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3. Januar 2011

The Wire - Season One

You cannot lose if you do not play.

Der US-amerikanischen Pay-TV-Sender Home Box Office (HBO) ist eine Bank in den Vereinigten Staaten. Als erster Sender seiner Art besitzt er weitaus mehr finanzielle Mittel als seine Kollegen, was sich wiederum in der Qualität seiner Produkte niederschlägt. Hier liefen vielfach ausgezeichnete Mini-Serien wie Angels of America, Band of Brothers und The Pacific bis hin zu Drama-Serien und Kritikerlieblingen wie Oz, The Sopranos (21 Emmys), Six Feet Under, Deadwood, Rome und seit vergangenem Herbst auch das Prohibitionsdrama Boardwalk Empire. Und wenn man manchen Kritikern glauben schenken darf, dann zählt auch die beste Serie aller Zeiten zu den Flagschiffen von HBO: The Wire.

Zwar blieb der Show im Gegensatz zu den meisten seiner Senderkollegen sowohl ein Emmy als auch ein Golden Globe versagt, dennoch stand für das Branchenblatt Variety fest: “When television history is written, little else will rival The Wire“. Der Daily Telegraph hob die Serie  sogar auf ein Level mit Charles Dickens und Fjodor Dostojewski, was als konsequent erscheint, bedenkt man, dass The Wire inzwischen an US-Universitäten wie Harvard zum Unterrichtsplan gehört wie der Zweite Weltkrieg oder Molekularbiologie. Seine Ursache findet dies in der vielfach proklamierten Authentizität der Show, die auf realen Erfahrungen (“The storylines were stolen from real life“) der Serienschöpfer David Simon und Ed Burns fußt.

Während Simon einst Kriminalreporter der Zeitung Baltimore Sun war, gehörte Ed Burns der Mordkommission des Baltimore Police Department an. Ihre Verbundenheit zu und Kenntnis von Baltimore im US-Bundesstaat Maryland, zugleich Handlungsort der Serie, sind mit der ausschlaggebende Punkt für den viel gerühmten realen Anstrich von The Wire. Denn jede der fünf Staffeln, die sich letztlich zu einem sozial-urbanen Mosaik zusammenfügen, fokussiert sich auf eine andere Institution der Stadt, die im regionalen Slang nicht von ungefähr „Bodymore, Murdaland“ genannt wird. So hatte Baltimore 2009 prozentual gesehen in den USA die vierthöchste Rate sowohl was Schwerverbrechen als auch Mord anging.

Der Serienauftakt ist bemerkenswert und ungewöhnlich, denn er steht weniger für den Inhalt der ersten Staffel, sondern stattdessen für den Ton, der sich später in verschiedenen Dialogen wiederfinden wird. Wir lernen den Mordermittler Jimmy McNulty (Dominic West) kennen, der einen Zeugen aus dem Drogenmilieu nach einem auf der Straße liegenden Toten befragt. Dieser nahm immer wieder an illegalen Würfelspielen teil und stahl anschließend den Wetteinsatz. Jedes Mal wurde er daraufhin verfolgt und mit einer Tracht Prügel gezüchtigt. Es ist McNulty, der die Frage des Publikums ausformuliert: Warum hat man ihn immer wieder mitspielen lassen? Die Antwort ist so simpel wie kryptisch: “This America, man“.

Die darauffolgende Szene führt zu einem Gerichtsprozess gegen D’Angelo Barksdale (Larry Gilliard Jr.). Es ist kaum Publikum da, auf der linken Seite sitzt vereinsamt Stringer Bell (Idris Elba), ein adrett gekleideter, bebrillter Afroamerikaner, der dem Fall mal mehr und mal weniger aufmerksam folgt. Ihm gegenüber setzt sich McNulty hin, während eine Zeugin, die D’Angelo als Mörder identifizieren soll, von Stringers Anwesenheit eingeschüchtert wird. Ihre Aussage wird zum Fiasko für die Staatsanwaltschaft, der Fall ist damit zum Scheitern verurteilt. McNulty steht wieder auf, beugt sich beim Gehen zu Stringer herunter und sagt: “Nicely done“. Es ist eine weitere, die erste Staffel definierende Szene.

David Simon und Ed Burns erzählen grundsätzlich von zwei Parteien. Auf der einen Seite stehen die polizeilichen Ermittler rund um McNulty, der nach dem Prozess beim beteiligten Richter „petzen“ geht und damit dafür sorgt, dass dieser eine Sondereinheit gegen D’Angelos ominösen Onkel, Avon Barksdale (Wood Harris), und dessen Drogengeschäfte auf Baltimores Westside ins Leben ruft. Die Leitung wird Lieutenant Daniels (Lance Reddick) übertragen, von dem McNulty später mittels seines FBI-Kontaktmannes hört, dass er korrupt sei. Während für alle in die Einheit versetzten Beamten ihre neue Aufgabe eine „Strafe“ darstellt, scheint McNulty in seinem Element - zumindest so lange der Fall läuft.

McNulty “got this fucking case in his gut like it’s cancer“, wie es sein Vorgesetzter ausdrückt. Und was McNulty auszeichnet, ist die Tatsache, dass er ein guter Polizist ist. Klar, er hat die typischen Eigenschaften eines jeden Filmbullen: Eine Ex-Frau, mit der er im Sorgerechtsstreit ist, und ein Alkoholproblem. Aber wer hat das nicht, ist doch auch sein Partner Bunk (Wendell Pierce) einem Abstecher in die Kneipe nach Feierabend nicht abgeneigt. Und wo ihr Einheitsleiter Colonel Rawls (John Dorman) ebenso gerne die Karten sicher spielt wie es Daniels tut (die Karriere geht vor und jeder ist sich selbst der Nächste), stechen idealistische Ermittler wie McNulty oder seine neue Kollegin Kima Greggs (Sonja Sohn) eben heraus.

Die andere Seite wiederum wird von Avon Barksdale und seinem Drogenkartell eingenommen. Ist Avon zu Beginn noch ein scheinbares Phantom, von dem bisher nur McNulty gehört hat, Daniels und seine Drogenkommission jedoch nicht, erhält er für die Spezialeinheit in der dritten Episode The Buys schließlich ein Gesicht (was nichts daran ändert, dass zwei der - zugegeben eher unterbelichteten - Cops ihn sechs Folgen später in Game Day trotzdem nicht erkennen. So wie das Baltimore Police Department im Serienauftakt The Target dank McNulty auf Avon aufmerksam wird, berichtet Stringer nach D’Angelos Prozess vom steigenden Interesse der Polizei. Und damit beginnt die Staffelhandlung.

In der Gerichtssaalszene sah man nun auf der einen Seite Stringer sowie ihm gegenüber McNulty, und wenn man beide Parteien wortwörtlich als auch symbolisch einer schwarzen und einer weißen Welt gleichsetzt, dann ist der im Vordergrund sitzende D’Angelo neben ein paar anderen Figuren fraglos einer Grauzone zuzuordnen. Seine Involvierung in Avons Geschäft bezeichnet er später mit den Worten: “It’s just what we do“. So waren bereits sein Vater und ein anderer Onkel, ebenso wie seine Mutter involviert. Dennoch ist es speziell für D’Angelo eher ein “it’s what I do“, denn ein “it’s what I want to do“. Dass er ein Gewissen besitzt, wird bereits in der zweiten Folge The Detail und auch anschließend vereinzelt gezeigt.

Auch andere Figuren wirken hin- und hergerissen und bewegen sich in der Grauzone. Beispielsweise D’Angelos „Angestellter“ Wallace (Michael B. Jordan), der sich, wie man in der Folge The Wire sieht, aufopferungsvoll um die kleineren Jungs im Ghetto (hier: project oder terrace) kümmert. Er versorgt sie mit Essen, schickt sie zur Schule oder ins Bett. Dass selbst Gangster (sogar die ziemlich miesen) nur Menschen sind, sieht man auch an Wee-Bey (Hassan Johnson), der eine absurd anmutende Affinität zu Fischen entwickelt hat. Doch tiefere Einblicke in das Leben von Barksdales Crew sind in der ersten Staffel eine Ausnahme. Hinter die (berufliche) Fassade blickt die Serie eher bei den Mitgliedern der Spezialeinheit.

Allerdings wird auch hier Vieles (vorerst) nur angerissen. So dient die Tatsache, dass Daniels vor einiger Zeit korrupt war, eher dazu, ihn bei McNulty und dem Publikum ins Zwielicht zu rücken, damit der Figur eine Katharsis verliehen werden kann. Etwas bedauerlich ist zudem, dass - obschon es löblich ist, eine Beamtin als Homosexuelle zu schreiben - es doch so wirkt (McNulty referiert dies in einer Szene sogar speziell), als ob nur Lesben wie Greggs mit den Männern in der Polizei mithalten können. Zwar ist die Staatsanwältin (Deirde Lovejoy) auch eine der wenigen Frauen in der Welt von The Wire, ihre größte Funktion hat sie hier jedoch als Geliebte von McNulty und zugleich Trennungsgrund von seiner Frau.

Jenseits von McNulty, Greggs und Daniels wird die Figurenzeichnung dann schon sparsamer. Zwar werden Charaktere wie der zuvor nutzlose Prez (Jim True-Frost) und insbesondere Lester Freamon (Clarke Peters), den Bunk als “natural police“ bezeichnet, immer wertvoller, andere dagegen wie gerade Sydnor (Corey Parker Robinson), aber auch das dusselige Duo Herc (Domenick Lombardozzi) und Carver (Seth Gilliam), bleiben weitestgehend Nebenrollen überlassen. Ein viel versprechender Subplot von eben jenen Herc und Carver mit dem Project-Teen Bodie (J.D. Williams) wird sogar irgendwann fallengelassen und gegen einen anderen Subplot (der ebenfalls daraufhin vorerst verschwindet) ausgetauscht.

Zwar konzentriert sich die Haupthandlung der Serie auf die Ermittlungen der Spezialeinheit gegen Barksdale mittels einer titelgebenden Abhörung, dennoch ist The Wire eine Serie, die primär von ihren Charakteren bestimmt wird. So zählen Omar (Michael K. Williams), eine Art Ghetto Robin Hood, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, andere Gangster zu überfallen, und Bubbles (Andre Royo), ein Heroinjunkie und Polizeiinformant aus Rache, zu den interessantesten und vermutlich auch vielschichtigsten Figuren (im Vergleich zu Herc allemal). Weshalb es in den fast einstündigen Folgen im Grunde auch weniger darum geht, die Handlung voran zu bringen (was nicht bedeutet, dass nichts geschieht).

Dass die Show dabei als Ganzes betrachtet einen vielseitigen und -schichtigen Blick auf sozial-urbanes Leben wirft, soll nicht bestritten werden. Für sich genommen unterscheidet die erste Staffel jedoch nicht viel von einem x-beliebigen Polizeidrama wie Southland, sieht man davon ab, dass es Serien wie diese vermutlich ohne The Wire nicht gäbe und sie sich auch bevorzugt auf die Darstellung der Polizei oder eben (wie im Fall von The Sopranos) der Kriminellen beschränken. Dennoch ist die erste Staffel zweifellos gelungen, mit einigen sympathischen Figuren (speziell Idris Elbas Stringer Bell ist schlicht „too cool for school“), die sich - wie auch die Handlung, in die sie involviert sind - weiterentwickeln.

Ein Aspekt, der The Wire von anderen HBO-Serien wie zum Beispiel True Blood unterscheidet und die Serie insofern sicherlich zu einem der besten Produkte des Privatsenders macht. Hierbei ragen in der ersten Staffel besonders Folgen wie The Wire, One Arrest oder Cleaning Up heraus, die eben auch derartige Veränderungen im Charakterverhalten oder Handlungsverlauf deutlich machen. Zugleich bekräftigt Simons und Burns' Show, dass noch Raum für Fortschritte besteht. Schließlich ist dies bisher nur ein Mosaikstein eines größeren Ganzen. Insofern stimmt es sowohl für die Entwicklungen der ersten Staffel wie auch für die Serie selbst, wenn Sydnor in Cleaning Up sagt: “I just feel like this just ain’t finished“.

8/10