin Bormann verstirbt und ein Machtkampf um seine Nachfolge entbrennt. Juliana wiederum will mit Joe den Autor von “The Grasshopper Lies Heavy”, Hawthorne Abendsen, besuchen.

Dessen Alternativweltgeschichte hat trotz des identischen Ausgangs des Zweiten Weltkriegs kaum etwas mit unserer Realität gemein. Hier sind es die USA und Großbritannien, welche die Welt unter sich aufteilen. Die USA versorgen dabei jede asiatische Provinz mit Fernsehgeräten im Wert von $1, genauso wie mit Nahrung und Bildung. „Wohlstand für die ganze Welt“, beschreibt Joe an einer Stelle – ein zynischer Blick von Dick auf das US-amerikanische Selbstverständnis. Da die Handlung ausschließlich in der westlichen Hälfte der uns bekannten USA spielt, vermittelt der Roman keine direkten Eindrücke aus Nazi-Deutschland oder der besetzten Zone jenseits der „zeitgeschichtlichen“ Umstände, von denen die Figuren berichten.

Interessant sind dafür die Entwicklungen in Folge der neuen Weltordnung. So sind es die Japaner, die sich für die aussterbende amerikanische Kultur als Artefakte begeistern, gleichzeitig jedoch auch Wert auf asiatische Traditionen wie I Ging und Rikschas legen. Allerdings macht Dick nicht genug aus seiner Alternativwelt, fokussiert sich eher auf die Charaktere, die ebenso wenig vollends ausgearbeitet wirken, wie auch die jeweiligen Handlungsstränge am Ende allesamt ins Leere laufen, wenn Dick seinen Roman etwas abrupt beendet. Die Prämisse alleine ist natürlich faszinierend genug, sodass es nicht verwundert, dass The Man in the High Castle in 2015 von Amazon als Serie adaptiert wurde. Die verfügt jedoch quasi über dieselben Mängel.


The Man in the High Castle (TV, 2015– )

These may be dark years, but we’ll survive. We always do.

Ein Aspekt, der die Amazon-Serie von der Buchvorlage unterscheidet, ist das dramaturgische Momentum, welches ihr innewohnt. Fokussierte sich Dick eher auf die Charaktere im Setting, dreht die Show von X Files-Produzent Frank Spotzniz hier die Spannungsschraube nach oben. Das Herz der Serie ist dabei der amerikanische Widerstand gegen die Besatzungsmächte, dem im Verlauf der bisher produzierten zwei Staffeln zuerst Juliana (Alexa Davalos) und später auch Frank (Rupert Evans) beitreten. Der Widerstand ist der deutlichste Unterschied zur Vorlage, in der „sich die Frage nach der Überwindung der deutschen und japanischen Vorherrschaft überhaupt nicht [stellt]“, worin Kim Stanley Robinson „eine absichtliche Auslassung“ sieht.

Indem der Leser den Widerstand gegen die faschistischen Mächte erwartet, aber nicht geliefert bekommt, wird er orientierungslos zurückgelassen und muss andere Identifikationsmöglichkeiten finden. Spotznitz macht es den Zuschauern da leichter. Zu Beginn der Serie wird Juliana von ihrer Schwester Trudy aufgesucht, die ihr eine mysteriöse Filmrolle übergibt, ehe sie in einer Hintergasse San Franciscos von der japanischen Geheimpolizei, den Kempeitai, erschossen wird. Als sie zuhause die Filmrolle “The Grasshopper Lies Heavy” anwirft und darauf Nachrichtenmaterial sieht, das den Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg schildert, löst Juliana eine Ereigniskette aus, die das Leben der vorgestellten Protagonisten verändern wird.

In der Folge adaptieren Spotnitz und Co. manche Momente der Vorlage, während andere neu erdacht oder erweitert werden. So reist Juliana für den Widerstand in die neutrale Zone, wo sie den Film einem Kontaktmann geben soll. Stattdessen lernt sie dort Joe (Luke Kleintank) kennen, der verdeckt für die Nazis nach dem kursierenden Filmmaterial sucht. In San Francisco trifft der Nazi-Deserteur Rudolph Wegener (Carsten Norgaard) Handelsminister Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa), während Antiquitätenhändler Robert Childan (Brennan Brown) versucht, die Anerkennung eines jungen japanischen Paares zu gewinnen. Frank hingegen gerät zum Spielball zwischen Julianas neuer Aufgabe und den Kempeitai um deren Leiter Kido (Joel de la Fuente).

Neben dem amerikanischen Widerstand gibt es zwei weitere deutliche Unterschiede in der Serie. Zum einen die Tatsache, dass die Idee der Alternativwelt kein Roman ist, der frei kursiert und mit dem die meisten der Figuren vertraut sind, sondern mehrere Filmrollen, die nur im Untergrund existieren, und deren Aufdeckung die Welt, welche die Figuren kennen, für immer verändern könnte. Eine etwas unausgegorene Idee, da sicher die meisten Menschen in der Welt der Serie sich die Frage gestellt haben dürften „was wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten?“ – mit einem positiveren Ergebnis. Die Kraft, die im Aufdecken einer potentiellen alternativen Realität steckt, vermag The Man in the High Castle nicht plausibel zu erläutern.

Etwas erfreulicher ist, dass die Serie zum anderen den Blick auf das Leben an der Ostküste der USA gewährt, primär in Person der neuen Figur von Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell) und seiner perfekten Nazi-Familie. Smith leitet die Geschicke der Nazis in den USA und fungiert dabei als derjenige, der die Stricke von Joe kontrolliert. Zwar bietet Spotnitz etwas mehr Einblicke in die Nazi-Welt, allerdings bleiben auch diese nur an der Oberfläche. Wie diese Welt wirklich aussieht und funktioniert, wird kaum erörtert. Zuvorderst zeichnet sich die Macht der Nazis dadurch aus, dass überall, wo ein Swastika Platz findet, auch ein solches platziert wird. Von der Telefonzelle über Straßenschilder bis hin zu Beerdigungszeremonien.

Nur am Rande wird der alltägliche Wahnsinn des Nationalsozialismus thematisiert, so wundert sich Joe in der Pilotfolge über eine Aschewolke, ehe ihm jemand erklärt, sie entstamme der wöchentlichen Euthanasie-Verbrennung des nächsten Krankenhauses. Die Beschränkung auf wenige Set Pieces hängt sicher auch mit den Produktionskosten zusammen, obschon die Serie zumindest in der zweiten Staffel kurzzeitig Joe nach Berlin begleitet und dort etwas von den architektonischen Errungenschaften der NS-Diktatur mit der Kamera einfängt. Da passt es ins Bild, dass Hitler als Schlüsselfigur zwar vorhanden ist (im Roman vegetiert er mit Syphilis im Sanatorium vor sich hin), aber dennoch in der Handlung der Serie nicht wirklich präsent.

Die Faszination der Alternativwelt liegt weniger darin, überall Swastikas zu sehen, als Modell einer Welt zu sein, die durch einen anderen historischen Verlauf unterschiedlich zu der unseren ist. In dieser Hinsicht kann weder das Buch noch die Serie The Man in the High Castle überzeugen. Was die Show derweil noch etwas leidlicher macht, ist der Zwang, die Figuren in ein klar definiertes Gerüst zu zwängen. Der Drang Julianas, sich dem Widerstand anzuschließen, kommt aus heiterem Himmel, motiviert durch den Tod einer Schwester, zu der vorab keinerlei Beziehung aufgebaut wurde. Noch plötzlicher wird im Lauf der zweiten Staffel Frank zum Widerstandshelden stilisiert. Kurzum: Die Integration des Widerstands schadet der Show.

Das liegt auch daran, dass wir das, wogegen widerstanden wird, aus unserer Realität in die der Serie projizieren müssen. Denn The Man in the High Castle macht wenig bis keine Anstalten zu zeigen, wogegen sich die amerikanische Bevölkerung auflehnen müsste. Zwar sehen wir die Nazis und Japaner weitestgehend walten und schalten wie es ihnen beliebt, das unterscheidet sie in dieser Darstellung aber nicht grundsätzlich von anderen totalitären Regimen. Wenn da Tagomi in der zweiten Staffel von seiner in vermeintlich unsere Realität reist, ist der für ihn deutlichste Unterschied dann auch ein privater: seine Frau und Sohn leben noch und er selbst ist Großvater – wen auch das Familienbild erschüttert ist und bereinigt werden muss.

So tritt die Serie zu oft zu lange auf der Stelle, splittet die Figuren auf und lässt sie individuellen Nebenhandlungssträngen folgen, die kaum Interesse wecken. Zum Beispiel wenn Joe in Berlin das zerrüttete Verhältnis zu seinem Vater, einem Nazi-Oberen, kitten will und dabei eine Romanze mit einer eugenischen Schönheit (Bella Heathcote) beginnt. Oder wenn Juliana in New York mit einem Widerständler (Tate Donovan) einen angeblichen Atomschlag auf San Francisco verhindern will, den ihr Hawthorne Abendsen (Stephen Root) in einem seiner Filme einer der alternativen Realitäten gezeigt hat. Im Versuch, für alle Charaktere konstant die Spannung hoch zu halten, verliert sich The Man in the High Castle letztlich mehr und mehr in Belanglosigkeit.

Obschon also die Charaktere über der Prämisse stehen, bleiben sie alle weitestgehend blass. Die Serie ist um Ambivalenz bemüht bei der Zeichnung ihrer Nazi-„Helden“ wie Joe und Smith („Helden“ insofern, dass der Zuschauer ein aufrichtiges Interesse an ihnen aufbringen soll), unterfüttert dies aber nicht. Rudolph Wegener ist eine der wenigen Figuren, wo eine Persönlichkeit spürbar ist, die dem restlichen Ensemble fehlt, da es sich dem narrativen Konstrukt der Autoren unterzuordnen hat. Die von der Vorlage in die Serie übertragende Idee der Synchronitätstheorie, dass jedes Teilchen – hier die Figuren – mit allen anderen in Verbindung steht, als Gleichgewicht des Universums, ist zwar nett gedacht, aber eben auch enorm konstruiert.

Dick baut in der Vorlage den interessanten Aspekt der Historizität ein, dem Wunsch nach geschichtlichem Bezug. Ein Subplot beschreibt das Risiko gefälschter historischer Artefakte, wobei deren Historizität ohnehin eher psychologisch denn faktisch ist. Was ist wahr, was nur eingebildet? Die Alternativgeschichte von Abendsen spielt in ähnlichen Gefilden. Spotnitz – der die Serie Mitte der zweiten Staffel als Showrunner verließ – bauscht die Alternativwelt eher verschwörungstechnisch auf: als ein Mysterium und Schlüssel für ein besseres Verständnis der Serien-Welt. Oder gar Mittel zur historischen Kurskorrektur. Was wäre, wenn. Oder für die Zuschauer eher: Was wäre, wenn The Man in the High Castle eine bessere Serie wäre?

6/10

23. Januar 2017

Nein zu Amazon Prime – Ein Fazit

Kurz vor Weihnachten gab es bei der Geschenk-Order eine gute Nachricht: Amazon bot mir nochmals einen Probemonat zur Prime-Mitgliedschaft an. Meine Weihnachtspräsente wurden also alle noch rechtzeitig geliefert und obendrein bot sich als Bonus die Chance, mal die Bibliothek von Amazon Prime Video auszutesten. Nun, 30 Tage später, ist das Ergebnis relativ ernüchternd bzw. war es das im Grunde schon zuvor. Insbesondere die Film-Bibliothek von Amazon Prime Video empfand ich als sehr enttäuschend. Wenig interessante Titel, Franchise-Filme oft beliebig zusammengestellt. Zwar alle Transformers-Teile, aber bei den Hunger Games nur Mockingjay: Part II, alle Jaws-Filme, aber nur die ersten beiden mit Originaltonspur.

Zwar bin ich von Netflix bereits eine traurige deutsche Filmbibliothek gewohnt (obwohl ich als deutsches Netflix-Mitglied so viel zahle wie meine US-Kollegen, aber nur einen Bruchteil von deren Angebot nutzen kann), aber Amazon Prime Video liegt da doch noch mal etwas drunter. Auch wenn die Auswahl an vielen kleinen obskuren Titeln (B- und C-Movies) hier durchaus größer ist. Es war also erst einmal schwierig, überhaupt Filmtitel zu finden, die mich für eine Wiederholungssichtung reizten. Waren diese wie im Fall von Lasse Hallströms The Shipping News dann mal gefunden, war die Freude von kurzer Dauer: Denn der Film wird, zumindest für Prime-Mitglieder, nicht mit der Originaltonspur angeboten. Und das ist bei Amazon leider kein Einzelfall.

Insofern musste ich passende Titel erst über die Suchfunktion filtern. Welche Filme Amazon mit der OV-Option ausstattet und nicht erschien mir ziemlich willkürlich. Und teils wenig durchdacht. So gibt es zwar die originale Tonspur zu Låt den rätte komma in (So finster die Nacht) – aber keine Untertitel, weder in Deutsch noch Englisch. Womit sich das OV-Angebot nur an in Deutschland lebende Schweden richtet, was – so vermute ich mal – ein kleinerer Markt sein dürfte als Deutsche, die den Film auf Schwedisch mit Untertiteln sehen würden. Ein weiteres Problem der Prime-Bibliothek: Hatte ich dann doch mal interessante Filme mit Originalton gefunden, zum Beispiel Sean Penns The Pledge, wurden diese nicht in HD wiedergegeben.

Die passende Film-(Sub-)Bibliothek erfordert das große Filtern.
Auch hier ist die Zusammenstellung wieder sehr willkürlich gewählt. Während ich also Brian Levants The Flintstones (1994) und Beethoven (1992) sowie Robert Zemeckis’ Death Becomes Her (1992) in HD sehen konnte, blieb für The Pledge aus dem Jahr 2001 nur die Standardauflösung. Die wird bei Amazon zwar mit DVD-Qualität verglichen, entspricht aber doch eher einem unterdurchschnittlichen VHS-Transfer. Damit jedoch nicht genug, leider springt die Bildauflösung während der Wiedergabe bisweilen, weshalb ich nach rund einer Stunde meine Sichtung von John Frankenheimers Ronin abbrach, da der Film unentwegt zwischen der Standardauflösung, High Definition (720p) sowie High Definition (1080p) hin und her sprang.

Ein Problem, das ich zuletzt auch bei Batman V Superman: Dawn of Justice in der Extended Edition hatte (kein Bestandteil der Prime-Mitgliedschaft, sondern eine Ausleihe). Nun mag dies auch an meiner Internetverbindung liegen – ich zahle für bis zu 50 Mbit/s, kriege aber meist nur ca. 15 Mbit/s –, dennoch ist die HD-Wiedergabe bei Netflix vergleichsweise konstanter und besser. Hinzu kommt das Abspielen von Filmen in anderen Formaten, wie auch der geschätzte Kollege bullion bereits feststellte. Ähnlich wie bei seiner Sichtung von Anomalisa wird auch Batman V Superman bei Amazon in 16:9 (2.40:1) statt dem Originalformat 2.35:1 wiedergegeben. Falsche Formate, variierende Qualität, wenig Originalton: Liebe zum Film sieht anders aus.

So enttäuschend das Filmangebot ist, die Serienauswahl ist etwas besser. Zumindest wie ich es einschätzen konnte, gab es die meisten „jüngeren“ Serie mit der Option des englischen Originaltons. Obendrein lässt sich gegenüber Netflix natürlich auf das originäre Angebot von Amazon zugreifen. Nur, wirklich überzeugen vermochte das zumindest mich nicht. The Man in the High Castle verfolgte ich nur drei Episoden lang, selbst wenn ich Dick-Fan bin und die Vorlage mochte. Ganz gesehen habe ich die ersten Staffeln von Halt and Catch Fire (keine Amazon-, sondern eine AMC-Serie) sowie die hochgelobte Mr. Robot, empfand beide jedoch als sehr durchschnittlich, generisch und mit eindimensionalen Figuren versehen. Alles nicht so meins.

Fazit: Im direkten Vergleich fühle ich mich bei Netflix besser aufgehoben als bei Amazon Prime Video. Sicher sind Serien wie The Crown oder Orange is the New Black ebenfalls nicht die hohe Kunst, aber dennoch interessanter. Das Netflix-Filmangebot ist zwar anders und nicht zwingend größer, immerhin jedoch – nach meiner Einschätzung jedenfalls – quasi durchgängig im Originalton erhältlich (was bei nicht-englischsprachigen Filmen bedeutet: deutsche Untertitel!) und mit konstanterer HD-Wiedergabe. Zumindest bei bezahlten Ausleihen und Käufen wäre es bei Amazon schön, wenn wie im Fall von AppleTV/iTunes gesichert wäre, dass die Wiedergabe auch durchweg HD 1080p ist. Denn wenn ich für HD zahle, will ich es auch bekommen.