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20. Juli 2018

L’amant double [Der andere Liebhaber]

I feel empty sometimes. Like something’s missing.

Es ist die Krux der Psychosomaten: das Verspüren eines Leidens, das von der Seele ausgeht, aber keinen körperlichen Befund anbietet. Seit jeher plagen auch die 25 Jahre alte Chloé (Marine Vacth) abdominale Schmerzen. Die, so versichern ihr die Ärzte, sind jedoch mentalen Ursprungs. Weshalb die junge Frau zu Beginn von François Ozons L’amant double [Der andere Liebhaber] schließlich die Praxis des Psychotherapeuten Paul Meyer (Jérémie Renier) aufsucht. Anstatt dass er sie von ihren Problemen befreit, verfängt sich Chloé stattdessen mehr und mehr in einem sexuell und psychologisch aufgeladenem Knäuel, das sich um Pauls Vergangenheit und familiären Hintergrund rankt. Die Frage stellt sich: Was ist wahr – und was nicht?

Ein Motiv, das sich durch Ozons jüngsten Film zieht, von Chloés Bauchschmerzen hin zu ihrer Wahrnehmung der sich entwickelnden Ereignisse. Nach einigen Sitzungen beendet Paul die Therapie von Chloé, um mit ihr eine Beziehung einzugehen. Die hegt in der Folge Zweifel am Vertrauen zu ihrem Freund, als sie zuerst seinen Pass unter anderem Namen und dann ihn selbst mit einer anderen Frau sieht. Sein Zwilling Louis, wie sich herausstellt, der ebenfalls als Psychotherapeut tätig ist. Aber auch ein Bruder, von dem Paul seiner Freundin nie etwas erzählt hat. Die nimmt fortan bei Louis zuerst Sitzungen wahr, aus denen sich schnell eine sexuelle Affäre entwickelt. Mit der Frage, was die Brüder einst derart entzweit hat.

Das Zwillingsmotiv ist insofern interessant, da es Chloé in ihrer ersten Sitzung mit Paul selbst in den Raum wirft. Sie selbst wünsche sich eine Zwillingsschwester, die sie beschützen könne. Indiz für ein problematisches Familienbild, ist die 25-Jährige doch ein „Unfall“ – so die Worte ihrer Mutter –, der aus einem One-Night-Stand resultierte. Aufgewachsen ist Chloé bei ihren Großeltern, offenkundig ist sie auf der Suche nach Geborgenheit, die ihr lange höchstens ihr Kater Milo schenkt, und die sie nun in Paul zu finden glaubt. Die Hintergründe ihrer sozialen Störung schlüsselt Ozon nicht auf. Die Figur ist anfangs auf der Suche nach Arbeit, war früher einmal Model. Sie sage oft das Falsche, L’amant double liefert aber kein Beispiel hierfür.

Ein soziales Netz scheint Chloé dabei nicht zu besitzen. So sehen wir sie weder im Umfeld eines Freundeskreises, noch die erwähnten Großeltern. Umso stärker ist dadurch der Fokus auf Paul und das Geheimnis um ihn und Louis. Der gibt sich aufgeschlossener als Paul, durchschaut aber schnell den Vorwand, mit dem Chloé erstmals bei ihm aufschlägt. “Lying to seduce is common practice among pretty women”, feixt er. So ähnlich die Zwillinge sind, so verschieden sind sie. Beide zwar herrisch, doch Louis weitaus selbstbewusster und bestimmter. In der Folge befindet sich Chloé den Film hindurch stets außer Kontrolle, wirkt selbst in den Momenten, die sie aktiv bestimmt, eher wie ein Spielball ihres Freundes oder Liebhabers.

Nicht nur deswegen erinnert sie ein wenig an Frauen-Figuren aus Roman Polanskis Filmen der 1960er Jahre wie Repulsion mit Catherine Deneuve oder Rosemary’s Baby mit Mia Farrow. Mit Letzterer teilt sich Marine Vacth zudem das Erscheinungsbild, vom Kurzhaarschnitt hin zu leicht eingefallenen Augen. Auch der verstärkt in L’amant double zu Tage tretende Psycho-Horror und die ihm innewohnende Paranoia erinnern an Polanskis erwähnte Filme, genauso wie an sein Werk The Tenant. Wo sich Ozon zuletzt in Jeune et jolie von Luis Buñuels Belle de jour inspirieren ließ, verzeichnet sein neuer Film somit Ähnlichkeiten mit dem franko-polnischen Regisseur. Dabei ist der Film an sich eine Adaption von Joyce Carol Oates’ Roman Lives of the Twins.

Neben der Handlung und der Atmosphäre arbeitet Ozon gerade zu Beginn mit visuellen Spielereien, um Thema und Stimmung zu verstärken. So blendet er im ersten Bild geschickt von Chloés Vulva zu ihrem Auge über, ihr Weg zu Pauls Praxis führt sie über eine unendlich anmutende Spindeltreppe. Einstellungen, die sich leider im Verlauf nicht durch den Rest des Films ziehen – vielleicht, weil Ozon befürchtete, sie würden zu sehr ablenken. Stattdessen übertragen sich die Zweifel von Chloé auf den Zuschauer. Was ist real, was Traum, was nur Einbildung? Ist die schrullige Nachbarin (Myriam Boyer) mehr, als sie vorgibt? Oder die Mutter (Jacqueline Bisset) einer ehemaligen Freundin und Schulkameradin von Paul und Louis?

Die Geschichte bewegt sich dabei zumeist an der Oberfläche der Ereignisse, wird selten konkret. So soll das Mysterium am Leben erhalten, wenn nicht sogar befeuert werden. Im Vergleich zu einem ähnlichen Film wie Denis Villeneuves Enemy arbeitet Ozon dann aber doch weniger vage per Bildsprache, sondern versucht gegen Ende die Auflösung zwar mit Interpretationsspielraum zu versehen, zugleich aber dennoch mit ausreichend Antworten zu unterfüttern. “When it comes to twins we assume if we know one, we know the other”, sagt Bissets Figur im Film zu Chloé hinsichtlich Paul und Louis. Das Dilemma für Chloé ist, dass sie selbst Paul kaum besser kennt als Louis – zu sehr liegt seine Vergangenheit im Dunkeln.

François Ozon inszeniert seine Geschichte durchweg gekonnt, selbst wenn die schöne Bildsprache zu Beginn keinen roten Faden erhält. Wiedervereint mit Marine Vacth trägt diese den Film überwiegend überzeugend, während es Jérémie Renier etwas vermissen lässt, Paul und Louis geschickter auszuarbeiten (wobei auch dies die Intention Ozons sein könnte). L’amant double erinnert dabei zugleich neben modernen Psycho-Dramen wie Enemy und den Arbeiten Polanskis auch an erotisch aufgeladene Thriller der 1990er Jahre. Die Frage ist, ob der Film mit all seinen Wendungen auch noch Wiederholungssichtungen Stand hält. Im ersten Eindruck jedenfalls stellt er einen weiteren gelungenen Beitrag in François Ozons Filmografie dar.

7/10

12. Mai 2008

In Bruges

They're filming midgets!

Brügge (engl./frz. Bruges) – eine Stadt voller Geschichte, im Grunde sogar eine Stadt der Geschichte. Seine wichtigste Bedeutung hatte die Stadt im Mittelalter um das 13. und 14. Jahrhundert herum, als eines der bedeutendsten Hansekontore darstellte. Hierbei gehörte sie zu den vier wichtigsten Niederlassungen des Hansegewerbes neben Bergen (Norwegen), London (England) und Novgorod (Russland). Zum Ausgang des 15. Jahrhunderts verlor der Markt von Brügge dann an Bedeutung, mitunter weil man wegen der eigenen Tuchproduktion die englische bekämpfte, die Vermarktung jedoch nach Antwerpen verlagert hatte, welches Brügge daraufhin ablöste und zum Wirtschaftszentrum aufstieg. Bewundernswerterweise hat sich Brügge durch die Jahrhunderte hindurch seinen mittelalterlichen Stadtbild erhalten, weswegen es im Jahr 2000 auch zu recht von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Besonders der Marktplatz mit seiner angrenzenden Sint-Salvatorkathedrale, aber auch das Groeningemuseum mit seinen Hieronymus Bosch Bildern, sowie die Kanäle Groenerei und Rozenhoedkaai heben sich hierbei hervor und dienen gemeinsam mit dem einen oder anderen Fleckchen als Vorlage, Schauplatz und in gewisser Hinsicht auch Nebendarsteller in dieser schwarzen Komödie vom Briten Martin McDonagh. Brügges Bürgermeister Patrick Moenaert sagte dem Filmteam nicht nur seine und die Unterstützung der Stadt zu, er erschien auch selbst am Set. Fraglich ob er gewusst hat, worum es genau in McDonaghs Film geht, schließlich ist sein Film subversiv nichts anderes als ein einziger großer Belgien- bzw. Brüggewitz.

Erzählt wird die Geschichte der beiden irischen Auftragsmörder Ray (Colin Farrell) und Ken (Brendan Gleeson), die unterschiedlicher nicht sein könnten und dabei doch so viel gemeinsam haben. Das erste Drittel des Filmes lebt vom Zusammenspiel dieser beiden Männer und von ihrer unterschiedlichen Weltanschauung. Der reife Ken möchte sich alle touristischen Attraktionen ansehen und ist mit voller Begeisterung Fan von Brügges märchenhaftem Äußeren. Ray hingegen ist ein junger Taugenichts, dem diese ganze Geschichte und Kultur auf die Nerven geht und somit im Grunde die gesamte Stadt, von der fortweg nur als „fucking Bruges“ spricht. Er nölt herum, spielt in der Kirche mit den Altarbänken und lässt seine Füße schleifen – kurzum: er macht überdeutlich dass er überall auf der Welt lieber wäre als in Brügge. Grund für den Aufenthalt der beiden ist ein missglücktes Attentat in London, besser gesagt handelt es sich hierbei um Rays ersten Auftragsmord und gerade der Grund weshalb dieser schief gegangen ist, bildet die Thematik von McDonaghs Film. Ray ist emotional vorbelastet und auch wenn sich Farrell redlich bemüht, kauft man ihm seine innere Zerrissenheit nicht so recht ab, er ist einfach kein Charakterdarsteller, zumindest noch nicht. In Bruges ist aber auch kein Film der von seinen Schauspielern getragen werden muss, denn er lebt von seinem Witz. Gerade Ray und Ken als missglücktes Touristenpaar, aber auch der restliche Film lebt von der Beziehung der beiden.

Jungspund wie Ray einer ist wird für ihn die Stadt auch erst dann attraktiv, als er die charmante Chloё (Clémence Poésy) kennen lernt, doch auch sie wird noch ihren Beitrag zur Verschachtelung und Ausgang der Geschichte liefern, während McDonagh sein Publikum weiterhin auf eine Reise durch Brügge nimmt. Oberflächlich betrachtet ist der Film wie oben erwähnt ein einziger Witz auf die Stadt, ausgelöst durch Rays süffisante Kommentare, für ihn persönlich ist die Stadt die Hölle, im wahrsten Sinne des Wortes. Doch der Witz geht nur oberflächlich auf Kosten der Stadt, bei genauerer Betrachtung ist es fast eine kleine Liebeserklärung, denn McDonagh, der 2004 selbst Gast in Brügge war und damals vor Ort anfing am Drehbuch zu schreiben, übermittelt mit seiner Figur des Ken, aber auch mit dessen und Rays Chef Harry (Ralph Fiennes) den Charme der belgischen Stadt. Die malerischen Gassen, die Kanäle und insbesondere die Schwäne erzeugen das träumerische und märchenhafte Flair der Stadt – ein Venedig des Nordens. Kein Wunder also, das sowohl Ray wie auch Ken sich hier verlieben, der eine in eine Einwohnerin, der andere in die Stadt selbst.

Schwarze Komödien, die eigentlich schon ins Schräge abdrifteten, lieferte in den letzten Jahren aus dem britischen Raum Guy Ritchie, der dann bekanntlich Madonna heiratete und seit Snatch kaum noch etwas Gescheites zustande gebracht hat (Finger kreuzen für RocknRolla). McDonaghs Film braucht sich hinter Ritchies beiden Meisterwerken nicht verstecken, doch seine Komödie ist über weite Strecken überaus ruhig und schlägt Ausflüge ins Drama ein, eine melancholische Gangsterballade, wenn man so will. Gerade Rays Auseinandersetzungen mit Amerikanern jedoch, welche regelmäßig stattfinden, rudern dann wieder zurück ins Komödienfach, ebenso wie die Momente mit Jimmy, einem kleinwüchsigen Schauspieler der mit Pferdeberuhigungsmitteln vollgedröhnt ist. An skurrilen Figuren fehlt es In Bruges ganz gewiss nicht und alle könnten problemlos hinüber in eine Erzählung von Guy Ritchie oder Quentin Tarantino wandern, ohne dort aufzufallen. Hier hat Regisseur und Autor Martin McDonagh ein großartiges Gespür gefunden und dass er ein überaus talentierter Mann ist, mit der schwarzen Komödie als Fachgebiet, verrät ein Blick in seine Vita, die nicht nur einen Oscar (Bester Kurzfilm), sondern auch einen Tony und Laurence Olivier Award aufweist. Seine Dialoge sind witzig, richtig pointiert und verdoppeln ihren Charme nochmals durch Farrells irischen Akzent, wie ohnehin der gesamte Film eigentlich nur in der Originalsprache zu funktionieren scheint, die deutsche Synchronisation wird es zumindest schwer haben diesen Charme zu transferieren und der Vorlage gerecht zu werden, ein „verdammt“ ist eben immer noch keine ausreichende Alternative zu „fuck“, und ebenjenes „fuck“ wird als Adjektiv dann doch unentwegt gebraucht.

Dem Film gelingt es in seinen nicht ganz zwei Stunden ein schöner Reiseführer durch Brügge zu sein, wobei sich jeder im Publikum als Ken oder Ray fühlen darf, dem das gefällt oder eher lästig ist. Brügge zeigt sich hier von seiner besten Seite und macht richtig Lust auf einen eigenen Besuch. Die zynische Geschichte, die McDonagh dazu erzählt, wird vor allem von ihren Dialogen getragen, von Rays Widerwillen in der flämischen Stadt, vom Clash der Kulturen gegenüber den Amerikanern und zum Ende hin vom Gespräch über Loyalität und Charakter durch Ken und Harry. Hinzu kommt dann noch ein stimmungsvoller Soundtrack der die sympathischen Bilder Brügges gelungen einfängt, Colin Farrell für die Damen (oder Herren) und Clémence Poésy für die Herren geben was fürs Auge, wenn auch begrenzt darf man zudem auch Goreszenen bewundern. In Bruges schafft es eine nette kleine schwarze Komödie zu sein, in dieser Hinsicht sogar ein kleines Juwel dieses Filmjahres, dabei natürlich kein Meisterwerk hat der Film fraglos seine Schwächen. Mancher Dialog wirkt etwas konstruiert, Farrells Schauspiel ist mitunter steif und die Handlung in der Mitte nicht immer auf der Höhe, auch wenn sie somit praktisch das Ende vorbereitet. Bei diesen Schwachpunkten handelt es sich allerdings um die Ausnahme und sie trüben auch nur geringfügig einen wunderbar unterhaltsamen Film, der mal wieder ein Hoch in Farrells Filmographie darstellt und richtiggehend Lust auf weitere Arbeiten von McDonagh macht, die nach diesem Film sicherlich kommen dürften und auf die man sich freuen kann.

9/10